cover

Dirk Kämper

Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust

Dirk Kämper

Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust

Die Geschichte eines vergessenen Helden aus Deutschland

© 2015 Orell Füssli Verlag AG, Zürich

www.ofv.ch

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.

Lektorat: Annalisa Viviani, München

Umschlaggestaltung und Motiv: nn & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Ghetto Fighters’ House Museum

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software, Saarbrücken

 

ISBN 978-3-280-03903-8

————

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alles noch im Dunkeln

Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Krematorium V,
Ende Februar 1944, früher Morgen

Filip Müller[1] hat die Nachtschicht, als Houstek[2] von der Politischen Abteilung hereinkommt und Voss[3] eine Liste in die Hand drückt. Voss ist Chef, hier in der V. Und nicht nur hier. Er ist Chef aller Krematorien. Houstek hingegen ist der Malchemowes, der Todesengel. Eine Liste in seiner Hand bedeutet in der Regel Tod in großem Maßstab. Voss wirft einen Blick auf die Liste, die beiden reden miteinander, Voss zuckt mit den Schultern, dann geht Houstek wieder. Voss sagt etwas, er redet in der ihm eigenen, schroffen Art und blickt dabei ins Leere. Er spricht mit sich selbst, das macht er manchmal. Müller oder irgendein anderes Mitglied des Sonderkommandos existieren für ihn meist nicht. Alle müssen dann sehr aufpassen. Bis zu dem Moment, in dem Voss einen Befehl erteilt oder Schuldige gesucht werden. Der Wechsel vom einen zum andern passiert schon mal mitten im Satz. Im Bruchteil einer Sekunde. Und dann schafft Voss sogar beides in einem Satz: Er bellt seine Anweisungen heraus und bestimmt im Voraus den Schuldigen, falls etwas schiefgeht. Wovon er wohl immer ausgeht.[4]

Aber heute geht Voss einfach los, beginnt seine Inspektionsrunde der Öfen. Filip Müller bleibt für ihn Luft. Auf dem Tisch liegt immer noch die Liste. Houstek hat sie dagelassen. Müller zögert nicht lange, geht hin und sieht sie sich an, bereit, jeden Moment vom Tisch wieder wegzuspringen. Aber es kommt niemand, und so kann er in Ruhe einen Blick darauf werfen.

Filip Müller ist Slowake. Sein Leben war vor etwa anderthalb Jahren zu Ende, als er seine Arbeit im Sonderkommando begann. Das, was sein Körper tagtäglich an mechanischen Abläufen erledigt, würde niemand ernsthaft Leben nennen wollen. Die Impulse, die sein Körper zur Ausübung seiner Arbeit braucht, kommen zwar selbstverständlich aus seinem Gehirn, aber Müller strengt sich an, diesem jegliche weitere Tätigkeit zu untersagen. Zu seinem Leidwesen funktioniert das nicht restlos störungsfrei. Ohne dass er es beeinflussen könnte, hat sein Verstand aus früheren Zeiten, als er ihn noch einsetzen konnte, eine gewisse Aufmerksamkeit beibehalten. Sei es bei Gefahren, aber auch in Momenten, in denen er meint, einen gewissen Vorteil oder gar so etwas wie Hoffnung erkennen zu können. Dann zerrt er Filip Müller immer wieder aus seiner Bewusstlosigkeit in die Dunkelheit hinaus. Aus dem einzigen Zustand, der ihn ertragen lässt, was er zu ertragen hat.

Als er in dieser Nacht die Liste gesehen hat, ist genau das wieder passiert. Ob es Gefahr bedeutet oder Hoffnung, ist auf den ersten Blick nicht so einfach zu beurteilen.

Zum Schichtwechsel sucht Filip Müller den Kontakt zu Jaacov Kaminsky, dem Kapo des Sonderkommandos. Er berichtet ihm von der Liste. Und vor allem davon, was es seiner Meinung nach bedeutet. Vielleicht schon heute Abend sollen sie kommen! Kaminsky ist nicht nur ein unerschrockener Mann, sondern auch Mitglied des Lagerwiderstands. Nach Müllers knapper Schilderung überlegt Kaminsky nicht lange: »In der III tut sich auch etwas. Weißt du was? Geh zu deinen Landsleuten, du kennst da doch welche. Sieh zu, dass sie es erfahren. Sag ihnen, dass, wenn es so weit ist und sie sich wehren, wir den ganzen Laden hier in eine Ruine verwandeln. Und sie sollen ihren eigenen Bau gleich mit in Brand stecken.« Wendet sich ab und geht. So, als ginge es darum, ein Fenster zu schließen. Oder sich die Nase zu putzen.

Kaminsky ist schon außer Sichtweite, als Filip Müller immer noch dasteht und erst einmal verdauen muss, was der Kapo ihm gerade gesagt hat. Dabei ist es doch das, was er sich seit Langem wünscht! Endlich. Es wird also doch passieren. Er hatte schon daran gezweifelt. Nun aber ist es so weit!

Filip Müller setzt alle Hebel in Bewegung, die ihm zur Verfügung stehen. Er verbreitet die Nachricht und sorgt dafür, dass es in BIIb ankommt. Doch als der Abend da ist, bleibt die Nachtschicht in ihrer Unterkunft. Was bedeutet: Nichts wird passieren. Filip Müller ist froh und erleichtert. Sie wagen es doch nicht! In den Tagen darauf macht man ihm Vorwürfe: Was für eine Panik er da verbreitet! Aber Filip Müller ist da schon längst wieder abgetaucht.

Fredy Hirsch, Blockältester der Nummer 31, tritt am Morgen nach Filip Müllers Entdeckung vor seiner Baracke ins Freie. »Seine« Baracke, das ist der sogenannte Kinderblock ganz am Ende der langen Reihe von Pferdeställen.

Es ist gut, dass der Kinderblock genau am anderen Ende des Lagers liegt, der Toreinfahrt und der SS-Wache gegenüber. So kann man die SS schon von Weitem sehen und wenn nötig Alarm schlagen, wenn sich jemand nähert. Nach dem Kinderblock kommen auf dieser Seite, der »Frauenseite«, nur noch die Latrinen- und die Waschbaracke. Dann der Stacheldraht und die Gleise, die bald fertiggestellt sein werden. Direkt gegenüber, auf der Männerseite, liegen die beiden Blöcke des Krankenreviers, ebenfalls am Ende einer langen Reihe von Baracken entlang der Lagerstraße, die eigentlich als Ställe für je 24 Pferde konzipiert waren. In die sie nun ein paar Hundert Menschen pressen. Das alles zusammen ergibt das Theresienstädter Familienlager im Lager Auschwitz II, Birkenau, wie es die Deutschen nennen.

Fredy Hirsch schlägt sich mit den eigenen Armen warm, es ist kalt hier oben im Tatra-Vorland Ende Februar, vor allem in so einer klaren Nacht wie dieser. Es ist noch dunkel, die Sonne noch lange nicht in Sicht, aber der Gong wurde schon vor zehn Minuten geschlagen. Fredy Hirsch blickt nach rechts auf die lange Lagerstraße, über die schon die ersten Schatten huschen. Das infernalische Geschrei der Blockältesten, die ihre Baracke so schnell wie möglich leer haben wollen, ist bereits in vollem Gang. An der Waschbaracke warten die ersten Kinder auf ihn, und an den zahlreichen kleinen, geduckten Schatten auf der Lagerstraße kann er erkennen, dass die nächsten schon auf dem Weg sind.

Bevor er sich zu den frierenden Kindern gesellt, wirft er wie jeden Morgen einen Blick in Richtung Westen, dahin, wo die Sonne hinter den Schloten untergeht. Soweit er dies in der Dunkelheit erkennen kann, sind sie im Moment nicht in Betrieb. Er hat immer wieder versucht, sie zu ignorieren. Aber dafür stehen sie zu nah dran, nur ein paar Hundert Meter vom Lager entfernt. Unübersehbar. Auch nachts, wenn in der Dunkelheit die Funken in den Nachthimmel steigen. Aber heute ist Ruh. Er sammelt all seine Kraft, um den Optimismus aufbringen zu können, auf den die Kinder warten.

Sie sehen ihn aus verschlafenen Augen an. Sie zittern in ihren Lumpen, steigen von einem Fuß auf den anderen in ihren zerfledderten Schuhen, von denen meist der linke nicht zum rechten passt. Überall liegen noch Schneehaufen herum, der Winter ist noch lange nicht vorbei. Der Atem steht regelrecht über den Kindern, als wäre es eine Versammlung von Rauchern. Man kann es in der Dunkelheit nicht erkennen, aber Fredy Hirsch weiß, dass ihre Lumpen trotz aller Flecken, die sich nicht mehr auswaschen lassen, trotz aller Löcher und geplatzten Nähte sauber sind. So sauber wie es überhaupt nur geht. Weitere Kinder kommen an, die meisten zwischen sechs und vierzehn Jahren alt. Fredy Hirsch grüßt mit einem lauten, strahlenden »Guten Morgen« in die Runde, was mit einem erfrorenen Murmeln oder meist gar nicht beantwortet wird. Er lächelt verlegen vor sich hin, die armen Kinder wissen natürlich, wie es weitergeht. Und das bedrückt ihn. Aber vielleicht geht es heute ja schon wieder besser? Er geht an den Kindern vorbei in den Waschraum, in dem noch nicht viel los ist. Er stellt sich an eines der Eisenrohre, das als Leitung und gleichzeitig als Wasserhahn dient. Unter den Löchern, aus denen das Wasser normalerweise tröpfelt, klebt ein milchig gelber Tropfen. Er klopft gegen das Rohr, es tut sich nichts. Draußen lächelt er wie immer, während er den Kindern erklärt, dass es zu kalt ist. Alles gefroren. Kein Wasser. Ist auch besser so, bei dem verseuchten Zeug. Fredy Hirsch befiehlt den Kindern in dem ihm eigenen, sanft schneidenden Befehlston, sich auszuziehen. Die Folge ist vielfaches Wehklagen und Maulen bis hin zu lautstarkem Protest der Älteren. Kaum eines der Kinder fängt von selber an, sich auszuziehen, Betreuer müssen überall Hand anlegen. Es ist ein zäher Kampf, aber keiner kommt davon, auch wenn er noch so laut schreit und fleht. Die Betreuer sind nicht zimperlich. Einige Minuten später stehen alle Kinder splitterfasernackt vor Fredy Hirsch. Die jüngsten weinen, während die älteren Jungen in einer Art Kampf angefangen haben, sich gegenseitig möglichst viel Schnee über die Haut zu reiben. Es sieht fast aus wie eine ernste Schlägerei. Manche der älteren Mädchen verziehen keine Miene, nur einige vergießen stille Tränen.

Fredy Hirsch muss jedes Mal schlucken, wenn er die schmalen, abgemagerten Körper sieht, die sich nackt im Scheinwerferlicht gegen die Eiseskälte wehren und die jeden Morgen bei dieser Prozedur viel zu viele der ohnehin knappen Kalorien verlieren, die sie den Tag über so dringend benötigen werden. Aber dann blickt er rüber zu einem der vielen Wachtürme, auf denen die SS-Posten mit den Maschinengewehren stehen. Er hat keine andere Wahl. Alle »seine« Kinder leben.[5] Und das wird auch so bleiben. Dass sich Fredy Hirsch so unnachgiebig zeigt und dafür auch tatsächlich bei allen Kindern als schonungsloser Sauberkeitsfanatiker berüchtigt ist, hat mehrere Gründe. SS-Männer mögen Kinder nicht, die ungewaschen und dreckig sind. Sie schicken Kinder, die mit Schorf bedeckt oder mit vor Schmutz verklebten Haaren zur Selektion antreten, sofort in den Tod. Schmutz deuten sie als Schwäche. Und die Schwachen werden aussortiert. Also ist es die Pflicht eines jeden Kindes, auf Sauberkeit zu achten. Auf die der Kleider, der Schuhe, des Körpers, der Haare. Auch wenn es noch so schmerzt, sich mit Eis abzuwaschen, und wenn man halb erfroren wieder in die klammen Lumpen muss, weil es kein Handtuch gibt.

Letztendlich betrifft die Frage der Hygiene das ganze Lager. Sie ist unter diesen Umständen die einzige Möglichkeit, über das überall drohende Ungeziefer zu siegen. Sollten Plagen oder ansteckende Krankheiten im Lager ausbrechen, löst die SS solche Probleme gern ganz radikal.

Aber Fredy Hirschs Kinder sind gesund. Ein absolutes Wunder in dieser Welt. Ein Wunder, das auf strengen Regeln basiert. Und darauf, dass Fredy Hirsch sie durchsetzt.

Er klatscht in die Hände. In Sekundenschnelle stecken alle wieder in ihren Lumpen. Fredy Hirsch lässt seine silbern glänzende Pfeife schrillen, die gewöhnlich an einer Schnur um seinen Hals baumelt. Er bekommt die Kinder schon wieder warm, da hat er keine Bedenken. Mit wenigen klaren Befehlen hat er sie in Reih und Glied gebracht und beginnt, ihnen die ersten Turnübungen vorzumachen. Sie machen mit wie immer und sind plötzlich ganz still. Voller Respekt vor dem Mann, der in ihrem Leben fast alles ersetzt, was ihnen genommen wurde: Eltern, Gott und Hoffnung.

Vom Ende aus betrachtet

Etwa ab Ende Februar 1944 werden an den verschiedensten Stellen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau konkrete Vorbereitungen getroffen, die auf eine Verlegung eines Teils des sogenannten Theresienstädter oder auch tschechischen Familienlagers hindeuten. Drei Tage später, am 8. März 1944, werden diese Vorbereitungen eine in jeder Hinsicht dramatische Zuspitzung erfahren. Eine solche Situation hat es auch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zuvor noch nie gegeben.

Die Todesmaschinerie läuft zu diesem Zeitpunkt längst auf Hochtouren, daher mag es – heute wie damals − kaum denkbar erscheinen, die Ereignisse in vergleichende Kategorien zu fassen oder gar mit Superlativen zu belegen. Aber die auf den folgenden Seiten beschriebenen Ereignisse waren auch schon für die damals Beteiligten geeignet, dem eigentlich Unvorstellbaren der massenhaften Ermordung jüdischer europäischer Bürger durch die Deutschen eine neue, noch dunklere Dimension hinzuzufügen. Aus der Perspektive der historischen Aufarbeitung tun sie dies allemal.

Im Mittelpunkt dieser Ereignisse steht Fredy Hirsch, ein junger jüdischer Deutscher aus Aachen. Ein Mann, der gerade erst 28 Jahre alt geworden ist und der bis zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderte Menschenleben gerettet hat. Wahrscheinlich geht die Zahl derer, die ihm ihr Leben verdanken, sogar in die Tausende. Bei den Geretteten handelt es sich um Kinder und Jugendliche. Dennoch hat bis heute kaum jemand den Namen Fredy Hirsch gehört.

Einer der Jungen, die Fredy Hirsch so viel zu verdanken haben, hat sehr viel später einen wunderbaren Satz geprägt: »Ich weiß nicht, ob es eine Kategorie für jüdische homosexuelle Heilige gibt, aber Fredy Hirsch verdient es, kanonisiert zu werden für die vielen Wunder, die er vollbracht hat«, schreibt 2013 »Boy 30529«, der englische Physiker Felix Jiri Weinberg,[6] der Fredy Hirsch in Auschwitz erlebt hat. Und der Menschheit einige nützliche Dinge bescherte – wie zum Beispiel umweltfreundlichere Triebwerke. Das konnte er nur tun, weil Fredy Hirsch ihm half, Auschwitz zu überleben.

Auch die gefeierte Bach-Interpretin Zuzana Růžičková verdankt Fredy Hirsch ihr Leben. Sie kannte ihn etwas näher als Weinberg und würde ihn auch nicht unbedingt als Heiligen bezeichnen. Für sie ist er aber ein »Zaddik«, ein Gerechter, »ein guter, tapferer und schöner Mensch«.[7]

Warum aber ist der Name Fredy Hirsch in den Geschichten der Nachwelt so sang- und klanglos untergegangen? Dafür gibt es mehrere Gründe, die eng miteinander verquickt sind. Tatsächlich ist die Rolle Fredy Hirschs bei den Ereignissen Anfang März 1944 bislang verfälscht dargestellt worden. Es wird behauptet, er habe in einem entscheidenden Moment der Geschichte komplett versagt. Das ist so nicht richtig. Um aber die Ursachen der Verfälschung zu verstehen, muss man weit ausholen. Am Anfang dieser falschen Überlieferung steht eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, der daran gelegen ist, die Wahrheit über Fredy Hirsch Jahrzehnte hindurch zu verschweigen. Ihr Motiv ist in den dramatischen Ereignissen der ersten Märztage 1944 selbst begründet.

Ein zweites, wichtiges Motiv, warum Fredy Hirsch bewusst dem Vergessen überlassen werden sollte, knüpft unmittelbar an deren Darstellung der Ereignisse an, weist aber anschließend weit darüber hinaus. Da Fredy Hirsch die entscheidende Zeit seines Lebens vor der Deportation in Prag verbrachte, sind die meisten der von ihm geretteten Kinder tschechischer Herkunft. In Prag will in der Zeit nach Fredy Hirsch, in der Phase des aufziehenden Kalten Krieges und im Sinne einer kommunistischen Geschichtsschreibung, jemand wie Fredy Hirsch nicht ins ideologische Schema passen. »Die führenden Funktionäre Hirsch und Jokl ... waren nicht in der Lage, den Widerstand zu organisieren, weil sie nicht die richtige politische Erziehung hatten«,[8] wird schon 1946, nur wenige Monate nach den dramatischen Ereignissen, formuliert. Diese Interpretation stellt zwar in gewisser Weise die Wahrheit auf den Kopf, dennoch hat sie sich bis in die Gegenwart gehalten.[9] Sie wird dem, was Fredy Hirsch tatsächlich vollbracht hat, in keiner Weise gerecht.

Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Reihe von Gründen, warum Fredy Hirsch bis heute bewusst übersehen wird. Und vielleicht haben die, die ein Denkmal für einen homosexuellen Helden, einen Sportlehrer ohne richtige Ausbildung − sei es in Aachen, Prag oder Auschwitz – als unpassend empfinden, ihr Ziel bald endgültig erreicht. Wenn keiner der Überlebenden sich mehr für Fredy Hirschs Ansehen einsetzen kann. Dabei spielt der Aspekt seiner sexuellen Orientierung bei dem, was er bewirkt hat, überhaupt keine Rolle. Und hätte es eine Rolle gespielt, würde es auch nichts an seinen Verdiensten ändern. »Wichtig wird das ja erst heute, uns war das damals doch ziemlich egal«,[10] bedauert eine der Geretteten mit jeder Menge Ratlosigkeit in der Stimme.

Vielleicht sind wir hier genau an dem Punkt angekommen, der uns verrät, warum wir die Geschichte Fredy Hirschs auf keinen Fall vergessen sollten. Weil wir an manchen Stellen in unserem unvergleichlich modernen Leben vielleicht doch noch nicht so viel weiter sind, als es Fredy Hirschs Zeitgenossen vor über siebzig Jahren waren.

Aber es gibt auch Hoffnung: Heute wird mit Georg Elser, dem schwäbischen Schreiner, mehr und mehr ein Mann geehrt, dessen Widerstand jahrzehntelang den Nachfahren der Täter als auch den offiziellen Widerständlern als des Erinnerns »unwürdig« galt. Es geht aber auch nicht um die Errichtung von Denkmälern, sondern darum, dass es noch einige Menschen unter uns gibt, die Fredy Hirsch ihr Leben zu verdanken haben. Sie mussten über Jahrzehnte mit ansehen und hinnehmen, dass man ihren Lebensretter ideologisch missbrauchte, schmähte und sogar diffamierte. Sie waren damals Kinder, wehrlos, schutzlos, unbedacht. Und er war ihr unverwundbarer Gott, den sie nötiger als alles andere brauchten.[11] Beide Extremperspektiven sind letztendlich falsch. Aber für die damaligen Kinder und heutigen Überlebenden ist »ihr« Fredy Hirsch bis heute existenzieller Bestandteil des Lebens, denn sie verdanken ihm ihr Leben. Sie empfinden es auch heute als Erwachsene als ihre moralische Pflicht, ihm – wenn schon kein Denkmal zu setzen − zumindest ein würdiges, ehrendes Andenken zu bewahren.

Es ist der Respekt und die Hochachtung ihnen und ihrer Geschichte gegenüber, die es angebracht erscheinen lässt, den »Fall« Fredy Hirsch neu aufzurollen. Diese Klärung beinhaltet einerseits, die Abläufe zwischen dem 5. und 8. März 1944 so exakt und detailliert wie möglich zu rekonstruieren und dabei die bislang benutzten Quellen und Dokumente kritisch zu hinterfragen, zumal auch neue, bislang unveröffentlichte Informationen hinzugezogen werden können. Es bedeutet andererseits, möglichst viele biografische Daten und Fakten − sozusagen als Fundament − hinzuzuziehen. Hier wurden schon einige wichtige Vorarbeiten geleistet,[12] und immer mehr kommt an verschiedensten Stellen hinzu. Zurzeit arbeiten Autoren, Regisseure, Historiker und Geschichtsinteressierte, Lehrer und Schüler in Los Angeles, Prag, Brünn, Aachen, Pottenstein sowie in Jerusalem daran, die »Fredy-Hirsch-Story« ans Licht zu bringen.

Noch 60 Stunden: Gerüchte

Auschwitz-Birkenau, Abschnitt BIIb, »Theresienstädter Familienlager«.
Montag, 6. März 1944

Als Fredy Hirsch einige morgendliche Gongschläge nach Filip Müllers Entdeckung dem Wind auf der ungeschützten Lagerstraße trotzt, scheint sich der anbrechende Tag kaum von denen des vergangenen halben Jahres zu unterscheiden. Erste frierende Kinder kommen, Kapo-Geschrei aus allen Baracken, es ist immer noch zu kalt, das Wasser zu benutzen. Es ist wie immer. Dennoch findet sich etwas Beunruhigendes in Fredy Hirschs noch recht ungeordnet ablaufenden Assoziationsketten. Es ist das »Wie immer«. Es ist die Zeitspanne. Diese sechs Monate, die sie nun hier sind. Exakt am 6. September 1943 hat der große Transport, mit dem die Deutschen dem Ghetto in Theresienstadt junges, allzu widerspenstiges Blut entzogen haben, die alte tschechische Garnison verlassen. Einen Tag später kam der aus Viehwaggons bestehende Transport hier im polnischen Lager Auschwitz-Birkenau an. Natürlich kennt Fredy Hirsch mittlerweile die Gerüchte, die seit einigen Tagen aus den Krematorien herüberkommen. Sie bereiten die Öfen auf einen großen Transport vor. Aber Gerüchte gibt es an diesem Ort, an dem es sonst an allem mangelt, im Überfluss. Und große Transporte kommen andauernd hier an. An diesem Ort, von dem niemand in der Welt ahnt, was es tatsächlich mit ihm auf sich hat. Auch weil es wohl die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Sogar Menschen, die hier leben, die es jeden Tag vor Augen haben, weigern sich, es zu glauben.

Fredy Hirsch allerdings weiß, dass es sich nicht um Gerüchte handelt. Und alle anderen, die nun langsam aus den Baracken auf die Lagerstraße strömen, wissen es im Prinzip auch. Wobei das Wissen darum schon als außergewöhnlicher Umstand gelten kann. Einer von einer ganzen Reihe außergewöhnlicher Umstände, der sie von den anderen unterscheidet. Denn die meisten, die hierherkommen, in das Lager Birkenau, haben dieses Wissen nicht. Und wenn sie etwas ahnen, bleibt ihnen meist wenig Zeit, es weiterzugeben. Sie wissen nicht, wo sie gelandet sind, was diesen Ort ausmacht, an dem die meisten wenige Stunden nach ihrer Ankunft sterben werden. Hier, im Theresienstädter Familienlager von Auschwitz-Birkenau, weiß es jedes Kind, jeder Mann und jede Frau. Seit einem halben Jahr. Denn jeder, der nicht sofort umgebracht wird, sondern als Arbeitssklave hier bleibt, bekommt es als Erstes von denen entgegengeschrien, die schon länger da sind. Ohne Skrupel. Ohne jegliches Mitgefühl: Sieh dorthin, da geht sie durch den Schornstein, deine Familie!

Fredy Hirsch blickt Richtung Osten. Dort liegt etwa drei Kilometer entfernt die kleine Stadt Auschwitz. In unmittelbarer Nähe befindet sich das sogenannte Stammlager. Also das erste KZ, das die Deutschen in dieser sumpfigen Einöde errichtet haben. Hirsch hat gehört, dass dort alte Kasernengebäude als Unterkunft für die Häftlinge dienen. Überwiegend polnische Oppositionelle und sowjetische Kriegsgefangene sind dort untergebracht. In Gebäuden mit massiven Mauern. Und im weiteren Umkreis müssen sich noch jede Menge anderer Arbeitslager befinden, große und kleine, die alle zum Komplex »Auschwitz« zählen. Das größte dieser Außenlager ist Monowitz. Dort bauen die Deutschen mit ihren Arbeitssklaven an einem großen Chemiewerk. Und dort werden, wie in allen Arbeitslagern, die Häftlinge vor allem durch unmenschlich harte Sklavenarbeit ums Leben gebracht. Was im Einzelnen bedeutet: extrem harte Arbeit, wenig Essen, zu viel Kälte, zu viel Schläge, zu viel Krankheiten und zu viel Ungeziefer.

Hier in Birkenau, auch Auschwitz II genannt, werden zwar auch Menschen durch Arbeit umgebracht, aber im Prinzip steht etwas anderes im Mittelpunkt: Hier geht es um das Töten im großen Maßstab. Das Töten selbst ist die Arbeit, mit der absurden Variante, dass die meiste Arbeit dabei von den Opfern erledigt wird. Birkenau ist ein »Werk« der Deutschen zur massenhaften Vernichtung von Menschen.

Fredy Hirsch summt leise eines der Lieder, das er heute den Kindern beibringen wird. Er reckt seinen trotz Mangelernährung immer noch recht muskulös wirkenden Körper, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Er versucht, die wichtigen Enden der frühen Assoziationsketten wieder aufzunehmen. Mit dem Ergebnis, dass ihm klar wird, dass es an diesem Morgen nicht die Gerüchte sind, die ihn beunruhigen. Es sind die weit ernster zu nehmenden Nachrichten aus dem, was sich etwas emphatisch »Widerstand« nennt. Echten Widerstand − im Sinne von sich aktiv gegen die Deutschen wehren − gibt es natürlich nicht, zumindest nicht hier. Es geht vielmehr darum, die Dinge um sich herum im Sinne von »Überleben« zu organisieren. Dazu gehört auch, an Informationen zu kommen. In jedem einzelnen Lager Birkenaus gibt es etwas in dieser Art. In der Regel sind es gut informiere Gruppen, die über Verbindungen im gesamten Auschwitz-Komplex verfügen.

Der Fehlalarm, der über diese Kanäle vor ein paar Tagen aus Krematorium V kam, hat Fredy Hirsch beunruhigt. Das war mehr als ein Gerücht. Dass es ein Fehlalarm war, bedeutet nur, dass an diesem Tag nichts geschah. Nicht dass später doch noch etwas passieren kann. Es gibt andere Anzeichen, die dazu passen würden.

Ruhig. Ganz ruhig bleiben. Noch ist das alles nicht wirklich bestätigt. Er darf auf keinen Fall die Ruhe verlieren. Es könnte ein sonniger Tag werden, heute. Ein klarer Tag, an dem man vielleicht sogar die weißen Zacken des Tatragebirges am Horizont erkennen kann, wenn man die Augen zusammenkneift. Ein schöner Tag. In dem es um das nackte Überleben geht. Sein eigenes. Und das der Kinder. Wie immer.

Immer mehr Häftlinge strömen aus den Holzbaracken hinaus auf die »Straße«. Lumpengestalten, aber immerhin nicht in der gestreiften Häftlingskleidung. Dafür tragen alle einen roten Strich quer über ihren Fetzen, als ob jemand einen Pinsel mit roter Farbe an einem alten Lattenzaun ausmalen wollte, bis er keine Farbe mehr hergibt. Auch das gehört zu den außergewöhnlichen Umständen des Theresienstädter Familienlagers. Keine Häftlingskleidung. Keine Winkel auf der Brust.[13] Immer mehr frierende, zerlumpte Schatten hetzen jetzt an Fredy Hirsch vorbei in Richtung Latrinen- und Waschbaracke. Dahinter kommt nach ein paar Metern matschiger Freifläche der Zaun. Besetzt mit Stacheln. Geladen mit Strom. Und für den Fall, dass das zum Töten noch nicht reichen sollte, blickt der SS-Wachposten auf dem Holzturm, keine fünfzig Meter entfernt, hinter seinem Maschinengewehr gerade jetzt in seine Richtung. Aber das kann auch täuschen. Man denkt immer, dass er einen gerade anschaut. Selbst wenn man seinen Rücken sieht. Oder ihm den eigenen zuwendet.

Fredy Hirsch geht an diesem Morgen zunächst nach links, an den ersten Kindern vorbei, die ihm irritiert und auch etwas besorgt mit den Blicken folgen. Sie haben schon einige gesehen, die in dieselbe Richtung gingen, um sich im Zaun das Leben zu nehmen. Aber Fredy Hirsch bleibt kurz vor dem Zaun stehen. Links steht das große Torgebäude mit dem charakteristischen Turmgeschoss zum Greifen nahe. Die SS arbeitet an den neuen Gleisen weiter, die die Züge und die elende Rampe nun direkt bis ins Lager führen. Das, was er da sieht, straft die meisten Gerüchte im Lager Lügen. Es ist ein ganz konkretes, schlechtes Zeichen. Ein gutes Zeichen wäre es, sie würde an diesen Gleisen nicht weiterbauen. Wenn sie das große Torhaus mit dem Turm, unter dem die Züge nun bald bis ins Lager hineinfahren werden, gar nicht erst vollendet hätten. Aber so, wie es nun aussieht, wird es weitergehen. Noch effektiver, noch schneller. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Sie wollen ihre Opfer mit dem Zug so nah wie möglich an die beiden Krematorien herankarren, die er in ein paar Hundert Metern Entfernung deutlich erkennen kann.[14] Schön symmetrisch, links und rechts der Gleisachse gesetzt, dem Torbau genau gegenüber. Bedrohlich ragen die Schornsteine über die beiden Krematorien heraus und spucken tiefschwarzen Rauch. Die Kinder machen Späße darüber und sagen, weißer Rauch seien dicke Menschen, was hier allerdings eher selten vorkommt. Schwarzer Rauch dagegen seien ganz viele dünne Menschen. Tatsächlich ist der Rauch meistens schwarz und hat mit der Körperfülle nichts zu tun. Weiß ist er nur, wenn ab und an Dokumente und Fotos der Opfer verbrannt werden.

Die Hoffnung, dass die Deutschen irgendwann nachlassen mögen, dass sie nicht mehr können oder nicht mehr wollen, dass sie sich endlich anderen Dingen zuwenden, nun, da sie an der Ostfront immer weiter und schneller vor den Russen zurückweichen müssen, all diese Hoffnung ist trügerisch. Wie so oft in den vergangenen Monaten und Jahren. Es lässt Fredy Hirsch gerade in diesem Moment, in dem er, was selten genug vorkommt, allein und unbeobachtet ist, in dem er nicht das ungebrochen starke, immer gut gelaunte und positive Vorbild zu geben hat, tief erschauern. Er denkt daran, dass die Hoffnung auf bessere Zeiten ihn in seinem Leben eigentlich immer betrogen hat. Es war jedes Mal noch schlimmer geworden. Aber vielleicht hat er gerade deswegen gelernt, Schlag für Schlag hinzunehmen, um nach jeder Niederlage gestärkt auf den nächsten Angriff zu warten. Und merkwürdigerweise ist es ihm persönlich tatsächlich oft ganz gut ergangen, gerade wenn es sich um ihn herum immer weiter verdunkelt. Dann schart man sich um ihn, und er kann helfen. Aber es ist eigentlich an der Zeit, dass er mit seinen 28 Jahren einmal etwas anderes erlebt als Flucht. Als Verstecken, Verbergen, Verheimlichen. Er befürchtet, dass er zu einem solchen Leben jedoch nicht fähig sein würde. Irgendjemand muss ihm das erst beibringen.

Diese Hoffnung nährt sich fatalerweise an der eigenen Vernunft. Eine andere Quelle hat sie kaum. Und die suggeriert ihm jeden Tag, dass dieser höllische Ort der Unvernunft, der seit einem halben Jahr seine Heimat ist, nicht ewig in Betrieb gehalten werden kann. Aber genau da liegt das Problem. Die Unvernunft der Mörder kümmert sich überhaupt nicht um die Vernunft ihrer Opfer. Und diese Vernunft dreht sich immer um sich selbst und vermag die Unvernunft der Mörder noch nicht einmal zu berühren. Deswegen sind die Gerüchte oft so absurd und stimmen selten. Nein, in die Nähe der Unvernunft zu kommen, vermag eigentlich nur er selber. Fredy Hirsch. Er kommt aus demselben Land wie sie. Was er seit Jahren verdrängt. Vergessen kann er es allerdings nicht. Dafür sorgen schon seine Freunde. Und die tschechische Sprache, die sich nicht erlernen lassen will.

Er ist Deutscher, das ist nicht zu leugnen. Nicht zu leugnen ist aber auch, dass es um die Erfolge der deutschen Herrenrasse nicht mehr ganz so gut bestellt ist. Alles spricht eigentlich dafür, dass es extrem kurze tausend Jahre werden, die ihr Reich überstehen wird. Es geht zu Ende. Sagt seine Vernunft. Sagen sogar einige Deutsche. Sagt auch Pestek.[15] Während sie vor seinen Augen, sobald es hell ist, fortfahren werden, neue Gleise bis an die Türen der Gaskammern zu legen.

Fredy Hirsch wendet sich ab, wieder der Lagerstraße zu. Schluss mit dem Grübeln. Ab jetzt wird er wieder das sein, was alle von ihm erwarten. Frisch, aufrecht. Ein fester, zuverlässiger Halt. Er ist früh dran, er will zusehen, dass die Kinder von seinen jungen Helfern alle rechtzeitig aus den Baracken geholt werden. Er muss den gewohnten Druck auf seine kleinen Schützlinge nicht nur aufrechterhalten. An Tagen wie diesen, an denen die Gerüchte ins Kraut schießen, muss er ihn immer ein wenig erhöhen. Bevor die Angst der Erwachsenen sie erreicht, sich langsam in ihren Augen aufbläht, fokussiert in Blicken, die nach ihm suchen. Blicke, an die er sich nie gewöhnen wird. Die Kinder glauben an den Tod weit mehr als die meisten Erwachsenen. Viele haben eine Vergangenheit, auf deren Wiederkehr sich die Hoffnung der Erwachsenen beruft, nie erlebt. Sie werden hier sterben, unter den Schornsteinen, früher oder später. Sie sehen keinen anderen Ausweg. Auch wenn sie natürlich Angst davor haben.

Eine Angst, die sich auch in seine Eingeweide krallt. Als wenn die nicht schon genug zu leiden hätten. Schon seit den Tagen von Theresienstadt kennen sie alle dieses Gefühl. Und es droht immer, jeden Moment, das wenige, was sie noch aufrecht hält, auseinanderzusprengen. Aber das darf unter keinen Umständen passieren.

Fredy Hirsch geht die mit groben Pflastersteinen ausgelegte Lagerstraße in Richtung Ausgangstor. Anfangs, kurz nach ihrer Ankunft, war hier nichts als Morast. Es gab alte Menschen, die darin stecken blieben und nicht mehr herauskamen. Die Häftlinge aus Theresienstadt mussten den Weg schließlich pflastern, eine harte und für manchen auch todbringende Arbeit.

Jeder erkennt Fredy Hirsch sofort. Und die wenigen, die den Blick nicht auf den Boden oder in die weite Ferne gerichtet haben, deuten so etwas wie ein Nicken an. Fredy Hirsch ist sich schmerzhaft bewusst, wie sehr er sich verändert hat. Die schwarzen Haare, mit Brillantine nach hinten gekämmt, sind ohne diese täuschende Vorkehrung längst grau. Er altert. Mit 28 Jahren. Aber er weiß auch, wie privilegiert er gegenüber jenen lebt, denen er begegnet. Er trägt wie immer seine blauen Breeches,[16] die hohen Reitstiefel und über dem Hemd seine gesteppte Jacke, auf der die silbern glänzende Pfeife am Band hin und her schaukelt. Sein Gesicht ist immer noch braun gebrannt, seine Muskulatur dank Training immer noch vorhanden. Kaum jemand neidet ihm die Privilegien, die er braucht, um sein äußeres Erscheinungsbild aufrechtzuerhalten. Das nur eines zeigen soll: Seht her. Ich gebe nicht auf. Niemals!

Die ersten seiner Gehilfen hasten ihm mit Kindern im Schlepptau entgegen. Die Kinder rufen nach ihm, winken, scherzen, er sei in der falschen Richtung unterwegs. Er im Gegenzug spornt sie an, sich zu beeilen, keinesfalls stehen zu bleiben, er benutzt seine Trillerpfeife, was die Kinder augenblicklich davonstieben lässt. Es muss schnell gehen, die Kinder müssen den Erwachsenen und vor allem der Willkür der SS aus dem Weg sein, bevor sie bei den Älteren mit dem Zählen anfangen.

Das übliche Geschrei der Blockältesten treibt die restlichen Menschen aus den Holzverschlägen nach draußen. Fredy Hirsch nähert sich dem Eingang einer Baracke, um zu sehen, ob die Kinder schon raus sind. Drinnen herrscht ein unglaubliches Chaos. Die Hektik unvorstellbar vieler Menschen, die unter dem Geschrei und den Schlägen des Blockältesten versuchen, rechtzeitig zum Appell anzutreten. Was bei so vielen Menschen auf so engem Raum völlig unmöglich ist. Vor allem wenn ein Kapo oder Blockältester meint, Prügel und Tritte würden in diesem Chaos irgendetwas beschleunigen. Seit Dezember haben sie bis zu 400 Menschen in die Baracken gepackt, in die 52 Abteile, die eigentlich nur für 180 Menschen ausgelegt sind. Jeder Holzstall ist etwa vierzig Meter lang, knapp zehn Meter breit, ohne Fenster, die Wände aus schlichten Brettern, die nicht einmal den leichtesten Wind abhalten können. Die sich mit Feuchtigkeit vollsaugen und Kälte abstrahlen. Oben läuft ein verglaster Dachreiter die gesamte Länge der Baracke entlang. Einzige und unerhebliche natürliche Lichtquelle des riesigen Verhaus. In der Mitte teilt eine niedrige Mauer die Baracke in zwei Längshälften. Diese Mauer ist in Wirklichkeit ein Heizkörper, ein horizontal gelegter Kamin, der die beiden Heizöfen an den Enden der Baracke miteinander verbindet. Da es gewöhnlich nie genug Brennmaterial für die Öfen gibt, schafft es die Anlage auch nie, diesen zugigen Verschlag spürbar aufzuheizen. Nur in einer Baracke verrichtet diese Konstruktion tatsächlich ihren Dienst. Dafür hat Fredy Hirsch gesorgt. In seinem Kinderblock.

Wie jeden Morgen werden diejenigen, die die Nacht nicht überlebt haben, aus ihren Pritschen gezerrt. Gestelle aus Balken und Brettern, in drei Etagen übereinander, mit Platz für zwei, höchstens drei Personen pro Pritsche. Mittlerweile müssen bis zu zehn darin schlafen. Fredy Hirsch tritt etwas zur Seite. Die Leichen werden neben der Barackentür gestapelt.

In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft hier in Birkenau, nachdem vor allem die Älteren die physischen Strapazen der Reise in den Viehwaggons und den Schock über die Verhältnisse im neuen Lager verkraften mussten, häuften sich die Leichenberge bis zur Dachkante der Baracken. Hunderte starben innerhalb weniger Tage. Knapp über fünftausend waren sie, als sie vor sechs Monaten aus Theresienstadt hier ankamen. Weitere fünftausend kamen im Dezember dazu. Jetzt dürften es wohl etwa achttausend Menschen sein, die noch am Leben sind.

Eines der Bilder, die er bis er zu seinem Lebensende nie vergessen wird, ist das Kind, das auf einen dieser Haufen kletterte. Ein Mädchen, schätzungsweise anderthalb oder zwei Jahre alt. Offensichtlich dem Vater oder der Mutter davongelaufen, versuchte die Kleine, den Leichenberg zu erklimmen. Immer wieder verhakten sich ihre kleinen Füße in einer Armbeuge oder rutschten von einem Gesicht, sodass sie kopfüber nach unten purzelte.[17] Um erneut aufzustehen und es wieder von vorne zu versuchen. Niemand kümmerte sich um das Mädchen. Es hat in der Tat nur erschreckend wenige Tage gedauert, bis man sich an ein solches Grauen gewöhnt hat. Auch Fredy Hirsch stand eine ganze Weile reglos beobachtend daneben, denn dieses Bild war so grotesk, dass sich sein Verstand weigerte, es zu entschlüsseln. Und so griff er auf naheliegende Muster zurück. Anders kann Fredy Hirsch es sich kaum erklären, dass er bei diesem Anblick plötzlich an seine eigene Kindheit denken musste. Es traf ihn hart, sich ausgerechnet in diesem Moment an seinen Bruder erinnert zu fühlen. An einen Tag im Winter, als er und Paul auf einen Schneehügel geklettert waren, der es in der engen Straße mitten in der Aachener Altstadt durch Freischaufeln des Weges und der Hauseingänge zu einer beachtlichen Höhe gebracht hatte. Sein Bruder Paul und er machten sich einen großen Spaß daraus, sich so hoch wie möglich dem Gipfel zu nähern, um an Ende doch wieder kopfüber und unter lautem Juchhe nach unten zu rutschen. Bis zu dem Moment, als ihre Mutter aus dem Haus kam und sie beide wussten, dass ab jetzt alle anders werden würden. Das war 1926. Fredy Hirsch war gerade zehn Jahre alt geworden.

Aachen: Krise und Gemüsegärten (1916−1926)

Die Hirschs sind eine alteingesessene Familie von Aachener Metzgern und Fleischhändlern. Wobei das bei jüdischen Familien, die historisch gesehen selten lange an einem Ort geduldet wurden, relativ zu sehen ist, wenn von »alteingesessen« geredet wird. Aber Fredy Hirschs Vorfahren sind immerhin seit mindestens Mitte des 19. Jahrhunderts und mit zunehmendem Erfolg im Fleischhandel Aachens tätig. Als Fredy Hirsch am 11.Februar 1916 zur Welt kommt, wohnen die Eltern noch bei seinem Großvater Emil in der Neupforte 13, schräg gegenüber dem alten, schmucken Bürgerhaus mit dem Knick in der Fassade, das Baumeister Couven gebaut hat. Sein Vater Heinrich, Metzgermeister wie seine Vorfahren, verkündet stolz in einer Aachener Lokalzeitung: »Zweiter Kriegsjunge angekommen.«[18] Paul, der erste Sohn der Hirschs, ist 1914, also im ersten Kriegsjahr geboren. In der Anzeige schwingt unverkennbarer Stolz des Vaters mit, in so schweren Zeiten zwei Söhne in die Welt gesetzt zu haben. Das ist ihm offensichtlich wichtiger, als den Namen des Neugeborenen zu erwähnen.

Fredy Hirsch wächst in der Richardstraße 7 auf. Dorthin zieht die Familie, als der Vater mit einem Lebensmittelgroßhandel[19] auf eigenen Beinen steht. Eine Wohn- und Gewerbegegend am Rande der Innenstadt. In dem großen Haus sind noch mehrere andere Handelsunternehmen untergebracht,[20] außerdem leben dort der Prokurist der Firma seines Vaters und eine Oberlehrerin. Von der Richardstraße aus sind es nur ein paar Minuten zu dem Rathaus und dem Kaiserdom, der jahrhundertelang das Zentrum des deutschen Reichs darstellt.[21] Eines deutschen Reichs, das sich bewusst in die Tradition des römischen Weltreichs stellt, wie es die Architektur der Pfalzkappelle unmissverständlich zu verstehen gibt. Aber diese Zeiten sind bei der Geburt Fredy Hirschs längst vorbei.

Aachens Innenstadt ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer noch stark von mittelalterlichen Strukturen geprägt: Die verwinkelten, engen Gassen lassen die Sonne eher selten bis auf den Bürgersteig dringen, die Lebensbedingungen sind in der Regel recht beengt und werden durch dunkle, oft nicht ausreichend durchlüftete Quartiere bestimmt. Die Stadtstruktur lässt das Anlegen von Parks oder Spielplätzen kaum zu. Für Kinder ist dort eigentlich kein Platz, der ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung bietet. Auch wenn sich die Familie Hirsch schon eine bessere und geräumigere Wohnung leisten kann, so erklärt dies doch ein wenig, mit welcher Intensität die beiden Hirsch-Brüder – und mit ihnen eine ganze Reihe anderer Kinder aus der Innenstadt − Wanderungen in den Wäldern der Eifel rund um Aachen als befreiendes Naturerlebnis erfahren.[22]

Die Synagoge an der Promenadenstraße, zehn Minuten Fußweg von Hirschs Wohnung entfernt, ist ein wuchtiger, maurisch anmutender Bau aus dem 19. Jahrhundert. Das Gelände der Synagoge wird sehr früh zum Lebensmittelpunkt von Paul und Fredy Hirsch. Direkt neben ihr befinden sich die Israelitische Volksschule[23] als auch die Räume, in denen sich der Jüdische Jugendverein trifft, den Fredy und sein Bruder bald regelmäßig besuchen werden.

Die Jüdische Gemeinde Aachens hat 1922, als Fredy Hirsch dort sehr wahrscheinlich in die Israelitische Volksschule eintritt, etwa 1800 Mitglieder und ist mehrheitlich liberal orientiert. Es sind dies für alle Aachener schwere Zeiten, die Nachwirkungen des Kriegs machen sich durch Hyperinflation und Mangelwirtschaft in nahezu allen Lebensbereichen bemerkbar. Die grenznahe Stadt Aachen treffen die Folgen des Ersten Weltkriegs mit besonderer Wucht.

Die Familie Hirsch hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, sicher weniger zu leiden als manch andere Aachener. Aber in der Schule bekommen es alle zu spüren: Es ist wenig Geld da, zu wenig, um einen neuen Lehrer einzustellen. Die beiden nicht mehr ganz taufrischen Herren Wallach und Duplon schaffen es nicht mehr allein, also fallen Schulstunden aus.[24] Die Schule selbst besteht aus zwei düsteren, viel zu engen Räumen, die sich kaum belüften lassen. Im Sommer wird der Unterricht zur Hitzequal, im Winter kriecht eine gefährlich feuchte Kälte in den Fußboden, da es keinen Keller gibt. Ebenso wenig wie einen Schulhof. In den Pausen können sich die Kinder nur auf einem engen Gang rund um die Synagoge »frei« bewegen.[25]

Die Vorsitzende des Israelitischen Sparbüchsenvereins, Frau Dr. Wertheim, betreibt in dieser Zeit mit Nachdruck die Einrichtung eines Schul-Gemüsegartens, dessen Ernte die Kinder mit nach Hause nehmen dürfen.[26] Dieses Angebot wird in Zeiten der Not von vielen Familien dankend angenommen.

Aachen liegt in der preußischen Rheinprovinz, am Westrand des Deutschen Reichs, und ist traditionell katholisch geprägt. Die Aachener Kirche übt einen sehr dominanten Einfluss auf nahezu alle Lebensbereiche aus, gleichzeitig aber lässt sie die Jüdische Gemeinde koexistieren. Juden sind in Aachen fast in allen Bereichen des öffentlichen Lebens aktiv, sie sind Mitglieder in Sport-, Freizeit- und Kulturvereinen, sie stellen Politiker und Richter und natürlich kämpfen die meisten voller Überzeugung für ihr deutsches Vaterland an den Fronten des Ersten Weltkriegs.[27]

Nach Ende des Ersten Weltkriegs verliert Aachen große Teile seines Hinterlandes, als einige Eifel-Landkreise sowie der Kreis Eupen an Belgien fallen. In der Folge werden zahlreiche Verbindungen in die Nachbarregionen gekappt, was Aachen nachhaltig wirtschaftlichen Schaden zufügt. Dafür blühen in der gesamten Region Schmuggel und Schwarzhandel auf, deren Bekämpfung in Zeiten zahlreicher aufeinanderfolgender Krisen mit zunehmender Härte und Brutalität geführt wird. Die Schmuggler in der Eifel setzen sogar selbst gebaute Panzerwagen ein.

Das Leben in Aachen ist in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts ein dauernder Kampf ums Überleben. Und ein ewiger Streit um Macht und Politik. So zumindest muss es ein Kind empfinden, das in Aachen die Weimarer Republik erlebt. 1923, Fredy Hirsch ist gerade sieben Jahre alt, herrschen in der Stadt bürgerkriegsähnliche Zustände: Separatisten, die in Teilen der besetzten Gebiete und zunächst mit Unterstützung der französischen Besatzer eine unabhängige Rheinische Republik ausrufen wollen, besetzen das Rathaus. In den Straßen fallen Schüsse, am Ende unterliegen die Separatisten.

Nach dem aus Sicht vieler Deutscher so schmachvoll verlorenen Krieg liegt permanent eine gewisse Aggression in der Luft. Dennoch ist bis Anfang der Dreißigerjahre kaum etwas über einen überbordenden Antisemitismus in Aachen bekannt. Keiner der Zeitzeugen[28] kann sich erinnern, aufgrund seines jüdischen Glaubens das Ziel von Beleidigungen oder Pöbeleien gewesen zu sein.

Natürlich ist der Antisemitismus immer latent vorhanden. Er ist unterschwellig da vor dem Ersten Weltkrieg, und er gärt auch während des Kriegs, als man den deutschen Juden unterstellt, sich vor Fronteinsätzen zu drücken.[29] Insbesondere die militärische Führung des Deutschen Reichs hat Grund, ihr eigenes Versagen durch solche Manöver zu verschleiern und potenzielle Schuldige zu suchen.

Antisemitismus flammt in den Zwanzigerjahren aber auch in der deutschen Jugendbewegung sowie im Sport auf. Besonders in der deutschen Turnerschaft, was Folgen haben wird, besonders für Fredy Hirsch. Der Antisemitismus wird also nie ganz abflauen oder gar versiegen. Und er wird von Teilen der politischen Macht immer »auf Temperatur« gehalten.

All dies sind Dinge, deren wahren Hintergründe Fredy Hirsch sicher erst viel später bewusst werden. Noch stellen sie keine existenziellen Bedrohungen dar. Aber sehr wahrscheinlich hat er sie als Kind, und ganz sicher als sportbegeisterter, junger Heranwachsender bereits zu spüren bekommen. In Aachen beginnt sich jedenfalls noch während des Ersten Weltkriegs der jüdische Sport zu organisieren, da jüdische Kinder und Jugendliche allzu oft aus öffentlichen Vereinen ausgegrenzt werden.

Fredys Hirschs Vater stirbt 1926, wenige Tage vor dem zehnten Geburtstag seines jüngeren Sohns. Heinrich Hirsch wird gerade einmal 45 Jahre alt. Er war schon seit längerer Zeit krank, was natürlich zu größeren Problemen führt. Die Mutter ist nun in die Pflicht genommen, sich um alles zu kümmern: das Geschäft zu führen, für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen und die Kinder zu erziehen. All das scheint sie zu überfordern. Paul und Fredy bleiben zunehmend auf der Strecke. Im Betrieb hat sie sicherlich Hilfe,[30] doch das ändert nichts an ihrer Überforderung in der Familie.

Onkel Alfred: Enfant terrible

In vielem scheint Olga Hirsch, geborene Heinemann, das genaue Gegenteil ihres Bruders Alfred zu sein. Alfred Heinemann, der Onkel des jungen Fredy Hirsch, führt in Grevenbroich, dem Stammsitz der Familie, erfolgreich das Textilgeschäft seines Vaters. Höchstwahrscheinlich ist er der Namenspatron Fredy Hirschs. Alfred Heinemanns Lebensgeschichte legt außerdem nahe, in ihm so etwas wie ein erstes Vorbild des jungen Fredy Hirsch zu vermuten. Onkel Alfred ist eins von fünf Geschwistern. Und er ist das, was man gemeinhin als Enfant terrible bezeichnet. 1911 muss er im Alter von 25 Jahren seine Heimatstadt verlassen, nachdem er des Nachts vom Wirt des gegenüberliegenden Gasthauses ohne Hose über die Straße getrieben wird. Alfred hatte eine Kellnerin »besucht«. Eine eilige Ausreise nach Amerika scheint alternativlos zu sein. Dort bleibt er bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Kaum zurückgekehrt, schreibt der unbeschwerte Alfred seinen amerikanischen Freunden einen Brief zur Lage in der alten Heimat, in dem er u. a. erklärt, dass »... die Leute den früheren Kaiser einen Feigling nennen und behaupten, dass sie irregeführt und in den Krieg gezwungen wurden«. Dummerweise kommt dieser Brief nach Grevenbroich zurück, sein Inhalt wird veröffentlicht, zum Gegenstand einer Stadtratssitzung gemacht und durchweg als defätistisch empfunden. Erneut reist Alfred für einige Zeit in die USA.

Als er schließlich einen dritten Anlauf zu einem bürgerlichen Leben in Grevenbroich nimmt, ist seine sprühende Lebensfreude ungebrochen. Der jüdische Rückwanderer Alfred Heinemann wird Standartenträger des katholischen Schützenvereins, marschiert bei Paraden unter der Fahne vorneweg und hat keine Probleme, an katholischen Gottesdiensten teilzunehmen. Auch umgekehrt scheint im Übrigen niemand daran Anstoß zu nehmen. Als er das Geschäft seines Vaters Max übernimmt, lässt er Mannequins in den Schaufenstern des Modegeschäfts flanieren. Für Grevenbroich ein ungeheures Ereignis, das er wohl aus Amerika eingeführt hat. Was ihm erneut einen Platz auf den regionalen Titelseiten beschert. Und selbst als es dann ernst wird, als die Nationalsozialisten kurz nach der Machtübernahme unter dem Motto »Deutsche, kauft nicht bei Juden« zu ihrem ersten Boykott jüdischer Geschäfte aufrufen, auch da hat Alfred Heinemann weder Humor noch Kreativität verloren. Er formuliert seine Gegenparole: »Deutsche: Kauft nicht bei Juden. Kauft bei Heinemann!«[31] Nein, Onkel Alfred lässt sich keine Angst einjagen. Er lächelt. Und widersteht.

Es ist schwer, diese Zeit im Leben Fredy Hirschs anders als eine extreme Anhäufung persönlicher und allgemeiner Krisen zu beschreiben: Es herrscht materieller Mangel, die Menschen streiten über die verlorene Vergangenheit und sind sich uneinig über die Zukunft. Ein aggressiver Grundton beherrscht große Teile des Alltags, als junger Jude bekommt er erste Einschränkungen zu spüren, und seine Familie kann ihm nicht den nötigen Rückhalt bieten.

[32]