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CORDWAINER SMITH

 

 

 

HINAB ZU EINER SONNENLOSEN SEE

 

Erzählung

 

 

 

 

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

 

Das Buch

Der Autor

Hinab zu einer sonnenlosen See

Die Erzählungen und Novellen von Cordwainer Smith

 

Das Buch

Xanadu, die sonnenlose Welt, ist ein wahres Paradies, das von zwei Monden erhellt wird. Ihre Bewohner sind körperlich vollkommen und glücklich. Zwei von ihnen, die junge Frau Madu und Kuat, der Gouverneur, erwarten hohen Besuch: Lord bin Permaiswari von der Instrumentalität will Xanadu besuchen, um sich von seiner Kriegsverletzung zu erholen. Er musste sich den Angstmaschinen stellen, um die Kultur der Menschheit zu retten. Jetzt gilt er als Held – doch der Preis, den er bezahlen musste, war hoch. Vielleicht zu hoch …

Die Erzählung »Hinab zu einer sonnenlosen See« erscheint als exklusives E-Book Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories von Cordwainer Smith auch in dem Sammelband »Was aus den Menschen wurde« enthalten. Sie umfasst ca. 40 Buchseiten.

 

 

 

 

Der Autor

Cordwainer Smith war das Pseudonym von Paul Linebarger. 1913 in Milwaukee, Wisconsin geboren, verbrachte Linebarger seine Kindheit in den unterschiedlichsten Ländern. Sein Vater war pensionierter Richter und politisch aktiv; unter anderem pflegte er Beziehungen zu dem chinesischen Politiker Sun Yat-sen, der Pauls Taufpate war. Linebarger studierte Politikwissenschaft und wurde später Professor für Internationale Politik. Er arbeitete für den militärischen Geheimdienst der USA als Asien-Experte und gehörte dem Beraterstab von Präsident John F. Kennedy an. Er verfasste ein Handbuch über psychologische Kriegsführung, das bis heute als Standardwerk gilt. Daneben schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane; für seine SF-Erzählungen wählte er Cordwainer Smith. »Cordwainer« ist eine veraltete Bezeichnung für Schuster, Smith bedeutet Schmied. Wie ein Handwerker baute Linebarger nach und nach sein Universum von der »Instrumentalität der Menschheit« auf, mit dem er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bekannt wurde. Paul Linebarger starb im August 1966 und ist auf dem Nationalfriedhof in Arlington beerdigt.

 

 

 

 

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www.diezukunft.de

Diese Erzählung ist dem Band Cordwainer Smith: »Was aus den Menschen wurde« entnommen.

 

 

 

Titel der Originalausgabe

 

Down to a Sunless Sea

 

Aus dem Amerikanischen von Thomas Ziegler

 

 

 

Copyright © 1993 by The Estate of Paul Linebarger

Erstveröffentlichung in THE MAGAZINE OF FANTASY & SCIENCE FICTION, Oktober 1975

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Covergestaltung: Stardust, München

Satz: Thomas Menne

 

ISBN 978-3-641-19259-4
V001

Sie klingeln hoch, oh, hoch oben am Himmel, oh! Hell, wie hell ist das Licht dieser Zwillingsmonde von Xanadu, Xanadu, der Verlorenen, Xanadu, der Lieblichen, Xanadu, dem Hort der Lust. Lust der Sinne, des Körpers, des Verstandes, der Seele. Der Seele? Wer sagte da etwas von der Seele?

 

 

I

 

Wo sie standen, da flüsterte leise der Wind. Hin und wieder zupfte Madu mit einer ewig weiblichen Geste an ihrem knappen silbernen Rock oder ordnete ihre nicht minder knappe ärmellose Weste. Nicht dass ihr kalt war. Ihre luftige Kleidung war dem milden Klima Xanadus angemessen.

Sie dachte: Ich frage mich, wie er wohl aussehen mag, dieser Lord der Instrumentalität. Ist er alt oder jung, blond oder schwarz, weise oder närrisch? Sie dachte nicht: hübsch oder hässlich. Xanadu war bekannt für die körperliche Vollkommenheit seiner Bewohner, und Madu war zu jung und unerfahren, um etwas anderes zu erwarten.

Lari, der mit ihr zusammen wartete, dachte nicht an den Raumlord. In Gedanken betrachtete er noch einmal die Videobänder und den Tanz, die komplizierten Schritte und die wunderbare Raserei der Bewegungen der Gruppe aus den uralten Zeiten der Menschenheimat, der Gruppe namens »Bawlshoy«. Eines Tages, dachte er, ach, eines Tages werde auch ich so tanzen können …

Kuat dachte: Glauben die wirklich, sie könnten mich zum Narren halten? In all den Jahren meiner Regierungszeit auf Xanadu ist dies das erste Mal, dass sich ein Lord hier einfindet. Es ist in der Tat der Kriegsheld der Schlacht um Styron IV! Nun, das ist schon eine ganze Reihe von Monaten her … Er hatte genug Zeit, sich zu erholen, wenn es wirklich stimmt, dass er verwundet worden ist. Nein, da steckt noch mehr dahinter … sie wissen oder vermuten etwas … Ach was, wir werden ihn schon beschäftigen. Das konnte nicht schwer sein mit all den Vergnügungen, die Xanadu zu bieten hat … und dann gibt es da noch Madu. Nein, er würde sich wirklich nicht beklagen können, oder er musste seine Tarnung aufgeben …

Und in der ganzen Zeit, während sich der Ornithopter näherte, da näherte sich ihnen auch ihr Schicksal. Er wusste nicht, dass er ihr Schicksal werden würde; er beabsichtigte nicht, ihr Schicksal zu sein, ihr Schicksal war noch nicht bestimmt.

Der Passagier in dem landenden Ornithopter tastete sich mit seinen Gedanken vor und versuchte, sich zu orientieren, sich einzufühlen. Es war schwer, schrecklich schwer … eine dichte, wolkengleiche Wand – Nebel – schien sich zwischen seinen Gedanken und den Gedanken derjenigen zu befinden, die er zu durchschauen versuchte. Lag es an ihm selbst, lag es an seiner Hirnverletzung aus dem Krieg? Oder war etwas anderes dafür verantwortlich, die Atmosphäre des Planeten – etwas, das Telepathie einschränkte oder abblockte?

Lord bin Permaiswari schüttelte den Kopf. Er war so voller Selbstzweifel, so verwirrt. Seit der Schlacht … die gedankentötenden Sonden der Angstmaschinen … wie viel bleibenden Schaden hatten sie angerichtet? Vielleicht konnte er sich hier auf Xanadu erholen und Vergessen finden.

Als Lord bin Permaiswari aus dem Ornithopter stieg, nahm seine Verwirrung noch zu. Er hatte gewusst, dass Xanadu keine Sonne besaß, aber er war nicht auf das weiche, schattenlose Licht vorbereitet gewesen, das ihn empfing. Die Zwillingsmonde hingen allem Anschein nach nebeneinander am Himmel, während ihr Licht von Abermillionen Spiegeln reflektiert wurde. In der Umgebung erstreckten sich zahllose Li weißer Sandstrände, während sich in der Ferne Kalkklippen erhoben, an deren Fuß die kochend schwarze See ihre Gischt versprühte. Schwarz, Weiß, Silber – das waren die Farben von Xanadu.

Ohne Zögern trat Kuat auf ihn zu. Kuats Besorgnis hatte nach dem ersten Blick auf den Raumlord merklich nachgelassen. Der Besucher sah tatsächlich krank und verwirrt aus; und so wandte sich Kuat ihm voll Freundlichkeit zu, ohne dass er sich dazu zwingen musste.

»Xanadu heißt Sie willkommen, o Lord bin Permaiswari. Xanadu und alles, was sich auf Xanadu befindet, gehört Ihnen.« Der traditionelle Gruß klang seltsam rau aus seinem Mund. Der Raumlord sah vor sich einen kräftigen Mann, der groß und entsprechend schwer war, dessen Muskeln hervortraten und dessen langes rötliches Kopf- und Barthaar im Licht der Monde und Spiegel glänzte.

»Bereits meine Anwesenheit auf Xanadu bereitet mir Freude, Gouverneur Kuat, und ich gebe den Planeten und seine Besitztümer an Sie zurück«, entgegnete Lord bin Permaiswari.

Kuat drehte sich um und deutete auf seine beiden Begleiter. »Das ist Madu, eine entfernte Verwandte und mein Mündel. Und das ist Lari, mein Bruder, der Sohn der vierten Frau meines Vaters – der Frau, die sich in der sonnenlosen See ertränkt hat.«

Der Raumlord blinzelte erstaunt beim Klang von Kuats Gelächter, aber die jungen Leute schienen nichts Besonderes daran zu finden.

Die liebliche Madu verbarg ihre Enttäuschung und begrüßte den Lord mit der gebührenden Zurückhaltung. Sie hatte einen strahlenden Recken erwartet (oder ersehnt?), in einer glitzernden Rüstung oder zumindest mit einer Aura, die besagte: Ich bin ein Held. Stattdessen stand ein intellektuell wirkender, müder Mann vor ihr, der irgendwie älter wirkte, als er mit seinen dreißig Jahren war. Sie fragte sich, was dieser Mann wohl vollbracht hatte, dass er in den Verlautbarungen der Instrumentalität als der Retter der menschlichen Kultur in der Schlacht um Styron IV bezeichnet wurde.

Lari kannte sich besser in den Details dieser Schlacht aus als Madu, denn er war ein Mann, und er begrüßte Lord bin Permaiswari mit feierlichem Respekt. In seiner Traumwelt bewunderte Lari nach den leichtfüßigen, eleganten Tänzern und Läufern vor allem Intelligenz. Dies war der Mann, der es gewagt hatte, sich mit seinem lebendigen Geist, seinem Intellekt den schrecklichen Angstmaschinen entgegenzustellen und der gesiegt hatte! Der Preis dafür hatte in seinem Gesicht tiefe Spuren hinterlassen, aber er hatte GESIEGT. Lari presste seine Handflächen gegeneinander und legte sie zu einem Ausdruck der Huldigung an die Stirn.

Der Lord reagierte darauf mit einer Geste, die Laris Herz auf ewig für ihn einnahm. Er berührte Laris Hände und sagte: »Meine Freunde nennen mich Kemal.« Dann wandte er sich den anderen zu, um auch Madu und, als hätte er es fast vergessen, Kuat in seine Worte einzuschließen.

Kuat bemerkte den kleinen Affront nicht. Denn er hatte sich umgedreht und war auf etwas zugegangen, das ein riesiger Klumpen aus gelb und schwarz gestreiftem Fell zu sein schien. Kuat gab einen eigenartig zischenden Laut von sich, und unvermittelt wurden aus dem Klumpen vier gewaltige Katzen. Jede Katze trug einen Sattel, und jeder Sattel war mit einem Haltering ausgestattet, aber es schien keine Zügel zu geben, mit denen man die Katzen lenken konnte.

Kuat sagte, als käme er einer Frage Kemals zuvor: »Nein, natürlich gibt es keine Möglichkeit, sie zu lenken. Es sind reine Katzen, wissen Sie, und bis auf ihre Größe nicht modifiziert. Hier gibt es keine Untermenschen! Ich glaube, wir sind der einzige Planet der ganzen Instrumentalität, auf dem keine Untermenschen leben – abgesehen natürlich von Norstrilia. Aber Norstrilias und Xanadus Gründe dafür sind vollkommen entgegengesetzter Natur. Wir genießen unsere Sinne … und halten nichts von dem Unsinn, dass harte Arbeit den Charakter formt, wie es die Norstrilier glauben. Wir glauben nicht an Wohlstand und an all diesen Unsinn. Unsere nicht modifizierten Tiere bereiten uns ganz einfach mehr Sinnenfreude. Für die Schmutzarbeit setzen wir Roboter ein.«

Kemal nickte. Schließlich – war er nicht deshalb hier? Um seinen Sinnen Gelegenheit zu geben, sein krankes Bewusstsein zu heilen?

Dennoch wusste er, der sich den Angstmaschinen ohne das kleinste Zittern entgegengestellt hatte, nicht, wie er sich einer Katze nähern sollte.

Madu bemerkte sein Zögern. »Griselda ist ganz zahm«, sagte sie. »Warten Sie einen Moment, damit ich ihr die Ohren kraulen kann; dann wird sie sich hinlegen, und Sie können aufsitzen.«

Kemal blickte auf und erkannte in Kuats Augen einen Hauch von Abneigung. Für seine Bemühungen, wieder zu sich selbst zu finden, war das nicht sehr hilfreich.

Madu hatte, zu Kuats offensichtlichem Missvergnügen, die große Katze zum Hinknien gebracht und lächelte Kemal an.

Kemal empfand etwas wie Schmerz bei diesem Lächeln. Sie war so schön und so unschuldig; ihre Verwundbarkeit brach ihm schier das Herz. Er erinnerte sich an eine alte Weisheit, die Lady Ru einst ausgesprochen hatte: »Unschuld ist eine Rüstung ohne Panzer«, und ein Spinnennetz aus Furcht legte sich um seine Gedanken. Er zerriss es und bestieg die Katze.