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György Sebestyén

Thennberg

Oder Versuch einer Heimkehr

Roman

György Sebestyén

 

 

 

 

 

 

 

Thennberg

 

Roman

 

 

Mit einem Nachwort von Helmuth A. Niederle

 

 

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Die Erstausgabe erschien 1969 bei Verlag Kurt Desch GmbH, München. Die vorliegende Neuauflage wurde an die aktuelle Rechtschreibung angepasst.

 

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

 

 

 

1.Auflage 2010

© 2010 by Braumüller Literaturverlag

Braumüller GmbH, Servitengasse 5, A-1090 Wien

 

Coverbild: Niko Korte, pixelio.de
ISBN der Printausgabe: 978-3-99200-009-8

 

E-Book-Ausgabe © 2010
ISBN 978-3-99200-036-4
E-Book: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

Inhalt

 

 

 

 

Thennberg oder Versuch einer Heimkehr 9

 

 

Literatur als Gegenentwurf zum Bestehenden

Nachwort von Helmuth A. Niederle 145

Eitelkeit über Eitelkeit! Alles ist eitel!

Welchen Gewinn hat der Mensch bei all

seiner Mühe, womit er sich abmühet unter

der Sonne? Ein Geschlecht tritt ab, und ein
anderes tritt auf; doch die Erde steht ewig.
Denn die Sonne geht auf, und die Sonne geht
unter; und nach ihrer Urstätte hinlechzend
geht sie daselbst wieder auf. Es streicht nach
Süden und wendet sich nach Norden, und
wendet sich wieder der streichende Wind;
und in seinen Wendekreisen kehrt er zurück,
der Wind. Alle Flüsse fließen ins Meer,
doch wird das Meer nicht voller; dahin,
von woher die Flüsse wegflossen, kehren sie
zurück, um wieder zu fließen. Alle Worte sind
zu matt, niemand vermag es auszusprechen.
Das Auge wird nicht satt vom Sehen,
das Ohr nicht gefüllt vom Hören.
Was gewesen ist, das wird wieder geschehen;
Ja, es gibt gar nichts Neues unter der Sonne.
Gäbe es etwas, von dem man sagte:
„Siehe, das ist neu!“, so ist es doch schon
in der Vorzeit gewesen, die vor uns war.

Der Prediger Salomon, I; 2–10

 

 

Wir sind nicht, was wir suchen ist alles.

Hölderlin

W

enn du nichts zu essen hast, hatte zu ihm Markus Löw gesagt, dann such dir einen Bach und fang dir einen Fisch, einen Bach zu finden, das ist eine Kleinigkeit, einen Bach findet man überall, irgendeinen, und wo es einen Bach gibt, dort gibt es auch einen Fisch, den fängst du dir mit einem Korb oder mit einer leeren Konservenbüchse oder mit der Hand, dann nimmst du ihn am Schwanz und haust ihn mit dem Kopf auf einen Stein, einen Stein findet man überall, irgendeinen, und nachher machst du ein Feuer und nimmst dem Fisch seinen Darm heraus und steckst ihm einen Zweig in das Maul, und dann brätst du den Fisch und stillst deinen Hunger. So hatte er es gesagt, stillst deinen Hunger, und war dann weitergegangen, ohne Abschied, ohne Händedruck, ohne sich nochmals umzudrehen, weiter an der Leiche des verrückten Adalbert Friedländer vorbei auf die Baracke zu, in der sie während der letzten Monate nebeneinander gelegen waren, und beieinander, wenn es kalt war, auf einem Strohsack, in dem es längst kein Stroh mehr gab, unter einer Pferdedecke, die längst keine Decke mehr war, sondern ein grauer Fetzen, starr vor Schmutz an den Rändern, und sonst wie ein zerrissenes Sieb.

Also dann auf nach Thennberg, vielleicht komme ich vorbei, hatte gerade noch Markus Löw gesagt, und ist dann weitergegangen, ohne Gruß, obwohl er ein höflicher Mensch war, zu höflich sogar, lächerlich höflich; den Strobl zum Beispiel grüßte er jedes Mal, wenn er ihn traf, mit einer kleinen Verbeugung, Habe die Ehre, Herr Strobl, sagte er jedes Mal, wie er’s zu seinen Kunden gesagt haben mochte oder zu den paar Juden der heimatlichen Kleinstadt am Samstagvormittag vor dem Gebetshaus. Habe die Ehre, Herr Strobl, sagte er und lächelte dazu, obwohl das alles nicht mehr notwendig gewesen wäre in den letzten Tagen, denn der SS-Mann Strobl – in Zivil Bäckergeselle aus Ottakring, wie man erzählte – hatte zuerst das forsche, nordische Deutsch, in dem er bis dahin Befehle erteilt hatte, abgelegt, und danach auch den Gesichtsausdruck eines Teufelskerls, der er offenbar doch nicht war, und schließlich war ihm nichts mehr übrig geblieben außer seinem Hund, diesen aber führte er nun an der Leine. Die übrigen Teufelskerle, die das Konzentrationslager bis dahin bewacht hatten, waren verduftet, da die Russen in jedem Augenblick, aber spätestens binnen drei Tagen eintreffen mussten, nur Strobl war dageblieben, vielleicht hatte er geheime Verbindungen zu den Russen, vielleicht wartete er auf neue Befehle, vielleicht war er wahnsinnig geworden wie Adalbert Friedländer, man konnte es nicht wissen, er war jedenfalls da und führte Punkt sechs Uhr morgens und Punkt zwölf Uhr mittags und Punkt sechs Uhr abends seinen Hund spazieren. Manche wollten ihn mitsamt seinem Hund aufhängen und andere sahen über ihn hinweg, weil sie keine Kraft mehr hatten, etwas anderes zu tun als über jeden und alles hinwegzusehen, Markus Löw aber grüßte weiterhin höflich, er ver beugte sich leicht, was aussah, als baumelte eine Strohpuppe im Wind, er sagte, Habe die Ehre, Herr Strobl, wollte es gewiss laut und deutlich sagen und konnte nichts dafür, dass es leise klang und quietschend, als wäre jedes einzelne Wort ein rostiger Eimer, den man an einer rostigen Kette emporzukurbeln hat aus einem verschmutzten Brunnen, mit Hilfe eines ungeölten Haspelrades; und dann lächelte er. Es wirkte komisch, dieses Lächeln: Im Gesicht des Markus Löw, das unter den Bartstoppeln weiß war und wie aus Gips, war plötzlich ein dunkles Loch entstanden, und der Kopf fiel zugleich ein wenig nach rechts. Adalbert Friedländer war einmal dabeigestanden und hatte, nachdem Strobl vorbeigegangen war, folgendes gesagt: Aussehen tun Sie, als hätt’ man Sie in die Visage getreten, direkt wie ein Clown. Strobl tat so, als wäre er mit seinem Hund oder mit fernen, für andere nicht wahrnehmbaren Ereignissen beschäftigt, jedes Mal, wenn ihn Markus Löw grüßte, tat er so; dann aber, als die Russen tatsächlich eingetroffen waren und Strobl abführten, beugte er sich nicht mehr zum Hund hinunter, denn dieser war von einem uniformierten russischen Knaben erschossen worden, sondern blickte an Markus Löw und an den anderen vorbei in die Ferne, und zwar ausgerechnet auf jenen einsamen Baum, auf dem er von den Wütendsten hätte aufgeknüpft werden sollen.

Wenn du nichts zu essen hast, begann da Markus Löw, aber er sprach nicht weiter, denn der wahnsinnige Adalbert Friedländer wurde gerade aus der Baracke gebracht, Friedländer, ein Trödler, der körperlich gesund und sogar kräftig geblieben war, kräftiger als alle anderen, und vielleicht aus diesem Grund nicht in eines der Vernichtungslager transportiert worden war, zusammen mit den übrigen Wahnsinnigen, mit den Todkranken, mit den Entkräfteten, mit den Aufsässigen und mit denen, die einfach Pech hatten. Er war noch vor Ankunft der Russen in der nun menschenleeren Baracke der Bewachungsmannschaft verschwunden und hatte dort alle zurückgelassenen Decken, abgelegte Waffenröcke, schlechte Stiefel und abgetrennte Rangabzeichen auf einzelne Haufen gelegt und sich dabei gleich neu eingekleidet. Strobl hatte ihm zugesehen, wohl ohne etwas zu sagen, vielleicht hatte er auch etwas gesagt, man konnte das nicht genau wissen, fest steht, dass sich Adalbert Friedländer in der Baracke verbarrikadiert hatte und, als die Russen in die Baracke kamen, hinter seinen Fetzen hockte, hinter seinem neuerworbenen Warenlager in seiner neuerworbenen Uniform, und von dort die Soldaten mit den schäbigsten, zum Verkauf ungeeigneten Schuhen, mit leeren Flaschen und mit Stühlen bewarf. Dann stand er vor der Baracke. Man band ihm die Arme auf dem Rücken zusammen. Er schrie. Der rosige Jüngling, der Strobls Hund erschossen hatte, berührte mit der Mündung der Maschinenpistole Friedländers Brust und trat dann vor dem waagrecht herausspringenden Blutstrahl zur Seite. Im selben Augenblick fuhr ein Lastwagen heran, mit Brot und Schweineschmalz beladen; der Schuß war kaum zu hören gewesen.

Also der Bach und der Fisch und der Stein, und stillst deinen Hunger, hatte zu ihm Markus Löw gesagt, und war an Friedländers Leiche vorbei auf die Baracke zugegangen ohne Gruß, gestern mochte das gewesen sein, vorgestern vielleicht, und nun waren Bäume auf beiden Seiten der Straße, die nach Thennberg führte (über Umwege vielleicht, aber immerhin nach Thennberg), Bäume aus Stille, still gewachsen, stille Bäume, gewachsene Stille, die Worte rollten in seinem Schädel hin und her, hohle und kompakte, einmal voll und dann wieder hohl, Worte wie Seifenblasen und Worte wie Kugeln aus Blei; ein lichter Wald lag auf beiden Seiten der Straße, die bereits frei war von Schnee. In den Wagenspuren hatte sich Wasser gesammelt, zuerst Schmelzwasser und nachher das Wasser des Frühlingsregens; aus Wolken, die hergeweht worden waren aus fernen Ländern; alles war fern, die Ordnung der Chronologie im Gedächtnis war zusammengestürzt wie ein Kartenhaus unter einer einzigen leisen Berührung. Er wusste zum Beispiel nicht mehr mit völliger Sicherheit, ob Strobl seinen Hund an einer Kette oder an einer Leine geführt hatte, oder ob Adalbert Friedländer erst vor der Ankunft der Russen wahnsinnig geworden war oder bereits früher, auch konnte er sich an die Farbe der Augen Markus Löws nicht mehr erinnern, es schien ihm, Markus Löw habe die ganze Zeit hindurch dunkle Augen gehabt, aber am letzten Tag seien seine Augen plötzlich grau gewesen, graublau und wie ohne Leben, Augen aus Stein. Und auch der Weg, der nach Thennberg führte: Führte er wirklich nach Thennberg? Und in welches Thennberg? Da war einmal ein Brunnen gewesen, ein rostiger Eimer war an einer rostigen Kette gebaumelt, und das Rad hatte gequietscht, dieses Quietschen hatte wie das gedehnte heisere Heulen der Katzen geklungen, die nachts auf dem Dachfirst gesessen waren oder irgendwo auf einer der Platanen, Katzen im Mondlicht, er hatte sie seit seinem vierzehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen, und danach, seit sechs Jahren, hatte er das Mondlicht nicht mehr wahrgenommen, nicht mehr als Mondlicht, sondern nur noch als eine trübe verwaschene Helligkeit, die manchmal auch die Nächte unsicher machte, die Stacheldrähte glänzen ließ und die Eisenbahnschienen, die Stiefelschäfte und die kahlen Schädel, eine feindliche Helligkeit, eisig auch im Sommer, lebensgefährlich. Zweiundzwanzig weniger fünf macht siebzehn, mit siebzehn war er in das Konzentrationslager gebracht worden, in das erste, und vierzehn war er gewesen, noch nicht ganz vierzehn, während der letzten Ferien in Thennberg: Auch das war ein Spiel, dieses Zählen, auch die Jahre waren das eine Mal hohl und das andere Mal kompakt, wie die Worte.

Spielen, spielen, nur spielen, mit Worten und mit Erinnerungen und mit dem Rhythmus der Schritte. Das Gedächtnis war ein feuchter Korb, in dem ein großes Stück süßlich riechenden Fleisches lag. Er spürte es, schwer, wie im Magen. Der Magen wölbte sich halbkugelförmig; die Russen hatten Schmalz und Brot verteilt, dazu hatte es einen scharfen, die Zunge ätzenden Schnaps gegeben, der das eben erst Hinuntergewürgte, das Halbzerkaute wieder hochtrieb; man hatte sich gesättigt und dann übergeben und dann wieder gesättigt, manche starben daran, waren dage legen wie Sterbende, nachdem ihnen das Unverdaute blutig durch den Mund und durch den After gequollen war; manche überlebten, kauerten in einer Ecke, nahmen kein Schmalz, da es vom Schweine kam, und Gesetz ist Gesetz; und andere machten sich auf den Weg, nach Hause oder in das nächste Dorf, irgendwohin, trugen Schmalz und Brot in einem zerfetzten Bündel, Schmalz und Brot im Magen, trugen sich selbst durch Wälder voller Stille, spielend, waghalsig, sich aus dem Kollektiv dahinsterbender Leiber herauslösend durch die Annahme, sie existierten wieder. Sie selbst und nicht das Kollektiv. Sie spielten Individuum.

Die Katzen also im Mondlicht, und ihr Heulen wie das Quietschen des Haspelrades – was für ein komisches Wort –, und also der Brunnen. Helene. Der Arm der Helene, ihr Hals, ihre Beine, das Vibrieren des Körpers unter dem Kleid. Ein Gesicht. An dieses Gesicht aber konnte er sich nicht erinnern, er wusste bloß (wie man etwa in der zweiten Klasse des Gymnasiums weiß, dass Skandinavien die Form eines gelb und braun gestreiften Tigers hat, der gleich losspringen wird auf den Kontinent), er wusste bloß, dass es rundlich war, nur an den Backenknochen leicht kantig, hell, die Lippen schmal, und die ins glatt zurückgekämmte dunkle Haar übergehende Stirn flach und hoch; er sah dieses Gesicht zweidimensional, wie vom Schädel abgetrennt, eine Hautfläche zwischen zwei Glasscheiben plattgedrückt. Helene am Brunnen, Frau Wallach, Frau eines Eisenbahners oder eines Postboten namens Veit Wallach, Veit hieß auf lateinisch Vitus, er hatte darüber lachen müssen, damals, neunzehnhundertsiebenunddreißig, im letzten Thennberger Sommer, Helene, Frau Vitus, sie hatte einen kleinen Sohn gehabt, nein, eine kleine Tochter. Die wäre um ein Haar in den Brunnen gefallen, ein kleines wildes Tier, goldblond, nein, strohblond, nein, semmelblond, nein – die Farbe leuchtete endlich auf – weißblond, natürlich, weißblond, wie ihr Vater, mager, ein wildes kleines Gerippe mit Narben an den knochigen Knien, es hatte Lilo geheißen. Gehen Sie heim, hatte Helene gesagt, es war ein später Nachmittag, Lilo quälte den kastrierten Kater im Hof, Vitus Wallach war in der Eisenbahnstation oder in der Post oder im Wirtshaus, Ihre Mama wird sich sorgen, hatte Helene gesagt. Er wagte nicht, sie an der Hand zu fassen, an dieser vor ein paar Stunden federleichten und jetzt so kräftigen Hand, die ihm beim Auskleiden geholfen hatte, irgendeinmal vor ein paar Stunden, vor einer Ewigkeit; wie ein Vogel war diese Hand gewesen, der zuerst mit dem Gefieder der Flügel sachte an die Haut rührt und sich dann im Fleisch festkrallt. Er drehte sich um und ging tatsächlich nach Hause. Er hatte es nicht über die Lippen bringen können, dass er sie ewig, ewig und immer, in alle Ewigkeit –. Er hörte, weit hinter seinem Rücken, ihre Stimme, Lilo, schrie sie, Lilo, Mistfink! Ein Ochse kam ihm entgegen, hinter den steinfarbenen Hufen wirbelte Staub hoch, die Straße war menschenleer, im Park lagen unter den Platanen dürre, an den Rändern eingerollte und zerrissene Blätter, die Mutter saß am Teetisch und legte Patience, sie hatte sich wirklich gesorgt.

Und jetzt sagen Sie uns ganz genau, wie diese Brüste de facto gewesen sind, hatte Phoebus Silbermann gesagt, das war noch ganz am Anfang gewesen, im zweiten Konzentrationslager oder im dritten, Markus Löw jedenfalls war noch nicht dabei gewesen, man hatte damals noch Lust gehabt, über Frauen zu reden, manche konnten danach immer noch onanieren, ja es musste noch im zweiten Lager gewesen sein, im Jahr neunzehnhundertneununddreißig. Phoebus Silbermann stammte aus Stanislau, dort war irgendeinmal der Name Phoebus große Mode gewesen, er war Rechtsanwalt, auf das Patentieren von Erfindungen spezialisiert, von denen er lange erzählte, Mäzen und stiller Kompagnon der Erfinder, in der Hoffnung, mit Hilfe der goldfarbenen Zahnpasta oder des leuchtenden Taschenkammes oder der mehrteiligen Allzweckbürste (die als Boden-, Schuh- und Kleiderbürste verwendet werden konnte) eines Tages Millionär zu werden, und zwar in den USA, ein mageres Männlein, wie ein einziger mit gelblicher Haut überzogener Knorpel, flink, überheblich, neugierig auf jede Einzelheit; denn Gott lebt nicht im en gros, Gott lebt im Detail, hat schon Goethe gesagt, sagte Phoebus Silbermann und fügte hinzu: Na ja, wenn er lebt. Ein Abend wie aus Teer. Jemand hatte mit den Schweinereien begonnen, mit einer langen Geschichte, in der das zwar etwas wabbelige, aber doch schön gerundete und jedenfalls übergroße Hinterteil einer verwitweten Gemüsehändlerin die Hauptrolle spielte, und dann war eine zweite Stimme emporgegluckst aus der fett auf den Brüsten lastenden Dunkelheit, Schenkel schimmerten plötzlich so hell wie das alabasterfarbene Glas der Kirchenfenster, leuchteten, spreizten sich, in der Winkelung tat sich ein behaarter Trichter auf, der all die Sehnsüchte einsog, und endlich redete eine dritte Stimme, sie redete über Helene, eine Stimme, der er zugehört hatte, als wär’ sie nicht die eigene Stimme gewesen. Phoebus Silbermann hatte nach Einzelheiten gefragt. Da hatte er, zuerst noch stotternd und nach passenden Wörtern suchend, und dann aber ganz genau, die Brüste beschrieben, birnenförmige Brüste mit Brustwarzen, die aussahen wie ein schielendes Augenpaar, feste Oberarme, dichtes dunkles Haar in den Achselhöhlen, das denselben Geruch hatte wie die Behaarung des Geschlechts, das an einen Mädchenmund erinnerte, an den lächelnden Mund eines ganz jungen Mädchens, doch hielten die an den Innenseiten dicklichen Schenkel dieses Lächeln verborgen, ein Lächeln übrigens, das Helenes Lippen nicht zustande brachten, denn diese waren im Kuss zwar aufschwellend, sonst aber dünn, harte Lippen in einem strengen Gesicht; zwischen diesem Gesicht und dem Unterleib hatte es eine seltsame Disproportion gegeben, eine Art Feindschaft: Der vibrierende Körper hatte bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung, in jedem Augenblick, sogar im Halbschlaf noch gegen das starre, beinahe bereits verhärmt wirkende Gesicht rebelliert – so irgendwie hatte er sie beschrieben, Helene, obwohl er nicht mehr recht gewusst hatte, wie sie wirklich gewesen war, sie, nach den sülzernen Phantasiebildern des Onanierens seine erste Geliebte.

In Wirklichkeit hatte er damals, in Thennberg, im Doppelbett des Vitus Wallach, unter dem Öldruck, auf dem Jesus Christus in weißem Hemd und blauem Überwurf auf dem Ölberg bei Mondschein zu sehen war, die Form ihrer Brüste nicht wahrgenommen und nicht das Haar ihrer Achselhöhlen. Wenn er während der Anfälle der Wollust überhaupt etwas wahrgenommen hatte, dann war es die eigene Gier und das eigene Keuchen und die Angst vor der eigenen Courage, diese entsetzliche Keuschheit des eigenen Körpers gewesen; was er wahrgenommen hatte, war vor allem die eigene Verblüffung über die völlige Schamlosigkeit seiner Geliebten, die so ruhig wirkte, gewissenhaft und sachlich, die mit hausfraulichen Bewegungen die schwere Daunendecke beiseiteschob, die Bluse ablegte und den Rock, hausmütterlich das Unterkleid ablegte und den Schlüpfer, und endlich sich selbst hinlegte auf das nicht mehr ganz saubere Leintuch, da lag sie, wartete regungslos, nüchtern, in dieser Nüchternheit wie erstarrt – so sah sie aus, die Wirklichkeit, sah sie wirklich so aus? Er sah das Bild in der Mitte eines glasklaren Eisblocks, und sah dann wieder ein anderes Bild und dann ein drittes, dreimal Helene, das erste Mal, wie sie auf dem Bett gelegen war, ruhig, unter dem Öldruck, das zweite Mal, wie er sie auf Wunsch des Phoebus Silbermann beschrieben hatte (der kam später nach Auschwitz, kam dort zu einer Gruppe, die aus den Baracken der Frauen die neugeborenen oder bis dahin versteckten Säuglinge abholte und auf einem Karren abtransportierte – Adalbert Friedländer hatte ihn dort mit eigenen Augen gesehen), und nun, da das alles wieder emporgetaucht war, spielend ins innere Licht gehoben, ein Körper zum Spielen, nun hatte Helene auch noch einen dritten Körper, einen, der nicht mehr umgeben war von Geheimnissen, kein Ziel der Hoffnungen mehr, frei von Wollust; es war ein Körper wie jeder andere Körper, ein Gebilde aus zittrigem Fleisch, ein aus feinster Haut seltsam geformter Sack, der gebogene und gerade Knochen umhüllte, sinnlos sich verkrampfende und wieder lockernde Muskeln, weiche Organe. Der Rücken erinnerte an einen schmalen Sarg, in dem etwas lag, das noch lebte. Vielleicht war Helene durch eine Bombenexplosion oder durch ein verirrtes Geschoß oder an einer Krankheit gestorben: Erst als er sie in ihrer dritten Gestalt, als Tote, sich vorstellen konnte, all den Toten ähnlich, die er während der letzten Jahre gesehen hatte, erst als der Körper leblos dalag, erstarrt, sinnlos, hilflos, erst da war er in dieser ersten Liebschaft und also auch in Thennberg endlich zu Hause. Der offene Mund des toten Adalbert Friedländer war zugleich der zum Keuchen geöffnete, im Keuchen erstarrte Mund der Helene Wallach. Münder, Körperöffnungen, behaarte, unbehaarte, Körper und Körper: sie schoben sich glitschig übereinander. Auch das war ein Spiel.

Unter seinem Fuß kräuselte sich die lehmig gelbe Oberfläche einer Lache, das Wasser stieg empor und senkte sich wieder. Hartgetrocknete Brotscheiben klapperten in der Rocktasche. Wenn er sie alle aufgegessen hatte, kam der Fisch an die Reihe, der Bach und der Stein und der Fisch. Äste knarrten. Er sah einen Mann, der ihn ansah.