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ISBN 978-3-8437-0611-7


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eBook: LVD GmbH, Berlin

Für meine besten Freundinnen

Annette und Cornelie,

in Liebe, Treue und tiefer Verbundenheit,

und für ihre wunderbaren Töchter

Henni und Marlen


You’ve got a friend

Carole King

Kapitel 1

Heute hier, morgen dort

- Hannes Wader -

»Trudi, mecker nicht, sondern pack lieber mit an!«, befahl mir Nele mit einem hysterischen Kreischen in der Stimme. Sie war mit dem Kopf schon wieder zwischen Gepäckstücken verschwunden. Ich hatte keine Lust, mit anzupacken, denn ich hatte mit mir genug zu tun. Fliehen oder bleiben, das war die Frage, die ich zu klären hatte. Wenn ich bliebe, dann hätte das Auswirkungen, und diese Auswirkungen stanken mir gerade heftig in die Nase. Das T-Shirt, in das sie mich gequetscht hatten, war nämlich nicht nur zum Kreischen eng, sondern es müffelte derart nach Patschuli, dass ich alle Energie brauchte, damit mir nicht die Sinne schwanden. Ich atmete so wenig wie möglich ein, und wenn doch, dann nur so flach, wie es irgend möglich war. Patschuli war schon anno ’81 nicht mein Duft gewesen.

Unliebsame Erinnerungen stiegen in mir auf. Schließlich kannten Nele und Renate die Erfahrung meiner Jugendtage, und ich fragte mich, wer von den beiden auf die gehässige Schnapsidee gekommen war, mich in dieses Shirt zu pressen. Sicher Renate, der traute ich den Stinkbombenscherz am ehesten zu. Nele war zu gutmütig und würde so etwas Fieses niemals machen, entschied ich und wedelte mit flacher Hand den Duft vor meiner Nase weg. Quelle odeur! Außerdem wusste Nele, dass mit einundzwanzig mein absoluter Lieblingsduft Cylan gewesen war, eine schwere, süßlich-herbe Mischung aus dem Teeladen, die in einem kleinen Fläschchen mit schwarzem Schraubverschluss angeboten wurde. Knapp vier Mark kostete so ein Fläschchen damals. Seitdem habe ich nie wieder so günstig Parfum erstanden. Auch Patschuli hatte der blasse Teemensch in seinem Sortiment, aber gekauft hätte ich das Zeug mit zwanzig nie, weil es in bes­seren Ökokreisen als »indisches Nuttendiesel« verschrien war. Kein Mensch roch damals nach dem Kifferparfum, zumindest keiner, der in den politischen und alternativen Kreisen etwas gelten wollte und der feministisch-alternativ-konzeptionell auf dem Laufenden war.

So war das zumindest in Landau gewesen, das in der pfäl­zischen Pampa lag, wo wir zusammen aufgewachsen waren, ­Renate, Nele und ich. Mit Beginn der diversen Schwangerschaften rund um ’83 hatten wir Landau dann aber hinter uns gelassen, um anderswo unser Glück zu finden. Bis dahin lebten Renate, Nele und ich in einer WG, rochen nach Sauerteig, selbstgerührtem Käse, Apfelshampoo, Karottencreme, Ziegenmilch und eben nach Cylan. Alles Lebensumstände, die ich längst hinter mir gelassen hatte und die nun, mit einem Mal, wie Vampire aus dem Sarg stiegen.

Wie ein Retro-Tannenbaum sah ich aus, mit einem einzelnen Blechohrring im Ohr, weil man Ohrringe damals nur einzeln trug. Grauenhaft! Mein Teil bestand aus einer kleinen bunten Perlenreihe, an der am unteren Ende eine Friedenstaube hing, die, wie es sich gehörte, eine weiße Feder im Schnabel trug. Alternatives Kunsthandwerk vom Feinsten! Und dann diese Latzhose, natürlich in Lila. Wie eine Kuh sah ich darin aus. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern und duckte mich zum Wagen hin. Nicht auszudenken, was die Leute dachten, die mich in dieser Maskerade sahen, obwohl ich mich nie um die Leute geschert hatte – jetzt aber eben doch! Nele war ganz anders drauf. Sie trug mit freudigem Stolz ein paar abgeschnittene weiße Malerhosen, darunter ein türkisfarbenes T-Shirt der Marke Fruit of the Loom und Flip-Flops, die man früher Zehenlatschen nannte. Sie roch wenigstens besser als ich, denn ihr T-Shirt strömte Pfirsichblüte im Mai aus, auch diesen Duft hatte es im Teeladen gegeben. Der Typ aus dem Teeladen, so staubig er sonst auch war, mit Musik hatte er sich ausgekannt. Da der Pfirsichduft Neles Lieblingsparfum gewesen war, musste sie also glücklich sein, doch es wehten keine Glückshormone, sondern schweißgetränkter Stressgeruch aus ihrer Richtung her. Nele war sichtbar gereizt vom Umkleiden, der Packerei und meiner Widerspenstigkeit.

»Nun hilf mir doch mal!«, schnauzte sie mich böse an und warf die Taschen nur so hin und her.

Wir standen vor meiner Wohnung in Mannheim, das Unglück meiner nächsten Tage parkte aufmüpfig auf dem Gehsteig, ein R4, dessen Rostrot sich schäbig von dem türkis-gelben Sommerambiente abheben würde, in das wir zusammen fahren wollten. Ein Café, der blaue Himmel, die Sonne, die Wölkchen – das hätte ein Urlaub werden können. Rein und wieder raus, und wieder rein und wieder raus. Nele packte die Taschen hin und her, schimpfend und fluchend, weil nicht alles in den Kofferraum passte. Ein R4 ist leider, leider eben doch nicht der Van, mit dem Nele inzwischen vertraut war, weil sie ihn als Dienstauto des Kindergartens fuhr.

»Soll das da alles noch mit?«, fragte ich naiv und deutete angewidert mit dem Fuß auf einen buntgemischten Haufen aus Rucksäcken, Gaskocher, diversen Plastikschüsseln, Blechkochtöpfchen, Zeltbesen, Sonnenschirm und Isomatten.

»Natürlich!«

Über Neles Kopf bildete sich eine dunkle Wolke der Empörung. Klar, für einen Urlaub zu dritt ist ein R4 halt eine Strafe. Und doch … Ich war unschuldig, ich hatte nichts verbrochen, dass ich mir in diesem Auto meine Nervenbahnen abquetschen sollte. Mir schliefen doch in meinem saugemütlichen Bett Hände und Füße immer wieder ein. Wie sollte mein armer Rücken also die Fahrt nach Italien in dieser Kiste überstehen? Ich war fünfzig und nicht mehr Anfang zwanzig! Angespannt trippelte ich von einem Bein aufs andere und lächelte gequält den Menschen zu, die vorübergingen und neugierig schauten. Sollten sie doch glotzen und uns umringen! Sollten Sie Fotos machen, um sie auf Facebook zu posten, mit der Botschaft »Schräge Omis unterwegs«. Sollten sie twittern und flashmobben, mir war jeder Kessel und jede Bewegung recht, die diese Reise noch aufhalten konnte. Freiwillig und jauchzend würde ich mich in meine schwarzen Businessanzüge stürzen, die ich zwar auch hasste, die mir jetzt aber hundertmal lieber waren als die gefärbten Malerhosen, die ich trug.

»Aua!« Die seitlichen Klemmen meiner Birkenstockschuhe scheuerten schmerzhaft an meinen Knöcheln. Keine Frage, die Dinger wollten warm gelaufen werden. Und meine Füße waren inzwischen seidige Schläppchen und zartes Kalbsleder gewohnt. Breiter waren meine Füße offenbar auch geworden. Wie ein Hefeteig quollen sie über den erhöhten Rand der Sohle, den Birkenstockfans als so wohltuend und gesund empfinden.

»Gab’s die nicht größer?«, beschwerte ich mich, aber Nele winkte ab und wollte keine Reklamationen entgegennehmen. Geschäftig machte sie sich hinter dem Lenkrad breit, und es schien sie nicht im Geringsten zu stören, dass der Platz im Wagen nicht nur sehr beschränkt, sondern sicher auch sehr stickig war.

»Und bis wann sollen wir bei Renate sein?«, rief ich ins Auto, dessen Beifahrertür sich partout nicht öffnen lassen wollte.

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Nele ging nicht darauf ein, sondern zerrte und hebelte von innen und gab mir in Gebärdensprache Anweisungen, wie und wo ich zupacken sollte, damit die Tür sich endlich bewegte. Lustlos ließ ich die Klinke schnappen.

»Geht nicht!«, signalisierte ich ihr schulterzuckend und protestierte mit meiner Körperhaltung, meinem Blick und allem, was sie mir zum Protest gelassen hatten.

Auch der R4, der »Fuchur« hieß, nach dem Drachen in der Unendlichen Geschichte, war eine einzige Protestaktion: Neben »Atomkraft? Nein danke« und »Atomkraft? Nee bedankt!« klebten »Frauen nehmen Frauen mit«, »Kein Kriegsspielzeug in Kinderhände«, »Baum ab? Nein danke!« und »Frieden schaffen ohne Waffen«. Es war mir ein Rätsel, auf welchem Flohmarkt Anna und Sarah, die Töchter meiner Freundinnen, all diese Aufkleber und Devotionalien der 80er erstanden hatten. Sogar den rosa Aufkleber mit der frechen kleinen Hexe, die auf einem Besen ritt, hatten sie irgendwo ausgegraben. Auf der Fahrerseite des R4 war eine Halterung an den Kotflügel geschweißt, der für die selbstgebatikte Frauenflagge vorgesehen war. »Am besten lasst ihr sie schon ab Mannheim flattern«, hatte uns Renate am Telefon eindringlich eingeschärft. »Das gibt gleich einen guten Kick.« Genau, besonders dann, wenn ich in diesem Wagen von Kollegen oder jemandem aus der Führungsetage gesichtet wurde. »Hallo, Frau äh … äh … sind Sie es, oder sind Sie es nicht? Sie arbeiten doch für uns! Talentmanagement, Human Resources, stimmt’s?« Nicht auszudenken, wie diese Verkleidung meinem Image schaden konnte!

Wir waren nicht etwa auf dem Weg zu einem hochsommer­lichen Karnevalsumzug. Unser alberner Auftritt war dem fröh­lichen Geschenk von Anna und Sarah geschuldet, den Töchtern von Nele und Renate, die ich beide von Geburt an kannte. Sosehr ich auch die beiden Mädchen liebte, in diesem Augenblick kam eher Galle hoch, wenn ich an die Gesichtchen dachte.

»Haaalloooo, Trudi! Wie wär’s, wenn du mal nicht pennen, sondern ziehen würdest?« Nele klopfte drängelnd gegen das Blech des Wagens. Es sollte endlich losgehen. Renate wartete auf uns und wurde gerne ungeduldig. Typisch Lehrerin: sich selbst auf dem Gang verquatschen, aber kommt ein Schüler zu spät, setzt es was mit der roten Tinte. Ich konnte meinen Klassenbucheintrag kaum erwarten.

»Was soll ich machen, ich komm nicht rein!«, erklärte ich ihr von außen und bewegte mich keinen Strich. Es war unschwer zu erkennen, Nele hatte bereits angefangen zu transpirieren, während sie verzweifelt versuchte, die Tür zu öffnen und den Fahrersitz ein bisschen bequemer einzustellen. Ihre Wangen waren gerötet, und unter den Armen zeigte das T-Shirt erste feuchte Ränder. Zum Glück durften wir Deo benutzen und mussten nicht irgendeine Paste aus Bärlauch in die Achselhöhlen schmieren. Wir brachen nämlich nicht zu einem sanften Urlaub, einer ­Wellnessreise auf, es handelte sich hier vielmehr um einen Trip in die Vergangenheit. Hallo, 80er, nicht erschrecken, wir sind wieder da!

»Trudi!«

»Himmel, ja!«

Während ich unmotiviert an der Tür zog, versuchte ich mich so zu drehen, dass der Spruch auf der Jutetasche über meiner Schulter nicht erkennbar war. Jute statt Plastik. Welch ein Hohn, wenn man die dunkelgrünen Isomatten sah, die neben den Schlaf­säcken im Auto steckten. Aus welchem Material waren die denn wohl? An meinem Schlafsack baumelte immerhin das Prädikatszeichen Echte Daunen. Aber echte Daunen aus den 80ern waren bei weiterem Nachdenken doch wieder bedenklich, stellte man sich die Massen an Filzläusen, Milben und Ungeziefer vor, die über die Jahrzehnte in den Federn ungestört Familiendynastien gegründet hatten. Im Stillen beschloss ich, die uns aufgezwungenen 80er-Jahre-Regeln, sooft es ging, zu brechen. Überhaupt, das waren doch die wahren 80er! Dagegen sein und Opposition sein, alles verweigern, wozu man von der Gesellschaft gezwungen wurde – und wenn die Gesellschaft auch nur aus den beiden besten Freundinnen bestand. Demonstrativ griff ich in die Hosen­tasche und zerknüllte mit verschwitzten Fingern den Zettel mit Regeln, den Anna und Sarah uns mitgegeben hatten. Allein diese Vorschriften machten diese Reise zu meinem persönlichen Alptraum:

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Kein, kein, kein. Alle geselligen und freudvollen Buchstaben waren den Mädels offensichtlich aus dem Alphabet gefallen.

Zumindest durften wir abends Rotwein trinken, wenn unsere Kasse das denn erlaubte. Die hatten sie uns auch schon abgezählt. Irgendwas von fünfundzwanzig Euro pro Tag hatte Nele mir zugenuschelt, weil wir früher immer mit fünfzig Mark pro Tag ausgekommen waren. Zu DRITT! Dabei durfte ich im Grunde gar nicht entrüstet motzen, denn schließlich war es meine Schuld, dass wir diesen schrottigen R4 beluden. Beim letzten Weihnachtsfest hatte ich naiv und angeschickert diese unheilvolle Geschichte angestoßen. Wie bei einem Trauma stiegen die Bilder jetzt in mir hoch, so dass ich erschöpft meine Hände sinken ließ und dem gespenstischen Spektakel in meinem Inneren folgte.

Wie jedes Jahr hatten wir auch im letzten Weihnachten zusammen gefeiert. Nele, Renate und ich, zusammen mit Kindern und Familien. Schön war es gewesen. Der Baum, die Kerzen und der Tisch voll mit allem, was ganz schnell auf all die Hüften will. Als ich mein Geschenk von Anna auspackte, konnte mich nichts mehr halten, denn Tannenbaum-Sentimentalität, Sekt, Rotwein und zu viele Schnäpse hatten mich übermütig gemacht. Ihr Geschenk, ein wunderschönes Tagebuch, erinnerte mich an die hundert anderen Tagebücher, die ich in meiner Jugend vollgeschrieben hatte. Natürlich hatte ich alle aufbewahrt. Still ruhten sie mit ihren Geschichten in einer Holzkiste, und ich hatte sie seit Jahren nicht mehr aufgeschlagen. Aber alle am Tisch wussten von den Büchern, denn in ihnen war die gesamte Freundschaftsgeschichte dokumentiert und mit Fotos und Bleistiftzeichnungen zusätzlich geschmückt. Jahr für Jahr konnte man sich durch die einzelnen Phasen unseres Lebens lesen, den Lieben, den Trennungen. Eintragungen, die von Umzügen, Neuanfängen erzählten, Schwangerschaften, Geburten, dass Anna als Kind am liebsten Frischkäse gegessen hatte und dass Sarah bei der Einschulung krank geworden war. Die Bücher waren das Archiv unserer Freundinnen-Wahlfamilie.

»Ich zeig euch was!«, hörte ich mich jetzt noch sagen und stöhnte dabei leise auf. Im Sektdämmer hatte ich nämlich gesucht, und schließlich holte ich die alte Holzkiste hervor, klappte sie auf und: »Da sind sie ja! Schaut mal, das ist das Tagebuch von 1981, als ich mit euren Müttern Urlaub machte! Südfrankreich, wir drei unterwegs in einer roten Sardinenbüchse. Schaut nur mal, der klapprige R4! Das Motorenlämpchen stand permanent auf Rot.« Alte Fotos flogen zusammen mit Bleistiftzeichnungen und gepressten Blumen aus dem Buch. »Himmel, und all diese poli­tischen Statements auf dem Wagen! Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt! Frauen nehmen Frauen mit … und da«, ich brüllte fast vor Lachen. »Da seht ihr, wie alt die Kiste war …«, mein Finger tippte amüsiert auf ein Foto, das Nele überhitzt im Wagen zeigte. »Nele zappelnd im Wagen, weil die Beifahrertür klemmte … er­innerst du dich, Nele, du musstest dich von innen gegen die Tür stemmen!« Wir alle lachten los, und ich nahm leider noch ein paar Schlucke Wein. »Ach, herrlich war das!«, hatte ich ausgerufen. »Mit Zelt und Rucksack und Isomatte, und ach Gott, diese ganze Büchsenkost, die wir damals aus Deutschland mitgenommen hatten – schaut mal die Skizze hier.«

Die Skizzen malte ich damals immer dann, wenn es etwas zu fotografieren galt, denn Fotoapparate fand ich spießig, sie waren für mich ätsch, so sagte man damals, wenn etwas ein ­totales No-Go war. Auf einer dieser Zeichnungen hatte ich festgehalten, mit welchem Trick Renate unsere Lebensmittel kunstfertig vor den Ameisen gerettet hatte, und auf einer anderen war Nele, die ihre Arme protestierend in die Hüften stemmte. »Sicher hatte ich wieder das Zelt nicht aufgeräumt«, erklärte ich feixend, warum Nele so grimmig auf dem Foto war. Beim Zelten wurde ich schnell zu einem Ferkel, weil ich Zelten nämlich noch niemals wirklich in meinem Leben mochte. Klar, damals hatte ich es mitgemacht, weil man damals eben so reiste, aber später habe ich nie wieder eine Zeltwand angefasst. Auch dass meine Autos komfortabel sind, ist mir wichtig, weil wir früher immer nur Schrottlauben unter dem Hintern hatten, in denen man nicht nur unbequem saß, sondern die auch dauernd stehen blieben. Von meinem damaligen VW waren einmal alle vier Reifen gleichzeitig abgefallen, was aber immerhin dazu führte, dass drei hilfs­bereite Studenten um mein Auto herumsprangen. Wir hatten ja auch die Zeit, vieles auszuprobieren. Niemand war permanent online, und wenn man jemanden anrufen wollte, dann musste man sich durchsetzen und erst mal mit Geschwistern oder WG-Genossen ums Telefon streiten, oder man zog los, um eine Telefonzelle zu finden.

»Meistens war aber kein Telefonbuch drin«, erinnerte sich Renate.

»… oder die Zehner fielen durch«, warf Nele ein.

»Oder man war gerade klamm, und dann telefonierte man eben mit ausländischen Münzen, die vom Apparat als Zehner angenommen wurden.«

»Wisst ihr noch, dass wir oft kein Geld hatten und kaufen mussten, was es eben gab?« Nele zeigte grinsend auf ein Foto von einer Steige Honigmelonen, die Renate in Frankreich für unser letztes Geld erstanden hatte, obwohl niemand außer ihr Honigmelonen mochte.

»Die Dinger haben im Auto fast gekocht und süßklebrig gestunken!«, rief ich. »Irgendwann bin ich ausgestiegen und habe so lange protestiert, bis die Obstkiste auf einem provisorisch gebauten Dachgepäckträger festgegurtet war. Heute hält man dich mit so was an der nächsten Ecke an.« Alle am Tisch lachten johlend auf.

Es war unglaublich, dass uns damals nichts passiert war, und ich war froh, heute ein solides Auto mit ausreichendem Kofferraum zu besitzen.

»Im Jahr darauf wollten wir eigentlich nach Italien. Aber daraus ist ja nichts geworden, denn auf einmal habt ihr euch angemeldet.« Ich warf den beiden schönen jungen Frauen an unserem Tisch einen Blick zu. »Erst Sarah und dann Anna und später kamen Philipp und Oliver. Wir haben noch oft von dieser verpassten Reise gesprochen, aber nie mehr gemeinsam Zeit dafür gefunden, und ohne die anderen wollte keine von uns los.«

Diese alberne Leichtigkeit, die uns damals verbunden hatte, die verrückten Partys, das Lagerfeuer auf der Madenburg, die Liedermacherfestivals, Frauenfrühstücke und Teerunden in den WGs, die gab es jetzt nicht mehr. Sie waren untergegangen mit der alternativen und frauenbewegten Zeit. An diesem Weihnachtsabend kochte der frühere Spirit dieser längst vergangenen Tage wieder hoch. »Tja«, sagte ich in einem Anfall von Wehmut, den ich mir rückblickend nicht erklären konnte, »schön war die Zeit.«

»Und deine Mutter«, sagte ich zu Anna, »die hatte es damals faustdick hinter den Ohren, mit ihren roten Locken, den strahlend blauen Augen und dem pfälzisch-französischen Oh, là, là! Sieh mal dies Foto von ihr, leicht entflammbar, habe ich darauf notiert.«

Müde erinnerte ich mich jetzt, dass ich damals erneut von dem roten Wein getrunken hatte, ein weiterer Grund, warum ich jetzt in lilafarbenen Malerhosen leiden musste.

»Komm, du hast doch auch geflirtet!«, hatte Renate empört von sich abgelenkt, und die Zeichnung wanderte ein bisschen zu schnell wieder in die Kiste.

»Na, na, na«, wackelte ich rotnasig mit dem Kopf, und Wolfgang drohte mir neckisch mit dem Finger. Ja, ich hatte gerne geliebt und auch viel, aber jetzt war ich froh, dass es nur einen gab. Mit Mitte dreißig hatte ich mich in Wolfgang verliebt und war in vermeintlich ruhigere Liebesgewässer eingelaufen, dabei hatte ich noch nicht gewusst, dass besonders in ruhigen Teichen heftige Strudel einen überraschen können. Es fühlte sich an, als ob ich auch nach fünfzehn gemeinsamen Jahren noch gut damit beschäftigt war, diese Beziehung wirklich zu verstehen.

»Und ich?«, rief uns Nele vom Herd aus zu und stach mit einer Gabel in die Gans. »Was ist mit mir?«

»Du warst und bist unsere gute Seele«, lächelte ich gerührt zurück.

Dann erzählte ich immer weiter, weihnachtlich und tantenhaft, mehr von diesem einmaligen Urlaub im Frankreich von 1981, mit dem wenigen Geld, dem schlechten Essen, auf Isomatten in einem viel zu kleinen Zelt, und dass ich die schöne Zeit »… bis an mein Lebensende nicht vergessen werde«!

»Und heiß war es im Sommer ’81, so heiß …«, ergänzte Nele und stellte die dampfenden Knödel auf den Tisch.

»So heiß, dass wir uns im Auto gegenseitig mit Sprudel übergossen haben«, vollendeten Renate, Nele und ich den Satz im Chor.

Ein wunderbarer Abend war es gewesen, ein Weihnachtsfest, wie es sich gehört, mit Sentimentalitäten, Lachen und verdrückten Tränen, die mit vielen Gläsern Rotwein aufgefangen werden. Und dann ist auch schon der erste Weihnachtsfeiertag, Familienbesuche stehen an, und mit dem emotionalen Rausch ist es vorbei.

Weihnachten und die Tagebuchkiste hatte ich längst vergessen, als Nele, Renate und ich im Frühjahr darauf Geburtstag hatten und zusammen hundertfünfzig wurden. Eine große Party in einem buntgeschmückten Naturfreundehaus, tief im dunklen Pfälzer Wald, mit vielen bunten Päckchen auf der Wiese. Anna und Sarah hatten sich zu Zeremonienmeisterinnen erklärt und schon Wochen zuvor sehr geheimnisvoll getan. Ein großes Geschenk stand an, das hatte man uns verraten, eines, das es nicht so oft im Leben gibt. Dieser Satz hatte mich sofort misstrauisch gemacht, weil große Geschenke sehr oft belastend sind, und zwar für diejenigen, denen man sie überreicht. Ich hatte mich aber nicht übermäßig damit beschäftigt, sondern mir einge­redet, dass in der Regel nichts so heiß gegessen wird, wie man es kocht.

»Alle mal herkommen!«, rief Sarah dann am Jubeltag und ließ mitten im Sonnenschein das Weihnachtsglöckchen läuten, das sonst nur unter dem Tannenbaum zum Einsatz kam. Gleich darauf tönte Maria Farantouri aus einem der Lautsprecher, die in den Bäumen hingen, und eine dunkle Vorahnung stieg in mir auf, dass sie nicht umsonst zu meinem Fünfzigsten mit griechischer Schwermut sang. Als alle Gäste um uns in einer Runde standen, die jede ehrliche Reaktion verbietet, zog Anna ein Tuch vom Tisch, unter dem sich Geschenke und gerollte Dokumente häuften. Licht aus! Jaa! Spot an! Jaa! Alle Augen waren auf uns gerichtet. Geschenke zum Fünfzigsten können nur bescheuert sein, weil Freunde und Töchter sich dafür viel zu viel überlegen. Noch ehe ich abhauen konnte, bekam ich mit großer Geste eines der Päckchen überreicht, die mit Trudi gekennzeichnet waren. Etwa siebzig Augenpaare bündelten sich bei mir. O Gott, dachte ich, lass es nicht zu schrecklich sein, aber mich traf dann doch der Schlag, weil sich nämlich ein Paar ausgelatschte Birkenstocksandalen aus dem bunten Geburtstagspapier schälten. Zum Glück hatten auch Nele und Renate ihre ersten Geschenke in der Hand, das heißt, die Augenpaare wanderten weiter, und es brauchte nicht viel, um zu begreifen, dass nicht die Geschenke im Vordergrund standen, sondern offenbar ein Konzept.

»Sisal!«, jubelte Renate und begann sofort mit Tränen der Rührung in den Augen, Geschichten von Salzteig und Blumenampeln aufzuwärmen. Nele hielt eine alte gebatikte Frauenflagge in die Luft. Die Flagge hatte ich mit einundzwanzig genäht, daran erinnerte ich mich noch genau. Voller Elan und Tatendrang hatte ich mich nach einer durchdiskutierten Nacht im Morgengrauen an die Nähmaschine gesetzt und dieses Teil aus einem schlampig gebatikten Bettlaken genäht. Die Ränder der Flagge waren demütigend krumm, und das runde Frauenzeichen in der Mitte zeigte eine leicht besoffene Form. Ich hatte das Teil seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

»Wo habt ihr die denn her?«, fragte ich Anna und Sarah, nichts Gutes ahnend, wenn sie in irgendeinem Keller schon die Fahne gefunden hatten. Aber anstatt brav die Tante aufzuklären, übergingen sie meine Frage. Es blieb also spannend und mir nach und nach die Spucke weg.

Wir öffneten weitere Päckchen, und immer mehr Plunder trat zutage. Alles altes, modriges Zeug, das ich schnell als authentische Habseligkeiten der 80er identifizierte. Eine Brieftasche aus Kamelleder, die auch jetzt noch grässlich stank. Ein Füllermäppchen, das aus einem alten Drum-Tabaksbeutel gebastelt war. Drum und drum herum. Eine Hose, deren Beine in Fransen gerissen waren. Schmuck, den wir dereinst gebastelt hatten, und alte Silberzwiebelgläschen, die uns früher als Campingaschenbecher dienten, wurden jetzt juwelengleich bestaunt, und das, obwohl kaum ein Mensch mehr raucht. Sogar die verbeulte Niveadose hatten sie gefunden, die damals im Frankreichurlaub unsere Haushaltskasse gewesen war. »Ich werd verrückt!!« Renate hielt die Dose wie eine Trophäe in die Luft, doch längst waren unsere Partygäste in ihre eigenen Geschichten von damals vertieft, und Erinnerungen ploppten auf wie Sektflaschen, die zu lange in der Sonne gestanden haben. Ein Gemurmel stieg über den Köpfen auf, das hauptsächlich aus Satzfetzen wie »Damals haben wir …«, »Spontigruppe«, »Demo«, »Ostermarsch« und »Frauenfrühstück« bestand. Wie ein Lauffeuer breitete sich die Geschichte aus, und alle tauchten ein und ließen sich in ihre eigene Jugendzeit entführen. Das ist der passende Moment, um diese Party zu verlassen, dachte ich für mich und erhob mich von meinem Hocker, der zu einer Campingausrüstung gehörte, wie ich angstvoll registrierte.

»Hiergeblieben!« Anna drückte mich wieder auf meinen Platz und ließ das Glöckchen erneut erklingen. Sie zeigte bedeutungsvoll nach vorn. Das Gemurmel wurde still, und alle schauten gespannt zu Sarah. Sie stand vor einer Leinwand, die ich bis dahin gar nicht bemerkt hatte. Nach einem kurzen Nicken wurde das erste Bild auf die Fläche projiziert. Ich erkannte einen alten R4 in feurigem Rot. Ein paar der Gäste klatschten lachend in die Hände. Ich ließ eine Kette durch meine Hände gleiten, als wäre es ein Rosenkranz. Heilige Mutter, steh mir bei, vergib mir meine Sünden, auch die Hochnäsigkeit gegenüber meinem Kollegen Paul, den ich noch immer für ein Arschloch halte. Das war nicht gut gebetet, denn es folgte eine bunte Präsentation mit vielen Bildern, die ganz klar eine Reiseroute zeigte, und zwar von Landau über Basel in die Emilia-Romagna, eine der schönsten Regionen Italiens.

Sarah hielt gut sichtbar eine Postkarte in die Luft, die aus den 80ern stammen musste. War das nicht Renates Schrift?

»Diese Karte«, erklärte Anna nun der Runde, »hat Renate mit zwanzig Jahren geschrieben.« Sie las die Zeilen laut vor.

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»Das hat 1982 aber nicht geklappt.« Mit einem breiten Grinsen sahen alle zu Sarah hin.

»Und was ist das für ein Zelt?«, stotterte ich trotz der Spannung, die sich gerade aufbaute. Schlimmes ahnend, stemmte ich mich aus dem Sitz und zeigte zu einem neuen Foto hin, das ein Zelt zeigte, nicht größer als für drei Personen.

»Deswegen möchten wir euch jetzt, zu eurem hundertfünfzigsten Geburtstag, endlich …«

Anna schien wie ein Karpfen unter Wasser zu blubbern. Obwohl der Rest des Satzes wichtig für mich war, konnte ich kein Wort verstehen, weil jemand Hannes Wader auf einen alten Schallplattenspieler gelegt hatte und seine Balladen nun aus den Boxen jagten. Waders Heute hier, morgen dort dröhnte in ohren­betäubender Lautstärke durch den Pfälzer Wald. Das Blattwerk zitterte, und ich zitterte mit, und erst als die Arschkriecherballade begann, erbarmte sich jemand und stellte die Musik wieder ab. Weder Nele noch Renate erkannten meine Angst. Beide waren ganz verzückt und verliebt in die Sachen, die sie weiter aus den Päckchen zogen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Renate ein Bürstchen und ein Farbtöpfchen bestaunte, mit dem wir uns ­früher gegenseitig Wimpern und Augenbrauen gefärbt hatten. Die verpatzten dunklen Ränder standen einem noch wochenlang im Gesicht. Jetzt war natürlich alles nur noch »schööööön«!

»Renate, den hast du doch gemacht!«, erinnerte sie Nele selig, als sie sich einen silbernen Armreif überstreifte, der einst ein Suppenlöffel gewesen war. Anno 1981, als Renate mit platt­ geklopptem Silberbesteck Geld verdienen wollte. Damals hatten unsere Großeltern das alte Silberbesteck ausrangiert, weil WMF viel schönere Modelle hatte, deren Legierung geschirrspül­maschinenfreundlich war. Auf Bergen von Silberbesteck hatten wir gesessen. In Frankreich hatte Renate unsere mitgenommenen Löffel in letzter Not zu Schmuck geformt, weil die fünfzig Mark pro Tag für drei eben doch nicht reichten, die wir für Sprit, Zeltplatz, Nahrung, Wein und Zigaretten bemessen hatten. »Was ist jetzt mit dem Zelt?«, wiederholte ich mich zitternd.

»Ich glaub«, rief Wolfgang voller Begeisterung, »das wird in diesem Urlaub dein Zuhause sein.«

»Wie? Ich kapier grad nichts«, versuchte ich mich zu winden, obwohl ich gerade sehr gut verstand. Noch nie hatte ich etwas schneller verstanden als dieses faule Überraschungsei. Das perfekte Geschenk für drei Freundinnen, die 1982 eine Reise verpasst haben: ein Urlaub in die Vergangenheit! Davon werden noch eure Ur­enkel erzählen, ist häufig der nächste Satz. Ich würde keine Urenkel bekommen, die was erzählen wollten, folglich konnte ich auch gehen. Aber nun tauchte ein großer Karton auf, angefüllt mit beschrifteten und unbeschrifteten Audiokassetten. Alle, wie Sarah stolz berichtete, auf diversen Dachböden, in Kellern und Schränken zusammengesucht. Herman van Veen, Grupo Sportivo, John Denver, Ton Steine Scherben, Bob Dylan, Patti Smith, Georg Danzer, Wolfgang Ambros, Jim Croce, Klaus Hoffmann, Konstantin Wecker, Fredl Fesl und, nicht zu vergessen: Bettina Wegners Sind so kleine Hände. Unsere Jugend war noch von den 70ern inspiriert, Balladen und Lieder mit Appell waren unsere Vorzugsware. Und wir liebten auch die Blödelbarden. Kinder und Kleintiere liegen mir nicht war damals der Gegensong zu den weg­nerischen kleinen Händen gewesen.

»Von wem war das Lied noch mal?«, stupste ich Renate an.

»Ulrich Roski. Der ist auch schon tot.«

»Genau, und deswegen müsst ihr die Reise machen.« Mit diesen Worten wurde uns der Autoschlüssel überreicht, der auf der Musikkiste lag. »Wir schenken euch ein Auto mit allem Drum und Dran. Einen R4, ganz original. Ihr müsst endlich den Italienurlaub nachholen, den ihr für 1982 geplant hattet. Und zwar genau so wie damals. Das ist unser Geschenk, wir haben alles vorbereitet – hey, ihr werdet noch mal jung!«

Hey – fühlte ich mich vielleicht jung, auch wenn ich wechseljährig war!

Und jetzt stand ich hier. Am helllichten Tag in Latzhose und vor einem wilden Durcheinander. Flink duckte ich mich weg, als ich eine Nachbarin aus dem Haus treten sah. Jetzt wäre eine Burka gut gewesen, Feminismus hin oder her. Himmel, Arsch und Zwirn! Dieses T-Shirt! Wie es biss und juckte! Das mussten die Milben aus dem Schlafsack sein. Noch eine Sekunde, und ich riss mir das Shirt vom Leib.

»Ich hasse Milben!«, schrie ich Nele durch das Fenster in den Wagen an. Wütend trat Nele von innen so fest gegen die Tür, dass sie aufflog und ich vor Schreck einen Schritt zurücksprang. »Jetzt aber!« Nele gebot mir energisch, endlich Platz zu nehmen. Gequält und müde ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen, der seine besten Zeiten auch schon längst hinter sich hatte. Braunes Kunstleder.

»Wir werden auf diesem Plastik festkleben«, drohte ich ihr. »Damals hatten wir noch keine Klimakatastrophe, es war lange nicht so heiß wie heute. Die Sitze werden schmelzen, und dann sitzen wir fest. Lass uns bitte schnell noch eine ADAC-Versicherung abschließen, damit uns jemand aus dem Plastik schweißen kann.«

Nele zeigte mir einen Vogel.

»Wir werden liegenbleiben, und du wirst dich ärgern«, prophezeite ich. »Mit Sitz am Hintern.«

Ich kannte die Gefahren dieser frühen Wagen. Mit neunzehn hatte ich einen VW in Gelb besessen, den meine Eltern liebevoll »Kanari« nannten, weil sein Keilriemen so anrührend zwitscherte, wenn es einen Wetterwechsel gab.

Dass der Wagen überhaupt ansprang, war eigentlich unfassbar. Nele musste eine Handvoll Viagra in den Tank geworfen haben.

»Das ist eine Pistolenschaltung, kannst du damit noch umgehen?«, fragte ich etwas ängstlich, aber Nele konnte auch das. Als sie den Gang endlich eingelegt hatte, drehte ihre Hand im Blindflug am eingebauten Radio. Ein dichtes Rauschen war die Kon­sequenz. »Such du mal!«, forderte sie mich auf. Aber die dürre Antenne, die man links am Kotflügel herausziehen musste, hatte nur einen erbärmlichen Empfang. Außerdem kamen nur däm­liche Programme mit angeblich bester Oldiemusik. Es quälte mich, wenn man Rio Reiser und die Scherben gemeinsam mit No milk today in Schleifen dudelte. Aber für das provisorisch befestigte Kassettendeck, das klackernd vor sich hin wackelte, mangelte es uns an Kassetten. Die waren noch bei Renate, und vor ihrer persönlichen Mischung graute mir schon jetzt.

»Gibt’s denn im Radio nur noch Scheiß?«, schimpfte ich auf das Radio ein, das ja nichts für die überdrehten Moderatoren konnte. Schnell drehte ich die akustische Umweltverschmutzung ab und sah mich ein bisschen um. Das hier waren wirklich die 80er! Alles original, und alles entsprechend durchgesessen und abgewetzt. Sogar einen ausziehbaren Aschenbecher hatte das Gefährt. Unglaublich! Und der Zigarettenanzünder konnte noch wirklich etwas entflammen und war nicht als Stromquelle gedacht. Wie weit weg das alles war! Ich hatte die Zeit vor Servolenkung, Klimaanlage und Zentralverrieglung bereits komplett verdrängt.

»Von wem ist das Auto noch mal?«, erkundigte ich mich gegen das Scheppern des Motors.

»Von einem Onkel von Carlas Mutter, einer der besten Freundinnen von Sarah.«

»Und handelt der Onkel einer Mutter von Sarahs bester Freundin professionell mit Schrotthaufen, oder ist er mit dem Wagen einfach nur behilflich, wenn sich jemand das Leben nehmen will?«

Noch immer versuchte ich mich anzuschnallen, aber es gelang mir nicht. War doch mir egal, wenn wir angehalten wurden. Lustlos klemmte ich den Gurt unter meinen Arm.

»Nur damit du es weißt, ich bin NICHT angeschnallt!«, brüllte ich gegen die vielen Geräusche an. Meine Stimme klang wie Gegacker, denn der Sitz federte bei jeder Unebenheit der Straße nach. Früher waren auf diese Art Wehen eingeleitet worden. Von uns dreien war aber keine schwanger, und es war nicht absehbar, dass eine es noch mal werden würde. Viel wahrscheinlicher war, dass bei dieser Reise die eine oder andere Gebärmutter aus ihrem Gehäuse fiel. Vorsorglich zog ich die Latzhose etwas hoch.

»Nele, Schätzchen, und so wollen wir nach Italien?«, startete ich einen neuen Versuch.

»Irrtum«, wurde ich sofort berichtigt. »Wir dürfen nach Italien, und es wird eine wunderbare Zeit! Nun freu dich doch ein bisschen!«

Nun freu dich doch ein bisschen …

Ich freute mich ja. Und zwar genau in dem Maß, in dem ich Mottopartys für überflüssig hielt. Alles zu seiner Zeit, dachte ich und hoffte im Stillen, dass dem R4 auf den ersten Kilometern die Luft ausging und wir schon bald in einem gemütlichen Miet­wagen sitzen würden. Vorsichtshalber hatte ich, den heiligen Regeln zum Trotz, heimlich ein Verzeichnis mit guten Hotels in meinen Rucksack gepackt.

»Ob Renate schon ungeduldig ist?« Auch Nele zog sich an einer Ampel die Latzhose zurecht. Ich vermutete, dass ihr Baumwollschlüpfer kniff.

»Keine Sorge, Renate wird sich schon die Zeit vertreiben. Sicherlich fängt sie gerade den Sauerteig ein und passt auf, dass Hefe und Kefir sich nicht zanken.«

Denn die mussten ja auch alle mit, das hatte man mir gesagt. Und sicher wurden noch ein paar Joghurtkulturen eingepackt, denn die durften des Nachts nicht fehlen. Hübsch in Gläschen mit Milch, und dann rein in den Schlafsack und Klappe halten, denn ab jetzt wird gegärt!

Butter, Käse, Joghurt machen – all das hatte Renate damals in ihrer Studenten-WG aus dem Effeff gelernt. Ich erinnerte mich sehr gut an die Emailleschüsseln, Laken und Siebe, mit denen sie sämiges Zeug produzierte, auf dem immer eine weißlich-gelbe Flüssigkeit stand. Allein die Erinnerung daran brachte mich zum Würgen. Die Sache mit dem hausgemachten Kefir war nicht besser. Oft hatten die Kefirpilze Namen, wie Hermann oder Harald, was sie einerseits nicht wohlschmeckender machte und andererseits aufzeigte, dass die Emanzipation noch nicht im Kühlschrank angekommen war, denn dann hätte Harald Heike heißen müssen. Harald und Hermann wohnten in alten Kaffeetassen, wurden mit etwas Milch und Wasser angefüttert und gärten dunkel und kühl zu kleinen Klumpen, die ebenfalls in einer weißen Brühe standen.

»Dass eins klar ist«, erklärte ich mit bebender Stimme, »ich nehme kein Gläschen mit ins Bett! Ich passe ja schon selbst kaum in die Daunen.«

Noch dreißig Kilometer bis Landau. Dort würde Renate zu uns steigen. Und von dort ging es weiter gen Italien. Nur was diese Reise betraf, bereute ich meinen kinderlosen Zustand. Eine Tochter wäre jetzt hilfreich gewesen. Eine Tochter, die dem kreativen Schub ihrer Wahlcousinen energisch entgegengetreten wäre: »Nee, lasst das mal. Wir schenken unseren Müttern ein verlängertes Wochenende in einem schicken Wellnesshotel, inklusive Gesichts- und Cellulitebehandlung. Überhaupt – Schlafsack und Isomatte, das halten die Hüften doch gar nicht mehr aus. Das wird nur teuer, und zwar für uns!«

»Brav, Kind«, hätte ich sie gelobt und ihr das Geld für eine schöne Handtasche zugesteckt. »Du und ich, wir sind eben vom selben Blut.«

Ich hatte aber keine Tochter, weil ich als Einzige von uns dreien immer geblutet hatte, sprich niemals schwanger geworden war. Keine Tochter und kein Sohn, der sich über den technischen Zustand des R4 mokierte. Was Familienmitglieder anging, hatte ich nur eine Mutter, die verwundert ihren achtundachtzigjährigen Kopf schüttelte, und einen Mann, der das Geschenk bombastisch fand.

»Mach doch wenigstens mal die Lüftung an«, forderte ich Nele auf, weil mir der Schweiß bereits in Strömen lief, doch aus den Lamellen kam nur ein leises Sirren, das den Mief lauwarm und schwül zu einer heißen Suppe quirlte. Mit flacher Hand wedelte ich mir etwas Kühlung zu.

Nele hingegen tat, als sei sie frisch und proper. Wie eine junge Wilde legte sie den R4 und damit auch uns gefährlich in die Kurven. »Saach ma«, begann sie schief in einer Kurve liegend, »wie hieß noch mal der Typ, mit dem Renate damals in dieser Kooperative angebandelt hatte?«

»Keine Ahnung.« Wären wir hübsch daheim geblieben, hätte ich in einem meiner Tagebücher forschen können, aber nun war ich vollauf mit Selbsthypnose beschäftigt, damit mein Magen nicht überreagierte. »Hieß der nicht Angelo Branduardi?« Ich summte ihr zur Veranschaulichung La pulce d’acqua vor, das 1981 das gewesen war, was man heutzutage einen Sommerhit nannte. »Oder war es der Albano von Romina Power?« Zur Orientierung summte ich nun Felicità, was nicht nur 1982, sondern zu jeder Zeit ein Scheißsong gewesen war. Gut, dass die beiden sich getrennt hatten.

Nele lachte so heftig los, dass der Wagen gefährlich ins Schlingern kam. Ihre Augen strahlten, und ich liebte sie in diesem ­Augenblick wirklich sehr. In ihrem Gesicht entdeckte ich das Mädchen, das ich mit vierzehn bei einer Jugend-Theatergruppe kennengelernt hatte. Bis dahin war allein Renate meine beste Freundin gewesen, seit unserem fünfzehnten Geburtstag waren wir jedoch zu dritt. Schulzeit, Elternstress, erste Liebe, Beziehungen, Uni, WG-Erfahrung, Hochzeiten, Kinder und Scheidungen – mit diesen beiden Frauen verband mich mehr als mit dem, was man Familie nennt.

»Also«, bohrte Nele erneut los und lächelte verschmitzt, »wie hieß denn der Jüngling? Komm, ich weiß, dass du es weißt. Oder dich mit etwas gutem Willen daran erinnerst.«

»Maurizio«, antwortete ich. »Er war zwanzig und wollte Filmemacher werden.«

Maurizio. Der wäre es gewesen, las ich in Neles Blick. Kurz vor dem Studium war Renate nach Italien gefahren und hatte dort in einer alternativen Kooperative ausgeholfen. Mit ein paar jungen Italienern hatte sie ein verlassenes Haus instand gesetzt, längst vergessene Felder gepflügt und reife Tomaten eingekocht. Sie lernte dort Italienisch und lebte einen Traum. Heute ärgerte ich mich, dass ich damals nicht mitgefahren war.

Zurück in Deutschland, hatte Renate bald ihren Paul getroffen, und dann wurde Anna geboren, dann Philipp, dann kam die Trennung, und später folgte noch so eine Liebesstory, die uns den süßen Olli schenkte. In so ein Frauenleben passt viel Liebe, dachte ich für mich, da kann man einiges erleben, das Süße wie das Bittere. Renate hatte von Maurizio nie wieder etwas gehört und ihm auch selbst nie geschrieben. Vergessen hatte sie ihn ­sicher nicht. Eine Liebe in Italien – der Traum einer jeden halbwegs normalen Frau.

»Die 80er – das waren Renates wilde Jahre«, erinnerte sich Nele. »Mensch, die war doch wie eine Marilyn Monroe, die aus Versehen in Landau gelandet war.«

»Dort aber in der prominentesten WG! Ich sage nur: Fabian!«

Fabian. Politikstudent, lange Haare, offenes Hemd, breites Grinsen und immer umgeben von etwa zweihundertfünfzig weiblichen Nacktschnecken, die sich an diesem Lächeln festgesaugt hatten. Auf Renate war er wenigstens richtig abgefahren. Sie hatte er sich vom Mund geklaubt und tatsächlich geküsst.

»Wieso eigentlich Maurizio? Wir sollten Fabian finden.«

»Hab ich bereits«, gab Nele ganz unerwartet zu und schaltete dabei so heftig, dass das Getriebe wiederholt gequält aufjaulte. »Er war in der Dreißig-Jahre-Abi-Zeitung abgebildet.« Sie blickte schräg zu mir herüber und knirschte weiter mit der Kupplung. »Keine Haare mehr, zwei Kinder, Job als Streetworker und Mitglied in einer Alte-Herren-Tischtennismannschaft.«

»O Gott«, stöhnte ich auf und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, schleunigst das Thema zu wechseln.

Das war nicht der Fabian, den ich sehen wollte. Und Renate hatte sicher auch andere Bilder im Kopf, etwa die, wie sie am WG-Tag rund um den Küchentisch saßen, Tee aus kleinen braunen Tonkannen einschenkten und aus kleinen braunen Bechern tranken, dazwischen kreiste ein Joint für alle. Zu Besuch kommen durfte nur, wer die Zustimmung aller Mitbewohner hatte. Nele und ich hatten Glück und bekamen den Segen von Fabian, dem damals noch langhaarigen WG-Fürsten. Das war vor unserer eigenen WG gewesen.

»Vielleicht lebt Maurizio ja noch dort, in den italienischen Bergen.« Nele trat aufs Gas und überholte halsbrecherisch einen Traktor. »Das war doch irgendwo bei Bologna, oder? Auf der einen Postkarte hatte das Renate doch geschrieben.« O ja, die eselsohrige Postkarte, die uns damals in die Emilia lockte und jetzt als glasklares Ziel definiert worden war.

»Erstens hat er, da Italiener, sicher einen Haufen Kinder und ist eingewebt in ein Spaghettinetz von dicken Frauen. Und was Renate angeht, vergiss es. Sie hat von Männern die Schnauze voll.«

»Na gut«, lenkte Nele ein.

»Die letzten Beziehungen, die Renate hatte, sind alle mehr oder weniger gescheitert«, erinnerte ich sie. »Sie hat keinen Bock darauf, sich das Herz wieder brechen zu lassen, und sie sagt, sie findet es schöner allein. So ist sie auf der sicheren Seite.«

»Wann hat sie das gesagt?«, wollte Nele wissen, und ich konnte nicht antworten, weil ich mir auf einmal nicht mehr sicher war, ob sie es wirklich gesagt hatte oder ob ich das in sie hineinphantasierte.

Nele wünschte sich so sehr, dass Renate wieder eine berauschende Liebe fand. Ich wusste, dass das Thema nicht abgehakt war, auch wenn wir nicht mehr darüber sprachen.

»Warten wir ab, was die Reise bringt«, erklärte Nele energisch, und um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, streifte sie mit dem rechten Vorderrad einen Bordstein. Der R4 stöhnte bös getroffen auf, und Nele fing an, Blowing in the wind zu pfeifen.