cover



Annie Proulx



Brokeback Mountain


Geschichten aus Wyoming


Aus dem Amerikanischen von

Oskar Halbsattel












Illustration

Inhaltsverzeichnis

Buch und Autorin
Copyright
Widmung
Der halbgehäutete Ochse
Tief im Schlamm
Lebenslauf
Der Blutfuchs
In der Hölle will man nur ein Glas Wasser
Das Präriegrasende der Welt
Ein Paar Sporen
Einsame Küste
Die Gouverneure von Wyoming
55 Meilen bis zur Tankstelle
Brokeback Mountain
Verfilmt werden
Danksagung

Danksagung

Viele Menschen haben mir beim Schreiben dieser Geschichten Hilfe und Ermutigung gespendet, und ich bin ihnen dankbar. Besonderen Dank meiner Lektorin Nan Graham für Rat und Anregung. Dank meiner Agentin Liz Darhansoff und den Mitarbeitern bei Darhansoff & Verill für jederlei Hilfe. Meinem alten Freund Tom Watkin bin ich dankbar für die langen Diskussionen über winzige Einzelheiten im Leben meiner Charaktere. Elizabeth Guheen, Sharon Dynak und Keith Troll von der Ucross Foundation danke ich für hundert Gefälligkeiten, John und Barbara Campbell von der Big Red Ranch der Foundation für ihre großzügige Gastfreundschaft, für ihre Auskünfte und für die packenden Flüge mit John über die Landschaft. Ein lehrreiches Vergnügen war die Zusammenarbeit mit Bill Buford, dem Literaturredakteur des New Yorker, als wir einige dieser Geschichten für die Veröffentlichung in seiner Zeitschrift vorbereiteten. Ich danke dem Rancher Paul Etchepare für die Gespräche über Schäfer-Camps in den sechziger Jahren und dem Musiker und Liedermacher Skip Gorman, der mir zuredete, die Cowboy-Poetry-Versammlung in Elko, Nevada, zu besuchen, wo ich den texanischen Sänger und Liedermacher Tom Russell kennenlernte. Tom Russell danke ich für die freundliche Genehmigung, den halben Titel seines beeindruckenden Liedes »The Sky Above, The Mud Below« als Titel einer Geschichte zu verwenden. Ich danke auch Buzzy Malli, dem Besitzer der Arvada-Bar in dem Ort gleichen Namens, der sich eine Geschichte über diese Stadt gewünscht und sie bekommen hat – Der Blutfuchs –, ein Wyominger Garn nach dem Märchen vom Kalb, das den Wanderer auffraß, eine Geschichte, die vielen Viehzüchterkulturen bekannt ist. Eine andere Geschichte, Der halbgehäutete Ochse, die zuerst im Atlantic Monthly erschienen ist, beruht auf dem alten isländischen Märchen von Porgeirs Bullen. Ich bin eine Liebhaberin von Lokalgeschichten und habe jahrelang Memoiren und Berichte über Lebensläufe und Ereignisse in vielen Gegenden Nordamerikas gesammelt. Ich merkte, daß ich einige beunruhigende Abschnitte aus Helena Thomas Rubottoms schönem Buch über die Regionalgeschichte von Wyoming nicht vergessen konnte (Red Walls and Homesteads, 1987, herausgegeben und verlegt von Margret Brock Hansen), und eine Anekdote daraus wurde zum Ausgangspunkt für In der Hölle will man nur ein Glas Wasser.

Die Gedichtzeilen in Die Gouverneure von Wyoming sind von Edward Taylor, einem Dichter aus dem siebzehnten Jahrhundert (The Poems of Edward Taylor, herausgegeben von Donald E. Standord, Yale University Press, 1960).

Mit Der halbgehäutete Ochse kam diese Sammlung in Gang, als die Umweltschutzorganisation Nature Conservancy mich um einen Beitrag zu einer Kurzgeschichtensammlung bat (Off the Beaten Path, Farrar, Straus & Giroux, 1998). Die Geschichten sollten von mindestens einem Besuch in einem Naturschutzgebiet angeregt sein. Ich war einverstanden unter der Voraussetzung, daß ich eines in Wyoming besuchen könnte. Dies war das 4000 Hektar große Reservat Ten Sleep am Südhang der Bighorns, wo ich mehrere Tage verbrachte. Herzlichen Dank an Phil Shepard und Anne Humphrey für ihre Zeit und Hilfe. Ich fand es so aufregend und herausfordernd, wieder in der Form der Kurzgeschichte (die mir sehr schwerfällt) zu arbeiten, daß mich der Gedanke an eine Sammlung von Erzählungen, die alle in Wyoming spielen, nicht mehr losließ. Zum Glück habe ich einen Verlag, der mir diesen Abstecher erlaubte.

Das Motto »Mit der Realität konnten wir hier draußen noch nie viel anfangen« stammt von einem anonymen Rancher, zitiert nach Jack Hitts, Where the Deer and the Zillionaires Play, in der Zeitschrift Outside, Oktober 1997. Die Elemente des Unwirklichen, Phantastischen und Unwahrscheinlichen färben alle diese Geschichten ein, so wie sie auch der Wirklichkeit Farbe verleihen. Phantastisch ist in Wyoming nicht zuletzt der Umstand, daß es Menschen gibt, die entschlossen sind, auf einer Ranch in diesem widerspenstigen, unversöhnlichen Land ihren Unterhalt zu verdienen.

Vor allem aber danke ich meinen Kindern für ihre Geduld mit meiner gedrosselten, arbeitsbestimmten Lebensart.

Der halbgehäutete Ochse

Während sein langes Leben abrollte, vom ruhelosen jungen Draufgänger im Wollanzug, der in Cheyenne in den Zug stieg, bis zum humpelnden Greis in diesem zuletzt abgespulten Jahr, hatte Mero jeden Gedanken an den Ort, wo er herkam, von sich geschoben, an die sogenannte Ranch auf dem feindseligen Boden am südlichen Ausläufer der Bighorns. 1936 hatte er sich dort aus dem Staub gemacht, war in einen Krieg gezogen und zurückgekommen, hatte geheiratet und wieder (und wieder) geheiratet, war mit Heizkessel- und Entlüftungsrohrreinigung und einigen schlauen Kapitalanlagen zu Geld gekommen, in Ruhestand gegangen, in die Lokalpolitik ein- und ohne Skandal wieder ausgestiegen, hatte nie den Weg zurückgefunden, um den Alten und Rollo bankrott und am Boden zu sehen, denn daß es so um sie stand, wußte er.

Sie nannten es eine Ranch, und es war auch mal eine gewesen, aber eines Tages sagte ihr Alter, es sei unmöglich, Rinder zu halten in einem so üblen Land, wo sie von Felsen stürzten, in Schlammlöchern verschwanden, große Mengen Kälber an die herumstreifenden Berglöwen abtreten mußten, wo kein Gras wuchs, nur breitblättrige Wolfsmilch und Choleradisteln, wo der Wind so viel Sand mit sich trug, daß die Windschutzscheiben blind wurden. Der Alte verschaffte sich einen Job als Briefträger, schaute aber schuldbewußt drein, wenn er den Nachbarn Rechnungen in ihre Briefkästen steckte.

Mero und Rollo sahen in der Briefträgerei nur eine Ausflucht, mit der er sich vor der Arbeit auf der Ranch drückte, einer Arbeit, die ihnen überlassen blieb. Die Zuchtherde war schon auf zweiundachtzig Tiere zusammengeschrumpft, und eine Kuh war nur fünfzehn Dollar wert, aber sie flickten weiter die Zäune, machten Ohrkerben und Brandzeichen, zogen Tiere aus Schlammlöchern und jagten die Löwen, in der Hoffnung, daß der Alte früher oder später mit seiner Freundin und seiner Flasche nach Ten Sleep ziehen würde und sie dann, wie schon ihre Großmutter Olive, als Jacob Corn sie enttäuscht hatte, den Laden auf Trab bringen könnten. Aber der Vogel war nicht fortgeflogen, und darum saß Mero nun, sechzig Jahre später, als achtzigjähriger verwitweter Vegetarier strampelnd auf dem Ergometer im Wohnzimmer eines Kolonialstilhauses in Woolfoot, Massachusetts.

Eines dunstigen Morgens sagte die hämmernde Telefonstimme einer Frau, sie sei Louise, Ticks Frau, und sie forderte ihn auf, nach Wyoming zurückzukommen. Er wußte weder, wer sie, noch, wer Tick war, bis sie ihm sagte, Tick Corn, Sohn von deinem Bruder Rollo, aber Rollo sei hinüber, von einem launischen Emu zerfleischt, bevor der Prostatakrebs hatte zum Zug kommen können. Ja klar, sagte sie, die Ranch gehörte immer noch Rollo. Zur Hälfte jedenfalls. Ich und Tick, sagte sie, wir haben sie die letzten zehn Jahre ganz schön auf Touren gebracht.

Ein Emu? Hatte er richtig gehört?

Ja, sagte sie. Ach, natürlich, kannst du nicht wissen. Schon mal was von Down Under Wyoming gehört?

Nein, nie gehört. Und, dachte er, was für ein Name war Tick? Ihm fielen die vollgesogenen kleinen Zecken ein, die man den Hunden immer rausziehen mußte. Diese Zecke dachte nun wohl, jetzt kriegte sie die ganze Ranch und könnte sich dran vollsaugen. Er sagte, was zum Teufel soll das heißen, ein Emu? Waren sie denn alle verrückt geworden da draußen?

So eine Ranch sei das jetzt, sagte sie, Down Under Wyoming. Rollo habe das Grundstück irgendwann früher mal an den Pfadfinderinnenverband verkauft, aber eines der Mädchen sei von einem Löwen weggeschleppt worden, und die Pfadfinderinnen hätten dann an die Banner-Ranch gleich nebenan verkauft, und die hätte ein paar Jahre lang dort Rinder gehalten und sie dann einem reichen australischen Geschäftsmann angedreht, der mit Down Under Wyoming anfing, aber er war einfach zu weit weg, und mit seinem Manager hatte er auch noch Pech, einem Kerl aus Idaho mit ’nem Rodeogürtel aus dem Pfandhaus, und darum war er zu Rollo gekommen und hatte ihm fünfzig Prozent Gewinnbeteiligung angeboten, wenn er ihm den Laden führte. Das war schon 1978 gewesen. Seitdem war alles prima gelaufen. Klar, jetzt haben wir nicht auf, sagte sie, ist ja Winter und sind keine Touristen da. Der arme Rollo half gerade Tick, die Emus in ein anderes Gebäude zu treiben, als einer von denen plötzlich kehrtmachte und mit seinen großen, rasiermesserscharfen Krallen auf ihn losging. Emus sind schlimm wegen der Krallen.

Ich weiß, sagte er. Er sah sich immer die Tierfilme im Fernsehen an.

Tick hat sich deine Nummer vom Computer geholt. Sie brüllte, als ob die Telefonverbindung sonst nicht bis zu ihm reichen würde. Rollo hat immer gesagt, er wollte sich mal bei dir melden. Er wollte, daß du siehst, was draus geworden ist. Er hat noch versucht, sich das Biest mit seinem Stock vom Leib zu halten, aber es hat ihn von oben bis unten aufgerissen.

Vielleicht, dachte er, wird ja noch mehr draus. Er verlor allmählich die Geduld und sagte, ja, er komme zum Begräbnis. Nein, Flüge seien kein Thema, ihn vom Flughafen abholen auch nicht, erklärte er ihr, er fliege nicht, üble Sache erlebt vor Jahren mit einem Hagelschauer, die Maschine habe nach der Landung ausgesehen wie ein Waffeleisen. Er hatte vor zu fahren. Natürlich wußte er, wie weit es war. Hatte einen verdammt guten Wagen, Cadillac, fuhr immer Cadillac, mit Gislaved-Reifen, über die Interstate-Autobahnen, ausgezeichneter Fahrer, nie im Leben einen Unfall gehabt, toi-toi-toi! Vier Tage, am Samstag nachmittag würde er ankommen. Er hörte aus ihrer Stimme das Staunen heraus, wußte, daß sie sich überlegte, wie alt er sein mußte, dreiundachtzig, etwas älter als Rollo, hatte wohl gedacht, er würde auch schon am Stock gehen und die letzten müden Tage vertrielen, faßte sich jetzt wohl an ihr eigenes, auch schon verblichenes Haar. Er ließ seine Armmuskeln spielen, machte eine Kniebeuge, dachte, einem Emu könnte er schon noch ausweichen. Er wollte sehen, wie man seinen Bruder in einem roten Loch in Wyoming versenkte. Der Anlaß könnte ihn zurückholen; der blendende Strahl des Blitzes vor der Wolke ist nicht der Schlag abwärts, sondern das erzwungene Hochschießen durch den erhitzten Äther.

 

Er war abgehauen, als die Freundin des Alten – wie sie hieß, fiel ihm nicht mehr ein – plötzlich aus der Spur zu laufen schien; Rollo beglotzte ihre blutiggebissenen Finger, an denen die Nägel abgeknabbert waren bis aufs Fleisch, die drahtigen Adern an ihrem Hals, den Haarflaum außen an ihren Unterarmen, die Glut ihrer Zigarette, den emporkringelnden Rauch, der ihr in die vorstehenden Mustangaugen stieg, daß sie blinzeln mußte, eine Frau, die Geschichten von Missetaten und Verstümmelungen erzählte. Dem Alten fielen die Haare aus, Mero war dreiundzwanzig, Rollo zwanzig, und sie spielte mit ihnen allen wie mit Karten. Wenn man Pferde schön fand, konnte sie einem gefallen, ihr langer, geschwungener Hals und die hohe Hinterhand, so rund und griffig, daß man ihr am liebsten draufgepatscht hätte. Der Wind heulte ums Haus, trieb Schneekristalle durch die Spalten der verzogenen Bohlentür herein, und jeder in der Küche schien angespannt irgendeine dunkle Absicht zu verfolgen. Sie hatte diesen breiten Hintern auf der Kante der Hundefutterkiste gewiegt, den Alten und Rollo angeblickt, dann und wann ihre glänzenden Augen zu Mero herumgeschwenkt, mit den viereckigen Zähnen am Rand eines Fingernagels gekaut, das hervorsickernde Blut abgelutscht, an ihrer Zigarette gezogen.

Der Alte trank seinen Everclear, rührte darin mit einem geschälten Weidenstäbchen, des bitteren Geschmacks wegen. Sein Bild trat Mero klar vor Augen, als er nun vor dem Schrank in der Diele stand und seine Hüte durchmusterte. Sollte er zu dem Begräbnis einen mitnehmen? Der Alte hatte immer eine unnachahmlich aufgebogene Hutkrempe gehabt, eine enggerollte Wurst auf der rechten Seite, wo er zupackte, wenn er den Hut aufsetzte oder abnahm, links ein wellig abfallender Hang, wie das Dach eines Schuppens. Meilenweit konnte man ihn dran erkennen. Er behielt ihn auch am Tisch auf, als er zuhörte, wie die Frau von Tin Head erzählte, und dabei immer wieder sein Glas leerte, bis er blau in blau war und sein Schurkengesicht mit der zerstampften Rodeonase, den narbenzerschnittenen Brauen und dem Stummelohr sich aufzulösen schien, während er trank. Seit fünfzig Jahren oder länger mußte der Alte nun schon tot sein, begraben in seinem Briefträgerpullover.

 

Die Freundin fing eine Geschichte an, also, da war mal so einer, den nannten sie Tin Head, Blechkopf, und der lebte in der Gegend um Dubois, als mein Vater noch klein war. Hatte eine kleine Ranch, Pferde, Kühe, Kinder und eine Frau. Aber etwas war komisch an ihm. Er hatte eine Metallplatte im Kopf, weil er mal eine Betontreppe runtergefallen war.

Haben viele Leute, sagte Rollo herausfordernd.

Sie schüttelte den Kopf. Nicht so eine wie er. Seine war aus Galf und fraß sein Hirn auf.

Der Alte hielt ihr die Flasche Everclear hin, hob die Augenbrauen: Na, Spätzchen?

Sie nickte, nahm ihm das Glas aus der Hand und kippte es in einem Zug runter. Ach, damit kannst du mich nicht bremsen, sagte sie.

Mero dachte, sie werde gleich wiehern.

Na, und dann? sagte Rollo und pulte sich den Pferdemist vom Stiefelabsatz. Was war mit diesem Tin Head und seiner galvanisierten Schädelplatte?

Ich hab es so gehört, sagte sie. Dann hielt sie dem Alten noch mal ihr Glas hin, er schenkte ihr ein, und sie erzählte weiter.

 

Mero hatte sich damals die ganze Nacht herumgewälzt und vom Pferdezüchten oder Pferdezeugen geträumt, ob nun vom Geschlechtsakt oder bloß von keuchenden, blutschäumenden Atemgeräuschen, wußte er nicht. Am nächsten Morgen erwachte er, in stinkenden Schweiß gebadet, schaute zur Decke auf und sagte laut, das kann ja noch ewig so weitergehen. Er meinte die Rinder und das Wetter ebenso wie alles andere, und er dachte auch an seine Aussichten, wenn er in irgendeiner Richtung zwei oder drei Staatsgrenzen überschritte. In Woolfoot auf seinem Sportgerät dachte er, daß es in Wahrheit ein wenig anders gewesen war: Er wollte eine Frau für sich, nicht mehr abstauben, was der Alte übrigließ.

Und jetzt, als die Reifen über die geteerten Straßenrisse und Schlaglöcher hinwegsetzten und der Beerdigungshomburg auf dem Rücksitz hin und her rutschte, hätte er gern gewußt, ob Rollo dem Alten die Freundin schließlich ausgespannt, ihr den Sattel übergeworfen hatte und in den Sonnenuntergang davongeritten war.

 

Die Interstate, durch orangerote Pfosten verstümmelt, zwängte den Verkehr in eine einzige Spur und nahm ihm die Hoffnung auf zügiges Vorwärtskommen. Eingeklemmt zwischen Sattelschleppern mit fauchenden Luftdruckbremsen, schnüffelte sein Cadillac an riesigen Hinterreifen, im Rückfenster der hohe Bug eines Peterbilt-Lasters. Seine Gedanken stockten, als wäre ein Kamm hindurchgestrichen und an einer Verfilzung steckengeblieben. Als der Verkehr flüssiger wurde und er ein bißchen Zeit aufzuholen versuchte, winkte ein Streifenwagen ihn rechts heran. Der Polizist, ein pickeliges, schnurrbärtiges Exemplar seiner Gattung mit verschiedenfarbigen Augen, fragte ihn, wie er heiße und wo er hinfahre. Im ersten Moment fiel ihm gar nicht ein, was er hier wollte. Die Zunge des Polizisten leckte an dem dünnen Bart, während er auf seinen Block kritzelte.

Begräbnis, sagte er plötzlich. Will zum Begräbnis meines Bruders.

Na, dann man sachte, Opa, sonst gibt’s noch eins für Sie selbst!

Du kleines Stinktier! sagte er und betrachtete den Strafzettel mit der wichtigtuerischen Handschrift, aber der Schnurrbart war schon meilenweit weg, scherte durch den Verkehr, so wie Mero damals, vor all den Jahren, durch die verschliffene Windschutzscheibe spähend, aus der Ranchzufahrt ausgeschert war. Er hätte einen eleganteren Abgang machen können, aber so wie ein Schlag auf den Musikantenknochen einen klingelnden Stromstoß den Arm hinaufschickt, hatte ihn der Wunsch überfallen, sofort zu verschwinden. Er glaubte, es sei die Frau mit dem Pferdehintern gewesen, wie sie sich gegen die Kiste lehnte und wie Rollo sie anstarrte, während der Alte seinen Everclear becherte und nichts merkte oder, wenn er’s denn merkte, nicht beachtete; das hatte ihn angeworfen wie die Drehung des Schlüssels im Zündschloß. Sie hatte lange grausträhnige Zöpfe, die konnte Rollo als Zügel nehmen.

 

Ja, sagte sie mit ihrer leisen und überzeugenden Lügenstimme, ich kann euch sagen, auf Tin Heads Ranch ging allerhand schief. Hühner wechselten über Nacht die Farbe, Kälber mit drei Beinen wurden geboren, seine Kinder waren buntscheckig, und seine Frau schrie immer nach blauem Porzellan. Tin Head bekam nie fertig, was er anfing, immer ließ er die Sache halb erledigt liegen. Sogar seine Hose war nur halb zugeknöpft, und sein Willi hing raus. In seinem Kopf ging alles drunter und drüber wegen der Galfplatte, die sein Hirn auffraß, und in seiner Familie und auf der Ranch ging auch alles drunter und drüber. Aber! sagte sie. Schließlich mußten sie ja was zu essen haben, genau wie wir alle, nicht?

Hoffentlich hatten sie besseren Kirschkuchen, als du ihn bäckst, sagte Rollo, der es nicht mochte, wenn er beim Essen dauernd Kerne im Mund hatte.

 

Sein Interesse an Frauen regte sich wenige Tage nachdem der Alte gesagt hatte, bring diesen Mann rauf und zeig ihm die Indianerzeichnungen, wobei er mit dem Kopf zu dem Fremden hin nickte. Mero war zu der Zeit elf oder zwölf, nicht älter. Sie ritten am Bach entlang und schreckten ein Paar Stockenten auf, die bachabwärts flogen und dann plötzlich zurückkamen, verfolgt von einem Hühnerhabicht, der den Erpel mit einem Geräusch schlug, das sich wie ein Händeklatschen anhörte. Der Erpel trudelte durch die Bäume und stürzte ins Windbruchgestrüpp, der Habicht schoß davon, so schnell, wie er gekommen war.

Sie ritten durchs steinige Gelände hinauf, vorüber an Kalksteinbänken, aus denen der Wind phantastische Möbelstücke herausgeschliffen hatte, an alten angenagten Brotkrusten, verstreuten Knochen, Stapeln zusammengelegter schmutziger Decken, ausgebleichten Krebsscheren und Hundezähnen. Er band die Pferde im Schatten einer Gruppe Bergkiefern fest und führte dann den Anthropologen durch die steifästigen Mahagonibirken zu dem Überhang hinauf. Über ihnen erhoben sich poröse Felswände, mit leuchtendorangeroten Flechten behangen, durchzogen von Löchern und Simsen, die vom jahrtausendelang angehäuften Raubtierkot eingeschwärzt waren.

Der Anthropologe ging auf und ab, musterte die Steingalerie roter und schwarzer Zeichnungen: Bisonschädel, eine Reihe Bergschafe, Krieger mit Lanzen, ein Truthahn, in eine Schlinge tretend, ein Strichmännchen, genau verkehrt herum und fallend, ockerrote Hände, grimmige Gestalten mit Harken auf dem Kopf, was Federschmuck war, wie er sagte, ein großer toter Bär, auf den Hinterbeinen vorwärts tanzend, konzentrische Kreise und Kreuze und Gittermuster. Er zeichnete die Bilder in sein Notizbuch ab und sagte dabei einigemal Pimperpimper.

Das da ist die Sonne, sagte der Anthropologe, der selber wie eine unvollendete Zeichnung aussah, zeigte auf etwas, das eine Zielscheibe für Bogenschützen sein konnte, und stach dabei mit dem Bleistift in die Luft, als wollte er eine Mücke aufspießen. Das ist ein Atlatl und das eine Libelle. Da haben wir’s! Weißt du, was das hier ist? Er legte seine staubigen Finger auf ein längsgeteiltes Oval und rieb an der Spalte, ließ sich auf Knie und Hände nieder und zeigte auf ähnliche Ovale, mehrere Dutzend.

Ein Hufeisen?

Ein Hufeisen! Der Anthropologe lachte. Nein, mein Junge, das ist eine Vulva. Und alle andern hier auch. Weißt nicht, was das ist, wie? Wenn du Montag in der Schule bist, dann schlag es mal im Wörterbuch nach!

Es ist ein Symbol, sagte er. Du weißt doch, was ein Symbol ist?

Ja, sagte Mero, denn er hatte in der Blaskapelle der High School mal ein Ding gesehen, das man aufeinanderschlug und das Zimbel oder so ähnlich hieß. Der Anthropologe lachte und sagte ihm eine große Zukunft voraus, gab ihm einen Dollar dafür, daß er ihn zu der Stelle geführt hatte. Hör mal, mein Junge, die Indianer haben’s gemacht wie alle andern auch, sagte er.

In der Schulbibliothek hatte er das Wort dann nachgeschlagen, das Buch gleich wieder zugeknallt vor Verlegenheit, aber das Bild hatte sich ihm fest eingeprägt (mitsamt der blechernen Hintergrundmusik eines Militärmarschs), stumpf ockern auf Stein geritzt, und kein fleischliches Gegenbeispiel konnte ihn je vom Glauben an das verborgene Steingerüst der weiblichen Genitalien abbringen, das Schambein war der Beweis, ausgenommen nur die Freundin des Alten, die er sich auf allen vieren vorstellte, von hinten besprungen, wiehernd wie eine Stute, keine Angelegenheit der Geologie, sondern des Fleisches.

 

Donnerstag abend war er, aufgehalten von Umleitungen und Baustellen, erst in den Außenbezirken von Des Moines und nicht weiter. In seinem aschgrauen Motelzimmer stellte er den Wecker, aber er wurde schon vor dem Klingeln von seinem eigenen röchelnden Atem wach. Viertel nach fünf war er auf, mit brennenden Augen, spähte durch die Vinylvorhänge zu seinem schneebestäubten, unter dem Motelschild SCHLAF SCHLAF blau blinkenden Wagen hinunter. Im Badezimmer mixte er sich den Pulverkaffee aus dem Moteltütchen und trank ihn schwarz, ohne Süßstoff und chemische Sahne. Er wollte das Koffein. Es kam ihm vor, als wären die Wurzeln seiner Gedanken welk und schlaff.

Ein kalter Morgen, leichter Schneefall. Er schloß den Cadillac auf, startete ihn und kurvte in die Verkehrsader hinaus, lauter Lastwagen, viele mit einem oder mehreren Anhängern. Im rötlichen Scheinwerferlicht verpaßte er die Ausfahrt nach Westen und geriet in aufgerissene, schlammige Straßen, bog rechts ab und noch einmal rechts, mit dem SCHLAF-Schild des Motels als Fixpunkt, aber er war auf der falschen Seite der Autobahn, und das Schild gehörte zu einem anderen Motel.

Noch eine Gasse mit Schlammlöchern, und er kam in einen Pendlerkreisverkehr, Leute, die aus Thermosbechern Kaffee tranken, hin und her rutschendes Gebäck vor sich auf dem Armaturenbrett. Nach der halben Runde sah er im letzten Moment die Autobahnauffahrt, riß das Steuer herum, stieß mit einem Holzlastwagen mit der Aufschrift SCHLUSS MIT DEM RAUCHEN! HYPNOSE WIRKT! zusammen, wurde hinten von einem Kombi gerammt, dem seinerseits ein gähnender Wassersprengmeister in einem Firmenlieferwagen auffuhr.

Von alldem sah er wenig, wurde von seinem Airbag in den Sitz gedrückt, einen staubigen Gummigeschmack im Mund, die Brillengläser schnitten ihm in die Nase. Sein erster Gedanke war ein Fluch auf Iowa und alle, die dort lebten. Auf seinem Hemdsärmel waren ein paar runde Blutflecken.

Ein Sternenbanner-Heftpflaster auf der Nase, sah er zu, wie sein zerbeulter Wagen, dunkle Flüssigkeiten auf den Asphalt verströmend, abgeschleppt wurde. Ein Taxi brachte ihn mitsamt Koffer und Begräbnishut in die andere Richtung, zu Posse Motors, wo nachlässige Verkäufer herumstreunten wie aus der Bahn geworfene Satelliten und wo er sich einen gebrauchten Cadillac kaufte, schwarz wie der verschrottete, aber drei Jahre älter und das Polster nicht aus cremefarbenem Leder, sondern aus sonnengebleichtem Velours. Die guten Reifen des alten Wagens ließ er holen und aufziehen. Er konnte sich das leisten, wenn er’s wollte, Autos kaufen wie Zigarettenschachteln. Es gefiel ihm gar nicht, wie der Wagen auf der Straße lag, wie er abrupt seitlich ausbrach, wenn er nur ein wenig am Lenkrad ruckte, und er vermutete, daß der Rahmen verbogen war. Scheißegal, für die Rückfahrt würde er sich eben einen neuen kaufen. Er konnte tun, was er wollte.

Eine halbe Stunde hinter Kearney, Nebraska, ging der Vollmond auf, ein lächerliches Gesicht im Rückspiegel unter einer lockigen Wolkenperücke mit feinfaserigen Rändern, wie platinblonde Haarspitzen. Er betastete seine geschwollene Nase, strich sich übers Kinn, noch etwas wund vom Aufprall auf den Airbag. Bevor er in dieser Nacht in das feuchte Bett kroch, trank er ein Glas heißes Leitungswasser, gewürzt mit Whiskey. Gegessen hatte er den ganzen Tag nichts; beim Gedanken an das Essen in den Autobahnraststätten sträubte sich ihm der Magen.

Er träumte, er sei in dem Ranchhaus, aber aus den Zimmern waren alle Möbel ausgeräumt, und auf dem Hof kämpften Soldaten in schmutzigweißen Uniformen. Die Erschütterung beim Abfeuern schwerer Geschütze ließ die Fensterscheiben bersten und riß die Bodendielen auseinander, so daß er auf dem Gebälk laufen mußte, und unter den zerfallenden Böden kamen verzinkte Wannen mit einer dunklen, geronnenen Flüssigkeit zum Vorschein.

Am Samstag morgen, noch vierhundert Meilen zu fahren, aß er ein paar Bissen angebranntes Spiegelei, mit salsa verde aus der Büchse bemalte Kartoffeln, trank eine Tasse gelben Kaffee, gab kein Trinkgeld und machte sich auf den Weg. Das Essen war nichts für ihn. Gewöhnlich bestand sein Frühstück aus zwei Glas Mineralwasser, sechs Knoblauchzehen und einer Birne. Am Himmel im Westen brauten sich finstere Wolkenmassen zusammen, hinter ihm Flecken von flittrigem Orange, mit blendendhellen Strähnen durchschossen. Der dicke Rand der Sonne wölbte sich über den Horizont.

Er überquerte die Staatsgrenze, kam zum zweitenmal in sechzig Jahren nach Cheyenne. Jetzt gab es Neonlichter, Verkehr und Beton, aber er kannte die Stadt, ein Eisenbahnknotenpunkt, der bessere Tage gesehen hatte. Damals, das erste Mal, war er quälend hungrig gewesen und ins Restaurant im Union-Pacific-Bahnhof gegangen, obwohl er Restaurants nicht gewöhnt war, hatte ein Steak bestellt, aber als die Frau es ihm brachte und er das Fleisch zerschnitt, breitete das Blut sich auf dem weißen Teller aus, und unwillkürlich sah er das Tier vor sich, das Maul offen in stummem Gebrüll, sah auch die komischen Seiten seines Ekels, ein aus der Art geschlagener Viehtreiber.

Jetzt parkte er vor einer Telefonzelle, schloß den Wagen ab, obwohl er nur drei Schritt entfernt stand, und wählte die Nummer, die Ticks Frau ihm genannt hatte. In dem kaputten Wagen hatte er Telefon gehabt. Ihre Stimme gellte aus dem Hörer.

Wir haben nichts von dir gehört und dachten schon, du hast dir’s vielleicht anders überlegt.

Nein, sagte er. Heute nachmittag bin ich da. Jetzt bin ich in Cheyenne.

Der Wind bläst ziemlich scharf. Es heißt, es könnte Schnee geben. In den Bergen. Ihre Stimme verriet Bedenken.

Ich werd aufpassen, sagte er.

Nach wenigen Minuten hatte er die Stadt hinter sich und war auf dem Weg nach Norden.

Das Land öffnete sich weit zu beiden Seiten, machte aus dem Cadillac eine Ameise. Nichts hatte sich geändert, überhaupt nichts, immer noch dieselbe leere, blasse Weite und der tobende Wind, die Antilopen mäuschengroß in der Ferne, die Bodenformationen genau wie früher. Er spürte, wie er rückwärts glitt, wie die Ruhe seiner dreiundachtzig Jahre von ihm abtropfte und der siedenden Wut eines jungen Mannes wich, einer Wut auf die blöde Welt und die Blödmänner, von denen sie voll war. Was für eine verflucht schwere Zeit war das gewesen, als er auf der Straße lag! Ihr wißt ja nicht, wie das war, hatte er zu seinen Exfrauen gesagt, bis sie sagten, doch, sie wüßten’s, hundertemal habe er ihnen damit in den Ohren gelegen, der arme Junge, wie er auf der Straße sein Schild mit der Bitte um Arbeit hochhalten mußte, und dann der Job bei dem Heizkesselmann, blablabla. Dreißig Meilen hinter Cheyenne sah er das erste Hinweisschild, DOWN UNDER WYOMING, Western Fun the Western Way, über einem vergrößerten Foto von durch die Beifußbüsche hopsenden Känguruhs und einem in manischer Imitation kindlicher Freude grinsenden kleinen Blondchen. Ein diagonaler Aufdruck kündigte an: Geöffnet ab 31. Mai.

 

Na und, hatte Rollo zur Freundin des Alten gesagt, was war nun mit diesem Mr. Tin Head? Er sah sie an, nicht nur ihr Gesicht, sondern ließ die Augen von oben bis unten über sie hinstreichen wie ein Bügeleisen über ein Hemd, und der Alte in seinem Briefträgerpullover und mit dem schiefen Hut bemerkte oder beachtete es nicht, süffelte seinen Everclear, stand ab und zu auf, ging auf die Veranda und bewässerte das Unkraut. Wenn er draußen war, flaute die Spannung ab, und sie wurden zu ganz normalen Menschen, denen nichts Besonderes passierte. Rollo wandte dann den Blick von der Frau ab, beugte sich zu dem Hund hinunter und kraulte ihm die Ohren, sagte Schnarrliwau Schnapper, und die Frau brachte einen Teller zum Ausguß, ließ Wasser drüber laufen und gähnte. Wenn der Alte zu seinem Stuhl zurückkam, zu dem süßen Öl in seinem Glas, spitzten die Blicke sich wieder zu, und die Stimmen bekamen vieldeutige Untertöne.

Na ja, sagte sie und warf die Zöpfe zurück, also jedes Jahr schlachtet Tin Head einen von seinen Ochsen, und an dem haben sie dann den ganzen Winter über zu essen, gekocht, gebraten, geräuchert, als Frikassee, angebrannt oder roh. Und das eine Mal, da ist er draußen beim Stall und gibt dem Ochsen ordentlich eines mit der Axt, und der fällt um wie ein Sack. Er bindet ihm die Hinterbeine fest und zieht ihn dran hoch, durchsticht die Kehle und schiebt den Kübel drunter, um das Blut aufzufangen. Als er einigermaßen ausgeblutet ist, läßt er ihn herunter und fängt an, ihm die Haut abzuziehen, zuerst kommt der Kopf, vom Hinterkopf abwärts am Auge vorbei bis zur Nase schält er die Haut zurück. Den Kopf hackt er nicht ab, sondern schneidet weiter, Afterklaue bis Sprunggelenk auf der Innenseite des Schenkels nach oben, dann die Wamme und die Mitte des Bauchs lang zum Bruststück und zum Schwanz. Jetzt kann er mit dem Schälen anfangen, diese zähe alte Haut abziehen. Aber Schälen ist Schwerarbeit – (der Alte nickte) –, und als er die Haut so zur Hälfte runter hat, da denkt er ans Mittagessen. Also läßt er den Ochsen halb gehäutet da auf dem Boden liegen und geht in die Küche, aber vorher schneidet er noch die Zunge raus, denn die ist sein Leib- und Magengericht, gekocht und dann kalt gegessen mit Mrs. Tin Heads Senf aus einer Vergißmeinnicht-Teetasse. Legt sie auf den Boden und geht rein zum Essen. Zu Mittag gibt es Huhn mit Klößen, eins von diesen verfärbten Hühnern, die zuerst weiß und schließlich dann blau waren, jawohl, blau wie die Augen von eurem lieben Daddy.

Sie war eine schamlose Lügnerin. Der Alte hatte trübbraune Augen.

 

Auf die Hochebene rieselte feiner Schnee herab, die Luft zart durchflimmernd, schön, dachte er, wie Seidengaze, aber der Wind, der den schweren Wagen schüttelte, hatte es in sich, eine große pochende Ader Höhenluft, die auf den Boden herabstieß. Weiße Rauchkringel stiegen turmhoch, zierliche Fontänen und tanzende Schneeteufel, verschleierte Araberinnen und Gespensterreiter, gleich wieder aufgelöst in weißen Dunst. Die Schneeschlangen, die sich über den Asphalt ringelten, streckten sich zu dicken Strängen. Er fuhr mitten in einem Strom kalten, blendenden Schaums, Weiß in Weiß. Er konnte nichts mehr sehen, trat auf die Bremse, der Wind drosch gegen den Wagen, ein bitterer, hartkörniger Staub zischte über Glas und Metall. Der Wagen bebte. Und ebenso plötzlich, wie er aufgekommen war, ließ der Wind nach, und die Straße lag deutlich vor ihm, eine lange, leere Meile.

Wie soll man wissen, wann man von etwas genug hat? Was ist es, das auf den Knopf drückt, so daß das HALT-Zeichen in die Höhe schnellt? Welche elektrischen Ströme sprühen und knistern durchs Gehirn, um den Entschluß zum Verlassen eines Ortes Gestalt annehmen zu lassen? Er hatte sich ihre verfluchte Geschichte angehört, und die Würfel waren gefallen. Jahrelang hatte er geglaubt, ohne echten Grund fortgegangen zu sein, und deswegen gelitten. Aber aus den Tierfilmen im Fernsehen hatte er gelernt, daß es für ihn an der Zeit gewesen war, sein eigenes Territorium und seine eigene Frau zu suchen. Wie viele Frauen es da draußen doch gab! Drei oder vier davon hatte er geheiratet und etliche andere ausprobiert.

 

Wie die Gezeitenflut höher und höher schwappt, so trat ihm das Bild der Ranch immer deutlicher vor Augen; er erinnerte sich genau an die Zäune, die er gezogen hatte, straffe Drähte und exakte Winkel, die Sumpflöcher und Felsaustritte, den steilen Anstieg des wasserführenden Tals, die immer höher und höher aufragenden Felsen, wie Knochen, an denen noch Fleischfetzen hingen, und an den Bach, der plötzlich im Boden versank, in die unterirdische Finsternis der blinden Fische hinabtauchte und zehn Meilen weiter westlich auf dem Land eines Nachbarn wieder aus dem Berg hervorsprudelte, während sie sich mit einem Stück roten, staubtrockenen Ödlands abfinden mußten, an die steilen Canyons mit den hochgelegenen Höhlen, wie geschaffen für die Berglöwen. Anfang jenes Winters hatten er und Rollo zwei geschossen, nah an dem Überhang mit den aufgemalten Vulven. Es waren gute Höhlen da oben, aus der Sicht des Löwen.

 

Er fuhr gegen den dickflüssigen Himmel an. Auf den letzten sechzig Meilen begann es wieder zu schneien. Hinter Buffalo ging es bergauf. Bleiche Flocken, milchstraßenweit auseinander, flogen vorbei, dann wurden es mehr, und binnen zehn Minuten kroch er nur noch mit zwanzig Meilen, und die Scheibenwischer klapperten wie Stöcke, die man eine Treppe hinabschleift.

Das Licht schwand schon, als er die Paßhöhe erreichte, die stumpfen Berggipfel lagen unter Schnee, vor ihm die rutschigen Haarnadelkurven. Er fuhr langsam und gleichmäßig in einem niedrigen Gang; er hatte nicht vergessen, wie man im Winter durch die Berge fährt. Aber der Wind wehte wieder, schaukelte und ohrfeigte den Wagen, ließ nichts anderes mehr erkennen als den gepeitschten Schnee. Er schwitzte von der Anstrengung, den Wagen auf der Straße zu halten, die Höhe machte ihn benommen. Zwölf Meilen noch, rutschend und durchgerüttelt, bis er Ten Sleep erreichte, wo die Straßenlaternen zu kreisen schienen wie van Goghs Sonne. Als er fortging, hatte es hier noch keinen Strom gegeben. Zwischen dem Ort und der Ranch hatten damals siebzehn stockfinstere Meilen gelegen, und der lange Bogen der Jahre drängte sich jetzt auf diese Entfernung zusammen. Seine Scheinwerfer schnappten ein Schild auf: 20 MEILEN BIS DOWN UNDER WYOMING. Über den Buchstaben grinsten Emus und Bisons.

Er bog in die verschneite Landstraße ein, die nur an einem einzigen Paar Reifenspuren zu erkennen war, schwach, aber eben noch ausreichend. Das Heizgebläse surrte, das Radio schwieg, alles außerhalb des Scheinwerferlichts verschwamm. Und doch war alles noch so, wie es gewesen war, die Biegungen der Straße schmerzhaft vertraut, die Felszinnen drohend wie in seiner Jugend. Es hatte etwas Unheimliches, Traumhaftes, den verlassenen Farrier-Hof zu sehen, schräg nach Osten zu gelegen wie schon vor sechzig Jahren, und die Einfahrt zur Banner-Ranch, wo die freundlichen Spuren, denen er gefolgt war, abbogen, das geisterhaft aus dem Schnee auftauchende Tor, an dem immer noch das schmiedeeiserne Banner hing, unbeschadet von Wind und Wetter, die straffen fünfsträngigen Drahtzäune und undeutlich die sich bewegenden Gestalten von Rindern. Als nächstes käme der Weg zu ihrer Ranch, eine Abzweigung nach links, gleich hinter einem Hügelkamm. Er fuhr nun bei tiefer Dunkelheit auf der spurenlosen Straße.

 

Rollo anblinzelnd, hatte die Freundin gesagt, ja, ja doch, also Tin Head ißt seine Mahlzeit zur Hälfte, und dann muß er ein Schläfchen halten. Nach einer Weile wird er wieder wach, reckt die Arme und geht raus, gähnt und sagt, ach ja, jetzt schäl ich mal diesen Ochsen fertig. Aber der Ochse ist nicht mehr da. Er ist weg. Nur die Zunge, die noch auf dem Boden liegt, voll Dreck und Stroh, und der Kübel mit dem Blut, und der Hund schlabbert draus.

Was einen gefangennahm, war ihre Stimme, diese leise, kratzende Stimme, damit hätte sie das Alphabet aufsagen können, man hätte doch das Heu rascheln hören. Sie schaffte es, daß man Rauch roch, wo noch gar kein Feuer brannte.

 

Wieso fand er die Abzweigung zur Ranch nicht? Er hatte sie so klar und scharf im Gedächtnis: der staubige Winkel an der Ecke, das flache Stück, wo es den Schnee anwehte, die Strecke, wo Weidenäste den Wagen streiften. Er fuhr eine Meile und hielt Ausschau, aber die Abzweigung kam nicht, und dann suchte er nach Bob Kitchens Hof zwei Meilen weiter, aber die Entfernung rollte ab, und nichts war zu sehen. Er wendete mit einer Dreipunktkehre und fuhr zurück. Rollo mußte die alte Zufahrt aufgegeben haben, denn sie war nicht mehr da. Kitchens Hof schien das Feuer oder der Wind geholt zu haben. Wenn er die Abzweigung nicht fand, war es nicht weiter schlimm; dann eben zurück nach Ten Sleep und ein Motel suchen. Aber er gab nicht gern auf, wenn das Ziel schon zum Draufspucken nah war, mochte nicht all die Meilen in einer üblen Nacht zurückfahren, wenn die Ranch vielleicht nur noch zwanzig Minuten entfernt lag.

Er fuhr sehr langsam in der eigenen Spur, und nun kam die Abzweigung, rechts, nur daß die Pforte und das Schild nicht mehr da waren. Darum hatte er sie verpaßt, darum und weil ein Beifußstrauch die Lücke verdeckte.

Mit einem leichten Triumphgefühl bog er ab. Aber der Weg unter dem Schnee war uneben und wurde immer schlechter, bis er über Steinbrocken und schrägen Fels rumpelte und merkte, daß er hier auf keinen Fall richtig war.

Er konnte auf dem schmalen Weg nicht wenden und begann behutsam zurückzusetzen, bei herabgekurbeltem Fenster, den Kopf nach hinten gedreht, bis ihm der Hals steif wurde, in den roten Schein der Hecklichter hinausstarrend. Das rechte Hinterrad rollte über einen Stein, rutschte ab und sank in ein morastiges Loch. Die Räder drehten sich im Schnee, griffen aber nicht.

Hier bleib ich sitzen, sagte er laut. Hier bleib ich sitzen, bis es hell wird, und dann geh ich zu Banners rüber und bitte sie um eine Tasse Kaffee. Es wird kalt werden, aber erfrieren werd ich schon nicht. Es kam ihm wie ein Witz vor, wenn er sich vorstellte, wie Bob Banner die Tür aufmachen würde und sagen, nanu, Mero, komm doch rein auf ’nen Kaffee und ein heißes Biscuit, aber dann fiel ihm ein, daß Bob Banner hundertzwanzig Jahre alt sein müßte, um diese Rolle spielen zu können. Er war vielleicht drei Meilen von Banners Tor entfernt, und von da bis zum Ranchhaus waren es noch mal sieben Meilen. Also rund zehn Meilen zu Fuß in dieser Höhe und bei einem Schneesturm. Andererseits, er hatte ja noch den halben Tank voll. Er konnte den Motor eine Weile laufen lassen, dann ab- und wieder anstellen, die ganze Nacht über. Es war Pech, weiter nichts. Geduld war das wichtigste.

Er döste eine halbe Stunde in dem windgeschüttelten Wagen, erwachte bibbernd und verkrampft. Am liebsten hätte er sich hingelegt. Er dachte, vielleicht könnte er dem verfluchten Reifen einen flachen Stein unterlegen. Nie aufgeben! sagte er, tastete auf dem Boden vor dem Beifahrersitz nach der Taschenlampe, die in seinem Notfallkoffer sein mußte, und dann erinnerte er sich, wie der havarierte Wagen abgeschleppt worden war, mitsamt Warnlichtern und Autotelefon und Mitgliedskarte des Automobilclubs und Taschenlampe und Streichhölzern und Kerze und Traubenzuckerriegeln und Wasserflasche, und das hatte jetzt vermutlich alles die verdammte Frau des Manns vom Abschleppdienst in ihrem verdammten Wagen. Aber vielleicht konnte er ja in dem vom Schnee reflektierten Licht genug sehen. Er zog die Handschuhe und den dicken Mantel an, stieg aus und verriegelte die Tür, tapste um den Wagen herum nach hinten und bückte sich. Unter den Hecklichtern lag der Schnee wie eine frische Blutlache. Der durchdrehende Reifen hatte eine Rille, groß wie eine Wiege, in den Schnee gefräst. Zwei oder drei flache Steine konnten ihm aus der Patsche helfen oder auch mehrere kleine runde; Perfektion war hier nicht gefragt. Der Wind zerrte an ihm, der Schnee häufte sich merklich auf. Er schlurfte auf dem Weg hin und her, tastete mit den Füßen nach Steinen, die er bewegen konnte, und der gleichmäßig brummende Motor verhieß Tempo und Rettung. Der Wind biß ihm scharf in die Ohren. Auch seine Wollmütze steckte in dem verdammten Notfallkoffer.

 

Mein Gott, fuhr sie fort, Tin Head ist schlicht von den Socken, als der Ochse nicht mehr da ist. Er denkt, irgendwer, irgendein Nachbar, der was gegen ihn hat, und davon gab es genug, ist gekommen und hat ihn gestohlen. Er schaut sich um nach Reifenabdrücken oder Fußspuren, aber da ist nichts, nur alte Spuren von Rinderhufen. Er hält die Hand über die Augen und schaut in die Gegend. Im Norden nichts, Süden und Osten auch nichts, aber weit drüben im Westen, am Berghang, da sieht er was, das sich steif und langsam bewegt, so dahinstolpert. Es sieht wund aus, und was Nasses und Lappiges hängt ihm vom Hinterteil runter. Klar, das war der Ochse, der gab keinen Laut mehr. Und genau in dem Moment bleibt er stehen und guckt zurück. Und trotz der Entfernung kann Tin Head das rohe Fleisch am Kopf sehen und die Schultermuskeln und das leere Maul, wo keine Zunge mehr drin ist, weit aufgerissen, und die roten Augen, die ihn anfunkeln, der blanke, totale Haß, wie Pfeile schwirrt der auf ihn los, und da weiß er, es ist aus mit ihm, und mit allen seinen Kindern und deren Kindern ist es aus, und mit seiner Frau ist es aus, und jeder einzelne von ihren blauen Tellern wird zu Bruch gehn, und der Hund, der das Blut geschlabbert hat, mit dem ist es auch aus, und das Haus, wo sie drin gewohnt haben, muß in die Luft fliegen oder verbrennen, und keine Maus oder Fliege darin soll entkommen.

Es wurde still, und dann fügte sie hinzu, das war’s. Und dann ist ihm auch wirklich alles danebengegangen.

Das war’s? sagte Rollo. Und das war alles?

 

Aber er wußte, er war schon auf dem Ranchland, er spürte es, und diesen Weg kannte er auch. Es war nicht der Hauptzugang, sondern eine Nebeneinfahrt, an die er sich nicht mehr richtig erinnerte, die irgendwo unterhalb des Bachs hineinführte. Jetzt fiel ihm ein, daß das Haupttor an einer Seitenstraße lag, die schon ein ganzes Stück vor der Banner-Ranch abzweigte. Er fand einen guten Stein und noch einen, fragte sich, welcher Weg dieser hier wohl sein konnte; die Karte der Ranch hatte er nun nicht mehr so klar im Kopf, nur noch lückenhaft und verwischt, wie zertrampelt. Die Tore, die er in Erinnerung hatte, stürzten ein, Zäune verliefen ins Ungewisse, während das Ödland in seinen Einzelheiten massiv deutlich wurde. Die Felsen ragten in den Himmel, Löwen fauchten, der Bach strudelte mit ungeheurer Geschwindigkeit durch ein Loch im Gestein, und Felsbrocken prasselten von den Höhen herab. Hinter dem Stacheldraht bewegte sich etwas.

Er wollte die Tür des Wagens aufklinken; sie war verriegelt. Im Licht der Armaturen sah er drinnen die Schlüssel im Zündschloß schimmern, wo er sie hatte steckenlassen, damit der Motor weiterlief. Es war beinah komisch. Er hob beidhändig einen großen Stein auf und hieb ihn gegen das Fenster auf der Fahrerseite, schob den Arm durch das entstandene Loch in die wohlige Wärme des Wageninnern, bog ihn, wie wenn er aus Gummi wäre, ums Lenkrad herum nach unten und hätte die Schlüssel nie erreicht, wäre er nicht dank seiner Gymnastik, der Nußkoteletts und des vielen Blattgemüses so gelenkig geblieben. Seine Fingerspitzen streiften und erfaßten dann die Schlüssel, er hatte sie. Da sieht man doch, was ein gestandener Mann ist! sagte er laut. Während sich die Finger noch um die Schlüssel bogen, blickte er zur Tür auf der andern Seite. Der Riegelknopf stand hoch. Aber selbst wenn auch dort verriegelt gewesen wäre, warum hatte er so mühsam nach den Schlüsseln geangelt, wo er doch nur den Riegelknopf auf der Fahrerseite hätte anheben müssen? Fluchend zog er die Gummifußmatten heraus und breitete sie über die Steine, stolperte noch mal um den Wagen herum. Ihm war schwindlig, er hatte fürchterlichen Hunger und Durst, fing mit dem Mund ein paar Schneeflocken auf. Seit zwei Tagen hatte er nichts mehr gegessen außer den angebrannten Eiern an diesem Morgen. Er hätte jetzt ein Dutzend angebrannte Eier verzehren können.

Durchs zersplitterte Fenster pfiff der Schnee herein. Er legte den Rückwärtsgang ein und trat sachte aufs Gaspedal. Der Wagen ruckte und kam in die Spur, und wieder fuhr er mit verdrehtem Hals rückwärts in das rote Glimmen hinein, fünf Meter, zehn, aber immer wieder rutschten die Reifen und drehten durch; es lag zuviel Schnee. Und es ging eine Steigung hinauf, die er bei der Herfahrt kaum bemerkt hatte, die sich aber nun als ein gnadenlos langer Hügel erwies, gespickt mit großen Steinbrocken und tief verschneit. Seine alte Spur wand sich wie ein schlaffes Tau. Er kämpfte sich noch zehn Meter weiter, und die Reifen drehten sich schleifend, bis sie rauchten, dann rutschten die Hinterräder seitlich weg und in einen Graben hinein, etwa einen halben Meter tief, der Motor verstummte, und das war’s. Er war fast erleichtert, an einem Punkt angelangt zu sein, wo die himmlischen Fingernägel sich offenbar anschickten, seinen Faden durchzuknipsen. Über die zehn Meilen bis zur Banner-Ranch wollte er nicht nachdenken; vielleicht war es gar nicht so weit, oder vielleicht hatten sie den Hof näher an die Straße verlegt. Ein Lastwagen könnte vorbeikommen. Auf rutschigen Schuhsohlen, den Mantel schief zugeknöpft, ging er los, das sagenhafte Grand Hotel im Beifußgestrüpp zu suchen.

 

Auf der Hauptstraße waren seine Reifenspuren noch als blasses Muster im perlig aprikosengelben Licht des Mondes zu erkennen, der inzwischen durch die wallenden Schneewolken blinkte. Sein verschwommener Schatten wurde deutlicher, immer wenn der Wind abflaute. Dann zeigte sich das Land in all seiner Gewalttätigkeit, die Felsen, die sich gegen den Mond aufbäumten, der Schnee, der über die Prärie stob wie Dampf, die weiße Flanke des Ranchgeländes, von Zaunlücken aufgeschlitzt, die glitzernden Beifußsträucher und, am Bach entlang, die schwarzen Zotteln der Weiden, verfilzt wie totes Haar. Auf dem Feld neben der Straße standen Rinder, und ihre Atemwolken hingen im Mondschein über ihnen wie Sprechblasen in einem Comic strip.

Er ging gegen den Wind, die Schuhe voll Schnee, fühlte sich so leicht zerreißbar, als wäre er aus Papier geschnitten. Im Gehen bemerkte er, daß ein Tier aus der Herde hinter dem Zaun mit ihm Schritt hielt. Er ging langsamer, das Tier auch. Er hielt an und drehte sich um. Das Tier blieb ebenfalls stehen, blies Dampf aus den Nüstern und sah ihn an, auf dem Rücken einen Streifen Schnee wie ein Leinendeckchen. Es schüttelte den Kopf, und im heulenden Winterlicht sah er, daß er sich wieder mal geirrt hatte, denn das rote Auge des halbgehäuteten Ochsen hatte ihn die ganze Zeit verfolgt.