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Für meine Schwester Sarah und ihr Schwein Max,

das einer Geschichte entsprungen

und in die nächste wieder eingetaucht ist.

1. Kapitel

Matheos Merkwürdigkeiten

»Traust du dich?«

Matheo starrte auf das Lineal, das Finn ihm hinhielt. Nach kurzem Zögern griff er zu. Finn drückte auf den leuchtenden Knopf mit dem E, für Erdgeschoss, und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Immer schneller sauste er nach unten. Matheo spürte, wie der Boden vibrierte. Die Zahlen auf der Anzeige flogen vorüber. Fünf, vier, drei …

»Jetzt!«, rief Finn.

Matheo kniff die Augen zusammen und stieß das Lineal mit voller Wucht in den schmalen Spalt zwischen den Fahrstuhltüren. Ein Stoß durchfuhr seine Knie. Mit einem heftigen Ruck blieb die Kabine stehen. Vorsichtig öffnete Matheo die Augen. Durch den Schlitz zwischen den Türen sah er ein Stück Betonwand und etwas höher, ungefähr dort, wo seine Nase saß, den Flur des dritten Stockwerks.

Finn haute Matheo auf die Schulter und schüttete sich aus vor Lachen. »Hey, dir wird doch nicht etwa schlecht?«

Matheo schüttelte den Kopf, obwohl ihm schon ein wenig mulmig war. Was, wenn sie jetzt tatsächlich feststeckten? Wenn der Hausmeister kommen und sie durch die enge Lücke ziehen musste?

»Lass mich mal!« Finn schob Matheo beiseite. Er zog das Lineal zwischen den Türen hervor, und keine zwei Sekunden später setzte sich der Fahrstuhl wieder in Bewegung. Er fuhr hinunter ins Erdgeschoss und öffnete die Türen, als wäre nichts gewesen. Matheo wollte erleichtert auspusten, doch da drückte Finn schon die 7, und die Kabine sauste wieder nach oben.

»Achtung!« Wie ein Ritter seinen Degen stach Finn das Lineal zwischen die Türen. Ein Ruck – und nun sah Matheo ein Stückchen Flur zu seinen Füßen.

»In meinem alten Haus konnte man das genau zehn Mal machen, dann hat der Fahrstuhl gestreikt«, erzählte Finn begeistert. »Mann, war das immer ein Theater! Einmal, am Wochenende, mussten meine Eltern sogar den Notdienst rufen!«

Matheo nickte stumm. Er hatte solche Experimente noch nie gemacht. Er war nicht einmal auf die Idee gekommen. Vielleicht lag es daran, dass er das einzige Kind in diesem schicken, aber langweiligen Hochhauskomplex war. Vielleicht lag es auch daran, dass er keine Freunde hatte. Ganz sicher aber hing es mit dieser merkwürdigen Sache zusammen. Dieser Sache, die Matheo ein bisschen anders machte als andere Kinder. Weswegen er auch nicht in der Jungenbande seiner Klasse mitmachen durfte und nie jemand was mit ihm unternehmen wollte.

So war das jedenfalls bis heute gewesen. Bis ein großer roter Umzugswagen auf dem Platz zwischen den beiden Hochhäusern gehalten hatte und drei Möbelpacker ausgestiegen waren. Matheo hatte von seinem Fenster aus beobachtet, wie sie erst jede Menge Kisten ausgeladen hatten und dann ein blaues Hochbett und ein orangefarbenes Crossrad. Er war sofort nach unten gelaufen, und dort hatte er Finn getroffen.

»Hallo, ich bin Matheo«, hatte er gesagt. »Ich bin neun Jahre alt, gehe in die dritte Klasse und wohne gegenüber, im siebten Stock.«

»Ich bin Finn«, hatte Finn geantwortet. »Super, dass du da bist. Ich hatte schon Schiss, dass hier nur Erwachsene leben.«

Seitdem machten sie die beiden Hochhäuser und den Platz dazwischen unsicher. Sie waren um die Wette das Treppengeländer in den Keller hinuntergerutscht und über die Mauern zwischen den Grünflächen balanciert – mit verbundenen Augen. Als sich dann noch herausstellte, dass Finn ab der kommenden Woche in seine Klasse gehen würde, hatte Matheo sein Glück kaum fassen können. Endlich hatte auch er einen Freund, mit dem er die Pausen verbringen konnte. Da würden sich die anderen bestimmt nicht mehr trauen, ihn »Spinner« oder »Dr. Dolittle« zu nennen!

Als ihnen das Fahrstuhl-Steckenbleiben langweilig wurde, liefen Matheo und Finn wieder nach draußen, auf den Vorplatz, und versuchten, Steinchen über die Wasserfläche des Brunnens springen zu lassen. Leider klappte das nicht so gut.

»Weißt du was?«, sagte Finn. »Morgen, wenn ich meine Kisten ausgepackt habe, lassen wir hier mein ferngesteuertes Boot fahren. Das ist lustiger.«

»Oh ja, super!«, rief Matheo. Da fiel ihm etwas ein. »Morgen … warte mal … Kann ich danach dann mit zu dir kommen?«

»Logo!«

Matheo hätte vor Freude fast einen Luftsprung gemacht. »Ich muss sonst mit zu meiner Tante«, erklärte er. »Dreimal im Jahr ist da so ein Kaffeetrinken, und das ist immer der Albtraum. Meine Tante hat nämlich so einen ekeligen, fiesen Kater.«

Finn grinste. »Kratzt der, oder was?«

Matheo zögerte. »Ja … auch.«

»Wie auch? Was denn noch?«, gluckste Finn. »Spuckt er oder furzt er andauernd?«

Matheo schwieg. So gern er auch wollte – er konnte Finn nicht verraten, was es mit Tante Ullas Kater auf sich hatte. Genauer gesagt, was es mit ihm, Matheo, und dem Kater auf sich hatte. Das hing nämlich mit dieser merkwürdigen Sache, diesem Anderssein zusammen. Es war verflixt kompliziert, und bisher war es jedes Mal schiefgegangen, wenn Matheo irgendwem davon erzählt hatte. Wie damals im Sitzkreis, in der ersten Klasse. Alle hatten ihn nach seinem Bericht angestarrt und getuschelt. In der nächsten Stunde hatte dann ein Regenwurm auf seinem Tisch gelegen. Matheo hatte das verängstigte Tier nach draußen getragen und wieder in sein Beet gesetzt. Von da an stand er in den Pausen allein auf dem Schulhof.

Und darum sagte er auch jetzt lieber nur: »Ja, genau, der blöde Kater kratzt und stinkt.« Schließlich wollte er seinen neuen Freund nicht gleich wieder verlieren. Außerdem musste er Finn ja noch die Geschichte mit seinen Eltern beibringen. Das war schon verzwickt genug.

»Du, ich hab Hunger«, sagte Finn in dem Moment. »Unsere Küche ist noch nicht eingebaut. Kriegen wir bei euch was zu essen?«

»Klar«, antwortete Matheo. »Bei uns gibt es gleich Abendbrot.«

Sie liefen über den Platz zu seinem Haus und klingelten.

»Ich muss dir noch was sagen, bevor wir hochgehen«, begann Matheo, während sie darauf warteten, dass jemand die Tür öffnete. »Es ist nämlich so … meine Eltern …«

Da ertönte der Summer. Finn drückte die Tür auf. »Wer zuerst oben ist!« Damit stürmte er los.

»Mist!«, fluchte Matheo und jagte ihm nach.

Finn war schnell. Im dritten Stock hatte er Matheo abgehängt, und als Matheo endlich im siebten Stock um die Ecke bog, stand sein neuer Freund schon vor ihrer Wohnung. Mit großen Augen starrte Finn auf die Tür, die einen Spalt geöffnet war. Aus dem Zwischenraum lugte eine Hand mit zwei Plastiktüten hervor.

»Also«, keuchte Matheo atemlos. »Das wollte ich dir eben sagen: Wir müssen unsere Anziehsachen ausziehen und in die Tüten stecken, bevor wir in die Wohnung dürfen.«

Finn sah Matheo perplex an. »Ich soll mich nackt ausziehen? Hier?!«

»Nicht ganz nackt. Nur bis auf die Unterhose.«

Finn ging zwei Schritte zurück und beäugte die Hand so argwöhnisch, als würde sie zu einem Monster gehören.

»Alles klar?«, rief Matheos Mutter durch den Türspalt. Ihre Stimme klang gedämpft. Das lag an dem Mundschutz, den sie trug.

Matheo sah, wie Finn schluckte.

»Meine Mutter bekommt schrecklichen Ausschlag, wenn sie mit Federn oder Katzenhaaren in Berührung kommt«, erklärte er schnell. »Und mein Vater kriegt sogar von jedem Tierfell lebensgefährliche Atemnot. Das Problem ist, dass Federn und Tierhaare praktisch überall rumflattern. Deshalb müssen wir solche Vorsichtsmaßnahmen treffen.«

Finn sah von der Hand zu Matheo und wieder zurück. Das Ganze schien ihm nicht geheuer.

»Ehrlich«, beteuerte Matheo. »Ein einziges winziges Härchen reicht aus, um meinen Vater umzuhauen.«

»Ausziehen … vor der Haustür …«, stieß Finn hervor. »Ihr seid ja nicht normal!«

»Doch«, sagte Matheo. »Nur anders normal.«

»Na ja, ist auch Wumpe. Ich hab sowieso keinen Hunger mehr.« Finn drehte sich um und ging zum Fahrstuhl.

»Du kannst drinnen gleich was von mir zum Anziehen haben«, versuchte Matheo ihn umzustimmen.

Finn winkte ab. »Ich soll sowieso nicht zu Fremden mit rein, ohne Bescheid zu sagen. Und meine Eltern suchen mich bestimmt schon.« Er drückte den Knopf, und die Fahrstuhltüren öffneten sich.

»Aber wir lassen doch morgen dein Boot fahren, oder?«, fragte Matheo. »Um drei Uhr?«

Finn stieg in die Kabine. »Mal sehen. Wir müssen noch in den Baumarkt. Hatte ich total vergessen.«

»Ich warte hier auf dich«, rief Matheo. »Komm einfach vorbei, wenn ihr zurück seid.«

Doch da hatten sich die Fahrstuhltüren schon wieder geschlossen.

2. Kapitel

Der drittschrecklichste Nachmittag

Natürlich kam Finn nicht. Matheo starrte am nächsten Tag anderthalb Stunden aus seinem Fenster auf den grauen Vorplatz und wartete. Nur das Brunnenwasser schlug im Sonnenlicht glitzernde Wellen. Sonst bewegte sich nichts.

Traurig ließ sich Matheo auf sein Bett fallen. Eigentlich durfte er nicht überrascht sein. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er versetzt wurde. Aber bei Finn hatte er geglaubt, es würde anders laufen. Jemand, der Fahrstühle zum Steckenbleiben brachte, war doch irgendwie cooler als die anderen.

Matheos Blick fiel auf die selbst gemalten Bilder, die an seiner Wand hingen. Wie es aussah, würde er auch in Zukunft allein an seinem Schreibtisch sitzen und zeichnen. Und er würde weiterhin keine aufregenden Abenteuer erleben wie andere, normale Jungs.

»Matheo?« Seine Mutter klopfte sanft an die Zimmertür. »Wir müssen jetzt los. Dein neuer Freund kommt nicht mehr.«

»Wundert dich das?!«, fuhr Matheo sie wütend an. »Würdest du dich in einem fremden Hausflur ausziehen?«

Seine Mutter öffnete die Tür und sah ihn mitfühlend an. »Es tut mir so leid. Aber was soll ich denn machen?«

»Lass mich wenigstens hierbleiben!«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe keine Ruhe, wenn du den ganzen Nachmittag allein bist. Komm, es wird bestimmt lustig bei Tante Ulla.«

»Lustig?!«, wiederholte Matheo verbittert. »Es wird furchtbar! Wie immer.«

»Tu es mir zuliebe.« Sie nahm Matheo am Arm und zog ihn vom Bett hoch.

Genervt schlurfte Matheo aus seinem Zimmer. Das war nicht fair! Er war schon genug gestraft damit, dass sein neuer Freund ihn hängen ließ. Falls Finn überhaupt noch sein Freund war.

 

Als sie im Auto aus der Tiefgarage fuhren, summte Matheos Mutter fröhlich ein Liedchen und rief: »Ist das nicht herrlich, wie die Sonne scheint?«

Matheo lehnte seinen Kopf gegen die Scheibe und schloss die Augen. Seine Mutter hatte wirklich keinen blassen Schimmer. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was ihn gleich erwartete. Was es bedeutete, drei Stunden lang mit Tante Ullas fiesem fetten Kater Eliott in ein Zimmer gesperrt zu werden. Matheo konnte es ihr nicht einmal übel nehmen. Sie hörte ja nur Miauen und Schnurren, wenn Eliott das Maul aufmachte. Von seinen hinterhältigen Bösartigkeiten bekam sie kein Sterbenswörtchen mit. Im Gegensatz zu Matheo. Der eben anders war. Der diese absonderliche, merkwürdige Gabe besaß. Der die Sprache der Tiere verstand.

Wenn andere ein Bellen, Wiehern oder Miauen vernahmen, hörte er so etwas wie: »Das ist mein Pinkelbaum!«, oder: »Verschwinde sofort von meinem Sofaplatz!« Aber das glaubte ihm niemand! Als wenn er sich so etwas Dämliches ausdenken würde. Als wenn er sich freiwillig zum Sonderling machen würde!

Matheo wäre es viel lieber gewesen, wenn er nicht jeden blöden Streit der Spatzen auf dem Schulhof hören müsste! Oder das verzweifelte Weinen eines Regenwurms, wie damals, in der ersten Klasse. Dann hätte er den Wurm nämlich auch nicht trösten müssen, und seine Mitschüler hätten ihn nicht als verrückt abgestempelt.

Richtig furchtbar wurde die Sache allerdings, wenn er Eliott traf. Der gemeine Kater quälte ihn jedes Mal mit Gruselgeschichten und Katastrophenmeldungen. Manchmal hatte Matheo nach den Besuchen bei Tante Ulla tagelang keinen Appetit, oder er schreckte nachts aus Albträumen hoch.

»Matheo?« Seine Mutter sah in den Rückspiegel. »Zieh nicht so ein Gesicht.«

Matheo setzte ein extrabreites, falsches Grinsen auf. »So besser?«

Seine Mutter seufzte und setzte den Blinker, um in die Straße zu biegen, in der Tante Ulla wohnte. Matheo ließ die Mundwinkel wieder fallen. Wenn er nur jemanden hätte, mit dem er darüber reden könnte, dachte er. Jemanden, der ihm glaubte. Aber selbst seine Eltern lachten immer nur herzhaft, wenn er von Eliotts Horrorgeschichten berichtete.

Nur einmal war es anders gewesen, letztes Jahr, nach dem Adventskaffee, als Matheo der Kragen geplatzt war. Eliott hatte ihm drei lange Stunden von einer schrecklichen, todbringenden Seuche erzählt. Seine Schilderungen waren so furchtbar gewesen, dass Matheo es kaum ausgehalten hatte. Trotzdem hatte er tapfer durchgehalten, denn diesmal hatte er einen Block dabei, um sich Notizen zu machen. Zum Beweis.

Auf dem Nachhauseweg hatte er seiner Mutter alles wortwörtlich wiedergegeben. Sie hatte still zugehört und war schließlich mitten auf der Straße stehen geblieben. Matheo war ganz sicher gewesen, dass sie sich furchtbar schämte, weil sie ihn bislang nie ernst genommen hatte. Aber dann hatte sie mit vor Stolz bebender Stimme verkündet: »Du hast wirklich eine unglaubliche Phantasie! Aus dir wird eines Tages bestimmt ein großer Schriftsteller.«

Matheo war fassungslos gewesen. Seine Mutter glaubte also immer noch, dass er sich den ganzen Schrott ausdachte! Aber es kam noch schlimmer: Am nächsten Tag wollten ihn seine Eltern unbedingt zu einem komischen Schreibkurs anmelden: Märchen erfinden für Anfänger! Als Training, für seine große Schriftstellerkarriere! Da war Matheo klar geworden: Wenn er ein halbwegs normales Leben führen wollte, musste er ab sofort die Klappe halten.

»So, da sind wir«, sagte seine Mutter und fuhr in eine Parkbucht vor Tante Ullas Haus.

Matheo sah sie bittend an. »Kann ich nicht einfach im Auto bleiben?«

»Bei der Hitze? Bist du verrückt?« Sie stieg aus und öffnete die hintere Tür. Matheo rührte sich nicht.

»Okay«, sagte sie und beugte sich zu ihm herunter. »Wenn du ohne Murren mit reinkommst, hast du einen Wunsch frei.«

Matheo schaute auf. »Egal, was es ist?«

»Egal, was es ist – solange es irgendwie im Rahmen und bezahlbar bleibt«, versprach seine Mutter.

Matheo überlegte: Ein freier Wunsch gegen den drittschrecklichsten Nachmittag des Jahres … Denn das würde es mindestens. Es konnte sogar der allerschrecklichste Nachmittag werden. Genau wusste man das vorher nie. Schließlich gingen sie drei Mal im Jahr zu Tante Ulla. Aber wenn er sich dafür etwas wünschen könnte … zum Beispiel ein ferngesteuertes Boot … Vielleicht würde Finn sich dann doch noch einmal mit ihm verabreden?

»Okay«, sagte Matheo und sprang aus dem Auto. »Aber es ist das letzte Mal.«

Seine Mutter atmete erleichtert aus und öffnete das Tor zu Tante Ullas Vorgarten. Da flog auch schon die Haustür auf.

»Hallöchen!« Mit ausgebreiteten Armen stürzte Tante Ulla die Treppe herunter und auf Matheo zu. Er musste die Augen zusammenkneifen, so sehr blendete ihn ihr grellgrünes Kleid. Außerdem leuchteten ihre Haare so orange wie die Warnwesten der Männer von der Müllabfuhr.

»Wie schön, dass ihr da seid«, trällerte Tante Ulla. Bei jedem Wort wackelte die Zigarette in ihrem Mundwinkel aufgeregt hin und her. Sie nahm Matheo am Arm und zog ihn in den kühlen Hausflur. »Komm, hol dir schnell ein Stück Kuchen aus der Küche, und dann ab in deine Sicherheitszone.«

Tante Ulla hatte in ihrem Haus zwei Orte zu Sicherheitszonen erklärt. Der eine war das Schlafzimmer. Das war der einzige Raum, abgesehen vom Klo, der eine Tür besaß und in dem Tante Ulla nicht rauchte. Da musste Matheo rein, denn seine Eltern wollten auf keinen Fall, dass er Tante Ullas schädliche Zigarettendämpfe einatmete. Die zweite Sicherheitszone war für Matheos Mutter mit ihrer Allergie. Dafür hatte Tante Ulla den Wintergarten gewählt, weil der am weitesten weg vom Schlafzimmer war. Und nur im Schlafzimmer konnte – wegen der Tür – Eliott eingesperrt werden.

»Also, was darf es sein?«, fragte Tante Ulla und schob Matheo in die Küche. »Gedeckter Apfelkuchen oder Apfel-Sahne-Schnitte?«

Matheo sah zwischen den beiden Tiefkühlkuchen auf dem Küchentisch hin und her. Tante Ullas Gebäckstücke waren innen meistens noch eiskalt, und sie schmeckten alle gleich: wie nasse Pappe.

»Ach, weißt du was? Nimm von beiden etwas«, entschied Tante Ulla und packte Matheo je ein Kuchenstück auf den Teller. Energisch schob sie ihn aus der Küche und den langen Flur hinunter. Ganz am Ende, vor einer vergilbten Tür, blieb sie stehen. »So, ich wünsche guten Appetit und viel Spaß.« Sie reichte Matheo den Kuchenteller und drückte die Klinke herunter. Dann schubste sie ihn sanft in das Schlafzimmer und zog die Tür hinter ihm wieder zu. Der drittschrecklichste Nachmittag des Jahres begann.

3. Kapitel

Die Monsterkatze

Vorsichtig schaute sich Matheo in Tante Ullas Schlafzimmer nach Eliott um. Das war nicht so einfach, denn der Raum war voller Krimskrams. Überall hingen Schals und Tücher, und auf jedem freien Platz standen Kästchen mit Schmuck. Außerdem waren die Wände mit einem wilden Muster aus Urwaldpflanzen tapeziert. Auf Zehenspitzen bahnte Matheo sich einen Weg zu dem großen Korbsessel in der rechten Ecke.

Wo versteckte der fiese Kater sich nur? Wahrscheinlich würde er gleich mit einem Mords-Miauen aus irgendeiner Schublade springen, um Matheo zu Tode zu erschrecken.

Doch Eliott verfolgte an diesem Nachmittag einen anderen Plan.

»Naaaaa«, schnurrte er und trat hinter der Gardine auf der Fensterbank hervor. »Da ist ja unser spinnerter Außenseiter.« Angewidert warf der Kater einen Blick auf Matheos Kuchenteller. »Willst du diesen Tiefkühlschrott etwa essen?«

»Lass mich in Ruhe«, fuhr Matheo ihn an. Er pflanzte sich in den Sessel und stopfte ein extragroßes Stück von der Apfel-Sahne-Schnitte in den Mund. »Du willst mir nur wieder den Appetit verderben.«

Eliott streckte seine grau behaarte Pfote, fuhr die Krallen aus und mauzte: »Wie du willst. Sag hinterher aber nicht, ich hätte dich nicht gewarnt und dir gesagt, dass die Inhaltsstoffe dieses Törtchens Magenblutungen verursachen können. Außerdem wurden nach häufigem Verzehr Geschwüre im Dickdarm festgestellt. Uuups, den Blasenkrebs sollte ich nicht vergessen.«

Matheo blieb der Bissen im Hals stecken. Angeekelt stellte er den Teller auf das kleine Beistelltischchen. Eliott hatte es mal wieder geschafft. Zufrieden hob der Kater seinen mächtigen Hintern vom Fensterbrett, rutschte über die Kante und plumpste mit einem dumpfen Poltern auf den Boden. Langsam und überraschend geschmeidig für einen solchen Fettwanst näherte er sich dem Korbsessel.

»Weißt du eigentlich, wie groß die Chance ist, dass ein neunjähriger Junge seinen achtzehnten Geburtstag NICHT erlebt?«

»Nein, und ich will es auch gar nicht wissen.« Matheo kramte eilig in seiner Hosentasche. Wie gut, dass er diesmal vorbereitet war und seinen iPod dabeihatte.

»Na, na, wir wollen doch nicht unhöflich werden«, schnurrte Eliott, und während Matheo noch die kleinen Stöpsel der Kopfhörer in die Ohren stopfte, rechnete er ihm vor, mit welcher Wahrscheinlichkeit er unter die Räder eines Auto geraten oder von einem abstürzenden Flugzeug erschlagen werden konnte. Matheo drückte auf die Play-Taste. Eine E-Gitarre dröhnte in seinen Ohren auf. Erleichtert lehnte er sich im Sessel zurück. Jetzt konnte Eliott erzählen, was er wollte.

Doch so leicht ließ der fette Kater sich nicht abwimmeln. Mit einem Satz sprang er auf das Beistelltischchen, nahm die Kopfhörerkabel ins Visier – und riss sie Matheo mit einem gezielten Prankenhieb aus den Ohren.

»Spinnst du?!«, schrie Matheo.

»Ich war noch nicht fertig!«, fauchte Eliott und fuhr dann ungerührt fort: »Unter diesen Umständen solltest du dir gut überlegen, ob es nicht völlig egal ist, wenn du von dem Kuchen Krebs oder Darmverschluss bekommst – wo dich vielleicht morgen schon ein Auto platt fährt!«

»Warum kannst du mich nicht in Ruhe lassen?«, rief Matheo verzweifelt, denn das waren genau die Sätze, die ihm in den nächsten Wochen ohne Unterlass im Kopf rumspuken würden. Immerzu würde er daran denken müssen, was alles passieren und wie schnell das Leben vorbei sein konnte. Nicht nur sein eigenes, sondern auch das seiner Eltern! Mit zitternden Händen hob er die Kopfhörer auf. »Wenn du noch ein Mal meinen iPod berührst, dann …«

»Dann was?«, unterbrach ihn Eliott. »Willst du mir etwa drohen? Ich kann die Kabel auch einfach zerfetzen und in tausend …«

Weiter kam er nicht, denn vor lauter Wut gab Matheo dem Beistelltisch einen kräftigen Stoß. Der Tisch geriet ins Wanken, Eliott und der Kuchenteller rutschten über die Kante und schlugen krachend auf dem Boden auf. Der Teller zerbrach in fünf Stücke, und Eliott fauchte: »Das bekommst du zurück!« Wutentbrannt fuhr er die Krallen aus und wollte sich gerade auf Matheo stürzen – da hörten sie vom Flur eilige Schritte. Tante Ulla riss die Tür auf.

»Hat sich jemand verletzt?«

Eliott miaute kläglich. Zum Glück verstand Tante Ulla ihn nicht, denn so konnte Matheo ihr seine Version der Geschichte aufschwatzen.

»Der Kater wollte meinen Kuchen fressen und ist auf den Tisch gesprungen, und da ist der umgefallen.«

Tante Ulla stemmte erstaunt die Hände in die Hüften. »So ungeschickt ist Eliott sonst gar nicht. Komm mal her, mein Mäuschen.« Schnurrend schlängelte sich der fette Kater um ihre Beine.

Im selben Moment erschien Matheos Mutter mit einer Serviette über Mund und Nase im Türrahmen. Ärgerlich zeigte sie auf die Ohrstöpsel des iPods, aus denen noch immer laute Musik dröhnte.

»Matheo!«, motzte sie durch den Mundschutz. »Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du das Ding nicht voll aufdrehen sollst! Das macht deine Ohren kaputt!« Sie sah zu Tante Ulla. »Nimmst du es ihm bitte weg und gibst es mir?«

»Nein, bitte nicht!«, rief Matheo.

Tante Ulla zuckte entschuldigend mit den Schultern und steckte den iPod in die Tasche ihres Kleides.

Eliott gluckste vor Freude. »Das tut mir aber leid.«

»Ich hasse dich«, zischte Matheo.

»Bitte?«, fragte Tante Ulla, die gerade begonnen hatte, die Scherben und Kuchenreste vom Boden aufzusammeln.

»Nichts, schon gut«, antwortete Matheo schnell.

Tante Ulla richtete sich wieder auf. »Na dann, amüsiert euch noch schön, ihr beiden Hübschen. Und lasst mein Schlafzimmer heil!«

Matheos Mutter warf ihm noch einen warnenden Blick zu, und gleich darauf schloss die Tür sich wieder.

»Tja, dumm gelaufen«, schnurrte Eliott. Er streckte sich lang über den Teppich und rollte sich gemütlich auf den Rücken. »Malst du eigentlich immer noch so viele Bilder, weil du keine Freunde hast, die sich mit dir verabreden?«

Matheo antwortete nicht.

»Versuch gar nicht erst, es zu leugnen. Ich habe Ulla neulich bei einem Telefonat mit deiner Mutter belauscht. Ich weiß alles.« Dabei schnellte Eliott herum und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Schon blöd, wenn einen alle für bekloppt halten und man immer nur allein rumhängt, hmm?«

»Ich gehe jetzt in den Schwimmverein. Da sind auch andere Kinder«, erwiderte Matheo trotzig. »Und bald lerne ich sogar tauchen«

»Tauchen?!« Der Kater kugelte sich vor Lachen. »Glaubst du, unter Wasser hättest du deine Ruhe? Denkst du etwa, Fische wären stumm?«

Matheo schluckte. Genau darauf hatte er insgeheim gehofft. Er war ganz sicher, dass ihn wenigstens auf dem Meeresgrund niemand blöd anquaken würde.

»Mein Gott, bist du dämlich«, schnurrte Eliott. »Hast du nie darüber nachgedacht, woher manche Fische ihre Namen haben? Wieso haben die Leute den Grunzbarsch wohl GRUNZ-Barsch genannt? Und warum heißt der Knurrhahn KNURR-Hahn, hä?«

Matheo rutschte noch tiefer in seinen Sessel. Vom Grunzbarsch hatte er noch nie gehört. Und Knurrhahn hatte er zwar mal auf einer Speisekarte gelesen, aber da hatte er sich natürlich keine Gedanken darüber gemacht, warum der Fisch so hieß. Er fuhr sich nervös durch die Haare. Wenn Eliott recht hatte, war er also nicht einmal unter Wasser vor seinem merkwürdigen Talent sicher. Matheo stöhnte verzweifelt. Wieso konnte er keine normalen Gaben haben wie andere Kinder? Etwas wie schnell laufen, zum Beispiel, oder super Skateboard fahren. Das wäre cool. Aber sein Talent war so überflüssig wie ein Pickel am Hintern.

Man konnte es höchstens gebrauchen, wenn man von einem Wolfsrudel angegriffen wurde oder eine Riesenschlange aus dem Klo auftauchte. Aber wann kam das schon vor? Und überhaupt: Wenn diese Viecher genauso fies und ekelig drauf waren wie die, die Matheo kannte, dann half ihm sein Talent auch nicht weiter. Natürlich war Matheo durch die Allergie seiner Eltern noch nicht vielen Tieren begegnet. Aber die Hunde, die er zufällig auf der Straße traf, waren fast immer schlecht gelaunt, weil sie an der Leine gehen mussten. Und die Spatzen auf dem Schulhof stänkerten in einer Tour. Ganz abgesehen vom fiesen Eliott.

»Also, noch mal zurück zum Thema Tauchen«, schnurrte der gerade. »Habe ich dir eigentlich schon erzählt, wie ein Hai dem Besitzer meines Onkels den linken Arm abgebi…«

Matheo steckte sich die Zeigefinger in die Ohren. Er mochte jetzt einfach nicht hören, wann und wie irgendein Hai Arme oder Beine zerfetzt hatte. Er wollte nur seine Ruhe.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, als es in Matheos Kopf schon zu brummen begann, zog er die Fingerspitzen wieder aus seinen Gehörgängen.

»… und mal ganz abgesehen von all den Schrecklichkeiten dieser Welt, dem Elend und den brutalen Verbrechen«, meckerte Eliott immer noch vor sich hin, »wird das Wetter auch immer schlechter.«

Matheo wendete den Kopf und sah aus dem Fenster in den wolkenlosen, blauen Himmel.

»Du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun!«, fuhr er den fetten Kater an. »Draußen sind es dreißig Grad und herrlichster Sonnenschein!«

Eliott blitzte Matheo aus seinen gelben, schmalen Augen an. »Eben«, schnaubte er. »Sonnenschein, Ozonloch, Dürren, Hungersnöte – dein hübscher Sommer ist doch nur der Anfang einer Katastrophe. Holzkopf.«

 

An diesem Abend brauchte Matheo zwei Stunden, bis er die schlimmsten Gedanken an eine Hitzekatastrophe einigermaßen verdrängt hatte. Erst beim Abendbrot gelang es ihm, ohne Herzklopfen in die untergehende Abendsonne zu sehen und an etwas Schönes zu denken. Er schöpfte gerade Hoffnung, dass er die Nacht ohne Albträume überstehen könnte – da klingelte das Telefon.

Es war Tante Ulla. Matheos Mutter stellte die Lautsprechertaste an, weil sie nebenbei die Küche aufräumte, und so konnte Matheo jedes Wort verstehen.

»Hör mal«, begann Tante Ulla. »Der Junge war ja kalkweiß und völlig verstört, als ihr gegangen seid!«

»Es geht ihm aber gut, keine Sorge.« Matheos Mutter zwinkerte ihm zu.

»Das sagst du so … Ich habe mir Gedanken gemacht, und jetzt bin ich ziemlich sicher, warum Matheo so aufgelöst war: Weil er mit einem Tier zusammen war!«

Matheo horchte auf. Hatte ihn endlich jemand verstanden? Kapierte etwa ausgerechnet Tante Ulla, was wirklich los war?!

»Der Junge ist inzwischen neun Jahre alt«, fuhr sie mit dramatischer Stimme fort. »Und nur dreimal im Jahr trifft er ein anderes Lebewesen als einen Menschen! Das geht gar nicht! Das wird auf der Stelle geändert.«

Matheo hielt den Atem an. Das lief jetzt irgendwie in die falsche Richtung. Was hatte seine Tante vor?

»Morgen ist Samstag«, dröhnte es aus dem Telefonhörer. »Und da werde ich mit dem Jungen einen Ausflug in den Safaripark unternehmen!«

Matheo spürte, wie es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief. Ihm schwindelte. Wenn alle Tiere wie Eliott waren, dann musste der Safaripark schlimmer als die gruseligste Geisterbahn sein. Ganze Herden von Löwen, Affen und Giraffen würden versuchen, ihn fertigzumachen! Wahrscheinlich würde er danach für den Rest seines Lebens nicht mehr ruhig schlafen können!

»Das ist eine tolle Idee!«, rief seine Mutter begeistert in den Telefonhörer. »Wann willst du ihn abholen?«

Matheo klammerte sich an die Tischkante. Nein, nein, nein, dachte er. Es reichte, dass Finn ihn versetzt hatte und dass er einen ganzen Nachmittag mit Eliott verbringen musste! Da würde er morgen ganz sicher nicht in den furchtbaren Tierpark gehen! Keinen Fuß würde er da reinsetzen. Eher würde er … er würde … Ja, was würde er tun?

In dieser Nacht konnte Matheo nicht schlafen. Immer wieder kreiste ein Gedanke durch sein Hirn: Wie konnte er den schrecklichen Ausflug in den Safaripark verhindern?

4. Kapitel

Die Warnung der Pudel

Als Matheo am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer sonnendurchflutet. Schlaftrunken blinzelte er zum Fenster. Wieso konnte es heute nicht regnen? Oder besser noch: gewittern und stürmen, wie letztes Wochenende?