Wie es weitergeht, erfährst du in „Laura und ihr erster Auftritt“.
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Copyright © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2008
Umschlag- und Innenillustrationen: Clara Suetens
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92328-5

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Für meine Schwester

Schmuckelement

Ein Deutschaufsatz und Pirouetten im Gras

Schmuckelement

„Hast du den Deutschaufsatz schon fertig?“ Kim robbt durchs Gras und hält nur kurz an, um mit den Augen zu rollen. „Was ich später werden will – puh, was soll ich da schreiben? Was für ein bescheuertes Thema!“

Laura hängt über ihr am Klettergerüst und wackelt mit den Zehen. „Wieso bescheuert?“, fragt sie. „Ich hab zwei Seiten geschrieben! Was ich später mal werden will, ist doch klar: Balletttänzerin!“ Sie holt kräftig Schwung und sitzt – schwups! – oben auf der Stange.

Kim starrt bewundernd zu ihr hinauf.

„Ich wusste gar nicht, dass Balletttänzerinnen auch turnen können“, sagt sie und robbt weiter. „Ich dachte, die können nur tanzen.“

Laura mag ihre Freundin, aber heute scheint Kim ein bisschen zu spinnen: Seit einer Viertelstunde kriecht sie schon durch den Garten. Und das nur, weil sie ein vierblättriges Kleeblatt sucht.

„Soll ich dir was verraten?“, ruft Laura ihr zu. „Mein Papa hat das letzte vierblättrige Kleeblatt vor einer Million Jahren in unserem Garten gefunden! Seitdem sind die hier ausgestorben!“

Kim hebt den Kopf. Ihr Gesicht ist tomatenrot. „Ich muss aber eins finden“, jammert sie. „Wir schreiben morgen Mathe, da brauch ich unbedingt einen Glücksbringer!“

Wie wär’s mit Üben statt mit Kleeblattsuchen?, will Laura schon fragen. Aber sie lässt es lieber bleiben. Der Tag ist viel zu schön, um zu streiten.

Über ihr strahlt die Sonne und von ihrem Hochsitz aus hat sie eine tolle Aussicht bis in die Kronen der Obstbäume.

Ob die Kirschen schon reif sind? Laura streckt den Arm aus und pflückt zwei ab. Eine steckt sie gleich in den Mund, die andere wirft sie in Kims Richtung. Obwohl Laura nicht die beste Werferin ist, trifft sie genau.

„Aua, Mann!“ Kim reibt sich den Hinterkopf. „Was soll das?“

Laura grinst: „War doch nur eine harmlose Kirsche. Vielleicht bringt die mehr Glück als ein Kleeblatt?“

Sie lässt sich nach hinten fallen und hält sich nur noch mit den Kniekehlen an der Stange fest. Kim wird schon vom Zugucken ganz anders.

„Wenn du dir das Genick brichst, wird das nichts mit dem Tanzen“, prophezeit sie. Sie pustet sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und robbt ein Stück zur Seite, falls Laura runterfällt.

Aber die lacht nur und spuckt ihren Kirschkern aus. „Ich werde berühmt und tanze um die ganze Welt!“, ruft sie und macht eine Rückwärtsrolle. Gekonnt landet sie im Gras, genau vor Kims Nase. „Und dann trete ich an den Opernhäusern von Mailand und Paris auf!“ Sie stellt sich in Positur, hebt beide Arme über den Kopf und dreht eine Pirouette.

„Ha! Da lachen ja die Hühner!“ Kim zeigt ihr einen Vogel.

„Erstens ist Ballerina überhaupt kein richtiger Beruf und zweitens: du und berühmt! Sonst noch was? Du hast ja noch nicht mal Ballettunterricht! Und an der Oper wird nicht getanzt, sondern gesungen! Das weiß doch jedes Baby!“, fügt sie hinzu.

Laura hört gar nicht hin. Nur weil Kim ein paar Wochen älter ist als sie und seit ein paar Monaten Judo macht, heißt das noch lange nicht, dass sie alles besser weiß!

Natürlich ist Ballerina ein richtiger Beruf, das weiß Laura genau. Und zwar der schönste Beruf auf der ganzen Welt!

„Du wirst es ja sehen!“, sagt sie zu Kim. Sie rümpft die Nase und hüpft auf einem Bein.

„Und das blöde Gehopse soll Ballett sein?“, kichert Kim. „Ist ja voll albern!“

Kims Eltern kommen aus Korea. Kim interessiert sich nicht fürs Tanzen, kein Stück. Sie mag nur Judo und Karate. Ballett ist was für Schnepfen, findet sie. Und zwar für ziemlich eingebildete Schnepfen!

Laura hat Kim ganz vergessen. Mit geschlossenen Augen tanzt sie durch den verwilderten Garten, fügt Pirouette an Pirouette und bleibt schließlich stehen.

Im Schatten der alten Bäume lässt sie die Arme sinken. Das Publikum jubelt ihr zu. Ihr, Laura-Marie Brendel, der Primaballerina der Pariser Oper!

Laura kann den rauschenden Beifall hören. Rosen werden auf die Bühne geworfen. Sie verneigt sich und tut so, als würde sie eine davon aufheben und daran schnuppern.

„Ich glaub, du warst zu lange in der Sonne!“ Kim springt auf und bohrt Laura einen Zeigefinger zwischen die Rippen.

„Aua!“ Laura will sich rächen, aber Kim ist zu flink und entwischt ihr.

Atemlos kommen sie auf der Terrasse an und werfen sich in zwei Liegestühle. Im Schatten der bunten Markise stehen Limonade und Kekse auf einem kleinen Tischchen.

„Was willst du denn später mal werden?“, fragt Laura.

Kim nimmt einen Keks. „Keine Ahnung“, meint sie. „Am liebsten Judoweltmeisterin. Aber wir gehen ja gerade mal in die dritte Klasse. Ich bin acht! Wie soll ich da schon wissen, was ich später mal werden will? Wenn wir groß sind, gibt’s vielleicht Berufe, die es jetzt noch gar nicht gibt!“

„Welche denn?“, will Laura wissen.

 

Es ist zum Mäusemelken! Sie zieht die Nase kraus und niest.

„Wenn du Primaballerina werden willst“, lacht Kim, „darfst du aber nicht niesen wie ein Nilpferd. Tänzerinnen sind immer piekfein und hüpfen in niedlichen rosa Kleidchen rum.“ Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr und springt auf. „Mist, ich muss los! Mathe üben und Aufsatz schreiben!“

Laura bringt die Freundin ans Gartentor, wo Kims Rad steht.

„Vielleicht finde ich ja noch einen Glücksklee“, sagt sie zum Abschied.

Kim hat sich schon aufs Rad geschwungen. „Bis morgen!“, ruft sie und braust davon.