Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Karte
  7. Zwei Szenen aus der Vergangenheit
  8. 1 Der Schule verwiesen
  9. 2 Kunstkritik
  10. 3 Der Kristall des Kummers
  11. 4 Der Turm des Zauberers
  12. 5 Was Soll man mit Stephen machen?
  13. 6 Kriegsbericht
  14. 7 Das blaue Buch
  15. 8 Eine Verabredung mit dem Doktor
  16. 9 Zwei sind ein Paar
  17. 10 Worum geht es denn bloß?
  18. 11 Ein Schritt ohne Wiederkehr
  19. 12 Achterbahn
  20. 13 Drei sind schon zu viel
  21. 14 Die Stadt des Lichts
  22. 15 Kristall-Geschichte
  23. 16 Elgin Marbles
  24. 17 Enthüllungen
  25. 18 Stupor Mundi
  26. 19 Ein geheimes Treffen
  27. 20 Dead Man Walking
  28. 21 Überfall beim Hotel Continental
  29. 22 Der Inhalt des Metallkoffers
  30. 23 Helen in Byzanz
  31. 24 Untergrundarbeit
  32. 25 Stimmen in der Luft
  33. 26 Der Hof des Basilisken
  34. 27 Ein Treffen mit Herrn Haselmaus
  35. 28 Der Untergrundpalast
  36. 29 Der Augenblick der Wahrheit

Über den Autor

John Ward, geboren 1956 im schottischen Städtchen Clydebank, studierte englische Sprache und Literatur, arbeitete als Lehrer in Edinburgh und seit Ende der 80er-Jahre als Lehrer in Inverness, Scottish Highlands. 1999 gab der Familienmensch seine Stelle am College auf und widmete sich fortan dem Schreiben. Seine erfolgreiche Trilogie »Das Schicksal des Kristalls« ist weltweit in fünfzehn Ländern erschienen.

DAS SCHICKSAL DES KRISTALLS

von John Ward

Band 2
Der Kristall des Kummers

Die Offenbarung von Wundern

aus dem Englischen von Klaus Weimann

beBEYOND

Meiner Frau

Abbildung

Zwei Szenen
aus der Vergangenheit


IFerrara, Dezember 1515

Das Gerüst steht dort, wo sich der Platz öffnet. Es ist kein Galgen, denn der, der dort sterben soll, ist kein gewöhnlicher Verbrecher. Es ist nur eine Plattform, eine Stufe zum eigentlichen Hinrichtungsgerät, einem hoch aufgetürmten Scheiterhaufen: Wie ein riesiger mahnender Finger reckt sich der Baumstamm zum Himmel empor aus einem gewaltigen Haufen Reisig, der um ihn herum aufgeschichtet ist.

Es ist kurz nach Mittag, aber das Licht wird bereits fahl an diesem kurzen Wintertag. Der Himmel ist schwer und lässt den drohenden Schneefall ahnen. Von den Balkonen der Häuser, die den Platz an drei Seiten einrahmen, hängen schlaffe Banner, trostlose Versuche, aus dem bevorstehenden Spektakel ein Fest zu machen. Auf den Balkonen selber drängen sich die Wohlhabenden, die Adligen und die Magnaten mit ihren Ehefrauen und Kindern – der Anblick eines Mannes, der bei lebendigem Leibe verbrannt wird, gilt als höchst erzieherisch; alle sind festlich in feinsten Gewändern herausgeputzt.

Ihre erhöhte Position weit oberhalb der Menge spiegelt auch ihren Rang in der Stadt wider; der Platz unten ist dem Gesindel überlassen, das sich dort zu Tausenden drängt.

Einige junge Männer aus besserem Hause haben – erfüllt von jugendlichem Draufgängertum – die Sicherheit ihrer Häuser aufgegeben, um sich unters gemeine Volk zu mischen. Etliche Dukaten, an die richtigen Stellen verteilt, haben ihnen einen erstklassigen Platz direkt am Fuße des Scheiterhaufens gesichert. Dort stehen sie jetzt auffällig in ihrem reichen Putz. Keiner wirkt entspannt, aber vier von ihnen machen das Beste aus der Situation und wechseln Spottworte in einer Lautstärke, die gerade ein wenig zu laut ist, mit Gelächter, das einen Hauch zu herzhaft klingt. Nur der Fünfte zeigt sein Unbehagen offen in seinem hübschen, sensiblen Gesicht. Ist es die Nähe der stinkenden Menge, die ihn stört, oder die Aussicht auf das, was gleich passieren soll? Zweifellos üben der Baumpfahl und der Scheiterhaufen eine entsetzliche Faszination auf ihn aus.

Er ist ein großer Jüngling, trägt ein prachtvolles Barett in leuchtendem Blau, das eine Silberreiherfeder schmückt, die ihn wie einen Leuchtturm aus der Menschenmenge herausragen lässt. Alle um ihn herum, ein Meer aus murmelnden Stimmen, reden über den Mann, zu dessen Hinrichtung sie als Zuschauer gekommen sind.

»Der Magier Albanus«, sagt einer. »Der größte Zauberer aller Zeiten!«

»Es heißt, dass in ihm der Geist von Michael Scotus weiterlebt!«

Mehrere Leute bekreuzigen sich bei der Erwähnung dieses schrecklichen Namens; Michael Scotus, der Zauberer, seit dreihundert Jahren tot, aber im Volksglauben ist er noch lebendig.

»Der größte Zauberer aller Zeiten?«, höhnt ein anderer. »Dann erklär mir mal, warum ist er überhaupt hier? Der Mann, der ihn jetzt bezwungen hat, der ist meiner Meinung nach der größere Zauberer!«

»Das war Ruggiero«, quiekt ein Mann aufgeregt, »Ruggiero da Montefeltro – aus der Gegend, wo ich herkomme«, fügt er mit übertriebenem Stolz hinzu.

»Was das angeht«, widerspricht der erste Mann heftig, »ist er überhaupt nicht bezwungen worden, sondern verraten von einem, dem er als Gehilfen vertraut hat, von eben diesem Ruggiero, einem hochstapelnden Quacksalber, einem Hausierer mit Zaubertränken und Tropfen für liebeskranke Mädchen und impotente alte Männer, einem angeberischen Tölpel, der nicht einmal Italiener ist, sondern ein heuchlerischer, betrügerischer Engländer!«

»Die Engländer sind alle Verräter«, kreischt der kleine Mann jetzt, begierig, sich von sich selbst zu distanzieren und von seinem Heimatort und solchem Verrat.

»Also muss der weise Mann auf den Scheiterhaufen, weil er einem Narren vertraut hat«, überlegt ein anderer. »In der Tat eine Lehrstunde.«

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes nahe der Einmündung der Straße setzt Schweigen ein und verbreitet sich von dort wie eine Welle. Bald lauschen alle angestrengt. In der Ferne läutet eine Glocke; dann ertönt Hufgetrappel auf Kopfsteinpflaster und nähert sich. Unter dem Stillschweigen der gespannten Menge holpert der Karren auf den Platz. Vor ihm teilt sich die Menge. Normalerweise wäre dies das Signal für Sticheleien und Buhrufe, hier aber bleiben sie aus; stattdessen sind aller Augen fest auf die hoch aufragende Gestalt gerichtet, die in schweren Handschellen zwischen zwei Bewachern steht, beides große, kräftige Männer, die ihm aber kaum bis zur Schulter reichen. Das lange Haar fällt ihm wie eine Löwenmähne über den Rücken. Sein ernstes Gesicht trägt edle Züge. Als er seinen Blick über die Menge schweifen lässt, weichen die Menschen zurück, sie fürchten, ihm ins Auge zu sehen.

Der offene Karren knarrt und ächzt auf seinem Weg zum hohen Scheiterhaufen. Langsam fallen die ersten Schneeflocken vom trüben Himmel herab. Albanus scheint gedankenverloren nur mit sich selbst beschäftigt.

Ich darf weder an Rache denken noch an das, was gleich kommt: Meine Gedanken müssen klar sein, ungetrübt. Wo liegt meine Rettung? Nahebei – wenn ich nur den Blick eines Menschen einfangen kann. Wer wird mir behilflich sein? Der Große dort.

Hingebungsvoll betrachtet der junge Mann mit dem blauen Barett den Scheiterhaufen; plötzlich dreht er den Kopf herum, als hätte ihn jemand beim Namen gerufen, und merkt, dass er dem Verurteilten direkt ins Gesicht schaut. Ihre Blicke treffen sich.

Und können sich nicht mehr voneinander lösen.

»Vielleicht kommt der Teufel und holt ihn«, murmelt jemand und spricht den Gedanken – oder ist es die Hoffnung? – aus, der so viele herbeigetrieben hat und der sie hier jetzt in angespannter Erwartung stehen lässt.

Die Wachen helfen Albanus vom Karren. Durch die Handschellen behindert, klettert er unbeholfen die Leiter hinauf. Sie lehnt wie eine Treppe in einem bequemen Winkel an dem Reisighaufen. Während er langsam emporsteigt, schaut ihm der Jüngling mit dem blauen Barett nach wie ein Hund seinem Herrn, darauf wartend, dass seine Aufmerksamkeit erwidert werde. Schließlich erreicht der Verurteilte die Plattform, die Kettenglieder seiner Fesseln klirren bei dem gespenstischen Schweigen umso lauter. Nun befindet er sich auf gleicher Höhe wie die umliegenden Balkone. Die Wachen binden ihn an den Baumstamm, legen das Seil in großen Schlingen kreuzweise um seinen Körper und die Beine. Erst als er gut gefesselt ist, steigen sie wieder hinab und machen sich am Fuße des Scheiterhaufens zu schaffen. Der Schnee fällt jetzt dichter.

Ja, schaut nur weg, ihr Hunde … ich hin gefesselt und hilflos, aber trotzdem fürchtet ihr meinen Blick! Doch da ist einer …

Der große Jüngling mit dem federgeschmückten Barett starrt ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

Der sehnsüchtige Blick, das Mitleid in seinen Augen – eine tödliche Sympathie.

Die Fackeln werden an den Fuß des Scheiterhaufens gelegt.

Jetzt hab ich dich – halt fest, halte ein Leben lang.

Grauer Rauch züngelt um die Plattform.

In die Seele eines anderen eindringen: wie die ersten zarten Augenblicke der Liebe.

Die Flammen schießen knisternd empor.

Ich fliege!

Als die Gestalt am Pfahl nach vorn sackt, stößt die Menge wie ein Mann einen einzigen zitternden Seufzer aus.

Der Sekretär des Herzogs, dessen Aufgabe es war, einen getreuen Bericht der Ereignisse aufzuschreiben, hielt später fest, mit welcher Ruhe der Verurteilte seinen Blick über die Menge unter sich schweifen ließ, wie jemand, der dort einen Bekannten suchte; als er anscheinend den Gesuchten gefunden hatte, richtete er sodann seinen Blick auf ihn und ignorierte alles andere, sodass er weder den Soldaten, die ihre Fackeln an den Scheiterhaufen legten, noch dem Priester, der für sein Seelenheil betete, Beachtung schenkte. Selbst als die Flammen um sich griffen, änderte er sein Verhalten nicht. Trotzdem waren sich alle einig, dass, lange bevor das Feuer seinen Körper erreicht hatte – denn der Scheiterhaufen war hoch und fing wegen der feuchten Jahreszeit nur langsam Feuer –, seine Seele bereits entflohen war. Ein edler Jüngling, der in der Menge zusah, war so von Mitleid überwältigt, dass er in Ohnmacht fiel und erst viele Tage später wieder zu Bewusstsein kam.

II Forcalquier, Frankreich, in der Villa von Ruggiero da Montefeltro, im Herbst 1516

Sie wacht in der Dunkelheit auf mit der Erinnerung an einen Schrei, der wie ein helles Licht in ihrem Kopf nachklingt; ihr Herz dröhnt: ein Albtraum. Wie lange sie mit ans Kinn hochgezogenen Betttüchern im Bett sitzt, bevor es klopft, weiß sie nicht, aber bei dem Klopfgeräusch ist sie freudig und zugleich ängstlich erregt. Es ist Massimo! Er ist zu ihr gekommen! Aber wie kann er das wagen, wenn ihr Vater und der alte Mann so nahe sind? Wie kann er ein solches Risiko eingehen? Wenn sie ihn bei ihr finden, werden sie ihn erschlagen! Von Angst getrieben, steigt sie aus dem Bett, um ihn zu warnen – und um ihn zu sehen. Der geflieste Boden ist kalt unter ihren bloßen Füßen; fröstelnd zieht sie die Bettdecke aus Pelz enger um sich. Es klopft weiter, leise und eindringlich.

»Massimo, bist du das?«

»Mach auf, schnell!«

Sie öffnet den Riegel und sieht, dass er vollständig angekleidet ist und in der Hand eine Laterne trägt.

»Massimo, was ist los? Warum bist du hier? Sie werden dich mit Sicherheit umbringen!«

»Zieh dich an, pack deine Sachen zusammen – wir müssen sofort weg.«

Er entzieht sich aus ihrer Umarmung, drängt sie zurück ins Zimmer.

»Aber mein Vater, der alte Mann …«

»Werden uns nicht hindern.«

Sie tauschen einen Blick. Forschend betrachtet er im Schein der Laterne ihr Gesicht, sieht eine Frage darin, dann eine aufkeimende Angst.

»Keine Angst! Ich bin kein Mörder. Ihre eigene Torheit hat sie ins Verderben geführt.«

Immer noch zögert sie; in seinem Gesicht spiegelt sich Ungeduld. »Was ist jetzt?«

Sie deutet errötend auf ihre Kleider, die über den Stuhl gelegt sind. Aufgebracht wirft er die Hände hoch.

»Beata Vergine! Dies ist kein Augenblick für Prüderie!«

Trotzdem dreht er sich um, während sie sich anzieht.

Jetzt eilen sie den Korridor entlang. Massimo spricht in dringlichen, gedämpften Tönen.

»Ich habe gehört, wie sie sagten, dass sie planten, es heute Nacht zu benutzen. Ich habe lange wach gelegen, aber nichts ist passiert. Ich muss eingedämmert sein. Dann hatte ich das Gefühl, ich hätte einen Schrei gehört …«

»Den habe ich auch gehört!«

»Und da gab es anscheinend ein so helles Licht, dass ich es sogar durch die Wand wahrnehmen konnte, aber das muss ein Traum gewesen sein …«

»Dann hab ich den auch geträumt!«

Nun sind sie an der Zimmertür. Sie sieht ihn ängstlich an.

»Es ist in Ordnung. Ich bin schon drin gewesen. Da ist nichts.«

Er stößt die Tür auf. Ein starker Schwefelgeruch sticht ihnen in die Nase. Als sie eintreten, hätte sie schwören können, dass sie ein hohles Lachen hört; aber vielleicht ist es auch nur der Wind. Das Licht von Massimos Laterne erhellt einen leeren Raum mit einem kahlen Tisch in der Mitte. Etwas Glitzerndes ist auf dem Boden verstreut.

»Die Maschine der Weisen!« Sorgfältig spricht sie die Worte aus, mit Ehrfurcht, aber ohne Verständnis. »Sie ist kaputt!«

Noch etwas glitzert da, leuchtet in der Dunkelheit.

»Oh, der Kristall!«

Furchtsam geht sie auf ihn zu. Massimo hält sie am Arm zurück.

»Sei vorsichtig! Fass ihn nicht an! Hier, nimm das!«

Sie faltet den Samtstoff zu einem Nest und hebt den Kristall liebevoll darin auf – wie ein wertvolles Ei. Er lächelt über ihre Sorgfalt. Der Schein der Laterne enthüllt, dass ein großer Splitter aus dem Fußboden geschlagen wurde, genau dort, wo der Kristall hingefallen ist. Aber er selbst ist unversehrt. Sie hält ihn hoch, und seine zahlreichen Facetten fangen das Licht ein und werfen es zurück.

»Wie er funkelt! Wie schön er ist!«

Auch darüber lächelt er, eine andere Art Lächeln als über einen Rivalen. Er bückt sich, um die verstreuten Teile der Maschine aufzusammeln. Sorgfältig untersucht er sie; sie scheinen unversehrt. Es sieht so aus, als ob die Maschine sich selbst auseinandergeschüttelt hätte.

Jetzt befinden sie sich in seinem Atelier. Immer noch den Kristall umklammernd, sieht sie ihm zu, wie er eifrig sein Handwerkszeug einsammelt. Seine Bewegungen sind schnell, sicher, entschieden. Das ist es, was sie an ihm liebt, seine Zuversicht in allem, was er tut. Einen Augenblick steht er vor dem unvollendeten Porträt auf der Staffelei. Unter einem scharlachroten Turban blickt ihn das verschlagene Gesicht des alten Mannes vor einem dunklen Hintergrund an, mit dunklen, unergründlichen Augen.

»Müssen wir ihn denn wirklich mitnehmen?«, fleht sie.

Er lacht.

»Was? Willst du kein Erinnerungsstück an deinen Verlobten?«

Der Ausdruck eines solchen Entsetzens huscht über ihr Gesicht, dass er entschuldigend die Hand hebt und dann ausstreckt, um ihre Wange zu streicheln.

»Es ist alles in Ordnung, er ist jetzt weg. Du wirst ihn niemals wiedersehen. Oder deinen Vater.«

»Armer Papa! Aber müssen wir das Bild mitnehmen? Mir wäre lieber, du würdest es verbrennen!«

»Es ist ein Beweis meines Könnens. Wenn ich einen neuen Meister finden will, muss ich in der Lage sein zu zeigen, was ich kann.«

Auch das liebt sie: dass er so praktisch ist.

»Und was ist mit der Maschine der Weisen?«

Er schüttelt den Kopf.

»Aber sie ist doch gewiss sehr wertvoll?«

»Sie ist zu gefährlich. Ich wäre mir selbst nicht sicher damit. Lieber lassen wir sie hier.«

Sie umklammert den Kristall, plötzlich hat sie Angst.

»Aber nicht den Kristall? Er hat ihn mir versprochen – als meine Morgengabe!«

Er sieht sie an, so jung ist sie, so schön. Man kann nicht immer klug sein.

»In Ordnung – wenn ich den Bräutigam behalten darf, kannst du genauso gut seine Bestechung behalten.«

Er packt das Porträt zum Rest seiner Ausrüstung, dann wickelt er die Stücke der Maschine der Weisen in ein Öltuch und verstaut das Päckchen in einem Versteck in einem der Pfeiler der großen Halle.

Der Morgen dämmert, als sie eine steinige Straße hinabziehen, ein junger Mann, ein Mädchen und ein beladener Esel. An der Kreuzung gestikuliert er: Das ist der Weg nach Italien, nach Hause – aber da gibt es schon viele Künstler. Und das ist der Weg nach Norden; er hat gehört, dass dort ein großer Bedarf an Malern herrscht, besonders an italienischen.

Sie lächelt und überlässt ihm die Entscheidung, zufrieden damit, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen.

Die Sonne geht auf.

Er zieht den Esel nach links.

Sie ziehen nach Norden.

1
Der Schule verwiesen


»Eine verdammt gute Faustkämpferin.« Die Direktorin blickte auf ihre Notizen und fragte sich, warum sie das aufgeschrieben hatte. Es war einer von nur zwei Einträgen in der Spalte »positiv«. Der andere lautete »hervorragend in Sprachen«. Beide stammten aus der gleichen Quelle, von dieser verrückten alten Frau Pruitt, die das Mädchen in den klassischen und, wie es schien, in jeder modernen Sprache unter der Sonne unterrichtete. Die Spalte »negativ« war viel voller. Sie seufzte und schaute hoch auf den Gegenstand ihrer Notizen.

Helen De Havilland erwiderte ihren Blick fest und unerschrocken.

Die Direktorin war sich bewusst, dass sie in einen Willenskampf hineingezogen wurde, und lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Rubrik »negativ«:

»Zurückgezogen, abweisend, eine Einzelgängerin. KEINE MANNSCHAFTSSPIELERIN«, das stammte von der Sportlehrerin, die das für den ultimativen Charakterfehler hielt. »Ich spüre, dass Helen ein zutiefst unglückliches Kind ist«, das war die überschwängliche Miss Bunting, für die schon ein abgebrochener Fingernagel ein Anlass für psychologische Betreuung war. Mmh … unglücklich zu sein war nach Erfahrung der Direktorin nicht ungewöhnlich unter den Kindern der Superreichen; dass der Besuch ihrer Schule dazu beitragen könnte, kam ihr nicht in den Sinn.

Was gab es noch? »Akademisch sehr fähig« – das war schon weniger normal –, »will sich aber nicht anstrengen – gänzlich ohne Enthusiasmus für IRGENDETWAS!«

Tatsächlich, die Empörung, die dieses Mädchen im Kollegium auslöste, sprang einen geradezu vom Papier an. Die Direktorin musterte Helen verstohlen; die schaute jetzt zum Fenster hinaus. Groß und mit dunklem Haar stand sie in der klassischen Pose einer Balletttänzerin da, die Arme auf dem Rücken und den Kopf geneigt, auf elegante Weise aufrecht. So ein gut aussehendes Mädchen – wenn sie nur diesen mürrischen Ausdruck aus ihrem Gesicht verbannen würde, dachte die Direktorin und war selbst überrascht von diesem nebensächlichen Gedanken.

Durch das offene Fenster drang plötzlich helles Vogelgezwitscher in das Schweigen des Zimmers. In einiger Entfernung schob ein Gärtner seine holpernde Schubkarre über den gepflegten Rasen.

Helen fragte sich, an welchem Punkt sie sich hätte anders entscheiden und so vermeiden können, dass sie jetzt hier war. Vor dem Betreten des Aufenthaltsraums vielleicht? Sicher hätte sie doch noch umkehren können, als sie, schon die Hand auf der Türklinke, kurz innehielt? Aber nein – dieses Zögern war nicht mehr als ein Atemholen gewesen, ein Kräftesammeln, bevor sie die Bühne betrat. Ihre Entscheidung hatte sie da schon gefällt. Vorher vielleicht, noch in ihrem Zimmer, als sie bemerkte, dass ihre Kommodenschublade nicht richtig geschlossen war? Sie hätte das ignorieren und sich sagen können, dass sie selbst sie ja so zurückgelassen hatte, sie hätte sich nicht die Mühe machen müssen nachzusehen – aber schon bevor sie nachsah, hatte sie gewusst, was sie finden würde. Nein, selbst wenn man nicht ganz bis zum Anfang zurückging und die Hauslehrerin Sophie Petrescu jemand anderem als Zimmergenossin zuteilen ließe – selbst dann wäre es wohl nicht anders gekommen: Helen war schließlich die Einzige mit einem freien Raum, den man zuteilen konnte, nachdem die arme Armina gegangen war, zusammen mit den Blechdosen voller Schokoladenplätzchen, durch die sie sich gefressen hatte, während sie sich nach ihrer fernen Heimat sehnte.

Also schien es angesichts von Sophie Petrescu unvermeidlich, dass Helen hier enden würde. Die Ironie war, dass sie das Mädchen tatsächlich mochte, in ihr zum ersten Mal eine verwandte Seele gefunden hatte, eine, die ihren beißenden Witz teilte und ihre grausam zutreffenden Parodien ihrer Klassenkameradinnen und Lehrerinnen zu schätzen wusste. Sophie, das Energiebündel, mit ihrer außergewöhnlich weichen, zuckerbraunen Haut, dem unheimlich rotbraunen Haar, einem grünen und einem blauen Auge – Sophie, das menschliche Feuerwerk.

Sophie, die Verräterin.

Sophie, die Diebin.

Im Aufenthaltsraum hatte Helen – wie in einem Traum – die Szene, die sie da sah, sofort verstanden. Sie hätten Modell stehen können für ein Gemälde: die Tochter des Gesandten auf dem großen grünen Sofa, umgeben von ihren katzbuckelnden Jüngerinnen. Rechts von ihr, auf dem Ehrenplatz, unter ihren besitzergreifenden Arm geschmiegt, Sophie, grinsend.

Selbst die Tochter des Gesandten erlaubte sich ein kleines Lächeln, als Helen hereinkam: Wie lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet! Ihre freie Hand lag in ihrem Schoß, und als Helen den Raum betrat, erhob sie diese; sie hielt, wie ein Priester eine Ikone halten würde, einen deutlich länglichen Gegenstand aus ultramarinblauer Seide hoch.

Helens Tagebuch.

Der Preis, den Sophie hatte zahlen müssen, um in den magischen Kreis aufgenommen zu werden.

Die Tochter des Gesandten erhob sich langsam; sie genoss den Augenblick, genoss ihre Macht – alle Augen im Raum ruhten auf ihr und warteten gespannt, was sie jetzt tun würde. Sie hielt das Tagebuch hoch wie die Fackel der Freiheitsstatue. Ja, dachte sie, ich habe lange darauf gewartet, und ich werde bekommen, was mir zusteht – ich werde Tränen sehen.

Helen schritt schnell und mit einem merkwürdigen, sprunghaften Gang auf sie zu, und erst als sie fast auf Tuchfühlung war, kam der Tochter des Gesandten mit einem plötzlichen Kälteschauer der Gedanke, dass sie vielleicht einen schweren Fehler gemacht haben könnte. In Helens Gesicht war auch nicht der kleinste Hinweis auf Angst oder Bitten zu sehen, wie sie das erwartet hatte; da war nur ein wilder, unversöhnlicher Wille, den sie ausstrahlte wie eine magische Kraft. Als Sophie sah, wie Helen ihre rechte Hand ausstreckte, als wolle sie das Tagebuch an sich reißen, lehnte sie sich zurück, hielt es außer Reichweite und streckte ihr Kinn trotzig vor – und präsentierte so das ideale Ziel für den flinken linken Haken, der an ihrem Kiefer landete und sie wie einen geschlachteten Ochsen fällte.

Die robuste Mademoiselle Souterelle, auf dem Spielfeld eine Befürworterin körperlicher Auseinandersetzungen, schrie erschrocken auf, als sie den Vorgang im Aufenthaltsraum beobachtete, aber die klapprig wirkende Miss Pruitt, die eine Schwäche für Helen empfand und die Tochter des Gesandten nie gemocht hatte, stieß ein spontanes »Bravo!« aus, das sie später als Niesen entschuldigte, und bemerkte mit der Miene einer Person, die in ihrer guten Zeit einige linke Haken gesehen hatte, dass es wirklich ein sehr schöner Schlag gewesen sei.

Und nun war die Direktorin, Helen vor sich, dabei, die Angelegenheit abzuwägen: Auf der einen Seite die Tochter des Gesandten – es war ein Glück, dass der Kiefer nicht gebrochen war, sonst hätte es vielleicht ein rechtliches Problem gegeben – mit ihrer Fähigkeit, wütende Bataillone diplomatischer Verbindungen auf den Plan zu rufen; auf der anderen Seite – nun, das De-Havilland-Mädchen war sicherlich reich, hatte zweifellos auch gute Beziehungen, auch eine alte Familie, diese würde aber genau aus diesem Grund wohl kaum gegen ihre Entscheidung Einspruch erheben; denn sie würde dem Mädchen Vorwürfe machen, nicht der Schule. Die Eltern waren sowieso nicht in der Nähe, die Mutter in Amerika, der Vater … war er nicht so etwas wie ein Tunichtgut? Es waren nur Tanten, mit denen sie zu tun haben würde, und aus Erfahrung wusste sie, dass im Allgemeinen Tanten in derartigen Angelegenheiten weniger Ärger machten als Eltern.

Sie verzog die Lippen und blickte Helen in die Augen.

»Nun, hast du selbst etwas dazu zu sagen?«

Ein langes Schweigen. Anscheinend hatte Helen selbst nichts dazu zu sagen. Sie hielt dem Blick der Direktorin stand, kein bisschen eingeschüchtert, voller Selbstbewusstsein. Die Direktorin ärgerte sich über diese kühle Aufsässigkeit, es brodelte in ihr.

»Ich habe keine Zeit zu verschwenden in einer Angelegenheit, die so klar ist wie diese. Du wirst mit sofortiger Wirkung von der Schule verwiesen. Ich werde deine Vormünder gleich von meiner Entscheidung unterrichten. Ich schlage vor, du gehst und packst.«

Helen verzog keine Miene, ihr Mund blieb regungslos verschlossen, ihr Lippen aufeinandergepresst. Doch bevor sie sich abwandte, glaubte die Direktorin in ihren Augen das leise Zwinkern eines Lächelns zu erkennen.

Als Helen in ihr Zimmer zurückkehrte, war sie überrascht, auf ihrem Bett ein schlecht eingewickeltes Päckchen zu finden. Daran war ein ausgerissenes Stück Papier mit Klebeband befestigt, auf dem in Sophies unverkennbarem Linkshänder-Gekrakel nur drei Wörter standen: TUT MIR LEID.

Mit zwei Fingern hob Helen das Päckchen hoch, als wäre es etwas Widerwärtiges, und warf es in den Papierkorb. Dann schob sie, um sicherzugehen, den Papierkorb in die Mitte des Raums, wo Sophie ihn sehen musste, sowie sie das Zimmer betrat, und begann mit dem Packen. Dabei horchte sie die ganze Zeit auf näher kommende Schritte.

Als sie fertig und Sophie nicht aufgetaucht war, bewertete Helen die Situation noch einmal leidenschaftslos. Sie hatte eine lange Zugfahrt vor sich, und es war durchaus möglich, dass das Päckchen etwas zu essen enthielt, vielleicht Schokolade. Wenn nicht, konnte sie es immer noch aus dem Zugfenster werfen. Nach kurzer Überlegung holte sie es wieder aus dem Papierkorb und steckte es in die Außentasche ihres Koffers. Sophie mochte eine Verräterin sein und eine Diebin, aber Schokolade ist Schokolade.

2
Kunstkritik


Erst als die Straßenlaternen mit ihrem dem gelben blendenden Neonlicht vorausgehenden rosa Aufwärm-Glühen angingen, wurde Jake klar, wie spät es schon war. Augenblicklich begann er zu rennen, und das war seine Rettung. Als er um die Ecke bog, sah er, dass seine Mutter vor das Haus getreten war und auf dem Bürgersteig auf und ab ging, um – vergeblich allerdings – ihre ängstliche Ausschau nach ihm als gemütlichen Abendspaziergang zu tarnen. Als er sie erreichte, atemlos und schweißgebadet, zeigte er seine Reue bereits deutlich; er musste nur noch den Kopf hängen lassen angesichts der Vorwürfe, die gleich auf ihn niederprasseln würden.

Wo er nur die ganze Zeit gewesen sei? Was stellte er sich vor, zu dieser Stunde erst nach Hause zu kommen? Was hatte er gemacht? Wusste er nicht, wie besorgt sie gewesen waren? War ihm klar, dass sein Abendessen kalt geworden war? Diese Fragen wurden mit solcher Geschwindigkeit auf ihn abgefeuert, dass kaum Zeit blieb, zwischen ihnen ein unterwürfig gemurmeltes »Tut mir leid, Mum« einzuschieben, bevor ihn die nächste traf. Offensichtlich hatte seine Mutter ihre Munition eine ganze Weile angespart, und es dauerte lange, bis sie alle denkbaren Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, ihrem sündigen Sohn das Ausmaß seiner Verderbtheit klarzumachen.

Das hatte auch seinen Vorteil, denn bis sie fertig war, hatte Jake sich seine Entschuldigung zurechtgelegt.

»Es tut mir leid, Mum, aber ich musste zu Mr. Macintosh, und danach habe ich mit diesem Mädchen gesprochen, und ich habe wirklich nicht gemerkt, wie spät es war.«

»Mit diesem Mädchen? Mit welchem Mädchen?«

Jake merkte sofort, dass es ein Fehler gewesen war, keinen Namen zu nennen. Aber selbst das war mit Gefahren verbunden – denn das Netzwerk von Bekannten, das seine Mutter hatte, war riesig, und ihre Fähigkeit, den Familienstammbaum eines jeden seiner Klassenkameraden bis in die dritte Generation zu kennen, war ziemlich entnervend.

»Sara … ich weiß ihren Familiennamen nicht. Sie ist neu«, fügte er hinzu, um sicherzugehen.

Jake log nicht gern, besonders nicht seiner Mutter gegenüber, obwohl er es von Zeit zu Zeit für nötig hielt. Daher bemühte er sich immer, seine Notlügen auf ein gewisses Fundament Wahrheit zu bauen. Als seine Mutter ihn nun missmutig den Gartenweg vor sich herschob, als könne er einen plötzlichen Fluchtversuch unternehmen, bevor sie das Haus erreichten, überlegte er, dass mindestens fünf Sechstel seiner Erklärung stimmten. Er war tatsächlich zu Mr. Macintosh, seinem Englischlehrer, gerufen worden, und danach hatte er auch mit einem Mädchen gesprochen (na ja, so ähnlich), und er hatte tatsächlich nicht auf die Zeit geachtet; und sie hieß auch Sara, und in gewisser Weise war sie neu.

Die einzige Lüge betraf ihren Nachnamen. Den kannte er gut genug.

Wilbright.

Genau genommen Miss Wilbright.

Sie war seine Kunstlehrerin.

Miss Wilbright war neu an der Schule, wie Jake es gesagt hatte. Sie war im Herbst in einer Zeit stürmischer Aufregung gekommen, die bis heute andauerte. Ihr Vorgänger, der sanfte, mittelalterliche Mr. Finch, ein verheirateter Mann mit erwachsenen Kindern, hatte aus irgendeinem Grund am Vorabend der Herbstferien sein Auto in den Fluss Clyde gesteuert, nachdem er kurz zuvor in der Gesellschaft einer geheimnisvollen Rothaarigen gesehen worden war, die nur halb so alt war wie er. Die offizielle Version lautete Unfalltod, hinter vorgehaltener Hand aber wurde über die pikante Sache anders gesprochen.

In der Schule lautete das allgemeine Urteil über Miss Wilbright: »Ernsthaft verrückt, selbst für eine Kunstlehrerin.« Der Eindruck, den sie machte, wurde durch eine Bemerkung des stellvertretenden Direktors zu einem Kollegen ganz passend beschrieben: »Wenn ein Mädchen in die Schule käme und so aussähe, würde man sie nach Hause schicken.« Als Kleidung bevorzugte sie mehrere Lagen von etwas, das einst Unterwäsche oder Nachthemden gewesen sein mussten und das nun in unglaublichen Kombinationen von Lila, Schwarz, Karmesinrot, Giftgrün und Pfauenblau gefärbt war. Das längste dieser Kleidungsstücke reichte nicht einmal bis zu den Knien und ließ zwischen dem Spitzensaum und den Rändern der violetten Achtzehn-Loch-Doc-Marten-Stiefel ein ordentliches Stück athletischen, muskulösen Beins erkennen, das in Strumpfhosen gehüllt war, die entweder ein Spinnen- oder grobes Fischnetzmuster in grellen Farben trugen oder streng schwarz-weiß gemustert waren oder bei besonderen Gelegenheiten mit Pailletten besetzt.

Ihre lange Mähne aus blauschwarzen Haaren bildete einen ausgesprochenen Kontrast zu ihrem kreideweißen Gesicht und den Augen in unmöglich hellem Grün. Violetter Lippenstift und Nagellack, verschiedene Piercings einschließlich eines juwelenbesetzten Nasensteckers und eine Schultertätowierung (ein kompassähnliches Symbol) komplettierten ihre Erscheinung. Ein Gerücht, dass sie eine praktizierende Heidin sei, erhöhte – an einer katholischen Schule – ihre Faszination. Sie hatte eine ungewöhnlich tiefe, heisere Stimme, die ein einfaches »Guten Morgen« wie einen unanständigen Antrag klingen ließ. Ein Teil der Schule hielt sie für extrem cool, der andere für verrückt, wenngleich es eine kleinere Gruppe gab, die beide Ansichten teilte.

Jake gehörte zu dieser kleineren Gruppe. Miss Wilbright faszinierte ihn, ängstigte ihn aber auch ein wenig, besonders seit sie ein ausgesprochen persönliches Interesse ihm gegenüber an den Tag legte. Angefangen hatte es eher beiläufig – sie fragte ihn mehrfach nach seiner Meinung zu einem Bild oder einer Plastik und behandelte seine Antwort immer mit ernsthaftem Interesse, was ihm schmeichelte. Dann lobte sie sein Zeichnen und Malen und gab sich oft erstaunliche Mühe, ihm zu zeigen, wie er diesen oder jenen Aspekt noch verbessern könne. Zweifellos war sie trotz ihres bizarren Äußeren eine hervorragende Lehrerin – sie beherrschte ihr Gebiet vollkommen und konnte selbst in den gelangweiltesten Gemütern Begeisterung dafür entfachen. Jemand, der sich wie sie kleidete, hätte leicht als Clown abgetan werden können, aber sie war eine beeindruckende Persönlichkeit, und in ihrer Klasse gab es keine Disziplinarprobleme, nicht einmal bei den notorisch härtesten Fällen.

Zu Neujahr hatte sie angefangen, nach dem Unterricht Kurse in Kunstkritik für einige Auserwählte zu geben, überwiegend für solche aus ihrer Kunstklasse im sechsten Schuljahr. Jake war der Einzige aus einer niederen Klasse, und er war ziemlich überrascht und erfreut gewesen, dazugebeten zu werden, nicht zuletzt weil die Mädchen im Kunstkurs der Sechsten zu den größten Begabungen der Schule gerechnet wurden und die Bekanntschaft mit ihnen sowie die Tatsache, von ihnen angelächelt und auf dem Gang gegrüßt zu werden, ihm den Neid seiner Klassenkameraden eintrug.

Allmählich wurde Jake bewusst, dass er mehr Zeit in »Kunstkritik« verbrachte als sonst jemand – er neigte dazu, als Erster da zu sein, und er war stets der Letzte, der ging, weil Miss Wilbright fast immer seine Hilfe beim Aufräumen in Anspruch nahm. Und oft bat sie ihn, wenn er gerade gehen wollte, »schnell einen Blick auf das hier« zu werfen, oder fragte ihn: »Was hältst du davon?« Und dann holte sie etwas zu seiner Begutachtung hervor: die Abbildung eines berühmten Kunstwerks etwa oder ein Stück, an dem sie selbst gerade arbeitete. Diese improvisierten Sitzungen konnten ihn eine halbe Stunde oder länger aufhalten.

Meistens war das kein Problem, denn seine Eltern waren durchaus einverstanden, vorausgesetzt sie wussten, wo er war oder angeblich war, und sie freuten sich, dass Jake an so vielfältigen Aktivitäten außerhalb des Unterrichts teilnahm: Fußballtraining am Montag, Badminton am Dienstag, Theatergruppe am Mittwoch, Kunstkritik am Donnerstag.

Heute jedoch war Freitag und eine Sitzung in Kunstkritik war nicht vorgesehen, es war Einzelunterricht gewesen.

Jake war nach dem letzten Klingelton in Mr. Macintoshs Zimmer gegangen, wo sie ein ziemlich gespenstisches Gespräch geführt hatten. Mr. Macintosh war ebenfalls neu in diesem Schuljahr, er war Mitte November gekommen. Vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreitet lagen alle Aufsätze von Jake. Mr. Macintosh sagte, er wäre besonders an einer Figur interessiert, die Jake in seinen Geschichten als Held benutzte: ein Mann namens Stephen Bishop, ein Millionär und Kunstsammler – der käme ihm bekannt vor, meinte Mr. Macintosh. Jake glaubte, er wolle ihm Plagiat vorwerfen, und verteidigte sich tapfer – Bishop sei einer realen Person nachgebildet, seinem Freund Stephen Langton (Bishop sei eine scherzhafte Anspielung auf die Tatsache, dass es einmal einen Erzbischof von Canterbury mit diesem Namen gegeben habe), der zufälligerweise ein Millionär und Kunstsammler sei. Vielleicht lag es daran, meinte Mr. Macintosh und fragte, ob er diesen Mr. Langton vielleicht einmal treffen könne? Lebte er in Glasgow? Nein, erwiderte Jake, er lebe in der Nähe von Cambridge, nahe beim Dorf Manorhampton, wo er ein tolles Haus hätte, Silk House, und …

Und haargenau in diesem Augenblick war ihnen beiden bewusst geworden, dass sich Miss Wilbright in der Tür herumdrückte. Die Sonne stand direkt hinter ihr, sodass ihr Gesicht dunkel, aber von einem Schein aus lichtdurchflutetem Haar umgeben war. Die Sonne schien auch durch ihre durchlässige Kleidung. Jake konnte die geschwungenen Umrisse ihres Körpers deutlich erkennen.

»Ich hätte nur gern kurz mit Jake gesprochen, wenn Sie mit ihm fertig sind.«

Ich bin beliebt heute, dachte Jake.

»Oh ja – geh nur, Giacometti. Danke, dass du diese meine Frage geklärt hast.«

Jake folgte Miss Wilbright durch die Tür, immer noch leicht irritiert wegen seines Gesprächs mit Macintosh. War er wirklich auf den Punkt gekommen oder hatte Miss Wilbright ihn vorher unterbrochen? Sie war jetzt stehen geblieben, damit er sie einholen konnte. Er spürte dieses vertraute prickelnde Gefühl irgendwo in der Magengegend. Sie benutzte ein Parfüm mit einem herben, weihrauchähnlichen Duft. Sie fixierte ihn mit ihren unglaublichen smaragdgrünen Augen und lächelte ihn geradezu verschwörerisch an.

»Ich habe gedacht, ich müsste dich vielleicht retten.« Sie nickte in die Richtung von Macintoshs Zimmer.

»Oh ja … vielen Dank. Er hat mich nur etwas über meine Geschichten gefragt.«

»Zeigt er … ein besonderes Interesse an deiner Arbeit?«

Alarmglocken schrillten in Jakes Kopf: eine Lehrerin, die in einer bestimmten Sache geheimnisvoll tat! Wollte sie ihn vor Macintosh warnen?

»Nicht wirklich, Miss – genau genommen überhaupt nicht bis eben.«

»Du kannst mich Sara nennen; die Schulstunden sind jetzt vorbei.«

Wenn sie angenommen hatte, Jake damit besänftigen und sein Vertrauen gewinnen zu können, dann erreichte sie genau das Gegenteil. Plötzlich fühlte er sich unbehaglich, denn er war sich lebhaft bewusst, wie nahe sie sich waren.

»Du musst nicht, wenn du nicht willst«, sagte sie lächelnd. »Ich finde nur diese ganze Geschichte mit ›Miss‹ und ›Sir‹ so verstaubt und altmodisch.«

»Das ist es wohl tatsächlich.«

Er entspannte sich wieder.

»Da ist etwas, das ich dir zeigen wollte. Ich bin ganz begeistert davon.«

Sie befanden sich jetzt im Kunstsaal, einem von Jakes Lieblingsorten in der Schule; hier war alles so unaufgeräumt und freizügig. Alle möglichen faszinierenden Dinge lagen herum, Sachen, die man für den Kunstunterricht brauchte, Teile alter Maschinen, ein Fischernetz und einige hellgelbe Schwimmer, ein ausgestopfter Fuchs; sogar ein kleines Krokodil baumelte von der Decke. Das Ganze verlieh dem Raum das Flair einer Apotheke. An der Wand hingen Zeichnungen, die in der Schule angefertigt worden waren, einige davon waren wirklich gut, und große Plakate verschiedener Kunstausstellungen.

Miss Wilbright fummelte an den Jalousien herum.

»Mach bitte die Tür zu, Jake. Wir brauchen es dunkel dafür.«

Jake schloss die Tür und stand zögernd beim Lichtschalter. Jetzt hantierte Miss Wilbright – Sara! – mit etwas, das sie auf einen freien Platz auf dem Arbeitstisch gelegt hatte. Ihr dunkles Haar fiel nach vorn über ihr bleiches Gesicht, die Arme schimmerten wie Elfenbein unter dem Spitzenschal.

»Mach bitte das Licht aus.«

Jake tat, wie ihm gesagt wurde. Es schnürte ihm leicht die Kehle zu. Was würden sie tun?

»Jetzt komm hierher.«

Jake wollte gerade protestieren, dass er nichts sehen könne, als in der Mitte des Raums ein sanftes Leuchten zu sehen war. Etwas Fluoreszierendes, dachte Jake, das ist es. Anscheinend ging es von diesem Gegenstand aus, der auf dem Tisch lag, was immer das war: Es sah aus wie eine undurchsichtige goldene Halbkugel. Miss Wilbright stand dahinter und wurde von unten angestrahlt, wodurch an der Wand ein gespenstisches Muster aus goldenen Flecken und dunklen Schatten entstand. Vorsichtig bewegte sich Jake auf die Kugel zu, er orientierte sich dabei tastend an den Ecken der Tische.

»Setz dich.«

Jake setzte sich, und auch Miss Wilbright tat dies, vermutlich auf einen hohen Hocker, denn sie saß leicht oberhalb. Sie beugte sich zu ihm vor, ihr Gesicht sah aus wie eine goldene, in der Luft schwebende Maske. Ihre Hände lagen auf etwas Rechteckigem, das mit einem Tuch bedeckt war. Davor befand sich die Lichtquelle, eine helle Wolke aus leuchtendem Nebel, der unter einer umgedrehten Glasschüssel eingeschlossen war. Hell genug, um den Blick zu fesseln, ohne zu blenden.

»Also hier ist das, was du dir anschauen sollst.«

Sie zog das Tuch beiseite.

»Man braucht das gedämpfte Licht, um es richtig zu sehen.«

»Es ist schön.«

Es war das Bild eines Kindes, eines Mädchens im Alter von etwa sieben Jahren, gemalt mit außergewöhnlicher Lebendigkeit und Unmittelbarkeit. Das Kind wandte sich dem Betrachter zu, als warte es auf den Schnappschuss einer Kamera. Es trug ein nobles Kleid aus blauer Seide – eine Miniaturausgabe dessen, was eine erwachsene Frau tragen könnte – und um ihren Hals hing eine schwere, glitzernde Perlenkette, darunter ein riesiger Rubinanhänger an einem Silberkettchen. Die Augen des Mädchens blickten den Betrachter in einer Art humorvoller Herausforderung an, der Mund schien gerade in Gelächter ausbrechen zu wollen.

Es stand auf einem Balkon vor einer Marmorbrüstung, und dahinter lag eine fantastische Landschaft mit spitzen grünen Hügeln unter einem blaugrünen Himmel. An seiner Seite befand sich ein kleiner Tisch, halb verborgen hinter einem schweren Damastvorhang in sattem Orange-Braun, der von einer Kordel aus rotgoldener Seide zusammengerafft wurde. Die vielen kleinen Details in Verbindung mit dem weichen, diffusen Licht machten das Bild wunderbar lebendig und ließen es überhaupt nicht gemalt erscheinen, sondern eher wie den Blick aus einem Fenster. Ja, es war, als ob man sich im dunklen Inneren des Hauses befand und auf das Mädchen im Sonnenlicht hinausblickte.

Dann erkannte Jake, dass auf dem Tisch eine Hand ruhte, in einen Handschuh aus dunkelgrüner Seide gehüllt, die Finger mit schweren, juwelenbesetzten Ringen geschmückt. Die Anwesenheit der Hand verlieh dem Bild eine geheimnisvolle Note, sie deutete männliche Kraft an und ließ vermuten, dass jemand Mächtiges hinter dem Vorhang saß. Jake fühlte sich zu der Balkonszene hingezogen, als ob das Mädchen ihn rufen würde …

Er spürte, dass eine sanfte Stimme zu ihm sprach, konnte aber dessen Worte nicht hören: Das Bild zog ihn in seinen Bann, er tauchte förmlich darin ein.

Und es stimmte, was er seiner Mutter gesagt hatte – er hatte wirklich nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war. Erst jetzt, als er in seinem Bett lag, wurde ihm klar, dass es zwei ganze Stunden seines Lebens gab, über die er keine Rechenschaft ablegen konnte.

Wo war er gewesen?

Genau. Wo nur?

3
Der Kristall des Kummers


Mit einem Abschiedsfunkeln seiner Heckscheiben fuhr der Bus über die Kuppe der schnurgeraden Straße und ließ das einundzwanzigste Jahrhundert hinter sich. Im Wald stieß ein Vogel einen keckernden Laut aus, der so abrupt endete, wie er eingesetzt hatte, zurück blieb eine umso tiefere Stille. Gerald De Havilland betrachtete die dunklen Baumreihen beidseitig der Straße, die unter klarem Himmel mit schnell dahinziehenden vereinzelten Wolken in der Sonne brüteten.

Jetzt also Litauen, dachte er. Oder eben danach.

Hier draußen, in einer Landschaft, die auf ihre wesentlichen traditionellen Elemente reduziert war – Straße, Bäume, Himmel –, verschwamm der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Man zweifelte nicht daran, dass irgendwo in diesem Wald ein Auerochse sein könnte, einer dieser riesigen wilden Ochsen, die hier dank eines königlichen Dekrets überlebt hatten, tausend Jahre nachdem sie im übrigen Europa ausgestorben waren. Einstmals hatte diese kleine obskure baltische Republik zusammen mit Polen eine Doppelnation gebildet, ein riesiges Reich, das für Jahrhunderte das mächtigste der westlichen Welt gewesen war; es war auch die letzte Bastion des Heidentums gewesen im alten Sarmatien, bis gut ins 15. Jahrhundert.

Wahrscheinlich waren diese Bäume damals schon da gewesen und dieser Himmel und wohl auch diese Straße. Der Mann kniff die Augen zusammen, blinzelte gegen das blendende Licht und stellte sich die kleine Gruppe vor: vielleicht ein Karren, der von einem Maultier gezogen wurde, oder, wahrscheinlicher, nur ein Maultier, der Mann führte es, die junge Frau saß auf seinem Rücken; oder vielleicht beide zu Fuß, das Maultier mit dem Gepäck beladen … und in diesem Gepäck … – er musste über sich selbst grinsen, weil er die Vergangenheit heraufbeschwor, um seine gegenwärtigen Wünsche wahr werden zu lassen. Egal, es war mit Sicherheit genau diese Straße, auf der sie gereist waren, Massimo Mancino, der junge italienische Maler, und die junge Frau, die er entführt hatte –