Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Hinweis
  7. Widmung
  8. Vorwort
  9. Auf dem Weg nach Korea
  10. Intensivkurs Korea
  11. Spurensuche
  12. Im koreanischen Fernsehen
  13. »Omoni!«
  14. Ausgesetzt
  15. Zwischen Fremdheit und Nähe
  16. Großfamilie per Chat
  17. Angst um Omma
  18. Ich zeige euch, wo ich zu Hause bin
  19. Dein Lächeln
  20. Abschied
  21. Ohne dich
  22. Lust am Leben
  23. Schlusswort
  24. Eine wichtige Reise an den Ausgangspunkt des Lebens
  25. Kleines Verzeichnis koreanischer Wörter
  26. Danksagung

Über das Buch

Anneli Schinkel wagt sich mit einundzwanzig Jahren in ihr Geburtsland Korea, wo sie als Baby vor den Stufen eines Waisenhauses ausgesetzt worden war. Mit dem Wenigen, das sie über ihre Herkunft weiß - nicht viel mehr als ein Name, den ihr koreanische Behörden gaben, und ein ungefähres Geburtsdatum -, begibt sie sich auf die Suche nach dem Ursprung ihres Lebens. Es ist die Suche nach der leiblichen Mutter und das Herantasten an die Kultur, in die sie einst hineingeboren wurde.

Über die Autorin

Anneli Schinkel kam 1982 in Korea zur Welt. Kurz nach der Geburt wurde sie vor einem Waisenhaus ausgesetzt, von wem, konnte nie wirklich geklärt werden. Man gab ihr den Namen Kim Kyung-Joo, nach der Stadt, in der man sie fand. Mit wenigen Monaten wurde Anneli von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Sie studierte Amerikanistik und Medienwissenschaften und ist heute selbst Mutter eines Sohnes und einer Tochter.

Anneli Schinkel

Seidentochter

Ein Adoptivkind aus Korea
findet seine leiblichen Eltern

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BASTEI ENTERTAINMENT

Zum Schutz der Rechte sämtlicher Personen
wurden einige Namen, Orte und Details verändert.

Für Omma

Vorwort

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Ich bin ein Adoptivkind. Im Alter von vier Monaten von Korea nach Deutschland gebracht. Und dort wurde ich von den Eltern in Empfang genommen, die für mich bis heute meine Eltern sind und immer bleiben werden. Wenn ich das Album anschaue, das Mama und Papa nach meiner Ankunft in Deutschland für mich angelegt haben, dann weiß ich, wie sehr sie sich auf mich gefreut, wie liebevoll sie ihr Baby aus Südkorea empfangen haben. Ich wuchs in Geborgenheit auf und kann mir kein besseres Zuhause vorstellen. Und doch beschloss ich eines Tages, auf Spurensuche zu gehen. Auf die Suche nach meinen Wurzeln, nach meiner Mutter. Sie anzuschauen und zu sehen, ob ich ihr ähnlich bin, das war mein großer Wunsch. Gibt es irgendwo einen Menschen auf dieser Welt, dem ich ähnle? Von dem ich das fröhliche Lachen habe, die Nase, die Augen?

Als ich von anderen Adoptierten hörte, die nach langem, leidvollem Suchen tatsächlich ihre leiblichen Eltern fanden, zweifelte ich daran, dass auch ich solch ein Glück haben könnte. Schließlich hatte ich keine Anhaltspunkte. Ich war ein Findelkind. Ein kleines Bündel ohne Namen. Es gab kein gesichertes Geburtsdatum und keine Hinweise auf meine Familie.

Aber dieses Findelkind bekam neue Eltern. Eltern in einem fernen Land, in Deutschland. Und etwas später kam noch ein Bruder hinzu, auch ein Adoptivkind aus Südkorea. Mama und Papa taten alles dafür, dass mein Bruder und ich der Kultur des Landes, in dem wir geboren worden waren, nicht völlig entfremdet wurden, doch uns beiden war das manchmal sogar zu viel. Wir hatten nicht das Bedürfnis, Korea in unser Leben zu integrieren, wir waren als Kinder und Jugendliche mit ganz anderen Fragen und Wünschen beschäftigt – bis wir im März 2003 eine Einladung nach Seoul erhielten, zu einem Seminar für adoptierte Koreaner im Ausland …

Auf dem Weg nach Korea

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Mein Bruder Jannik und ich sind auf dem Weg nach Südkorea, einer Halbinsel vor China, die etwas kleiner ist als Baden-Württemberg und Bayern zusammen. Es soll ein sehr bergiges Land sein, in dessen Hauptstadt Seoul etwa zehn Millionen Menschen leben, also ein knappes Viertel aller Südkoreaner. Es ist das Land, in dem ich im Juli 1982 geboren wurde und das ich im November 1982 als Adoptivkind verlassen habe.

Damals war die Reisezeit doppelt so lange wie heute; nach einem 24-Stunden-Flug trug mich eine Stewardess aus der Maschine und übergab mich in der Empfangshalle des Frankfurter Flughafens meinen Adoptiveltern. Janniks Ankunft drei Jahre später verlief ähnlich. Und heute fliegen wir als junge Erwachsene gemeinsam von dem gleichen Flughafen aus in die entgegengesetzte Richtung – zurück in unser Geburtsland.

Während wir auf das Boarding warten, kreisen meine Gedanken immer wieder um meine Ankunft hier in Deutschland vor ungefähr 20 Jahren.

Früher konnte ich nicht oft genug hören, wie mich meine Eltern erwartet und empfangen haben. Und als ich einmal eine schwangere Frau sah, fragte ich Mama: »Bin ich auch aus deinem Bauch gekommen?« Mama verneinte es, und gemeinsam schauten wir uns das Album mit den Bildern an, die kurz nach meiner Landung in Deutschland entstanden sind. Ich wollte alles immer ganz genau wissen, auch warum sie keine eigenen Kinder hatten. Und meine Eltern gaben mir auf alle Fragen eine Antwort. Von Beginn an haben sie mir erzählt, dass sie mich adoptiert haben – mein asiatisches Aussehen ließ ihnen aber auch keine andere Wahl. Sie nahmen Bilder- und Kinderbücher zu Hilfe und haben wirklich mit einer Engelsgeduld auch meine neugierigsten Fragen beantwortet.

Sie müssen vor meiner Ankunft sehr aufgeregt gewesen sein. »Dieses Warten in der Empfangshalle vor dem Ausgang ist mir so vorgekommen wie das Warten auf eine Niederkunft im Kreißsaal«, erzählt Papa heute noch gern.

»Das hat eine Ewigkeit gedauert«, fügt Mama dann jedes Mal hinzu.

Im Warten hatten meine Eltern Übung. Statt zehn Monate wie bei einem leiblichen Kind hatten sie von der ersten Auskunft über eine Adoption bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich rechtmäßig, also auch »auf dem Papier«, ihr Kind geworden war, zwei Jahre Geduld aufbringen müssen, eine lange Zeit, in der es sich manche Paare vielleicht auch noch einmal anders überlegen.

Erst im Sommer 1982 erfuhren meine Eltern, dass terre des hommes ihnen ein Adoptivkind vermitteln würde. Damals mussten sie festlegen, aus welchem Land ihr Kind stammen sollte. Sie entschieden sich für ein Waisenkind aus Südkorea, weil die Chance, einen Säugling oder ein Kleinkind zu bekommen, größer war als bei Adoptionen aus den meisten anderen Ländern.

Auch zum Geschlecht ihres Adoptivkindes durften sie einen Wunsch äußern. Meiner Mutter war es nicht wichtig, ob ein Junge oder ein Mädchen zu ihnen kam, mein Vater jedoch wollte als erstes Kind am liebsten eine Tochter.

Als meine Eltern schließlich die Zusage für ein Mädchen aus Südkorea erhielten, suchten sie sogleich fieberhaft nach einem passenden Namen. Sie wollten ihn selbst mit Liebe auswählen, und nicht das fortführen, was vielleicht irgendein koreanischer Sachbearbeiter begonnen hatte. Sie entschieden sich schließlich für Anneli, so hieß eine Spielkameradin von Papa, als er noch klein war, und dieser Name hatte ihm immer gefallen. Anneli konnte man außerdem in Anne-Li abwandeln, für den Fall, dass ich mir später einmal einen asiatisch klingenden Namen wünschen würde.

Mama erzählte, dass sie total aufgeregt gewesen sei, als sie endlich den Brief mit dem »Kindervorschlag« in Händen hielt, in dem sie zum ersten Mal von mir erfuhr und auch zwei Fotos von mir sah. Noch heute gefallen mir diese ersten beiden Bilder, die es von mir gibt, nicht so richtig. Im Spaß habe ich sogar einmal behauptet: »Bei den Bildern hätte ich mich nicht genommen.«

Aber Mama sagt immer, sie habe sich sofort in mich verliebt und von diesem Tag an hätten sie es kaum erwarten können, mich am Flughafen in Empfang zu nehmen. Adoptivmütter verlieben sich anscheinend genauso blind in ihre Kinder wie andere Mütter auch.

Die Geschichte meiner Ankunft habe ich durch die wiederholten Erzählungen meiner Eltern so verinnerlicht, dass ich die Bilder wie einen Film vor meinem inneren Auge abspulen kann. Während sich die Wartehalle immer mehr füllt, sehe ich in Gedanken alles genau vor mir: Am Donnerstag, den 25. November 1982 um 9.20 Uhr, harren meine Eltern nervös in der Empfangshalle des Frankfurter Flughafens aus. Mama steht gewappnet mit einer Tasche da, in der sind Windeln, Babycreme, eine Kinderdecke mit einem weißen Pferdchen und Herzen darauf und einem kleinen Plüschbär, den ich später einmal »Eumelchen« taufen würde. Sie und Papa sind nervös, denn sie wissen nicht sicher, ob ich tatsächlich in dem Flieger bin.

Das Gefühl, als sie mich endlich in ihren Armen halten dürfen, ist überwältigend. Mamas Augen glänzen, wenn sie davon erzählt.

»Du hattest einen schicken türkisfarbenen kleinen Anzug aus Frotteestoff an, der eigentlich viel zu warm war, und um das Handgelenk trugst du ein kleines Namensschild, wie es Neugeborene im Krankenhaus auch tragen«, höre ich ihre Stimme. »Und du hast aus Leibeskräften geschrien. Wir konnten dich zuerst gar nicht beruhigen.«

Ich war bestimmt völlig übermüdet, wollte eine frische Windel, etwas zu essen und schlafen …

»Unser Flug, Anneli.« Jannik stupst mich an und sortiert sein Gepäck. Das Boarding beginnt, und die Hektik der anderen Passagiere steckt uns an. Eine halbe Stunde später nehmen wir unsere Plätze in der Maschine ein.

In unserem Flieger sitzen beinahe ausschließlich Koreaner. Als mich die blonde Stewardess der Lufthansa dann wenig später auf Englisch anspricht, antworte ich spontan auf Deutsch. Irritiert lächelt mich die junge Frau an. Ich lächle zurück. Das wäre geklärt, denke ich. Heute macht es mir nicht mehr ganz so viel aus, nicht als Deutsche erkannt zu werden. Das war aber auch schon einmal anders. Als ich 13, 14 war, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als blond zu sein und richtig deutsch auszusehen. Einfach nicht durch ein anderes Äußeres auffallen! Ohne Angst vor fremdenfeindlichen Übergriffen leben. Fuhr ich allein Straßenbahn, stieg ich immer in den Waggon gleich hinter dem Fahrer, so hatten es mir meine Eltern beigebracht. Auch sie machten sich Sorgen, dass mir oder Jannik einmal etwas passieren könnte. Ihre Sorgen hatten sich besonders auf mich übertragen, sodass ich zum Beispiel Ostdeutschland bis vor kurzem noch mied. Vor wenigen Monaten war ich in Berlin. Da habe ich jedes Mal mein Herz ganz deutlich klopfen hören, wenn jemand auch nur aus großer Entfernung auf mich zukam, der dem Aussehen nach der rechtsradikalen Szene angehören konnte.

Hier im Flugzeug fallen Jannik und ich gar nicht auf, ein Vorgeschmack auf Seoul. Zwei schlitzäugige Menschen auf dem Weg nach Asien sind nichts Besonderes.

Ich lehne meinen Kopf an die rote Kinderdecke mit dem weißen Pferdchen und den Herzen, die mich auf jede weite Reise begleitet. Sie war schon in Amerika und in der Karibik – und jetzt ist sie mit mir unterwegs nach Südkorea. Was uns dort wohl erwarten wird? Wie fremd wird uns unser Geburtsland sein? Ich schließe die Augen und hänge meinen Gedanken nach …

Ich muss eingenickt sein, denn als ich die Augen wieder öffne, um auf die Uhr zu schauen, sind mehr als zwei Stunden vergangen. Ich blicke zu Jannik hinüber. Versunken betrachtet er die Wolken unter uns. Ob er sich gerade auch fragt, was wir in Südkorea alles erleben werden? Jetzt grinst er mich an, und ich bin froh, dass wir die Reise zusammen unternehmen.

Jannik hat gerade Abitur gemacht, und ich habe angefangen zu studieren. Irgendwie hatte ich mir das Studium aber spannender vorgestellt, deshalb habe ich mich im Januar um einen Ausbildungsplatz beworben, weiterstudieren kann ich später dann immer noch. Bernhard, mein Freund, versuchte mich immer damit aufzumuntern, dass es nach dem Grundstudium bestimmt interessanter würde, aber ich habe mich fürs Erste gegen die Uni entschieden. Im Oktober werde ich eine Ausbildung zur Organisationsassistentin bei einer großen Stuttgarter Firma beginnen. Dem intensiven Auswahlverfahren nach zu urteilen, werden wir Azubis uns dort nicht langweilen, und ich freue mich schon, mein Organisationstalent spielen zu lassen und zu tun, was ich am besten kann: kommunizieren …

Während ich an zu Hause und an Bernhard denke, spüre ich ein klein wenig Heimweh aufkommen. Bis vor einem Jahr hatten wir mehr oder weniger eine Wochenendbeziehung, dann sind wir gemeinsam nach Stuttgart gezogen. Ich genieße unsere Nähe, kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Zusammenzuleben ist so viel schöner, wir brauchen uns nicht erst zu verabreden, müssen keine Taschen mehr packen, um bei dem anderen zu übernachten, können jeden Tag miteinander frühstücken … »Ich wünsch dir viel Glück«, hat er zum Abschied gesagt. Bei diesem Gedanken muss ich schlucken.

Jannik und ich werden nach dem Seminar noch einige Tage mit unseren Eltern in Südkorea verbringen. Sie haben sich frei genommen, und die Flüge sind gebucht. Ich werde aber nicht nur mit meiner Familie das Land erkunden und auf den dürftigen Spuren meiner Vergangenheit wandeln. Das eigentlich Aufregende aber, das, was meinen Bauch seit Wochen mit einem Kribbeln versorgt, ist, dass wir außerdem zu einer Fernsehsendung eingeladen sind. Eine Live-Sendung, mit deren Hilfe Menschen ihre vermissten Angehörigen ausfindig machen können. Ich hatte von einer koreanischen Freundin etwas über diese Sendung gehört. Und dann habe ich mich an Bum-Goo erinnert, Papas langjährigen Freund, der Journalist in Korea ist. Ich habe ihm gemailt, um ihn zu fragen, ob er die Show kenne und ob ich nicht an der Sendung teilnehmen könnte. Mir war die Idee spontan gekommen, und ich hatte, ohne über das Für und Wider nachzudenken, gehandelt. Wenn ich irgendetwas über meine Herkunft, meine leibliche Mutter, erfahren wollte, waren die Medien die einzige Chance, denn ich hatte ja keinerlei Anhaltspunkte außer den Fotos und den wenigen Informationen, die meine Eltern bei der Adoption erhalten hatten. Die Antwort-E-Mail aus Korea ließ nicht lange auf sich warten:

Liebe Anneli,

du bist in der Achim-Madang-Show!

Bum-Goo hatte seine Kontakte genutzt und mich sogleich bei der Sendung angemeldet. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber ich freute mich, dass ich die Möglichkeit bekam, nach dem Menschen zu suchen, dem ich vielleicht ähnlich war, meiner leiblichen Mutter.

Ich werde also in einer Fernsehshow auftreten, schießt es mir jetzt noch einmal durch den Kopf, und mir wird schwindlig. Ein Glück, dass mich in Korea niemand kennt, es muss mir also nicht peinlich sein. Aber selbst wenn, ich will diese Chance keinesfalls ungenutzt verstreichen lassen!

Meine Eltern unterstützen mein Vorhaben, sie kommen am letzten Seminartag zu uns nach Seoul, und darüber bin ich sehr froh. Sie haben uns früher schon immer gesagt, dass, wenn wir Kinder einmal »groß« sind und Lust haben, unser Geburtsland zu bereisen, sie das gern mit uns gemeinsam unternehmen – vorausgesetzt natürlich, wir wollen sie dabeihaben.

Jannik ändert alle zwei Minuten seine Sitzposition und scheint kein Auge zuzutun. Ihn nervt der hohe Geräuschpegel im Flugzeug. Doch er hat auch keine Lust, sich zu unterhalten.

Die Einladung zu dem Seminar in Korea fällt mir ein. Der Brief lag im März im Briefkasten meiner Eltern – ein Wunder, dass er uns noch erreicht hat, er war an unsere alte Adresse in Köln gerichtet, wo wir seit 13 Jahren nicht mehr wohnen. Der koreanische Staat ermöglicht 30 Adoptierten aus der ganzen Welt, ihr Geburtsland kennen zu lernen und sich mit der Kultur des Landes vertraut zu machen. Ich ziehe nun den Brief aus meiner Tasche unter dem Sitz und lese noch einmal das vielfältige Programm, das uns die koreanische Kultur nahebringen soll. Das klingt alles interessant, aber ich muss gestehen, dass ich mich besonders auf den Austausch mit den anderen Adoptierten freue. Wie haben sie es erlebt, in einem anderen Land aufgewachsen zu sein? Wie kommen sie damit zurecht, dass ihre kulturelle Identität nicht asiatisch, geschweige denn koreanisch, geprägt ist? Hatten sie eine glückliche Kindheit, oder wünschten sie sich, in Korea groß geworden zu sein? Und welche Erwartungen setzen sie in das Seminar?

Ich bin vor allem gespannt auf den Moment, wenn ich aus dem Flieger steige und zum ersten Mal in meinem Leben in einem Land bin, in dem ich aussehe wie jede andere auch. Endlich einmal nicht auffallen. Niemand wird mich mustern und sich fragen, wo ich herkomme, bestimmt werde ich auf Koreanisch angesprochen.

Momentan denke ich nicht daran, wie interessant es sein wird, die Paläste und Tempel zu besichtigen, ich denke nicht einmal daran, dass ich das Kinderheim besuchen möchte, in dem ich vor der Adoption gelebt habe und hoffentlich Einsicht in meine Adoptionsakte nehmen darf.

Im Augenblick kommen mir ganz andere Dinge in den Sinn: Ich möchte zu einer Kosmetikerin gehen und mir von einer »echten« Koreanerin die Augen schminken lassen. Ich werde in koreanischen Modemagazinen blättern, durch Kaufhäuser bummeln und anprobieren, was bei Koreanerinnen in meinem Alter gerade in ist. Sie sind sicher auch alle eher klein, und ich werde keine Probleme mit den Ärmel- oder Hosenlängen haben. Eine Hose kaufen, die nicht gekürzt werden muss!

»Was grinst du so?«, fragt mich Jannik.

»Ach, ich bin wahnsinnig gespannt, wie es in Korea sein wird …«