Jan-Heiner Tück (Hrsg.)

Risse im Fundament?

Die Pfarrerinitiative und der Streit um die Kirchenreform

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012
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Umschlaggestaltung: Finken&Bumiller, Stuttgart

ISBN (E-Book): 978 - 3 - 451 - 34601 - 9
ISBN (Buch): 978 - 3 - 451 - 30579 - 5

Inhaltsübersicht

Risse im Fundament? Eine Problemanzeige

Katholische Kirche und Priester im Modernisierungsstress. Am Beispiel Österreichs

Paul M. Zulehner, Wien

Zukunft aus der Kraft des Konzils. Zum theologischen Hintergrund der Pfarrerinitiative

Helmut Schüller, Leiter der Pfarrerinitiative, Wien

Aufruf zum Ungehorsam? Der Forderungskatalog der „Pfarrerinitiative“ – eine kritische Würdigung

Jan-Heiner Tück, Wien

In die Welt gesandt. Überlegungen zur Kirchenreform im Rahmen der Erzdiözese Wien

Veronika Prüller-Jagenteufel, Wien

Unausgeschöpfte Potentiale. Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen

Elmar Mitterstieler SJ, Wien

Fünf Aufmerksamkeiten aus der Perspektive des Seelsorgers. Zur Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene

Christoph Kardinal Schönborn, Wien

Kirche als Versöhnungsgemeinschaft. Für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zum Kommunionempfang

Eberhard Schockenhoff, Freiburg

Reizwort: Gemeindezusammenlegung. Ekklesiologische Überlegungen zur pastoralen Neuordnung in den deutschsprachigen Diözesen

Medard Kehl, Frankfurt/M.

Pastoral im Umbau. Zur Transformation des Priesterbildes

Johann Pock, Wien

Konsens der Glaubenden, Gewissen und Autorität. Orientierungen zur aktuellen Debatte aus dem Werk John Henry Newmans

Roman Siebenrock, Innsbruck

Kirchenreform und Medien? Stolperstein der Pfarrerinitiative

Józef Niewiadomski, Innsbruck

Kleine Chronik zur jüngeren Konfliktgeschichte in Österreich

Christian Stoll, Wien

Anhang

Aufruf zum Ungehorsam. Die Thesen der Pfarrerinitiative

Christoph Kardinal Schönborn, Hirtenbrief 2011

Autorenverzeichnis

Risse im Fundament?

Eine Problemanzeige

Die allerletzte Wahrheit, worum es dem Katholizismus letztlich geht, ist ohne Zweifel die Fähigkeit zur Versöhnung

Pierre Bourdieu1

Die katholische Kirche ist zweitausend Jahre alt und bildet eine weltumspannende Institution mit weit über einer Milliarde Gläubigen. Ihre Präsenz auf den unterschiedlichen Kontinenten ist von unterschiedlicher Dichte, es gibt eine Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Positionen und vielfältige Spannungen und Herausforderungen, die von der jeweiligen Situation der kulturellen Großräume abhängen. Den schrumpfenden Kirchen Europas stehen junge, wachsende Kirchen in Afrika, Asien und in Teilen Lateinamerikas gegenüber. Während in Nordamerika und Europa viel Energie auf die Frage verwendet wird, wie die Sozialgestalt der Kirche verändert werden muss, damit sie im dritten Jahrtausend ihre prägende Kraft behalten kann, sind die Ortskirchen des Südens an dieser Art von Reformdebatten wenig interessiert. Die Bekämpfung von Armut und Korruption, der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, die vitale Bezeugung des Evangeliums, aber auch die Auseinandersetzung mit aggressiven Formen des Islam sowie der schnell anwachsenden Pfingstbewegung sind vorrangig.2

Dieser sporadische Hinweis auf die globale Situation kann helfen, die katholische Kirche von Österreich nicht mit dem Nabel der Weltkirche zu verwechseln. Dennoch wäre es falsch, durch diesen Hinweis die Debatte um die Kirchenreform abwiegeln zu wollen, denn viele Probleme der Kirche in Österreich sind zweifelsohne auch Probleme in anderen Regionen der Weltkirche, die sich der verschärften Wandlungsdynamik der Moderne ausgesetzt sehen. Der „Aufruf zum Ungehorsam“, den der Vorstand der österreichischen Pfarrerinitiative3 am Dreifaltigkeitssonntag 2011 lanciert hat, kann daher nicht als provinziell beiseitegeschoben werden. Im Zeitalter der globalen Vernetzung hat er längst ein Echo gefunden, das weit über die Grenzen der Alpenrepublik hinausgeht.4 Worum geht es?

Altbekannte Reformforderungen bestimmen erneut die Debatte. Gefordert werden Kommunionspendung für wiederverheiratet Geschiedene, nichtkatholische Christen und fallweise auch für Ausgetretene, die Erlaubnis der Laienpredigt, die Öffnung des priesterlichen Amtes für viri probati und Frauen. Neu ist, dass die Pfarrerinitiative diese Forderungen unter das provokante Vorzeichen des „Ungehorsams“ gestellt hat. Priester, die bei der Weihe öffentlich und freiwillig ihren Gehorsam gegenüber dem Bischof versprochen haben, glauben angesichts des Reformstaus in der Kirche nicht länger schweigen zu können. Schon länger gehen sie in der Pastoral eigene Wege, die in einzelnen Punkten von den Vorgaben der offiziellen Kirchenordnung abweichen. Diese Praxis des „Ungehorsams“, die bislang von der Kirchenleitung, so meinen sie, stillschweigend geduldet wurde, legen sie nun ausdrücklich offen. Sie verstehen dies als einen Akt der Aufrichtigkeit und tun dies unter Berufung auf ihren Gehorsam gegenüber Gott und das eigene Gewissen. Einspruch gegen die Bischöfe im Namen der Loyalität gegenüber dem Evangelium – es nimmt kaum Wunder, dass diese kühne Dissensbekundung die Medien mehr beschäftigt hat als die einzelnen Punkte des Reformkatalogs. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Akteure des Vorstoßes diesmal nicht akademische Theologinnen und Theologen sind, die kirchliche Strukturdefizite einklagen und – wie im Falle des Memorandums 2011 – ihre Vision einer der Freiheitsbotschaft des Evangeliums verpflichteten Kirche publik machen. Es handelt sich vielmehr um pastoral engagierte und erfahrene Priester, die ihr Befremden über die „Reformverweigerung Roms“ und die „Untätigkeit“ ihrer Bischöfe zum Ausdruck bringen. Sie sehen sich inzwischen durch Meinungsumfragen bestätigt, allerdings entlasten auch Mehrheiten – wenn es denn wirklich Mehrheiten sind – nicht von der Verantwortung, durch den „Aufruf zum Ungehorsam“ erhebliche Irritationen zu verursachen. Die Frage steht im Raum, wie belastungsfähig das Verhältnis zwischen Pfarrerinitiative und Kirchenleitung5 ist, wie tief der Dissens wirklich reicht? Deutet er Risse im Fundament der Kirche an, die sich zu einer echten Spaltung auswachsen könnten?

In der öffentlichen Debatte um den Vorstoß der Pfarrerinitiative ist wiederholt vor einem Schisma gewarnt worden. Katholiken, die sich selbst als orthodox bezeichnen, forderten die Bischöfe dazu auf, die Spreu vom Weizen zu trennen und die rebellischen Pfarrer mit Sanktionen zu belegen. Man dürfe dem Ungehorsam keinen weiteren Spielraum gewähren und müsse umgehend disziplinarisch einschreiten.6 Kirchenrechtler erinnerten daran, dass der öffentliche Aufruf zum Ungehorsam die Strafe des Interdikts nach sich ziehe, und legten den Bischöfen indirekt juristische Maßnahmen nahe. Im kirchlichen Gesetzbuch, dem Codex iuris canonici von 1983, findet sich in der Tat ein Passus, der vorschreibt: „Wer öffentlich wegen irgendeiner Maßnahme der kirchlichen Gewalt oder eines kirchlichen Amtes Streit der Untergebenen hervorruft oder die Untergebenen zum Ungehorsam (ad inoboedientiam) aufruft, soll mit dem Interdikt oder anderen gerechten Strafen belegt werden“ (can. 1373). Das Interdikt verhängt eine Art Sakramenten- und Gottesdienstsperre. Es umfasst – nach can. 1332 – das Verbot, die Sakramente der Kirche zu spenden und zu empfangen sowie liturgische Dienste und Ämter auszuüben. Abgesehen von der juristischen Frage, ob der Aufruf der Pfarrerinitiative die Bedingungen für ein Interdikt wirklich erfüllt, kann die Anwendung disziplinarischer Mittel immer nur die ultima ratio sein, wenn alle Bemühungen um eine dialogische Konfliktbeilegung gescheitert sind. Den Bischöfen, die das II. Vatikanische Konzil als „sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Ortskirchen“ (LG 23) bezeichnet hat, kommt die Aufgabe zu, Gegensätze zu versöhnen und drohende Spaltungen abzuwenden.7 In diesem Sinne hat Kardinal Christoph Schönborn die Wiener Vorstandsmitglieder der Pfarrerinitiative aufgefordert, den Aufruf zum Ungehorsam zurückzunehmen und ihre Loyalität zum Bischof zu wahren. Zugleich hat er für den Weg der Reform geworben, der in der Erzdiözese Wien unter dem Titel „Apostelgeschichte 2010“ begonnen wurde und der ein neues Zueinander von Priestern und Laien in der Kirche vorsieht.

Die Situation ist dennoch alles andere als harmlos. Schon gibt es Gruppierungen, die sich im Windschatten des „Aufrufs zum Ungehorsam“ öffentlich dazu bekannt haben, seit Jahren priesterlose Gottesdienste zu feiern. Die ZEIT spricht von „Renegaten“, die „illegale Messen“ feiern.8 Die Mitbegründerin des Kirchenvolksbegehrens „Wir sind Kirche“, Martha Heizer, rechtfertigt ihr Tun mit dem Hinweis auf eine anhaltende Dialogverweigerung der Kirchenleitung. Der Dissens paart sich hier mit Ungeduld und unverhohlener Dreistigkeit. Er wird zum subversiven Akt, der die sakramentale Grundstruktur der Kirche untergräbt. Gerade die Eucharistiefeier ist ja, wie die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils sagt, „Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens“ (SC 11, vgl. LG 11). In ihr wird die Communio mit Jesus Christus und die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander vollzogen. Die Eucharistie ist überdies eine Gabe, die sich niemand selbst geben kann, die Feier der Sakramente ist gebunden an einen ordinierten Spender, der bei den gottesdienstlichen Handlungen die Intention der Kirche berücksichtigen muss, wenn das Sakrament gültig zustande kommen soll. Er hat sich seine Vollmacht ebenfalls nicht selbst gegeben, diese ist ihm vielmehr bei der Weiheliturgie durch Handauflegung und Gebet sakramental übertragen worden. Im eucharistischen Hochgebet werden die Namen des Ortsbischofs und des Papstes als des Garanten der universalkirchlichen Einheit ausdrücklich genannt. Dadurch wird zum Ausdruck gebracht, dass die Gemeinde vor Ort keine autarke Zelle ist, sondern selbst in das Netz der über die ganze Welt verstreuten bischöflichen Ortskirchen hineingehört. Die Simulation einer Eucharistiefeier ohne Priester, die mit einer kalkulierten Kompetenzanmaßung der beteiligten Akteure verbunden ist, verletzt die sakramentale Grundstruktur der katholischen Kirche. Sollten solche Früchte des Ungehorsams Schule machen, wäre die Einheit der Kirche tatsächlich in Gefahr.

Doch bewegt sich die aktuelle Reformdebatte jenseits der genannten Extreme. Allen Gesprächsteilnehmern, sowohl den Bischöfen wie den Mitgliedern der Pfarrerinitiative und ihren Sympathisanten, geht es um die Zukunft der Kirche. Keine Seite sollte der anderen das sentire cum ecclesia grundsätzlich absprechen. Es besteht Einigkeit darin, dass der aktuelle Zustand der Kirche kritisch ist und Reformen dringend notwendig sind. Strittig ist allein der Weg, der aus der Krise herausführen soll. Während die Pfarrerinitiative vor allem Strukturdefizite diagnostiziert und für entsprechende Änderungen eintritt, setzt ein Großteil der österreichischen Bischöfe auf einen anderen Weg der Reform, der der verschärften Glaubenskrise durch den Aufbau einer glaubensstarken Kirche in der Gesellschaft entgegenwirken will. Anhaltende Kirchenaustritte, Gläubigenschwund und Priestermangel, rückläufige Finanzmittel sprechen eine deutliche Sprache.

Kann man vor diesem Hintergrund am tradierten territorialen Pfarrprinzip festhalten? Lenkt die Pfarrerinitiative, die sich als pastorale Avantgarde versteht, den Blick nicht eher zurück, wenn sie die bestehenden Pfarreien um jeden Preis erhalten und dem Priestermangel durch Änderung der Zulassungsbedingungen Abhilfe verschaffen will? Wie geht sie mit dem Faktum um, dass die Kirche kleiner wird und den Status quo nicht wird halten können? Sind die Reformvorschläge nicht selbst „klerikerzentriert“, wenn sie die Monopolstellung des Pfarrers sichern wollen, primär auf die Vervielfältigung des Klerus setzen und Kooperationsmöglichkeiten mit engagierten, mündigen Gläubigen und geistlichen Gemeinschaften zu wenig würdigen? Und was bedeutet es, dass die Akzeptanz der Reformanliegen beim jüngeren Klerus deutlich geringer ausfällt?

Aber auch umgekehrt stehen unbequeme Fragen an die Adresse der Bischöfe im Raum: Hat die Kirchenleitung bislang angemessen und kreativ genug reagiert auf die anhaltende Erosion der Volkskirche, die durch die Aufdeckung der Missbrauchsfälle im Jahr 2010 noch einmal dramatisch verstärkt wurde? Ist der Dialog für Österreich, der 1998 zur Beruhigung der Skandale um Kardinal Groer initiiert wurde, nicht vorzeitig abgebrochen worden? Gibt es nachhaltige programmatische Vorschläge für eine Pastoral im Umbau, welche die Kirchenkrise als Chance der Erneuerung begreifen könnte? Wird – um konkreter zu sprechen – durch die Bildung von pastoralen Großräumen nicht in Kauf genommen, dass ganze Filialgemeinden eucharistisch aushungern? Und was wird den Pfarrern von der Arbeitsbelastung her zugemutet, wenn sie nicht mehr nur eine, sondern mehrere Gemeinden übernehmen sollen? Mutiert der Seelsorger nicht unter der Hand zum Pastoralmanager? Ist er dafür gerüstet – und entspricht dies dem Sinngehalt des priesterlichen Amtes?

Die Debatte um Strukturfragen darf allerdings nicht verdecken, dass die Krise wohl nur durch eine innere Reform des Glaubens selbst überwunden werden kann. Das II. Vatikanische Konzil hat vor einem ekklesiozentrischen Narzissmus gewarnt und in Erinnerung gerufen, dass die Kirche nicht für sich selbst, sondern für Jesus Christus und seine Botschaft da ist. Die Überschrift der Kirchenkonstitution „Lumen gentium – Licht der Völker“ bezieht sich nicht auf die Kirche, sondern auf Jesus Christus. Das ist eine klare Absage an jede Form von Triumphalismus und kirchlicher Selbstgenügsamkeit. Christus ist das Licht, das auf dem Antlitz der Kirche aufstrahlen soll, damit seine Botschaft allen – Gläubigen, Suchenden und Nichtgläubigen – weitergegeben werden kann. Diesem Auftrag kann die Kirche nur entsprechen, wenn sie sich dem auferweckten Gekreuzigten immer neu zuwendet. Anhaltende Selbstbespiegelung bedeutet abnehmende Strahlkraft. Nicht das Schielen nach Modernitätsverträglichkeit, nicht das Lauschen auf demoskopische Erhebungen, sondern der Blick auf Jesus Christus und das Hören auf sein Wort bilden den Maßstab für die zeitgemäße Erneuerung der Kirche.

Auf dieser Linie hat Eckard H. Krause, ein evangelischer Pfarrer, der auf der ersten Diözesanversammlung im Prozess „Apostelgeschichte 2010“ gesprochen hat, im Blick auf die Pfarrerinitiative vermerkt: „Für mich, als evangelischer Christ, sind viele dieser Einlassungen nachvollziehbar … In unserer evangelischen Kirche sind all diese Forderungen erfüllt. Aber unsere Kirche ist dadurch weder frömmer noch missionarischer geworden, noch ist die Akzeptanz der Kirche in der Gesellschaft gewachsen. Dogmatische, strukturelle und organisatorische Veränderungen machen Kirche nicht missionarisch, sondern eine missionarische Kirche wird in ihrer missionarischen Hinwendung zur von Gott geliebten Welt Zug um Zug erkennen, was sich in der Kirche ändern muss, damit sich Gottes leidenschaftliche Sehnsucht nach seinen verloren gegangenen Menschen ungehindert Bahn brechen kann.“ Eine Erneuerung des Glaubens, die von Gottes Leidenschaft für die Menschen Zeugnis gibt, ist allerdings ohne Umkehr aller Beteiligten nicht zu haben. Umkehrverweigerung und Rechthaberei wären Anzeichen einer pathologischen Versteinerung. Das II. Vatikanische Konzil hat daher alle kirchlichen Akteure – in durchaus therapeutischer Absicht – „zur Läuterung und Erneuerung“ (ad purificationem et renovationem) aufgerufen, „damit das Zeichen Christi auf dem Antlitz der Kirche klarer erstrahle“ (LG 15). Bischöfe, Priester und Gläubige sind demnach gleichermaßen aufgerufen, die aktuelle Kirchenkrise als Anlass zur Umkehr und Erneuerung zu begreifen.

Die gemeinsamen Herausforderungen sind allemal groß: Die nachrückende Generation steht – nach Einschätzung des niederländischen Schriftstellers Cees Noteboom – in Gefahr, zu „Japanern der eigenen Kultur“9 zu werden. Sie kennt die biblischen Erzählungen, die Liturgie und den Rhythmus des Kirchenjahres immer weniger, die das Leben der Menschen, aber auch die Formensprache von Kunst und Architektur, von Musik und Literatur über Jahrhunderte geprägt haben. Ein zunehmender Analphabetismus im Blick auf die christliche Symbolsprache scheint sich auszubreiten. „Wie viel ist den Getauften ihr Bekenntnis eigentlich noch wert, wenn große Mehrheiten gar nichts mehr bekennen?“10 Schon die Taufe bleibt oft ein folgenloses Ereignis in der religiösen Biographie von Kindern und Jugendlichen. In den Familien, den eigentlichen Pflanzstätten des Glaubens, herrscht vielfach Ratlosigkeit. Eltern tun sich schwer oder fühlen sich überfordert, mit ihren Kindern zu beten, über den Glauben zu sprechen oder gemeinsam die sonntägliche Liturgie zu besuchen. Schülerinnen und Schüler kennen oft auch nach langjährigem Religionsunterricht das Vaterunser nicht, geschweige denn die Weisungen der Bergpredigt oder einschlägige Gleichnisse Jesu. Verlust der religiösen Sprachfähigkeit ist die Folge. Intellektuelle, die sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnen, machen sich Sorgen über den Zustand der Kirche. Sie diagnostizieren Leerstellen, wenn Deutungsangebote des Glaubens angesichts von Krankheit, Schuld und Tod nicht mehr zur Verfügung stehen und das Ethos der Gottes- und Nächstenliebe als Widerlager gegen Solidaritätsverfall und Glücksritterei an Prägekraft einbüßt.11 Zentrale Worte der christlichen Verkündigung wie Sünde, Gnade und Heil drohen unverständlich zu werden. Die Beobachtung Martin Walsers, dass dort, wo der Glaube an die Rechtfertigung des Sünders verblasst, schnell Rechthaberei auf den Plan tritt, die sich in der gnadenlosen Bezichtigung anderer ausagiert, gibt zu denken.12 Es mehren sich die Anzeichen für eine neue Aufmerksamkeit für religiöse Sinnangebote und ethische Orientierungen. Hat die Kirche dies schon registriert – ist sie dafür gerüstet? Vermag sie der Versuchung zur Resignation zu widerstehen und in der Situation des Rückgangs und der Krise hoffnungsvolle Neuaufbrüche wahrzunehmen? Wie können sich Bischöfe, Priester und Gläubige wechselseitig bestärken, um dieser Aufgabe besser nachzukommen? In welche Richtung müsste die Debatte um die Reform der Kirche geführt werden?

Diesen Fragen stellt sich der vorliegende Sammelband in der Reihe „Theologie kontrovers“. Den Auftakt bildet ein Beitrag von Paul M. Zulehner, der wichtige Hintergrundinformationen zum Verständnis der aktuellen Debatte anführt und zugleich unter Rückgriff auf jüngste Umfragen zeigt, dass die Akzeptanz der Anliegen der Pfarrerinitiative unter den Priestern in Österreich relativ hoch ist, auch wenn die Einschätzung je nach Alter der Befragten deutlich divergiert. Im Anschluss daran stellt Helmut Schüller, der Mitbegründer und eigentliche Kopf der Pfarrerinitiative, unter Rückgriff auf die Reformimpulse des II. Vatikanischen Konzils seine Vision einer zukunftsfähigen Kirche vor und rechtfertigt noch einmal den „Aufruf zum Ungehorsam“. Im Anschluss daran werden die sieben Forderungen der Pfarrerinitiative durch Jan-Heiner Tück kritisch gewürdigt. Eine alternative Form, auf den gegenwärtigen Transformationsprozess der Kirche zu reagieren, skizziert Veronika Prüller-Jagenteufel, die Pastoralamtsleiterin der Erzdiözese Wien. Sie weist zunächst auf gängige Engführungen des Begriffs ‚Kirchenreform‘ hin, um dann den Wiener Erneuerungsprozess ‚Apostelgeschichte 2010‘ und seine Vision einer geistlich erneuerten Kirche vorzustellen. In diesem Prozess spielt die Wiedergewinnung des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen eine wichtige Rolle – ein Motiv, dessen Neubelebung das II. Vatikanum angestoßen hat, dessen Potentiale aber noch nicht ausgeschöpft sind, wie Elmar Mitterstieler deutlich macht.

Drei Anliegen aus dem Katalog der Pfarrerinitiative werden in weiteren Beiträgen vertieft. Der erste Schwerpunkt geht der Forderung nach einem pastoral sensibleren Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen nach. Kardinal Christoph Schönborn, der selbst aus einer zerbrochenen Familie stammt, skizziert aus der Sicht des Seelsorgers fünf Aufmerksamkeiten, die beim Umgang mit dem Problem Beachtung verdienen. Eberhard Schockenhoff ergänzt diese Sicht und wirbt für eine Kirche als Versöhnungsgemeinschaft, die wiederverheirateten Geschiedenen nach sorgfältiger Gewissensprüfung den Zugang zu den Sakramenten ermöglicht. Ein zweiter Schwerpunkt wendet sich der Pastoral im Umbau und dem Wandel des Priesterbildes zu. Medard Kehl greift aus dogmatischer Perspektive das Reizwort ‚Gemeindezusammenlegung‘ auf und spricht sich angesichts der anhaltenden Erosion der Volkskirche für ein Modell der kooperativen Pastoral aus. Johann Pock hingegen zeigt, welche enormen Herausforderungen mit dem Wandel von der Pfarrfamilie zum Pfarrverband verbunden sind. Ein dritter Schwerpunkt widmet sich dem delikaten Verhältnis zwischen Bischöfen, Priestern und Gläubigen sowie der medialen Vermittlung kirchlicher Konflikte. Roman A. Siebenrock erinnert an das Zueinander der kirchlichen Bezeugungsinstanzen in der Sicht von John Henry Newman und optiert für einen Blickwechsel: Statt Forderungen zu stellen, gelte es, gelingendes Glaubensleben zu bezeugen. Jozef Niewiadomski geht den medialen Spiegelungen der Kirchenkrise nach. Das Interesse an Sensation und Dissenszuspitzung führt zu Blickverengungen und Schuldbezichtigungen, es hat Rückwirkungen auf die innerkirchliche Konfliktwahrnehmung, die es kritisch zu hinterfragen gilt. Schließlich bietet Christian Stoll eine kleine Chronologie der Kirchenkrise in Österreich. Im Anhang werden die Thesen der Pfarrerinitiative, aber auch der viel beachtete Hirtenbrief von Kardinal Christoph Schönborn dokumentiert, damit sich die Leserinnen und Leser selbst ein Bild machen können.

Mein Dank zunächst an die Mitautoren, die trotz hoher Arbeitsbelastung der Einladung zur Mitwirkung an diesem Projekt bereitwillig gefolgt sind, dann an die Mitarbeiter des Lehrstuhls, Christian Stoll und Markus Andorf, die das Manuskript sorgfältig durchgesehen haben, und schließlich an den Lektor des Herder Verlags, Stephan Weber, der die unterschiedlichen Etappen der Buchwerdung kompetent begleitet hat, verbindet sich mit dem aufrichtigen Wunsch, dass der Sammelband zur Versachlichung der Reformdebatte beitragen und Perspektiven für eine erneuerte Kirche im 21. Jahrhundert eröffnen möge.

 

Wien, Advent 2011

Jan-Heiner Tück

Anmerkungen

1

Pierre Bourdieu, Religion (Schriften zur Kultursoziologie 5), Berlin 2011, 184.

2

Vgl. John L. Allen, Das neue Gesicht der Kirche. Die Zukunft des Katholizismus, Gütersloh 2011.

3

Der Vorstoß erfolgte ohne Abstimmung mit den Mitgliedern, weshalb einige aus Protest die Initiative verlassen haben, andere hingegen beigetreten sind, wieder andere trotz Kritik an der Ungehorsams-Rhetorik ihre Mitgliedschaft nicht sistiert haben, um dem Vorstand nicht zu brüskieren. Gegenwärtig hat die Pfarrerinitiative 361 Priester und 61 Diakone als Mitglieder (Stand: 1. November 2011). Dies entspricht knapp einem Zehntel des Klerus, wenn man die Kirchenstatistik der österreichischen Bischofskonferenz von 2009 zugrunde legt, wonach in den Diözesen Österreichs etwa 4.200 Diözesan- und Ordenspriester sowie 607 Ständige Diakone tätig sind.

4

Vgl. nur Sarah Mac Donald, Austrian Priests’Initiative. Rebels witha cause, in: The Tablet (15. Oktober 2011) 8  9. – Die Schweizer Herbert-Haag-Stiftung, die von Hans Küng präsidiert wird, hat angekündigt, den Preis „Für Freiheit in der Kirche“ im Jahr 2012 der Österreichischen Pfarrerinitiative zu verleihen.

5

Wobei klar ist, dass die Bischofskonferenz kein einheitliches Gebilde, sondern in sich selbst vielstimmig und pluriform ist. Neben klaren Absagen an die Pfarrerinitiative haben vereinzelte Bischöfe durchaus Entgegenkommen in manchen Punkten des Reformkatalogs zu erkennen gegeben – andere wie der emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl haben bei aller Kritik an der Ungehorsamsrhetorik und der Forderung nach Frauenordination weitgehendes Einverständnis signalisiert.

6

Die berechtigte Sorge um die Einheit der Kirche setzt mitunter eine beklagenswerte Rhetorik der Verschärfung frei, die zu drastischen Metaphern greift und den gebührenden Respekt vor den anderen Teilnehmern der Debatte vermissen lässt. So haben Leser in einschlägigen Internetforen die Mitglieder der Pfarrerinitiative als „Ketzerpriester“ und „altliberale Rebellen“ diffamiert. Den österreichischen Bischöfen hingegen wird Feigheit vorgeworfen, weil sie sich weigern, das „Krebsgeschwür“ mit einem einzigen operativen Schnitt zu beseitigen. Ihre Untätigkeit lasse die „Metastasen“ weiter wuchern, bis der ganze Leib der Kirche befallen und unheilbar krank sei. Der Rigorismus solcher Einsprüche wäre an die antidonatistische Einsicht des hl. Augustinus zu erinnern, dass die Kirche in der Geschichte ein corpus permixtum ist. Die Scheidung zwischen Weizen und Unkraut ist dem Gericht Gottes – und nicht dem ungeduldigen Purgierungseifer von Menschen – vorbehalten. Vgl. De doctrina christiana III, 32, 45; De civitate Dei XVIII, 49.

7

Dies wird auch von externen Beobachtern so gesehen. Vgl. Pierre Bourdieu, Religion (s. Anm. 1), der zur Funktion der Bischöfe anmerkt, es komme ihnen zu, „zwischen den Gegensätzen zu vermitteln und das Unvereinbare zusammenzubringen; dafür zu sorgen, dass Übertreibungen und Extreme nicht überhand nehmen; über dem Parteienstreit zu stehen, dabei aber nicht so sehr die Rolle als Schiedsrichter zu übernehmen, sondern die des Schlichters, der sich qua Position und persönlicher Disposition für die Versöhnung der Gegensätze einsetzt.“ (181)

8

Vgl. Florian Gasser, Jessas Maria! In der katholischen Kirche herrscht Aufruhr: Pfarrer begehren auf. Gläubige fliehen, und einige Renegaten feiern sogar illegale Messen, in: Die ZEIT vom 3. November 2011, S. 14.

9

Vgl. Jan-Heiner Tück, Hintergrundgeräusche. Liebe, Tod und Trauer in der Gegenwartsliteratur, Ostfildern 2011, 17 f.

10

So Johannes Röser, Sowohl als auch?, in: Christ in der Gegenwart Nr. 31 (2011), 329.

11

Vgl. nur Hermann Kurzke – Jacques Wirion, Unglaubensgespräch. Vom Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben, München 2007; Johann Hinrich Claussen, Zurück zur Religion. Warum wir vom Christentum nicht loskommen, München 2006.

12

Martin Walser, Rechtfertigung, eine Versuchung, in: F.A.Z. vom 10. November 2011.