Kapitel 36

Die Welle von Trouville


»Nun gut«, verkündete Serano, »ich warne die Kollegen in Rouen vor, dass sie hier eine Wohnungsdurchsuchung durchführen müssen.«

In dem Augenblick, in dem er die Worte ausgesprochen hatte, richtete sich Madame Bokor mit einem Ruck auf. Sie schlug Serano mit beiden Fäusten ins Gesicht, dann stieß sie Églantine den Fuß in den Bauch. Schließlich eilte sie auf das offene Fenster zu, sprang wie eine Katze über das Balkongeländer und landete auf dem Dach eines Wagens. Mit einem Sprung wie dem einer Akrobatin stand sie auf und nahm Reißaus.

Serano lief auf den Balkon. Madame Bokor war inzwischen rund zwanzig Meter entfernt. Der Polizist stieg über das Geländer und sprang. Die Direktorin war jetzt an der Straßenecke. Er stürzte hinterher. An der Kreuzung hatte er sie aus den Augen verloren. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt.

»Scheiße, Scheiße!«, rief Serano, als Églantine ihn außer Atem erreichte.

»Wo ist sie?«

»Ich weiß nicht, keine Ahnung.«

»Das ist doch nicht möglich, sie muss irgendwo hin verschwunden sein.«

»Vielleicht ist sie in einem der Häuser oder Gärten!«

Der Motor eines Autos heulte auf. In raschem Tempo näherte sich ein schwarzer Mercedes dem Trottoir. Hinter dem Steuer erkannte Serano das Gesicht der Direktorin. Der Mercedes hielt auf den Polizisten zu. Serano zückte seine Pistole und zielte auf die Fahrerin. Er konnte ihr problemlos in den Kopf schießen, zögerte jedoch. Er wollte sie lebend. »Stopp, stopp!«, schrie er.

Madame Bokor nutzte die sich bietende Gelegenheit. Sie beschleunigte. Serano versuchte auszuweichen, aber der Mercedes erwischte ihn voll. Sein Kopf schlug auf dem Asphalt auf. Er verlor das Bewusstsein.

Églantine griff nach der Waffe, die er hatte fallen lassen, und schoss mehrmals auf das davonfahrende Auto. Die Heckscheibe zerbrach in tausend kleine Splitter. Der Wagen machte einen Schlenker, schaffte es dann aber doch, nach links abzubiegen, bevor er verschwand.

Passanten kamen näher. Serano lag auf dem Asphalt wie eine zerbrochene Holzpuppe. Sein Armband war zerrissen. Die Holzperlen lagen verstreut um ihn herum. Blut floss aus seinem Mund.

»Arnaud!«, schrie Églantine und kniete sich vor ihm hin. Sie nahm ihn in die Arme. »Arnaud! Wach auf! Bitte wach auf!«

Der Polizist reagierte nicht. Der Krankenwagen kam rasch. Die Sanitäter rissen Églantine vom Körper des Polizisten weg.

 

Der Polizist lag im Bett, die Arme auf den frischen Laken ausgestreckt. Er war mit verschiedenen Apparaten verbunden und rührte sich nicht. Eine Maschine half ihm beim Atmen. Églantine saß ihm gegenüber zwischen Jean-François und Cornillon. Die junge Frau musste sich zusammennehmen, um nicht zu weinen. Der Soldat und der Erste Rat vermieden es rücksichtsvoll, sie anzusehen. Auch sie hatten gerötete Augen. Die drei hatten seit Seranos Einlieferung in das Krankenhaus vor zwei Tagen das Zimmer so gut wie nicht verlassen.

Soldat Louis, der kurz nach dem Unfall den Auktionator festgenommen hatte, war mehrmals vorbeigekommen. Er konnte einfach nicht verstehen, warum Serano nicht geschossen hatte. Diese Skrupel würden ihn vielleicht das Leben kosten. Der Bretone war unterwegs, um die Direktorin zu finden. Aber vergeblich, denn Madame Bokor war verschwunden.

Pignoletta war am Abend zuvor da gewesen. Die Sache nahm ihn sehr mit. Serano benahm sich zwar manchmal unerträglich, aber eigentlich mochte er ihn. Nachdem er über den Unfall informiert worden war, hatte er sich die Akte seines Stellvertreters herausgesucht. Aber in der Rubrik »Personen, die im Falle eines Unfalls zu informieren sind« stand nichts. Also hatte er bei der Verwaltung der Nationalpolizei in Paris angerufen. Auch dort lagen keine anderen Informationen vor. Offensichtlich hatte Serano keine Familie.

Auch der Bürgermeister war zwei Mal vorbeigekommen. Ihm ging das alles sehr nahe. Églantine fand ihn weniger schlimm als die anderen. Zwar war der Mammodidakt in seiner Art unerträglich – ein öffentlichkeitsversessener und nur nach Kalkül handelnder Politiker –, aber er hatte doch ein Herz, und das war schon viel.

Der Sicherheitschef des Hotel Impérial, Claude Papichu, hatte Blumen und Schokolade gebracht. Seine Augen hinter der Ray-Ban-Brille waren verquollen. Er versuchte seine Gefühle zu überspielen, indem er sich immer wieder die Haare nach hinten strich.

Der Präfekt war nicht gekommen. Ihm war es egal, denn schon in einer Woche würde er nicht mehr im Amt sein. Die Katastrophe beim Besuch des Ministers hatte ihn eben dieses Amt gekostet. Ab dem kommenden Mittwoch würde er einen völlig unwichtigen Posten bekleiden. Also brachte es ihm nichts mehr, dass er sich mit der lokalen Polizei gut stellte oder jemandem Kondolenzbesuche abstattete. Was den Kleinen Grafen anging, so war ihm noch nicht einmal der Gedanke gekommen, dass er vorbeikommen könnte. Er hatte ein Treffen in der Präfektur vorzubereiten.

Die drei Freunde mussten ebenfalls nach Hause zurückkehren. Cornillon zu seinem Regiment, Lacroix in seine Wohnung nach Rouen und Églantine in ihr Haus am Seine-Ufer. Auf Cornillon warteten Frau und Kinder, auf Églantine ihre Katze mit drei Beinen und auf Lacroix ein Haufen Akten. Aber die junge Frau wohnte nicht weit weg, sie würde wiederkommen. Jeden Abend, wenn es sein musste.

Die Tür des Krankenzimmers ging auf. Ein magerer, leicht gebeugter Mann in weißem Kittel trat ein. »Gehören Sie zur Familie?«, fragte er mit sanfter Stimme. Er war der behandelnde Arzt.

»Wir sind Freunde«, antwortete Églantine. »Wir geht es ihm?«

Der Arzt nahm seine halbrunde Brille ab, schloss die Augen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken. »Hm! Nicht sehr gut.«

»Wie steht es denn um ihn?«, fragte Églantine. »Bitte seien Sie offen.«

»Sein Schädeltraum ist sehr schwer. Er liegt im Koma.«

»Wird er wieder aufwachen?«, fragte Lacroix.

Der Arzt fuhr sich mit der Hand durch die kurzen, hellen Haare. Er hatte kleine Ohren.

»Auf der Glasgow Coma Scale steht er bei ›8‹. Bei ›15‹ ist man bei Bewusstsein, bei ›3‹ wird es wesentlich schwieriger. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich weiß nicht, ob er wieder aufwachen wird, und wenn ja, in welchem Zustand.«

Églantine schwieg. Es fühlte sich an, als würde eine unsichtbare Hand ihre Seele zusammenquetschen.

»Es tut mir leid. Ich möchte nur absolut ehrlich zu Ihnen sein. Das Einzige, was ich sicher sagen kann, ist, dass wir unser Bestes geben, damit er aufwacht – damit er gesund aufwacht.«

»Danke, Doktor«, erwiderte Lacroix.

Der Arzt lächelte Églantine ermutigend zu. Die junge Frau war ganz in Gedanken versunken. Ihre Augen blickten ins Leere. Er verließ den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.

»Ich warte am Eingang auf Sie«, sagte der Erste Rat.

»Danke«, antwortete die junge Frau niedergeschlagen.

Cornillon folgte Lacroix. Bevor er den Raum verließ, legte er seine große Hand auf die Schulter der jungen Frau. Er war nicht wirklich gut im Umgang mit Gefühlen. Aber das alles tat ihm so leid. Die Tür schloss sich hinter ihm und die junge Frau war allein mit Arnaud.

Tränen kullerten ihr aus den Augen. Églantine war wütend auf sich selbst, weil sie ihn zurückgewiesen hatte. Sie hatte sich nicht getraut, es sich einzugestehen, aber sie liebte ihn. Tief in ihrem Inneren hatte sie es gewusst. Sie hatte versucht, mehr Nähe zuzulassen, es aber nicht geschafft. Ihre Verletzung war noch zu frisch. Ihr Körper hatte sich dagegen gewehrt. Ihr Geist hatte rebelliert.

Auf den Lippen des Polizisten lag ein Lächeln, wie immer. Ein charmantes, ein offenes Lächeln. Sogar im Koma schien er entspannt zu sein. Églantine hatte diesen Mann kennengelernt. Hinter der lockeren Fassade, die er aufrechterhielt, hatte sie in ihm eine tiefe Traurigkeit gespürt. Er hatte sich ihr nie anvertraut. Unter gar keinen Umständen. Aber sie hatte es gespürt, in der Art, wie er an dem Abend, als es bei ihr geschlafen hatte, ihre Hand berührte.

Sie trocknete sich die Tränen mit ihrem Rockzipfel ab und beugte sich leicht nach vorne. Ihr Atem strich über Arnauds Lippen. Sie küsste ihn sanft. Er sah sie nicht, daher fasste sie den Mut. Auch wenn er sie hörte, würde er nichts sagen. »Ich liebe dich«, flüsterte Églantine und legte seine Hand in ihre.

Seranos Handy vibrierte auf dem Nachttisch. Églantine griff danach. Es war eine Nachricht von Kassim, dem Besitzer der Dönerbude in Trouville, an seinen Surf-Kumpel. Er war eben aus Paris zurückgekommen und wusste noch nichts vom Unfall seines Freundes.

Für morgen ungefähr elf Uhr war für Trouville eine surfbare Welle angekündigt worden. Alle Bedingungen waren optimal. Eine Brandung von etwa einem Meter, Flut mit starkem Sog, Windstärke 5 von Süden.

Kassim schlug Serano vor, dass sie sich vor dem weißen Gebäude des Tauchclubs treffen sollten. Von dort aus würden sie zu den Landungsbrücken an der Touques gehen, dort war die Strömung am stärksten und Baden verboten. Das war nicht weit entfernt von dem Ort, an dem Serano gemeinsam mit Cornillon den Wal durchbohrt hatte. Nach Kassim sollte es ein paar schöne Wellen geben.

Églantine legte das Telefon zurück. Serano wartete seit Monaten auf diese berüchtigten Wellen von Trouville. Jetzt würden sie sich ohne ihn brechen. Morgen würde er nicht zum vereinbarten Treffpunkt kommen. Sein Surfbrett würde im Kommissariat bleiben.

Moeve

TOD IN DEAUVILLE

 

Ein Normandie-Krimi

von James Holin

 

dryas_logo 

 

 

 

Für Laurence Watson, die Walfängerin.

 

Impressum


 

Der Roman enthält ein Zitat aus folgender Quelle: Thomas Eichhorn (Hrsg.) »Arthur Rimbaud: Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe«, dtv, 9783423129495 


1. Auflage 2017 © deutsche Ausgabe, Dryas Verlag
Copyright © Editions RAVET-ANCEAU Published by Arrangement with James Holin

 

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme vervielfältigt oder verbreitet werden.

Herstellung: Dryas Verlag, Frankfurt am Main

Übersetzung: Sandra Thoms, Frankfurt am Main

Korrektorat: Birgit Rentz, Itzehoe

Umschlaggestaltung: © Guter Punkt, München (www.guter-punkt.de) unter Verwendung eines Motivs von iStock Grafiken: Sea gulls illustration © petrovskaya – fotolia.com

Satz: Dryas Verlag, Frankfurt am Main

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar


ISBN Taschenbuch 978-3-940258-79-3; E-Book 978-3-940258-82-3

www.dryas.de

Kapitel 1

Der Auftrag


Pierre de Vos, der Vorsitzende des Rechnungshofs der Normandie, strahlte eine besonnene Autorität aus. Er hatte eine tiefe Stimme, die er mit Bedacht einsetzte. In seiner Art erinnerte er an die dumpfe Ruhe niederländischer Flusslandschaften.

Als Beamter des Rechnungshofs war er nun seit bereits drei Jahren für das Finanzgericht in Rouen zuständig. Dort waren zwanzig Beamte und ebenso viele Assisteten und Verwaltungsangestellte beschäftigt. De Vos kümmerte sich um die Überprüfung der Konten sowie der Verwaltung der Gebietskörperschaften und öffentlichen Einrichtungen der Region Basse et Haute Normandie.

Der Vorsitzende empfing in seinem Büro den Ersten Rat Jean-François Lacroix, einen kahlköpfigen Fünfzigjährigen, der Flanellhemden mit Strickpullis trug und dessen Augen hinter seiner Hornbrille funkelten.

»Monsieur Lacroix, Sie wissen, dass uns Hervé in wenigen Monaten verlässt, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Für das Amt des Vorsitzenden der ersten Sektion habe ich an Sie gedacht.«

Der Erste Rat Lacroix spürte Freude in sich emporsteigen. Insgeheim hatte er es seit Jahren auf diesen Posten abgesehen. Der Form halber wollte er aber nicht sofort zusagen und ließ sich mit seiner Antwort etwas Zeit. »Um ehrlich zu sein, Monsieur Vorsitzender, bin ich mit meiner derzeitigen Situation in der zweiten Sektion sehr zufrieden.«

»Lassen Sie sich nicht zu sehr bitten, Monsieur Erster Rat. Ich weiß, dass Sie ein Auge auf den Posten geworfen haben.«

Lacroix errötete. Er wollte das von sich weisen, aber seine innere Freude war einfach zu groß.

»Dann ist es abgemacht«, sagte de Vos.

Der Erste Rat konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Nach dem Start seiner Karriere im Finanzministerium war er über eine Ausschreibung zum regionalen Rechnungshof gekommen. Dort arbeitete er nun seit fünfzehn Jahren.

Der Vorsitzende fuhr fort: »Lacroix, ich möchte Sie bitten, noch eine kleinere Überprüfung vorzunehmen, bevor Sie Ihren Posten als Chef der Sektion antreten. Es geht um das Museum für zeitgenössische Bildende Kunst in Deauville. Ein etwas ungewöhnliches Freilichtmuseum.«

»Freilichtmuseum?«

»Ja, es ist eine Art Skulpturengarten. Die Werke werden in einem wunderschönen Park ausgestellt. Bei dieser Hitze könnte das ganz angenehm sein. Außerdem sind Deauville und seine Promenade sowieso angenehm bei der Hitzewelle.«

Der Erste Rat Lacroix mochte das Meer nicht. Er war ein eher häuslicher Typ, reiste so wenig wie möglich und arbeitete so oft, wie es sich einrichten ließ, von zu Hause aus. »Ah!«, sagte er.

»Diese Kontrolle ist Teil einer landesweiten Überprüfung der Verwaltung der Museen in Frankreich, die vom nationalen Rechnungshof veranlasst wurde. Zehn regionale Rechnungshöfe sind davon betroffen.«

Lacroix war wenig begeistert. Er hatte unglaublich viel mit der Kontrolle der Krankenhausgruppe in Le Havre zu tun. Nach der Ankündigung seiner baldigen Beförderung sah er jedoch keine Möglichkeit, das abzulehnen.

Der Vorsitzende de Vos machte eine Pause, legte einen Finger an sein Kinn und blickte zu einem Bild, auf dem rote Krebse auf einem silbernen Teller zu sehen waren. »Ich möchte gerne, dass Sie diese Kontrolle gemeinsam mit Églantine de Tournevire durchführen.«

Lacroix, der gerade noch seinen fehlenden Enthusiasmus für die Aufgabe hatte verbergen können, schaffte es jetzt nicht mehr, seine Reaktion auf den Namen seiner jungen Kollegin unter Kontrolle zu bekommen. Er wurde bleich.

Der Vorsitzende machte eine kurze Pause und genoss die Wirkung, die seine Ankündigung hatte.

»Kann ich das nicht allein machen?«, fragte Lacroix. »Das sollte doch eine recht einfache Kontrolle sein, oder?«

»Ja, natürlich könnten Sie es allein machen. Technisch ist das tatsächlich ganz einfach, aber ich hätte gerne, dass Sie es zu zweit durchführen. Die Direktorin des Museums, Isabelle Bokor, ist politisch sehr engagiert. Daher ist das Ganze eine heikle Angelegenheit.«

»Politisch engagiert?«

»Ja, sie ist Kandidatin für die Regionalwahlen auf der Liste des Bürgermeisters von Deauville, dem ehemaligen Staatssekretär für Wohnungswesen, Henri Koutousov.«

Also einigte man sich und das Gespräch endete mit einer kurzen Übersicht über die laufenden Projekte. Der Vorsitzende verabschiedete sich, denn er hatte einen Sitzungstermin.

 

Lacroix kehrte nachdenklich in sein Büro zurück. Auf dem Flur traf er Lothaire Baron. Der Mann aus Guadeloupe in seinem blauen Blazer mit Krawatte schob einen leeren Wagen vor sich her.

»Lothaire, haben Sie Madame de Tournevire gesehen?«

»Noch nicht«, sagte der oberste Gerichtsschreiber mit einem verschmitzten Lächeln. »Sie wissen doch, sie hat flexible Arbeitszeiten.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Lacroix verärgert und öffnete die Tür zu seinem Büro.

»Übrigens habe ich Ihnen die Papiere gebracht, um die Sie mich gebeten hatten.«

Lacroix sah ihn fragend an.

»Ja«, meinte Lothaire, »die vom Krankenhaus in Le Havre.«

»Es gibt noch mehr!«

»Ganze Kartons voll«, bestätigte Lothaire und setzte gemütlich seinen Weg in Richtung Aufzug fort. Das mit Deauville kam gerade wirklich ungelegen. Und dann noch gemeinsam mit Tournevire! Die junge Frau ärgerte ihn. Er war zwar ihrem Charme gegenüber nicht unempfänglich, aber sie ging ihm auf die Nerven. Ihre Lässigkeit, ihr exzentrisches Gehabe, ihre Brille, ihr großes Anwesen an der Seine, ihr Pferd, ihr roter Sportwagen … Außerdem – und das machte es nicht besser – gehörten sie nicht zur selben Verwaltungseinheit. Sie war Beamtin des nationalen Rechnungshofs, während er nur Beamter des regionalen Rechnungshofs war.

Jean-François Lacroix griff nach seinem Telefon. Sie ging nicht ran. Natürlich nicht.

 

Églantine de Tournevire öffnete ein Auge. Zehn Uhr. Sonne durchflutete ihr Schlafzimmer. Sie hatte keine Lust zu arbeiten, daher zwang sie sich auch nicht dazu. Die Arbeit für die Kammer erlaubte ihr diesen Luxus. Ihr Vertrag verpflichtete sie, die Berichte in der entsprechenden Qualität innerhalb der gesetzten Fristen abzugeben. Sie konnte nachts arbeiten, tagsüber, während ihrer Ferien oder am Wochenende, das ging den Vorsitzenden de Vos nichts an.

Sie stand auf, frühstückte und lief hinunter zum Pferdestall. Balzac, ihr Angloaraber, wieherte vor Freude, als er sie kommen sah. Die junge Frau liebte ihren Rotfuchs mit seinen drei weißen und dem einen rotbraunen Bein.

Mit seinem Maul suchte Balzac nach ihrer Hand und scharrte mit den Hufen. Sie sattelte ihn. Gemeinsam brachen sie zu einem Ritt in den Wald von Brotonne oberhalb der Seine auf.

Schritt, Trott, Galopp, Trott, Schritt. Die Reiterin ließ ihr Pferd, das so empfindlich war wie ein Formel-1-Wagen, im Schutz des Blätterdaches arbeiten. Nach einer Stunde dampfte es. Die Hitze half ihm leider nicht dabei, sich zu erholen.

Églantine streichelte Balzac über die Seite und ließ die Zügel locker. Mit geblähten Nüstern senkte der Rotfuchs den Kopf und holte Luft.

Sie ritten zurück zum Haus. Églantine wohnte auf dem großen Anwesen ihres Vaters im Dorf Aizier. Sie lebte hier allein, ihre Eltern waren nach Brasilien gezogen.

In dem kleinen, von Wald umgebenen Dorf, das in der vorletzten Biegung der Seine lag, nannte jeder das Anwesen nur »Schloss«. Was ein wenig übertrieben war, denn es handelte sich lediglich um ein Herrenhaus aus Backsteinen. Zwar war es nicht klein, aber es konnte sich weder mit Versailles noch mit Sanssouci messen. Zu dem Anwesen gehörten ein Pferdestall und ein kleiner Wald, der sich bis zu den Ufern der Seine hinzog. Der Blick auf den Fluss vom Haus aus war hinreißend.

Églantine wusch Balzacs Beine und Schultern, um ihn abzukühlen. Mit einem nassen Schwamm fuhr sie sorgfältig die Konturen seiner Augen und seiner Nüstern nach. Als sie über die weiße Zeichnung in Form eines Halbmondes auf seiner Stirn strich, hielt sie kurz inne. Danach striegelte und bürstete sie ihn und kümmerte sich um seine Hufe. Schließlich brachte sie ihr Pferd wieder zurück in seine Box. Es stürzte sofort zu seiner Futterkrippe und Églantine holte ihm einen Ballen Heu.

 

Frisch geduscht sonnte sich die junge Frau in einem klatschmohnfarbenen Sommerkleid am Rand ihres Swimmingpools und aß ein paar Kirschtomaten. Mit dem Blick folgte sie einem Frachtschiff unter der Flagge der Kaiman-Inseln, das aus Rouen kam und in Richtung Le Havre fuhr. Dank der ausgehobenen Fahrrinne konnten selbst große Schiffe bis zum Hafen von Grand-Couronne fahren. Seit sie ein kleines Kind gewesen war, sah sie ihnen nach und träumte von den exotischen Zielen, die sie ansteuerten.

Ihre Katze Skippy rieb ihren rotweißen Kopf an ihrem Fußknöchel. Églantine streichelte sie. Skippy machte einen Buckel und bewegte sich auf ihren leeren Napf zu. Seit einem Unfall in der Nähe des Hauses hatte das zweifarbige Tier nur noch drei Beine. Es hüpfte daher wie ein Känguru und sein wohlgenährter Bauch ließ es erst recht wie ein Beuteltier aussehen. Das gefräßige Tier futterte gerne für zwei und strengte sich so wenig an wie möglich.

Majestätisch floss die Seine dahin. Ihr Anblick entspannte Églantine. Das Fließen des Wassers war Balsam für ihr verwundetes Herz. Zwei Jahre war es nun her. Sie konnte sich zu nichts aufraffen und wollte niemanden mehr kennenlernen. Nach außen hin trat sie lächelnd, dynamisch und zupackend auf, aber im Inneren litt sie. Der Schock war zu brutal gewesen.

Ihr Mann Stephan hatte sie von einem Tag auf den anderen verlassen. Für eine andere. Eine geheime Affäre, die aber nicht lange geheim geblieben war. Es war eine Blonde mit einem lächerlichen Vornamen gewesen, die in der gleichen Kanzlei wie Stephan arbeitete. Églantine hatte nicht damit gerechnet, hatte auch die Anzeichen nicht bemerkt. Sie verstand nicht, was an dieser Frau besser war als an ihr. Die Blonde war, so fand Églantine, ganz objektiv gesehen weniger hübsch und weniger intelligent.

Die Scheidung hatte Églantine in eine tiefe Depression gestürzt. Um dagegen anzukämpfen, hatte sie um ihre Versetzung zum regionalen Rechnungshof nach Rouen gebeten. Weg von Paris und in der Nähe von Balzac erholte sie sich langsam in der Natur.

 

Plötzlich riss ein Gedanke die junge Frau aus ihren bittersüßen Erinnerungen. Sie musste morgen ihren Bericht über den Verband des regionalen Komitees für Tourismus der Haute Normandie abgeben. Dieser war fertig, aber sie wollte ihn noch ein letztes Mal durchlesen, denn der Vorsitzende war sehr genau, was Rechtschreibung betraf. Also ging sie in ihr Zimmer.

Aber der verflixte USB-Stick war unauffindbar. Weder war er in ihrem Büro noch in ihrer Handtasche oder in ihrem Portemonnaie. Sie würde zum Rechnungshof fahren müssen, um ihn zu holen. Daher stieg sie in ihr rotes Cabrio. Der Morgan war das Lieblingsauto ihres Vaters. Und weil er seiner Tochter keinen Wunsch abschlagen konnte, hatte er ihr natürlich erlaubt, ihn zu fahren. Aber nur, wenn sie sich an die Geschwindigkeitsvorgaben hielt. Das wiederum war etwas, was der jungen Staatsdienerin schwerfiel.

 

Die fünfzig Kilometer nach Rouen hatte Églantine schnell zurückgelegt. Sie parkte ihren Sportwagen im Parkhaus in der Nähe der Rue Bouquet, dem Sitz des Justizministeriums, und stieg die vier Stufen zum Eingangsportal empor, das mit einer Steinfratze verziert war, die aussah, als wollte sie hineingelassen werden.

Églantines Büro befand sich im dritten Stock des Gebäudes aus grauem Marmor.

»Guten Tag, Lothaire«, rief sie dem obersten Gerichtsschreiber zu, der gerade die Post verteilte.

»Guten Tag, Mademoiselle. Übrigens, Monsieur Lacroix sucht Sie. Er möchte …« Lothaire konnte seinen Satz nicht beenden, denn Églantine war schon in ihrem Büro verschwunden.

Der verflixte USB-Stick lag auf einem Stapel Briefe. Ihr Telefon klingelte. Sie wühlte in ihrer Handtasche, um danach zu suchen. Auf dem Display wurde Jean-François Lacroix als Anrufer angezeigt. Sie hob ab.

»Guten Tag, Jean-François … Die Prüfung des Museums für zeitgenössische Bildende Kunst in Deauville … Ja, ich erinnere mich, der Vorsitzende hatte davon gesprochen. Im Club … in fünf Minuten … kein Problem … bis gleich.«

 

Seit fünfzehn Minuten wartete Lacroix im Club. Tournevire war immer noch nicht da. Er hatte in einem Sessel Platz genommen, trank Tee und las in der Le Monde. Etwas abseits saß der Staatsanwalt hinter einer Satirezeitschrift und strich sich über den Bart. Er trug einen altmodischen Dreiteiler mit einer roten Schleife im Knopfloch. Ihm gegenüber saß ein Praktikant von der ENA, der Hochschule für Verwaltung, der ebenfalls eine Zeitung, die Bulletin quotidien, durchblätterte, die über die aktuellen Veränderungen in der obersten Verwaltungsebene berichtete.

Églantine kam herein. Genau richtig, denn Lacroix leerte eben seine zweite Tasse. Die Leinensandalen mit Keilabsatz machten die ein Meter achtzig große Frau gleich noch mal gute fünf Zentimeter größer. Der in die Jahre gekommene Staatsanwalt senkte, als er sie kommen sah, ganz unschuldig seine Zeitung und verschlang über die Lesebrille hinweg seine junge Kollegin mit den Augen.

Églantine grüßte ihre Kollegen, dann kam sie zu Lacroix. Rasch stand der Erste Rat auf und begrüßte sie ungeschickt. Dann erkundigte er sich, was sie trinken wolle, und bat sie, sich zu setzen.

Diese Frau sah umwerfend aus und war unglaublich kultiviert, was ihn immer wieder aus der Fassung brachte. Ihr grauer, intensiver, fast schon inquisitorischer Blick wurde durch ihre großen, weit auseinanderstehenden Augen etwas abgemildert. Das Lächeln, das sie zur Schau stellte, war meist großzügig, aber auch ein wenig ironisch. Ihre kräftige, warme Stimme war leicht gebrochen und ihren schwarzen, kurz geschnittenen Haaren entkamen immer einige rebellische Strähnen.

Während der Erste Rat davoneilte – seine englischen Schuhe quietschten auf dem Parkett –, setzte sich Églantine auf die Polsterbank und schlug ihre langen Beine übereinander. Dabei fing sie den interessierten Blick des Staatsanwalts auf. Ertappt vertiefte sich dieser wieder in die kleinen Intrigen in seiner Zeitung.

Unterdessen kam Lacroix mit einer Teekanne und zwei Tassen zurück. »Églantine, ich möchte mit Ihnen über die anstehende Überprüfung sprechen.«

»Ja, die hatte ich völlig vergessen!« Sie tauchte ihren Teebeutel in ihre Tasse. »Haben Sie Zucker mitgebracht?«

»Nein, Entschuldigung, bitte warten Sie …«

»Machen Sie sich keine Umstände, ich gehe selbst«, erwiderte sie und kam kurze Zeit später mit zwei Zuckertütchen zurück. Eines davon reichte sie Lacroix.

»Nein, danke, ich nehme keinen.«

»Hören Sie, Jean-François, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber man hat mir diese zusätzliche Überprüfung aufgedrückt, obwohl ich bis über beide Ohren in Arbeit stecke. Deshalb würde ich es gerne rasch hinter mich bringen. Vor allem weil die Summen, um die es geht, lächerlich gering sind und es bisher keine Probleme gab.«

»Ich sehe das genauso, Églantine. Ich selbst bin gerade mit der Überprüfung der Krankenhauskette in Le Havre beschäftigt und muss bald die von Dieppe übernehmen. Aber wir können es nicht verschieben. Die Überprüfung findet im Rahmen einer allgemeinen Untersuchung des nationalen Rechnungshofs statt.«

»Die gehen einem wirklich auf die Nerven mit ihren allgemeinen Untersuchungen!«, meinte Tournevire. »Als ob wir nicht genug zu tun hätten.«

Lacroix, der vorsichtig war, wenn es um die Chefetage des Finanzministeriums in der Rue Cambon ging, zeigte keine Regung. »Ich schlage vor, dass wir Mitte nächster Woche nach Deauville fahren. Dort bleiben wir dann ein paar Tage.«

»Ist der Vorsitzende über die Überprüfung informiert?«, fragte Églantine.

»Ja, er weiß Bescheid. Wir müssen nur noch dem Museum unsere Ankunft ankündigen.«

»Welchen rechtlichen Status hat das Museum denn?«

Lacroix zögerte kurz. »Eine öffentliche Einrichtung zur kulturellen Zusammenarbeit.«

»Also ein Sonderstatus! Soweit ich mich erinnere, muss es in dem Fall einen Buchhalter geben. Das macht die Sache einfacher. Alle Rechnungsbücher sind dann vor Ort und wir müssen uns nicht an die Finanzverwaltung wenden.«

»Ja, das stimmt«, antwortete Lacroix, den das Fachwissen seiner jungen Kollegin beeindruckte. »Der Buchhalter heißt Jean-Guy Bougival und die Museumsdirektorin ist eine gewisse Madame Bokor.«

»Den Namen habe ich noch nie gehört!«

»Eine Mitarbeiterin des Kultusministeriums.«

»Hat sie an der ENA studiert?«

»Nein, sie wurde intern befördert und gilt als ein Schützling des Bürgermeisters Henri Koutousov. Madame Bokor war Teil seines Kabinetts, als er Staatssekretär für Wohnungswesen war. Sie ist die Nummer zwei auf seiner Liste für die nächsten Regionalwahlen.«

»Gut zu wissen.«

»Ja, ich werde sie anrufen und sie über unser Kommen informieren. Anfang nächster Woche, ist das in Ordnung?«

»Perfekt. Ich werde mit dem Auto hinfahren. Möchten Sie mitkommen?«

»Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich nehme den Zug«, antwortete Lacroix, der Autos nicht mochte, vor allem keine Sportwagen und Cabrios.

»Was das Hotel angeht, so würde ich mir ein Zimmer im Hotel Manoir de Benerville nehmen. Dort ist es wunderschön.«

»Mal sehen«, sagte Lacroix, der vermutete, dass der luxuriöse Geschmack seiner Kollegen sich nicht mit der Bemessungsgrundlage der Spesen für den Auftrag des Rechnungshofes deckte. »Am einfachsten wird es sein, wenn jeder für sich reserviert.«

Die beiden Beamten verabredeten sich also für den nächsten Montag direkt in Deauville.

Moeve

Kapitel 2

Ankunft in Deauville


Églantine de Tournevire verließ Aizier gegen einundzwanzig Uhr, aber nicht ohne vorher Balzac noch einmal umarmt und Skippys Napf aufgefüllt zu haben. Es war immer noch sehr warm, die Hitzewelle ließ nicht nach. Sie hatte Duval, den Gärtner und Mann für alles im Haus, darum gebeten, das Pferd jeden Tag auszuführen und darauf zu achten, dass es genug trank.

Es waren fast fünfundzwanzig Grad und kein erfrischendes Lüftchen regte sich. Die junge Frau saß am Steuer ihres Morgan in Richtung Deauville. Sie raste die Bundesstraße hinunter, die im Schutze der Bäume an der Seine entlangführte. Als sie durch Vieux-Port kam, grüßte sie mit einem kurzen Hupen ihre britischen Freunde Roy und Linda, die vor ihrem reetgedeckten Häuschen saßen. Unterdessen versank die Sonne in einem Ozean aus Rosa.

Auf der Autobahn angelangt, beschleunigte sie den Wagen und vergaß das Versprechen, das sie ihrem Vater gegeben hatte. Sie hatte zwar schon die Hälfte der maximalen Punktzahl auf ihrem Führerschein erreicht, aber Églantine liebte die Geschwindigkeit. Die wunderbare rote Karosserie des Morgan durchschnitt die von der Sonne gelb gefärbten Felder. Die junge Frau trug einen anthrazitfarbenen Wickelrock, eine weit geöffnete Jeansbluse, aus der die Spitze ihres BHs hervorlugte, und Ohrringe in der Form von Margeriten. Ihre Leinenschuhe mit Plateausohle drückten das Gaspedal herunter. Sie war müde und wollte sich vor dem morgigen Treffen noch etwas entspannen. Blitzer waren ihr in diesem Moment egal!

Sie erreichte Deauville um einundzwanzig Uhr dreißig. Fünfundsechzig Kilometer in einer halben Stunde! Nicht schlecht. Bestimmt würde sie irgendwann versuchen, auch diesen Rekord zu brechen.

Das Hotel Manoir de Benerville befand sich im Westen der Stadt auf der Anhöhe des Mont Canisy. Um es zu erreichen, muss man durch die engen Gassen von Mare-à-Touques den Golf entlangfahren. Die von Bäumen umsäumte Straße führte mitten durch ein Viertel mit schönen Fachwerkhäusern. Mächtige Pinien hoben sich vom blauen Horizont ab.

Das Hotel war bereits zu sehen. Das große, grauweiße Fachwerk-Herrenhaus im anglonormannischen Stil mit rotem Ziegeldach thronte majestätisch in seinem Garten, der sich hoch über dem Meer erstreckte.

Églantine liebte diesen Ort. Sie war oft mit ihren Eltern hier gewesen, später dann mit Stephan. Abgesehen davon lag das Hotel direkt neben dem Museum.

Als sie ausstieg, kam ihr die Hotelbesitzerin entgegen. »Églantine, wie geht es Ihnen? Wie schön, Sie wiederzusehen.«

»Guten Abend, Frau Beaumont. Mir geht es gut, und Ihnen? Ich freue mich wirklich, hier zu sein.«

»Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, waren Sie mit …«

Ein Schatten huschte über Églantines Gesicht.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich die Hotelbesitzerin. »Ich habe von Ihrer Scheidung gehört. Das war wirklich taktlos von mir.«

»Das macht nichts. Es ist jetzt zwei Jahre her.«

»Kommen Sie, Églantine, ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer. Ich habe das Connemara für Sie vorbereiten lassen, das Lieblingszimmer Ihrer Eltern.«

Das große, in Pastelltönen eingerichtete Zimmer strahlte eine tiefe Ruhe aus. Außerdem bot es einen wunderbaren Blick auf den Garten. Églantine öffnete das Fenster. Obwohl es schon spät war, war die Luft noch warm. Grillen zirpten. Die Blumen und Sträucher im Garten waren eben gegossen worden. Der Geruch von Feuchtigkeit stieg auf und die Erde dampfte wie der Hals eines Pferdes. Sie blieb einige Zeit am Fenster stehen und betrachtete den Garten im goldenen Licht der untergehenden Sonne.

Dann legte sie sich auf das Bett. Morgen würde sie Lacroix vor dem Rathaus von Deauville treffen. Sie würden direkt zum Park »Des Enclos« fahren, dem Sitz des Museums. So sparte sich der Erste Rat, der sich nur ungern von seinem Geld trennte, das Taxi.

Trotz seiner Knausrigkeit schätzte Églantine Jean-François. Er war etwas Besonderes. Einer von der alten Schule, aber mit einem ironischen und nüchternen Einschlag. Mit Komplexen, weil er nicht auf der ENA gewesen war. Aber auf jeden Fall bemerkenswert professionell, mit gutem Gespür und viel Erfahrung. Ein Beamter, der die Kunst der Überprüfung meisterhaft beherrschte.

 

Lacroix nahm am Nachmittag den Zug vom Bahnhof Rouen-Rive-Droite nach Lisieux. Der Regionalexpress war beinahe leer. Er zückte sein Notizbuch und erstellte eine Liste mit Punkten, die bei der Überprüfung zu beachten waren.

Ein Mann stieg ein, vermutlich älter als siebzig, mit Adlernase, einem halb geschlossenen und einem offenen Auge, aber wachem Blick und mit fast unsichtbaren Lippen, die leicht ironisch lächelten. Trotz der Hitze trug er einen Hut mit breiter Krempe, einen Schal mit Tartanmuster und einen zerknitterten Gummimantel. Er hielt eine Plastiktüte in der Hand. »Ist das der Zug nach Lisieux?«

»Ja«, antwortete der Erste Rat.

»Ah, fantastisch!«, sagte der Unbekannte und setzte sich. »Ich hatte schon befürchtet, ihn verpasst zu haben. Auf dem Bahnsteig ist niemand, den man fragen kann. Früher gab es dort immer jemanden von der Bahn.« Der Mann stellte seine Tasche in den Fußbereich und nahm dem Ersten Rat so Platz weg.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

»Das stört Sie doch nicht?«, fragte der Mann, wobei er auf seine Tasche blickte. »Ich habe sie lieber bei meinen Füßen.«

»Nein, nein!«, antwortete Lacroix, der seinen linken Fuß angehoben hatte, um die Tasche etwas zur Seite zu schieben.

»Gehen Sie zur Basilika Sainte-Thérèse?«

Lacroix blickte den Mann fragend an. »Nein, weshalb?«

Der lächelte. »Sie erinnern mich an einen Priester«, murmelte er, während er ein kariertes Taschentuch hervorzog und es auf sein Gesicht legte.

Lacroix stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Doch es stank. Das Taschentuch verbreitete einen durchdringenden, medizinischen Geruch.

»Das ist japanische Pfefferminze. Das befreit die Nebenhöhlen und hilft bei Kopfschmerzen. Möchten Sie es versuchen?«, sagte der Mann und wedelte mit seinem Taschentuch vor Lacroixs Nase.

»Nein, danke«, sagte der Erste Rat. »Das ist sehr nett von Ihnen.«

»Ich vergesse es nie. Ich habe es immer dabei.« Er legte das Taschentuch wieder über seine Nase. »Es gibt nur zwei Dinge, von denen ich mich niemals trenne: mein Pfefferminz-Taschentuch und meine Jeanstasche.«

»Ihre Jeanstasche?«

»Ja, sehen Sie«, sagte er und zog aus seiner Regenjacke die hintere Tasche einer Jeans, die mit einer Schere herausgetrennt worden war. »Sie stammt aus dem Jahr 1950. Mit ihr bin ich schon überall gewesen.« Der Mann holte nun auch sein Portemonnaie hervor. Daraus zog er einige Schwarz-Weiß-Fotos und hielt sie Lacroix unter die Nase. »Sehen Sie, da, das bin ich 1955. Damals hatte ich noch mehr Haare. Ich war zu der Zeit in Köln. Und da bin ich das Jahr drauf in Rom. Sie sehen die Jeans. Da, das bin ich mit Mama in Orléans.«

»Ich sehe es.« Lacroix nickte.

Der Mann steckte seine Fotos und seine Jeanstasche wieder ein und Lacroix griff erneut nach seinem Notizbuch.

»Sie haben eine kleine, gerade und runde Schrift, Sie sind wohl ein ganz guter Kerl. Jemand, der ehrlich ist. Allerdings hat man Mühe, Ihre Schrift zu lesen.«

»Sind sie Graphologe?«, fragte Lacroix.

»Nein! Aber ich habe schon viele Schriften gesehen. Ich war jahrelang Professor. Jetzt bin ich im Ruhestand. Wer seine eigene Schrift nicht lesen kann, ist ein Dummkopf«, verkündete er plötzlich und brach in hämisches Gekicher aus.

Der Erste Rat war pikiert und wusste nicht, was er davon halten sollte.

Der Mann fuhr fort: »Ich war Professor für Kunstgeschichte und habe an der Hochschule des Louvre und an der Sorbonne unterrichtet.«

»Wie meine Cousine«, sagte Lacroix.

»Sie haben eine Cousine, die Professorin für Kunstgeschichte ist?«, fragte der Mann, wobei sich seine Augenbrauen beinahe in der Mitte trafen und das Kinn einen Ruck nach oben machte.

»Professorin für Geografie, aber sie unterrichtet auch an der Sorbonne.«

»Frauen haben keine Ahnung von Geografie.«

»Ah!«

»Um Geografie zu verstehen, muss man ein Mann sein.«

»Ah!«

»Frauen können nicht im Stehen pinkeln.«

»Wie bitte?«

Der Professor sprach laut. Die Hälfte des Wagens hörte ihm zu. Lacroix war verwirrt.

»Man muss auf einen Sandhaufen pinkeln können, um zu sehen, wie sich Reliefs formen. Wenn man das nicht kann, ist es unmöglich zu verstehen. Darum sind Frauen in Geografie schlecht. Abgesehen davon ist heutzutage sowieso jeder darin schlecht. Die Leute wissen nichts mehr. Sie haben jedes Grundwissen verloren. Daran ist nur das Internet schuld. Das ist so ein Blödsinn, das Internet. Das hilft nur, wenn man weiß, was man sucht, sonst … Ich weiß mehr als jeder Geografie-Dozent, auch wenn es nicht mein Fachgebiet ist. Dazu eine Frage: Aus welchem Département kommen Sie?«

»Ich bin in Eure geboren«, sagte Lacroix.

»Gut, und welches ist der höchste Punkt des Départements?«

Lacroix dachte nach.

»Nun?«

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht«, gestand der Erste Rat.

»Eben! Genau das habe ich gemeint! Zweihundertfünfundvierzig Meter, Saint-Antonin-de-Sommaire«, rief der Professor aus.

Lacroix wäre am liebsten im Erdboden versunken. Alle Blicke waren jetzt auf ihn und den Mann gerichtet. Er versuchte sich wieder in sein Notizbuch zu vertiefen, doch der Professor ließ nicht mehr locker.

»Sie sind mir sympathisch. Ich rezitiere Ihnen daher jetzt ein paar Verse von Rimbaud.«

Lacroix hatte keine Möglichkeit, dieses Angebot abzulehnen, denn der Mann trug bereits unter den Blicken der verwirrten Reisenden die ersten zwei Verse des Gedichts »Das Gestohlene Herz« vor.

 

»Mon triste cœur bave à la poupe …
Mon cœur est plein de caporal!
Ils y lancent des jets de soupe.
Mon triste cœur bave à la poupe …
»Am Heck mein trübes Herz muss speien,
Mein Herz mit Knaster zugedeckt:
Dort schmeißen sie es mit ihren Breien,
Am Heck mein trübes Herz muss speien.«

 

»Bravo«, sagte Lacroix, der glücklich war, dass der Professor endlich aufhörte. »Wissen Sie, dass Rimbaud dieses Gedicht geschrieben hat, als er der Pariser Kommune beigetreten war und er sich …«

Der Professor blickte auf seine Uhr.

»Es tut mir leid, aber ich muss mich jetzt etwas ausruhen. Ich bin müde.« Wenige Minuten später schnarchte er bereits.

Der Erste Rat widmete sich wieder seinem Notizbuch, während ihm die blonde Frau mit Dutt in der Nachbarreihe ein mitfühlendes Lächeln schenkte.

 

Als sie in Lisieux ankamen, erwachte der Professor ganz plötzlich. »Fahren Sie nach Deauville?«

»Ja«, antwortete Lacroix.

»Ah, sehr gut, dann kommen Sie.« Der Mann griff nach seiner Plastiktüte, setzte seinen Hut auf und band sich seinen Schal um. Rasch lief er den Gang hinunter, wobei er sich mit dem Ellbogen einen Weg bahnte, um als Erster aussteigen zu können. Lacroix folgte ihm mehr schlecht als recht, wobei er den angerempelten Mitreisenden ein entschuldigendes Lächeln zuwarf.

»Schneller, schneller«, sagte der Mann, »wir werden ihn verpassen!«

»Aber nicht doch«, rief Lacroix aus. »Wir haben genug Zeit. Der Zug geht um vierzig nach.«

»Fünfunddreißig. Der Regionalexpress Nummer 52481 fährt ab Lisieux um sechzehn Uhr fünfunddreißig.«

»Schlimmstenfalls nehmen wir den nächsten Zug«, rief Lacroix verärgert aus und verließ nach dem Professor den Zug.

»Der Intercity 3383 fährt um siebzehn Uhr achtundzwanzig. Das ist zu spät für mich. Los, machen Sie schnell und hören Sie auf zu diskutieren!«

Die beiden Männer eilten zum Gleis, von dem der Regionalexpress nach Deauville in Kürze abfuhr. Der Professor ließ sich im ersten Wagen nieder.

Außer Atem nahm Lacroix ihm gegenüber Platz. »Sind Sie Deauvilloiser?«, fragte er.

»Deauvillaiser, nicht Deauvilloiser.«

Lacroix errötete ertappt. »Entschuldigung, ich wusste nicht …«

»Nein, ich bin aus Vienne«, sagte der Professor. »Und welcher Landkreis ist das?«

»Limoges!«, antwortete der Erste Rat, der sich immer noch ärgerte, dass er den höchsten Punkt des Départements Eure nicht gekannt hatte.

»Bravo! Ich habe eine kleine Wohnung in Deauville. Ich fahre dorthin, um mich zu erholen. Die Meeresluft tut mir gut. Und Sie, was wollen Sie in Deauville?«

»Ich muss eine öffentliche Einrichtung überprüfen«, verkündete Lacroix stolz.

»Na so was auch! Welche denn?«

»Das Museum für zeitgenössische Bildende Kunst.«

»Sieh mal einer an! Ich bin auch bald dort, und zwar zur Einweihung einer Statue. Schund, den der Vater des Bürgermeisters geschaffen hat. Ein Jockey aus Bronze, glaube ich. Der Bürgermeister hat mich eingeladen. Ich will da eigentlich gar nicht hin, aber es gibt dort ein Buffet, das heißt, das ist ein Essen weniger, das ich mir selbst kochen muss.« Der Professor suchte in seiner Tasche nach dem Taschentuch mit Pfefferminzgeruch und legte es sich übers Gesicht. Durch die Luft zog wieder der beißende, medizinische Geruch.

Schließlich kamen sie in Deauville an. Bei der Einfahrt in den Bahnhof wurde der Zug langsamer.

Der Professor sprang auf und zog sich rasch an. »Einen Guten Tag noch«, sagte er. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Deauville. Ich muss mich beeilen. Heute Abend esse ich im Restaurant Dauphin. Die haben Miesmuscheln in Sahnesoße – ein Gedicht, sage ich Ihnen!«

»Ich habe Sie nicht einmal nach Ihrem Namen gefragt«, stellte Lacroix fest.

»Wozu wäre das gut?«

Lacroix war perplex. Der Professor war wirklich unmöglich.

»Aber Sie scheinen ein guter Kerl zu sein, daher sage ich ihn Ihnen trotzdem. Philippe Chambray mit einem y. So, ich muss los!« Er eilte davon, ohne Lacroix nach seinem Namen gefragt zu haben.

 

Helligkeit umfing den Beamten, als er den Bahnhof verließ. Der Himmel hatte einen perfekten Blauton. Fast schon so sanft wie am Mittelmeer. Es war warm. Dieser September war wirklich ungewöhnlich. Der heißeste September seit fünfzig Jahren. Lacroix ging den Quai de la Marine hinunter und dann den Boulevard Eugène-Cornuche entlang. Er erreichte das Meer, setzte sich auf die Terrasse eines Lokals und bestellte ein Perrier. Trotz der Uhrzeit war viel los am Strand. Die weißen Badehäuschen glänzten in der Sonne. Die grünen und blauen Sonnenschirme waren geöffnet. Viele Badende planschten im klaren Wasser.

Lacroix ging weiter zu seinem Hotel am Quai de la Marine. Zwei Sterne und ein vernünftiger Preis. Sein Zimmer hatte einen schönen Ausblick auf den Jachthafen. Er stellte seinen Koffer ab, streckte sich und rief seine Mutter an, um ihr zu sagen, dass er gut angekommen war.

Moeve

Kapitel 3

Das Treffen vor der Überprüfung


Es war zwar erst neun Uhr, aber am Place Morny versprach der Tag bereits jetzt, heiß zu werden. Der Erste Rat trank einen Darjeeling und wartete auf seine junge Kollegin. Sie war wie üblich zu spät. Da er das schon geahnt hatte, las er, um sich die Zeit zu vertreiben.

Plötzlich hörte er den Motor ihres Autos. Alle Gäste des Cafés sahen hinüber zu dem Sportwagen. Églantine parkte im Halteverbot direkt vor dem Café. Lacroix, inzwischen so rot wie das Auto selbst, wusste nicht, wo er hinsehen sollte.

»Guten Tag, Jean-François«, sagte sie zu ihm, als sie vor ihm stand. »Haben Sie gut geschlafen? Bestellen Sie mir bitte einen Kaffee und ein Croissant, ja? Ich gehe mir eine Zeitung kaufen.«

Bevor er antworten konnte, ließ Tournevire ihn stehen. Sie trug eine Jeans, deren Saum ihre zarten Fußknöchel umspielte. Den taillierten Blazer hatte sie sich über die Schultern gelegt und darunter trug sie eine helle Rüschenbluse. Die Ärmel waren aufgeknöpft und am Handgelenk befand sich eine Männeruhr, eine Ray-Ban Aviator. Dieses Outfit passte nicht zu den Kleidungsgewohnheiten im Rechnungshof, dort bevorzugte man eher graue Kostüme.

Die Kellnerin brachte das Gewünschte. Églantine, die inzwischen wieder zurück war, reichte ihrem Kollegen die erste Seite ihrer Zeitung. »Jean-François, sehen Sie sich das an!«

»Was ist das?«

»Die Zeitung Paris Normandie.«

»Ja, ich weiß!«

»Lesen Sie das!«

Lacroix spürte einen Anflug von Stress. Hier bahnte sich etwas nicht Vorgesehenes an. Er mochte weder Unbekanntes noch ließ er sich gern überraschen. Hastig las er vor: »Der Vorsitzende des Regionalrats der Basse-Normandie, Paul Brachenville, wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.«

»Ja, haben Sie das gesehen!«, meinte Églantine. »Er wurde zu zwei Jahren verurteilt, eines davon auf Bewährung. Sein Anwalt will Berufung einlegen.«

»Der Regionalrat hat mit ihm offensichtlich eine schlechte Wahl getroffen.«

»Das denke ich auch«, bekräftigte Tournevire, während sie sich Zucker in ihren Kaffee schüttete.

»Hier, haben Sie das gesehen, Églantine?«, fragte Lacroix und hielt jetzt seinerseits seiner Kollegin die Tageszeitung hin.

»Was denn?«

»Sehen Sie da, unten, in der rechten Ecke. Dort steht etwas über das Museum.«

»Ah, ja!«

»Morgen findet die Einweihung der Statue des Jockeys im Park ›Des Enclos‹ statt. Die Statue wurde vom Vater des Bürgermeisters von Deauville geschaffen.«

»Der Vater war Bildhauer?«, fragte Églantine und tauchte eine Spitze ihres Croissants in den dampfenden Kaffee. »Möchten Sie die andere?«

»Die andere was?«

»Hälfte … vom Croissant. Aufwachen, Monsieur Erster Rat! Ich weiß, dass Sie nicht an der ENA waren, aber trotzdem.«

Was für eine Unverschämtheit, dachte Lacroix. Sie ist wirklich unmöglich.

Während die junge Frau kaute, fiel ihr Blick auf das Buch auf dem Tisch. »Sie lesen?«

Der Erste Rat versteifte sich. »Ja, ich war zwar nicht auf der ENA, aber lesen kann ich.«

»Seien Sie doch nicht immer gleich eingeschnappt! Welches Buch ist es denn?«

»Ein Roman von Mircea Eliade.«

»Welcher?«

»Der verbotene Wald.«

»Ah, die spirituelle Suche eines jungen Mannes. Ich habe ihn auch gelesen. Zeigen Sie mal.« Églantine griff nach dem Buch und öffnete es. »Aber das ist ja völlig unverständlich! Was für eine Sprache ist das denn?«

»In diesem Fall seine …«

»Ich dachte, er hätte auf Französisch geschrieben?«

»Er war mehrsprachig. Französisch, Englisch, Italienisch, aber dieser Roman wurde auf Rumänisch geschrieben.«

»Sie können Rumänisch lesen?«

»Meine Mutter ist Rumänin.«

»Aha?«

»Ja, sie ist Dolmetscherin am Berufungsgericht in Caen.«

»Das haben Sie mir verschwiegen, Monsieur Erster Rat. Und Ihr Vater, woher kam er?«

Lacroix brach das Thema ab, er wollte nicht zu viel über Privates reden. Églantine gingen die Details seines Familienlebens nichts an.

»Mademoiselle de Tournevire, wenn man Sie danach fragt, sagen Sie einfach, Sie wüssten es nicht.«

»Charmant!«

Die beiden tranken ihren Kaffee und stiegen in den Morgan. Die fünf Kilometer bis zu dem Anwesen »Des Enclos«, das früher »Calouste-Gulbenkian« genannt worden war, waren rasch zurückgelegt.

Der armenische Milliardär Calouste-Gulbenkian, der sein Vermögen mit Erdöl gemacht hatte, hatte dieses etwa dreißig Hektar große Gebiet im Jahre 1937 gekauft. Von dem Landschaftsarchitekten Achille Duchêne hatte er sich einen wunderschönen, bewaldeten Park anlegen lassen. Er liebte es, beim Nachdenken durch seine Alleen zu spazieren. Im Park waren Laub- und Nadelbäume gepflanzt worden und man hatte von dort einen großartigen Blick auf das Meer und die umliegenden Felder. Inzwischen hatte die Stadt Deauville ihn geerbt. Jahrelange hatte die Gemeinde den Park gepflegt und ihn nur im Sommer geöffnet.

Vor sechs Jahren war dem Park jedoch eine völlig neue Aufgabe zugedacht worden. Der Bürgermeister von Deauville, Henri Koutousov, wollte das Potenzial dieses magischen Orts nutzen und hatte beschlossen, hier ein Freilichtmuseum für zeitgenössische Bildhauerei zu gründen. Es war ihm gelungen, den Staat, die Region und das Département davon zu überzeugen, sich an dem Projekt zu beteiligen. Etwa dreißig Skulpturen aus Frankreich und der ganzen Welt waren dem Park überlassen oder für ihn gekauft worden, um sie im Garten entlang der verschlungenen Wege von etwa einem Kilometer Länge auszustellen.

Ein modernes zweistöckiges Gebäude, das in der Nähe des Eingangs zum Park errichtet worden war, beherbergte das Museumsfoyer, einen Ausstellungsraum, Büros für die Verwaltung und die Wohnung der Direktorin.

Églantine parkte ihren Morgan auf dem Besucherparkplatz. Das neue Gebäude des Museums aus Sichtbeton, das sich trotzdem harmonisch in die Landschaft einfügte, erhob sich zwischen den Blättern.