Der Hausfreund

Harald-Hans-Joachim Rech

 

 

 

 

Die Zeit ist eine große Illusion

Verloren in der Unendlichkeit

Wir sind die Sekundenschläge dieser Illusion

Die Spanne unseres Seins folgt den Takten eines unergründlichen Zeitmaßes.

Glen Mac Noise

 

 

 

 

 

 

 

Diese Geschichte ist vollkommen wahr, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe.

(Boris Vian - franz.Künstler)

 

 

Impressum

ISBN: 9783961182985

© 2017 by andersseitig.de

Hinweis

Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere das Übersetzen in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlags ist es auch nicht gestattet, diese Bücher oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten oder zu verbreiten.

 

 

 

 

 

Vorwort

Mein Name ist Tillman Bartels. Ich bin Anwalt des Immobilienrechts und Mitarbeiter der renommierten Kanzlei Röder und Hirsch in Hannover und lebe in gesicherten Verhältnissen. Ich besitze eine Eigentumswohnung im vornehmen Stadtteil am Stadtpark, bin Mitglied bei Diners und den Rotariern sowie im Masters Golfklub. Meine große Liebe gilt dem Segelsport. Zweimal im Jahr gehe ich auf Törn. Ich bin Junggeselle, neunundvierzig Jahre alt, der sich hin und wieder den Luxus einer Geliebten gönnt. Außerdem besitze ich einen Hund, eine Lebensversicherung und ein Bankdepot mit Aktienmix. Im Grunde gäbe es keinen Anlass für mich mit meinem Leben unzufrieden zu sein, wäre da nicht dieser fürchterliche Traum, der mich immer häufiger heimsucht und jedes Mal bis an den Rand des nervlichen Zusammenbruchs führt. Ich erlebe meinen Tod und die anschließende Beisetzung. Und fast immer endet der Traum damit, dass mein Hund Cognac vor meinem Bett sitzt und mein Gesicht beleckt. Diese Empfindung reißt mich in eine Wirklichkeit zurück, die sich kaum spürbar, aber unaufhaltsam der Fiktion meines Traumes angleicht. Bin ich, Tillman Bartels, auf dem Weg zum Wahnsinn? Nach einer durchzechten Nacht im Traditionslokal der Kanzlei, “Sam's Marktwirtschaft”, und nach einem besonders heftigen traumatischen Erlebnis, finde ich mich im Geflecht von Fiktionen wieder, die mich immer tiefer in den Grenzbereich zwischen Realität und Irrsinn treiben. Ein Albtraum im Albtraum beginnt, der für mich, den besonnenen Realisten, ein Wettlauf um Leben und Tod wird. Hängen diese grauenhaften Visionen möglicherweise mit einem Deal zusammen, den ein gewisser Altmann durchzog und der mir nichts als Ärger brachte? Machen Geschehnisse aus vergangener Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann, ihren Anspruch geltend? Habe ich unbewusst eine Person in irgendeiner Weise benachteiligt und werde jetzt das Opfer eines Racheplans? Ratlosigkeit und Betroffenheit breiten sich in mir aus. Alles begann damit, dass irgendein gewiefter Bursche diesem Geldprotz und besitzgierigen Altmann zehn Grundstücke in bester Lage zu einem Preis verkaufte, den nur ein Idiot zurückgewiesen hätte. Altmann hielt sich für gerissener als der Teufel und schlug ein. Beim Ortstermin stellte sich dann heraus, dass es sich um eingezogene Gräber auf dem Zentralfriedhof handelte. Ein genialer Betrug, der Altmann um fünf Millionen ärmer machte, seine finanzielle Basis jedoch nicht sonderlich strapazierte. Altmann, ein alter Kunde und Freund von Röder und Hirsch, beauftragt die Kanzlei mit der Aufklärung des Betruges und Vernichtung des Verbrechers, vor allem um Rückführung der fünf Millionen, so seine Formulierung. Auf der Grundlage dieser Bedingungen erhielt ich den Fall Altmann zugewiesen, mit allen Vollmachten, die man als Anwalt und Detektiv dazu benötigt.

Mein ehrgeiziges Denken treibt mich zu Recherchen, und schon bald stoße ich auf ein Netzwerk vielschichtiger Verstrickungen und Intrigen, gespickt mit Lügen und Bösartigkeiten, eine Barriere von eiskalter Skrupellosigkeit und Berechnung , hinter der das Grauen auf mich wartet, um mich zu vernichten. Zehn unbelegte, vor Jahren eingezogene Gräber, sind der Beginn eines teuflischen Hasard-Spiels, dessen Einsatz mein Leben ist. Bei einem Besuch des Friedhofs und während eines Gesprächs mit dem Friedhofsverwalter stellt sich heraus, dass die Grabstellen einer jüdischen Familie Weinstein gehörten, die nach der Reichs-Kristallnacht spurlos verschwand. Doktor und Professor der Physik soll der Mann gewesen sein, an geheimen Projekten der Reichswehr und Nazis mitgearbeitet haben. Deutet zunächst alles auf einen Spionagefall mit später Rache hin, ändern sich die Dinge rasch, als ich im Katasteramt der Stadt fündig werde und den Namen meiner Vorfahren in Zusammenhang mit den Eintragungen des jüdischen Professors finde. Welche Rolle habe ich, hat Tillman Bartels in diesem Fall zu spielen, der sich zunächst wie eine normale Immobilien-Transaktion anlässt, nach wenigen Tagen jedoch von meinem Leben Besitz ergreift, mein Denken und Handeln bestimmt und mich an die Grenzen meines Bewusstseins treibt?

 

 

1. Kapitel  

Eine unruhige Nacht, ein lädierter Kopf und ein fetter Aal

Wahrscheinlich war der Fisch an allem Schuld. Ich sollte einfach abends keinen Aal essen. Warum müssen die Viecher auch so fett sein? Und dazu noch diese scharfen Obstbrände.

"Das hat der Fisch gern, dann schwimmt er besser" so die Bedienung in ihrem sündhaft-teuren Outfit, dass sie als Angestellte eines 5-Sterne Restaurants, wenn es denn so etwas überhaupt gab, auswies.

“Sams Marktwirtschaft, heute Abend um zwanzig Uhr. Seid pünktlich, Altmann liebt keine Verspätungen und lässt sich den Fall zehn Prozent kosten, nur Erfolgshonorar für alle, ohne Spesen, die laufen extra. Das sind Geschäfte die Spaß machen. Ganz besonders bei einem alten Kunden und Freund des Hauses. Aus der Dummheit anderer Kapital schlagen. Ein durch und durch honoriges Geschäft. Bis nachher.”

Geradezu euphorisch teilte ihnen Röder seine Wünsche zum Fall Altmann mit und erwartete in dieser Angelegenheit von allen absolute Solidarität. Kotzübel war mir in der Nacht, und schließlich lag das teure Schuppentier mitsamt Beilage in der Toilette und ich mit grün-gelbem Gesicht daneben. Wie konnte das geschehen?

Zeit darüber nachzudenken ließ mir mein chaotischer Magen nicht, denn kaum zog mich mein Schlaf-Bedürfnis in Richtung Bett, trieb mich ein unwiderstehlicher Drang zur Entleerung ins Bad. Sollte das etwa die ganze Nacht so gehen? Um Zehn Uhr morgens stand die erste Besprechung des Tages mit diesem nörgelnden und besserwisserischen Altmann an. Ein Fleisch- und Wurstfabrikant, dem ein schlitzohriger Zeitgenosse zehn erschlossene, unverbaubare Grundstücke an der Sibelius-Allee Hundertsechzehn bis Hundertsechsunddreißig andiente. Für genau fünf Millionen - cash. Altmann hatte bei diesem Preis, den beglaubigten und absolut echt wirkenden Dokumenten, keine Sekunde gezögert zuzugreifen, nachdem auch die telefonischen Rückfragen bei diversen Stellen nur Positives ergaben. Damit war für mich klar, dass mindestens 2, wenn nicht mehr Personen in die Sache verwickelt waren. Bei der anschließenden Besichtigung stellte sich dann heraus, dass es sich um eingezogene, unbelegte Grabstellen auf dem alten Hauptfriedhof in Hannover-Süd handelte. Auch die Telefongesprächspartner entpuppten sich als nicht existent, mithin war die ganze Sache getürkt. Altmann stand kurz vor dem Herzinfarkt und schäumte über. Dann besann er sich auf seine Freunde aus alten Zeiten, die Besitzer der Kanzlei Röder & Hirsch, die sich seit Jahrzehnten ausschließlich mit Immobilientransaktionen beschäftigte. Jetzt hatte ich diesen Altmann auf dem Tisch liegen, vielmehr das Ergebnis seiner ungehemmten und zügellosen Gier nach Besitz und Geld. Ich gönnte dem fetten Scheißer diesen Reinfall und hoffte insgeheim, dass der clevere Abstauber nie gefasst wurde. Was mir und meinen Kollegen zu denken gab war die Tatsache, dass Altmann die Sache intern, dass hieß ohne Polizei geklärt haben wollte. Er erstattete keine Anzeige, gleichwohl ermittelte die Polizei in diesem Fall, da ein öffentliches Interesse an der Aufklärung bestand. Immerhin war das Städtische Kataster- und Grundbuchamt mit von der Partie, und damit der gesetzliche Auftrag zur Ermittlung und Klärung eines Immobilienbetruges gegeben. Jedenfalls wollte ich von meiner Seite aus keinen wesentlichen Beitrag zur Ergreifung eines gewissen Dr. Hoppelmann leisten, denn so nannte sich der angebliche Verkäufer von zehn baureifen Parzellen auf dem Hauptfriedhof. Ich stellte mir Altmann, diesen überheblichen Affen vor, wie er glotzend vor seinem neuen Besitz stand und nach Luft schnappte wie ein Karpfen, den die geschickte Hand des Fischers an Land beförderte. Das erste Mal an diesem jungen Tag ging es mir gut, und ich musste grinsen. Gegen Morgen schaffte ich es dann endlich einzuschlafen, aber kurz vor Ertönen des Weckers schüttelte mich ein fürchterlicher Albtraum, dem ich nur durch das energische Eingreifen meines Neufundländers schweißgebadet entkam. Ich erinnerte mich seltsamerweise nur an eine bestimmte Sequenz, die aber unmöglich der Gesamtinhalt dieses Albs sein konnte. Mein Tod spielte die Hauptrolle in einer mehr als geschmacklosen Veranstaltung.

 

Das war es auch schon, und die Gewissheit erwacht zu sein bestärkte mich nachdrücklich in meiner Überzeugung, dass Aal zu später Stunde in Verbindung mit Obstbrand meinem inneren Wohlbefinden wenig zuträglich ist. Ich schwor in diesem Augenblick jeglichem weiteren Genuss von Aal und Bränden ab. Zumindest für die nächsten Tage.

"Dieser verdammte Fisch" fluchte ich so gut es ging, griff mit zitternden Händen nach der Flasche Selterswassser und trank vorsichtig einige Schlucke.

"Ganz ruhig mein Junge, ganz ruhig" versuchte ich dem würgenden Drängen zu begegnen, dass mir von meiner ersten großen Seefahrt auf einer Viermastbark so lebendig in Erinnerung war, als sei es gestern gewesen. Aber mein rebellischer Magen hatte offensichtlich erbarmen mit der gequälten Kreatur und beschlossen, für diesen Tag keine weiteren Attacken mehr zu starten. Ich schleppte mich erneut zum Bad, tauchte meinen Kopf in die Wanne und drehte das Wasser voll auf. Kalt und abschreckend schoss es aus dem verchromten Maul der Armatur über mein Gesicht, den Nacken und Teile der Schultern. Ich brüllte wie entfesselt, um diesem eisig-zuckend-feurigen Inferno zu entkommen, und nach einigen Sekunden hatte ich mich an diesen tellurischen Überfall gewöhnt. Mein Neufundländer mit Namen Cognac schaute meinem Treiben eher gelangweilt zu und wartete geduldig auf das Ende dieses Anfalls. Prustend wischte ich mir Gesicht und Schultern ab, stellte den Ventilator an und ließ mir den kühlenden Luftstrom über Kopf und Brust streichen. Dabei fiel mein Blick auf eine der zahlreichen Uhren, die sich überall in meiner Wohnung fanden. Seit ich vor sieben Jahren einen Flugzeugabsturz überlebte, glaubte ich an die Endgültigkeit der Zeit.

"Noch zwei Stunden, mein Gott, wie soll ich das nur überstehen" stöhnte ich unsagbar leidend. Cognac, was sagst du dazu? - Komm mein Guter, komm zu mir. Vielen Dank für deine Unterstützung. So ein verdammter Scheißtraum. Ich kann mich an nichts erinnern, fast nichts, aber es war eine höllische Party."

Schwerfällig trabte Cognac, der Neufundländer auf mich zu, blickte aus großen, müden Augen zu mir auf, gähnte herzhaft, um sich dann vor meine Füße auf den Teppich zu legen.

"Keine schlechte Idee, das werde ich auch tun, wenn mein Magen mitspielt."

Und er spielte mit. Ich schlief tatsächlich 2 volle Stunden, und nur die brachiale Stimmgewalt mehrerer Wecker und Uhren riss mich aus dem Koma eines traumlosen Schlafes. Es half nichts, ich musste meinem ausgekotzten Inneren die gepflegte Außenhaut des Anwalts für Immobilienrecht, Tillman Bartels überstreifen.

Kaffe und Toast sparte ich mir im Hinblick auf die bevorstehende Fahrt ins Büro, denn die städtischen Zufahrtsstraßen boten auswürgenden Immobilien Rechtsanwälten keine angemessene Deckung. Für alle Fälle steckte ich mir die Plastik-Einkaufstüte eines stadtbekannten Nobelcoiffeurs in die Tasche, der es mir sicher nachsehen würde, dass ich sein Werbeprodukt für den möglichen Auswurf meines Magens missbrauchte.

Irgendwie war es mir ohne größere Zeitverluste gelungen unsere Kanzlei in der Innenstadt zu erreichen, nachdem ich Cognac wie gewöhnlich bei meinem Nachbarn Grünberg, einem Elektronikingenieur im Ruhestand, in gute Hände gab. Ich bin doch ein Scheißkerl, dachte ich. Da hast du einen wunderbaren Hund und gibst ihn jeden Tag wie ein Paket beim Nachbarn ab. Daran musste sich unbedingt etwas ändern. An meinem ganzen Leben muss ich etwas ändern, liefen mir die Gedanken wie verschreckte Ameisen durch den Kopf.

Muss ich wirklich? Jedenfalls trug ich an meinem augenblicklichen Zustand die alleinige Schuld, und daran ließ sich in der Tat arbeiten. Als ich meinen Wagen in die Tiefgarage lenkte und zu meinem Abstellplatz fuhr stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass ich der erste aus unserem Team war. Hatte ich mich etwa in der Zeit geirrt? Etwas verunsichert schaute ich auf meine Armbanduhr, dann auf den Radiochronometer. Beide Uhren zeigten exakt die gleiche Zeit an.

"Sonderbar, gerade Sybille ist doch die Pünktlichkeit in Person. Ihr Wagen steht als erster noch vor dem Chef auf ihrem Platz."

Dann schoss mir ein Erinnerungssplitter wie ein Schrapnell durchs Hirn, und für Sekundenbruchteile formten sich Bruchstücke des gestrigen Abends vor meinen Augen.

"Ein Abendessen bei Sams Marktwirtschaft. Röder und Hirsch, Mendelsohn, Sybille, Carmen Martinez, Bergmeister und ich. - Scheiße - alles ausgekotzt. So eine verdammte Scheiße. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte."

Schwerfällig verließ ich meinen Daimler-Benz, derweil sich die untere Ebene der Garage mit Fahrzeugen füllte. Mitarbeiter, Angestellte und Chefs eilten den Aufzügen entgegen, die sie rasch und ohne Fragen in ihre Büros bringen würden. Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Haus. Irgendetwas ist hier nicht in Ordnung. Bin ich überhaupt im richtigen Gebäude? Waren die Korridore des Trade Centers nicht gestern noch zartblau anstatt wie heute hellgelb? Überhaupt - niemand aus der Schar hastender und wortkarger Menschen nahm großartig Notiz von mir oder kam mir auf irgendeine Weise bekannt vor. Ekelten sie sich vielleicht vor mir? Lag es vielleicht an meinem sichtbar verkommenen Äußeren? Leicht verunsichert und eher nebenbei betrachtete ich mein Konterfei in einem der Spiegel, mit denen die Türen der Liftkabinen drapiert sind. Es fiel mir schwer meine Wirkung auf andere einzuschätzen, jedenfalls im Augenblick, aber ich war mir sicher, dass sich meine Erscheinung nicht aus dem Heer der Bürolegionäre heraushob. Erleichtert atmete ich auf. Noch sieben Etagen. Wieso braucht der Lift so lange? Das sind ja Ewigkeiten. Mir kam es so vor, als würde jedes Stockwerk extra gebaut, bevor der Aufzug weiterfuhr. Schließlich war ich allein in dieser schmucklosen Kabine, die ein wenig nach altem Leder und feuchter Erde roch. Quatsch - schalt ich mich, und im gleichen Augenblick klingelte die Digitalanzeige des Liftes. 9. Stock, Immobilienkanzlei Röder und Hirsch.

Na endlich, japste ich ungehalten und bemühte mich nicht an meinen Magen zu denken. 8.30 Uhr. Niemand in der Kanzlei. Das war mehr als ungewöhnlich.

Totenstille herrschte in den Räumen, lediglich das sanfte Summen der Klimaanlage hing wie ein fernes Raunen in der Luft.

"Guten Morgen, ich bin es, Tillman Bartels. Freunde - wo steckt ihr?"

Das Echo meiner Stimme wurde vom hochflorigen Teppich und den hochklassig gedämmten Wänden völlig verschluckt. Beinahe Tonlos hörten sich meine Worte an, über die ich im nachhinein erschrak.

"Dann eben nicht, ist mir auch egal. Jetzt habe ich wenigstens Zeit mich mit Altmann zu befassen. - Und wenn mir schlecht wird, genau dann, wenn mir der Fettsack gegenüber sitzt? -- Dann kotze ich ihm seine Jackentasche voll - bis oben hin. Als kostenlosen Rat."

Ich musste wieder grinsen, aber auch das wollte mir nicht so recht gelingen. Tief ausatmend nahm ich hinter meinem Schreibtisch Platz, stellte meine Aktentasche neben meinen Stuhl, öffnete die rechte Schreibtischtür und griff zielsicher nach meiner Wasserflasche, die jeden Tag frisch ersetzt und verschlossen auf mich wartete. Sybille tat diesen Freundschaftsdienst gern für mich, hoffte sie doch immer noch auf eine Wiederbelebung unseres Verhältnisses. Wurde es vielleicht wiederbelebt? Etwa gestern Abend? Verfluchter Aal, verfluchter Suff. Während ich einen ersten langen Schluck aus der Flasche nahm, taxierten meine Augen als Ergebnis langjähriger Gewöhnung den Schreibtisch und entdeckten einen handbeschriebenen Zettel, der unter dem Briefbeschwerer klemmte. Vorsichtig zog ich das Papier hervor und begann mit der Entzifferung des Textes. Er stammte von Altmann, dem Immobilienmakler.

"Lieber Tillman Bartels. Es dauert mich sehr ihnen absagen zu müssen, aber ich kann leider heute nicht zu Ihnen in die Kanzlei kommen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Besuchen sie mich doch um 19.00 Uhr in der Wohnung meines Freundes. Die Adresse steht auf der Rückseite. Vielen Dank für ihr Verständnis und bis heute Abend. Franz Altmann."

"Na schön - du dumme Sau, konnte dir das nicht früher einfallen? Besuchen sie mich in der Wohnung meines Freundes. Dann reden wir über alles. Wahrscheinlich hat er die fünf Millionen schon abgehakt, oder das ganze ist ein abgekartetes Spiel. - Wau - du kleiner Stinker, du willst das Finanzamt bescheißen, und ich soll dir dabei helfen.“

„So eine miese Ratte. Na warte Bursche, dir werde ich beikommen, verlasse dich drauf" rief ich schadenfroh.

Ich widmete mich meinen Unterlagen und versank in der Zeit. Nach und nach trudelten die Chefs und meine Kollegen ein, aber mein Gefühl signalisierte mir, dass der heutige Tag nicht ein Tag war wie die anderen, sondern sich in fast allem bisher Geschehenen deutlich unterschied. Die vertraute Freundlichkeit der Mitarbeiter trug beängstigende Züge einer verkrampften Höflichkeit, die ausschließlich zu meinem Wohlbefinden arrangiert wurde. Jedenfalls drängten sich mir derartige Empfindungen auf.

"Blödsinn - alles Blödsinn, jetzt wird konzentriert gearbeitet" fluchte ich laut, was aber weder Sybille, unsere Spitzenschreibkraft, noch Carmen Martinez, die Expertin für den Spanienmarkt, sonderlich beeindruckte. Eher das Gegenteil war der Fall. Mir war so, als würden mich die beiden Damen überhaupt nicht hören. Aber das ist sicher alles Einbildung und das Resultat meines verdorbenen Magens. Mein Blick fiel routinemäßig auf die Uhr. Ich erschrak heftig. 18.15 Uhr. Das gibt es doch gar nicht, das konnte doch unmöglich sein. Es ist niemals 18.15 Uhr. Ich sprang beinahe panikartig hinter meinem Schreibtisch vor und stürzte zum Fenster.  Der nachmittägliche Lauf der Sonne neigte sich dem Horizont zu, und auf den stadtauswärts führenden Straßen drängelten und stauten sich die Autos wie jeden Abend.

"Verdammte Scheiße, bin ich denn nur im Tran!"

Hilflos blickte ich mich um und stellte staunend fest, dass ich der letzte im Büro war. Alle anderen waren schon gegangen. Was ging hier vor? Was hatte das zu bedeuten? Ich erinnerte mich meines Termins mit Altmann und stapfte zu meinem Schreibtisch zurück. Die Adresse, wo ist der Zettel mit der Adresse?

Meine Finger durchsuchten den Papierkorb und alle in Frage kommenden Ablagen für Notizen dieser Art, aber die Aufzeichnung blieb verschwunden.

"Das hat mir noch gefehlt. Ein Termin bei Altmann und ich verlege die Adresse."

Missmutig verließ ich die Kanzlei und lief zum Lift, der mich wider erwarten rasch in die Tiefgarage zu meinem Stellplatz brachte. Wie dumm von mir, habe ich doch glatt die Adresse seines Freundes verlegt, und ein Telefon hat er auch nicht. Und selbst wenn, ich kenne ja nicht einmal seinen Namen.

Ich schlug mit der Faust auf das Lenkrad und stieß einen obszönen Fluch aus, dessen Echo wie Hohngelächter in dieser Fahrzeuggrabanlage widerhallte. Heute um 19.00 Uhr findet die Aktion mit Altmann statt und mir blieben noch genau 25 Minuten mein Ziel zu erreichen. Aber welches Ziel war das und wo befand es sich? Ich überlegte und grübelte, und irgendwie gelang mir die Rehabilitierung meines Kurzzeitgedächtnisses. Dann geschah ein Wunder, jedenfalls hielt ich es dafür. Die Adresse tauchte verschwommen, doch lesbar wieder auf. Aber war es wirklich die richtige? Egal, ich riskiere es, denn ich hatte ohnehin keine andere Wahl und fahre zu Altmanns neuem besten Freund. Schließlich erreiche ich das Haus, eine am Stadtrand liegende Immobilie von gepflegtem Äußeren. Frisch renoviert, bemerke ich nebenbei und läute an der Haustür. Das Schildchen mit der Türnummer von Altmanns Freund ist noch weiß. Nichts tut sich. Ich klingele erneut und erhalte das gleiche Ergebnis. Doch wie durch Wunderhand öffnet sich die Haustür, und ich schlüpfe neugierig wie ich bin, hinein, wobei mich die Aufwartefrau, eine alte griesgrämige Fettel misstrauisch mustert. Ich nehme den Aufzug und drücke - 1. Etage.

Oben angekommen sehe ich mich um: linkerhand befindet sich die Wohnung bei der ich geklingelt habe. Die Tür ist angelehnt. Forsch betrete ich die Räumlichkeiten, denn ich möchte nicht zu spät kommen. Aber nichts rührt sich. Ich wage einen Blick in die Zimmer und nehme erstaunt zur Kenntnis, dass alles leer ist. Die beklemmende Stille verbreitet Unbehagen und lässt mich frösteln.

"Herr Altmann - sind sie schon da?" verhallen meine fragenden Worte.

Meine Schritte führen mich durch die Wohnung, die aus einem kleinen Vorzimmer, einem Arbeitszimmer, einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer besteht. Dazu noch Bad, Gäste WC, Abstellraum und eine weitausladender, terrassenartiger Balkon. Er erinnert mich an eine Sequenz aus einem Science Fiktion Film, die Startrampe ins Universum.

Die Räume sind, bis auf das Vorzimmer, großzügig angelegt, entsprechend in der Ausstattung und verbreiten einen Hauch von Feierlichkeit, dem ich mich nicht entziehen kann. Mindestens 120 qm, so schätze ich die Größe der Wohnfläche. Es könnte meine sein, in der Schorlemer Straße, an der ich aus unerklärlichen Gründen sehr hänge. Ich nehme auf einem Stuhl Platz, ein unbequemes, aber altes Möbel, überhaupt die einzige Möblierung der Wohnung, was mich in Erstaunen versetzt. Der Stuhl in dieser Wohnung gleicht einem Sitzmöbel in meinem Zuhause wie ein Ei dem anderen. Kann es so etwas geben? Sicher, denn nur Designer-Möbel werden als Einzelstücke gefertigt, alles andere ist, gelinde gesagt, Mehrfachproduktion, mag es auch noch so antiquarisch sein. Meine Uhr zeigt 18.57 Uhr, ich werde langsam unruhig, und mein Verständnis für die Allüren und Eitelkeiten dieses Wurstmischers neigt sich dem Nullpunkt entgegen. Altmann und sein Freund müssten jeden Augenblick kommen, wenn nicht, werde ich in genau zehn Minuten verschwinden. Plötzlich tönen aus dem Gang heraus Schritte die sich rasch der Wohnung nähern. Eine Frau flucht leise. Die Wohnungstür ist geschlossen, denn ich habe sie achtlos zugeworfen. Ich stehe auf und will die Person hereinlassen, deren Stimme mir völlig unbekannt ist. Ich friere und reibe meine Hände aneinander. Dann gehe ich neugierig zur Tür. Als sich meine Finger um den Türknopf schließen durchfließt mich ein eisiger Strom. Verdammt noch Mal, was ist geschehen? Wer ist diese Frau, die so plötzlich und unerwartet im Zimmer dieser großen Wohnung steht? Mit metallischem Klacken schließt sich die Tür erneut. Mein unruhiger Blick fällt auf die Uhr, und nur aus der Verlegenheit heraus spreche ich mit einer Stimme, die mir fremd und körperlos erscheint. Es ist schon 19.10 Uhr, und Herr Altmann noch nicht erschienen. Auch sein bester Freund lässt auf sich warten. Die elegante hochgewachsene Gestalt sieht aus dunklen Augen in mich hinein. Ihr weißes Gesicht liegt in ihrer schwarzen Kleidung, die sie von Kopf bis Fuß einhüllt, wie ein Meer aus schimmernder Kreide. Meine Blicke saugen sich an dieser Erscheinung fest. Sie ähnelt meiner Kollegin und früheren Geliebten Sybille.

"Du musst dich umziehen -- es ist höchste Zeit."

Hohl und verloren vernehme ich die Stimme dieser Frau, die mir so fremd scheint und doch so vertraut, seit mich meine Mutter im Wehenschmerz hinaus in diese Welt presste.

<<Was soll ich tun, mich umziehen? Für wen - Altmann? Sind denn alle auf dieser Welt verrückt geworden? Was geschieht hier - was...? >>

Schon steht diese Frau an meiner Seite und beginnt mich zu entkleiden. Unfähig zu einer Gegenwehr, ich fühle mich seltsam schwer und wie gelähmt, lasse ich sie gewähren, und von einem zum anderen Augenblick stehe ich nackt, dabei nicht verschämt oder verlegen, mehr überrascht und ein wenig hilflos vor dieser Frau, die mich ohne jede sichtbare Regung betrachtet. Jetzt erst bemerke ich den großen schwarzen Koffer, der in der Mitte der Wohnung steht.

"Wie kommt dieser Koffer in diese Wohnung? Was ist darin? Wo ist Herr Altmann, wo ist sein bester Freund? Ich habe einen Termin! Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?"

Leicht legt sie ihre Fingerspitzen auf meine Lippen, und ich schmecke die ledrige Haut ihrer kühlen Handschuhe, die ein wenig nach feuchter Erde duften.

"Sie sind alle gekommen. - Schau - alle warten nur auf dich."

Träge dreht sich mein Kopf auf knirschendem Wirbelknochen, und wie durch eine Milchglasscheibe nehme ich die Versammlung wahr, die schweigend und unbeweglich die Räume der Wohnung füllt und die mich aus Dutzenden Augen anstarrt.

"Dein Hemd."

Wie ein seidener Schleier legt sich die linnene Haut über mich. Nun kommt Bewegung in die Versammlung. Stumm und ohne jegliche Anteilnahme führt jeder der Anwesenden, ob nun Frau oder Mann, irgendeine Tätigkeit aus, deren Sinn und Zweck ich nicht verstehen kann. Bald schon ist die Wohnung erfüllt vom Licht großer Kerzen, die auf mächtigen, schmiedeeisernen Leuchtern stecken. Überall türmen sich Blumen ich dichten Sträußen, Gebinde aus Tannengrün, Kiefernzweigen und Stechpalmen. Alles zusammen verströmt einen Duft der mich an Herbst und Abschied nehmen erinnert.

"Du bist müde -- lege dich nieder."

Schwerfällig und steif in Beinen und Armen krieche ich in mein bereitstehendes Bett, dessen wohltuende Kühle meine Auglider in Blei verwandelt und unbarmherzig über den Kerzenschein zieht, dessen verblassender Schimmer wie fernes Funkeln davonfliegt.

"Dein Freund ist angekommen."

Das Echo der Frauenstimme hallt in meinem Bett wider. Mühsam zerre ich an meinen Lidern, durch schmale Schlitze erblicke ich meinen Freund.

Mein Freund, aber - das ist nicht mein Freund, das ist Altmann und...

"Du --- kommst --- schon?"

"Verzeihe mir --- eine Verspätung. Schau - das neue Türschild."

Meine Augen ertasten die Inschrift des Türschildes. Ich lese meinen eigenen Namen.

"Wieso --- mein Name --- ich wohne nicht hier?"

"Doch mein Freund --- für immer!"

Mein neuer Freund beugt sich über mich und legt seine brüchige Hand auf meine Stirn.

"Ihr könnt das Bett schließen. Mein Freund ist bereit."

Als sich die seidige Kühle der weißen Decke über meinem Körper ausbreitet und mich fast bedeckt, vernehmen meine ausklingenden Ohren den Stundenschlag einer Uhr, der in seinem bedrohlichen Echo die anonyme Stimme eines Radiosprechers nach sich zieht.

"Es ist zwanzig Uhr und wir beginnen mit einer bedauerlichen Nachricht. Der renommierte Rechtsanwalt, Immobilienspezialist und Mitarbeiter der Kanzlei Röder und Hirsch, Herr Tillman Bartels, ist das Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls geworden."

Endlich werde ich zugedeckt, liege ich doch schon viel zu lange in meinem Totenhemd in meinem offenen ewigen Bett, behütet von meinem besten Freund, der unser aller --- bester Freund ist. Dann glaube ich alles zu verlieren, Abschied nehmen zu müssen, mich von allem zu trennen, was mir von Bedeutung scheint. Ein unvorstellbarer Traum entfaltet sein Eigenleben - mein Leben, und ich werde aller Dinge ledig. Wie in einem Rausch der Exzesse zieht die Staffage der Eitelkeiten und nutzlos gewordenen Besitztümer an mir vorbei. Mit aller mir bleibenden Kraft versuche ich die schwere Grabplatte der Gruft anzuheben, aber der steinerne Verschluss entgleitet mir und bricht dröhnend auseinander. Gefangen - auf ewig - dem endgültigen Aus geweiht. Alles zieht an mir vorüber - und von allem muss ich mich trennen - für immer. Was soll nur aus meinem Daimler-Benz werden, meiner Eigentumswohnung? Wer spielt mein Handicap im Masters Klub, und wer erzählt so pointenreich die Witze wie ich? Wer wird bei Sams regelmäßig Aal verspeisen und so leidenschaftlich dem Törn in der Ostsee frönen? Was werden die Rotarier ohne mich anfangen - und - was wird aus Cognac, meinem treuen Freund? Feucht und warm fühlt sich mein Gesicht an, ich spüre würgendes Verlangen, will schreien, mich auflehnen, -- und dann fahre ich wie entfesselt aus meinem Bett hoch, schlage um mich, brülle, kreische - und langsam, ganz langsam beginnen sich die Umrisse meiner Umgebung zu stabilisieren. Zwei bernsteinfarbene Augen, umrahmt von dicken Augenbrauen, blicken mich unverwandt an. Teufel - verdammt - ich bin in der Hölle gelandet. Aber - so ein schlechter Mensch war ich doch gar nicht - oder?

Ein breiter rosiger Lappen schnellt aus diesem Gewirr von Fell und Bernstein hervor, klatscht warm und nass über mein Gesicht, was mich schreckhaft zurückfahren lässt. Meine Augen öffnen sich vollends - und sehen meinen Hund Cognac, der fürsorglich wie immer vor meinem Bett sitzt und mich mit seiner Zunge bearbeitet.

Ich zittere am ganzen Körper, der Schweiß rinnt mir kalt und feinadrig über die Haut und vor meinen Augen tanzen feurige Räder wie Derwische. Meine Ankunft in der Hölle hat sich gottlob verzögert. Ich lebe, signalisieren mir erste vitale Empfindungen die Rückkehr aus einem grauenhaften Albtraum, und es dauert eine Weile bis ich begreife, was um mich herum vorgeht. Aus dem Bad fällt ein schmaler Lichtstreifen in den Korridor, und allmählich schälen sich die Konturen meines Besitzes aus der Dunkelheit. Schwerfällig erhebe ich meine rechte Hand und beginne langsam den Kopf meines Hundes zu kraulen. Es sind die ersten freundschaftlichen Empfindungen in dieser fürchterlichen Nacht, die sich unaufhaltsam ihrem Ende nähert Sie gelten meinem besten Freund Cognac. Ich bemühe mich zu sprechen, aber meine Zunge fühlt sich an wie ein wattierter Bleiklumpen. Den Geschmack in meinem Mund kann ich nicht definieren, aber als er mir bewusst wird, stürze und stolpere ich beinahe mechanisch zum Bad und übergebe mich wie schon lange nicht mehr. Das kalte Wasser aus der Duschbrause lässt mich gleichzeitig kreischen und brüllen, aber es erfrischt mich und belebt meine Sinne, die nach und nach zu ihrer gewohnten Aufmerksamkeit zurückfinden. Den Blick in den Spiegel erspare ich mir, der Schock würde mich ganz sicher umbringen. Ich konnte nicht ahnen, wie richtig ich mit meiner Vermutung lag.

"Oh Gott, was habe ich nur getan, dass du mich so quälst?" stammelte ich hilflos und nach Barmherzigkeit heischend einen Satz, der mir aus meiner Kindheit in Erinnerung blieb.

Meine Großmutter gebrauchte ihn immer dann, wenn Großvater am Monatsende mit der Rente von der Raiffeisen nach Hause kam und feststellte, dass er neben einer fürchterlichen Fuselfahne die ihm voran wehte einen Teil der Pension vertrunken hatte. Gott sei Dank besaß meine Großmutter eine fast schon beängstigende Fähigkeit zu sparen und zu improvisieren, so dass sie sich trotz der regelmäßigen Ausfälle ihres Mannes keinen spürbaren Einschränkungen unterwerfen musste. Die Erinnerung an diese Zeit liegt schon mehr als vierzig Jahre zurück, aber sie ist mir so lebendig geblieben als wäre alles erst gestern geschehen. Meine Großeltern bewirtschafteten einen Hof im Einzugsgebiet der Lüneburger Heide. Sie hatten nur eine Tochter, meine Mutter. Die verliebte sich in meinen Vater, als dieser nach dem Zusammenbruch mit nichts, außer dem Wunsch zu überleben, auf ihrem Hof um Brot und Unterkunft ersuchte. Mein Vater war Jurist in Staatsdiensten, Abteilung Eigentumsrecht und Liegenschaften, jung und voller Elan, angetreten die Welt zu verändern. Dieses Wissen bescherte ihm nach dem Krieg seinen ersten zivilen Fall und die Hand meiner Mutter einschließlich Bauernhof mit 110 Hektar Land. Meine Großeltern übernahmen nämlich in völliger Unkenntnis des Immobilien- rechts in den zwanziger Jahren jenen Hof auf Erbkaufbasis, das Kleingedruckte und die Zusätze lasen sie jedoch nie richtig oder verstanden es nicht. Dadurch hatten sie sich selbst geknebelt und wären Zeit ihres Lebens nichts anderes geblieben als moderne Leibeigene.

Der Zufall wollte es, dass das Schicksal meinen Vater auf diesen Hof verschlug. Nach Einsicht aller vorhandenen Unterlagen reichte er über die Militärverwaltung eine Klage auf Annullierung der bestehenden Verträge und Neuabfassung ein, der auch nach einigen Monaten stattgegeben wurde. Die Verhandlung war kurz, wenn auch für die Beklagten nicht gerade schmerzlos, wie mein Vater noch nach Jahren freudig bemerkte. Die Beteiligten, ein Futtermittelhersteller und ehemaliger Ostpreußischer Großgrundbesitzer, überdies noch aktives Mitglied in der NSDAP, wurde vom weiteren Anrecht auf Besitz an der Liegenschaft wegen arglistiger Täuschung, Sittenwidrigkeit und vorsätzlicher Benachteiligung Dritter ausgeschlossen, das Anwesen einschließlich Grund und Boden meinen Großeltern als alleinigen alten und neuen Besitzern überschrieben. Dieser Sieg wurde ausgiebig gefeiert und Neun Monate später erblickte ich als erstes und einziges Kind das Licht einer fremdartigen und bislang unbekannten Welt. Bis zu meiner Einschulung lebten wir in Eintracht auf dem Hof, derweil mein Vater als Rechtsanwalt in Lüneburg tätig war. Es gab damals aus verständlichen Gründen viel zu klagen und zu richten, so dass mein Vater manchmal nur zum Schlafen den Weg nach Egestorf fand, einem kleinen Dorf am Rand der Lüneburger Heide.

Dann verlegte die Kanzlei ihren Sitz nach Hannover, und für mich hieß es Abschied nehmen von dörflicher Idylle und Beschränktheit, ein Abschied voll Wehmut und Freude gleichermaßen, denn zum einen trauerte ich dem nach was ich zurücklassen musste, zum anderen freute ich mich auf das Neue, Unbekannte, wo es sicher viele Abenteuer zu erleben gab. Damit stand meine weitere Lebens- und Berufsplanung fest, denn mein Vater war ganz sicher, dass auch ich die Laufbahn des Anwalts einschlagen würde. Eigentlich wollte ich Förster werden, eine Hommage an meine frühe Kindheit, die mir die Natur in einer Weise nahe brachte, wie es nur wenigen Kindern und Menschen vergönnt ist. Alles änderte sich durch die Aktivitäten eines Mitschülers, der mir meinen Tintenfüller stahl und anschließend behauptete, seine Mutter hätte ihn gekauft. Meine energische Beschwerde beim Lehrer veranlasste diesen bei der Mutter des Jungen rückzufragen, und gegen alle Wahrheit bestätigte diese Frau die Aussagen ihres Sohnes. Mir brachte das einen dicken Tadel und eine zusätzliche Tracht Prügel durch den Lehrer ein, die sich nachhaltig auf meinen Berufswunsch auswirkte. Der Försterberuf rückte in weite Ferne, und ich begann mich intensiv für die Arbeit meines Vaters zu interessieren, was diesen mit sichtbarer Freude und großem Stolz erfüllte. Es folgte das Abi, dann Jura-Studium in Hannover und Marburg, die ersten Jahre als Referendar, Staatsexamen, weitere Assistenzjahre und schließlich der Einstieg bei Röder und Hirsch, wo ich seit 12 Jahren den Klienten der Kanzlei die Wege durch das Labyrinth des Immobilienrechts ebne. Wie ein Feuerwerk brannten die kurzlebigen Lichter der Erinnerung und verursachten ob ihrer Heftigkeit einen Kopfschmerz, dass mir erneut galleartige Übelkeit in den Rachen schoss.

"Verdammte Sauferei, gottverdammter Suff" brüllte ich wütend, doch im gleichen Augenblick glaubte ich, mir würde der Schädel mit Eisenhämmern weich geklopft.

Zitternd führte ich Zahnbürste und Wasserglas zum Mund, und während ich stochernd versuchte den jaucheartigen Geschmack aus meinem Mund zu entfernen, glitt mein Blick aus alter Gewohnheit zum Spiegel. Meine Augen registrierten ein Gesicht, das nicht zu dem Mann gehörte, der versuchte, sich kurz nach dem Erwachen aus einem grauenhaften Traum von seinem Kloakengeschmack zu befreien.

"Wer bist du" lallte ich schmatzend, wobei mir der Schaum der Zahnpasta wie Softeis über Mund und Kinn lief. Und dann bemerkte ich die Blessur an meinem Kopf und um mein linkes Auge. Dick und verschwollen prangte dort ein Veilchen, wie ich es farbenprächtiger und intensiver nie zuvor sah. Altes Blut hatte sich mit den Haaren der Augenbrauen zu einer fast schwarzen Kruste vereinigt, die wie der mürbe gewordene Belag auf der Straße vor meiner Wohnung unappetitliche Wellen warf und irgendwas Lebendiges an sich hatte. Überhaupt sah mein Gesicht recht abenteuerlich aus, doch konnte ich mir bei aller geistigen Anstrengung, die in diesem Augenblick möglich war, nicht erklären, wie ich in diesen ungewöhnlichen Zustand gelangte und wer dafür die Verantwortung trug.

"Scheiße, scheiße, oh mein Gott , was für eine Scheiße. - Bin ich mit einer Kehrmaschine zusammengestoßen oder habe ich mit einem Känguru gebumst?"

Langsam und Vorsichtig betupfte ich mein Gesicht mit warmem Wasser, um diese Furcht einflößende Maskierung zu entfernen. Nach und nach klärte sich mein Blick, und die Reinigung meines Antlitzes verlief den Umständen entsprechend zufriedenstellend. Behutsam berührten meine Fingerspitzen jenen verkrusteten Riss über der linken Braue, aber im gleichen Augenblick zog ich meine Hand aufschreiend zurück. Ein höllisch scharfer Schmerz durchzuckte meine Stirn und fuhr wie ein feuriger Bohrer durch meine Brust hinab bis in die Hoden die sich anfühlten, als wären sie mit Nadeln gespickt.

<<Ist mir jemand gefolgt und hat mich überfallen? Dann hätte Cognac Alarm geschlagen. Vielleicht habe ich sein Bellen nicht gehört? Bin ich von alleine in meine Wohnung gelangt?>>

Ich spülte meinen Mund mehrmals aus, tupfte mir mit einem frischen Handtuch das Gesicht so weit es möglich war trocken und klebte mir dann eines jener wasserdichten sterilen Pflaster auf meine Verletzung. Erst jetzt konnte ich daran gehen, mein blutverschmiertes Haar zu waschen. Nach dem ich diesen Akt mit hämmernden Kopfschmerzen und entlang der Kotzgrenze vollbrachte, stakste ich auf beängstigend wackeligen Beinen in die Küche, wo sich alle Opfer einer durchzechten Nacht überall auf der Welt nach ihrer Rückkehr ins Leben einfinden. Cognac hoffte wohl auf einen geruhsamen Morgen im Bett, aber diesen Gefallen konnte ich ihm nicht tun, was wir beide sehr bedauerten.

<<Einen Kaffee, ich brauche einen starken Kaffe>>

Mein Blick fiel auf eine der Uhren, die meine Räumlichkeiten wie Spatzen bevölkern. Siebenuhrdreißig. Halb acht. Um neun Uhr habe ich einen Termin und sehe aus wie Boris Karloff vor der Maske. Wohltuend sog ich das belebende Aroma frischen Kaffees in mich ein und bemerkte zufriedenstellend, dass mein Magen gegen diese Art Getränk nichts einzuwenden hatte. Nach dieser ersten Stärkung beschloss ich einen Rundgang durch mein Domizil. Vorsichtig drang ich in die restlichen Räumlichkeiten meiner Wohnung vor, betätigte einen Lichtschalter nach dem anderen, aber so sehr meine geschulten Augen auch suchten, es gab keinerlei Anzeichen für irgendeine gewaltsame Aktivität. Lediglich das Bettzeug machte einen verwahrlosten Eindruck, was ursächlich auf die Verunreinigungen mit Blut zurückzuführen war. Erleichtert atmete ich auf, und Cognac registrierte diese Tatsache mit zufriedenem Grummeln. Der Hund erhob sich, streckte seinen mächtigen Leib und schüttelte sein Fell wie einen Bettvorleger. Durch die blaugrauen Vorhänge drangen die ersten Sonnenstrahlen, denen ich mich nur ungern aussetzte, deren Zusammentreffen mit mir jedoch unausweichlich war. Draußen herrschte noch immer die unwirkliche Stille meines Stadtteils, wenn man von den paar Fußgängern und Anliegern absah, die bereits mit ihren Vierbeinern unterwegs waren. Beinahe lautlos öffnete ich die große Schiebetür und trat hinaus auf den weit ausladenden, terrassenartig angelegten Balkon, der mit allerlei Pflanzen und Bäumchen drapiert war. Gierig inhalierte ich die würzige Luft der Bäume, Blumen und Gräser, rückte mir die Sonnenliege zurecht, legte mich einfach hinein und schloss die Augen. Noch nie empfand ich diesen Duft, diese Ruhe, diese beschützende Behaglichkeit so wohltuend wie an diesem Morgen. Ein Schnaufen und Schnüffeln kündigte mir die Anwesenheit Cognacs an, der sich ächzend neben meiner Liege niederließ. Durch leichtes stupsen mit der Schnauze an meiner Hand forderte er mich zum Kopf- und Nackenkraulen auf, einer Aufforderung, der ich gerne nachkam.

"Was ist geschehen - Cognac? Was ist mit mir passiert? Weißt du darauf eine Antwort?"

Cognac macht einen langen Hals, um dadurch die Kraulfläche zu vergrößern. Ansonsten schienen ihn meine Ausführungen und Selbstgespräche kaum zu interessieren. Er lief auch nicht zur Tür wie es sonst der Fall ist, wenn es für ihn Zeit war hinunter zum Nachbarn zu gehen. Cognac schien zu wissen, dass heute ein anderer Tag war, keiner von den normalen und das er, Cognac, daran teilhaben würde.

Und das Tier war sicher, dass er heute nicht auf die Gesellschaft seines Freundes verzichten müsste.

"Noch fünf Minuten und einen Kaffee, dann muss ich mich anziehen - und du gehst zu Grünberg. Wir sehen uns dann heute Abend. Dann machen wir einen richtigen Spaziergang. Versprochen."

Ich bemühte mich nach besten Kräften menschenwürdig auszusehen, und als ich das Gefühl hatte mich der Öffentlichkeit zeigen zu können, verließ ich gegen zwanzig nach acht meine Wohnung und begab mich mit Cognac zu Grünberg. Trotz mehrmaligen Klingelns öffnete niemand, und ich wurde zusehends nervöser. Auch meine Kopfverletzung begann wieder zu schmerzen, was ich für kein gutes Zeichen hielt.

"Herr Grünberg - ich bin es, Bartels. Ich bringe ihnen Cognac, meinen Hund. Er sitzt jetzt vor der Tür und wartet. Ich schreibe ihnen noch rasch eine Nachricht."

Cognac lag bereits auf der dicken Fußmatte und verfolgte gelangweilt meine Bemühungen, meinem Nachbarn Grünberg eine Nachricht zu schreiben. Gegenüber öffnete sich die Tür, und Frau Weller trat in den weitläufigen Wintergarten, der die Etagen miteinander verband und dem Haus die Aura eines botanischen Palais verlieh. Das war der Grund, warum ich vor drei Jahren diese Wohnung erwarb.

"Ach - Herr Bartels, einen schönen guten Morgen. Hallo Cognac, auch schon auf den... Oh Gott - Herr Bartels - wie sehen sie denn...mein Gott nur, was ist ihnen denn geschehen?" stieß Frau Weller, eine pensionierte Amtsrätin, ihre Worte voller Entsetzen und Besorgnis hervor, wobei sie sich beide Hände vor ihr Gesicht hielt.

"Ihnen auch Frau Weller, einen guten Morgen. Das ist nur ein kleiner Unfall - beim Rasieren. So was kommt vor. Trotzdem vielen Dank für die Nachfrage.

„Ach - Frau Weller, wissen sie ob Herr Grünberg..."

"Aber Herr Bartels, Herr Grünberg ist zu seinem Bruder gefahren. Gestern morgen. Er hat sich doch noch von ihnen verabschiedet. Und Cognac, ich meine ihren Hund, den nahmen sie doch mit ins Büro. - Haben sie starke Schmerzen? Ich kann ihnen etwas geben, das wirkt sehr gut, beruhigt und entspannt. Sie sehen gar nicht gut aus."

"Weggefahren - Grünberg - zu seinem Bruder? - Na so was. Ich wusste gar nicht, dass er einen Bruder hat. Und Cognac habe ich mitgenommen? - Das ist ein Ding - wirklich - das ist ein Ding."

"Geht es ihnen auch gut - Herr Bartels?" fragte Frau Weller besorgt.

Rührend empfand ich die aufrichtige Anteilnahme der alten Dame an meinem Befinden, wie sie eben nur ältere Damen äußern können. Meine Gedanken begannen sich schneller zu bewegen als mir lieb war. Grünberg in Urlaub, mein Hund im Büro und alles hatte ich laut Frau Weller schon vor Tagen mit Herrn Grünberg besprochen. In diesem Bereich meiner Erinnerung klaffte eine tiefschwarze Lücke, die sich um nichts in der Welt mit brauchbaren Fragmenten füllen ließ.

<<Nun gut, ich habe eins auf den Deckel bekommen, von wem auch immer. Ich bin Anwalt des Immobilienrechts und Mitarbeiter bei Röder und Hirsch. Meine Finanzen sind in Ordnung, ich zahle Steuern und versuche mich so gut wie möglich anständig zu verhalten. Auch meinem Hund Cognac gegenüber. Zur Zeit lebe ich allein, ohne Bindung, wenn man von Cognac absieht. Das war bis gestern so. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern eine Vereinbarung getroffen zu haben, die das alles auf den Kopf stellt. Heute ist nichts mehr so wie es war. Das fing bei meinem Äußeren an und endete wer weiß wo.

Ich muss mich konzentrieren und zur Ruhe zwingen.>>

"Ach - Frau Weller - darf ich sie etwas fragen. Vielleicht können sie mir eine Antwort geben. Wann bin ich gestern nach Hause gekommen - und - wer war bei mir? Haben sie zufällig etwas gehört, aus meiner Wohnung? - Bitte - nehmen sie kein Blatt vor den Mund - sagen sie mir was ihnen aufgefallen ist."

Gespannt wie ein Rahesegel wartete ich auf ihr vernichtendes Urteil, aber es kam ganz anders.

"Aber Herr Bartels, ich spioniere doch nicht meinen Nachbarn hinterher. Wo denken sie hin. Nein - nein, so etwas gab es noch nie in meinem Haushalt und wird es nie geben. Allerdings ..."

"Ja - Frau Weller, was ist allerdings?" kroch es mir eiskalt den Rücken herauf.

"Na ja - im Grunde ist es überhaupt nicht wichtig, und es gefällt mir ja doch. - Ihre Musik. Die klassischen Stücke. Manchmal sind sie ein wenig kraftvoll, wenn ich das so formulieren darf. Aber das muss bei klassischer Musik wohl so sein. Und gestern Abend - da war sie besonders kraftvoll. - Es ist schon gut so, machen sie sich darüber keine Gedanken.“

„Ja - sie sind allein gekommen. Sie wissen ja, alte Leute brauchen wenig Schlaf. Und bei den sommerlichen Temperaturen ist unsereins in der Nacht dankbar über jedes bisschen frische Luft. Welch ein Glück auch, das wir den Park vor der Haustür haben. – Ich habe erst gedacht mit ihrem Auto stimmt etwas nicht, aber dann sah ich, dass sie mit der Taxe kamen. Es war kurz vor ein Uhr. Die Fahrer knallen immer die Türen zu, dass man vor Schreck fast aus dem Bett fällt. Ihren Hund hatten sie dabei - und den Aktenkoffer."

"Welchen Aktenkoffer - Frau Weller?" realisierte ich diese offensichtliche Fehlbeobachtung.

<<Ich hasse Aktenkoffer, diese rechteckigen, messing- und chrombeschlagenen Lederkisten mit Sicherheitsschlössern und verstellbaren Einlegeböden. Mann-Frau macht mehr aus sich mit diesem Accessoires, so der Slogan eines Werbespots. Dagegen hatte ich eine fast schon manische Zuneigung zu meiner alten Ledertasche entwickelt, die ich aus dem Nachlass meines Vaters übernahm. Das war ein Prachtstück ganz nach meinem Geschmack. Sie hatte ein richtiges Gesicht und ein erfülltes, aufregendes Leben hinter sich.>>

"Na diesen kleinen schwarz-braunen Koffer, die man heutzutage überall bei den jungen Leuten und in den Büros sieht. - Es war doch ihr Koffer...?"

"Entschuldigung - natürlich, ich bin nur etwas durcheinander. Es ist mein Koffer" log ich, "jetzt erinnere ich mich wieder. -- War da noch mehr...?"fragte ich lauernd.

"Sonst nichts. Keine Begleitung - falls sie das meinen. Der Fahrer brachte sie noch bis zum Portal. Sie schlossen die Tür auf und fuhren mit dem Aufzug nach oben. Aber das dauerte seine Zeit weil..."

"Weil was - Frau Weller?" schob ich meine Frage berstend vor Neugier nach.

"Seien sie mir nicht böse, ich sagte ja, es geht mich nichts an und spionieren ist nicht meine Sache. Aber sie hatten wohl vorher gefeiert - nicht wahr? Jedenfalls bereitete es ihnen Mühe den Weg in ihre Wohnung zu finden. Ich war drauf und dran in die Halle zu kommen, ihnen zu helfen, aber dann schafften sie es doch und gelangten in ihre Wohnung. Dann erscholl die Musik - und irgendwann war Stille. Mehr kann ich ihnen nicht sagen - tut mir leid."

Frau Weller lächelte sanft und zuckte mit den Schultern.

"Ihre Stirn, die Augenbraue, das blaue Auge, das hatten sie noch nicht als sie kamen. Es muss also auf dem Weg in ihre Wohnung passiert sein."

Ich atmete tief aus und lehnte mich erschöpft an die gläserne Schwingtür des mächtigen Portals. Meine Gedanken ließen sich kaum noch kontrollieren, in meiner Erinnerung klafften Löcher wie in einem Schweizer Käse, meine Nachbarin Frau Weller findet meine klassische Musik zu kraftvoll - sprich laut. Ich trage einen Aktenkoffer der mir nicht gehört, mein Schädel ist arg ramponiert und mein Hund Cognac liegt zufrieden und gelangweilt zugleich auf dem marmornen Boden des Wintergartens. Durch die von Rollos schattierten Fenster schlagen die grellen Blitze des Sonnenlichtes, deren zersplitternder Schimmer wie Goldstaub über die Pflanzen und den zartrosa bis weiß glühenden Marmor rieselt.

"Ist ihnen nicht gut - möchten sie etwas trinken? Ich hole ihnen..."

"Danke Frau Weller, vielen Dank. Es ist schon gut so, nur manchmal - da..."

"Ja - Herr Bartels, manchmal...?"