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FRANZ FÜHMANN

Das Nibelungenlied

mit Illustrationen
von Gudrun Hommers

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Nach der Ausgabe von Helmut de Boor, Leipzig 1959. Benutzt wurde die Übertragung Helmut de Boors und die Prosaübertragung von Manfred Bierwisch, Leipzig 1960. Zur vertiefenden Lektüre sei vor allem auf diese beiden Ausgaben verwiesen.

Inhalt

Wie Kriemhild am Hofe zu Worms aufwuchs

Wie Siegfried am Hofe zu Xanten aufwuchs

Wie Siegfried nach Worms kam

Wie Siegfried mit den Sachsen stritt

Wie Siegfried Kriemhild zum ersten Mal sah

Wie Gunther nach Island zu Brünhild fuhr

Wie Gunther Brünhild gewann

Wie Siegfried nach seinen Mannen fuhr

Wie Siegfried als Bote nach Worms gesandt wurde

Wie Brünhild zu Worms empfangen wurde

Wie Siegfried mit seinem Weib in die Heimat zurückkehrte

Wie König Gunther Siegfried zum Hoffest lud

Wie Siegfried mit seinem Weibe zum Hoffest reiste

Wie die Königinnen einander beschimpften

Wie Siegfried verraten wurde

Wie Siegfried erschlagen wurde

Wie Siegfried beklagt und begraben wurde

Wie Siegmund wieder nach Hause reiste

Wie der Nibelungenhort nach Worms gebracht wurde

Wie König Etzel nach Burgund um Kriemhild sandte

Wie Kriemhild zu den Hunnen reiste

Wie Kriemhild von Etzel empfangen wurde

Wie Kriemhild erreichte, daß ihre Brüder zum Sonnenwendfest geladen wurden

Wie Wärbel und Schwämmel ihre Botschaft überbrachten

Wie die Nibelungen zu den Hunnen reisten

Wie Gelpfart von Dankwart erschlagen wurde

Wie die Nibelungen nach Pöchlarn reisten

Wie die Burgunder zu den Hunnen kamen

Wie Kriemhild Hagen schalt und wie er nicht vor ihr aufstand

Wie Hagen und Volker Wache hielten

Wie sie zur Kirche gingen

Wie Dankwart Bloedel erschlug

Wie die Burgunder mit den Hunnen kämpften

Wie sie die Toten aus dem Saal warfen

Wie Iring erschlagen wurde

Wie die Königin den Saal niederbrennen ließ

Wie Rüdiger erschlagen wurde

Wie Herrn Dietrichs Recken allesamt erschlagen wurden

Wie Herr Dietrich mit Gunther und Hagen kämpfte

Wie Kriemhild am Hofe zu Worms aufwuchs

Uns ist in alten mærenwunders vil geseit
von helden lobebæren,von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten,von weinen und von klagen,
von küener recken strîtenmuget ír nu wunder hœren sagen
.

Viel Staunenswertes ist in den alten Geschichten auf uns gekommen: Kunde von hochberühmten Helden und ihren Taten und ihrer Not, von Festesfreuden und Jammergeschrei und den Kämpfen der Kühnen, und wer mag, kann nun von all dem hören, es werden aber wundersame Dinge darunter sein.

Es wuchs damals in Burgund ein Mädchen heran, das war so auserlesen, daß man rings in den Landen kein schöneres an Wohlgestalt finden konnte, aber auch kein schöneres an Tugend und Edelsinn. Viele Ritter begehrten sie zur Frau, und alle Mädchen beneideten sie. Sie hieß Kriemhild, und drei edle und reiche Könige beschützten sie: Gunther, Gernot und der junge Giselher, das waren ihre Brüder. Es waren dies freigebige Herren aus hohem Geschlecht, unmäßig in ihrer Kraft und prächtige Haudegen, und sie herrschten gemeinsam über ihr Land. Ihre Mutter hieß Ute, ihr Vater hieß Dankrat, ihr Hof war zu Worms am Rhein, und ihr Gefolge waren die erprobtesten Streiter: Hagen von Tronje, sein Bruder Dankwart, dann Ortwin von Metz, die hochberühmten Markgrafen Gero und Eckewart, die vordem an der Elbe gegen die Heiden gefochten hatten, der Spielmann Volker von Alzay, der Küchenmeister Rumold, der Schenk Sindold und der Kämmerer Hunold und viele andere, deren Namen heut keiner mehr kennt, doch wenn man alle ihre Taten besingen wollte, würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen.

Eines Nachts träumte Kriemhild, sie zähme einen wilden und schönen Falken, da kämen mit einem Mal zwei Adler dahergeflogen und zerfleischten den schönen Falken, und sie hätte nie etwas Gräßlicheres gesehen. Diesen Traum erzählte sie ihrer Mutter Ute. Die aber sprach: »Der Falke, den du da gezähmt hast, das ist ein schöner und edler Mann, und Gott möge ihn wohl behüten, sonst verlierst du ihn bald!« Da sprach Kriemhild: »Wenn Ihr solches von meinem Manne zu sagen wißt, liebste Mutter, dann will ich zeitlebens ohne Liebe bleiben, auf daß ich niemals Leid erfahre. So werde ich es fröhlich haben bis zum Tod!« Da sagte die Mutter: »Rede nicht so daher, mein Kind, nur durch eines braven Ritters Liebe kannst du deine Schönheit dereinst auch mit Glück und Freude krönen!« Kriemhild aber bat die Mutter, stille zu sein, und verbannte seitdem die Liebe aus ihrem Sinn, auf daß sie am Ende der Freuden nicht Leid erfahre wie so viele andre Frauen. So wollte sie das Leid überlisten. Lange Zeit hielt sie es so, und doch werdet ihr sehen, daß ein Held sie heimführt, und er wird ihr Falke aus dem Traum sein, und ihre nächsten Verwandten werden ihn erschlagen, und daraus wird eine Rache wachsen, die diesem einen Gemordeten noch vieler Mütter Söhne ins Sterben nachschicken soll.

Wie Siegfried am Hofe zu Xanten aufwuchs

Dô wuohs in Niderlandeneins edelen küneges kint,
des vater der hiez Sigemunt,sîn muoter Sigelint,
in einer rîchen bürge,wîten wol bekant,
nidene bî dem Rîne:diu was ze Sántén genant
.

Damals wuchs in den Niederlanden ein Königssohn auf. Sein Vater hieß Siegmund, seine Mutter hieß Sieglind, und seine Burg war zu Xanten am Unterrhein. Sein Name war Siegfried, und er war, obwohl Siegfried noch jung war, schon hochberühmt in allen Christenlanden, denn Siegfried hatte tollkühne Abenteuer bestanden, und alle Frauen schmachteten bewundernd zu ihm auf. Die erprobtesten Ritter wetteiferten, ihn zu unterweisen, und die vornehmsten Junker aus nah und fern drängten sich in sein Gefolge, denn er galt mit Recht als eine Zierde des Reichs und aller Ritterschaft.

So war denn auch das Fest, das Siegmund und Sieglind zu ihres Sohnes Schwertleite gaben, von nie noch gesehener Pracht. Wer immer in diesem Sommer mündig wurde, das Schwert zu empfangen, wurde nach Xanten geladen, und das waren vierhundert Knappen, und keiner war aus geringem Geschlecht. Die Feierlichkeiten währten volle sieben Tage; der Leibrock, den Siegfried trug, strotzte von Goldstücken; die Messe im Münster war von berauschendem Prunk; vom Getöse der Reiterspiele bebten die Mauern des Bergfrieds, und unter dem Andrang der Schaulustigen brachen die Tribünen; nach dem Turnier funkelte das Gras auf dem Kampfplatz von abgesprengten Edelsteinen, und wer damals arm an den Rhein gereist war, und wenn’s der letzte Bärentreiber oder Feuerfresser gewesen wäre, der zog als reicher Mann wieder fort. Die Königin Sieglind wußte wohl, wie man sich und den Seinen Freunde schafft, und streute das rote Gold mit vollen Händen aus, daß es unerhört war, und Siegfried überschüttete seine Festgefährten mit Lehen und Landen, als wären es Splitter vom Speer oder Schild. Viele Vasallen hätten ihn darum gerne als Herren gesehen und stachelten ihn auch an, seinen Eltern die Krone zu entreißen. Siegfried aber lag solcher Ehrgeiz fern. Er wollte das Schwert, das er sich nun um den Leib gürten durfte, zu nichts anderem gebrauchen als zum Kampf gegen Unrecht und Missetat.

Wie Siegfried nach Worms kam

Den herren muoten seltendeheiniu herzen leit.
er hôrte sagen mærewie ein scœniu meit
wære in Búrgónden,ze wunsche wol getân,
von der er sît vil vreudenund ouch árbéit gewan
.

Eines Tages hörte Siegfried, daß in Burgund eine Jungfrau lebe, die sei schöner als alle Mädchen der Christenheit und weise doch jeden ab, der ihre Hand begehre, und wäre es der Kaiser selbst. Da dachte Siegfried, sie zu freien. Bis zu dieser Stunde hatte er noch kein Herzeleid gekannt.

Siegmund und Sieglind erfuhren bald von Siegfrieds Absicht und wurden bleich, denn sie kannten König Gunthers und der Seinen Hoffart, und sie kannten vor allem Hagen von Tronjes starren Stolz. Siegfried aber wollte von seinem Willen nicht lassen. Er sagte zu seiner Mutter: »Nie heirate ich eine andere als die, die ich liebe, und ich liebe nun einmal Kriemhild. Kann ich sie nicht in Freundschaft erringen, so werde ich es eben im Kampfe tun!«

»Laß solches Gerede, mein Sohn«, sagte da Siegmund aufgebracht und ängstlich, »wenn das nach Worms getragen wird, kannst du deine Hoffnung für immer begraben! Niemand ist mächtig genug, Kriemhild mit Gewalt zu erobern, das ist bekannt. Aber wenn du schon reiten willst und dir’s nicht ausreden läßt, lieber Sohn, dann reite wenigstens mit der stolzesten Heermacht; ich will für dich aufbieten, wen immer ich dazu bewegen kann!«

Da lachte Siegfried und sagte: »Mein Vater, ich will Kriemhild nicht mit Heeresmacht, ich will sie mit meinem Herzen erobern, und dazu genüge ich allein! Meinethalben will ich elf meiner Schwertleitgenossen zur Bedienung mitnehmen, mehr aber nicht!« Da weinte Sieglind und sah ihren Sohn schon zerhauen, und auch die Mütter und Bräute der elf Auserwählten weinten und jammerten sehr. Siegfried aber sprach: »Seid unbesorgt und weinet nicht, wir kommen alle heil zurück! Schafft uns, statt daß Ihr weint, lieber Kleider und Waffen, wie sie noch kein Ritter getragen, damit wir zu Worms Ehre für unser Land einlegen! Kein Stern soll heller strahlen als meine Schar beim ersten Ritt in die Welt!«

Da wurde Tag und Nacht gewebt und gewirkt und gehämmert und gekettelt und geschmiedet, und nie waren schließlich Gewänder so kostbar und Brünnen so blitzend und Helme so fest und Schilde so breit und dennoch schön! Das Zaumzeug der Rosse war schieres Gold und ihr Riemenzeug reine Seide; die Schwerter reichten den Helden bis zu den Sporen, und die geschliffene Spitze an Siegfrieds Speer war zwei Handspannen lang. So zogen die Helden nach Burgund, und überall auf dem Weg lief das Volk zusammen und starrte sie an, denn solche stattlichen Helden hatte man noch nicht gesehen.

Nach einer Woche kamen die zwölf nach Worms, und auch dort lief das Volk zusammen und staunte. Die Ritter und Knappen des Hofdienstes traten, wie es sich geziemte, zu den Fremden und nahmen ihnen die Schilde und die Pferde ab. Da sie aber die Pferde in den Stall führen wollten, sprach Siegfried: »Laßt die Tiere nur stehen, wir reisen bald weiter; sagt mir nur, wo ich euren hochmächtigen König Gunther finden kann!«

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Man wies ihm den Weg zum Saal; doch schneller als der Gast kam die Kunde von ihm und seiner Pracht vor den König. Der wollte gerne wissen, wer die Gäste seien, aber niemand kannte sie. Schließlich riet Ortwin von Metz, seinen Onkel, den vielgereisten Hagen von Tronje, zu fragen, der kenne alle Helden der Christenheit. Man sandte nach ihm, und der treue Ritter eilte mit seinen Mannen zur Burg und erkundigte sich nach des Königs Wünschen. Da er sie erfuhr, blickte er lange aus dem Fenster auf Siegfried und dessen Schar, die sich im Burghof versammelte, und sagte schließlich: »Ich kenne die Fremden nicht, doch ich glaube, ihr Führer ist Siegfried. Ich habe ihn zwar noch nie gesehen, allein dem Aussehen nach kann es nur Siegfried sein.«

»Siegfried der Drachentöter?« fragte König Giselher.

»Ich glaube, daß er es ist«, sagte Hagen.

»Was wißt Ihr von ihm, Freund Hagen?« fragte König Gunther.

»Man kann ihn nicht töten«, sagte Hagen, »seine Haut ist vollständig mit Horn überzogen. Er hat sich im Blut des erschlagenen Drachen gebadet, da ist ihm ein Panzer gewachsen, der ihn unverwundbar macht. Außerdem besitzt er die Tarnhaut, mit der er sich jedem Blick entziehen kann, die hat er dem Zwerg Alberich abgenommen, dem Hüter des Nibelungenhorts, und er besitzt auch das Schwert Balmung, das schärfste aller Schwerter, die je ein Held geschwungen hat!«

»Was ist das für ein Hort?« fragte König Gunther.

»Er liegt in einem Berg zu Nebelheim verschlossen«, sagte Hagen, »und er ist der größte Schatz, der jemals zusammengetragen ward. Hundert Troßwagen könnten allein sein Edelgestein nicht fassen, und das rote Gold zählt keiner, dazu reichen die Zahlen nicht aus. Dieser Schatz gehörte zwei Brüdern, Schilbung und Nibelung, die lagen in Zwist miteinander und riefen Siegfried an, den Schatz zwischen ihnen zu teilen, und sie schenkten ihm vorab auch das scharfe Schwert Balmung dafür. Aber auch Siegfried konnte das Gold nicht zählen; darüber kamen sie in Streit, und Siegfried erschlug die beiden und siebenhundert ihrer Mannen, die mit ihm kämpften, und zwölf Riesen, die mit ihnen verbündet waren, und tausend Zwerge Alberichs. Dann mußten der Gnomenfürst und der Rest der Nibelungen ihrem Überwinder Treue schwören, und seitdem bewachen sie als Siegfrieds Vasallen den Hort.«

»Und der Hort liegt in einem Berg vergraben?« fragte König Gunther.

»In einem Berg hinterm Eisland im nördlichsten Norden, wo die Sonne nicht scheint und die Erde nicht grünt«, sagte Hagen, »und er ist der mächtigste Hort, den ein Mensch je besaß.«

»Was ratet Ihr uns zu tun?« fragte König Gunther, der zu Hagen getreten war und in den Hof hinabsah.

»Ich rate, Siegfried wohl zu empfangen«, erwiderte Hagen, »wir sollten alles dransetzen, uns einen Recken wie ihn nicht zum Feind zu machen.«

»Soll ich ihm etwa entgegengehen?« fragte König Gunther.

»Ihr würdet Euch nichts damit vergeben, König Gunther«, sagte Hagen, »denn Siegfried ist ein Königssohn!«

So wurde denn Siegfried mit den höchsten Ehren empfangen; der König ging ihm entgegen und führte ihn am Arm in den Saal, und die Ritter verbeugten sich vor ihm. »Ich habe nicht die Ehre zu wissen«, sprach König Gunther, noch während sie durch den Saal schritten, »ich habe nicht die Ehre zu wissen, was Euch nach Worms an den Rhein führt und an meinen Hof, edler Siegfried. Wirklich, ich wäre Euch sehr gewogen, wenn Ihr meine Neugierde stilltet und mir aufrichtig sagtet, warum Ihr hergekommen seid, damit ich all Eure Wünsche erfüllen kann!«

»Das will ich gern tun, König Gunther«, sagte Siegfried, »ich bin hierhergekommen, um Euch Euer Land abzunehmen! Bei uns in Xanten geht das Gerücht um, Ihr wäret der Tapferste stromauf und stromnieder, und die edelsten Recken ständen deshalb bei Euch im Dienst! Nun gut, auch ich bin tapfer, und eine Krone stünde mir schon heute wohl an; ich will darum Eure Tapferkeit erproben und mit Euch um Burgund kämpfen, daß ich drüber herrsche, denn es gefällt mir mit seinen Städten und Burgen!« Solche plumpe Rede war ganz unglaublich in gesitteten Landen, und König Gunther und seine Herren dachten, sie hätten nicht richtig gehört. Hatte dieser hergelaufene Flegel da wirklich gesagt, er wünsche dem König das Land wegzunehmen? Die Herren begannen zu murren, und König Gunther fragte verdutzt: »Warum sollte ich denn um etwas kämpfen, das mir rechtens gehört, da es schon meinem Vater rechtens gehört hat? Da liegt doch wahrhaftig kein Sinn drin!«

So redete König Gunther; allein Siegfried sprach: »Mein Wort ist doch leicht zu verstehn, König Gunther: Wir tun einfach unsere Reiche zusammen und machen eines daraus, ein Reich und eine Krone, und dann kämpfen wir widereinander, und wer siegt, soll das Ganze besitzen, Menschen und Land!«

Da murrten die Krieger sehr, aber Gernot sprach: »Warum sollen wir wohl miteinander kämpfen, vieledler Siegfried? Wäre es nicht schade um jeden Tropfen ritterlichen Blutes? Unsre Länder sind reich, und jedes kann einem König wohl genügen. Laß uns also Frieden wahren!«

Solche Reden mißfielen den Rittern, und Ortwin von Metz sagte aufgebracht: »Was begütigt Ihr diesen überheblichen Fant, König Gernot? Mit einem wie ihm und einem Heer seinesgleichen nehme ich’s noch immer allein auf! Wir wollen hier in Burgund solche Schmach nicht dulden!« Da packte den jungen, frischgeweihten Ritter Siegfried der Zorn, daß einer ihm so schnöd widersprach. »Wie wagst du mit mir zu reden!« fuhr er drum auf, »ich bin eines Königs Sohn, du aber nur eines Königs Diener, wie könntest du dich da vermessen, die Waffe wider mich zu erheben! Aber tritt nur an, deiner zwölf erledige ich im Handumdrehen!«

Da rief Ortwin von Metz seinen Knappen zu, ihm Schwert und Schild zu bringen, und König Gunther blickte unentschlossen auf Hagen und dachte, der Tronjer würde zum Kampfe rufen, allein der Tronjer stand finster und blieb unbewegt und stumm. König Gernot aber vermittelte ein zweites Mal. »Wollet Euch mäßigen, Herr Ortwin«, sprach er, »noch hat uns Siegfried nicht derart gekränkt, daß wir nicht länger verhandeln dürften, und was könnte uns größeren Ruhm einbringen als des vieledlen Siegfried Freundschaft?« Hagen aber sagte zu Siegfried: »Warum habt Ihr das getan? Ihr seid nach Worms gekommen, um Streit zu suchen. Weiß Gott, was daraus werden kann! Meine Herren gaben Euch keinen Anlaß dazu.«

»Oh«, sagte Siegfried, »wenn Euch meine Worte nicht gefallen, so werdet Ihr Euch doch meine Herrschaft gefallen lassen müssen. Ich will Euch alle mit Gewalt unterkriegen.«

»Kein Wort dawider, ihr Herren!« rief König Gernot und trat rasch zu Siegfried und rief dabei: »Ich schlichte es alleine, mischt Euch nicht ein!« In diesem Augenblick dachte Siegfried, daß er ja hergekommen sei, um Kriemhilds Liebe zu erringen, und er begriff selbst nicht, welche wilde Lust da durch seinen Ritteranstand gebrochen war. »Überlegt doch, edler Siegfried, tapferster und kühnster aller Ritter«, so redete indes König Gernot, »wem sollte ein Streit zwischen uns denn nützen? Die Besten würden in ihrem Blut liegen, und wir hätten wenig Ehre davon und Ihr wenig Gewinn! Laßt uns darum friedlich teilen: Ihr sollt mit uns leben wie unser Bruder, und alles, was unser ist, soll auch Euer sein, wenn Ihr es nur in Ehren fordert!« – »So soll es sein, und darauf wollen wir trinken!« rief nun auch König Gunther, und die Knappen schenkten Wein, und Siegfried war besänftigt und trank. So schlossen sie Blutsbrüderschaft.

Von dieser Stunde an war Siegfried ein lieber Gast im Land der Burgunder; die edelsten Junker drängten sich in seine Dienste, und alle Frauen bewunderten ihn. Sogar Kriemhild sprach freundlich mit ihren Gespielinnen von dem jungen Gast aus den Niederlanden. Sie hatte ihn einmal vom Fenster ihres Gemachs beim Turnier gesehen, und seitdem blickte sie stets aus dem Fenster, wenn Siegfried kämpfte, aber sie schaute auch zu anderer Stunde oft in den Hof hinab und wartete, ob Siegfried sich zeige. Siegfried aber dachte, wie er sich Kriemhild wohl nahen könne, denn er hatte sie, wie es Brauch war, noch nicht zu Gesicht bekommen, und das machte ihm Gram. Aber auch Kriemhild war traurig, wenn Siegfried, von Jagden oder Fahrten abgehalten, längere Zeit nicht in Worms war. Darüber verging ein ganzes Jahr.

Wie Siegfried mit den Sachsen stritt

Nu nâhten vremdiu mærein Gúnthéres lant,
von boten die in verrewurden dar gesant
von únkúnden reckendie in truogen haz.
dô si die rede vernâmen,leit was in wærlîche daz
.

Eines Tages nun sandten die Könige der damals verbündeten Sachsen und Dänen, die Brüder Liudeger und Liudegast, König Gunther die schlimme Botschaft, er habe zwölf Wochen Zeit, sich zu wappnen, dann bräche das Bruderpaar voll Zorn und Haß ins burgundische Land, es zu verheeren und zu unterwerfen, und wenn König Gunther dem wehren wolle, möge er sich eilends zu Verhandlungen ins Sachsenland auf den Weg machen, wozu man übrigens dringend rate, denn die Macht der vereinigten Heere sei unermeßlich. Die Boten überbrachten diese Nachricht voll Sorge, daß sie darob geschlagen oder gar gefangengesetzt würden; sie hatten sich anfangs sogar nicht in die Burg getraut und ihre Kunde unters Volk gestreut, damit sie von da aus an den Hof dringe. Allein König Gunther wußte, was sich ziemte, und tat den Herolden kein Leid und bewirtete sie nach allen Maßen der Höfischkeit. Er brachte sie auch in den besten Quartieren der Stadt unter, denn was die Antwort anbetraf, hatte er sich Bedenkzeit ausgebeten.

König Gunther machte sich nichts darüber vor, daß es schlimm um ihn stand, und er bat Hagen und Gernot zur Beratung. Die hatten bereits seltsame Gerüchte vernommen und kamen eilends mit ihren vertrautesten Herren. Gernot sagte tapfer: »Wenn es nun einmal sein muß, dann wollen wir uns schlagen wie brave Ritter und die Herausforderung annehmen! Verhandeln wäre ehrlos, und ein Feldzug sollte uns nicht schrecken; es stirbt ja keiner, dem der Tod nicht bestimmt ist!«

Hagen aber sprach: »Das sind ungute Worte, König Gernot. Liudeger und Liudegast sind mächtige Feinde, und sie haben lange auf diesen Tag hingearbeitet. Sie sind gerüstet, und unser Heerbann ist zerstreut. In zwölf Wochen können wir ihn niemals sammeln. Wir sollten darum Siegfried zu Rate ziehen.«

Das tat König Gunther. Siegfried war sehr erstaunt, als er hörte, worum es sich handelte. »Weshalb habt Ihr nicht sofort nach mir gesandt, König Gunther?« fragte er aufgebracht, »vertraut Ihr mir nicht mehr?« – »Ich habe mein Leid von deinem Frohgemut fernhalten wollen«, erwiderte König Gunther. Da wurde Siegfried bleich und dann gleich wieder rot vor Erregung, und er sagte zu König Gunther: »Was wäre das für ein Ritter, der sich scheute, nach der Freude nun auch das Leid mit dem Bruder zu teilen! Wahrhaftig, Ihr denkt nicht gut von mir, König Gunther!«

Dennoch war Siegfried sofort zur Hilfe bereit. »Mögen auch ihrer dreißigtausend anrücken«, so sprach er, »ich nehme es mit ihnen auf, wenn Ihr mir nur tausend Mann mitgeben könntet, König Gunther, und auch um die würde ich nicht bitten, hätte ich mehr als nur elf meiner Kameraden bei mir! Tausend Mann könnt Ihr auch in kurzer Frist versammeln, und wenn sich noch Hagen von Tronje und Ortwin von Metz zur Verfügung stellten, nach Möglichkeit auch noch die Herren Dankwart und Sindold und Volker von Alzay als Fahnenträger, so könnt Ihr um Burgund ohne Sorge sein! Des Feindes Fuß soll seine Fluren nie betreten!«

Es geschah so, wie Siegfried geraten, und das Burgunderheer setzte sich in Marsch. An seiner Spitze stand König Gernot; Quartiermeister war Hagen von Tronje; Fahnenträger Volker von Alzay; Führer der Nachhut Ortwin von Metz, und Feldherr und damit auch Führer der Vorhut und erster Kundschafter war Siegfried von den Niederlanden. König Gunther blieb in Worms zurück. Das Heer zog über Hessen hinauf nach Sachsen, das war derselbe Weg, den später der edle Herrscher der Christenheit, der große Karl, gezogen ist. Beim Abschied flossen viele Tränen, und kummervolle Sorge herrschte in Worms, was die kleine Truppe gegen die verbündeten Heere des Nordens wohl ausrichten könnte. Am meisten von allen bangte Kriemhild.

Nach wenigen Tagen hatte die Kriegsschar die Grenze erreicht. Hier wurde der Troß zurückgeschickt, denn von nun an hatte, wie es der Brauch war, das Feindesland das Heer zu ernähren, und was Mann und Roß nicht verzehrten, wurde, wie es ebenfalls Brauch war, zerstampft und verbrannt, damit die feindlichen Könige die Not des Kriegs geziemend verspürten. So zogen denn die Helden eine Spur aus Asche und Blut hinter sich her; Dörfer und Fluren gingen in Flammen auf, die Saaten wurden versehrt, die Burgen geschleift, die Mühlen zertrümmert, die Wehre zerhauen, und es war ein solches Wüsten und Brennen, daß man in Worms noch lange davon zu erzählen hatte. Indes mußte man jede Stunde gewärtig sein, auf den Gegner zu stoßen, und so ritt Siegfried zur Kundschaft aus. Er ritt allein ins feindliche Land, und wer ihm in den Weg trat, sank schnell aus dem Leben. Er war noch nicht lange unterwegs, da sah er auf einer weitgewellten Heide das Heer der Dänen und der Sachsen. Es waren ihrer vierzigtausend, vielleicht auch noch mehr. Da jauchzte des jungen Helden Herz. Zum ersten Mal stand er vor dem Feind!

Nun war auch vom Heer der Gegner ein Kundschafter unterwegs, und das war kein anderer als König Liudegast von Dänemark. Sein Schild war aus purem Gold. Bald stießen die Späher aufeinander. Beim Anblick des andern hieb jeder seinem Roß die Sporen in die Weichen; jeder zersplitterte Klinge und Lanzenschaft am Schild des Gegners, der Flug der Renner war aber so ungestüm, daß die beiden dennoch aneinander vorübersausten, als rauschte Wind gegen Wind. Sie rissen ihre Pferde herum, und nun schmetterten die Schwerter aufeinander, und unter ihren Streichen sprühten Flammen. König Liudegast wehrte sich tapfer und brachte Siegfried in harte Bedrängnis, schließlich aber sank er, von drei schweren Wunden zerklüftet, aus dem Sattel und mußte sich und sein Land dem Überwinder ergeben. Siegfried wollte den König eben als Gefangenen zum Oberbefehlshaber bringen, da stoben dreißig dänische Ritter heran und fielen über den Helden her.

Es waren ihrer dreißig, und Siegfried war allein, und gerade das war nach seinem Sinn. Neunundzwanzig erschlug er, und den dreißigsten ließ er nur am Leben, daß er die Nachricht von Liudegasts Gefangennahme seinem Heerführer überbringe, und der war König Liudeger. Der blutverkrustete Helm des dänischen Ritters war Beweis genug für dessen Tapferkeit, dennoch tobte König Liudeger vor Zorn, als er hörte, daß ein einziger Kämpfer Burgunds dreißig Dänen besiegt und ihren König in Gefangenschaft abgeführt hatte. Er wußte nicht, daß Siegfried im Feld stand, und glaubte, dieser Held sei König Gernot gewesen. »Gewiß, Gernot ist tapfer und kühn«, rief Liudeger, »aber er wiegt niemals dreißig Mann auf! Das geht nicht mit rechten Dingen zu!« Er schwor, Gernot zum Kampf zu stellen und ihn zu überwinden, dann befahl er aufzusitzen und zum Zeichen des Angriffs die Fahnentücher an die Stöcke zu binden. Zu gleicher Zeit erhob auch bei den Burgundern Herr Volker von Alzay die Fahne. Da rannten die Heere widereinander, und ein Schlachten hob an, daß der Himmel erdröhnte und kein Halm auf der Heide mehr grün und heil blieb. Rotes Blut floß aus den Helmen und Brünnen und strömte in Bächen über die Sättel, und die Erde wurde morastig davon.

König Liudeger suchte Gernot. Er sah, daß ein burgundischer Ritter mit seinem Schwert eine Gasse durch die Reihen seiner Gegner hieb, und er versuchte, sich zu ihm durchzuschlagen. Er brauchte viele Stunden, bis ihm das gelang, und in dieser Zeit sanken Hunderte tapferer Krieger ins Gras, denn die Burgunder wie die Sachsen und Dänen fochten mit größter Erbitterung. Schließlich hatte König Liudeger den Ritter, den er für König Gernot hielt, erreicht, und da erkannte er Siegfrieds Wappen: eine goldene Krone auf blauem Grund. Nun befahl er sofort, den Kampf abzubrechen. »Wer sich solch einem Gegner ergibt, ergibt sich in Ehren!« sprach er. Und er fügte hinzu: »Den hat der Teufel selber nach Sachsen geschickt!«

Boten ritten den Siegern voraus. In Worms aber hatte man mit einer schnellen Niederlage gerechnet, und darum durchsauste Entsetzen die Stadt, als schon nach wenigen Wochen ein gepanzerter Reiter auf ihre Mauern zuraste. Als sich aber die Kunde von dem glänzenden Sieg verbreitet hatte, war auf den Straßen wie in der Burg des Jubels kein Ende mehr.

Kriemhild ließ den Boten, nachdem er im Saal König Gunther Bericht erstattet hatte und sich gerade zur Ruhe begeben wollte, heimlich abfangen und in ihr Gemach vor dem Bergfried führen. Sie wollte ihm dort eigentlich nur eine einzige Frage stellen, die Frage, die ihre Brust zerbrannte: Lebt Siegfried? Allein die Zucht verbot, dies ohne Umschweife zu fragen und solcherart sein Herz zu entblößen, und selbst die vertrautesten Kammerfrauen achteten streng auf Sittsamkeit. Also fragte Kriemhild den Boten scheinbar gelassen aus, wie es der Brauch war. Zunächst versprach sie ihm reiche Belohnung, wenn er gute Kunde bringe und wahr spreche und höchst genau erzähle, und der Bote, der drei Tage und Nächte im Sattel gesessen hatte, sagte dies mit einer vor Müdigkeit rauhen Stimme zu. Er hätte gern erklärt, daß es jetzt seine größte Belohnung wäre, sich auf den blanken Estrich legen und schlafen zu dürfen. Allein die Zucht gebot ihm, in artiger Haltung stehend auszuharren, und also harrte er in artiger Haltung aus.

»Mich verlangt sehr, zu wissen, vieledler Ritter, ob unser glorreiches Heer den Sieg über die grimmigen Dänen und Sachsen errungen hat«, begann Kriemhild zu fragen.

»Unser glorreiches Heer hat über die grimmigen Dänen und Sachsen gesiegt, obwohl es ihrer sechzigtausend gewesen sind, vierzigtausend Sachsen und zwanzigtausend Dänen, und dem Herrn des Himmels und der Erde sei Dank dafür!« erwiderte der Bote. »Unzählige Leiber des Feinds bedecken die Walstatt, vieltausend Frauen im Sachsenland und im Dänenland weinen und schluchzen um ihre Toten, und die stolzen Könige Liudeger und Liudegast, die so freventlich den Frieden gebrochen, ziehn durch den Staub als Gefangene nach Worms!«

»Und unsere Heere, hatten sie viele Verluste?« fragte Kriemhild.