Cover

Was macht den FC St. Pauli so besonders? Ob Sie es eilig haben oder ausführliche Grundlagenforschung betreiben wollen: Hier finden Sie Antworten. Mit diesem vergnüglichen Almanach trumpfen Sie beim ersten Stadionbesuch genauso auf wie bei der hundertsten Auswärtsfahrt.

Gehen Sie auf Ihre ganz persönliche Entdeckungsreise durch die Welt der Kiezkicker und ihrer Fans. Auf eigene Faust – oder auf unseren ausgeschilderten Themenpfaden.

Die Zahlen an den Icons weisen Ihnen den Weg: zum nächsten Wunder, zur nächsten Katastrophe, zur nächsten Perle.

Sind Sie frisch verliebt in den FC St. Pauli? Oder ein Groundhopper auf der Suche nach dem Auswärtskick? Suchen Sie Gesprächsstoff für heiße Stammtischdiskussionen? Haben Sie einen Hang zu Stadionromantik oder eher zu Verschwörungstheorien? Der Anstoßkreis ist hier. Wie Sie das Spiel eröffnen, liegt an Ihnen. Los geht’s – es ist alles drin.

 

    

WUNDERGLÄUBIGE    AB 017

    

EILIGE    AB 001

    

GRUNDLAGENFORSCHER    AB 001

    

STADIONROMANTIKER    AB 001

    

MILIEUNÄRE    AB 001

    

GOLDKEHLCHEN    AB 003

    

RHETORIKER    AB 002

    

PUNKER    AB 024

    

KATASTROPHENTOURISTEN    AB 004

    

FRISCH VERLIEBTE    AB 001

    

PERLENTAUCHER    AB 011

    

GROUNDHOPPER    AB 007

    

ERFOLGSORIENTIERTE    AB 011

    

STRAMMTISCHSTRATEGEN    AB 004

    

VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER    AB 022

    

BANKER    AB 008

1. Auflage 2010
Copyright © 2010 by
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
www.hoca.de
Illustrationen: Helge Jepsen
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-455-50202-2

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Tor, Tor, Millerntor    001

                        

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Mitten in Hamburg, nur einen Steinwurf von der Reeperbahn entfernt, liegt eines der stimmungsvollsten Fußballstadien Deutschlands: das Millerntor-Stadion, Heimat des FC St. Pauli. »Tor, Tor, Millerntor!«, rufen die Fans, wenn sie einen Treffer für ihre Mannschaft herbeischreien wollen. Dass das ursprüngliche Millerntor tatsächlich ein Tor war (wenn auch keins aus Aluminium), weiß längst nicht jeder.

Vor über 750 Jahren war das Millerntor ein Teil der Stadtbefestigung Hamburgs. Möglich, dass es seinen Namen erhielt, weil es das mittlere von drei Stadttoren war. Das Millerntor gewährte Menschen und Waren Durchlass und verband die Stadt Hamburg mit der späteren »Vorstadt St. Pauli« (damals noch »Hamburger Berg«). Die Hamburger behandelten St. Pauli lange Zeit wie Ausland: Wer von dort Waren einführen wollte, musste eine Zollgebühr zahlen. Mit Einsetzen der Dunkelheit schloss das Stadttor. Entsprechend groß war die Freude, als die verhasste »Torsperre« in der Silvesternacht 1860/61 aufgehoben wurde.

Erst seit 1894 ist St. Pauli offiziell ein Stadtteil Hamburgs – und damit auch das Heiligengeistfeld, auf dem das Stadion des FC St. Pauli steht. Hier spielten die Mitglieder der »Wunderelf« um die Deutsche Meisterschaft (siehe 017) und die »Weltpokalsiegerbesieger« um den Klassenerhalt (siehe 107), hier erhob Verteidiger Walter Frosch die Grätsche zur Kunstform (siehe 048), hier hielten in den 80er Jahren die Totenköpfe Einzug (siehe 065) – und hier lehrt der »Millerntor Roar« die Gegner das Fürchten (siehe 068). Doch zunächst mussten aus Vorstadtbewohnern begeisterte Stadionbesucher werden – und aus strammen Turnern leidenschaftliche Fußballer.

1862

Am Anfang war das Turnen002

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Die Geschichte des Fußballs auf St. Pauli begann vor 150 Jahren mit der zweitschönsten Nebensache der Welt – dem Turnen. Als 1861 die Torsperre zwischen Hamburg und der »Vorstadt St. Pauli« aufgehoben wurde (siehe 001), nutzten der »Hamburger Männer-Turnverein« und der »Turnverein in St. Pauli und vor dem Dammthore« die Gunst der Stunde: Sie fusionierten und kauften ein gemeinsames Grundstück außerhalb der Stadtmauern, um dort eine Turnhalle zu bauen (1862 wurde sie an der Feldstraße eingeweiht). Zuvor jedoch lieferten sich die Funktionäre beider Vereine heiße Debatten darüber, wie der neue, gemeinsame Verein heißen solle. Schließlich einigten sich die Streithähne und hoben den »Hamburg-St. Pauli-Turnverein von 1862« aus der Taufe. Sie konnten nicht ahnen, dass sie damit auch den Vorläuferverein des FC St. Pauli erschaffen hatten. Denn 1896 gründete sich im Turnverein eine »Spielabteilung«, in der ab 1899 auch Fußball gespielt wurde. Zwar trennten sich 1924 die Wege von Fußballern und Turnern (siehe 009), der Hamburg-St. Pauli-Turnverein jedoch besteht bis heute.

    

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»Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der wird kein Turner sein Leben lang.«

Aus einem Flugblatt des »Hamburg-St. Pauli-Turnvereins« (1881)

Das Herz von St. Pauli003

    

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Musik: Michael Jary/ Text: Arno Gillo.

Original gesungen von Hans Albers, am Millerntor wird die Version der Punkband Phantastix als Stadionhymne gespielt.

Das Herz von St. Pauli,

das ist meine Heimat.

In Hamburg, da bin ich zu Haus.

Der Hafen, die Lichter,

die Sehnsucht begleiten

das Schiff in die Ferne hinaus.

Das Herz von St. Pauli,

das ruft dich zurück.

Denn dort an der Elbe,

da wartet dein Glück.

Das Herz von St. Pauli,

das ist meine Heimat.

In Hamburg, da bin ich zu Haus.

Die Elbe, der Michel,

der Kurs ist immer gut.

St. Pauli, die Freiheit,

das liegt uns so im Blut.

Und hat das Lebensschiff ein Leck,

in Hamburg bleiben wir an Deck,

in Hamburg, ja, da bleiben wir an Deck.

1907

Leichte Gegner, schwere Kost004

         

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1907 trugen die Kiezkicker ihr erstes Wettspiel aus – gegen den Schwimmverein (!) »Aegir«. Doch der vermeintlich leichte Gegner erwies sich als ebenbürtig: Endstand 1:1. Das erste Ergebnis der Fußballgeschichte des FC St. Pauli war somit ein mittelmäßiges Unentschieden gegen einen schlagbaren Gegner – ein perfektes Orakel für die sportliche Zukunft des Vereins. Im zweiten Spiel lief es für die St. Paulianer erheblich besser, und die Schwimmer gingen mit 1:7 baden.

Im siebten und letzten Wettspiel des Jahres 1907 testeten die Kiezkicker erneut die Leidensfähigkeit ihrer Zuschauer: Am 1. Dezember führten sie gegen den Nienstedtener Sport-Club bis zur 90. Minute 1:0, kassierten dann aber durch eine Unachtsamkeit nach einer Ecke den Ausgleich. Das jagt auch manchem St. Pauli-Fan heutiger Tage gruselig-vertraute Schauer über den Rücken.

1909

St. Pauli wird braun-weiß005

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Es sind nicht nur die schönsten Vereinsfarben der Welt, sondern vielleicht auch die seltensten: In Braun-Weiß spielt nur eine Handvoll Fußballvereine weltweit.

»Erfinder« von St. Paulis Vereinsfarben war Amandus Vierth, einst aktiver Fußballer der 4. Herrenmannschaft im Hamburg-St. Pauli-Turnverein, dem Vorläuferverein des FC St. Pauli. Vierth forderte eine einheitliche Sportbekleidung für die Fußballer: dunkelbraune Jerseys mit weißen Aufschlägen und weiße Hosen. Sein Antrag wurde am 21. Mai 1909 angenommen. Zu Vereinsfarben wurden Braun und Weiß allerdings erst 15 Jahre später, als sich die Fußballer vom Turnverein abspalteten und den »FC St. Pauli« gründeten (siehe 009).

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Über die Gründe für die außergewöhnliche Farbwahl spekulieren viele Fans noch heute, gerade Braun ist keine klassische Farbe der Heraldik (Wappenlehre). Ein politischer Beigeschmack lässt sich ausschließen: 1909 war die Farbe Braun noch nicht entsprechend besetzt. Gaben vielleicht praktische Gründe den Ausschlag, und brauner Stoff war leicht und günstig zu bekommen? Harald Vierth, Amandus’ Enkel, glaubt an eine ganz einfache Erklärung: »Laut Familienüberlieferung waren alle anderen Farbkombinationen einfach schon vergeben«, sagt er heute.

Weiß hingegen ist die klassische Farbe der Turner und war im Hamburg-St. Pauli-Turnverein für alle Nichtkicker vorgeschrieben. Gut möglich, dass sich die Fußballer durch die Wahl dieser Farbe demonstrativ zu »ihrem« Turnverein bekennen wollten – gerade weil sie von den Turnern stets kritisch beäugt wurden.

1910

1910: Der Beitritt006

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Das offizielle Gründungsjahr des FC St. Pauli ist 1910. In Wahrheit aber wurde in diesem Jahr gar nichts gegründet – sondern lediglich beigetreten: Die Spielabteilung des Hamburg-St. Pauli-Turnvereins (siehe 002) schloss sich im Frühjahr dem Norddeutschen Fußball-Verband (NFV) an. Wann genau der Beitritt erfolgte, ist bis heute unklar; in der Satzung des FC St. Pauli ist seit einigen Jahren der 15. Mai 1910 als offizielles Gründungsdatum verankert.

Der Grund für den Beitritt: Ohne Zugehörigkeit zum NFV fanden die St. Paulianer kaum noch Gegner für Wettspiele. Ab der Saison 1910/11 konnten die Kiezkicker nun am regulären Punktspielbetrieb teilnehmen.

Ein halbes Jahr vorher war den St. Paulianern schon ein vorläufiger Beitritt gelungen, denn sie spielten – außer Konkurrenz – in der Rückrunde der Saison 1909/10 mit. Das erste Pflichtspiel des späteren FC St. Pauli gegen die 3. Mannschaft des SC Germania 1887 (eines Vorläufervereins des HSV) am 30. Januar 1910 gewannen die Braun-Weißen 2:0 – und das, obwohl sie nur mit neun Spielern antraten.

Ihre erste reguläre Saison 1910/11 spielten die St. Paulianer in der 1C-Klasse (3. Liga). Als sich die Fußballer 1924 vom Turnverein trennten und den FC St. Pauli gründeten (siehe 009), legten sie das Jahr ihres Beitritts zum NFV rückwirkend als offizielles Gründungsjahr fest.

100 Jahre Fußballfieber: die Ligakurve des FC St. Pauli

1910

Auswärts tut weh007

 

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Bereits 1910 absolvierten die Kiezkicker ihre ersten Auswärtsspiele – und die Premiere war gleich international: Es ging über die Reichsgrenze nach Dänemark. Die Fahrt mit Bahn und Dampfer wurde offiziell als Osterausflug deklariert und kostete 15 Mark. »Wenn auch die Unsrigen nicht siegreich heimkehrten, so haben sie doch viel gelernt«, beschönigte die Vereinszeitung die beiden saftigen Niederlagen gegen Svendborg (2:6 und 0:6).

Auch das erste innerdeutsche Auswärtsspiel im gleichen Jahr verlief desaströs. Auf einem Kasernenhof in der weltbekannten Fußballmetropole Cuxhaven blamierten sich die St. Paulianer gegen eine Matrosenauswahl mit 0:5.

Auswärtsfahrtenordnung des Fanladens des FC St. Pauli (Auszug, Stand 2010)

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1. Es ist den TeilnehmerInnen untersagt, andere Mitreisende durch ihr Verhalten (sei es durch übermäßigen Alkohol/Drogenmissbrauch oder nüchtern) zu gefährden.

2. Tätliche Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Fans führen mit sofortiger Wirkung zu einem Ausschluss von der Weiterfahrt (nächster Rastplatz/Bahnhof).

3. Bei Beschädigungen der angemieteten Busse oder Bahnwaggons ist der Fanladen davon unverzüglich zu informieren. Bei Schäden, die nach Beendigung der Fahrt festgestellt werden, wird den PlatzinhaberInnen der Schaden in Rechnung gestellt.

4. Der Platz im Bus oder der Bahn ist bei Beendigung der Fahrt sauber zu hinterlassen. Bei Nichteinhaltung kann dem/der TeilnehmerIn eine eventuelle Reinigung in Rechnung gestellt werden.

5. Genauso wie im Millerntor-Stadion gilt auch bei den vom Fanladen organisierten Fahrten: Wer rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische Äußerungen/Bemerkungen gegenüber anderen FahrtteilnehmerInnen von sich gibt oder andere aufgrund des Geschlechts bzw. sexueller Neigung beleidigt oder belästigt, kann mit einem sofortigen Ausschluss von der Weiterfahrt belegt werden (nächster Rastplatz/Bahnhof). Dieses gilt auch für ein solches Verhalten im jeweiligen Stadion oder auf dem Weg dorthin.

Mit dem Kauf einer Fahrtkarte für die vom Fanladen organisierten Fahrten (egal ob Bus, Bahn oder Sonderzug) wird die Auswärtsfahrtenordnung anerkannt.

1913

Die Erfindung der Dauerkarte008

 

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»Der Sportplatz am Millerntor hat sein Stammpublikum«, berichtete die Vereinschronik über die Frühzeit des Fußballs auf St. Pauli. Und für dieses Stammpublikum ließen sich die St. Paulianer im August 1913 etwas Besonderes einfallen: Es sollten »Vorverkaufskarten für sämtliche Fußballwettspiele zum Preis von 2 Mark ausgegeben werden«. Ob diese ersten Dauerkarten wohl ähnlich begehrt waren wie heute?

Wenig später beschlossen die St. Paulianer, Amandus Vierth, der »Erfinder« der braun-weißen Vereinsfarben (siehe 005), solle »in Zukunft kein Eintrittsgeld für Spiele, die auf unserem Platze stattfinden, zahlen«. Die lebenslange Dauerkarte war erfunden! Und das 90 Jahre bevor der FC St. Pauli (dieses Mal aus Geldnot) von dieser Möglichkeit erneut Gebrauch machte (siehe 111).

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»Wir brauchen mehr Dauerkarten!«

Björn Beton, Mitglied der Band Fettes Brot, in einem verzweifelten Song über die Kartenknappheit beim FC St. Pauli (2007)

1924

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein FC St. Pauli!009

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»Wegen der vorgebeugten, erbärmlichen Haltung, in welcher die Spieler dem Ball entgegen- und nacheilen, verabscheue ich das Fußballspiel. Es sollte auf keinem deutschen Turnplatz Eingang finden!« So beschwerte sich der Pädagoge Otto Jäger bereits 1895 – und stand mit seiner Meinung nicht allein da. Die ordnungsliebenden Turner verachteten die unkoordiniert wirkenden Bewegungsabläufe im Fußball, der auch noch aus dem verhassten England stammte. In seiner Schmähschrift »Fußlümmelei – über Stauchspiel und die englische Krankheit« wetterte der Turnlehrer Karl Planck gar, das Fußballspiel erniedrige »den Menschen zum Affen«.

Auch beim Hamburg-St. Pauli-Turnverein (siehe 002) hatten die Fußballer von Anfang an mit Angriffen der Turner zu kämpfen. Zum endgültigen Bruch zwischen Turnern und Fußballern kam es 1924: Die Deutsche Turnerschaft untersagte allen Mitgliedern ihrer Vereine, an Wettkämpfen der Spiel- und Sportorganisationen (zum Beispiel der Fußballverbände) teilzunehmen. Diese sogenannte »reinliche Scheidung« betraf auch die Fußballer des Hamburg-St. Pauli-Turnvereins: Wenn sie weiter am Ligabetrieb des Norddeutschen Fußball-Verbandes (NFV) teilnehmen wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich von ihrem Stammverein zu trennen und einen eigenen Verein zu gründen.

So fand am 5. Mai 1924 die Gründungsversammlung des FC St. Pauli statt. Als Gründungsjahr legten die Mitglieder 1910 fest: das Jahr des Beitritts zum NFV (siehe 006). Ein gutes Jahr später, am 28. Mai 1925, wurde der »FC St. Pauli von 1910 e.V.« offiziell in das Vereinsregister eingetragen, und die Trennung vom Hamburg-St. Pauli-Turnverein war endgültig vollzogen.

1925

Lange Hosen, kurzer Rasen010

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Dass die Hosen der Fußballer in frühen Jahren oft bis über die Knie reichten, hatte nicht nur modische Gründe: Die langen Beinkleider schützten vor Hautabschürfungen. Denn häufig wurde nur auf Grand gespielt – auch auf St. Pauli. Das änderte sich 1925: Die Braun-Weißen investierten 6000 Mark in einen Rasenplatz, den sie am 23. August 1925 mit einem Punktspiel gegen Eimsbüttel einweihten.

Die Presse freute sich über den neuen Untergrund, der sich »wie ein Teppich von dem Grau des Heiligengeistfeldes« abhob; wie geschaffen für filigrane Techniker und Freunde der feinen Spielkultur! Kein Wunder, dass St. Pauli das Einweihungsspiel mit 0:3 verlor …

Der Platz des FC St. Pauli lag an der Ecke Budapester Straße (damals: Eimsbütteler Straße) und Glacischaussee; der Eingang befand sich ungefähr dort, wo heute der Ausgang der U-Bahn-Station »St. Pauli« auf dem Heiligengeistfeld liegt. Auch die folgenden Spielstätten des FC St. Pauli lagen alle an dieser Stelle – bis das Stadion 1961 an seinen heutigen Standort verlegt wurde (siehe 034).

1930

Geheimwaffe: Schmalzkuchen011

 

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Spielte der FC St. Pauli in den 20er und 30er Jahren am heimischen Millerntor, kam ihm oft ein »zwölfter Mann« zu Hilfe. Das waren allerdings nicht die braun-weißen Fans – sondern das Volksfest »Hamburger Dom«. Damals gab es noch keine Zuschauertribünen; die Buden der Schausteller und Gaukler reichten bis an den Spielfeldrand. Direkt hinter dem Tor polterte eine Achterbahn über hölzerne Schienen, laute Musik schallte von überall her. Und das trieb viele gegnerische Mannschaften in den Wahnsinn, wenn man zeitgenössischen Spielberichten glauben darf.

»Der HSV wird heilfroh sein, sein Spiel gegen den FC St. Pauli am Millerntorplatz mitten im Trubel des Domes hinter sich zu haben«, berichtete eine Zeitung im Dezember 1925: »Die klare Winterluft war erfüllt von den mehr oder minder reizvollen Düften der Waffel- und Wurstbuden ringsum, dazu der sinnverwirrende Lärm der Dommusik. Es ging schon an die Nerven!« Die HSVer hatten große Mühe, sich zu konzentrieren: »Unter den Klängen des Dollarprinzessin-Walzers spielte sich der Sturm der Rothosen eine böse Naht zusammen.« Am Ende siegte der HSV dennoch 6:2.

Schlechter erging es Altona 93 im Winter 1930. »Bei Bratwurst- und Schmalzkuchengeruch unterhielt ein Lautsprecher, der Hamburger Döntjes zum Besten gab, die Massen«, berichtet eine Tageszeitung. »Ein Feuerwerk der beliebtesten Gassenhauer prasselte auf die Spieler und das Publikum herab, dass einem mehr nach Tanzen als nach Spielen oder Betrachten und Kritisieren zumute war.« Vor so viel Lustigkeit mussten die Altonaer schließlich kapitulieren und gaben sich 1:2 geschlagen.

Trotz der Tribünen, die heute den Gegner vor dem »Dom« schützen: Noch immer meinen viele, dass der FC St. Pauli besonders erfolgreich spielt, wenn sich das Riesenrad auf dem Heiligengeistfeld dreht.

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins012

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Text: Alfred Müller-Förster, Musik: Ralph Arthur Roberts. »Auf der Reeperbahn nachts um halb eins« ist berühmt durch Hans Albers und fast so alt wie der FC St. Pauli: 1911 wurde das Lied erstmals öffentlich aufgeführt – im »Neuen Operetten-Theater« an der Reeperbahn. Am Millerntor erklingt es häufig gegen Ende erfolgreicher Spiele; viele Fans haken sich dazu unter und schunkeln.

Silbern klingt und springt die Heuer,

heut speel ick dat feine Oos!

Heute, da ist mir nichts zu teuer,

morgen geht ja die Reise los.

Langsam bummel ich ganz alleine

die Reeperbahn nach der Freiheit rauf.

Treffe ich dann eine Blonde, recht feine,

die gabel ich mir auf.

Bridge:

Komm doch, liebe Kleine,

sei die Meine, sag nicht nein!

Du sollst bis morgen früh um neune

meine kleine Liebste sein.

Is’ es dir recht, na dann bleib ich dir

treu sogar bis um zehn!

Hak’ mich unter, wir wollen

zusammen mal bummeln gehn.

Refrain:

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins,

ob du ’n Mädel hast oder ob keins,

amüsierst du dich,

denn das findet sich,

auf der Reeperbahn nachts um halb eins.

Wer noch niemals in lauschiger Nacht

einen Reeperbahnbummel gemacht,

ist ein armer Wicht,

denn er kennt dich nicht,

mein St. Pauli, St. Pauli bei Nacht.

Kehr ich heim im nächsten Jahre,

braun gebrannt wie so ’n Hottentott,

hast du deine blonden Haare

schwarz gefärbt, vielleicht auch rot.

Grüßt dich dann mal ein fremder Jung,

und du gehst vorüber und kennst ihn nicht,

kommt dir vielleicht die Erinnerung wieder,

wenn leis’ er zu dir spricht:

Bridge/Refrain

1933

»Führerprinzip« beim FC St. Pauli013

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Die »Machtergreifung« der Nationalsozialisten im Januar 1933 veränderte auch den Sport drastisch. Die »Gleichschaltung« des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Deutschland machte vor dem Fußball nicht halt. Fortan ersetzte das »Führerprinzip« demokratische Strukturen und Gremien – auch beim FC St. Pauli. »In der Mai-Versammlung 1933 wird Wilhelm Koch zum Vereinsführer gewählt«, schreibt die Vereinschronik von 1935. Tatsächlich aber durften die Vereinsmitglieder nicht mehr wirklich wählen, sondern lediglich einen »Vereinsführer« vorschlagen. Dieser musste dann von den nationalsozialistischen Machthabern noch bestätigt werden; eine Abberufung war jederzeit möglich. Ein »Vereinsführer« war also abhängig vom Wohlwollen regionaler NS-Größen – ein möglicher Grund dafür, dass Wilhelm Koch 1937 in die NSDAP eintrat (siehe 015).

1935

Knie nieder, St. Pauli! Die Bauern sind zu Gast …!014

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Hamburgs Stadtväter hatten sich bereits 1900 vertraglich ein Mitnutzungsrecht an St. Paulis Sportplatz gesichert, und das nahmen sie gnadenlos in Anspruch. So mussten die St. Paulianer ihren schönen Rasenplatz im März 1929 für eine landwirtschaftliche Ausstellung räumen – davon erfuhren sie allerdings erst, als sie vor ihrem vernagelten Platz standen.

Während sich die Bauern samt Vieh und Gerät auf dem Fußballfeld tummelten, mussten die Kiezkicker fast zehn Wochen lang auf andere Plätze in der Umgebung ausweichen. Dann ging die Ausstellung pleite.

Das tröstete die St. Paulianer jedoch kaum: Ihr Platz war vollkommen ruiniert, das Gras vertrocknet. Die dicken Wasserschläuche der zu Hilfe gerufenen Feuerwehr konnten den Rasen auch nicht mehr retten. Den St. Paulianern blieb nur die bittere Klage über das »Trauerspiel, auf einem solchen Platz inmitten von Staubwolken Fußball spielen zu müssen«. Auch als der FC St. Pauli 1933 eine neue Sportanlage errichtete, währte die Freude nicht lange: Im Frühjahr 1935 war es die »Reichsnährstands-Ausstellung«, die unter dem Motto »Blut und Boden« die »Erzeugerschlacht« auf dem Heiligengeistfeld ausrief und den FC St. Pauli von seinem Platz vertrieb. Zehntausende Besucher zertrampelten die zarten Halme, Gräben wurden mitten durch das Spielfeld gezogen, und wo später Trainerbänke standen, errichteten wackere Bauersleute Kartoffelverschläge und gemauerte Stallungen.

Es dauerte mehr als ein Jahr, bis die St. Paulianer ihr Spielfeld wieder hergerichtet hatten. In der Zwischenzeit mussten sie alle Heimspiele auf fremden Plätzen austragen. Trotz des »Auswärtszwangs« wurden die Braun-Weißen 1936 Meister der Bezirksliga und stiegen in die damals höchste Spielklasse, die »Gauliga«, auf.

1937

Ein Parteibeitritt mit Folgen015

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1931 wählten die Mitglieder des FC St. Pauli Wilhelm Koch zu ihrem Vereinspräsidenten. Zwei Jahre später wurde aus dem Präsidenten ein »Vereinsführer« – schuld daran war die Einführung des »Führerprinzips« auch in den Sportvereinen (siehe 013).

Nachweisen lässt sich politischer Druck auf Wilhelm Koch zwar nicht, aber ein Gutachten des Historikers Frank Bajohr von 1998 deutet an, dass möglicherweise »an Wilhelm Koch informell oder formell die Erwartung herangetragen wurde, der NSDAP beizutreten«.

Im Juli 1937 stellte Koch einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP. Sein Parteibeitritt wurde zurückdatiert auf den 1. Mai 1937 – jenen Tag, an dem die seit vier Jahren bestehende Aufnahmesperre für die NSDAP gelockert worden war. Kochs Parteibeitritt war Teil eines Masseneintritts von ungefähr 1,5 Millionen Personen, darunter viele Beamte und gesellschaftliche Funktionsträger.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Koch einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen und durfte dem FC St. Pauli drei Jahre lang nicht vorstehen. Am Ende des Verfahrens stuften ihn die britischen Militärbehörden in die letzte von fünf Kategorien ein (»unbelastet«). 1948 wählten ihn die St. Paulianer erneut zu ihrem Präsidenten, und dieses Amt füllte Koch bis zu seinem Tod im Dezember 1969 aus. Wenige Wochen später stimmten die Vereinsmitglieder dafür, das Millerntor-Stadion in »Wilhelm-Koch-Stadion« umzubenennen.

1997 gab der FC St. Pauli ein Gutachten über Wilhelm Koch in Auftrag, nachdem dessen NSDAP-Mitgliedschaft bekannt geworden war. Zwar präsentierte der Historiker Frank Bajohr eher entlastende Ergebnisse, doch viele St. Pauli-Mitglieder waren der Ansicht, dass ein öffentliches Gebäude     

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»Insgesamt lässt sich der FC St. Pauli in der Zeit von 1933 bis 1945 weder als ein ›Nazi-Verein‹ charakterisieren, noch bildete er eine antifaschistische Insel in der deutschen Gesellschaft.«

Aus einem Gutachten des Historikers Frank Bajohr über Wilhelm Koch