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Lonny Neumann

Tina entdeckt das Meer – Hexen gibt es nicht

ISBN 978-3-86394-546-6 (E-Book)

 

"Tina entdeckt das Meer" erschien erstmals 1980 als Band 143 und "Hexen gibt es nicht" 1984 als Band 169 der Reihe "Kleine Trompeterbücher" beim Kinderbuchverlag Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

 

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TINA ENTDECKT DAS MEER

Wie gern wollte Tina ans Meer! An keinen Ort der Welt wollte sie so gern! Sie kannte die Hügel und den kleinen See vorm Haus, die Bäume im Dorf, ein paar Straßen in der Stadt und die Straßenbahn. Doch immer wieder fragte sie: „Wo ist das Meer?"

In diesem Sommer sollte sie es zum ersten Mal sehen. Am letzten Schultag vor den Ferien drückte sie den Schulbusfahrer. Beim Aussteigen rief sie: „Ich fahre ans Meer!"

Der alte Busfahrer, der sie jeden Morgen abholte und sie jeden Abend brachte, lächelte.

„Ich schick auch 'ne Karte", sagte Tina. Die Mappe mit den Büchern und Heften stellte sie viel schneller als sonst neben den Schrank in die Ecke.

Dann fuhr Tina mit ihren Eltern in einer Autoschlange die Fernverkehrsstraße in Richtung Norden. Zuerst waren zu beiden Seiten der Straße schattige Wälder, Dörfer und Seen und Felder. Je weiter sie kamen, desto mehr Wiesen breiteten sich aus. Der Himmel in dieser unbekannten Gegend schien höher zu sein und anders, blasser blau als der, den sie kannte.

Im Fischerdorf am Bodden weideten Schafe auf einem Stück Wiese in der Nähe strohgedeckter Häuser. In einem der Häuser war alles für Tina und ihre Eltern vorbereitet: ein weiches, kühles Bett für jeden, ein Stuhl davor, eine Steingutschüssel zum Waschen und getupfte Mullgardinen vor dem blanken Fenster. Die Wirtin stand mit einer duftenden blauweiß gemusterten Schürze in der Tür. An den Ausschnitt ihres Kleides hatte sie sich eine Bernsteinspinne gesteckt, denn es war Sonntag, und sie wollte mit ihrem Mann, dem Fischer, und ihrem Sohn, dem Fischer, auf ein Bier in die gegenüberliegende Gaststube gehen. Über der Tür hing ein Spruch, und Tina buchstabierte:

„Kumm, sett die dal,
versök enmal!"

Die Eltern sagten: „Guten.Tag!" Frau Borgwart wischte sich die ohnehin sauberen Hände an der Schürze ab, bevor sie den Vater, die Mutter und Tina begrüßte: „Dach ook!"

„Wir wollen man noch kaltes Wasser mit hineinnehmen", sagte sie und ging zum Brunnen und schob den hölzernen Deckel beiseite. Sie ließ den Eimer, der am Ende eines langen Stockes hing, hinab, bis er den Wasserspiegel erreichte. Der Eimer füllte sich mit dem Wasser, das der Brunnen gesammelt hatte.

Tina stellte sich auf die Zehenspitzen und sah zu. Für einen Augenblick war sie die Marie, die der Spindel hinterherspringt. Und der Apfelbaum der Frau Borgwart, der im Garten zwischen gelben Rosen und gläsernen Kugeln stand, war ein Apfelbaum auf der Wiese tief unten im Brunnen. Und die Äpfel riefen: „Pflücke uns, pflücke uns, wir Äpfel sind alle miteinander reif!"

Der Hahn war auch da. Er saß auf dem steinernen Bogen über der Gartentür. Das Wasser roch nach Erde und Kühle und warf Tinas Bild zurück. Es sah aus, als ob sie tanzte und lachte, denn das Wasser bewegte sich. Das war so schön, und Tina vergaß: Das Wichtigste, das Eigentliche, das Meer kommt ja noch! Erst als die Eltern riefen, fiel ihr wieder ein: „Fahren wir jetzt ans Meer?" Und sie rannte zurück, als sei der Sommer dazu gemacht, von einem Wunder ins nächste zu fallen.

Tina musste mit ihren Eltern über eine lange Brücke fahren. Die führte über den Bodden, dieses kleine Meer mit den Segelbooten. Noch bevor sie die Brücke erreichten, zeigte die Ampel Rot, und sie mussten warten und warten. Die schmale hölzerne Brücke schwenkte aus, wie ein Arm, der sich langsam, sehr langsam zur Seite legen konnte, um die Boote durchzulassen. Als die Brücke endlich wieder eingezogen war, fuhren sie rumpelnd über die lockeren Bohlen. Und der Wärter und Ampelbediener stand neben seinem Häuschen und stippte mit der Hand an die Mütze, als wollte er jeden grüßen, der gemächlich über seine Brücke hinweg ans Meer fuhr. „Nur noch die Straße linksherum", sagte der Vater, „dann sind wir am Meer." Die letzten Häuser trugen Namen. Tina buchstabierte wieder: „Haus Sonnenschein" und lachte. „Seit wann wohnt die Sonne in einem Haus?"

Sie staunte über die strohgedeckten Häuser und die Bäume am Straßenrand, deren Blätter vor Staub kaum zu erkennen wären.

Das Meer lag hinter der Straße und den Dünen. Darauf wuchsen Hälmchen, die Tina nicht kannte. „Strandhafer", sagte der Vater. Im Näherkommen hörte sie ein Rauschen, wie zu Hause, wenn über die Kiefern ein leichter Wind strich! Ein Sandweg führte über die Dünen. Dann sah Tina endlich das Meer. Es war gelb und blau und grün wie ein großes, sanftes Tier, das schlief und dabei schnaufte. Tina konnte nicht erkennen, wo das Meer aufhörte und der Himmel anfing.

Es war anders als das Meer in ihrem Märchenbuch mit den Bildern vom Fischer und syner Fru, nicht so dunkelgrün und ohne Wellen mit Schaumkronen.

Tina lief ans Wasser und gleich hinein. „Ist hier ein Trecker durchs Meer gefahren?", rief sie und zeigte auf Spuren, die so aussahen wie daheim im Dorf auf dem Sandweg.

„Das waren die Wellen", sagte Vater.

Tina bückte sich, um Muscheln und Steine aufzuheben: gestreifte und rote, fast schwarze, manche mit einem Loch. Wenn sie die ans Licht hielt, konnte sie den Himmel sehen.

„Was für sonderbare Steine", rief sie.

„Hühnergötter!", sagte der Vater.

„Sie bringen Glück", sagte die Mutter.

Was sollte Tina davon halten?

„Glück?", fragte sie.

„Nimm nur die kleinen", sagte die Mutter, „die kleinen bringen Glück."