Nikolaus Piper

Felix und das liebe Geld

Vom Reichwerden und anderen wichtigen Dingen

Roman

EIN GULLIVER VON BELTZ & GELBERG

www.gulliver-welten.de

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Gulliver 1079

Überarbeitete Neuausgabe

© 2008 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Alle Rechte vorbehalten

Erstmals erschienen 1998 bei Beltz & Gelberg

Lektorat: Frank Griesheimer

Neue Rechtschreibung

Markenkonzept: Groothuis, Lohfert, Consorten, Hamburg

Einbandgestaltung: Max Bartholl

Einbandfoto: plainpicture/A. Koschate

ebook: Druckhaus »Thomas Müntzer«, Bad Langensalza

ISBN 978-3-407-74146-2

Felix und das liebe Geld wurde mit der Kalbacher Klapperschlange und dem Quandt-Medienpreis ausgezeichnet

Alle handelnden Personen und Firmen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder existierenden Firmen wären rein zufällig.

1. Kapitel
Geld muss arbeiten

Es war an einem Montag, genauer gesagt am 4. Mai, im Morgengrauen, als Felix Blum beschloss, reich zu werden.

Ein Frühlingsgewitter hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Draußen rauschte und prasselte es. Ein Blitz warf giftige Schatten an die Wand, gefolgt von einem wütenden Donnerschlag. Richtig unheimlich war es im Zimmer. Felix fröstelte. Er ging ans Fenster, zog den Vorhang zurück und blickte in den Wolkenbruch hinaus. Im Schein der Straßenlampe sah er, dass sich die Terrasse unten in einen Stausee verwandelt hatte. Ein breiter Bach ergoss sich quer über den Rasen und verschwand unten am Hang in der Weißbuchenhecke. Die Glocke der Stadtkirche schlug fünf Mal. Felix warf sich wieder aufs Bett und horchte in den Regen hinein.

Um wieder einschlafen zu können, versuchte er es mit einem Zahlentrick. Er sagte sich die Abfahrtszeiten der Züge in Richtung Kreisstadt auf, das hatte schon manchmal ganz gut funktioniert: 6.28 Uhr, 6.58, 7.28, 7.58, 8.34 Uhr. Aber nach 9.34 Uhr verlor er den Faden und wechselte zu den Primzahlen. Das sind solche Zahlen, die man nur durch 1 oder sich selbst teilen kann. Niemand wisse genau, wie viel Primzahlen es gebe, hatte Herr Löwenstein, Felix’ Mathematiklehrer, erzählt. Immer mal wieder würden neue entdeckt. Seither träumte Felix davon, selbst einmal eine Primzahl zu entdecken. Leise murmelte er vor sich hin: »1, 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29, 31, 37, 41, 43, 47, 49 …« Dann fiel ihm ein, dass man 49 ja durch 7 teilen kann, und er gab auf.

In seinem Kopf herrschte Durcheinander, das ließ sich nicht bestreiten. Gestern, am Abendbrottisch war es gewesen, da hatten seine Eltern ihm nebenbei eröffnet, dass sie dieses Jahr nicht in den Sommerurlaub fahren würden. Einfach so. Weil kein Geld da war. »Du musst den Tatsachen ins Auge sehen«, hatte seine Mutter gesagt. »Wir können uns die Fahrt nicht leisten. Kein Geld. Basta. Andere Familien bleiben auch daheim in den Ferien.«

Dann hatten sie ihm noch erzählt von dem neuen Auto, das sie demnächst brauchen würden, und vom Dach des Hauses, das repariert werden müsse. Sein Vater meinte, sie könnten den Urlaub ja vielleicht im nächsten Jahr nachholen. So ein Quatsch! »Sparen, sparen, immer nur sparen in dieser idiotischen Scheißfamilie«, hatte er seinem Vater ins Gesicht geschrien. Dann war er in sein Zimmer gerannt und hatte sich eingeschlossen.

Felix Blum fand seine Eltern eigentlich ganz passabel. Jedenfalls waren sie nicht wesentlich schlechter als andere Eltern, die er kannte. Aber einen Fehler hatten sie: Sie machten einen furchtbaren Wirbel ums Geld. Immer war nicht genug da und immer gab es Streit darum. Das war so, seit sich Felix erinnern konnte. Fast kein Tag verging, an dem seine Eltern sich nicht gegenseitig vorwarfen, dass das Geld nicht reiche. »Das können wir uns nicht leisten« war der Lieblingssatz seines Vaters. »Würdest du dich mehr um die Haushaltskasse kümmern, dann könnten wir es uns leisten«, gab dann seine Mutter zurück. Alles endete meist damit, dass die beiden sich anschrien, und häufig bekam auch Felix sein Fett weg. »Glaubst du, wir haben einen Goldesel im Keller?«, schnauzte ihn die Mutter an, wenn er sich ein Loch in die Hose gerissen hatte. Die Luft im Haus war vergiftet, und Felix kam sich vor wie der überflüssigste Mensch auf der Welt, wenn seine Eltern so stritten.

So auch jetzt. Es war nicht nur die Enttäuschung darüber, dass er in den Ferien zu Hause bleiben musste. Felix hatte das sichere Gefühl, angelogen zu werden. Denn sechs Wochen vor Ferienbeginn eine Urlaubsreise absagen, das brachten normalerweise selbst seine Eltern nicht fertig. Und das Ganze nur, um irgendwann ein neues Auto zu kaufen oder das Dach zu reparieren? Eine innere Stimme sagte ihm: An dem plötzlichen Sinneswandel seiner Eltern stimmte etwas nicht. Felix hasste es, ein überflüssiger Junge von zwölf Jahren zu sein, über dessen Kopf hinweg die Erwachsenen ihre Entscheidungen trafen. Man müsste auf eigenen Füßen stehen und selbst Geld verdienen. Und zwar so viel, dass man nie wieder den Satz zu hören bekam: Das können wir uns nicht leisten.

Draußen war das Unwetter weitergezogen. Der Donner grummelte noch in der Ferne, aus dem Wolkenbruch war ein gleichmäßiger Regen geworden. Der Gedanke an das eigene Geld hatte sich in Felix’ Kopf festgesetzt. Er spürte einen mächtigen Trotz in sich, so wie damals, als er zum ersten Mal in seinem Leben vom Dreimeterbrett ins Schwimmbecken gesprungen war, obwohl unten die halbe Klasse darauf gewartet hatte, dass er mal wieder beschämt die Leiter hinuntersteigen würde, weil er sich nicht traute.

Felix wollte reich werden. Wer reich war, war auch stark. Und frei. »Hast du was, bist du was«, sagte sein Vater immer.

Und warum sollte ein Junge von zwölf Jahren eigentlich nicht aus eigener Kraft reich werden können? Sein Vater hatte ihm von berühmten Leuten erzählt, die schon mit achtzehn eine Firma besaßen oder, wie zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozart, mit zwölf eine Oper komponiert hatten. Im Grunde war es also höchste Zeit, dass er damit anfing.

Felix stand auf und ging zum Kleiderschrank. Von dort holte er seine geheime Schatzkiste. Das war eine alte, zerfledderte Schuhschachtel, schief und an den Kanten zehnmal mit Klebestreifen geflickt. Darin bewahrte er all die Dinge auf, die ihm sehr wichtig waren: einen Seestern, das Foto einer Dampflokomotive aus Amerika, Taschenmesser, Kompass, Trillerpfeife, eine Tüte mit dem ersten Milchzahn, der ihm seinerzeit in einem Brötchen stecken geblieben war. Dazu sein Tagebuch und – Geld. Der Zwanzigeuroschein, den ihm sein Vater am Monatsersten immer als Taschengeld gab, der kam da hinein.

Felix zählte genau 234 Euro und 37 Cent. Das war mehr, als er erwartet hatte, aber natürlich längst kein Reichtum. Was konnte er damit anfangen?

Eine Schuhschachtel sei kein Ort, um Taschengeld aufzubewahren, sagte sein Vater immer. »Geld muss man anlegen, damit es arbeiten kann.« Ein Junge in seinem Alter brauche ein Sparbuch – das bringe Zinsen* und außerdem sei das Geld sicher für den Fall, dass Einbrecher kämen. Felix fand die Ratschläge seines Vaters immer lästig. Wozu ist Geld gut, wenn es auf einem Sparbuch liegt, also gar nicht richtig da ist? Geld muss man anfassen können, fand er. Überhaupt war sein Vater in Gelddingen doch wohl ein schlechtes Vorbild.

* Mit einem Sternchen gekennzeichnete Wörter sind am Ende des Buches kurz erklärt.

Trotzdem wollte ihm dieser eine Satz, den sein Vater gesagt hatte, nicht mehr aus dem Kopf: Geld muss arbeiten!

»Gut«, sagte Felix laut. »Ich werde reich werden. Die sollen sich noch alle wundern.«

Allerdings hatte er keine Ahnung, wie er das anfangen sollte. Immerhin hatte er einen Beschluss gefasst. Und das war ja schon mal was. Wenn Geld das Problem seiner Familie war, dann würde er dieses Problem eben lösen. Irgendwie. Den Beschluss wollte er fürs Erste streng geheim halten; sie würden ihn ja sonst nur auslachen. Man würde sehen.

Draußen war es schon hell, die Amseln trällerten und irgendwo setzte jemand scheppernd sein Auto in Gang. Felix war ziemlich zufrieden mit sich, als er noch einmal einschlief.

*

Eigentlich hatte Felix erwartet, dass seine Eltern beim Frühstück noch einmal etwas wegen des Urlaubs sagen würden, mindestens jedoch rechnete er mit einem Anpfiff wegen seines Abgangs gestern Abend. Aber nichts dergleichen geschah. Sie taten, als sei nichts gewesen. Sie saßen am Frühstückstisch, hatten den General-Anzeiger unter sich aufgeteilt und lasen.

»Guten Morgen, Papa, guten Morgen, Mama«, sagte Felix.

»Guten Morgen, Felix«, murmelten beide.

Felix machte sich einen kalten Kakao, strich sich ein Marmeladenbrot und kaute schweigend. Nach einer Weile sagte er ganz beiläufig: »Papa, ich will ein Sparbuch haben.«

»Hhmmh.«

»Gerold, hast du gehört, was dein Sohn gesagt hat? Vielleicht lernt er ja jetzt, mit Geld umzugehen. Im Gegensatz zu dir.«

»Ja, ja, komm nach der Schule bei mir in der Redaktion vorbei, dann gehen wir schnell zusammen zur Bank.«

Das war alles, was sein Vater sagte. Er verschwand gleich wieder hinter der Zeitung. Ein merkwürdiges Verhalten. Er wunderte sich nicht, dass es seinem Sohn plötzlich wichtig war, ein Sparbuch zu besitzen, er überhörte die Spitze seiner Frau und las einfach weiter. Da stimmte wirklich etwas nicht. Felix beschloss, wachsam zu sein.

Eigentlich hätte Felix’ Vater in Gelddingen gut Bescheid wissen müssen, schon wegen seines Berufs. Gerold Blum war Journalist beim Schönstädter General-Anzeiger und dort für all die Artikel zuständig, die mit Banken, Fabriken, Geld und so etwas zu tun haben – er leitete den Wirtschaftsteil* der Zeitung. Nur leider führte sein Wissen über Geld nicht dazu, dass sie zu Hause mehr davon hatten. »Du könntest ruhig die klugen Dinge, die du schreibst, auch mal für deine Familie einsetzen«, sagte Felix’ Mutter immer, wenn es mal wieder Streit gab.

Herr Blum arbeitete im zweiten Stock des General-Anzeiger-Hauses am Kartoffelmarkt. Hier, auf dem größten Platz des Städtchens, wurden wirklich Kartoffeln verkauft, allerdings nur samstags, denn dann war hier Wochenmarkt. Außerdem gab es auf dem Platz zwei Telefonzellen und ein Parkhaus, das die eine Hälfte der Schönstädter am liebsten abreißen wollte, weil sie es so hässlich fand; die andere Hälfte aber stellte dort zum Einkaufen ihr Auto ab, weshalb das Parkhaus wohl auch noch in vielen Jahren dort stehen würde. Neben dem Parkhaus führte eine schmale Treppe den Kirchberg hinauf. Dort, hinter einem kleinen Lindenwäldchen, machte sich die alte, behäbige Schönstädter Stadtkirche aus dem 15. Jahrhundert breit. Direkt daneben war das Kant-Gymnasium, wo Felix die Klasse 6a besuchte. Die Stufen der Kirchbergtreppe waren so flach, dass man mit einem guten Fahrrad und ein wenig Geschick hinunter zum Kartoffelmarkt brettern konnte. Das war zwar verboten, aber es machte Felix umso mehr Spaß. Es war der normale Weg für ihn, wenn er seinen Vater besuchte.

Das alte Verlagshaus des General-Anzeigers war aus rotem Sandstein gebaut und schon über hundert Jahre alt. Über dem Eingang trugen zwei steinerne Engel einen prächtigen Giebel. »Das sind unsere Musen«, pflegte Felix’ Vater zu sagen. »Sie küssen uns und dann haben wir gute Ideen.« Felix wusste nicht genau, was Musen waren, aber er stellte es sich schön vor, von einem Engel am Computer geküsst zu werden.

Unten im Erdgeschoss des General-Anzeiger-Hauses war die Geschäftsstelle des Verlages. Dort konnte man die Zeitung abonnieren, sich beschweren, wenn die Journalisten etwas Falsches geschrieben hatten oder wenn die Zeitung morgens nicht pünktlich zum Frühstück da war, weil die Austrägerin mit Grippe im Bett lag. Man konnte dort auch Annoncen* aufgeben. Wenn zum Beispiel jemand umziehen wollte, dann annoncierte er unter der Rubrik Wohnungsmarkt: »Schöne 3-Zi.-Whng. in Schönst. u. Umg. ges.« oder so ähnlich. Andere gaben bekannt, dass sie ihr Auto verkaufen wollten, dass sie heiraten würden oder dass Tante Elly gestorben war. Außerdem konnte man in Schaukästen die neueste Ausgabe des General-Anzeigers lesen, die dort mit Reißzwecken angeheftet war. Es gab Leute, die waren zu geizig, um 1,40 Euro für die Zeitung auszugeben; die konnte man dann mit einem kleinen Block vor den Schaukästen stehen sehen, wie sie die Ergebnisse der Handball-Bezirksliga abschrieben.

Eines der schönsten Dinge im General-Anzeiger-Haus war der Aufzug, fand Felix. Es war nämlich kein gewöhnlicher Aufzug, sondern ein Paternoster – der einzige in Schönstadt. Wie immer, wenn er seinen Vater in der Redaktion besuchte, stieg Felix im Erdgeschoss ein, fuhr hinunter zum Keller, wo an der Wand das Schild hing: Bitte aussteigen. Weiterfahrt ungefährlich. Er erschauerte ein bisschen, als die quietschenden Zahnräder des Laufwerks in der Düsternis an ihm vorbeizogen, ließ sich von der Gondel wieder hinauftragen und stieg im zweiten Stock aus. Dort stieß er eine Milchglastür auf und stand vor einem großen Schreibtisch, hinter dem eine Dame mit sehr roten Locken und zwei sehr großen Ohrringen saß. Das war Carola Marcks, die Sekretärin der Wirtschaftsredaktion.

»Grüß dich, Felix. Schön, dich auch mal wieder zu sehen«, sagte Frau Marcks und strahlte über das ganze Gesicht. Das tat sie eigentlich immer. Felix hatte Frau Marcks überhaupt noch nie mit schlechter Laune gesehen. Vielleicht lag das daran, dass sie nicht verheiratet war und deshalb mit keinem Mann und keinem Kind das Anschnauzen hatte üben können. Felix mochte Frau Marcks, er mochte auch den Geruch von Papier, Staub, Parfum und Bohnerwachs in der Redaktion. Hier fühlte er sich zu Hause.

Felix öffnete die Tür mit der Aufschrift Gerold Blum Wirtschaftsredaktion, und es bot sich ihm der gewohnte Anblick: Den Boden hatte sein Vater gleichmäßig mit zerlesenen Zeitungen bedeckt, die Füße lagen auf dem Schreibtisch, zwischen Schulter und Ohr war der Telefonhörer geklemmt; auf den Knien lag ein Schreibblock, in den er etwas hineinkritzelte. Herr Blum nannte das »recherchieren« – das heißt, er telefonierte mit irgendwelchen wichtigen Leuten, schrieb auf, was sie sagten, und machte daraus einen Artikel.

»Hm, hm, hmm«, brummte Herr Blum. Und dann noch einmal: »Hm, hm, hmmm. Also, Sie sind ganz sicher, dass das Fischsterben im Krebsbach nichts mit Pulp und Co zu tun hat? Aber wo sollten die Schadstoffe denn sonst herkommen – aus unserer Druckerei vielleicht?« Jetzt schlug er jenen ironischen Ton an, den Felix an seinem Vater überhaupt nicht leiden konnte. »Ja, Herr Doktor Schacht. Die sind gemessen worden. Vom Gewerbeaufsichtsamt.« Er verdrehte die Augen und bekam eine ganz schmale Unterlippe. »Hören Sie, Herr Doktor Schacht, der General-Anzeiger lässt sich nicht unter Druck setzen. Selbstverständlich werde ich den Artikel drucken, sobald wir alle Fakten ganz genau überprüft haben. Notfalls auch ohne Ihre Stellungnahme. Auf Wiederhören, Herr Doktor Schacht.« Und mit einem tiefen Seufzer warf Herr Blum den Hörer aufs Telefon.

»Tag, Felix, hast du schon zu Mittag gegessen?«, sagte er zur Begrüßung.

»Ja«, log Felix. »Du, Papa, was ist mit den Fischen im Krebsbach los?«

»Hast du noch nicht davon gehört, das Fischsterben unterhalb der Stadt?«

Nein, davon hatte Felix noch nichts gehört. Der Krebsbach entsprang oben, jenseits des Schönstädter Forsts, durchfloss zuerst die Altstadt und danach ein Industriegebiet. Und dort war die Papierfabrik Pulp und Co. Wenn er die passiert hatte, war der Krebsbach nicht mehr besonders sauber. Sein Wasser sah braun aus und es stank. Trotzdem lebten noch Fische in der trüben Brühe.

»Unten, an der Schleuse, sind Dutzende toter Forellen angespült worden. Im Wasser hat man erhöhte Schadstoffwerte gemessen, höher als erlaubt. Das kann nur Pulp gewesen sein.«

»Wirst du das morgen schreiben, Papa?«

»Morgen nicht, aber sobald ich alle Fakten zusammenhabe. Komm, lass uns gehen.« Sein Vater stopfte sich den Rest eines Käsebrötchens in den Mund. »Ich bin mal eine halbe Stunde weg«, nuschelte er Frau Marcks zu, dann stiegen sie in den Paternoster und fuhren ins Erdgeschoss.

Gleich links neben dem General-Anzeiger-Haus auf dem Kartoffelmarkt war das Rialto, die Eisdiele von Giuseppa Giampieri. Im Sommer gab Felix ungefähr die Hälfte seines Taschengeldes dort aus. Das lag vor allem an dem sagenhaft guten Nusseis, das Frau Giampieri selbst herstellte, ein bisschen aber auch an deren Tochter … Sie hieß Gianna, war zwölf Jahre alt und ging in Felix’ Klasse. Felix fand Gianna lustig, hübsch und furchtbar schnippisch, leider schien sie sich nur für ältere Jungen zu interessieren wie die ganzen anderen Mädchen in seiner Klasse.

Nach dem Rialto kam die Kreditbank. Felix und sein Vater betraten die Schalterhalle.

»Aha, heute mit dem Herrn Sohn«, rief ihnen ein Mann hinter dem Schalter zu. Das war Ingo Fischer, der Leiter der Bankfiliale. »Felix, bist du aber groß geworden! Hör bloß bald mit Wachsen auf, sonst stößt du an der Decke an und wir müssen eine neue Schalterhalle bauen. Na, womit kann ich euch beiden denn dienen?«

Felix hasste Anspielungen auf seine Körpergröße, die sich die Erwachsenen offenbar nie verkneifen konnten. Denn er musste sich dann vorstellen, wie das wäre, wenn er wirklich so groß würde, dass er überall an die Decke stieß. Felix legte einen braunen Umschlag mit seinen 234 Euro auf den Banktresen und versuchte, dabei nicht mürrisch auszusehen.

»Ich möchte gerne ein Sparbuch!«, sagte er.

»Sehr vernünftig«, meinte Herr Fischer gönnerhaft.

»Wie viel Zinsen gibt es denn auf so einem Sparbuch?«

»Das kommt darauf an. Ein ganz normales Sparbuch bringt 1,0 Prozent. Bei 234 Euro wären das also 2 Euro und 34 Cent. Ganz einfach zu rechnen.«

»Das ist aber wenig!«

»Es ist ja auch nur die Basisversion. Dafür darfst du von dem Sparbuch auch jederzeit etwas abheben. Es ist also fast wie Bargeld*. Wenn du allerdings bereit wärest, dein Geld für zwei Jahre fest anzulegen*, dann bekämst du schon doppelt so viel – 2,0 Prozent. Das wären dann im ersten Jahr …«, Herr Fischer tippte auf seinem Taschenrechner, »… 4 Euro 68, und nach zwei Jahren hättest du mit Zins* und Zinseszins* … 243 Euro 55.«

»Waaas – 243 Euro in zwei Jahren? So werde ich doch nie reich!«, rief Felix.

Verdammt! Das war ihm so rausgerutscht. Seinen großen Plan hatte er doch geheim halten wollen.

Felix’ Ohren liefen rot an, und es kam, wie es kommen musste: Herr Fischer lachte.

Und sein Vater lachte mit: »Reich werden, mein lieber Felix – findest du nicht, dass das ein bisschen früh ist?«

Felix hätte weinen können vor Wut. Über sich selbst, über seinen Vater und diese ganze dämliche Bank. Sein toller Plan hatte schon nach einem halben Tag damit geendet, dass die Erwachsenen ihn lächerlich fanden. Und er selbst sich auch.

»Nimm’s nicht tragisch«, sagte Herr Fischer, als er ihm sein Sparbuch aushändigte. »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Nur wer früh mit dem Sparen anfängt, kann später reich werden. Ich habe schon mit sieben Jahren mein erstes Sparbuch gehabt …«

»Und, sind Sie reich geworden?«

Zum Glück war Felix diese Frage noch eingefallen. Das Grinsen von Herrn Fischer gefror.

»Hmm, na ja, ich bin zufrieden.« Der Filialleiter lächelte süßlich, als Herr Blum seinen Sohn zum Schalterraum hinauszog.

Felix kochte innerlich.

»Komm, nun schmoll nicht«, sagte sein Vater.

»Du sollst mich nicht auslachen. Das war gemein von dir. Außerdem finde ich das mit den Zinsen wirklich blöd: so lange warten und so wenig Zinsen.«

»Tut mir leid. Ich habe es doch nicht böse gemeint. Man muss klein anfangen, das ist wie überall im Leben. Die Bank hat nichts zu verschenken. Sie muss die Zinsen ja auch erst verdienen, indem sie Geld verleiht.«

»Die Bank leiht mein Geld aus? Ich dachte, ich kann jederzeit zurückbekommen, soviel ich will?«

»Kannst du doch auch.«

»Aber wie denn, wenn es weg ist?«

»Die Bank verleiht ja nicht alles Geld. Sie sorgt schon dafür, dass jeder, der will, an sein Geld kommt. Natürlich gibt es keine Garantie, dass du genau den Zehneuroschein wiederbekommst, den du eingezahlt hast.«

»Na hör mal, ich bin doch nicht blöd! Ich dachte nur, es gibt viel mehr Zinsen. Du hast immer gesagt, Geld muss arbeiten.«

»Tut es doch auch. Und zwar, indem die Bank anderen Leuten Kredite* gibt, die dann damit arbeiten.«

»Was gibt sie denen?«

»Kredite. Sie leiht Menschen Geld, die im Moment selber nicht genug haben, um die Dinge zu kaufen, die sie brauchen.«

»Du sagst aber immer, dass man sich nichts kaufen soll, das man sich nicht leisten kann.«

»Das stimmt ja auch im Prinzip. Aber es gibt Ausnahmen. Mama und ich haben uns zum Beispiel viel Geld von der Bank geliehen, um unser Haus zu kaufen. Das nennt man eine Hypothek*. Nun zahlen wir jeden Monat Zinsen an die Bank und tragen ein bisschen was von unseren Schulden ab. Es ist auf jeden Fall besser, als einem Vermieter Geld in den Rachen zu werfen.«

»Aber warum habt ihr nicht gespart, bis ihr das Haus richtig bezahlen konntet?«

»Bis wir das Geld zusammengespart hätten, wären wir beide alte Leute und du längst ein erwachsener Mann. Wir wollten das Haus aber schon früher haben, solange nämlich unser Zwerg noch klein war …«, sagte Herr Blum und strich seinem Sohn mit der Hand durch den Haarschopf.

Felix blickte sich ängstlich um. Weiß der Teufel, was seinen Vater plötzlich überkommen hatte. Ihn in der Öffentlichkeit zu streicheln. Fehlte nur noch, dass er ihn küsste!

»Wie viel Schulden haben wir denn?«, fragte er vorsichtig.

»So 125.000 Euro. Aber erzähl das nicht herum.«

»Und was ist, wenn wir unsere Schulden nicht mehr bezahlen können …«

Felix sah, dass sich die Miene seines Vaters verfinsterte.

»Wir haben das alles gut ausgerechnet. Das hat schon seine Ordnung.«

»Aber so habe ich das doch gar nicht gemeint. Ich möchte nur gern wissen, was passiert, wenn derjenige, dem die Bank mein Geld ausleiht, es nicht zurückzahlen kann.«

»Dann muss Herr Fischer für Ersatz sorgen.«

»Und wenn das nicht geht?«

»Dann ist die Bank pleite* und muss schließen. Aber das kommt zum Glück praktisch nie vor. Und selbst dann helfen die anderen Banken der Bank aus, die pleite ist. Du kannst also ganz beruhigt sein …«

Felix war überhaupt nicht beruhigt, aber aus anderen Gründen, als sein Vater dachte. Die Bank war ihm ziemlich egal. Was ihn beschäftigte, war die Sorge, ob seine Eltern vielleicht gerade ein besonders großes Geldproblem hatten. Und hingen der Urlaub und das Haus damit zusammen? Sein Vater drehte sich unter dem Giebel mit den beiden Engeln noch einmal um und fragte: »Sag mal, willst du wirklich reich werden?«

Felix blickte ernst und nickte heftig.

Kopfschüttelnd ging sein Vater hinauf in die Redaktion.

2. Kapitel
Eigentum ist Diebstahl

Früher war Felix oft traurig darüber gewesen, dass er keine Geschwister hatte. Mit einem Bruder und einer Schwester würde das Leben viel einfacher sein, dachte er damals. Er beneidete alle Kinder, die nicht alleine in ihrem Zimmer schlafen mussten, sondern sich im Bett noch gegenseitig Gruselgeschichten erzählen konnten.

Inzwischen fand er es ganz in Ordnung, so, wie es war. Er hatte seine Ruhe.

Und außerdem hatte er Peter.

Peter Walser war Felix’ bester Freund und ging mit ihm in dieselbe Klasse. Die beiden hatten sich angefreundet, obwohl sie so unterschiedlich waren, wie zwei Jungen nur sein können. Felix war der größte Junge in der Klasse, Peter der zweitkleinste. Felix hasste es, viel reden zu müssen, und träumte gerne vor sich hin. Peter dagegen konnte nicht ruhig sitzen. »Man muss was auf die Beine stellen, sonst ist das Leben viel zu langweilig«, sagte er immer. Und dass Felix »verratzt und verfatzt« wäre, wenn er ihm nicht gelegentlich in den Hintern treten würde. So einer war Peter.

Felix war in der Schule ziemlich gut. Und weil er seit seinem zehnten Lebensjahr eine Brille tragen musste, nannten sie ihn in der Klasse »Professor«. Felix fand das ziemlich blöd, aber wenn man so einen Spitznamen mal hat, dann wird man ihn nicht wieder los. Peter war froh, wenn er in Mathe, Deutsch und Englisch keine Fünf schrieb und die Klasse nicht wiederholen musste. Felix hasste Sport, Peter war Stadtjugendmeister über 100 Meter Brustschwimmen. Und so ging das weiter. Trotzdem waren sie dicke Freunde und trafen sich fast jeden Tag. Sie spielten beide im Schulorchester mit. Felix spielte Klarinette, Peter den Kontrabass. »Der kleinste Mann am größten Instrument«, sagte Frau Böhm-Bewark, die Leiterin des Schulorchesters.

Peters Eltern besaßen die Tankstelle unten am Hang, wo die Bergstraße in die Hauptstraße mündete. Dort konnte man nicht nur tanken, sondern auch Zeitungen und Schokolade kaufen und sein Auto waschen lassen. Außerdem reparierte Herr Walser Fahrräder, wenn die Speichen locker waren oder die Gänge nicht mehr funktionierten. Peter hatte einen Bruder und eine Schwester: Robert war achtzehn und Patricia sechzehn. Peter sagte oft, ältere Geschwister seien eine Plage. Aber in Wirklichkeit fand er es doch ziemlich gut, wie es war. Zum Beispiel hatte Peter von Robert alles gelernt, was man über Computer wissen musste; der Bruder besaß einen nagelneuen Laptop, den Peter mindestens ebenso gut zu bedienen verstand wie Robert.

Von seinem Zimmer aus konnte Felix Peters Fenster sehen. Und wenn dieser sehr laut auf den Fingern pfiff, konnte er ihn sogar hören.

Nach der Geschichte mit dem Sparbuch beschloss Felix, Peter in seine hochfliegenden Pläne einzuweihen – er war der Einzige, den er für vertrauenswürdig hielt. Die beiden verabredeten sich am nächsten Tag in der Schule und kurz nach dem Mittagessen stand der Freund mit seinem Fahrrad vor Felix’ Tür in der Bergstraße. Er hatte, wie meistens, seinen blauen Overall an.

»Hi, Felix! Alles klar?«

»Hi! Alles klar!«

»Komm, lass uns zur Ziegelei fahren.«

»Okay, ich hol nur noch mein Fahrrad.«

Von Blums Haus führte die Bergstraße steil den Hang hinauf. Nach etwa 100 Metern endete sie auf einem kleinen Parkplatz. Dort war eine Schranke, damit keine Autos unbefugt in den Schönstädter Forst fahren konnten. Hinter der Schranke begann ein Sandweg, der durch den Wald ziemlich steil hinauf zu dem alten Pestkreuz führte; es war vor über 300 Jahren von den Bürgern Schönstadts errichtet worden, um Gott für das Ende der Pest in ihren Mauern zu danken, wie auf einer Gedenktafel zu lesen war. Vom Pestkreuz aus ging es nur noch bergab und man konnte das Rad bis zur Ziegelei hinunterrollen lassen.

Die Ziegelei war das geheime Reich der beiden Jungen. Schon seit vielen Jahren wurden dort keine Ziegel mehr gebrannt. Aber alles, was man früher zum Ziegelbrennen brauchte, war noch da. Die Grube, aus der früher Ton gewonnen wurde, zum Beispiel. Sie hatte sich in einen halb zugewachsenen See verwandelt, an dessen Ufer Enten brüteten. Die alten Loren, auf denen der Ton transportiert worden war, standen verrostet und klapprig auf ihren verbogenen Gleisen. Die Fabrikhalle war bis auf die zerbrochenen Fenster noch intakt; im Inneren führte eine alte, schmierige Stahltreppe bis unter das Dach in ein kleines Zimmer. Peter und Felix nannten es das »Chefzimmer«. Sie stellten sich vor, dass hier früher einmal der Direktor der Ziegelei gearbeitet hatte. Hier waren sogar noch die Fenster heil, und in einer Ecke stand ein alter Kanonenofen, den man heizen konnte, wenn es draußen kalt war.

Für Felix gab es nichts Schöneres, als mit Peter im Chefzimmer zu sitzen, wenn es draußen regnete, auf den bullernden Ofen zu lauschen, zu reden, zu schweigen und darüber nachzudenken, was das Leben ihnen beiden noch bringen würde.

Dieser Dienstag war ein richtiger Ziegelei-Tag. Felix kam es vor, als hätte das Gewitter gestern die Luft gereinigt: Es war fast sommerlich warm, die Sonne strahlte von einem blank geputzten Himmel, die Vögel sangen, der Schönstädter Forst stand in frischem Grün. Da wurden trübe Gedanken fast von selbst weggeblasen.

»Liegt was an?«, fragte Peter, als sie ihre Räder unter den Holunderbüschen bei der Ziegelei versteckten.

»Meine Eltern haben mal wieder Ärger mit dem Geld«, antwortete Felix. »Unsere Urlaubsreise nach Finnland fällt ins Wasser. Ich muss die Ferien zu Hause verbringen.«

»Find ich gut.«

Felix schluckte. »Wieso gut? Bist du verrückt?«

»Nein, gar nicht. Wenn du hier bleibst, dann können wir doch zusammen was unternehmen. Wärt ihr nach Finnland gefahren, hätte ich die ganzen Ferien mit Robert und Patricia verbringen können. Nee, danke!«

Daran hatte Felix gar nicht gedacht: Peter war mit seinen Eltern noch nie in den Ferien weggefahren. Die Tankstelle musste offen bleiben, besonders im Sommer, wenn die Touristen nach Schönstadt kamen. »Eine Tankstelle kennt keine Betriebsferien«, sagte Herr Walser immer. Felix beschloss, dieses Thema vorläufig nicht mehr anzusprechen.

»Findest du nicht auch, dass das Frühlingswetter hungrig macht?«, sagte Peter plötzlich.

»Na, ich weiß nicht …«, antwortete Felix. Dabei wusste er genau, was Peter vorhatte. Vor der Ziegelei floss der Krebsbach vorbei. Hier hatte er noch schönes, klares Wasser und war gerade so breit, dass man ihn an den meisten Stellen mit Anlauf überspringen konnte. Es gab auch wirklich Krebse im Krebsbach, deshalb hieß er wohl auch so; vor allem jedoch war er voller Forellen, schöner, großer Bachforellen. Und Peter war ein Meister im Fischen. Er konnte die Forellen mit der bloßen Hand fangen, und Felix fragte sich immer, wie so was überhaupt möglich war. Allerdings fühlte er sich auch unbehaglich, wenn sein Freund Forellen fing. Ihm taten die Fische leid, wenn sie hinterher ohne Eingeweide auf der Wiese lagen und ihn mit ihren toten Augen anglotzten.

Und verboten war die Fischerei natürlich auch. Das Fischrecht hatte der alte Herr Becker aus der Unterstadt gepachtet und niemand außer ihm durfte sich dort Forellen holen.

»Sei kein Angsthase«, sagte Peter. »Der alte Becker soll uns erst mal erwischen. Außerdem hat er das Fischrecht gar nicht verdient. Eigentum* ist Diebstahl, sagt Robert.«

Peters Bruder hatte gerade das Abitur gemacht und wusste viele kluge Sprüche. Und auch weniger kluge. Felix lachte und schüttelte den Kopf. »Wenn Eigentum Diebstahl ist, dann ist ja alles irgendwie Diebstahl.«

»Ist es ja auch«, antwortete Peter. »Du musst das so sehen: Wer hat die Forellen gemacht? Der liebe Gott. Und für wen hat er die Forellen gemacht? Für Menschen, die Hunger haben. Und wer hat Hunger? Wir beide. Die Sache ist ganz einfach.«

»Wenn alle hungrigen Menschen hier fischen würden, wäre der Krebsbach bald leer gefischt. Es ist also notwendig, dass die Dinge jemandem gehören, sonst gibt es bald nichts mehr, was man stehlen kann. Das ist doch logisch. Mein Vater sagt, früher, als die Schüler ihre Schulbücher noch selbst kaufen mussten, hätten sie viel besser darauf aufgepasst. Was allen gehört, gehört niemandem.«

»Das hast du sehr klug gesagt, Herr Professor. Du hast mich überzeugt: Ohne Eigentum kein Diebstahl. Das gilt aber auch umgekehrt: Ohne Diebstahl kein Eigentum. Wenn wir sie ihm nicht klauen, dann weiß der alte Becker gar nicht, was er an seinen Forellen hat. Außerdem sagt meine Mutter, dass der Becker ein Schwein ist und dass er seine Frau schlägt, wenn er betrunken ist. Wir sind also der Arm der Gerechtigkeit, stimmt’s?«

Felix wollte antworten, dass es kein Recht im Unrecht gebe, wie sein Vater immer sagte. Aber er behielt seine Bedenken dann doch für sich, sonst glaubte Peter noch tatsächlich, er habe Angst.

Vorsichtig schlichen sie nun am Ufer des Krebsbaches entlang. Beide achteten sorgsam darauf, nicht auf knackende Zweige zu treten und so die Fische zu verscheuchen. Sie zwängten sich durch Büsche, Schilf und Brombeerranken bis zu einer uralten Trauerweide. Zwischen deren Wurzeln hatte das Wasser eine kleine Höhle ausgewaschen, und dort war der beste Platz, um Forellen mit der bloßen Hand zu fangen.

Die beiden Jungen knieten sich ins Moos und suchten vorsichtig die Wasseroberfläche ab. Erst konnten sie unter dem Licht-und-Schatten-Spiel der Wellen nichts erkennen. Aber dann zischte Peter: »Pssst. Siehst du da hinten, ein riesiger Brocken!«

Felix schlich etwa zwanzig Schritte bachabwärts. Dann stampfte er zweimal kräftig auf. Es knackte, die Forelle erschrak und schoss pfeilschnell zur Höhle unter der Weide, wo sie sich sicher wähnte. Aber das war ein tödlicher Irrtum. Peter hatte seine Hände schon ins Wasser gehalten. Augenblicklich packte er zu, holte den zappelnden Fisch aus dem Wasser und schnitt ihm mit dem Taschenmesser den Kopf ab. Der Fisch war größer als Peters Unterarm. Peter schnitt den Bauch des Tieres auf, holte die Innereien heraus und warf sie ins Unterholz.

Auf dieselbe Weise fing Peter noch eine zweite, etwas kleinere Forelle, dann schlichen sie zurück zur Ziegelei. Sie sammelten Fichtenreisig und bald prasselte an der früheren Auffahrtrampe ein kleines Lagerfeuer. Peter holte ein Stück Aluminiumfolie aus der Tasche seines Overalls, wickelte die beiden Forellen hinein und legte sie ins Feuer.

Nun war Zeit, sich in Ruhe zu unterhalten.

»Ich will reich werden«, sagte Felix, ohne lange drum herumzureden.

»Tolle Idee. Und wie?«

Felix erzählte ihm die Geschichte mit dem Sparbuch und wie er sich in der Bank über seinen Vater geärgert hatte. Als er fertig war, brach Peter in schallendes Gelächter aus.

»Das darf doch nicht wahr sein! Reich werden mit einem Sparbuch – lächerlich! Das wird doch nie was.«

»Na, ich dachte, so für den Anfang. Außerdem ist es besser als nichts. Sagt mein Vater auch.«

»Väter gehören abgeschafft«, entgegnete Peter. »Reich wird man ganz anders. Man fängt als Tellerwäscher an …«

»Als Tellerwäscher? Ich will reich werden und nicht Geschirr spülen.«

»Au Mann, bist du schwer von Begriff, du sollst doch nicht zu Hause abwaschen. Das muss man ja sowieso, und es ist am besten, sich davor zu drücken. Nein, man fängt irgendwo an zu arbeiten, in einem Hotel oder in einem Restaurant in der Küche. Mit Kartoffelschälen zum Beispiel. Oder eben mit Tellerspülen. Das Geld, das man dabei verdient, spart man, und dann kauft man sich eine Fabrik und dann noch eine und bums – ist man Millionär. Hab ich selbst im Fernsehen gesehen.«

»Klingt, als ob es nicht funktioniert. Außerdem haben sie im Weißen Kreuz eine Spülmaschine. Die brauchen keinen Tellerwäscher.«

»Halt dich doch nicht an dem blöden Tellerwäscher auf. Das war doch nur ein Beispiel. Es geht ums Prinzip. Wir müssen einfach irgendeine Arbeit finden, die sonst keiner macht und mit der wir Geld verdienen können. Und dann sehen wir weiter.«

»Wir? Hast du eben ›wir‹ gesagt?«

»Na klar, ohne mich bist du verratzt und verfatzt. Außerdem will ich auch reich werden. Mädchen mögen nämlich reiche Jungs. Wir haben die ganzen Sommerferien dafür Zeit. Wir werden die Champions.«

Inzwischen hatte sich im Feuer eine schöne Glut gebildet. Peter drehte die eingewickelten Forellen herum, damit sie gleichmäßig gar wurden.

»Und was sollen wir deiner Meinung nach tun, wenn wir nicht als Tellerwäscher arbeiten können?«

»Wir müssen uns irgendwas überlegen, was wir gut können. Was kannst du?«

»Mathe.«

»Vergiss es. Das Einzige, was man mit Mathe machen kann, ist Nachhilfestunden geben. Eltern wollen aber Nachhilfelehrer, die mindestens sechzehn sind. Außerdem könnte ich dabei nicht mitmachen. Ich bräuchte selber Nachhilfe. Also weiter. Was kannst du noch?«

»Klarinette spielen.«

»Wie gut spielst du?«

»Ich müsste mal wieder üben.«

»Also Fehlanzeige. Was noch?«

Felix dachte angestrengt nach.

»Rasenmähen«, sagte er. »Ich könnte Frau Gabriel fragen, ob ich ihren Rasen mähen darf. Zu meiner Mutter sagt sie immer, sie werde mit ihrem Riesengarten nicht fertig. Das Unkraut wachse ihr über den Kopf.« Frau Gabriel war Zahnärztin und wohnte in der Bergstraße direkt neben ihnen.

Peter zog anerkennend eine Augenbraue hoch. »Na bitte. Das ist doch schon ein ganz brauchbarer Vorschlag …«

»Aber reich werden wir damit auch nicht. Dafür wächst der Rasen bei der Gabriel nicht schnell genug. Bis die Sommerferien vorbei sind, könnte ich gerade dreimal mähen …«

»Dann streng deine Fantasie eben noch ein bisschen an. Es geht natürlich nicht nur um eure Nachbarin. Du musst bei ganz vielen Leuten den Rasen mähen. Think big, sagt Robert.«

»Aber ich kann doch nicht alle Leute fragen, ob ich ihren Rasen mähen darf. Die meisten machen es ja sowieso selber.«

»Werbung*, verstehst du? Werbung!« Peter kam jetzt richtig in Fahrt.

»Werbung?«

»Klar! Wenn man heute was werden will, muss man Reklame machen.«

»Geht nicht. Anzeigen in der Zeitung sind viel zu teuer. So ein kleiner Streifen kostet über 30 Euro. Das weiß ich von meinem Vater.«

»Du hast aber nicht nur einen Vater, der bei der Zeitung ist, sondern auch einen Freund, der Eltern hat, die eine Tankstelle haben …«

Jetzt ging Felix ein Licht auf. »Stimmt, und neben eurer Kasse habt ihr eine Pinnwand, an der viele Zettel hängen. Da hat auch meine Mutter schon mal einen Zettel aufgehängt, als sie mein altes Kinderfahrrad verkaufen wollte …«

»… und an dieses Brett werden wir einen Zettel hängen, auf dem steht, dass Felix Blum und Peter Walser in den Sommerferien jedem in Schönstadt, der das will, für 5 Euro den Rasen mähen. Ist das eine Idee?«

»Das ist eine Idee.«

Die beiden Jungen schlugen die Hände gegeneinander und lachten. Gerade wollten sie sich über den gebratenen Fisch hermachen, da hörten sie plötzlich, wie es im Unterholz knackte.

»Mist, da kommt jemand«, raunte Peter. »Nichts wie weg.«

Felix versuchte noch, die Forellen aus der Glut zu holen, aber dabei verbrannte er sich bloß die Finger.

»Mach keinen Quatsch«, zischte Peter. Sie quetschten sich an der verrosteten Schiebetür vorbei in die Ziegelei, rannten die Treppe hinauf und versteckten sich im Chefzimmer. Keinen Augenblick zu früh – aus dem Unterholz trat, mit seiner Angeltasche über der Schulter, der alte Becker auf die Lichtung. Er sah das Feuer und fing an zu toben.

»Verdammte Saubande!«, schrie er und seine Stimme überschlug sich. »Feuer machen im Wald. Wenn ich euch erwische!« Der Mann fuchtelte drohend mit seiner Angel herum. Durch die verschmierten Glasscheiben des Chefzimmers sah Felix, wie Beckers Kopf unter den wenigen weißen Haaren rot angelaufen war. Jetzt hatte er die beiden Fische entdeckt.

»Das Schwarzfischen werde ich euch noch austreiben. Und wenn ich die Hunde auf euch hetzen muss. Hier habe ich das Fischrecht und sonst niemand. Verdammtes Pack! Na wartet, das nächste Mal hab ich meine Schrotflinte dabei.«

Felix und Peter wagten kaum zu atmen. Jeden Augenblick konnte Becker in die alte Ziegelei kommen, um hier nach ihnen zu suchen. Aber zum Glück kam er nicht auf diese Idee. Er zerstörte mit den Stiefeln das Lagerfeuer, griff sich einen Stock und holte die eingewickelten Forellen heraus. Die beiden Päckchen warf er in seine grüne Anglertasche und stapfte fluchend davon.

Eine Weile kauerten die beiden Jungen noch in ihrem Versteck, dann stiegen sie hinunter.

»So ein alter Gauner«, schimpfte Peter. »Unsere Fische wären jetzt gar gewesen.«

»Eigentum ist Diebstahl«, antwortete Felix und blickte in die qualmenden Überreste des Lagerfeuers. Dann holten sie ihre Räder hinter den Holunderbüschen hervor.

Solange es bergauf ging, traten sie schweigend in die Pedale. Oben auf dem Hügelkamm sagte Felix: »Du, Peter, meinst du, wir schaffen es?«

Peter sah den Freund zuerst fragend an. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen.

»Natürlich schaffen wir es!«

»Wir werden also reich?«

»Steinreich!«

Da konnte Felix es nicht mehr aushalten. Es war Frühling, er hatte einen Freund, er hatte einen Plan und alles würde gut werden. So schnell konnten die Dinge sich ändern. Felix musste vor Glück schreien.

»Boooaaaaaaahhhh!«

Peter fiel in sein Gebrüll ein, sodass der Widerhall im ganzen Forst zu hören war. Der alte Becker kam wahrscheinlich aus dem Wundern nicht mehr heraus. Laut grölend fuhren sie in die Stadt zurück.

*

An diesem Tag aßen Felix und seine Eltern zum ersten Mal in diesem Jahr draußen auf der Terrasse zu Abend. Die Amseln sangen in den Ulmen und Felix’ Haut roch noch nach Lagerfeuer und Ziegelei. Die letzten roten Sonnenstrahlen fielen auf den Abendbrottisch.

»Hast du dir denn schon überlegt, was du in den Ferien machen willst, jetzt, wo wir nicht wegfahren?«, fragte seine Mutter, nachdem Felix das letzte Käsebrot in sich hineingestopft hatte. »Du könntest Oma und Opa in Stuttgart besuchen.«

»Nein, nein«, erwiderte Felix schnell. »Nicht nötig, mir wird’s schon nicht langweilig.«

Seine Mutter machte noch ein paar Vorschläge: Er könnte mit der Gemeindejugend wegfahren oder die Kusine im Schwarzwald besuchen. Aber Felix lehnte alles ab: »Nein, nein, besten Dank. Ich bleib lieber hier. Ich hab was mit Peter vor. Uns wird’s nicht langweilig, ganz sicher.«

»Und darf ich wissen, was ihr vorhabt?«

Felix druckste herum. »Nichts Besonderes. Ein bisschen arbeiten.«

»Arbeiten in den Ferien? Was soll das denn geben?«, fragte sein Vater. »Hat das vielleicht damit zu tun, dass du reich werden willst?«

Felix wurde rot und berichtete seinen Eltern alles, was er und Peter am Nachmittag in der Ziegelei besprochen hatten. Als er fertig war, pfiff der Vater anerkennend: »Ein richtiger Plan. Alle Achtung.«

Alle Achtung – das war für seinen Vater schon ein gewaltiges Lob, fand Felix. Dafür machte seine Mutter nun ein bedenkliches Gesicht.

»Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn zwölfjährige Jungen schon der Profitsucht verfallen. Bloß weil die Väter nicht mit Geld umgehen können …«

»Aber Renate«, sagte sein Vater. »Jetzt übertreib mal nicht. Ich finde es gut, wenn Felix sich schon früh an Arbeitsdisziplin gewöhnt. Und ein wenig Gewinnstreben kann auch nicht schaden. Mir gefällt euer Plan sehr gut, Felix. Vielleicht bist du in diesen Dingen ja einmal geschickter als wir.«

Seine Mutter räusperte sich, dann sagte sie: »Wenn’s denn unbedingt sein muss, könntest du wenigstens mit unserem Rasen anfangen. Der hätte es schon lange mal wieder nötig.«

»Toll, mach ich gleich morgen. Ich könnte auch noch mit anderen Dingen Geld verdienen, zum Beispiel könnte ich mein Zimmer aufräumen, Staub wischen, einkaufen gehen …«

»Oh, oh, oh«, rief seine Mutter da. »Die Profitgier greift schon um sich! Nein, mein lieber Sohn. Für Pflichterfüllung gibt’s bei uns kein Geld. Sonst verlange ich demnächst 5 Euro fürs Abendessen. Von jedem von euch. Und fürs Wäschewaschen und Bügeln auch. Wollt ihr in unserem Haus die Raffgesellschaft einführen?«

Felix fragte sich, was wohl eine »Raffgesellschaft« sein könnte, wollte der Frage aber lieber nicht auf den Grund gehen.

»Du, Papa, mögen Mädchen eigentlich nur reiche Männer?«

Sein Vater sagte gar nichts, dafür prustete seine Mutter los. »Wie kommst du denn auf die Idee?«

»Hat Peters Bruder gesagt.«

»Der hat ja seltsame Ansichten! Ich will dir mal was sagen. Wenn Mädchen nur reiche Männer mögen würden, dann gäbe es dich gar nicht, mein Sohn. Als ich deinen Vater kennenlernte, war der arm wie eine Kirchenmaus. Der konnte mich nicht mal nach dem Kino zum Essen einladen. Ich glaube, wenn ich nicht damals schon Bücher übersetzt hätte, wären wir als Studenten glatt verhungert. Nein, nein, das mit den reichen Männern solltest du dir aus dem Kopf schlagen. Und überhaupt«, fügte sie jetzt ernst hinzu, »dein Vater hat dir erlaubt, dass du mit Peter zusammen Geld verdienst. In Ordnung. Aber merk dir, was ein amerikanisches Sprichwort sagt: Money can’t buy happiness. Das heißt: Man kann sein Glück nicht kaufen. Das solltest du dir hinter die Ohren schreiben. Und du auch, Gerold.«

»Das musst ausgerechnet du sagen«, erwiderte sein Vater.

Felix spürte, dass schon wieder ein Streit in der Luft lag. Deshalb warf er schnell ein: »Was für Männer mögen Frauen dann?«

Frau Blum sah ihrem Mann tief in die Augen, dann sagte sie: »Männer sollen fürsorglich sein, aufmerksam, hilfsbereit, intelligent, zärtlich, gut aussehend … Und sie sollten wissen, was sie wollen.«

»Sollen sie Geld wollen?«

»Ich hasse Männer, die nichts als Geld im Kopf haben. Männer sollen eine Ahnung davon haben, wozu sie überhaupt auf der Welt sind.«

Felix wunderte sich. Wenn es so war, wie seine Mutter sagte, warum beklagten seine Eltern sich dann immer über das fehlende Geld? Aber er behielt seine Gedanken lieber für sich.

Inzwischen war es dämmrig geworden und Felix wollte zu Bett gehen. Er stand schon an der Schwelle der Terrassentür, da rief ihn sein Vater noch einmal zurück. »Ach, übrigens …« Er drehte die Augen bedeutungsvoll in den Abendhimmel. »Wenn man ins Geschäftsleben einsteigen will, dann sollte man tunlichst nicht mehr schwarzfischen. Die Leute mögen nämlich nur ehrbare Kaufleute.«

Felix spürte, wie seine Ohren dunkelrot wurden.

»Woher ich das weiß, willst du jetzt sicher wissen. Nun, dein Vater ist Journalist. Informiert sein ist mein Beruf. Und kurz vor Redaktionsschluss kam heute der alte Becker in unsere Lokalredaktion gestürmt. Es seien wieder Fischdiebe im Forst unterwegs und die hätten sogar zwei seiner Forellen im Wald gebraten. Und gegrölt hätten sie. Die Stadtverwaltung müsse endlich was gegen das Gesindel unternehmen. Und um den Leuten Beine zu machen, sollten wir einen Artikel darüber schreiben. Sonst werde er das Problem mit seiner Schrotflinte lösen. Die Kollegen vom Lokalen haben ihn dann weggeschickt. Wegen zweier Forellen in Alufolie schreibt man noch keinen Artikel. Aber als ich nach Hause kam und alles roch wie in einer Räucherkammer, da habe ich so meine Schlüsse gezogen. Im Ernst, wenn du dabei erwischt wirst, dann kriegst du einen Riesenärger, und zwar nicht nur mit deinen Eltern. Also lass das lieber in Zukunft.«

Felix stammelte etwas von wegen: Er selbst habe ja gar nicht gefischt, aber sein Vater ließ das nicht gelten.

»Der Hehler ist so gut wie der Stehler. In diesen alten Sprichwörtern steckt viel Wahrheit …«

»Ja, und ich kenne auch eins«, wollte Felix eigentlich sagen, »Eigentum ist Diebstahl.« Aber er ließ es dann doch lieber bleiben. Sein Vater redete so von oben herab. Das bedeutete, dass er jetzt unberechenbar war.

»Und noch etwas, mein Sohn. Es ist eine schwere Sünde, Forellen zu braten, wenn man nicht die richtigen Zutaten hat. Ohne zerlassene Butter schmecken die doch gar nicht. Und Mandelplättchen braucht man und ein Stück Zitrone. Wer Geschäftsmann werden will, muss auch Lebensart haben.«

Felix lächelte erleichtert. Er war eigentlich gar nicht so übel, sein Vater. Jedenfalls manchmal.

3. Kapitel
Der Kunde ist König

Am nächsten Nachmittag hing am schwarzen Brett in der Tankstelle von Familie Walser ein neuer, blütenweißer Zettel, auf dem stand:

Wir mähen Ihren Rasen für 5 Euro.

Peter Walser, Felix Blum. Tel. 21 99 67 / 34 56 70

Ihre ersten 5 Euro verdienten sich die beiden Jungen noch am selben Tag. Sie saßen gerade auf der Terrasse in Blums Garten, da klingelte das Telefon.

»Jetzt staune ich aber wirklich«, sagte Frau Blum, als sie nach draußen kam. »Das war Frau Doktor Gabriel. Sie hat euren Zettel beim Tanken gelesen und aus der Praxis angerufen. Sie sagt, dass ihr gleich mit ihrem Rasen anfangen könnt. Der Rasenmäher steht im Schuppen, die Tür ist offen.«

»Na bitte«, sagte Peter. »Werbung!«

Die beiden gingen hinüber in den Garten von Frau Gabriel. Der hatte die Arbeit eines Gärtners wahrlich nötig: Die Ligusterhecke war schon seit Jahren nicht mehr geschnitten worden, an der Terrasse gediehen junge Brennnesseln, anstelle des Rasens prangte eine Löwenzahnwiese in leuchtendem Gelb. Felix zog die knarrende Holztür auf und sah gleich, dass die 5 Euro hier schwer zu verdienen sein würden. Der Rasenmäher war ein großes, verrußtes Ungetüm. Als sie ihn hervorzogen, stürzte ein Stapel leerer Obstkisten über ihnen zusammen und Spinnweben klebten ihnen im Gesicht.

»Das fängt ja gut an«, meinte Peter. »Ich glaube, wir verlangen eine Schmutzzulage. So ein Saustall.«

»Kein böses Wort über unsere Kunden«, sagte Felix.

»Ja, ich weiß. Der Kunde ist König. Egal, wie verrückt er ist.«

Felix versuchte das Ungetüm in Gang zu setzen. Aber das erwies sich als gar nicht so einfach: Jedes Mal, wenn er am Starterkabel zog, gab das Gerät nur ein klägliches »Blobb« von sich.

»Lass mich mal«, sagte Peter, drehte den Rasenmäher um, stellte ihn wieder hin, schraubte einen Deckel ab und stöhnte: »Kein Benzin! Na, die verehrte Frau Zahnklempnerin hat ja Nerven. Zum Glück ist sie an zwei Fachleute geraten.«

Peter rannte zur Tankstelle hinunter und kam nach zehn Minuten mit einem Benzinkanister wieder. Sie füllten den Inhalt in den Rasenmäher und tatsächlich – das Ungetüm fing an zu knattern. Felix schob es nun entschlossen den Hang hinauf, säbelte gnadenlos Löwenzahn und Gänseblümchen um und rauschte in die jungen Brennnesseln hinein. Das Ungetüm ratterte und rauchte. Dabei kam es Felix vor, als rauche die Maschine immer mehr, je länger sie arbeiteten.

Plötzlich gab es einen gewaltigen Knall, aus dem Motor stieg eine schwarze Rauchwolke auf, dann kamen noch zwei oder drei klägliche Jauler, schließlich war alles still. Felix starrte erschrocken erst auf das rauchende Etwas vor ihm und dann auf den halb gemähten Rasen.

»Bist du sicher, dass du das Benzin in die richtige Öffnung gefüllt hast?«, fragte er seinen Freund.