Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe

© 2017 ars Edition GmbH, Friedrichstr. 9, 80801 München

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© Text: Renée Holler

© Umschlaggestaltung: Grafisches Atelier arsEdition

unter Verwendung von Material von Thinkstock/​Getty Images

Covertypografie: Carolin Hensler

ebook Umsetzung: Zeilenwert GmbH

ISBN ebook 978 - 3-8458 - 2187-0

ISBN Printausgabe 978 - 3-8458 - 1593-0

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Die Autorin

Leseprobe zu "House of Ghosts"

Das Mädchen auf dem Fernsehbildschirm, der über dem Gepäckband hing, sah genau wie Lily aus. Der Seitenscheitel, die glatten blonden Haare, die hochgezogenen Augenbrauen und das verschmitzte Lächeln. Nein, das Mädchen sah nicht nur so aus wie Lily, sondern es war Lily. Da bestand kein Zweifel, denn Selina erkannte das silberne Kettchen mit dem winzigen Elefantenanhänger, den Mum ihrer Cousine zum Geburtstag geschenkt hatte.

Lily in den Nachrichten? War Selina von dem langen Flug aus Indien so erschöpft, dass sie nicht mehr richtig denken konnte und jetzt zu halluzinieren begann? Sie blickte zu den anderen Monitoren, die in der Ankunftshalle des Flughafens von der Decke hingen, und auch dort grinste ihr die Cousine entgegen. Gleich darauf wechselte das Bild, und ein Nachrichtensprecher erschien, der nur lautlos seinen Mund bewegte, da der Sound auf stumm gestellt war. Um den Text, der unten am Bildschirm eingeblendet wurde, zu lesen, musste Selina erst näher an einen der Fernseher ran, aber genau in dem Augenblick flimmerten die Bilder eines Fußballstadions auf. Die Kamera zoomte auf einen der Fußballstars, der den Ball ins Tor kickte, danach jubelnde Fans. Selina rieb sich gähnend die Augen. Hatte sie dort wirklich ein Foto von Lily gesehen? Immerhin war sie, mit einer Zwischenlandung in Abu Dhabi, von Kalkutta aus mehr als 14 Stunden unterwegs gewesen. Da konnte es schon vorkommen, dass man vor lauter Übermüdung plötzlich seltsame Dinge zu sehen glaubte, die in Wahrheit gar nicht existierten. Vermutlich war es wirklich nur ein Mädchen gewesen, das Lily ähnlich sah. Sie blickte nochmals Richtung Bildschirm, aber dort wurde jetzt eine Liste der verschiedenen Fußballteams gezeigt und die Tore, die sie geschossen hatten. Lily wartete sicher bereits ungeduldig in der Ankunftshalle des Flughafens darauf, Selina endlich wiederzusehen. Sobald ihr Koffer auf dem Gepäckband auftauchte, würde Selina so schnell wie möglich durch den Zoll gehen, um auf der anderen Seite ihre Cousine in die Arme zu schließen.

Wenn das Förderband nur endlich anfinge, sich zu bewegen. An der richtigen Stelle wartete sie auf jeden Fall, denn die Anzeigetafel an der Säule zeigte an, dass das Gepäck aus Kalkutta an Band acht erwartet wurde. Außerdem erkannte sie die Gesichter der anderen Passagiere, die sich um das gleiche Band drängten, vom Flug. Manche hatten sich einen Gepäckwagen organisiert, den sie ungeduldig festhielten. Selina reiste nur mit einem Rollkoffer, und den würde sie leicht ohne einen Wagen schaffen. Als sich das Band schließlich ruckartig in Bewegung setzte, richteten sich alle Blicke erwartungsvoll zu der Öffnung mit den schwarzen Gummiklappen, wo das leere Band wie eine Schlange auftauchte und an den Wartenden vorüberglitt. Jeden Augenblick würde ihr Koffer hier auftauchen und dann würde sie Lily wiedersehen. Das letzte Mal schien ewig her. Es war der Sommer vor drei Jahren gewesen, den sie zusammen in Cornwall verbracht hatten. Damals waren sie zehn gewesen und hatten gemeinsam jede Menge Spaß gehabt. Sie waren jeden Tag am Meer gewesen und hatten sogar richtig surfen gelernt. Jetzt war Selina fast dreizehn und würde nicht nur die Ferien bei ihren Verwandten verbringen, sondern richtig bei ihnen wohnen und zusammen mit Lily zur Schule gehen. Doch sosehr Selina sich auf Lily freute, auf Schule hatte sie überhaupt keine Lust. Abgesehen davon, dass sie Mum, die wegen ihrer Arbeit in Indien bleiben musste, echt vermissen würde. Endlich! Die ersten Gepäckstücke zogen langsam durch die Klappe: ein riesiger roter Koffer, dahinter ein grüner Rucksack, eine braune Reisetasche, danach längere Zeit nichts. Ungeduldig trat Selina näher ans Band. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis weitere Gepäckstücke eintrudelten, nur ihr schwarzer Rollkoffer war noch immer nicht dabei. Schließlich entdeckte sie, wie er sich langsam aus der Klappe schob und auf sie zuzockelte, doch genau als sie nach ihm greifen wollte, kam ihr eine Frau zuvor, die das Gepäckstück vom Band wuchtete. Selina wollte sich bedanken, aber die Frau hatte bereits den Griff des Koffers hochgezogen und schritt auf den Ausgang zu.

»Halt«, rief Selina. »Das ist meiner!« Sie deutete auf den Sticker, den sie vor der Abreise an den Rand geklebt hatte. Darauf war ein Tiger zu sehen, das Kennzeichen des Naturreservats, in dem ihre Mutter arbeitete.

»Oh, sorry«, sagte die Frau. »Wie peinlich. Meiner ist auch schwarz.« Sie übergab Selina den Koffer. »Gute Idee mit dem Sticker. Das nächste Mal klebe ich auch einen drauf, dann kann mir das nicht mehr passieren.« Sie nickte Selina lächelnd zu, sodass ihre Ohrringe wild hin und her baumelten, und stellte sich wieder ans Band.

Selina blickte nochmals kurz zum Bildschirm hoch, wo jetzt eine Wetterkarte von England zu sehen war, über die dunkle Regenwolken zogen. Falls in den Nachrichten davor tatsächlich ein Bild von Lily gezeigt worden war, würde ihre Cousine sie sicher gleich darüber aufklären. Erwartungsvoll zog sie den Koffer hinter sich her auf den Ausgang zu, schritt am Zoll vorbei und trat durch eine Schiebetür in die Ankunftshalle des Flughafens. Obwohl sie erst einen Augenblick zuvor vor Müdigkeit kaum noch ihre Augen hatte offen halten können, fühlte sie sich plötzlich hellwach. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Jetzt war es gleich so weit und sie würde Lily sehen. In der Halle angekommen, blieb Selina erst einmal stehen, um ihren Blick über die wartenden Menschen schweifen zu lassen. Eine junge Frau fiel einem Mann um den Hals und die beiden küssten sich. Daneben hielt ein Mann mit Turban ein Schild hoch, auf dem Mr Singh stand. Ein Herr im Anzug umklammerte einen Strauß Rosen, während er nervös den Ausgang fixierte.

Es war gar nicht so einfach, Lily und Tante Laura in diesem Gewimmel auszumachen. Um sie nicht zu verpassen, war es wohl am besten, neben einer der Säulen stehen zu bleiben. Hinter Selina strömten weitere Passagiere aus der Schiebetür. Nicht jeder wurde abgeholt, und viele marschierten zielstrebig an den wartenden Leuten vorbei zum Busbahnhof, zum Parkhaus oder Richtung U-Bahn. Plötzlich blitzte hinter dem Mann mit dem Blumenstrauß blondes Haar auf. Ein Mädchen lief strahlend in ihre Richtung. Lily? Es rannte an Selina vorbei, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, und flog gleich darauf in die Arme eines Mannes. Hinter dem Mädchen tauchte nun eine Frau zwischen den Wartenden auf, die sich der fröhlichen Begrüßung anschloss. Tante Laura und Lily waren immer noch nirgends zu sehen.

Standen sie vielleicht im Stau? Immerhin war es bereits kurz nach fünf, da war auf der Autobahn sicher der Teufel los. Selina zog ihr Handy aus der Hosentasche, um nachzusehen, ob sie eine SMS bekommen hatte, aber das Gerät reagierte nicht. Typisch! Der Akku war leer. Geduldig hielt sie weiter Ausschau. Im Vergleich zu all den schicken Leuten, die an ihr vorüberliefen, kam sie sich plötzlich richtig verlottert vor. Kein Wunder, denn sie hatte sich seit der Dusche vor dem Abflug gestern früh weder gewaschen noch die Zähne geputzt. Unsicher fuhr sie sich mit den Fingern durch ihre zotteligen braunen Haare und fasste sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann schob sie sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und fühlte sich gleich etwas besser. Jetzt fehlte nur noch ein gemütliches warmes Bett. Auch wenn der Flug ohne Zwischenfälle verlaufen war, hatte sie nicht besonders gut geschlafen. Erst hatte sie sich den neuen Daniel-Dakota-Film angesehen, ohne sich so richtig darauf konzentrieren zu können. Dazu war sie viel zu aufgeregt gewesen. Immer wieder musste sie an ihr neues Leben in England denken. Für Millionen von Kindern in ihrem Alter wäre dieses Leben mit Schulalltag, Lehrern und Freunden nichts Besonderes, aber Selina war in Indien von Mum zu Hause unterrichtet worden. Dann vor ein paar Wochen hatte ihre Mutter plötzlich beschlossen, dass Selina dazu zu alt war. Stattdessen sollte sie in England in ein Internat gehen, um, wie Mum sagte, eine ordentliche Ausbildung zu erhalten. Allerdings war Selina überzeugt, dass es nicht nur Mums Idee gewesen war, sondern dass Bob, der neue Freund ihrer Mutter, sie auf diese Idee gebracht hatte.

Selina wollte nicht aus Indien weg. Sie liebte den Dschungel und konnte sich nicht vorstellen, ihre beste Freundin Neela dort zurückzulassen. Aber Mum hatte darauf bestanden, und nur mit Mühe hatte Selina sie überreden können, sie wenigstens nicht in ein Internat, sondern stattdessen zu Tante Laura und Onkel Harry nach Oxford zu schicken. Selina stellte sich gähnend auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Wo blieben sie denn nur so lange? Tante Laura wusste doch genau, dass sie heute ankommen würde. Oder hatte Mum, zerstreut, wie sie manchmal war, ihr den falschen Termin gemailt?

Eine Stunde später stand Selina immer noch neben der Säule. Sie war total erschöpft, und ihre Vorfreude hatte sich langsam in Niedergeschlagenheit verwandelt, während sie sich gleichzeitig einsam und verlassen vorkam. Mum hatte sie wegen diesem doofen Bob abgeschoben und ihre Verwandten ließen sie einfach am Flughafen versauern. Selina schaffte es kaum, ihre Tränen zurückzuhalten. Neela hätte sicher gesagt, dass Weinen sinnlos sei und es vernünftiger wäre, einen Plan zu fassen. Aber was sollte sie tun? Sie könnte zu einem der öffentlichen Telefone gehen und Tante Laura zu Hause anrufen, aber die Nummer hatte sie nur im Handy gespeichert. Vielleicht würden sie ihr ja am Informationsschalter helfen.

»Na, du bist immer noch da? Holt dich denn niemand ab?« Die Frau mit den baumelnden Ohrringen kam auf sie zu.

Selina schüttelte stumm den Kopf. Durch die freundliche Anteilnahme der Frau gelang es ihr allerdings nicht, länger die Tränen zurückzuhalten, die ihr unkontrolliert die Wangen hinabkullerten.

»Ich warte auf meine Tante«, stammelte sie. »Und sie ist immer noch nicht da.«

»Vielleicht ist ihr etwas dazwischengekommen«, überlegte die Frau. »Wo wohnt deine Tante denn?«

»In Oxford.«

»Ach, in Oxford! Na, dann ist das alles doch gar kein Problem.«

Selina blickte sie mit tränenverschwommenen Augen an. Was meinte sie damit? Alles gar kein Problem? Für Selina war es wohl ein Problem. Jetzt reichte die Frau ihr ein Taschentuch und legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. »Ich wohne auch in Oxford und mein Wagen steht im Parkhaus hier. Ich werde dich bei deiner Tante abliefern.«

Selina starrte die Frau ungläubig an.

»Wirklich? Sie wohnen in Oxford?« Dann putzte sie sich die Nase und wischte die Tränen von den Wangen.

»Ja, ich arbeite dort in der Unibibliothek. War drei Wochen in Indien auf Urlaub. Grrr, ist das kalt hier. Sie zog einen bunten Schal aus ihrer Umhängetasche und wickelte ihn um ihre Schultern. Bist du warm genug angezogen?«

Selina nickte. Mum hatte ihr für England einen neuen Wintermantel gekauft, in den sie sich bereits im Flugzeug wegen der Klimaanlage gewickelt hatte.

»Und die habe ich auch noch.« Sie zog eine Wollmütze aus der Manteltasche, die sie sich über den Kopf stülpte.

»Wir sollten deine Tante anrufen, bevor wir losfahren.«

»Ich habe ihre Nummer nicht.«

»Ach so. Hm, na dann überraschen wir sie eben. Los, komm. Auf geht’s!« Die Frau zog mit ihrem Koffer los und blickte sich auffordernd nach Selina um, während sie unaufhaltsam weitersprach. »Das war echt ein langer Flug. Aber ich habe mir gerade einen doppelten Espresso und ein Hefeteilchen gegönnt und mich auf der Toilette frisch gemacht. Bin also gestärkt und wach genug für die Fahrt. Da musst du dir keine Sorgen machen. Ach ja, und ich heiße Jenny, Jenny Smith.« Sie hielt Selina die Hand hin.

»Selina Dawkins«, antwortete Selina und griff zaghaft nach der Hand der Frau, die die ihre fest drückte.

Jenny Smith war jung, trug kurz geschnittene, strubbelige Haare und hatte ein freundliches Gesicht. Auch wenn Mum immer gesagt hatte, sie solle nie zu Fremden ins Auto steigen, hatte sie damit sicher doch nur fremde Männer gemeint, keine freundliche Bibliothekarin, die zufällig in Oxford lebte. Es war sicher ungefährlich, mit ihr mitzufahren. Und eigentlich war es ohnehin Mums Schuld, wenn sie zu einer Fremden ins Auto stieg, da sie Tante Laura bestimmt den falschen Termin genannt hatte. Selina blieb eigentlich gar nichts anderes übrig, als der Frau zu vertrauen.

»Danke«, sagte sie deswegen nur schlicht und folgte ihr ins Parkhaus.

Wenig später fuhren sie auf der Autobahn Richtung Oxford. Jenny meinte, wenn sie mit dem Verkehr Glück hätten, müsste es nur eine gute Stunde dauern. Dann fragte sie Selina, wo genau die Verwandten denn in Oxford wohnen würden.

»Im Norden der Stadt«, erklärte Selina. »Cranfield Road.« Sie konnte sich sogar an die Hausnummer erinnern.

»In Nord-Oxford! Nicht zu fassen. Ich wohne in Summertown. Das trifft sich ja hervorragend. Da muss ich gar keinen großen Umweg fahren, um dich abzuliefern. Wie heißen deine Verwandten denn?«

»Laura und Harry Cooper.«

»Harry Cooper!«, rief Jenny, und für einen kurzen Augenblick schwenkte der Wagen leicht nach links, aber sie hatte ihn gleich wieder im Griff. »Harry Cooper, der berühmte Historiker? Der Harry Cooper, der so oft im Fernsehen zu sehen ist?«

»Ja.« Selina hatte nie viel darüber nachgedacht, was ihr Onkel beruflich machte. Mum hatte mal erwähnt, dass er historische Fernsehsendungen kommentierte. Aber dass er so berühmt war, wusste Selina nicht.

»Harry Cooper ist einmalig«, schwärmte Jenny. »Er schaut nicht nur gut aus, sondern lässt geschichtliche Themen so richtig lebendig werden. Er stand vor ein paar Monaten ständig im Rampenlicht. Er …«

Selina merkte, wie sie plötzlich sehr müde wurde. Jenny hatte die Heizung angestellt und es war kuschelig warm im Wagen. Die Leuchtziffern der Uhr auf dem Armaturenbrett zeigten an, dass es 20 : 05 Uhr war. Selina versuchte auszurechnen, wie viel Uhr es in Indien war. Auf jeden Fall war es dort schon mitten in der Nacht. Draußen hatte es angefangen zu regnen. Das monotone Hin und Her der Scheibenwischer, zusammen mit den roten Rücklichtern der anderen Autos, die sich wie eine rote Lichterschlange die Straße entlang schoben, wirkte auf Selina wie ein Schlafmittel, und Jennys Monolog tat sein Übriges. Wenig später war sie eingeschlafen.

»Gehe nie mit Fremden mit«, hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter. »Man weiß nie, ob man ihnen trauen kann.« Selina schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie hatte nur geträumt, denn sie saß immer noch im Auto. Jenny hatte das Radio angestellt und es kam klassische Musik. Die Leuchtziffern auf der Uhr zeigten kurz nach 9 Uhr an. Wie konnte sie nur so leichtsinnig sein und in das Auto dieser Fremden steigen. Was, wenn die junge Frau plante, Selina kaltblütig zu ermorden?

»Wir sind bald da. Es ging schneller als erwartet.«

Sie waren nicht mehr auf der Autobahn, sondern fuhren auf einer erleuchteten Straße, die auf beiden Seiten von Bäumen und Häusern gesäumt wurde.

»Die Straße, in der dein Onkel und deine Tante wohnen, ist gleich dort um die Ecke.« Sie bog nach links ab, fuhr ein Stück weiter, dann hielt sie an.

»Was ist denn dort los? Sind das Polizeiautos?« Jenny ließ den Motor laufen, damit die Scheibenwischer weiter freie Sicht erlaubten. »Welche Hausnummer wohnt dein Onkel noch mal?«

»Nummer 51«, antwortete Selina mit zittriger Stimme. Sie versuchte angestrengt, durch die regennasse Windschutzscheibe zu sehen. Vor dem Haus von Tante Laura und Onkel Harry standen tatsächlich zwei Streifenwagen. Und plötzlich fiel ihr wieder die Nachrichtensendung mit dem Foto von Lily ein. Was war hier los?

»Ist wohl nicht der passende Zeitpunkt, deinen Onkel um ein Autogramm zu bitten«, sagte Jenny, dann wurde sie ernst. »Willst du, dass ich mitkomme?«

Selina nickte. Innerlich hoffte sie, dass die beiden Polizeiautos, die vor der Hausnummer 51 geparkt hatten, nur zufällig dort unter dem gelblichen Licht der Straßenlaterne standen. In der Adresse, das wusste sie genau, hatte sie sich auf keinen Fall getäuscht. Sie konnte sich noch sehr gut an Tante Lauras und Onkel Harrys geräumiges viktorianisches Backsteinhaus mit den Dachgiebeln und Erkerfenstern erinnern. Vor drei Jahren hatten sie dort ein paar Tage verbracht, bevor sie zur Küste aufgebrochen waren. Lily hatte damals ihr Zimmer mit Selina geteilt, von dem sie jetzt im ersten Stock das hell erleuchtete Fenster sehen konnte. Der riesige Baum im Vorgarten streckte seine fast blattlosen Äste immer noch in den Himmel. Das Außenlicht neben der Eingangspforte war angeschaltet und auch in allen anderen Räumen des Hauses war Licht an. Niemand hatte daran gedacht, die Gardinen zuzuziehen, und die hell erleuchteten Fenster strahlten in die Nacht hinaus, was den Rest der Straße an diesem dunklen Oktoberabend finster und bedrohlich erscheinen ließ. Zwei Gestalten kamen aufs Auto zu, im blendenden Licht nur als Umrisse zu erkennen.

»Vielleicht filmen die hier nur«, meinte Jenny, aber man konnte an ihrer Stimme hören, dass sie das selbst nicht glaubte. »Dein Onkel ist oft im Fernsehen. Vermutlich hat er mal wieder ein wertvolles Manuskript aufgestöbert oder irgendeine andere Entdeckung gemacht. Los komm, ich bring dich rein.« Sie stellte den Motor aus, doch bevor sie die Autotür öffnen konnte, wurden beide Türen von außen aufgerissen.

»Steigen Sie aus! Hände aufs Autodach!«, befahl eine Stimme auf Jennys Seite. Auch Selina wurde aufgefordert auszusteigen, allerdings befahl man ihr nicht, die Hände über den Kopf zu heben, sondern eine junge uniformierte Polizistin, die eine gelbe Warnweste trug, griff sie nur fest am Arm und zog sie vom Sitz hoch aus dem Wagen heraus.

»Wir haben sie gefunden, Boss«, rief sie gleich darauf in ein Walkie-Talkie, ohne Selina loszulassen. »Miller hat verdächtige Frau unter Kontrolle.« Man hörte es knistern und am anderen Ende antwortete eine blecherne Stimme.

»Bringen Sie das Mädchen ins Haus.«

Es war alles so unwirklich, dass Selina das Gefühl hatte zu träumen. Selbst der eisige Wind, der ihr den Regen ins Gesicht peitschte, fühlte sich fremd an. Zu Hause war es nie so kalt, und trotz des Wintermantels und der Wollmütze, die sie immer noch aufhatte, begann sie zu zittern. Bevor sie durch die Eingangspforte traten, gelang es Selina, sich kurz umzublicken. Im Schein der Straßenlaterne konnte sie Jenny sehen, die immer noch am Wagen lehnte, die Hände erhoben, während sie jemand durchsuchte. Hatte Selina sich so in der netten Frau getäuscht? Konnte es sich tatsächlich um eine Kriminelle handeln? Verwirrt ließ sie sich von der Polizistin zum Haus führen und fand sich im nächsten Augenblick in einer hell erleuchteten, warmen Küche voller Menschen wieder. Ein Mann im Trenchcoat kam auf sie zu.

»Da haben Sie die Falsche erwischt, Evans«, sagte er barsch, während er Selina die Mütze vom Kopf zog. »Oder haben Sie nicht bemerkt, dass dieses Mädchen hier braune Haare hat.« Er deutete auf Selinas Pferdeschwanz. »Lily Cooper ist blond.«

Die Polizistin wurde rot und blickte verlegen auf ihre Schuhe. »Sorry, Sir. Ich dachte … Sie ist genauso alt wie der vermisste Teenager, und ich habe angenommen –«

»Das reicht nicht aus«, erwiderte der Mann, der offensichtlich der Chef der Polizistin war.

»Selina?« Tante Laura schob sich am Inspektor vorbei. Ihre Augen sahen rot und verquollen aus, als hätte sie geweint. »Du meine Güte! Ich habe ganz vergessen, dass du heute ankommst.« Sie umarmte ihre Nichte.

»Wo ist Lily?«, fragte Selina, nachdem die Tante sie wieder losgelassen hatte. Sie blickte sich in der Küche um. Außer Tante Laura, Onkel Harry, dem Polizeiinspektor und der Polizistin war da noch ein weiterer Polizist in Uniform und eine Frau mit Schürze, die sie nicht kannte. Ihre Cousine war nirgendwo zu sehen.

»Was ist passiert?«

Unwillkürlich musste Selina wieder an die Fernsehbilder auf dem Flughafen denken. Es war wirklich Lily gewesen, Lily mit ihrem typischen Lächeln und der Halskette mit dem Elefantenanhänger. Beim Gedanken daran zog sich ihr Magen zusammen.

»Was ist passiert?«, wiederholte sie ihre Frage, schon wieder den Tränen nahe.

Tante Laura fing an zu schluchzen, unfähig zu antworten. Onkel Harry drückte erst seine Frau liebevoll auf den Küchenstuhl, dann kam er auf Selina zu.

»Herzlich willkommen in Oxford«, sagte er und schüttelte ihre Hand. »Wie du siehst, herrscht hier das absolute Chaos. Tut uns äußerst leid, dass wir dich nicht abgeholt haben.« Er blickte kurz zu seiner Frau, danach zum Inspektor, dann räusperte er sich. »Lily ist seit Freitag verschwunden.«

Selina war plötzlich übel. Der Boden schwankte unter ihren Füßen und alles begann sich zu drehen. Die fremde Frau in der Schürze, die stumm an der Anrichte gelehnt hatte, eilte auf sie zu, half ihr aus dem Mantel und führte sie zu einem Stuhl.

»Setz dich«, sagte sie. Dann reichte sie ihr ein Glas Wasser. »Hier, trink.«

Selina nahm folgsam einen Schluck und fühlte sich etwas besser.

»Selina Dawkins, unsere Nichte«, stellte der Onkel sie jetzt der Polizei vor, bevor Selina selbst etwas sagen konnte. »Sie ist heute aus Indien angekommen und wird ab sofort bei uns wohnen. Sie wird mit Lily zusammen die Schule besuchen.«

»Ich verstehe, Evans«, wandte sich der Inspektor jetzt an die Polizistin. »Sie können die Verdächtige gehen lassen. Die Frau hat wohl nichts damit zu tun. Sie hat das Mädchen nur vom Flughafen nach Oxford gebracht. Lassen Sie sich trotzdem ihre Kontaktdaten geben. Für alle Fälle.«

»Ja, Sir.« Die Polizistin nickte und verließ die Küche. Ihr Boss wandte sich wieder an Onkel Harry und Tante Laura.

»Also, wir müssen noch besprechen, wie wir weiter vorgehen werden.« Er machte eine kaum bemerkbare Kopfbewegung Richtung Selina. »Vielleicht unter sechs Augen?«

»Selina gehört zur Familie. Sie ist alt genug, und es ist besser, wenn sie erfährt, was los ist«, erwiderte Onkel Harry, während er sich mit der Hand über sein stoppeliges Kinn strich.

»Wie Sie meinen«, erwiderte der Inspektor, wobei seiner Stimme anzuhören war, dass ihm Selinas Anwesenheit nicht passte. »Also, dann erst mal zum Stand der Dinge. Bisher verlief die Suche leider erfolglos.«

Tante Laura schluchzte wieder laut auf, ihr Gesicht weiß wie Kreide. Die Frau in der Schürze riss ein Stück von einer Küchenrolle ab und reichte es ihr. Auf dem Tisch türmte sich bereits ein Haufen zusammengeknüllter Papiertücher. Tante Laura schnäuzte sich und rieb sich die Augen.

»Das sollten Sie nicht unbedingt negativ sehen«, fuhr der Inspektor fort. »Unsere Suchtrupps haben den Kanal und den Fluss durchkämmt und nichts gefunden. Weder ihr Fahrrad noch ihr Handy oder ihre Schultasche.« Wieder schluchzte die Tante. Onkel Harry rückte einen Schritt näher, sodass er dicht hinter ihr stand, und legte ihr beide Hände tröstend auf die Schultern.

»Wir sehen das als äußerst positives Zeichen, denn was ein Fahrrad im Kanal bedeuten würde, muss ich Ihnen nicht sagen.« Er räusperte sich. »Wie Sie wissen, haben wir inzwischen die Presse informiert. Das hilft, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Und irgendjemandem wird eine Dreizehnjährige, die allein mit einem knallroten Fahrrad unterwegs ist, sicher auffallen.«

»Und was ist mit Hubschraubern, Inspektor?«, fragte der Onkel. »Werden die weiter nach ihr suchen?«

»Wir tun unser Möglichstes«, erwiderte der Inspektor. »In Anbetracht der Tatsache, dass Lily dieses Jahr schon einmal ausgebüxt ist, erscheint es uns wahrscheinlich, dass sie es wieder getan hat.«

»Aber es gab doch gar keinen Grund dazu«, meinte die Tante mit zittriger Stimme.

»Es gibt zahllose Gründe, warum Kinder ausreißen«, erwiderte der Polizeiinspektor, und es kam Selina so vor, als ob er wieder in ihre Richtung nickte.

»Meinen Sie damit, dass sie nicht entführt wurde?« Onkel Harrys Finger bohrten sich tiefer in Tante Lauras Schulter.

»Ja, auch wenn wir es zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit sagen können. Immerhin gab es bisher keine Lösegeldforderung, und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass Ihre Tochter Opfer eines Verbrechens wurde.« Er begann, etwas in seiner Manteltasche zu suchen, während er gleichzeitig weitersprach. »Trotzdem raten wir Ihnen, dafür zu sorgen, dass immer jemand zu Hause ist, um das Telefon zu beantworten.« Endlich hatte er gefunden, was er suchte. Er zog ein schwarzes Notizbuch aus seiner Manteltasche und klappte es auf. »Dann ist da noch Eric … Eric Hamilton, einer von Lilys Freunden. Wir werden morgen früh noch einmal mit ihm sprechen und auch andere Klassenkameraden befragen. Ach ja, unser Kollege ist noch dabei, den Laptop ihrer Tochter zu untersuchen. Natürlich bekommen Sie ihn wieder zurück, sobald wir damit fertig sind. Das wär’s dann für heute. Versuchen Sie, sich ein wenig auszuruhen, und machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Wir tun alles, um Ihre Tochter wiederzufinden.« Er hob die Hand zum Gruß. »Gute Nacht.« Dann schritt er aus der Küche.

»Tee?«, fragte jetzt die fremde Frau, die in der Küche geblieben war, während sie den Wasserkocher am Spülbecken füllte und anschaltete.

»Danke, Ada. Ich glaube, es ist besser, ich bringe meine Frau hoch ins Bett. Der Arzt hat ihr ein Beruhigungsmittel verschrieben.« Er reichte Tante Laura zwei Tabletten und ein Glas Wasser, aber sie machte nur eine abweisende Handbewegung.

»Was, wenn Lily anruft? Oder wenn sie doch jemand gekidnappt hat und sich der Entführer meldet. Ich muss unbedingt hier am Telefon bleiben. Sie griff nach einem der zerknautschten Papiertücher, putzte sich wieder die Nase und trocknete ihre tränenfeuchten Augen. »Und Selina. Jemand muss sich um sie kümmern. Die Arme hat eine lange Reise hinter sich. Sie hat sicher Hunger und –«

»Das kann Ada erledigen, Liebling. Du brauchst Ruhe. Und mach dir keine Sorgen wegen des Telefons. Ich werde aufbleiben. Habe ohnehin noch Arbeit zu erledigen.« Er schob abermals das Wasserglas und die Pillen in Richtung seiner Frau, die jetzt widerwillig danach griff und sie schließlich doch schluckte.

»Machen Sie bitte meiner Nichte etwas zu essen«, sagte der Onkel jetzt zu Ada, die neben dem Wasserkocher wartete, in dem es bereits anfing, geräuschvoll zu sprudeln, »und zeigen Sie ihr dann ihr Zimmer. Danke! Danach können Sie nach Hause gehen.« Er nickte Selina kurz zu und führte Tante Laura zur Küchentür, die er leise hinter sich schloss. Selina ließ er allein mit Ada, die gerade Teebeutel in zwei Becher warf und mit kochendem Wasser aufgoss.

»Milch und Zucker?«

»Ja bitte, zwei Löffel.« Auch wenn sie selbst lieber gleich ins Bett gegangen wäre, konnte sie einer Tasse süßem Tee mit Milch nicht widerstehen. Es erinnerte sie an Mum und bot ihr wenigstens etwas Trost.

»Magst du Rührei mit Speck?« Die Frau stellte den dampfenden Becher Tee vor Selina.

Wann hatte sie das letzte Mal etwas gegessen? Seit dem Hühnerschnitzel mit leichtem Pappkarton-Geschmack im Flugzeug hatte sie, außer mehreren Pfefferminzbonbons, nichts mehr zu sich genommen, und trotz aller Aufregung spürte sie auf einmal ihren Magen knurren. Abgesehen davon bot ihr dies eine gute Gelegenheit, die Frau über Lilys Verschwinden auszuquetschen. Immerhin schien sie irgendwie zur Familie zu gehören.

Es stellte sich heraus, dass Ada Cox die Haushälterin der Coopers war, die damals, als Selina die Verwandten besucht hatte, auf Urlaub gewesen war. Da der Onkel und die Tante beide berufstätig waren, kam sie fünf Tage die Woche, um das Haus in Ordnung zu halten, einzukaufen, zu waschen, zu bügeln und zu kochen. Am Wochenende hatte sie frei. Heute war sie nur wegen Lily gekommen, obwohl Sonntag war. All das berichtete Ada, während sie Eier aufschlug und Speck in der Pfanne knusprig briet.

»Als Lily am Freitag nicht von der Schule heimkam, dachten wir erst, sie wäre bei Eric, dem Jungen von gegenüber. Mit dem steckt sie sonst auch immer zusammen. Aber als sie dann am Abend immer noch nicht aufgetaucht war, machten wir uns alle große Sorgen. Bei den Nachbarn war sie nicht, und Eric hatte angeblich keine Ahnung, wo sie steckte. Sie war an dem Tag nicht einmal in der Schule gewesen.«

»Hat Tante Laura denn gesehen, wie sie morgens aus dem Haus ging?« Selina blies vorsichtig in den heißen Tee und nahm einen Schluck. Die Küche begann lecker nach gebratenem Speck zu duften.

»Lily steht immer sehr früh auf, wenn alle anderen noch schlafen. Sie trägt vor der Schule Zeitungen aus und geht anschließend direkt zum Unterricht. Was sie Freitagfrüh gemacht hat, ist allen ein Rätsel.«

»Meinen Sie wirklich, jemand hat sie entführt?« Selina wusste, dass die Polizei der Meinung war, Lily sei nur ausgerissen, doch sie wollte wissen, was Ada dachte.

»Nein, das glaube ich nicht. Sie ist sicher nur ausgebüxt. Im Frühjahr fuhr Lily mit dem Zug nach London, nur weil sie sauer auf ihre Eltern war. Die hatten ihr drei Wochen Internetverbot aufgebrummt. Das hat ihr überhaupt nicht gepasst.« Sie wendete den Speck und rührte die Eier in der Pfanne. Danach schob sie alles auf einen Teller und stellte ihn vor Selina auf den Tisch.

»Gab’s denn dieses Mal einen Grund, warum sie ausgerissen sein könnte?« Selina hatte das starke Gefühl, dass vielleicht sie selbst der Grund war.

»Nicht dass ich wüsste«, meinte Ada. Sie stellte die Pfanne in die Spüle und ließ heißes Wasser einlaufen. Es zischte laut.

Selina schnitt einen Bissen Speck ab und schob ihn in den Mund. Lily hatte ihr eine Mail geschickt, in der sie schrieb, wie sehr sie sich auf ihre Cousine freute, dass sie wie Schwestern sein und in die gleiche Klasse gehen würden. Doch vielleicht war sie gar nicht so glücklich darüber, dass Selina plötzlich in ihrem Leben auftauchte. Bisher war sie ein Einzelkind gewesen, der Mittelpunkt ihrer Familie, und da kam ihre Cousine aus Indien an, mit der sie ab sofort vieles teilen musste. Vielleicht dachte sie, Selina würde die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und war eifersüchtig. Der Speck schmeckte plötzlich nicht mehr so gut, wie er gerochen hatte, und mit einem Mal war ihr wieder übel. Sie schob das Rührei mit der Gabel von einer Seite des Tellers auf die andere.

»Willst du lieber nur Toast mit Butter?«, fragte Ada, die bemerkt hatte, dass Selina auf ihrem Teller herumstocherte.

Selina schüttelte den Kopf.

»Ich bin echt müde«, meinte sie. »Tut mir leid, aber ich glaube, ich schaff das nicht mehr. Ich kann kaum noch meine Augen offen halten.«

Genau in diesem Augenblick ertönte ein lautes Motorengeräusch und die Küchenfenster begannen zu klirren. Das ganze Haus schien zu beben. Erschrocken blickte Selina auf. Was war denn jetzt schon wieder los?

»Polizeihubschrauber«, erklärte Ada. »Letzte Nacht sind sie auch ständig dicht über den Häusern gekreist. Die suchen wohl immer noch nach Lily. Komm, trink deinen Tee aus, dann bring ich dich in dein Zimmer hoch.«

Selina schlug die Augen auf. Die Bettdecke war verrutscht und ihr rechter Fuß fühlte sich eiskalt an. Sie tastete nach dem Moskitonetz, doch ihre Hände konnten es in der Dunkelheit nicht finden. Auch das beruhigende Surren des Ventilators fehlte. Wo war sie? Das war nicht ihr Zimmer im Bungalow der Forschungsstation. Sie setzte sich verwirrt auf.

Durch ein rechteckiges Schiebefenster fiel schwaches Licht, das ein Muster an die Zimmerdecke warf. Der Rest des Raumes war in schwarze Nacht versunken. Fast als ob … Hockte dort jemand und beobachtete sie? Sie spürte ihr Herz heftig gegen ihre Brust pochen, und am liebsten hätte sie sich unter ihrer Bettdecke verkrochen und weitergeschlafen. Stattdessen starrte sie bewegungslos zurück, doch schon im nächsten Augenblick begann sie erleichtert zu kichern. Da hatte sie doch glatt ihre Klamotten, die sie gestern vor dem Schlafengehen über die Stuhllehne geworfen hatte, für einen Eindringling gehalten. Wenn auch nur schemenhaft, konnte sie jetzt die Umrisse des Stuhls im Zwielicht erkennen, ihren Koffer und die Umhängetasche auf dem Boden daneben, und gleichzeitig erinnerte sie sich wieder, wo sie war – in Tante Lauras und Onkel Harrys Haus in Oxford. Und da fiel es ihr wieder ein: Lily war verschwunden.

Nachdem Ada sie in ihr Zimmer gebracht hatte, hatte Selina es gerade noch geschafft, ihre Zähne zu putzen und ihren Schlafanzug anzuziehen. Sie war von der langen Reise und den schlechten Nachrichten so erschöpft gewesen, dass sie, sobald sie sich unter die warme Steppdecke gekuschelt und die Augen geschlossen hatte, in einen tiefen traumlosen Schlaf fiel. Jetzt aber drehten sich die Gedanken in ihrem Kopf wie ein Karussell, von dem ihr ganz schwindlig wurde.

Wo war ihre Cousine? Draußen regnete es immer noch und es war ziemlich kalt im Zimmer. Wieso hatte Lily sich noch nicht bei ihren Eltern gemeldet? Hatte sie bei Freunden Unterschlupf gefunden oder hockte sie irgendwo einsam, durchnässt und verfroren an einer Bushaltestelle? Der Inspektor hatte gesagt, dass der Suchtrupp den Kanal und den Fluss durchkämmt und dort weder ihr Fahrrad noch ihre Schultasche gefunden hatte. Das schloss zumindest aus, dass sie ins Wasser gefallen und ertrunken war. Aber wo wollte sie mit dem Fahrrad hin? Wer weiß, vielleicht hatte Lily alles genau geplant. Vielleicht hatte sie sich vorher die komplette Reiseroute überlegt und dann statt Heften, Büchern und Stiften Kleidung in die Schultasche gepackt sowie eine Thermoskanne mit warmem Kakao und Proviant.

Ob die Polizei das überprüft hatte? Ein kratzendes Geräusch, das vom Fenster kam, ließ sie aufschrecken. Es war fast, als ob jemand dort klopfte, um eingelassen zu werden. Oder ein Einbrecher? Unsinn, sie war hier im ersten Stock. Wie sollte da jemand von unten ans Fenster gelangen, es sei denn, er hatte eine Leiter. Wieder klopfte es leise. Ängstlich und neugierig zugleich schlug Selina die warme Decke zurück, stand auf und tapste barfuß zum Fenster, doch dort war nur ein Zweig, der vom Wind bewegt an der Glasscheibe kratzte. Dahinter glitzerte die regennasse Straße im Licht der Laternen. Die Polizeiautos waren verschwunden und nur die parkenden Fahrzeuge der Anwohner standen noch da. Sie zog den Vorhang zu und tastete sich im Dunkeln zurück ins Bett, wo es unter der Decke gemütlich warm war.

Selina schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen, doch es gelang ihr nicht. Irgendwo im Haus tickte eine Uhr unerträglich laut, die Äste der Bäume ächzten, Bodendielen knarzten, und wenn sie sich nicht täuschte, weinte da jemand leise – oder war das nur der Wind? Selina fühlte sich komplett erschlagen. Sie vermisste ihre Mutter. Sie würde so gerne mit ihr sprechen, aber sie hatte den Akku immer noch nicht aufgeladen und der Anruf musste bis morgen warten. Selina gähnte, zog die Decke bis zum Hals hoch, und obwohl es ihr wie eine Ewigkeit vorkam, schlief sie irgendwann doch ein.

Als Selina am nächsten Morgen aufwachte, hatte es aufgehört zu regnen, doch der Himmel war immer noch voller grauer Wolken. Wie viel Uhr es wohl war? Sie kramte im Koffer nach dem Ladekabel ihres Handys und steckte es in die Steckdose. Einen Augenblick später begann das Display hell aufzuleuchten. 15 : 30 Uhr. Das konnte unmöglich stimmen. Hatte sie wirklich so lange geschlafen? Doch dann fiel ihr ein, dass sie sich in England in einer anderen Zeitzone befand und ihr Handy sich nicht automatisch umstellte. Hier war es erst 11 Uhr. Auch nicht gerade früh. Onkel Harry und Tante Laura waren sicher längst aufgestanden. Genau in diesem Moment vibrierte ihr Handy und eine SMS kam an.

Schick mir eine Nachricht, wenn du angekommen bist. Bin in den nächsten Tagen nicht zu erreichen. Ruf dich am Mittwoch an. Hab dich lieb. Mum

Typisch Mum. Sie war vermutlich mal wieder im Dschungel unterwegs, um nach ihren geliebten Tigern Ausschau zu halten. Selina war daran gewöhnt, dass es dort keinen Empfang gab. Sie seufzte. Allerdings war es ohnehin besser, dass Mum nichts von Lilys Verschwinden wusste, da sie sich nur unnötige Sorgen machen würde. Selina würde ihr alles erzählen, wenn Lily wieder sicher zu Hause angekommen war.

Bin in Oxford, schrieb sie stattdessen, ohne die Cousine zu erwähnen. Hab dich auch lieb, S. Ihrer Freundin Neela, die weder Handy noch Laptop besaß, würde sie demnächst einen langen Brief schreiben.

Als Selina kurze Zeit später die Treppen nach unten ging, hörte sie Stimmen aus der Küche. Sie blieb am Treppenabsatz stehen und lauschte. War Lily wieder aufgetaucht? Da war deutlich neben Adas Stimme eine hellere zu hören, die ihr irgendwie bekannt vorkam. Schnell sprang Selina die letzten Stufen hinab.

»Der hat mir ’n Märchen aufgetischt. Keine Ahnung, was die für ein Spiel treiben. Auf jeden Fall behauptet er, nicht zu wissen, wo sie steckt. Er ist überzeugt, jemand hätte sie gekidnappt, nur weil er ’ne SMS von ihr bekommen hat.«

Selina hielt vor der Küchentür an, die einen Spaltbreit geöffnet stand. Das war nicht Lily, sondern die junge Polizistin von gestern Abend. Sie erinnerte sich, dass der Polizeiinspektor davon gesprochen hatte, den Nachbarsjungen nochmals zu befragen, und das hatte die Polizistin wohl getan.

»Um was ging es in der SMS?«, wollte Ada wissen. »Haben Sie die gelesen?«

»Ja. Angeblich war sie einem großen Geheimnis auf der Spur. Sie wollte es ihm am nächsten Tag in der Schule erzählen.«

»Milch und Zucker?« Ada war wohl schon wieder dabei, Tee zu machen.

»Danke. Nur ein bisschen Milch, keinen Zucker. Wenn Sie mich fragen, will sich dieser Eric nur wichtigmachen oder uns verarschen. Auf alle Fälle hat der Junge ’ne blühende Fantasie.«

Man hörte, wie die Tür des Kühlschranks auf und zu ging, und den dumpfen Klang einer Teetasse, die auf den Tisch gestellt wurde.

»Die beiden Kinder stecken ständig zusammen«, sagte Ada jetzt. »Wenn jemand weiß, wo Lily sich aufhält, dann er. Als sie das letzte Mal ausgerissen ist, wusste er auch, wo sie war.«

Außer Ada und der Polizistin schien niemand in der Küche zu sein. Selina schaute sich um. Von der Eingangshalle führten mehrere Türen weg. Die meisten waren geschlossen, doch eine war angelehnt und man konnte Bücherregale sowie einen Schreibtisch sehen. Der Schreibtisch war leer. Vermutlich war Onkel Harry längst zur Arbeit gegangen.