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Bram Stoker

Dracula

Vollständige Deutsche Fassung

Bram Stoker

Dracula

Vollständige Deutsche Fassung

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
Übersetzung: Heinz Widtmann
Fußnoten und Übersetzung: Jürgen Schulze
EV: M. Altmann, Leipzig, 1926
5. Auflage, ISBN 978-3-954180-08-0

www.null-papier.de/dracula

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Edi­to­ri­sche An­mer­kung

Le­ben und Werk

VORWORT

ERSTES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

ZWEITES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

DRITTES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

VIERTES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

FÜNFTES KAPITEL

Brief von Frl. Mina Mur­ray an Frl. Lucy Wes­ten­raa.

Brief von Frl. Lucy Wes­ten­raa an Frl. Mina Mur­ray

Brief von Frl. Lucy Wes­ten­raa an Frl. Mina Mur­ray

Dr. Se­wards Dia­ri­um

Brief von Quin­cey Mor­ris an Herrn Ar­thur Holm­wood.

Te­le­gramm von Ar­thur Holm­wood an Quin­cey P. Mor­ris.

SECHSTES KAPITEL

Mina Mur­rays Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Mur­rays Ta­ge­buch

SIEBENTES KAPITEL

Aus­schnitt aus dem »Dai­ly­graph« vom 8. Au­gust.

Log­buch der »De­me­ter«

Mina Mur­rays Ta­ge­buch

ACHTES KAPITEL

Mina Mur­rays Ta­ge­buch

Brief. Sa­mu­el F. Bil­ling­ton & Sohn, Sach­wal­ter, Whit­by, an Her­ren Car­ter, Pa­ter­son & Co., Lon­don

Brief. Her­ren Car­ter, Pa­ter­son & Co., Lon­don, an Her­ren Bil­ling­ton & Co., Whit­by

Mina Mur­rays Ta­ge­buch

Brief. Schwes­ter Aga­the, Jo­seph- und Ma­ri­en-Ho­spi­tal, Bu­da­pest, an Fräu­lein Mina Mur­ray

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

NEUNTES KAPITEL

Brief. Mina Har­ker an Lucy Wes­ten­raa

Brief. Lucy Wes­ten­raa an Mina Har­ker

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Lucy Wes­ten­raas Ta­ge­buch

Brief. Ar­thur Holm­wood an Dr. Se­ward

Te­le­gramm. Ar­thur Holm­wood an Dr. Se­ward

Brief von Dr. Se­ward an Ar­thur Holm­wood

Brief. Abra­ham Van Hel­sing, Dr. med., Dr. phil., Dr. lit. etc., an Dr. Se­ward.

Brief. Dr. Se­ward an Herrn Ar­thur Holm­wood

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Te­le­gramm. Dr. Se­ward, Lon­don, an Van Hel­sing, Ams­ter­dam

Te­le­gramm Dr. Se­ward, Lon­don, an Van Hel­sing, Ams­ter­dam

Te­le­gramm. Dr. Se­ward, Lon­don, an Van Hel­sing, Ams­ter­dam

ZEHNTES KAPITEL

Brief. Dr. Se­ward an Ar­thur Holm­wood

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Lucy Wes­ten­raas Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

ELFTES KAPITEL

Lucy Wes­ten­raas Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Lucy Wes­ten­raas Ta­ge­buch

»The Pall Mall Ga­zet­te«, 18. Sep­tem­ber.

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Te­le­gramm. Van Hel­sing, Ant­wer­pen, an Se­ward, Car­fax.

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Me­mo­ran­dum, hin­ter­las­sen von Lucy Wes­ten­raa.

ZWÖLFTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch.

Brief. Mina Har­ker an Lucy Wes­ten­raa.

Be­richt von Pa­trick Hen­nes­sey, Dr. med., Mit­glied der K. Ärzt­li­chen Ge­sell­schaft, k. Rat etc. etc., an John Se­ward, Dr. med

Brief. Mina Har­ker an Lucy Wes­ten­raa

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

DREIZEHNTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch.

Mina Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

»The West­mins­ter Ga­zet­te« 25. Sep­tem­ber. Das Ge­heim­nis von Hams­tead.

»The West­mins­ter Ga­zet­te«. 25. Sep­tem­ber. Ex­trablatt

VIERZEHNTES KAPITEL

Mina Harkers Ta­ge­buch.

Brief. Van Hel­sing an Frau Har­ker

Te­le­gramm. Frau Har­ker an Van Hel­sing

Mina Harkers Ta­ge­buch

Brief. Van Hel­sing an Frau Har­ker

Brief. Frau Har­ker an Van Hel­sing

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

No­tiz von Van Hel­sing im Ber­ke­ley-Ho­tel im Hand­kof­fer zu­rück­ge­las­sen, für John Se­ward, Dr. med., be­stimmt

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

SECHZEHNTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

SIEBZEHNTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

ACHTZEHNTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

NEUNZEHNTES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

ZWANZIGSTES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Brief. Mit­chell Söh­ne & Can­dy an Lord Go­dal­ming

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Wie­der­ga­be ei­nes Ge­sprä­ches, von Van Hel­sing in Dr. Se­wards Pho­no­gra­fen ge­spro­chen

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Te­le­gramm. Ru­fus Smith, Lloyd, Lon­don, an Lord Go­dal­ming, zu Hän­den des k. Vi­ze­kon­suls, Var­na

Dr. Se­wards Ta­ge­buch.

Te­le­gramm. Ru­fus Smith. Lloyd, Lon­don, an Lord Go­dal­ming, zu Hän­den des k. Vi­ze­kon­suls, Var­na.

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

Mina Harkers Denk­schrift

Mina Harkers Ta­ge­buch

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Mina Harkers Ta­ge­buch

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Mina Harkers Ta­ge­buch

Abra­ham van Hel­sings Me­mo­ran­dum

Jo­na­than Harkers Ta­ge­buch

Dr. Se­wards Ta­ge­buch

Dr. Van Hel­sings Me­mo­ran­dum

Mina Harkers Ta­ge­buch

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Editorische Anmerkung

Die­ser Text ba­siert auf fol­gen­der Aus­ga­be:

Dra­cu­la : Ein Vam­pyr-Ro­man / Bram Sto­ker. Au­to­ris. Übers. aus d. Engl. von Heinz Widt­mann, 2. u. 3. Aufl., Leip­zig, 1926 : M. Alt­mann

Er wur­de kom­plett über­ar­bei­tet, der neu­en deut­schen Recht­schrei­bung von 2006 an­ge­passt und mit er­klä­ren­den Fuß­no­ten ver­se­hen. Wo zweck­mä­ßig wur­den Wör­ter, Be­zeich­nun­gen und Be­grif­fe auch ei­ner ak­tu­el­le­ren Schrei­bung an­ge­passt.

J. Schul­ze, Ver­le­ger

Leben und Werk

A­bra­ham »Bram« Sto­ker (✳ 8. No­vem­ber 1847 bei Dub­lin; † 20. April 1912 in Lon­don) war ein iri­scher Schrift­stel­ler, der haupt­säch­lich durch sei­nen Ro­man Dra­cu­la be­kannt wur­de.

Bram Sto­ker wird als drit­tes von sie­ben Kin­dern ge­bo­ren. Die El­tern sind Abra­ham Sto­ker und Char­lot­te Ma­til­da Bla­ke Thorn­ley.

Bram Stoker (1906)

Bis zu sei­nem sieb­ten Le­bens­jahr lei­det Sto­ker un­ter ei­ner rät­sel­haf­ten Krank­heit, die ihn ans Bett ge­fes­selt hält. Er er­holt sich auf un­er­klär­li­che Wei­se. Sei­ner ei­ge­nen Aus­sa­ge nach, hat ihm die­se Er­fah­rung ein Le­ben lang be­ein­flusst.

1864 be­ginnt er ein Stu­di­um der Ge­schich­te, Li­te­ra­tur, Ma­the­ma­tik und Phy­sik am Tri­ni­ty Coll­ge­ge in Dub­lin. Er zeich­net sich als au­ßer­ge­wöhn­li­cher Ath­let und Stu­dent aus. An­schlie­ßend er­hält er eine Be­am­ten­stel­lung bei der Dien­stauf­sichts­be­hör­de der Jus­tiz­ver­wal­tung in Dub­lin Cast­le. Aber hier wird er nicht lan­ge glück­lich.

Er ar­bei­tet gleich­zei­tig als Jour­na­list und Thea­ter­kri­ti­ker und schreibt Ar­ti­kel für das Dub­lin Uni­ver­si­ty Ma­ga­zi­ne. 1872 wird sei­ne ers­te Kurz­ge­schich­te The Chry­stal Cup ver­öf­fent­licht. 1875 folgt die Kurz­ge­schich­te The chain of Des­ti­ny. 1876 ver­fasst er den Be­richt The Du­ties of Pret­ty Ses­si­ons in Ire­land.

Sein In­ter­es­se am Thea­ter und eine von ihm ver­fass­te po­si­ti­ve Re­zes­si­on führt zu ei­ner le­bens­lan­gen Freund­schaft mit dem Schau­spie­ler Hen­ry Ir­ving.

Stokers handgeschriebene Notizen mit den Figuren des Romans

Sto­ker hei­ra­tet 1878 Flo­rence Bal­com­be, die auch von Os­car Wil­de um­wor­ben wird. Die klei­ne Fa­mi­lie zieht nach Chel­sea in Lon­don, wo er als Ma­na­ger von Ir­vings Ly­ce­um Thea­tre ar­bei­tet. Durch die Ar­beit für Ir­ving fin­det er Zu­gang zur Lon­do­ner Ge­sell­schaft, wo er un­ter an­de­rem auf den Ma­ler Ja­mes McNeill Whist­ler und den Au­to­ren der Sher­lock-Hol­mes-Ge­schich­ten Sir Ar­thur Co­nan Doy­le trifft. Sto­ker wird Ir­vings Se­kre­tär und be­reist mit ihm die Welt. Da­ne­ben ar­bei­tet er als Buch­au­tor. Sil­ves­ter 1879 wird sein Sohn Ir­ving Noel ge­bo­ren.

1881 er­scheint Un­der The Sun­set, Sto­kers ers­tes Buch, eine Samm­lung von acht Kin­der­mär­chen.

1890 er­scheint der ers­te Ro­man The Snak’s Pass. Im glei­chen Jahr trifft Sto­ker bei ei­ner ok­kul­ten Sit­zung den un­ga­ri­schen Pro­fes­sor Ar­mi­ni­us Vám­béry, der ihm von der Le­gen­de des ru­mä­ni­schen Fürs­ten Vlad III. Dră­cu­lea er­zählt. Man ist sich heu­te größ­ten­teils ei­nig, dass Sto­ker dar­aus die Fi­gur des Vam­pirs Dra­cu­la ent­wi­ckel­te. In den nächs­ten Jah­ren ist er mit der Re­cher­che zu his­to­ri­schen und kul­tu­rel­len De­tails sei­ner Ge­schich­te be­schäf­tigt. Sie­ben Jah­re ar­bei­tet Sto­ker an dem Buch, bis es am 18. Mai 1897 er­scheint.

Bis zu sei­nem Tod ver­öf­fent­licht Sto­ker noch wei­te­re Kurz­ge­schich­ten und Ro­ma­ne, die aber heu­te größ­ten­teils in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten sind.

Be­kannt ist und bleibt er für Dra­cu­la. Lei­der er­lebt Sto­ker den welt­wei­ten Er­folg sei­nes Bu­ches nicht mehr. Er stirbt 1912 in be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen in Lon­don. Die ge­naue To­des­ur­sa­che ist nicht be­kannt.

Vlad Țepeș, das mögliche Vorbild für Stokers Romanfigur

Zu Ehren des Au­tors ver­leiht die Ve­rei­ni­gung der ame­ri­ka­ni­schen Hor­ror­schrift­stel­ler seit 1987 jähr­lich in ver­schie­de­nen Ka­te­go­ri­en den Bram Sto­ker Award. Er­hal­ten ha­ben ihn un­ter an­de­rem Ste­phen King, Cli­ve Bar­ker, Dean Koontz und Joy­ce Ca­rol Oa­tes.

Graf Dra­cu­la, ist der be­rühm­tes­te Vam­pir der Li­te­ra­tur­ge­schich­te. Ins kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis ge­lang­te er vor al­lem auch durch zahl­rei­che Ver­fil­mun­gen des Stof­fes. Schon Chri­sto­pher Lee, Bela Lu­go­si, Klaus Kin­ski und Gary Old­man ha­ben Dra­cu­la Ge­stalt ver­lie­hen.

Dra­cu­la steht am An­fang ei­ner gan­zen Rei­he von Ge­schich­ten über Vam­pi­re, die in der Ro­man­tik und spä­ter im 19. Jahr­hun­dert zu ei­nem be­lieb­ten The­ma der Li­te­ra­tur wur­den.

Zur Zeit der Ro­man­vor­la­ge, Ende des 19. Jahr­hun­derts, ist Sie­ben­bür­gen (eng. Tran­syl­va­nia) ein Teil der k.u.k. Mon­ar­chie Ös­ter­reich-Un­garn und liegt im Kö­nig­reich Un­garn. Heu­te zählt die­ses Ge­biet zu Ru­mä­ni­en.

Der Ro­man ist in Form von Ta­ge­buchein­trä­gen, Te­le­gram­men und nei­der­ge­schrie­be­nen Ton­band­mit­schnit­ten sehr ge­schickt und auf­wen­dig kon­stru­iert. Sto­ker ge­lingt da­mit der zu sei­ner Zeit sehr mo­der­ne Kunst­griff, die Pro­tago­nis­ten durch das Le­sen der Kor­re­spon­denz und der Ta­ge­bü­cher in die Ge­dan­ken der an­de­ren Per­so­nen vor­drin­gen zu las­sen. Der Le­ser wird so­mit gleich­zei­tig zu ei­nem un­sicht­ba­ren Mit­wis­ser.

Stokers Klient, der Schauspieler Henry Irving (hier in einer Illustration als Hamlet) soll für Draculas Erscheinungsbild Pate gestanden haben.

Der his­to­ri­sche Vlad III., ge­nannt »Der Pfäh­ler«, war ein Ad­li­ger aus der Walachei, der im 15 Jahr­hun­dert leb­te. Sein Stamm­schloss ist heu­te al­ler­dings nicht be­kannt. Er trug den Bein­amen Dră­cu­lea (Ru­mä­nisch für »Sohn des Dra­chen«), was Sto­ker al­ler­dings fälsch­li­cher­wei­se mit »Sohn des Teu­fels« über­set­ze. Vlad war be­rüch­tigt für sei­ne Grau­sam­keit im Kampf ge­gen die Tür­ken und Un­garn. Sei­ne Fein­de ließ er bei le­ben­di­gem Leib auf Pfäh­le spie­ßen. Trotz sei­ner Grau­sam­keit ver­lor er letzt­lich den Krieg ge­gen die Tür­ken, nach­dem er mehr­mals vom Thron ge­sto­ßen wor­den war, zu­rück­kehr­te und im­mer wie­der die Sei­ten in der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Un­garn und Os­ma­ni­schen Reich ge­wech­selt hat­te.

Um die­sen Mann rank­ten sich schon zu Leb­zei­ten zahl­rei­che Le­gen­den. Auch heu­te ge­hen die Mei­nun­gen über ihn aus­ein­an­der. So wird er ei­ner­seits als ei­ner der schlimms­ten Mas­sen­mör­der der Ge­schich­te be­zeich­net, an­de­rer­seits soll er nicht grau­sa­mer als zu sei­ner Zeit üb­lich ge­we­sen sein.

Sto­ker hat die Hand­lungs­or­te sei­nes Ro­mans selbst nie be­sucht. Er stell­te um­fang­rei­che Nach­for­schun­gen an und durch­fors­te­te Biblio­the­ken und Archi­ve, vor al­lem die des Bri­ti­schen Mu­se­ums. Sei­ne Re­cher­chen wa­ren so ge­nau, dass selbst die Zug­fahr­plä­ne, die im Ro­man ge­nannt wer­den, mit der Wirk­lich­keit über­ein­stimm­ten.

VORWORT

Wie die­se Blät­ter ent­stan­den sind, er­gibt sich aus de­ren Lek­tü­re. Al­les Über­flüs­si­ge ist aus­ge­las­sen wor­den, so­dass sie, un­ab­hän­gig von dem Glau­ben oder Nicht­glau­ben spä­te­rer Ge­schlech­ter, als ein­fa­che his­to­ri­sche Tat­sa­chen da­ste­hen. Sie sind durch­aus kei­ne Er­zäh­lun­gen ver­gan­ge­ner Din­ge, in de­nen das Ge­dächt­nis sich ir­ren kann, son­dern alle Be­rich­te sind so­fort nie­der­ge­schrie­ben und spie­geln den Stand­punkt und die Auf­fas­sung der be­tref­fen­den Schrei­ber treu wie­der.

ERSTES KAPITEL

Jonathan Harkers Tagebuch

(Ste­no­gramm)

Bistritz,1 3. Mai. Mün­chen ab am 1. Mai 8:35 abends. Wien am frü­hen Mor­gen des nächs­ten Ta­ges; soll­te ei­gent­lich 6:46 an­kom­men, der Zug hat­te aber eine Stun­de Ver­spä­tung. Bu­da­pest scheint eine herr­li­che Stadt zu sein, so­weit ich es aus dem Wag­gon und in der kur­z­en Zeit, die mir zu ei­nem Spa­zier­gang zur Ver­fü­gung stand, be­ur­tei­len konn­te. Ich fürch­te­te näm­lich, mich all­zu weit vom Bahn­ho­fe zu ent­fer­nen, da wir so spät an­ge­kom­men wa­ren und je­den­falls so pünkt­lich als mög­lich ab­fah­ren wür­den. Der Ein­druck war der, dass man den Oc­ci­dent ver­las­sen und den Ori­ent be­tre­ten hat­te; die west­lichs­te der präch­ti­gen Brücken über die Do­nau, die hier eine be­trächt­li­che Brei­te und Tie­fe auf­weist, ver­setz­te einen je­den­falls mit­ten in die Zeit der Tür­ken­herr­schaft.

Wir fuh­ren recht­zei­tig ab und ka­men nach Ein­bruch der Nacht nach Klau­sen­burg. Ich wohn­te im Ho­tel Roy­al. Zum Di­ner oder viel­mehr Sou­per aß ich ein Huhn, das mit ro­tem Pfef­fer zu­be­rei­tet war; sehr schmack­haft, aber durs­ter­re­gend (Anm. Re­zept für Mina ver­lan­gen). Auf mei­ne Fra­ge sag­te mir der Kell­ner, man nen­ne es »Pa­pri­ka­hendl!« und ich wür­de es, da es Na­tio­nal­ge­richt sei, über­all in den Kar­pa­ten be­kom­men. Mein bi­schen Deutsch kam mir hier sehr zu­stat­ten; ich wüss­te nicht, wie ich ohne es durch­ge­kom­men wäre.

Da ich in Lon­don noch et­was Zeit ge­habt hat­te, hat­te ich das Bri­ti­sche Mu­se­um be­sucht und dort un­ter den Bü­chern und Kar­ten über Trans­syl­va­ni­en eine Aus­wahl ge­trof­fen, da ich hoff­te, ei­ni­ge Vor­kennt­nis­se wür­den mir für den Ver­kehr mit den Ed­len des Lan­des je­den­falls von Nut­zen sein. Der Distrikt liegt im äu­ßers­ten Os­ten des Lan­des, da, wo sich die Gren­zen drei­er Staa­ten, Trans­syl­va­ni­en, Moldau und Bu­ko­wi­na, tref­fen, mit­ten in den Kar­pa­ten. Ei­nen ge­nau­en An­halt für die Lage des Schlos­ses Dra­cu­la konn­te ich je­doch nicht fin­den, da die Land­kar­ten je­ner Zeit mit de­nen un­se­rer Lan­des­ver­mes­sung nicht zu ver­glei­chen sind, aber ich fand, dass Bistritz, die Post­sta­ti­on für Dra­cu­la, ein ziem­lich be­kann­ter Platz ist. Ich will ei­ni­ge mei­ner No­ti­zen hier ein­tra­gen; sie sol­len mir als An­halt die­nen, wenn ich mit Mina über mei­ne Rei­sen plau­dern wer­de.

Die Be­völ­ke­rung Trans­syl­va­ni­ens setzt sich aus vier ver­schie­de­nen Na­tio­na­li­tä­ten zu­sam­men: die Sach­sen im Sü­den und, ge­mischt mit ih­nen, die Wal­la­chen, Nach­kom­men der Da­zi­er; die Magya­ren im Wes­ten und Sze­kels im Os­ten und Nor­den. Ich gehe zu den Letzt­ge­nann­ten, die von At­ti­la und den Hun­nen ab­stam­men sol­len. Das mag sich wohl so ver­hal­ten; denn als die Magya­ren im elf­ten Jahr­hun­dert das Land er­ober­ten, fan­den sie die Hun­nen dort an­säs­sig. Ich las, dass je­der nur er­denk­li­che Aber­glau­be dort un­ten in dem huf­ei­sen­för­mi­gen Zuge der Kar­pa­ten zu Hau­se sei, als sei dort das Zen­trum ei­nes Wir­bels aber­gläu­bi­scher Vor­stel­lun­gen. In die­ser Be­zie­hung wird mein Auf­ent­halt wohl viel des In­ter­essan­ten bie­ten (Anm. Ich muss den Gra­fen dar­über be­fra­gen).

Ich schlief nicht gut, ob­gleich mein Bett ziem­lich be­quem war, denn ich hat­te alle mög­li­chen ver­wor­re­nen Träu­me. Die gan­ze Nacht heul­te ein Hund un­ter mei­nem Fens­ter, wel­ches zu ihm in ir­gend ei­ner Be­zie­hung zu ste­hen schi­en; oder der Pa­pri­ka war schuld, ich hat­te al­les Was­ser in mei­ner Kar­af­fe aus­ge­trun­ken und war doch im­mer noch durs­tig. Ge­gen mor­gen schlief ich end­lich ein und er­wach­te erst auf hef­ti­ges Klop­fen an mei­ner Türe, wor­aus ich schlie­ße, dass ich sehr fest ge­schla­fen ha­ben muss. Zum Früh­stück aß ich wie­der­um Pa­pri­ka; eine Sup­pe von Mais­mehl, wel­ches sie »Ma­ma­li­ka«2 nen­nen, und Eier­ku­chen mit ei­nem Füll­sel von ge­hack­tem Fleisch, die »Im­ple­tata« (Anm. Auch hier­von das Re­zept ver­lan­gen). Ich muss­te sehr rasch früh­stücken, denn mein Zug ging kurz vor 8 Uhr, d.h. er soll­te zu die­ser Zeit ge­hen; als ich mich um 7:30 auf der Sta­ti­on ein­fand, muss­te ich fast eine Stun­de im Wa­gen sit­zen, bis end­lich die Ab­fahrt er­folg­te. Mir scheint es, als gin­gen die Züge umso un­pünkt­li­cher, je wei­ter man nach Os­ten kommt; wie mag es da erst in Chi­na sein?

Den gan­zen Tag bum­mel­te der Zug durch eine äu­ßerst reiz­vol­le Ge­gend. Manch­mal sa­hen wir klei­ne Sch­lös­ser und Tür­me auf stei­len Hü­geln, ganz wie man sie in al­ten Chro­ni­ken ab­ge­bil­det sieht; zu­wei­len pas­sier­ten wir Flüs­se und Bä­che, die, nach den brei­ten Ge­röll­strei­fen auf bei­den Sei­ten zu schlie­ßen, wohl häu­fig aus ih­ren Ufern tre­ten.

Auf je­der Sta­ti­on lun­ger­ten grö­ße­re oder klei­ne­re Grup­pen von Ein­ge­bo­re­nen in al­len mög­li­chen Trach­ten her­um. Ei­ni­ge von ih­nen gli­chen ganz den Bau­ern, wie ich sie zu Hau­se oder auf mei­ner Rei­se durch Deutsch­land und Frank­reich sah. Kur­ze Ja­cken, run­de Hüte und Ho­sen aus haus­ge­web­tem Tuch. An­de­re sa­hen wie­der sehr ma­le­risch aus. Die Frau­en mach­ten einen hüb­schen Ein­druck, je­doch nur in der Ent­fer­nung, denn sie wa­ren sehr plump um die Hüf­ten. Sie hat­ten alle wei­te Är­mel; die meis­ten von ih­nen tru­gen brei­te Gür­tel, von de­nen Strei­fen her­un­ter­flat­ter­ten, wie Bal­lett­klei­der, nur hat­ten sie un­ter die­sen ohne Zwei­fel Un­ter­rö­cke. Am selt­sams­ten sa­hen die Slo­wa­ken aus, bar­ba­ri­scher als alle an­de­ren, mit ih­ren mäch­ti­gen Cow­boy­hü­ten, wei­ten schmut­zig wei­ßen Plu­der­ho­sen und un­ge­heue­ren, schwe­ren, fast einen Fuß brei­ten Le­der­gür­teln, die über und über mit Mes­singnä­geln be­setzt wa­ren. Sie tru­gen hohe Stie­fel, in wel­che sie die Ho­sen ge­steckt hat­ten, und zeich­ne­ten sich durch lan­ges schwar­zes Haar und große schwar­ze Schnurr­bär­te aus. Sie ma­chen zwar einen ma­le­ri­schen, aber nicht sehr ver­trau­en­er­we­cken­den Ein­druck. Auf den Sta­tio­nen hock­ten sie bei­ein­an­der wie ori­en­ta­li­sche Räu­ber­ban­den, sind aber, wie mir ge­sagt wur­de, äu­ßerst harm­los und selbst­zu­frie­den.

Die Däm­me­rung war her­ein­ge­bro­chen, als wir in Bistritz, ei­ner al­ten, in­ter­essan­ten Stadt, an­ka­men. Sie liegt zweck­ent­spre­chend hart an der Gren­ze – von hier aus führt der Bor­gópass in die Bu­ko­wi­na3 – und hat­te dem­ge­mäß eine sehr stür­mi­sche Ver­gan­gen­heit, von der sie noch heu­te Spu­ren trägt. Vor fünf­zig Jah­ren hat­ten un­ge­heue­re Feu­ers­brüns­te dort ge­wü­tet, fünf­mal war sie ein Raub der Flam­men ge­wor­den. Gleich zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts wur­de sie be­la­gert; sie ver­lor hier­bei 13 000 Ein­woh­ner, da au­ßer den Ge­fech­ten auch noch Hun­ger und Seu­chen viel Op­fer for­der­ten.

Graf Dra­cu­la hat­te mir ge­ra­ten, im Ho­tel Gol­de­ne Kro­ne zu über­nach­ten, ei­nem Haus nach al­tem Stil – zu mei­ner Freu­de, da ich so viel als mög­lich von dem se­hen woll­te, was das Land bie­tet. Ich wur­de of­fen­bar er­war­tet, denn als ich ein­trat, traf ich eine äl­te­re, gut­mü­tig aus­se­hen­de Frau in dem ge­wöhn­li­chen lan­des­üb­li­chen Ko­stüm. Wei­ßes Un­ter­kleid mit lan­ger dop­pel­ter, hin­ten und vor­ne her­un­ter­hän­gen­der Schür­ze aus bun­tem Tuch, die al­ler­dings zu knapp an­lag. Als ich nä­her trat, mach­te sie einen Knix und sag­te »Der Herr Eng­län­der?«

»Ja«, sag­te ich, »Jo­na­than Har­ker.« Sie lä­chel­te und gab ei­nem ält­li­chen Mann in wei­ßen Hem­d­är­meln, der ihr bis zur Türe ge­folgt war, einen Auf­trag. Er ging, kam aber gleich dar­auf mit ei­nem Brie­fe in der Hand wie­der zu­rück:

Mein Freund! Will­kom­men in den Kar­pa­ten. Ich er­war­te Sie mit Un­ge­duld. Schla­fen Sie wohl für heu­te. Um drei Uhr mor­gens geht die Post­kut­sche nach der Bu­ko­wi­na, ein Platz ist für Sie re­ser­viert. Am Bor­gópass wird mein Wa­gen Sie er­war­ten und zu mir brin­gen. Ich hof­fe, dass Sie eine gute Rei­se von Lon­don bis hier­her hat­ten und dass Sie sich Ihres Auf­ent­halts in mei­ner herr­li­chen Hei­mat freu­en mö­gen.

Ihr Freund Dra­cu­la.

4. Mai. – Ich brach­te in Er­fah­rung, dass der Wirt einen Brief des Gra­fen er­hal­ten hat­te, der ihn be­auf­trag­te, den bes­ten Platz in der Post­kut­sche zu be­le­gen; als ich ihn über De­tails aus­fra­gen woll­te, wur­de er je­doch zu­rück­hal­tend und gab vor, mein Deutsch nicht zu ver­ste­hen. Das konn­te nur eine Aus­re­de sein, denn bis­her hat­te er es ver­stan­den; we­nigs­tens schi­en es so, denn auf alle mei­ne Fra­gen war mir stets eine ge­naue Ant­wort zu­teil­ge­wor­den. Er und sei­ne Frau, die alte Dame, die mich emp­fan­gen hat­te, sa­hen sich er­schro­cken an. Als ich ihn frag­te, ob er den Gra­fen Dra­cu­la ken­ne und mir et­was von des­sen Schloss er­zäh­len wol­le, be­kreu­zig­ten sich bei­de und bra­chen ein­fach das Ge­spräch ab, in­dem sie sag­ten, sie wüss­ten nichts da­von. Das Geld wäre in ei­nem Brie­fe ge­sandt wor­den, das wäre al­les. Es war nur mehr we­nig Zeit bis zur Abrei­se, so­dass ich nicht mehr fra­gen konn­te; üb­ri­gens war die Sa­che recht ge­heim­nis­voll und we­nig er­freu­lich für mich.

Kurz be­vor ich weg­ging, kam die alte Dame zu mir aufs Zim­mer und sag­te in hys­te­ri­schem Tone: »Müs­sen Sie denn hin­ge­hen, jun­ger Herr? Müs­sen Sie denn wirk­lich ge­hen?« Sie war der­ma­ßen er­regt, dass sie das we­ni­ge Deutsch, das sie konn­te, ver­ges­sen zu ha­ben schi­en, denn sie misch­te es mit Wor­ten ei­ner an­de­ren Spra­che, die ich ab­so­lut nicht ver­stand. Ich konn­te ihr nur so­weit fol­gen, um zu er­ken­nen, dass sie Fra­gen stell­te. Als ich ihr aber sag­te, dass ich ge­hen müs­se und dass wich­ti­ge Ge­schäf­te mich rie­fen, frag­te sie wie­der:

»Wis­sen Sie denn, was heu­te für ein Tag ist?« Ich ant­wor­te­te, es wäre der 4. Mai. Sie schüt­tel­te den Kopf und sag­te wie­der: »O ja, ich weiß, ich weiß; aber wis­sen Sie denn nicht, was für ein Tag heu­te ist?« Als ich ver­nein­te, fuhr sie fort:

»Es ist St. Ge­orgs­nacht; wis­sen Sie nicht, dass, wenn die Uhr heu­te Mit­ter­nacht schlägt, alle bö­sen Din­ge in der Welt frei­en Lauf ha­ben? Wis­sen Sie, wo­hin Sie ge­hen und zu wem Sie ge­hen?«

Sie war so ver­stört, dass ich den Ver­such mach­te sie zu trös­ten, aber ver­ge­bens. Schließ­lich warf sie sich auf die Knie und fleh­te mich an, nicht zu ge­hen, we­nigs­tens mei­ne Ab­fahrt um einen oder zwei Tage zu ver­schie­ben. Es war zu lä­cher­lich, das al­les, aber den­noch fühl­te ich mich un­be­hag­lich. Auf alle Fäl­le hat­te ich mei­nem Dienst nach­zu­kom­men und nichts durf­te mich da­von ab­hal­ten. Ich hob sie also auf, trock­ne­te ihre Trä­nen und sie gab mir dann ein Kru­zi­fix, das sie von ih­rem Hal­se ge­nom­men. Ich wuss­te nicht recht, was ich da­mit an­fan­gen soll­te, denn als eng­li­scher Christ hat­te ich ge­lernt, sol­che Din­ge als mehr oder min­der göt­zen­die­ne­risch an­zu­se­hen; ich brach­te es aber auch nicht übers Herz, das Ge­schenk der al­ten Frau, die es so gut mit mir mein­te und sich in ei­ner sol­chen Er­re­gung be­fand, zu­rück­zu­wei­sen. Ver­mut­lich sah sie mir die­se Zwei­fel am Ge­sicht an, denn sie leg­te mir den Ro­sen­kranz um den Hals und sag­te: »Um Ih­rer Mut­ter wil­len.« Dann ging sie aus dem Zim­mer. Ich schrei­be die­sen Teil mei­nes Ta­ge­bu­ches, wäh­rend ich auf die Post war­te, die sich ohne Zwei­fel ver­spä­tet hat. Der Ro­sen­kranz hing noch um mei­nen Hals. Ich weiß nicht, ist es der Aber­glau­be der al­ten Frau oder die ge­spens­ti­gen Tra­di­tio­nen der Ge­gend oder das Kru­zi­fix selbst, aber ich fühl­te mich nicht so zu­ver­sicht­lich als sonst. Wenn die­ses Buch Mina vor mir er­rei­chen soll­te, so möge es ihr mei­ne Ab­schieds­grü­ße brin­gen. Da kommt der Wa­gen!

5. Mai. – Das Schloss. – Die graue Mor­gen­däm­me­rung ist ver­gan­gen und die Son­ne steht schon weit über dem Ho­ri­zont, der von Bäu­men oder Hü­geln – ich kann es nicht er­ken­nen, da sich Na­hes und Fer­nes un­ter­schieds­los von ihm ab­hebt – wie aus­ge­zackt er­scheint. Ich bin nicht schläf­rig, und da ich doch nicht ge­weckt wer­de, so schrei­be ich na­tür­lich einst­wei­len, bis der Schlaf kommt. Es sind so vie­le selt­sa­me Din­ge, die ich da be­rich­ten muss, dass es dem, der die­se Auf­zeich­nun­gen liest, viel­leicht vor­kom­men wird, als hät­te ich vor mei­ner Abrei­se von Bistritz zu reich­lich di­niert. Da­rum füh­re ich hier mein Di­ner an. Ich aß einen sog. Räu­ber­bra­ten – Stücke von Speck, Zwie­beln und Rind­fleisch, ge­würzt mit Pa­pri­ka und an Stä­ben über dem Feu­er ge­bra­ten, in der ein­fa­chen Wei­se wie das Lon­do­ner »Kat­zen­fut­ter«. Der Wein war wei­ßer Me­diasch,4 der ein ei­gen­tüm­li­ches Ste­chen auf der Zun­ge er­zeugt, das aber nicht un­an­ge­nehm wirkt. Ich trank da­von zwei Glä­ser, sonst nichts.

Als ich mich zur Kut­sche be­gab, hat­te der Po­stil­lon sei­nen Sitz noch nicht ein­ge­nom­men und ich sah ihn mit der Wir­tin spre­chen. Das Ge­spräch schi­en sich um mich zu dre­hen, denn hier und da blick­ten sie zu mir her­über. Auch ei­ni­ge Leu­te, die auf der Bank vor dem Hau­se ge­ses­sen hat­ten – sie wird mit ei­nem Wort be­zeich­net, das man am bes­ten als »Wort­füh­rer« über­set­zen kann – nä­her­ten sich ih­nen und hör­ten zu; dann sa­hen sie auf mich, die meis­ten von ih­nen mit ei­nem Aus­druck des Mit­lei­des. Ich hör­te ei­ni­ge Wor­te sich im­mer wie­der­ho­len, selt­sa­me Wor­te – denn es wa­ren ver­schie­de­ne Na­tio­na­li­tä­ten un­ter der Men­ge ver­tre­ten. Ich zog ru­hig mein Po­ly­glott-Wör­ter­buch aus der Ta­sche und schlug nach. Ich muss sa­gen, es war nicht ge­ra­de an­ge­nehm für mich; denn da stand: »Or­dog = Sa­tan«, »Po­kol = Höl­le«, St­re­goi­ca = Hexe; »vro­lok« und »vl­kos­lak« be­deu­ten das­sel­be; das eine ist slo­wa­kisch, das an­de­re ser­bisch – näm­lich Wer­wolf oder Vam­pir. (Ich muss den Gra­fen über die­sen Aber­glau­ben be­fra­gen.)

Als wir ab­fuh­ren, mach­te die gan­ze Ver­samm­lung vor dem Wirts­hau­se, die un­ter­des­sen be­trächt­lich an­ge­wach­sen war, das Zei­chen des Kreu­zes und streck­te dann zwei ge­spreiz­te Fin­ger ge­gen mich aus. Nur mit Schwie­rig­kei­ten er­fuhr ich von ei­nem mei­ner Rei­se­ge­fähr­ten, was das zu be­deu­ten habe. Erst woll­te er nicht mit der Spra­che her­aus, als ich ihm aber sag­te, dass ich Eng­län­der sei, er­klär­te er mir, das sei ein Zau­ber oder Schutz ge­gen den bö­sen Blick. Das war nicht sehr er­freu­lich für mich, der ich eben an einen un­be­kann­ten Ort zu ei­nem un­be­kann­ten Mann fah­ren woll­te; aber alle er­schie­nen so gut­her­zig, so be­sorgt und so sym­pa­thisch, dass ich mich ei­ner ge­wis­sen Rüh­rung nicht er­weh­ren konn­te. Ich wer­de den letz­ten Aus­blick auf den Wirts­gar­ten und die sich um den Tor­weg drän­gen­de ma­le­ri­sche Men­ge nicht ver­ges­sen; wie sie sich be­kreu­zig­ten, im Hin­ter­grund das rei­che Ge­zwei­ge der Ole­an­der und Oran­gen­bäu­me, die in grü­nen Kü­beln in der Mit­te des Ho­fes stan­den. Dann ließ un­ser Wa­gen­len­ker sei­ne lan­ge Peit­sche über die Köp­fe der vier klei­nen Pferd­chen sau­sen, die da­v­on­stürm­ten; so tra­ten wir un­se­re Rei­se an.

Ich ver­lor in der Schön­heit der Ge­gend, durch die wir fuh­ren, bald die Ge­s­pens­ter­furcht und die Erin­ne­rung dar­an. Al­ler­dings, wenn ich die Spra­che mei­ner Rei­se­ge­nos­sen, oder viel­mehr ihre Spra­chen ver­stan­den hät­te, wäre ich die un­an­ge­neh­men Ein­drücke wohl nicht so schnell los­ge­wor­den. Vor uns lag ein grü­nes, sanft an­stei­gen­des Land, voll von Wäl­dern und Ge­büsch, da und dort ein stei­ler Hü­gel, ge­krönt von ei­ner Baum­grup­pe oder von Bau­ern­häu­sern, die ihre hel­len Gie­bel­sei­ten der Stra­ße zu­wand­ten. Al­les in reichs­ter Blü­te, Ap­fel-, Pflau­men-, Kirsch- und Birn­bäu­me, und als wir nä­her her­an­ka­men, sa­hen wir auch den grü­nen Ra­sen un­ter ih­nen ge­spren­kelt von her­ab­ge­fal­le­nen Blü­ten­blät­tern. Durch die­se lieb­li­che Hü­gel­land­schaft, die man das Mit­tel­land nennt, zog sich die Stra­ße und ver­lor sich weit in der Fer­ne im Grü­nen oder wur­de von Fich­ten­wäl­dern auf­ge­nom­men, de­ren Spit­zen wie dun­kel­grü­ne Zun­gen da und dort an den Hü­geln hin­a­b­lie­fen. Der Weg war hol­pe­rig, trotz­dem flo­gen wir mit fie­bern­der Hast dar­über hin. Ich konn­te mir die­se Hast nicht er­klä­ren, aber der Fuhr­mann war schein­bar dar­auf er­picht, ohne jeg­li­chen Zeit­ver­lust Bor­gó-Prund5 zu er­rei­chen. Man sag­te mir, dass die­se Stra­ße im Som­mer aus­ge­zeich­net sei, dass man sie aber jetzt noch nicht von den Schä­den wie­der­her­ge­stellt habe, die ihr der Win­ter zu­ge­fügt. In die­ser Hin­sicht un­ter­schei­det sie sich schein­bar von den üb­ri­gen Stra­ßen in den Kar­pa­ten, die, ei­ner al­ten Tra­di­ti­on ent­spre­chend, nicht in all­zu­großer Ord­nung ge­hal­ten wer­den. Von al­ters her las­sen die Hos­po­da­re nichts dar­an aus­bes­sern, um nicht bei den Tür­ken den Glau­ben zu er­we­cken, man wol­le Trup­pen ge­gen sie mar­schie­ren las­sen, und so den nur un­ter der Asche glim­men­den Fun­ken des Krie­ges zum Auf­lo­dern zu brin­gen.

Jen­seits der grü­nen schwel­len­den Hü­gel des Mit­tel­lan­des er­he­ben sich mäch­ti­ge Wald­hän­ge bis zu den him­mel­an­stre­ben­den Schrof­fen der Kar­pa­ten. Rechts und links von uns stie­gen sie an; die Abend­son­ne ruh­te voll auf ih­nen und brach­te all die herr­li­chen Far­ben die­ses ent­zücken­den Lan­des zur Gel­tung; tie­fes Blau und Pur­pur in den Schat­ten, Grün und Braun da, wo Gras und Fels sich tra­fen; end­lo­se Per­spek­ti­ven auf ge­zack­tes Ge­stein und spit­ze Klip­pen bis da­hin, wo die Schnee­häup­ter ma­je­stä­tisch in die Lüf­te rag­ten. Durch mäch­ti­ge Ris­se im Ge­stein sah man da und dort im Lich­te der sin­ken­den Son­ne den wei­ßen Gischt fal­len­der Was­ser. Ei­ner mei­ner Ge­fähr­ten be­rühr­te mei­nen Arm, als wir ge­ra­de einen Hü­gel um­fuh­ren und sich der Aus­blick auf einen un­ge­heu­ren schnee­be­deck­ten Gip­fel öff­ne­te, der dann im­mer uns ge­ra­de ge­gen­über zu lie­gen schi­en, als wir die ge­wun­de­ne Stra­ße hin­auf­klom­men:

»Sieh, Herr, Is­ten Szek! – Got­tes Sitz«, und er be­kreu­zig­te sich an­dachts­voll. Wäh­rend wir den end­lo­sen Weg da­hin fuh­ren und die Son­ne im­mer tiefer und tiefer sank, be­gan­nen die Schat­ten rings um uns her­auf­zu­krie­chen. Auf der schnee­be­deck­ten Berg­spit­ze lag noch der Wi­der­schein der schei­den­den Son­ne und sie er­glüh­te in ei­nem fei­nen, kal­ten Blass­rot. Zu­wei­len tra­fen wir Tsche­chen oder Slo­wa­ken in ma­le­ri­scher Klei­dung, und ich konn­te be­mer­ken, dass der Kropf hier ein sehr ver­brei­te­tes Übel ist. Am We­grand stan­den vie­le Kreu­ze, und wenn wir ein sol­ches pas­sier­ten, be­kreu­zig­ten sich alle mei­ne Wa­gen­ge­nos­sen. Hier und dort knie­te ein Bau­er oder eine Bäue­rin vor ei­ner Ka­pel­le; sie sa­hen sich gar nicht nach uns um; so tief wa­ren sie in An­dacht und Hin­ge­bung ver­sun­ken, dass sie we­der Au­gen noch Ohren für die sie um­ge­ben­de Welt hat­ten. Viel Neu­es gab es für mich zu se­hen, z.B. Heu­scho­ber auf Bäu­men und zu­wei­len herr­li­che Bir­ken­grup­pen, de­ren wei­ße Stäm­me wie Sil­ber durch das saf­ti­ge Grün leuch­te­ten. Manch­mal be­geg­ne­ten wir ei­nem Lei­ter­wa­gen – dem lan­des­üb­li­chen Bau­ern­ge­fährt, das lang und schlan­gen­ar­tig ge­glie­dert, be­son­ders ge­eig­net schi­en, sich den We­gen an­zu­pas­sen. Auf ih­nen sa­ßen gan­ze Grup­pen heim­keh­ren­der Bau­ern, die Tsche­chen mit wei­ßen, die Slo­wa­ken mit ge­färb­ten Lamm­pel­zen; die letz­te­ren tru­gen lan­zen­ar­ti­ge Stä­be, de­ren Ende in eine Axt aus­lief. Als der Abend ein­fiel, wur­de es sehr kalt, und die wach­sen­de Däm­me­rung schi­en die un­be­stimm­ten Um­ris­se der Ei­chen, Bu­chen und Fich­ten in tie­fes Dun­kel zu ver­sen­ken; in den Tä­lern aber, die tief un­ter uns sich da­hin­zo­gen, ho­ben sich noch ein­zel­ne Föh­ren6 scharf von ih­rem Hin­ter­grun­de, al­tem Schnee, ab. Ei­ni­ge­ma­le, als die Stra­ße in Fich­ten­ge­höl­ze ein­trat, de­ren Dun­kel sich dicht um uns zu le­gen schi­en, er­zeug­ten weiß­li­che Fle­cke, die zwi­schen den Bäu­men flat­ter­ten, in uns eine halb furcht­sa­me, halb fei­er­li­che Stim­mung. Schon bei Son­nen­un­ter­gang wa­ren un­un­ter­bro­chen selt­sam ge­form­te, ge­spens­ti­sche Ne­bel­fet­zen durch die Tä­ler der Kar­pa­ten hin­ge­fegt, und die dar­an ge­knüpf­ten Ge­dan­ken und wil­den Fan­tasi­en span­nen sich nun wei­ter. Die Stei­gun­gen wa­ren zum Teil so steil, dass die Pfer­de trotz der Eile des Po­stil­lons nur lang­sam vor­wärts­ka­men. Ich woll­te ab­stei­gen und zu Fuß ge­hen, wie wir es zu Hau­se tun, aber der Wa­gen­len­ker woll­te da­von nichts hö­ren. »Nein, nein«, sag­te er »Sie dür­fen hier nicht ge­hen, die Hun­de sind zu böse«, und dann füg­te er hin­zu: »Sie wer­den heu­te noch ge­nug sol­cher Din­ge ha­ben, ehe Sie zu Bet­te ge­hen«; es soll­te dies wohl eine Art grim­mi­gen Scher­zes sein, denn er sah um­her, um sich des zu­stim­men­den Lä­chelns der Üb­ri­gen zu ver­si­chern. Der ein­zi­ge kur­ze Halt, den er ein­leg­te, diente zum An­zün­den der Wa­gen­la­ter­nen.

Als es ganz dun­kel ge­wor­den war, schi­en sich eine ge­wis­se Er­re­gung der Pas­sa­gie­re zu be­mäch­ti­gen; ei­ner nach dem an­de­ren sprach auf den Fuhr­mann ein, gleich­sam als woll­ten sie ihn zu noch grö­ße­rer Eile an­spor­nen. Er trieb die Pfer­de un­barm­her­zig mit der Peit­sche an und zwang sie durch wil­de Zu­ru­fe zu er­höh­ter Kraft­an­span­nung. Ich konn­te in der Dun­kel­heit einen grau­wei­ßen Fleck über uns be­mer­ken, als wenn ein Spalt in den Fels­wän­den wäre. Die Auf­re­gung der Pas­sa­gie­re stei­ger­te sich im­mer mehr; die ge­brech­li­che Kut­sche hüpf­te in ih­ren le­der­nen Fe­dern und schwank­te wie ein Boot auf stür­mi­scher See. Ich muss­te mich fest­hal­ten. Der Weg wur­de ebe­ner und wir flo­gen nur so da­hin. Dann schie­nen die Ber­ge nä­her her­an­zu­tre­ten und förm­lich über uns zu­sam­men­zu­rück­en; wir tra­ten in den Bor­gópass. Ein­zel­ne der Mit­rei­sen­den ga­ben mir klei­ne Ge­schen­ke, die sie mir mit ei­nem Ernst auf­dräng­ten, der eine Zu­rück­wei­sung un­mög­lich mach­te. Es wa­ren ohne Zwei­fel selt­sa­me Din­ge, aber je­des wur­de in der gu­ten Ab­sicht mit ei­nem freund­li­chen Wort und mit ei­nem Se­gens­wunsch ge­ge­ben und mit je­nen ge­fahr­be­schwö­ren­den Ges­ten, die ich schon vor dem Ho­tel in Bistritz ge­se­hen hat­te – dem Be­kreu­zen und dem Zau­ber ge­gen den bö­sen Blick. In flie­gen­der Eile fuh­ren wir wei­ter; der Fuhr­mann lehn­te sich vor, die Fahr­gäs­te starr­ten, die Ell­bo­gen auf den Wa­gen­bord ge­stützt, ge­spannt hin­aus in das näch­ti­ge Dun­kel. Es war of­fen­kun­dig, dass et­was sehr Auf­re­gen­des ge­sch­ah oder er­war­tet wur­de; aber ob­gleich ich je­den mei­ner Rei­se­ge­fähr­ten frag­te, kei­ner gab mir nur die kleins­te Er­klä­rung. Die­ser Zu­stand der Auf­re­gung hielt ei­ni­ge Zeit an; schließ­lich konn­ten wir die öst­li­che Pass­öff­nung er­ken­nen. Dunkle dro­hen­de Wol­ken flo­gen über un­se­ren Häup­tern da­hin und in der Luft lag eine schwe­re, drücken­de Schwü­le. Es war, als trenn­te der Ge­birgs­zug zwei grund­ver­schie­de­ne At­mo­sphä­ren und als trä­ten wir nun in die der Ge­wit­ter. Ich hielt nun selbst Aus­schau nach dem Ge­fähr­te, das mich zum Gra­fen brin­gen soll­te, je­den Au­gen­blick er­war­te­te ich, Wa­gen­la­ter­nen auf­blit­zen zu se­hen, aber al­les blieb dun­kel. Das ein­zi­ge Licht ver­brei­te­ten un­se­re Lam­pen, in de­ren fla­ckern­dem Schei­ne der Dampf von un­se­ren warm­ge­lau­fe­nen Pferd­chen wie eine wei­ße Wol­ke auf­stieg. Et­was hel­ler lag vor uns der san­di­ge Weg, aber nichts zeig­te an, dass sich auf ihm ein Wa­gen nä­he­re. Die Fahr­gäs­te seufz­ten er­leich­tert auf, was mein ei­ge­nes Miss­be­ha­gen Lü­gen zu stra­fen schi­en. Ich dach­te schon dar­über nach, was nun zu tun wäre, als der Fuhr­mann nach der Uhr se­hend zu den an­de­ren et­was sag­te; so lei­se und ru­hig, dass ich es kaum hö­ren konn­te. Ich mein­te aber den­noch ver­stan­den zu ha­ben: »Eine Stun­de vor der Zeit«; dann wand­te er sich zu mir und sprach in ei­nem Deutsch, wenn mög­lich noch schlech­ter als mei­nes:

»Kein Wa­gen ist hier. Der Herr wer­den dem­nach gar nicht er­war­tet. Sie fah­ren nun am bes­ten mit uns nach der Bu­ko­wi­na und keh­ren dann mor­gen oder über­mor­gen zu­rück; bes­ser noch über­mor­gen.« Wäh­rend der sprach, be­gan­nen sei­ne Pferd­chen zu wie­hern und zu schnau­ben und wild aus­zu­schla­gen, so­dass der Fuhr­mann sie hal­ten muss­te. Dann fuhr eine Ka­le­sche mit vier Pfer­den von hin­ten an uns her­an und hielt auf glei­cher Höhe an, wäh­rend die Bau­ern in lau­tes Ge­schrei aus­bra­chen und sich be­kreu­zig­ten. Beim Schein der La­ter­nen konn­te ich er­ken­nen, dass die Pfer­de kohl­schwarz und wun­der­voll ge­baut wa­ren. Die Zü­gel führ­te ein hoch­ge­wach­se­ner Mann mit brau­nem Voll­bart und ei­nem großen schwar­zen Hut, der sein Ge­sicht vor uns ver­ber­gen zu sol­len schi­en. Als er sich zu uns wand­te, konn­te ich ein paar fun­keln­de Au­gen se­hen, die im Lam­pen­licht rot er­schie­nen. Er sag­te zum Po­stil­lon:

»Du bist sehr früh dar­an, mein Freund.« Der Mann stam­mel­te ver­le­gen:

»Der eng­li­sche Herr hat­te große Eile«, wor­auf der Frem­de er­wi­der­te:

»Weil du ihn, wie ich ver­mu­te, nach der Bu­ko­wi­na fah­ren woll­test. Du kannst mich nicht täu­schen, mein Bes­ter, ich weiß zu viel und mei­ne Ros­se sind zu flink.« Wäh­rend er das sag­te, lä­chel­te er, und der Schein der La­ter­ne fiel auf einen grau­sam aus­se­hen­den Mund mit sehr ro­ten Lip­pen und schar­fen, el­fen­bein­wei­ßen Zäh­nen. Ei­ner mei­ner Rei­se­ge­fähr­ten flüs­ter­te sei­nem Nach­barn die Wor­te aus Bür­gers »Le­no­re« zu:


»Denn die To­ten rei­ten schnell.«

Der selt­sa­me Kut­scher hat­te of­fen­bar die Wor­te ge­hört, denn er sah lä­chelnd den Spre­cher an. Die­ser wand­te sein Ge­sicht ab, in­dem er zwei Fin­ger aus­spreiz­te und das Kreuz schlug.

»Gib mir das Ge­päck des Herrn«, sag­te der Kut­scher, und mit au­ßer­or­dent­li­cher Ge­schwin­dig­keit wur­den mei­ne Kof­fer ab­ge­la­den und auf der Ka­le­sche un­ter­ge­bracht. Ich stieg dann auf der Sei­te des Post­wa­gens aus, wo die Ka­le­sche stand, wo­bei mit der frem­de Kut­scher half, in­dem er mei­nen Arm mit stahl­har­tem Griff um­spann­te; sei­ne Stär­ke muss be­trächt­lich sein. Ohne ein Wort zu sa­gen, zog er die Zü­gel an, die Pfer­de wen­de­ten und jag­ten der fins­te­ren Pas­sen­ge zu. Als ich zu­rück­sah, be­merk­te ich noch den Dampf der Pfer­de, der im La­ter­nen­schein em­por­stieg, und dun­kel sich da­von ab­he­bend die sich be­kreu­zen­den Ge­stal­ten mei­ner Rei­se­ge­nos­sen. Ich hör­te noch, wie der Fuhr­mann die Peit­sche klat­schen ließ und den Pfer­den et­was zu­rief; dann flo­gen sie da­hin, der Bu­ko­wi­na zu.

Als sie im Dun­kel ver­schwun­den wa­ren, über­lief mich ein ei­si­ger Schau­er, und das Ge­fühl der Ver­las­sen­heit kam über mich.

Der Kut­scher leg­te mir einen Man­tel um die Schul­tern und eine De­cke um die Knie und sag­te in flie­ßen­dem Deutsch zu mir:

»Die Nacht ist kalt, und mein Herr, der Graf, hat mir ge­bo­ten, be­son­ders auf Sie Acht zu ge­ben; hier un­ter dem Sitz steht eine Fla­sche Sli­bo­witz7 (der Pflau­men­brannt­wein des Lan­des), falls Sie sei­ner be­dür­fen soll­ten.« Ich nahm nichts da­von, aber es war mir im­mer­hin eine Be­ru­hi­gung zu wis­sen, dass so für mich ge­sorgt war. Ich hat­te ein ei­gen­tüm­li­ches Ge­fühl, wel­ches aber nicht als Furcht be­zeich­net wer­den konn­te. Wenn al­ler­dings ir­gend eine Mög­lich­keit ge­we­sen wäre, hät­te ich lie­ber auf die­se nächt­li­che Fahrt ver­zich­tet. Der Wa­gen fuhr in schar­fem Tem­po da­hin, dann mach­ten wir eine voll­kom­me­ne Kehrt­wen­dung und fuh­ren wie­der in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung. Ich hat­te den Ein­druck, als sei­en wir je­doch noch auf der glei­chen Stra­ße; ich merk­te mir ei­ni­ge be­son­ders auf­fal­len­de Punk­te und sah, dass ich mich nicht täusch­te. Ich hät­te ger­ne den Kut­scher ge­fragt, was das zu be­deu­ten habe, tat es aber nicht, weil ich mir sag­te, dass in mei­ner Si­tua­ti­on ein Pro­test zweck­los ge­we­sen wäre, wenn er wirk­lich et­was ge­gen mich im Schil­de führ­te. Neu­gie­rig war ich aber, wel­che Zeit wir hät­ten; ich zün­de­te ein Streich­holz an und sah bei sei­nem Schei­ne nach mei­ner Uhr; es wa­ren nur noch we­ni­ge Mi­nu­ten bis Mit­ter­nacht. Es er­fass­te mich ein jä­her Schreck; ver­mut­lich hat­te mich der all­ge­mei­ne Aber­glau­be be­züg­lich der Mit­ter­nacht und mei­ne jüngs­ten Er­fah­run­gen et­was ner­vös ge­macht. Ein pein­li­ches Ge­fühl der Er­war­tung über­kam mich.

Dann be­gann tief un­ten in ei­nem Bau­ern­hof an der Stra­ße ein Hund zu heu­len, ein lan­ges, to­destrau­ri­ges Wei­nen, wie vor Angst. Ein zwei­ter ant­wor­te­te, und so pflanz­te sich das fort, bis, ge­tra­gen vom Nacht­wind, der nun lei­se durch den Pass säu­sel­te, ein wil­des Heu­len ver­nehm­bar war. Es schi­en aus der gan­zen Ge­gend zu kom­men, so weit die Ein­bil­dung in den Schau­ern der Nacht reich­te. Bei den ers­ten Lau­ten scheu­ten und schnaub­ten die Pfer­de, aber der Kut­scher sprach lei­se auf sie ein und sie wur­den wie­der ru­hi­ger, wenn sie auch zit­ter­ten und schwitz­ten, wie nach der Flucht vor plötz­li­cher Ge­fahr. Nun be­gann, noch weit ent­fernt, auf den Ber­gen zu bei­den Sei­ten der Stra­ße ein lau­te­res, hel­ler klin­gen­des Ge­heul – das von Wöl­fen –, wel­ches die Pfer­de und auch mich in ho­hem Maße er­schreck­te. Ich war ge­son­nen, aus dem Wa­gen zu sprin­gen, wäh­rend sie wie­der schnaub­ten und wie toll aus­schlu­gen, so­dass der Kut­scher sei­ne gan­ze Kraft an­wen­den muss­te, um sie zu hal­ten. In we­ni­gen Mi­nu­ten hat­ten sich mei­ne Ohren an die Lau­te ge­wöhnt, und auch die Pfer­de wa­ren we­nigs­tens so weit be­ru­higt, dass der Kut­scher ab­stei­gen und sich vor sie hin­stel­len konn­te. Er strei­chel­te und lieb­kos­te die Tie­re und flüs­ter­te ih­nen et­was in die Ohren, wie es die Pfer­de­dres­seu­re ma­chen; das hat­te eine gute Wir­kung, denn un­ter sei­nen Zärt­lich­kei­ten wur­den sie wie­der füg­sa­mer, ob­gleich sie im­mer noch zit­ter­ten. Der Kut­scher stieg auf sei­nen Bock und fuhr mit straf­fen Zü­geln in flot­tem Tem­po wei­ter. Dann bog er plötz­lich quer über die Stra­ße scharf auf einen sehr en­gen Weg nach rechts ab.

Bald wa­ren wir un­ter Bäu­men, de­ren dicht ver­schlun­ge­nes Ge­äst förm­lich einen Tun­nel über uns bil­de­te, bald stie­gen schrof­fe Fel­sen zu bei­den Sei­ten kühn in die Höhe. Trotz­dem wir ge­schützt wa­ren, konn­ten wir den stär­ker wer­den­den Nacht­wind hö­ren; es pfiff und win­sel­te durch die Fel­sen und klat­schend und kra­chend schlu­gen die Zwei­ge der Bäu­me zu­sam­men. Es wur­de im­mer käl­ter und käl­ter und bald fiel auch ein leich­ter Schnee, der uns und un­se­re Um­ge­bung in einen wei­ßen Über­zug hüll­te. Der schar­fe Wind trug uns aus im­mer wei­te­rer Fer­ne das Heu­len der Hun­de zu. Da­ge­gen klang das Ge­heul der Wöl­fe nä­her und nä­her, gleich­sam als wenn sie uns von al­len Sei­ten um­ring­ten. Ich war sehr er­schreckt und die Pfer­de teil­ten mei­ne Furcht; der Kut­scher aber schi­en nicht im min­des­ten be­un­ru­higt. Er wand­te den Kopf auf­merk­sam zur Rech­ten und zur Lin­ken, aber ich konn­te nichts be­mer­ken.

Plötz­lich, dicht zur Lin­ken, tauch­te eine fla­ckern­de blaue Flam­me aus dem Dun­kel auf. Der Kut­scher sah sie zu glei­cher Zeit; er hielt die Pfer­de an, sprang ab und ver­schwand in der Fins­ter­nis. Ich wuss­te nicht, was tun, umso mehr als das Ge­heul der Wöl­fe im­mer nä­her kam; aber wäh­rend ich noch über­leg­te, kehr­te un­ver­se­hens der Kut­scher zu­rück, nahm wort­los sei­nen Sitz wie­der ein und wei­ter ging die Fahrt. Ich muss in Schlaf ge­sun­ken und im Traum von die­sem Zwi­schen­fall ver­folgt wor­den sein, denn er wie­der­hol­te sich un­zäh­li­ge Male. Wenn ich dar­an den­ke, ist es mir wie ein grau­en­haf­tes Alb­drücken. Auf ein­mal er­schi­en eine Flam­me so nahe bei uns, dass ich so­gar in der Dun­kel­heit, die uns um­gab, die hef­ti­ge Be­we­gung des Kut­schers er­ken­nen konn­te. Er schritt rasch auf die Flam­me los – sie muss sehr schwach ge­we­sen sein, denn sie er­leuch­te­te nicht ein­mal die al­ler­nächs­te Um­ge­bung – und leg­te ei­ni­ge vom Wege auf­ge­raff­te Stei­ne zu ei­ner be­son­de­ren Fi­gur. Ei­ner ei­gen­ar­ti­gen op­ti­schen Er­schei­nung muss ich hier­bei ge­den­ken; als der Kut­scher zwi­schen mir und der Flam­me stand, ver­deck­te er sie kei­nes­wegs, ich sah sie viel­mehr ge­spens­tisch wei­ter­fla­ckern. Das ent­setz­te mich, aber da die Er­schei­nung nur kur­ze Zeit an­hielt, führ­te ich sie auf eine Sin­ne­stäu­schung in­fol­ge des lan­gen Hin­aus­star­rens in die Nacht zu­rück. Dann ver­schwan­den rasch die blau­en Lich­ter und wir saus­ten durch die Fins­ter­nis da­hin, rings um uns das Ge­heul der Wöl­fe, die uns in ei­nem wei­ten Krei­se zu ver­fol­gen schie­nen.

Ein­mal wie­der be­gab sich der Kut­scher wei­ter von der Stra­ße weg, als er es bis­her ge­tan, und wäh­rend sei­ner Ab­we­sen­heit be­gan­nen die Pfer­de är­ger als je zu zit­tern und zu schnau­ben und vor Angst zu stöh­nen. Ich konn­te mir die Ur­sa­che nicht er­klä­ren, denn das Ge­heul der Wöl­fe hat­te auf­ge­hört. Da er­schi­en der Mond, der durch die düs­te­ren Wol­ken da­h­in­jag­te, über dem ge­zack­ten Kamm ei­nes fich­ten­be­wach­se­nen Fels­bro­ckens, und bei sei­nem fah­len Licht er­blick­te ich um uns einen Ring von Wöl­fen mit wei­ßen Zäh­nen, ro­ten her­aus­hän­gen­den Zun­gen, seh­ni­gen Bei­nen und zot­ti­gem Fell. Ihr grim­mi­ges Schwei­gen war viel un­heim­li­cher als ihr Ge­heul. Ich war wie ge­lähmt vor Schreck. Ein sol­ches Ge­fühl hat man nur, wenn man sich un­ver­mit­telt ei­ner un­ge­heue­ren Ge­fahr ge­gen­über­sieht.

Da plötz­lich be­gan­nen die Wöl­fe wie­der auf­zu­heu­len, als wenn das Mond­licht eine be­son­de­re Wir­kung auf sie aus­übe. Die Pfer­de schlu­gen her­um, stöhn­ten und sa­hen mit ih­ren rol­len­den Au­gen so hilf­los um sich, dass es ei­nem ganz wehe tat; aber der le­ben­di­ge Ring des Ver­der­bens um­gab sie un­ent­rinn­bar von al­len Sei­ten. Ich rief nach dem Kut­scher, denn der ein­zi­ge Aus­weg schi­en mir, den Ring mit sei­ner Hil­fe zu durch­bre­chen. Ich schrie und trom­mel­te mit den Fäus­ten ge­gen den Wa­gen­schlag, umso die Bes­ti­en fern­zu­hal­ten und ihm die Mög­lich­keit zu ge­ben, die Ka­le­sche zu er­rei­chen. Was er tat, weiß ich nicht, aber ich hör­te auf ein­mal den be­feh­len­den Ton sei­ner Stim­me und sah ihn dann auf dem Wege ste­hen. Er schwenk­te sei­ne lan­gen Arme, gleich­sam als wol­le er ein stö­ren­des Hin­der­nis bei Sei­te räu­men, und die Wöl­fe wi­chen mehr zu­rück. Dann schob sich eine schwar­ze Wol­ke vor den Mond und wir wa­ren wie­der im Fins­tern.

Als ich das Dun­kel mit den Au­gen zu durch­drin­gen ver­moch­te, klet­ter­te der Kut­scher ge­ra­de auf den Bock; die Wöl­fe wa­ren wie weg­ge­zau­bert. Das al­les war so selt­sam und un­ge­wöhn­lich, dass eine schreck­li­che Furcht über mich kam; ich wag­te nicht zu spre­chen oder mich zu re­gen. Die Zeit schi­en mir end­los, da wir un­se­re Fahrt fort­setz­ten, nun in völ­li­gem Dun­kel, denn die ei­len­den Wol­ken ver­deck­ten den Mond. Meist ging es berg­auf, zu­wei­len ka­men kur­ze schar­fe Sen­kun­gen. Plötz­lich kam es mir zum Be­wusst­sein, dass der Kut­scher den Wa­gen in den Hof ei­nes großen, rui­nen­haf­ten Ge­bäu­des lenk­te, aus des­sen wei­ten schwar­zen Fens­tern nicht ein ein­zi­ger Licht­strahl kam und des­sen zer­brö­ckeln­de Zin­nen sich wie eine ge­zack­te Li­nie von dem nun­mehr wie­der mond­hel­len Him­mel ab­ho­ben.


  1. Bistritz ist eine Stadt im Nord­os­ten von Sie­ben­bür­gen, Ru­mä­ni­en.  <<<

  2. Mămă­ligă ist ein aus Mais­grieß her­ge­stell­ter fes­ter Brei, ähn­lich der ita­lie­ni­schen Po­len­ta, der in Ru­mä­ni­en, Molda­wi­en und an­de­ren Tei­len des Bal­kans zur re­gio­na­len Kochtra­di­ti­on ge­hört. Be­son­ders in Ru­mä­ni­en ist es ein Na­tio­nal­ge­richt.  <<<

  3. Die Bu­ko­wi­na ist eine his­to­ri­sche Land­schaft im öst­li­chen Mit­tel­eu­ro­pa. Die nörd­li­che Hälf­te ge­hört zur Ukrai­ne, die süd­li­che Hälf­te zu Ru­mä­ni­en. Die Land­schaft grenzt im Süd­wes­ten an die Kar­pa­ten, den Über­gang nach Sie­ben­bür­gen bil­det der Bor­go-Pass.  <<<

  4. Me­diasch ist eine Stadt in Sie­ben­bür­gen im Kreis Si­biu (Her­mann­stadt), Ru­mä­ni­en. Sie liegt an der Târ­na­va Mare (Gro­ße Ko­kel) und ist ein wich­ti­ger Ver­kehrs­kno­ten­punkt in Zen­tral­ru­mä­ni­en. Nicht nur im Stadt­wap­pen der Stadt sind Wein­trau­ben zu se­hen, son­dern auch im Wap­pen des Hei­mat­ver­eins, das zu­sätz­lich auch Wein­blät­ter zeigt.  <<<

  5. Die Bahn­stre­cke Prun­du Bâr­gău­lui–Va­tra Dor­nei ist eine nur noch teil­wei­se exis­tie­ren­de Bahn­stre­cke in Ru­mä­ni­en. Sie ver­lief von Sie­ben­bür­gen in die Bu­ko­wi­na und über­quer­te da­bei einen Kamm der Ost­kar­pa­ten.  <<<

  6. im­mer­grü­ner Baum  <<<

  7. Sli­wo­witz, ei­gent­lich Sli­vo­va Ra­ki­ja ist die ge­bräuch­li­che Be­zeich­nung für eine Ra­ki­ja (Obst­brand) aus Pflau­men. Der Name ist vom sla­wi­schen Wort sli­wa für Pflau­me ab­ge­lei­tet.  <<<

ZWEITES KAPITEL

Jonathan Harkers Tagebuch

(Fort­set­zung)

5. Mai – Ich muss ge­schla­fen ha­ben; denn wenn ich wach ge­we­sen wäre, müss­te es mir doch auf­ge­fal­len sein, dass wir uns ei­nem so selt­sa­men Plat­ze nä­her­ten. In der Dun­kel­heit schi­en der Schloss­hof von be­trächt­li­cher Grö­ße; dass meh­re­re Wege von ihm aus un­ter mäch­ti­ge run­de Tor­we­ge führ­ten, ließ ihn viel­leicht noch grö­ßer er­schei­nen, als er wirk­lich war. Ich habe ihn bis heu­te noch nicht bei Tage ge­se­hen.

Als der Wa­gen hielt, stieg der Kut­scher ab und reich­te mir die Hand, um mir beim Aus­s­tei­gen be­hilf­lich zu sein. Ich muss­te wie­der­um die Stär­ke be­wun­dern, die in die­ser Hand lag; sie schi­en wie eine Stahl­zan­ge, die mei­ne Hand leicht zer­drückt hät­te, wenn der Be­sit­zer woll­te. Dann nahm er mei­ne Kof­fer her­aus und stell­te sie ne­ben mich auf den Bo­den. Ich be­fand mich vor ei­nem großen, al­ten Tore, das mit Ei­sen be­schla­gen und in einen stark aus­la­den­den Tor­bo­gen von mas­si­vem Stein ein­ge­las­sen war. Ich konn­te bei dem zwei­fel­haf­ten Lich­te er­ken­nen, dass der Stein roh be­hau­en war, dass aber die Ver­zie­run­gen von Zeit und Wet­ter schon stark ge­lit­ten hat­ten. Als al­les aus­ge­la­den war, schwang sich der Kut­scher wie­der auf den Bock, zog die Zü­gel an und ver­schwand dann mit Wa­gen und Pfer­den in ei­nem der mäch­ti­gen schwar­zen Tor­bo­gen.

Ich blieb schwei­gend auf mei­nem Plat­ze ste­hen, denn ich wuss­te nicht, was tun. Von Glo­cke oder Klop­fer kei­ne Spur; durch die­se dro­hen­den Mau­ern und dunklen Fenster­höh­len hät­te auch mei­ne Stim­me kei­nen Ein­gang ge­fun­den. Die Zeit, die ich zum War­ten ver­ur­teilt war, schi­en mir end­los und ich merk­te, wie Furcht und Zwei­fel in mir auf­stie­gen. Wo­hin war ich ge­ra­ten und un­ter was für Leu­te? Auf wel­ches un­heim­li­che Aben­teu­er hat­te ich mich da ein­ge­las­sen? War das ein nor­ma­ler Fall im Le­ben ei­nes An­walt­schrei­bers, der hin­aus­ge­schickt wur­de, um über den An­kauf ei­nes Lon­do­ner Grund­be­sit­zes durch einen Frem­den mit die­sem zu un­ter­han­deln? Üb­ri­gens »An­walt­schrei­ber« – Mina hört das nicht ger­ne. Aber An­walt! – denn eben als ich Lon­don ver­las­sen woll­te, hat­te ich noch in Er­fah­rung ge­bracht, dass ich mein Ex­amen be­stan­den hat­te; ich bin also nun wohl­be­stall­ter An­walt. Ich be­gann mei­ne Au­gen zu rei­ben und mich selbst zu knei­fen, um zu se­hen, ob ich denn wirk­lich wach wäre. Es schi­en mir al­les wie ein häss­li­cher Traum und ich er­war­te­te, plötz­lich auf­zu­wa­chen und zu Hau­se zu lie­gen und durch die Fens­ter in den fah­len Schein des Mor­gens zu star­ren, wie es mir manch­mal in Zu­stän­den der Über­ar­bei­tung pas­siert war. Aber mein Fleisch emp­fand den knei­fen­den Schmerz und mei­ne Au­gen sa­hen klar. Ich war also wirk­lich wach und mit­ten in den Kar­pa­ten. Al­les, was mir zu tun üb­rig blieb, war, mich zu ge­dul­den und den An­bruch des Ta­ges zu er­war­ten.

Als ich eben zu die­sem Ent­schlus­se ge­langt war, hör­te ich einen schwe­ren Schritt in­ner­halb des To­res und sah durch die Rit­zen ein Licht sich nä­hern. Dann ver­nahm ich das Ras­seln von Ket­ten und das Dröh­nen mas­si­ver Tür­rie­gel, die zu­rück­ge­scho­ben wur­den. Ein Schlüs­sel dreh­te sich laut krei­schend in dem schein­bar sel­ten be­nut­zen Schlüs­sel­loch, und das große Tor ging auf.

In­ner­halb des­sel­ben stand ein hoch­ge­wach­se­ner al­ter Mann, glatt ra­siert, mit ei­nem lan­gen wei­ßen Schnurr­bart und schwarz ge­klei­det von Kopf bis zu den Fü­ßen; kein hel­ler Fleck war an ihm zu se­hen. In der Hand hielt er eine al­ter­tüm­li­che sil­ber­ne Lam­pe, auf der ohne Zy­lin­der oder Schirm eine Flam­me brann­te, sie warf lan­ge, zit­tern­de Schat­ten in der Zug­luft des of­fe­nen To­res. Der alte Mann lud mich durch eine ver­bind­li­che Ges­te mit der Rech­ten ein, nä­her zu tre­ten und sag­te in vor­züg­li­chem Eng­lisch, aber mit ei­nem fremd­ar­ti­gen Ak­zent:

»Will­kom­men hier in mei­nem Hau­se! Tre­ten Sie frei und frei­wil­lig her­ein!« Er mach­te kei­ne Be­we­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­