Band 1: Laura will zum Ballett
Band 2: Laura und ihr erster Auftritt
Band 3: Laura und die Primaballerina
Band 4: Laura tanzt mit einem Jungen
Weitere Bände in Vorbereitung



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Copyright © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2009
Umschlag- und Innenillustrationen: Clara Suetens
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92331-5

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Für meine Schwester

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Öde Ferien

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Laura beißt von ihrem Honigbrötchen ab und macht ein verdrießliches Gesicht. Draußen scheint die Sonne, und sie hat Osterferien. Aber obwohl sie ausgeschlafen hat und ganz gemütlich mit Mama im Wohnzimmer frühstückt, hat sie schlechte Laune. Sie langweilt sich.

Ihre Mutter sieht sie an, als verstünde sie die Welt nicht mehr. Kein Wunder, denkt Laura. Die meisten Kinder freuen sich, wenn sie nicht in die Schule müssen.

Aber in diesen Ferien ist wirklich der Wurm drin. Laura vermisst sogar ihren Bruder Benni. Der ist schon vierzehn und darf ein paar Tage und Nächte bei seinem besten Freund Tom verbringen. Der hat’s gut.

„Deinem Gesicht nach zu urteilen, sind Ferien eine einzige Quälerei“, sagt Mama. „Ich wusste gar nicht, dass neunjährige Mädchen so gern zur Schule gehen.“ Sie lächelt.

Laura zieht die Stirn kraus und kaut wortlos weiter. Was kann sie denn dafür, dass die Ferien so langweilig sind?

Die erste Woche ging ja noch, da war sie bei Oma und Opa. Aber jetzt ist ihre beste Freundin Kim verreist, nach Holland, und kommt erst am letzten Ferientag wieder. Das ist schon schlimm genug.

Aber viel schlimmer ist, dass auch die Ballettschule Ferien hat.

Zwei Wochen kein Ballett, kein Tanz, keine Madame Moulin.

„Hast du nicht Lust, Papa nachher in seiner Werkstatt zu besuchen?“, fragt Mama. „Vielleicht lenkt dich das ein bisschen ab?“

„Hm, vielleicht“, sagt Laura wenig überzeugt. „Ich kann ja auf dem Rückweg mal bei der Ballettschule vorbeifahren und gucken, ob Madame Moulin schon aus dem Urlaub zurück ist.“

Mama schenkt sich noch eine Tasse Kaffee ein.

„Das glaube ich nicht“, sagt sie. „Sie wollte in den Ferien doch ihre Freundin in Sankt Petersburg besuchen.“

„Ja, die haben’s gut“, antwortet Laura. In ihrem Zimmer hängt ein Autogramm der berühmten russischen Primaballerina Anna Lischenka, Madame Moulins bester Freundin. Im Winter hat Laura sie bei einem Besuch in der Ballettschule kennengelernt und tanzen sehen. „Bestimmt sind sie den ganzen Tag im Ballettsaal und trainieren von morgens bis abends!“

„Dann ist sie sicher noch nicht zurück“, meint Mama. „Und selbst wenn, möchte sie vermutlich ihre Ruhe haben und nicht im Urlaub von ihren Schülerinnen gestört werden.“

Sie stellt das Frühstücksgeschirr zusammen und steht auf. „Also, grüß Papa von mir und erinnere ihn daran, dass wir für heute Abend Theaterkarten haben“, bittet sie.

„Bin ich dann etwa ganz allein zu Haus?“, fragt Laura erschrocken.

„Nein, natürlich nicht“, erwidert Mama. „Benni ist ab mittags wieder da. Ihr könnt euch einen gemütlichen Spieleabend machen.“

„Dann ist ja gut“, sagt Laura. „Soll ich sonst noch was machen? Einkaufen gehen oder so?“

„Danke für das Angebot, aber wir haben alles.“ Ihre Mutter lächelt. „Mach dir einfach einen schönen Tag.“

Einen schönen Tag – pah, denkt Laura. Leichter gesagt als getan!

Der fremde Junge

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Eine halbe Stunde später flitzt Laura auf ihrem Rad die Straße entlang und blinzelt in die Frühlingssonnenstrahlen, die durch das erste zarte Laub der Bäume fallen und lustige Lichtkringel auf den Asphalt malen.

Als hinter einem Zaun ein kleiner Hund aufspringt und wütend bellt, zuckt sie zusammen und wäre vor Schreck fast vom Rad gefallen. Im Vorbeifahren schneidet sie eine finstere Grimasse und streckt dem Kläffer die Zunge heraus.

Dann bemerkt sie am Ende der Straße einen großen Umzugswagen.

Zwei Männer tragen gerade eine Waschmaschine in ein Haus. Eine Frau und ein blonder Junge schleppen Kisten und Kartons hinterher.

Neue Leute in der Straße? Das ist ja interessant! Laura lässt ihr Rad neben dem Gehweg ausrollen und hält an. Von hier aus hat sie alles im Blick.

Das alte Haus, vor dem der Möbelwagen parkt, steht schon lange leer. Laura weiß, dass es früher einem Rentnerehepaar gehört hat, das weggezogen ist. Sie freut sich, dass es jetzt wieder Bewohner bekommt.

Hoffentlich sind sie nett, denkt sie und reckt den Hals, um besser sehen zu können.

Zwei dicke Möbelpacker in roten Latzhosen rufen sich etwas zu und lachen, bevor sie ein Klavier aus dem Wagen ziehen und es mithilfe von breiten Gurten die Eingangstreppe hinauftragen. Selbst von weitem sieht Laura, wie mühsam und schwer das ist.

Der Junge schlüpft an den Männern vorbei ins Freie und verschwindet im Garten hinter dem Haus.

Laura beobachtet, wie er mit wenigen Griffen einen knorrigen Baum hochklettert und weit oben auf einem dicken Ast balanciert, dann ist er aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Sie will gerade weiterfahren, als jemand laut aus einem geöffneten Fenster ruft: „Tristan!“

Tristan? Was für ein Name! Laura grinst. Ob der Junge so heißt? Der Ärmste!

Sie schwingt sich auf ihr Rad und rollt ganz langsam an dem alten Haus mit dem verwilderten Garten vorbei.