Gullivers Reisen

 

Jonathan Swift

 

 

 

 

Inhalt:

 

Jonathan Swift – Biografie und Bibliografie

 

Der Herausgeber an den Leser.

Ein Brief von Kapitän Gulliver an seinen Vetter Sympson.

 

Die Reise nach Liliput

 

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

 

Die Reise nach Brobdingnag

 

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

 

Die Reise nach Laputa, Lagado usw.

 

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

 




Gullivers Reisen, Jonathan Swift

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

 

ISBN: 9783849619640

 

www.jazzybee-verlag.de

admin@jazzybee-verlag.de

 




Jonathan Swift – Biografie und Bibliografie

 

Polit. Satiriker der Engländer, geb. 30. Nov. 1667 in Dublin, gest. 19. Okt. 1745, zeigte bereits als Knabe jene selbstgenügsame Skeptik, die ihn als Mann charakterisierte und zu einer der seltsamsten literarischen Erscheinungen machte. Er besuchte die Schule in Kilkenny, studierte seit 1682 im Trinity College zu Dublin und ward 1688 Sekretär des Staatsmannes Sir William Temple zu Moor Park in Surrey. Für ihn schrieb er 1697 ein Pamphlet gegen den Philologen Bentley, »Battle of the books«, worin er in Art des Homerischen Froschmäusekrieges den Kampf der Alten gegen die Modernen parodierte. Als Temple 1699 starb, gab S. dessen politische Schriften heraus und ging dann, da ihm der König kein Staatsamt geben wollte, als Kaplan des Earl Berkeley, Vizekönigs von Irland, dorthin zurück. Seine Pfarrstelle in Laracor brachte ihm 400 Pfd. Sterl. jährlich ein. Wie er über die Streitigkeiten der christlichen Kirchen untereinander, speziell der Katholiken, Hochkirchler und Dissenters dachte, zeigt sein berühmtes Pamphlet »Tale of a tub« (d. h. Unsinnsgeschichte) 1704; alle drei, genannt Peter, Martin und Jack, haben sich den Urgeist des Christentums in Eitelkeit und Selbstsucht entfremdet. S. war jetzt der gefürchtetste Pamphletist seiner Zeit. Als solcher machte er auf Besuchen in England die Bekanntschaft der damals regierenden Whigführer. 1710 unterhandelte S. im Auftrag des Erzbischofs King, Primas von Irland, über die Abschaffung der seitens der Iren an die englische Regierung zu zahlenden Zehnten, und seine Bemühungen waren so erfolgreich, daß er bei der Rückkehr nach Irland mit Glockengeläute empfangen wurde. Indes sehnte er sich dauernd nach England, um dem Herde der hohen Politik näher zu sein, und da die Whigs seinen höchsten Wunsch, ein Bistum, ihm nicht gewähren konnten, machte er sich kein Gewissen daraus, zu den inzwischen herrschend gewordenen Tories überzugehen und seine frühern Parteigenossen mit noch heftigerer Satire zu befehden als zuvor die Tories. Die Minister schlugen ihn auch der Königin vor, diese konnte sich jedoch nicht entschließen, dem Verfasser der »Tale of a tub« ein so hohes Kirchenamt anzuvertrauen; S. wurde zu seiner bittern Enttäuschung nur mit dem Dekanat von St. Patrick in Dublin bedacht. Während seines nun dauernden Aufenthalts in Irland (1714–26) gewann er dort große Beliebtheit und übte zugleich an der Regierung Rache, indem er in den »Drapier's letters« (»Tuchhändlerbriefe«, 1723) gegen die englischen Minister die stiefmütterliche Behandlung des unglücklichen Landes darlegte. Zum unbefriedigten Ehrgeiz kam um jene Zeit der tragische Ausgang einer Doppelliebe. S. hatte längst ein inniges brüderliches Verhältnis mit Esther Johnson (von ihm Stella genannt), die er in Sir William Temples Haus hatte kennen lernen (vgl. sein »Journal to Stella«; deutsch, Berl. 1866). Später faßte er eine leidenschaftliche Neigung zu einer andern jungen Dame in London, der geistvollen Esther van Homrigh (Vanessa), der er aber sein Verhältnis zu Stella nicht zu gestehen wagte. Er winkte ihr nur in einem allegorischen Gedicht ab. Vanessa folgte ihm, da ihre Mutter eben starb, nach Irland, wo ein Brief von ihr an Stella die Entdeckung herbeiführte. Vanessa starb vor Gram (1723) und einige Jahre später (1728) auch Stella, mit der sich S. kurz vorher noch heimlich hatte trauen lassen, doch ohne sie je anders als in Gegenwart Dritter zu sehen. Inzwischen war S. mit der Abfassung seines berühmtesten Werkes: »Travels of Gulliver«, beschäftigt, das 1726 erschien und allgemein die höchste Bewunderung erregte, auch in alle zivilisierten Sprachen übersetzt wurde. Es enthält in einfacher und natürlicher Sprache, in ernsthafter und anscheinend ganz realistischer Schilderung Satiren auf die Kleinlichkeit des dynastischen und politischen Getriebes (1. Buch, bei den daumengroßen Lilliputanern), auf die Ungeschlachtheit der gebildet und höfisch genannten Menschheit (2. Buch, bei den riesengroßen Brobdignags), auf das zerstreute, unpraktische Wesen der Gelehrten (3. Buch), endlich auf die ganze Menschheit, die ihm im Vergleich zu den Pferden einen physischen Ekel einflößt (4. Buch). Trotz dieser sarkastischen Tendenz ist das Buch in seinen fabulistischen Partien ein beliebtes Kindermärchen geworden. In den letzten Jahren sank S. in Geistesstörung; begraben wurde er in seiner Dechantkirche St. Patrick zu Dublin. Seine Werke wurden herausgegeben von Hawkesworth (Lond. 1755,14 Quartbände; Oktavausgabe in 24 Bänden), Sheridan (das. 1784, 17 Bde.), Walter Scott (mit Biographie, das. 1814, 19 Bde.; neue Ausg. 1883, 10 Bde.), Roscoe (das. 1853, 2 Bde.), Purves (das. 1868), Temple Scott (1897–1902, 10 Bde.). Sein Briefwechsel erschien in 3 Bänden (Lond. 1766) und in Auswahl von Lane-Poole (das. 1885); dazu »Unpublished letters«, herausgegeben von G. B. Hill (1899). Eine Übersetzung der humoristischen Werke lieferte Kottenkamp (Stuttg. 1844, 3 Bde.). Aussprüche von S. sammelte Regis (»Swiftbüchlein«, biographisch-chronologisch geordnet, Berl. 1847). Sein Leben beschrieben S. Johnson, Sheridan (Dubl. 1787), Forster (unvollendet; Bd. 1, bis 1711 reichend, Lond. 1875), H. Craik (das. 1882; 2. Aufl. 1894, 2 Bde.), Stephen (das. 1882), Moriarty (1892, 2. Aufl. 1901), J. C. Collins (1893, 2. Aufl. 1902), P. M. Simon (»Swift, étude psychologique et littéraire«, Par. 1893). Über die Quellen zum »Gulliver« handelt Borkowsky (Rostock 1893).

 

 

Der Herausgeber an den Leser.

 

Lemuel Gulliver, der Verfasser dieser Reisen, ist mein alter, intimer Freund, auch verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zwischen uns von mütterlicher Seite. Vor etwa drei Jahren kaufte Herr Gulliver, der des Besuches neugieriger Leute in seinem Haus in Redriff müde wurde, etwas Land mit einem geeigneten Haus nahe bei Newark in Nottinghamshire, seinem Heimatland, wo er jetzt zurückgezogen, aber von seinen Nachbarn sehr geachtet, lebt.

 

Obwohl Herr Gulliver in Nottinghamshire geboren war, wo sein Vater wohnte, habe ich ihn doch sagen hören, daß seine Familie aus Oxfordshire stamme; zur Bestätigung dessen habe ich auf dem Friedhof zu Banbery in jener Grafschaft mehrere Grabsteine und Denkmäler der Gullivers gesehen. Bevor er Redriff verließ, vertraute er mir die folgenden Papiere zu meiner freien Verfügung an. Ich habe sie sorgfältig dreimal durchgelesen. Der Stil ist sehr klar und einfach; der einzige Fehler, den ich finde, ist, daß der Verfasser nach Art der Reisenden ein wenig zu umständlich vorgeht. Über dem Ganzen liegt ein Schimmer offensichtlicher Wahrheit; und wirklich war der Verfasser wegen seiner Wahrheitsliebe so berühmt, daß es unter seinen Nachbarn zu Redriff zur sprichwörtlichen Redensart wurde zu sagen: »Es ist so wahr, als ob Herr Gulliver es gesagt hätte«, wenn einer etwas behauptete.

 

Auf Anraten mehrerer ehrenwerter Personen, denen ich mit des Verfassers Erlaubnis diese Papiere mitteilte, wage ich es jetzt, sie in die Welt hinausgehen zu lassen in der Hoffnung, daß sie wenigstens für eine Zeitlang für unsere jungen Edelleute eine bessere Unterhaltung sein mögen als das übliche Geschreibsel über Politik und Gesellschaft.

 

Dieser Band wäre mindestens zweimal so groß geworden, hätte ich es nicht gewagt, zahllose Stellen zu streichen, die von Wind, Ebbe und Flut handeln wie auch von den Veränderungen und Einflüssen innerhalb mehrerer Reisen zusammen mit den ausführlichen Schilderungen der Führung eines Schiffes bei Sturmwetter in der Seemannssprache; desgleichen die Erwähnung von Längen- und Breitengraden. Hier glaube ich befürchten zu müssen, daß Herr Gulliver etwas unzufrieden sein wird; aber ich war entschlossen, das Werk soviel als möglich der allgemeinen Aufnahmefähigkeit der Leser anzupassen. Wenn mich jedoch meine eigene Unkenntnis in Seeangelegenheiten zu einigen Fehlern verleitet haben soll, so bin ich dafür allein verantwortlich; und wenn ein Reisender darauf versessen ist, das ganze umfangreiche Werk, wie es aus der Hand seines Verfassers kam, zu sehen, so bin ich bereit, ihm Genüge zu tun.

 

Für alle weiteren Einzelheiten über den Verfasser wird der Leser aus den ersten Seiten dieses Buches Befriedigung schöpfen können.

 

Ein Brief von Kapitän Gulliver an seinen Vetter Sympson.

 

Geschrieben im Jahre 1727.

 

Ich hoffe, daß Du, sooft Du dazu aufgefordert werden solltest, bereit bist, öffentlich anzuerkennen, daß Du mich durch Deine wiederholte dringende Bitte veranlaßt hast, einen sehr lockeren und ungenauen Bericht über meine Reise zu veröffentlichen in der Absicht, einen jungen Mann von der oder jener Universität zu gewinnen, um sie zu ordnen und den Stil zu verbessern, so wie es mein Vetter Dampier auf meinen Rat in seinem Buch »Eine Reise um die Welt« tat. Aber ich erinnere mich nicht, daß ich Dir die Ermächtigung gab, irgendwelchen Auslassungen oder gar Hinzufügungen zuzustimmen; daher erkläre ich hier mit Bezug auf letztere, daß ich nichts mit ihnen zu tun habe, besonders nicht mit einem Abschnitt über Ihre Majestät, die Königin Anna hochseligen und ruhmreichen Andenkens, obwohl ich sie wirklich mehr verehrte und achtete als irgend jemanden. Aber Du oder Dein Textfälscher hätten bedenken sollen, daß, da es nicht meiner Neigung entsprach, es auch nicht schicklich war, irgendein Lebewesen unserer Art über meinen Meister Hauyhnhnm hinaus zu loben; und zudem war der Sachverhalt gänzlich falsch; denn meines Wissens – ich war während eines Teils der Regierung Ihrer Majestät in England – regierte sie wirklich durch einen Hauptminister, ja sogar durch zwei aufeinanderfolgende, von denen der erste Lord Godolphin und der zweite Lord Oxford war; so daß Du mich also hast etwas sagen lassen, was gar nicht zutrifft. In gleicher Weise hast Du in dem Bericht über die Akademie der Plänemacher und in mehreren Stellen meiner Unterredung mit meinem Meister Hauyhnhnm entweder wesentliche Umstände weggelassen oder sie derart zerhackt oder verändert, daß ich kaum mein eigenes Werk wiedererkenne. Wenn ich Dich früher auf so etwas in einem Brief aufmerksam machte, antwortetest Du freundlicherweise, »daß Du befürchtetest, beleidigend zu wirken, daß einflußreiche Leute sehr über die Presse wachten und imstande seien, nicht nur etwas herauszulesen, sondern auch alles zu bestrafen, was wie eine Anspielung aussah« (so nennst Du es wohl). Aber, bitte, wie konnte das, was ich vor so vielen Jahren sprach und in einer Entfernung von über 5000 Meilen, in einem anderen Reich, bezogen werden auf einen der Yähus, die jetzt die Herde regieren sollen; besonders zu einer Zeit, da ich wenig von dem Unglück unter ihnen zu leben hielt oder befürchtete? Habe ich nicht den meisten Grund, mich zu beklagen, wenn ich sehe, wie gerade diese Yähus von Hauyhnhnms in einem Fahrzeug gefahren werden, als ob diese das wilde Vieh und jene die vernunftbegabten Geschöpfe wären? Und wirklich, die Vermeidung eines so ungeheuren und verabscheuungswürdigen Anblickes war ein Hauptbeweggrund dafür, daß ich mich hierher zurückzog.

 

So viel schien mir erwähnenswert für Dich selbst und für das von mir in Dich gesetzte Vertrauen.

 

An zweiter Stelle beklage ich mich über meinen eigenen großen Mangel an Urteilskraft, da ich durch die Bitten und falschen Beweisführungen von Deiner und anderer Seite sehr gegen meine eigene Meinung dazu gebracht wurde, die Veröffentlichung meiner Reisen zu dulden. Bitte, erinnere Dich, wie oft ich wünschte, Du würdest, wenn Du auf dem Motiv des öffentlichen Wohles bestündest, bedenken, daß die Yähus eine Gattung von Lebewesen waren, die ausgesprochen unfähig waren, sich durch Vorschrift oder Beispiel verbessern zu lassen; und so hat es sich auch erwiesen; denn anstatt wenigstens auf dieser kleinen Insel zu sehen, wie all den Mißbräuchen und Verderbnissen Einhalt geboten wurde, was ich mit gutem Grund erwarten konnte, kann ich – sieh da, nach halbjähriger Warnung – nicht in Erfahrung bringen, daß mein Buch einen einzigen zweckentsprechenden Erfolg hervorgebracht hat. Ich wünschte, Du würdest mich durch einen Brief wissen lassen, wann die Gesellschaft und Partei ausgelöscht wurden; die Richter gebildet und aufrecht; die Verteidiger ehrbar und bescheiden und mit einem Anstrich von gesundem Menschenverstand, und Pyramiden von Gesetzesbüchern auf dem Smithfield-Platz verbrannt; der jungen Adligen Erziehung gänzlich geändert; die Ärzte verbannt; die weiblichen Yähus an Tugend, Ehre, Wahrheit und Takt überströmend; Höfe und Empfänge großer Minister gründlich ausgerottet und weggefegt; Witz, Verdienst und Wissenschaft belohnt; alle Beschimpfer der Presse in Prosa und Dichtung dazu verurteilt, nichts als ihr eigenes Gespinst zu essen und ihren Durst mit ihrer eigenen Tinte zu löschen. Auf diese und eintausend andere Reformen rechnete ich fest dank Eurer Förderung, da sie in der Tat aus den in meinem Buch gegebenen Anleitungen leicht zu bewerkstelligen waren. Und es muß zugegeben werden, daß sieben Monate eine hinreichende Zeit waren, um alle Laster und Torheiten, denen die Yähus unterworfen sind, zu heilen, wenn nur ihre Natur der geringsten Neigung zur Tugend oder Klugheit fähig gewesen wäre. Indes bist Du so weit davon entfernt gewesen, meinen Erwartungen in einem Deiner Briefe zu entsprechen, daß Du im Gegenteil jede Woche unseren Boten mit Schmähschriften, Schlüsseln, Reflexionen und Memoiren sowie Fortsetzungen überhäufst; worin ich mich selbst der üblen Nachrede über große Staatsmänner, der Herabwürdigung der Menschennatur (denn so nennen sie es noch vertrauensvoll) und des Mißbrauches des weiblichen Geschlechtes angeklagt sehe. Auch finde ich, daß die Schreiber jener Bündel von Schriften unter sich selbst nicht einig sind; denn einige von ihnen wollen nicht zugeben, daß ich der Verfasser meiner eigenen Reisen bin, und andere wieder machen mich zum Verfasser von Büchern, mit denen ich gar nichts zu tun habe.

 

Ferner finde ich, daß Dein Drucker so nachlässig gewesen ist, daß er die Zeiten und Daten meiner verschiedenen Reisen und Heimfahrten verwechselt und vertauscht hat, indem er weder die richtige Jahreszahl noch den richtigen Monat, noch den Monatstag einsetzt; und ich höre, daß das Originalmanuskript seit der Veröffentlichung meines Buches ganz zerstört ist; auch habe ich keine Kopie übrig. Ich habe Dir aber einige Korrekturen gesandt, die Du einfügen kannst, wenn jemals eine zweite Auflage in Frage kommen sollte; und doch kann ich nicht darauf bestehen, sondern muß diese Sache meinen urteilsfähigen und aufrichtigen Lesern überlassen, sie nach ihrem Gutdünken in Ordnung zu bringen.

 

Ich hörte, daß einige unserer See-Yähus meine Seesprache tadeln als in vieler Hinsicht nicht angemessen und jetzt außer Gebrauch. Ich kann daran nichts ändern. Auf meinen ersten Reisen, als ich noch jung war, wurde ich von den ältesten Seeleuten unterrichtet und lernte sprechen wie sie. Aber seitdem habe ich gefunden, daß die See-Yähus wie die Land-Yähus geneigt sind, in ihren Worten erneuerungssüchtig zu werden, welch letztere sie jährlich ändern, und zwar so sehr, daß, wie ich mich erinnere, bei jeder Rückkehr in meine Heimat ihr alter Dialekt so verändert war, daß ich kaum den neuen verstehen konnte. Und ich beobachtete, daß, wenn Yähus von London kommen, um aus Neugier mich in meinem Heim zu besuchen, wir beide außerstande sind, unsere Gedanken in einer dem anderen verständlichen Weise auszudrücken.

 

Wenn die Kritik der Yähus mich irgendwie treffen könnte, so hätte ich allen Grund, mich darüber zu beklagen, daß einige von ihnen so dreist sind, mein Reisebuch nur für eine Einbildung meines eigenen Gehirnes zu halten; und einige sind sogar so weit gegangen, die Bemerkung fallenzulassen, daß die Hauyhnhnms und Yähus kein bißchen mehr Existenz haben als die Einwohner von Utopien.

 

Ich muß wirklich gestehen, daß ich im Hinblick auf die Leute von Liliput, Brobdingrag (denn so sollte das Wort geschrieben werden und nicht – irrtümlicherweise Brobdingnag) und Laputa noch niemals von einem Yähu gehört habe, der so anmaßend gewesen wäre, ihr Dasein oder die auf sie bezüglichen Tatsachen in Zweifel zu ziehen; weil die Wahrheit jedem Leser sofort mit Überzeugungskraft in die Augen springt. Und liegt vielleicht weniger Wahrscheinlichkeit in meinem Bericht von den Hauyhnhnms oder Yähus, wenn es, was letztere betrifft, offenbar ist, daß es so viele Tausende sogar in diesem Lande gibt, die sich von ihren ungeschlachten Brüdern in Hauyhnhnms-Land nur dadurch unterscheiden, daß sie eine Art Geplapper anwenden und nicht nackt gehen? Ich schrieb zu ihrer Besserung und nicht zu ihrer Billigung. Das vereinigte Lob der ganzen Rasse würde für mich von geringerer Bedeutung sein als das Wiehern von jenen beiden entarteten Hauyhnhnms, die ich in meinem Stall habe, weil ich von diesen, so degeneriert sie auch sind, immer noch etwas in einigen makellosen Tugenden für meine Besserung lernen kann.

 

Sollten diese elenden Geschöpfe wirklich meinen, ich sei so entartet, um meine Wahrheitsliebe zu verteidigen? Ich bin nun einmal ein Yähu, und jeder weiß im ganzen Hauyhnhnm-Land, daß ich durch die Belehrungen und das Beispiel meines erlauchten Meisters imstande war, im Laufe von zwei Jahren (obwohl, wie ich gestehe, mit der größten Schwierigkeit) jene teuflische Gewohnheit von mir abzulegen, die zutiefst im Seelengrunde meiner sämtlichen Artgenossen, besonders der Europäer, verwurzelt ist: die Gewohnheit des Lügens, Überlistens, Täuschens und der zweideutigen Rede.

 

Bei dieser verdrießlichen Gelegenheit hätte ich noch andere Klagen vorzubringen, aber ich unterlasse es, mir selbst oder Dir noch weiteren Kummer zu bereiten. Ich muß offen gestehen, daß seit dem letztenmal einige Verdorbenheiten der Yähu-Natur in mir wieder aufgelebt sind, und zwar durch den Umgang mit einigen ihrer Vertreter, und besonders – wie ganz unvermeidlich – mit denen meiner eigenen Familie; sonst hätte ich niemals ein so verrücktes Projekt wie das der Besserung der Yähu-Rasse in diesem Königreiche versucht; aber ich bin nun für immer und ewig fertig mit solchen Zukunftsplänen.

 

 

 

2. April 1727.

 

 

 

Die Reise nach Liliput

 

 

Erstes Kapitel.

 

Der Verfasser gibt Nachricht von seiner Person und seiner Familie. Seine erste Veranlassung zu Reisen. Er leidet Schiffbruch, sucht sich durch Schwimmen zu retten, erreicht wohlbehalten den Strand von Liliput, wird gefangengenommen und in das Innere des Landes gebracht.

 

Mein Vater besaß ein kleines Gut in Nottinghamshire; ich war der dritte seiner fünf Söhne. Mit dem vierzehnten Jahre wurde ich auf die Universität Cambridge geschickt, wo ich drei Jahre lang blieb und fleißig studierte. Die damit verbundenen Kosten waren jedoch für das kleine Vermögen meines Vaters zu groß, obgleich ich nur einen unbedeutenden Wechsel erhielt; deshalb wurde ich bei Herrn James Bates, einem ausgezeichneten Wundarzt der Hauptstadt London, in die Lehre gegeben, bei dem ich drei Jahre blieb. Von Zeit zu Zeit schickte mir mein Vater kleine Geldsummen, die ich auf die Erlernung der Schifffahrtskunde und auf das Studium anderer mathematischer Wissenschaften verwandte, deren Kenntnis für die durchaus notwendig ist, die große Reisen unternehmen wollen; ich hegte immer ein gewisses Vorgefühl, dies werde früher oder später mein Schicksal sein. Als ich Herrn Bates verließ, kehrte ich zu meinem Vater zurück und erhielt von ihm, meinem Onkel James und einigen anderen Verwandten die Summe von 43 Pfund. Zugleich wurden mir 30 Pfund jährlich versprochen, so daß ich die Universität Leyden beziehen konnte. Dort studierte ich zwei Jahre und sieben Monate Medizin. Ich wußte, daß mir dies auf großen Reisen von Nutzen sein würde.

 

Bald nach meiner Rückkehr von Leyden erhielt ich durch die Empfehlung meines guten Lehrers Bates die Stelle eines Wundarztes auf der »Schwalbe«, deren Kapitän der Kommander Abraham Pannel war. Mit diesem Schiffe machte ich einige Reisen nach der Levante und anderen Gegenden. Nach meiner Rückkehr beschloß ich, mich in London niederzulassen, wozu mich auch Herr Bates ermutigte, nachdem er mich mehreren seiner Patienten empfohlen hatte. Ich mietete mir ein Stockwerk eines kleines Hauses in Old Jewry, und da man mir riet, den Stand des Hagestolzen aufzugeben, verheiratete ich mich mit Maria Burton, der zweiten Tochter des Strumpfhändlers Edmund Burton in Newgate Street, durch die ich 60 Pfund Mitgift erhielt.

 

Nach zwei Jahren starb aber mein guter Lehrer Bates. Ich hatte nur wenig Freunde, und somit verschlechterte sich auch mein Geschäft, denn mein Gewissen erlaubte mir nicht, in meiner Praxis gelegentlich unerlaubte Handlungen vorzunehmen, wie dies bei so vielen meiner Kollegen üblich ist. Nachdem ich deshalb eine lange Beratung mit meiner Frau und mehreren meiner Bekannten gehalten hatte, beschloß ich, wieder in See zu gehen. Ich war Wundarzt auf zwei Schiffen und machte sechs Jahre lang verschiedene Reisen nach Ostindien und Amerika, wodurch ich mein Vermögen etwas vermehrte. In meinen Mußestunden las ich die besten älteren und neueren Schriftsteller, denn ich hatte stets eine nicht unbedeutende Anzahl Bücher mitgenommen; war ich ans Land gegangen, so beobachtete ich die Sitten und Charaktere der verschiedenen Nationen und erlernte ihre Sprachen, wozu ich durch die Stärke meines Gedächtnisses befähigt war.

 

Da die letzte dieser Reisen nicht sehr glücklich ausfiel, wurde ich des Seefahrens müde und beschloß, bei meiner Frau und meiner Familie zu bleiben. Ich zog aus Old Jewry nach Fetterlane und von da nach Wapping, denn ich hoffte, mir unter den dortigen Matrosen eine ärztliche Praxis zu verschaffen; allein diese Veränderung schlug nicht zu meinem Vorteil aus. Nachdem ich drei Jahre auf eine Besserung meiner Lage gewartet hatte, erhielt ich vom Kapitän William Prichard, dem Eigentümer der »Antilope«, die im Begriffe war, nach der Südsee abzusegeln, ein vorteilhaftes Anerbieten. Wir fuhren am 4. Mai 1699 von Bristol ab, und unsere Reise war anfangs glücklich.

 

Aus bestimmten Gründen will ich den Leser mit den Einzelheiten unserer Reise in jenen Meeren nicht langweilen; es genüge die Bemerkung, daß wir auf unserer Fahrt von Bristol nach Ostindien durch einen heftigen Sturm nordwestlich von Van-Diemens-Land getrieben wurden. Durch nautische Beobachtungen bestimmten wir, daß wir uns in der zweiten Minute des 30. Grades südlicher Breite befanden. Zwölf Mann hatten wir durch übermäßige Arbeit bei schlechter Nahrung bereits verloren; die übrigen waren erschöpft. Am 5. November, dem Anfang des Sommers unter diesen Breitengraden, war das Wetter trübe; die Matrosen bemerkten ein Felsenriff in der Entfernung von einer halben Kabellänge; der Wind war stark. Wir wurden darauf zugetrieben und scheiterten. Sechs von der Mannschaft, unter denen ich mich befand, setzten das Boot aus und suchten vom Schiff und dem Felsenriff loszukommen. Wir ruderten nach meiner Berechnung drei Seemeilen, bis es nicht mehr möglich war, zu rudern, da unsere Kräfte durch fortwährende Anstrengung im Schiffe bereits aufgerieben waren. Wir gaben uns deshalb den Wogen preis, und nach ungefähr einer halben Stunde wurde das Boot durch einen plötzlichen Windstoß von Norden her umgeworfen. Ich kann nicht berichten, was aus meinen Gefährten im Boot und der Schiffsmannschaft geworden ist, vermute jedoch, daß sie ertranken. Was mich betrifft, so schwamm ich auf gut Glück, wohin Wogen und Flut mich trieben. Oft ließ ich die Füße herabhängen, konnte aber keinen Grund fühlen; als ich beinahe verloren war, denn ich konnte nicht länger mit den Wellen ringen, fand ich endlich festen Boden; zugleich ließ auch der Sturm nach. Der Strand war so flach, daß ich beinahe eine Meile gehen mußte, bevor ich um acht Uhr abends, wie ich glaube, auf das trockene Ufer gelangte. Alsdann ging ich noch eine halbe Meile, konnte aber keine Spur von Einwohnern und Wohnungen entdecken. Zuletzt wurde ich so schwach, daß ich gar nichts mehr bemerkte. Da ich sehr müde und das Wetter heiß war, ich auch, als ich das Schiff verließ, eine halbe Pinte Branntwein getrunken hatte, fühlte ich Neigung zum Schlaf. Ich legte mich auf das Gras, das mir kurz und weich zu sein schien, und schlief dann fester als jemals in meinem Leben, soviel ich weiß und wie ich glaube, an die neun Stunden. Als ich erwachte, war der Tag angebrochen. Ich versuchte aufzustehen, konnte mich aber nicht bewegen; während ich auf dem Rücken lag, bemerkte ich, daß meine Arme und Beine festgebunden an dem Boden hafteten. Dasselbe war mit meinen sehr langen und dicken Haaren der Fall. Auch fühlte ich mehrere kleine Binden am ganzen Leibe von den Achselhöhlen bis zu den Schenkeln. Ich konnte nur aufwärts blicken; die Sonne war sehr heiß, und ihr Licht blendete meine Augen. Ich vernahm ein wirres Geräusch in meiner Nähe; in der Stellung jedoch, die ich einnahm, konnte ich nur den Himmel sehen. Mittlerweile fühlte ich, wie sich etwas auf meinem linken Schenkel bewegte; irgendein Geschöpf rückte leise vorwärts und kam über meine Brust bis fast an mein Kinn; ich erkannte in diesem eine Menschengestalt von etwa sechs Zoll Höhe, mit Bogen und Pfeilen in der Hand und mit einem Köcher auf dem Rücken. Zugleich fühlte ich, daß wenigstens noch vierzig derselben Menschengattung dem ersten folgten. Ich war äußerst erstaunt und brüllte so laut, daß sie sämtlich erschrocken fortliefen; einige, wie ich nachher hörte, beschädigten sich durch den Fall, als sie von meiner Seite herabspringen wollten. Sie kamen aber bald zurück; einer von ihnen wagte sich so weit, daß er vollkommen in mein Gesicht blicken konnte, erhob voll Verwunderung seine Hände und Augen und rief mit schallender und deutlicher Stimme: »Hekinah Degul.« Die übrigen wiederholten dieselben Worte mehreremal; ich konnte damals aber ihren Sinn noch nicht verstehen.

 

Der Leser wird wohl verstehen, daß ich mich in keiner bequemen Lage befand; ich suchte loszukommen und hatte zuletzt das Glück, die Stricke zu zerreißen oder die Pfähle abzubrechen, woran mein linker Arm befestigt war. Als ich diesen nun zum Gesicht erhob, bemerkte ich die Art, wie man mich gebunden hatte. Durch einen heftigen Ruck, der mir viel Schmerz verursachte, machte ich die Bande, die meine Haare auf der linken Seite hielten, etwas locker, so daß ich imstande war, meinen Kopf um zwei Zoll zu drehen; doch liefen die Geschöpfe noch einmal fort, ehe ich eins davon ergreifen konnte, worauf ein sehr lauter Ruf von mehreren Stimmen entstand, der aber schnell wieder verhallte. Hierauf hörte ich, wie einer »Tolgo Phonac« rief. Sogleich trafen mehr als hundert Pfeile meine linke Hand und prickelten mich wie Nadeln. Außerdem wurde eine andere Salve in die Luft, so wie wir die Bomben in Europa schleudern, geschossen. Ich glaube, eine Menge Pfeile fiel auf meinen Körper, ich habe sie aber nicht gefühlt. Einige richteten ihre Geschosse auf mein Gesicht, das ich sogleich mit der linken Hand bedeckte. Als dieser Pfeilschauer vorüber war, begann ich aus Gram und wegen meiner Schmerzen zu seufzen; ich versuchte wieder, mich loszumachen, und erhielt noch eine zweite und größere Salve; einige suchten mit Speeren in meine Seite zu stechen; zum Glück aber trug ich ein Wams von Büffelleder, das sie nicht durchbohren konnten. Ich hielt es deshalb für das klügste, regungslos liegenzubleiben, bis die Nacht einbräche. Da meine linke Hand bereits von den Banden gelöst war, konnte ich mich sehr leicht gänzlich befreien, und was die Einwohner betraf, so hegte ich die Überzeugung, ihrem größten Heere vollkommen gewachsen zu sein, wenn alle Soldaten von derselben Größe wären wie jenes Geschöpf, das ich gesehen. Allein das Geschick hatte mir ein anderes Los beschieden. Als die Volksmasse meine Ruhe sah, gab sie mir keine weitere Salve von Pfeilen; aus dem Lärm, den ich vernahm, konnte ich jedoch den Schluß ziehen, daß ihre Anzahl sich vermehrte. Auch vernahm ich, wie man in Entfernung von vier Ellen, meinem rechten Ohr gegenüber, ungefähr eine Stunde lang in der Art polterte, wie wenn dort Arbeiter beschäftigt wären. Deshalb drehte ich den Kopf nach der Seite hin, so gut es die Stricke und Pfähle erlaubten, und erblickte ein ungefähr anderthalb Fuß hohes Gerüst, das, mit zwei oder drei Leitern versehen, vier jener Eingeborenen tragen konnte. Von dort aus hielt eins der Geschöpfe, wie es schien ein Mann von Stande, eine lange an mich gerichtete Rede, wovon ich aber keine Silbe verstand. Jedoch muß ich noch erwähnen, daß jene Hauptperson, bevor sie ihre Rede begann, dreimal ausrief: »Langro dehul san« (diese sowie auch die früheren Worte wurden mir später wiederholt erklärt). Hierauf traten ungefähr fünfzig Einwohner näher, welche die Stricke an der linken Seite meines Kopfes abschnitten, so daß ich diesen nach rechts hin drehen und die Gestalt sowie die Handlung des Diminutivmenschen, der reden wollte, beobachten konnte. Er war ein Mann von mittleren Jahren und schlanker als die andern drei, die ihn begleiteten. Einer davon war ein Page, der ihm die Schleppe trug und etwas länger als mein Mittelfinger zu sein schien. Die anderen beiden standen an den Seiten der hohen Person, um sie zu halten. Diese spielte vollkommen die Rolle eines Redners, und ich konnte manche Perioden der Drohung, eine andere der Versprechung, des Mitleids und der Höflichkeit unterscheiden. Ich antwortete in wenig Worten, jedoch in der untertänigsten Weise. Die linke Hand und die Augen erhob ich zur Sonne, als wollte ich sie zum Zeugen anrufen. Da ich nun aber mehrere Stunden, bevor ich das Schiff verließ, nur einige sehr schmale Bissen gegessen hatte, war ich jetzt beinahe verhungert; die Ansprüche der Natur wirkten deshalb mit solcher Stärke, daß ich es nicht unterlassen konnte, meine Ungeduld, vielleicht gegen die strengen Regeln des Anstandes, dadurch zu zeigen, daß ich meinen Finger mehreremal in den Mund steckte, um anzudeuten, ich müsse durchaus Nahrung zu mir nehmen. Der Hurgo (so nannten die anderen, wie ich nachher erfuhr, den erwähnten vornehmen Herrn) verstand mich vollkommen. Er stieg von dem Gerüst herab und gab Befehl, mehrere Leitern an meine Seite zu stellen; ungefähr hundert Einwohner stiegen hinauf und gingen mit Körben voll Fleisch, das auf des Königs Befehl nach der ersten Nachricht von meiner Ankunft hierher gesandt worden war, auf meinen Mund zu. Ich erkannte dies als das Fleisch verschiedener Tiere, konnte es aber nach dem Geschmack nicht unterscheiden. Mir wurden Keulen und Rippenstücke, von der Gestalt der Hammelkeulen und Rippen, gebracht; sie waren sehr schmackhaft gekocht, aber nur von der Größe eines Lerchenflügels. Zwei oder drei steckte ich auf einmal mit drei runden Broten, so dick wie die Musketenkugeln, in den Mund. Jene Geschöpfe versahen mich nun so schnell wie möglich mit Nahrung und äußerten dabei mehr als tausendmal ihr Erstaunen über meine Größe und meinen Hunger. Darauf gab ich ein anderes Zeichen, daß ich zu trinken wünsche. Sie hatten durch meinen Appetit bereits erkannt, eine kleine Quantität würde mir nicht genügen, und da sie nun sehr verständig waren, zogen sie mit vieler Geschicklichkeit eines ihrer größten Fässer zu mir hinauf, rollten es auf meine Hand und stießen den Boden ein; denn es enthielt keine halbe Pinte und schmeckte beinahe wie der sogenannte Petit Bourgogne, aber köstlicher. Alsdann brachte man mir ein zweites Faß, das ich auf dieselbe Weise leerte; ich gab durch Zeichen zu verstehen, man möge mir noch mehr bringen, aber leider war nichts mehr vorhanden. Als ich diese Wunder vollbrachte, stießen die erwähnten Geschöpfe ein lautes Geschrei aus, tanzten auf meiner Brust und wiederholten mehreremal, wie früher, »Hekinah Degul«. Dann gaben sie mir durch Zeichen zu verstehen, ich solle die leeren Fässer fortwerfen. Zuerst aber hatten sie den Umstehenden erklärt, auf ihrer Hut zu sein. Als die Fässer nun durch die Luft flogen, ertönte ein abermaliges Freudengeschrei.

 

Ich muß gestehen, daß ich wohl in Versuchung kam, dreißig oder vierzig von jenen Herren, die auf meiner Brust herumspazierten und die ich packen konnte, mit kurzem Prozeß auf den Boden zu werfen. Allein die Erinnerung meiner soeben überstandenen Plage, wahrscheinlich noch nicht die schlimmste Peinigung, die in der Macht jener Geschöpfe lag, und dann auch mein Ehrenwort, ruhig zu bleiben (denn so deutete ich mir meine untertänigen Bewegungen), brachten mich bald auf andere Gedanken. Außerdem hielt ich mich durch die Gesetze der Gastfreundschaft jenen Leuten für moralisch verpflichtet. Sie bewirteten mich ja mit so viel Kostenaufwand und Freigebigkeit. Dennoch mußte ich über die Unerschrockenheit dieser Diminutivmenschen staunen, die keck genug auf meinem Leibe spazierengingen, während meine Hand durchaus zu meiner Verfügung stand, und die dennoch nicht vor einem so wunderbaren Geschöpf, wie ich ihnen erscheinen mußte, erzitterten. Als meine neuen Bekannten darauf bemerkten, daß ich nicht weiter zu essen verlangte, erschien eine Person hohen Ranges von seiten Seiner Kaiserlichen Majestät. Seine Exzellenz stieg auf mein rechtes Knie, unter meinen Waden hinauf, marschierte mit einem Dutzend Trabanten an mein Gesicht, präsentierte mir sein Kreditiv mit dem königlichen Siegel, hielt es mir dicht vor die Augen und sprach ungefähr zehn Minuten ohne Zeichen von Zorn, jedoch mit dem Ausdruck der Entschlossenheit; oftmals wies die Exzellenz nach einer bestimmten Richtung, wo, wie ich bald bemerkte, die Hauptstadt in der Entfernung einiger Meilen lag. Seine Majestät hatte nämlich im Geheimen Rat beschlossen, mich dorthin transportieren zu lassen. Ich antwortete in wenig Worten. Allein, was half mir das? Deshalb machte ich ein Zeichen mit meiner noch freien Hand. Ich legte sie auf die andere (beiläufig gesagt, ich mußte mich sehr in acht nehmen, den Kopf Seiner Exzellenz nicht zu berühren und ihn oder sein Gefolge zu beschädigen) und dann auf meinen Kopf und meinen Leib. Dies sollte nämlich bedeuten, ich wünsche meine Freiheit. Wie es schien, verstand Seine Exzellenz mich vollkommen, schüttelte jedoch mißbilligend ihr Haupt und hielt ihre Hand in solcher Art, daß sie mir zu verstehen gab, ich müsse als Gefangener fortgeführt werden. Zugleich aber eröffnete sie mir durch andere Zeichen, ich würde Getränke und Speise zur Genüge erhalten und sehr gut behandelt werden. Hierauf versuchte ich noch einmal, meine Fesseln zu zerreißen, allein zum zweitenmal empfand ich das Prickeln der Pfeile auf Gesicht und Händen, die bereits mit Blasen bedeckt waren; auch fühlte ich, daß noch einige Pfeile in der Haut steckten, und sah zugleich, wie die Zahl meiner Feinde sich vermehrte. So gab ich Zeichen, sie möchten mit mir tun, was sie wollten. Alsdann entfernte sich der Hurgo nebst seinem Gefolge mit vieler Höflichkeit und vergnügtem Gesicht. Bald darauf vernahm ich einen allgemeinen Schrei, worin die Worte »Peplom selan« häufig wiederholt wurden; ich fühlte zugleich, wie eine Menge von Leuten die Stricke an meiner linken Seite in der Art löste, daß ich mich auf die rechte umdrehen konnte, um endlich meine Blase zu erleichtern. Dies tat ich in vollem Maße, zum großen Erstaunen meiner neuen Bekannten, die aus meinen Bewegungen auf mein Vorhaben schlossen und sogleich rechts und links eine Gasse öffneten, den Strom zu vermeiden, der mit solchem Getöse und solcher Heftigkeit aus mir hervorbrauste. Zuvor jedoch hatten sie mir Gesicht und Hände mit einer angenehm duftenden Salbe eingerieben, die in wenigen Minuten den durch die Pfeile verursachten Schmerz heilte; dieser Umstand sowie auch die Erfrischung, die ich durch Getränk und Speise erhalten hatte, die wirklich sehr nahrhaft war, machte mich zum Schlaf geneigt. Wie man mir nachher gesagt hat, schlief ich acht Stunden, und dies war sehr natürlich, denn die Ärzte hatten auf Befehl des Kaisers ein Schlafmittel mit dem Weine gemischt.

 

Der Kaiser war, sobald man mich nach meiner Landung auf dem Strande schlafend gefunden hatte, wahrscheinlich sogleich durch Kuriere davon benachrichtigt worden und hatte im Staatsrat beschlossen, man solle mich in der von mir berichteten Weise fesseln und verhaften, wie es während meines Schlafes geschah; ferner solle mir Speise und Trank zur Genüge gereicht und eine Maschine zu meinem Transport in die Hauptstadt instand gesetzt werden.

 

Dieser Entschluß konnte vielleicht kühn und gefährlich erscheinen; auch würde ein europäischer Fürst bei ähnlicher Gelegenheit schwerlich eine solche Maßregel treffen. Nach meiner Meinung war er aber sowohl klug als edelmütig. Hätten nämlich jene Leute es versucht, mich mit ihren Pfeilen und Speeren zu töten, während ich schlief, so wäre mein erstes Gefühl beim Erwachen sicherlich ein heftiger Schmerz gewesen; dadurch wären meine Wut und alle meine Kraft erregt worden, so daß ich meine Bande sehr leicht würde zersprengt haben. Da sie in dem Fall mir keinen Widerstand hätten leisten können, durften sie auch keine Gnade erwarten.

 

Das Volk zeichnet sich durch mathematisches Wissen aus und hat es zu einer großen Vollkommenheit in mechanischen Arbeiten gebracht, weil der Kaiser, der überhaupt als berühmter Beschützer der Gelehrten gilt, jene Bestrebungen unterstützt und ermutigt. Dieser Fürst besitzt mehrere auf Rädern ruhende Maschinen zum Transport der Bäume und anderer Dinge von großem Gewicht. Er läßt seine größten Kriegsschiffe, wovon einige an neun Fuß lang sind, meist an Ort und Stelle, wo das Zimmerholz wächst, verfertigen und dann auf eine Entfernung von drei- bis vierhundert Ellen zur See fahren. Fünfhundert Zimmerleute und Ingenieure wurden sogleich in Tätigkeit gesetzt, um die größte Maschine der Art, die vorhanden war, in Eile herzurichten. Es war ein hölzerner um drei Zoll über dem Boden erhöhter Bau, sieben Fuß lang, vier Fuß breit, und mit zweiundzwanzig Rädern versehen. Der Freudenruf, den ich vernahm, erscholl wegen der Ankunft der Maschine, die, wie es schien, schon vier Stunden nach meiner Landung in Bewegung gesetzt wurde. Sie wurde mit meiner Lage parallel gestellt; aber nun kam die größte Schwierigkeit. Wie sollte ich auf das Fuhrwerk gehoben werden? Achtzig Pfähle von einem Fuß Höhe wurden zu diesem Zwecke eingerammt. Sehr starke Stricke, von der Dicke eines Bindfadens, wurden mit Haken an einer gleichen Zahl von Banden befestigt, welche die Arbeiter mir um Hände, Hals, Leib und Arme geschlungen hatten. An den Pfählen hingen diese Stricke auf Rollen; neunhundert der stärksten Männer wanden diese auf. Somit wurde ich in ungefähr drei Stunden emporgehoben, in die Maschine geworfen und dort festgebunden. Alles dies ist mir nachher erzählt worden, denn während der Operation lag ich, infolge des Schlaftrunkes in dem von mir genossenen Weine, im tiefsten Schlaf. Fünfzehnhundert Pferde, die größten, die der Kaiser besaß, die an Länge zwei Zoll und an Höhe einen halben Zoll betrugen, wurden vorgespannt, um mich zur Hauptstadt zu ziehen, die, wie ich hörte, eine halbe Meile entfernt war.

 

Nachdem wir ungefähr vier Stunden unterwegs gewesen waren, erwachte ich durch einen lächerlichen Umstand. Als nämlich das Fuhrwerk anhielt, damit irgendeiner plötzlichen Verwirrung abgeholfen werde, konnten zwei oder drei junge Eingeborene ihre Neugier, mich schlafen zu sehen, nicht unterdrücken. Sie kletterten auf das Fuhrwerk und schlichen sich auf den Zehen an mein Gesicht. Einer von ihnen, ein junger Gardeoffizier, steckte aber in mein linkes Nasenloch die Spitze seines Spontons, die mich wie ein Strohhalm kitzelte, so daß ich mehrere Male niesen mußte. Dann schlichen sie sich unbemerkt davon, und erst nach drei Wochen erfuhr ich die Ursache meines plötzlichen Erwachens. Während der übrigen Zeit machten wir einen langen Marsch; in der Nacht ward haltgemacht. Fünfhundert Gardisten waren an jeder Seite aufgestellt; die eine Hälfte von diesen trug Fackeln, die andere, mit Bogen und Pfeilen ausgerüstet, stand bereit, auf mich zu schießen, sobald ich mich rühren würde. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang setzten wir uns wieder in Bewegung und waren gegen Mittag nur noch zweihundert Ellen von den Stadttoren entfernt. Der Kaiser kam uns mit seinem ganzen Hofe entgegen; die Großoffiziere wollten aber durchaus nicht leiden, daß Seine Majestät durch das Besteigen meines Körpers sein Leben in Gefahr setze.

 

Der Wagen hielt bei einem alten Tempel an, der, wie es hieß, der größte im ganzen Königreiche war. Einige Jahre vorher war er durch einen scheußlichen Mord befleckt worden. Das Volk hielt ihn deshalb für entweiht, und man hatte ihn nunmehr zum profanen Gebrauch bestimmt und alle heiligen Geräte und Verzierungen daraus hinweggeschafft. Das Gebäude wurde mir als Wohnung angewiesen. Das große nach Norden hin gerichtete Tor war vier Fuß hoch und zwei Fuß breit, so daß ich bequem hindurchkriechen konnte. Auf jeder Seite dieses Tores befand sich, kaum sechs Fuß über dem Boden, ein kleines Fenster; an dem linken spannte der Hofschmied des Kaisers einundneunzig Ketten aus, von der Größe derer, woran die Damen ihre Uhren tragen; diese wurden mit einundsechzig Schlössern an meinem linken Beine befestigt. Dem Tempel gegenüber, auf der anderen Seite der Heerstraße, stand in der Entfernung von zwanzig Fuß ein wenigstens fünf Fuß hoher Turm. Diesen bestieg der Kaiser mit dem ersten Adel seines Hofes, um mich zu sehen. Ich selbst konnte die Herren nicht erblicken, habe aber den Vorfall nachher erfahren. Zu demselben Zweck sollen wenigstens hunderttausend Menschen aus der Stadt gekommen sein, und ich glaube, daß nicht weniger als zehntausend meinen Leib mit Leitern erstiegen und so den Verboten meiner Wachen trotzten. Bald aber erschien eine Verfügung, die diese Neugier bei Todesstrafe untersagte.

 

Als die Arbeiter sahen, daß es mir unmöglich war, meine Ketten zu brechen, durchschnitten sie alle Stricke, womit ich gefesselt war. Hierauf erhob ich mich in so melancholischer Gemütsverfassung, wie ich sie bisher noch nie empfunden hatte. Der Lärm und das Staunen des Volkes, als man mich aufstehen und herumgehen sah, sind nicht zu beschreiben. Die Ketten an meinem linken Beine waren ungefähr zwei Ellen lang und gestatteten mir nicht nur, im Halbkreis vorwärts und rückwärts zu gehen, sondern erlaubten mir auch, in das Tor zu kriechen und mich der Länge nach im Tempel auszustrecken, da sie vier Zoll vom Tore entfernt befestigt waren.

 

Zweites Kapitel.

 

Der Kaiser von Liliput besucht mit dem Gefolge seines Adels den Verfasser. Des Kaisers Person und die Vornehmen werden beschrieben. Gelehrte erhalten den Auftrag, den Verfasser in der Landessprache zu unterrichten. Er setzt sich durch seinen sanften Charakter in Gunst. Seine Taschen werden durchsucht. Degen und Pistolen werden konfisziert.

 

Als ich nun auf den Füßen stand, sah ich mich ein wenig um, und ich muß gestehen, daß ich niemals eine so schöne Aussicht erblickt habe. Die Umgebung erschien wie ein Garten, und die eingehegten Felder, die meist vierzig Quadratfuß umfaßten, glichen Blumenbeeten. Diese Felder waren untermischt mit Wäldern von acht Fuß Umfang; die größten Bäume schienen sieben Fuß hoch zu sein. Links erblickte ich die Hauptstadt, die einer auf Theaterkulissen gemalten Stadt glich. Schon seit einigen Stunden wurde ich von Naturbedürfnissen heftig gedrängt, und dies war wahrlich kein Wunder, denn schon seit zwei Tagen hatte ich mich nicht entleert. Ich befand mich in großer Klemme zwischen Not und Scham. Das beste Auskunftsmittel, das mir einfiel, war, in mein Haus zu kriechen. Ich tat es, schloß das Tor, ging, soweit es die Länge meiner Ketten erlaubte, hinein und erleichterte meinen Körper. Dies war jedoch das einzige Mal, daß ich mich einer so unreinlichen Handlung schuldig machte; auch hoffe ich in diesem Punkte auf die Nachsicht des gütigen Lesers, wenn er reiflich und unparteiisch meinen Fall und meine schlimme Lage geprüft haben wird. Von dieser Zeit an war stets meine Gewohnheit, sobald ich aufstand, dieses Geschäft in der freien Luft abzutun; und jeden Morgen wurde auch gehörig Sorge getragen, daß der anstößige Stoff, ehe Gesellschaft kam, von zwei dazu angestellten Dienern auf Karren fortgebracht wurde. Ich würde vielleicht bei einem Umstande nicht so lange verweilen, der beim ersten Eindruck als nicht sehr wichtig erscheint, hätte ich es nicht für notwendig gehalten, meinen Ruf in betreff der Reinlichkeit vor der Welt zu rechtfertigen, da Verleumder, wie ich höre, bei diesem Anlaß und anderen Gelegenheiten diese in Frage gestellt haben.