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In der Jänickestraße wohnt eine Kinderärztin. Sie ist eine sehr nette Kinderärztin. Sie hat blonde Haare und ihre Nase ist ein bisschen schief. Wirklich nur ein bisschen.

Es soll Kinder geben, die nicht gerne zum Arzt gehen. Zu Frau Doktor Klöbner gehen alle Kinder gern. Im Wartezimmer gibt es eine große Tafel und bunte Kreiden zum Malen. Bilderbücher für die Kleinen und Lesebücher für die Großen gibt es auch.

Und Willi gibt es.

Frau Doktor Elvira Klöbner lebt ganz allein in einer viel zu großen Wohnung. Die hat sechs Zimmer. Im ersten Zimmer ist das Wartezimmer. Im zweiten Zimmer ist das Sprechzimmer. Im dritten Zimmer ist das Behandlungszimmer. Im vierten, fünften und sechsten Zimmer tut sich gar nichts.

Nein, das stimmt nicht.

Da wohnt Willi.

Willi ist ungefähr so groß, dass er den Esstisch überragt, wenn er sich auf die Hinterbeine stellt.

Er ist ungefähr so hellbraun wie das leckere Mischbrot vom Bäcker an der Ecke. Er ist ungefähr so lang wie vier Schulranzen nebeneinandergestellt.

Willi ist Frau Doktor Elvira Klöbners Hund.

Wenn Frau Doktor Elvira Klöbner zu Hause ist, ist Willi ein ganz normaler Hund. Er tut alles, was er nicht darf: Er legt sich aufs Sofa. Er schlürft Suppe aus dem Suppentopf. Er bellt während der Mittagspause. Oder um Mitternacht. Er jagt die Nachbarskatze. Einmal hat er sogar auf den Teppich gepinkelt.

Manchmal sitzt Willi vor dem Spiegel und übt Gesichter. Er hat viele verschiedene Gesichter. Zum Ich-bin-so-hungrig-Gesicht legt Willi den Kopf schief. Er reißt die Augen ganz weit auf. Und lässt traurig die Ohren baumeln. Sein Ich-bin-ein-wildes-Tier-Gesicht übt er nicht mehr. Damit hat er eine alte Dame vor dem Supermarkt einmal sehr erschreckt.

Elvira fand das gar nicht lustig.

Willis bestes Gesicht ist das Keiner-geht-mit-mir-spazieren-Gesicht. Dann zieht er die Stirn in Falten. Er hebt eine Augenbraue. Er lässt die Zunge aus dem Mundwinkel baumeln. Er wedelt herzzerreißend mit dem Schwanz. Meistens hat Willi Erfolg.

 

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Obwohl sie todmüde ist, geht Frau Doktor Elvira Klöbner mit Willi in den Park. Natürlich nur, wenn sie die Hundeleine findet.

Die Hundeleine ist meistens weg. Frau Doktor Klöbner sucht alle sechs Zimmer nach der Leine ab. Manchmal findet sie die Hundeleine im Kartoffelkorb. Manchmal ist die Hundeleine aber auch hinter der Klobrille. Oder am Haken neben der Waschmaschine. Selten nur ist die Hundeleine dort, wo sie hingehört: an der Garderobe im Flur.

Willi frisst jeden Tag zwei große Dosen Hundefutter. Viel zu viel für einen esstischhohen Hund. Er hasst Dosenfutter. Aber Frau Doktor Klöbner hat leider keine Zeit, ihm Frischfutter zu kochen. Es gibt zu viele Kinderkrankheiten, die sie behandeln muss.

Frau Doktor Klöbner ist eine sehr beschäftigte Frau.

Willi ist ein sehr beschäftigter Hund.

Davon weiß Frau Doktor Klöbner allerdings noch nichts. Denn im Augenblick liegt sie im Bett und fühlt sich miserabel.

Und das kam so: Am Tag zuvor war Frau Doktor Klöbner bei ihrer Nichte Luise zum Kindergeburtstag eingeladen. Sie konnte erst um sechs Uhr abends hingehen. Zum Glück hatte ihre Schwester – Luises Mutter – noch vier Stück Kuchen aufgehoben. Weil Frau Doktor Klöbner vor lauter Arbeit den ganzen Tag lang nichts gegessen hatte, stopfte sie die vier Kuchenstücke hintereinander in den Mund. Es schmeckte ihr ausgezeichnet. Die Kuchenstücke waren mit Sahne verziert und mit Schokoladencreme gefüllt. Frau Doktor Klöbner liebt Schokoladencreme. Und für Sahne könnte sie sich glatt wegschmeißen.

Am nächsten Morgen legt Willi seine braune Hundeschnauze auf das weiße Laken von Frau Doktor Klöbners Bett.

„Oooch“, stöhnt Frau Doktor Klöbner und dreht sich auf die andere Seite. Willi stupst sie vorsichtig an.

„Nei-ein!“, ruft Frau Doktor Klöbner, richtet sich steil im Bett auf und sagt: „Mir ist doch so schlecht!“

Willi setzt sich auf die Hinterbeine und schüttelt den Kopf. Es ist etwas völlig Neues, dass Elvira sich weigert aufzustehen. Vom Kuchen weiß Willi ja nichts.

„Ich kann heute nicht aufstehen“, sagt die kuchenkranke Kinderärztin entschieden. Sie dreht sich noch ein paarmal im Bett hin und her.

„Nein, es geht nicht“, sagt sie noch einmal.

Willi versucht es erneut mit Stupsen. Bestimmt ist alles nur ein Scherz!

Ächzend wälzt sich Frau Doktor Klöbner aus dem Bett. Sie holt aber nur ihr Handy und telefoniert mit Karl-Heinz. Karl-Heinz ist ihr Freund. Außerdem ist er Krankenhausarzt und hat heute seinen freien Tag.

Als sie fertig ist mit Telefonieren, sieht Frau Doktor Klöbner erleichtert aus. Sie lächelt Willi kurz an, tätschelt ihn zweimal und fällt in ihr Bett zurück.

„Er kommt um neun“, sagt sie noch. Dann beginnt sie leise zu schnarchen.

Willi hält Krankenwache. Er macht sich Sorgen.

 

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Um neun Uhr dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Es ist Karl-Heinz. Willi wedelt kurz mit dem Schwanz.

Karl-Heinz streichelt ihn über den Kopf.