John S. Burnett

 

TERROR AUF SEE

Moderne Piraten rüsten auf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Delius Klasing Verlag

 

Text Copyright © John S. Burnett, 2002

Die englische Originalausgabe mit dem Titel “Dangerous Waters” erschien bei Dutton/Penguin Group (USA) Inc., New York.

 

1. Auflage 2010

ISBN 978-3-7688-8309-2

Die Rechte für die deutsche Ausgabe liegen beim Verlag

Delius, Klasing & Co. KG, Bielefeld

 

Die Printausgabe dieses Werkes wurde mit der

ISBN 978-3-7688-1574-1 herausgegeben.

 

Aus dem Englischen von Monika Handschuch

 

Titelfoto: Pal Hermansen/Stone – Getty Images

 

Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

 

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch Teile daraus, nicht vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

 

www.delius-klasing.de

 

 

Inhalt

 

7Vorwort

8Prolog: Der Angriff

17Einleitung

23   1   Alle Schläuche pinkeln

35   2   »Ich töte, keine Frage!

49   3   Ein gefährliches Revier

66   4   Ein gutes Ziel

83   5   Eine leere See

98   6   Tanzstunden helfen hier nicht weiter

116   7   Die christliche Variante

133   8   Puppen an Bord

149   9   Tote Männer reden nicht

165  10   Durch die Hölle und zurück

179  11   Schurkenpatrouillen

194  12   Wo bleiben die Amerikaner?

208  13   In der Höhle des Löwen

218  14   Gefährliche Wasser

227  15   Phantomschiffe auf hoher See

241  16   Piraten haben viele Namen

251  17   In der Todeszone

264  18   Mord steht auf der Tagesordnung

280  19   Im Schutze der Nacht

289  20   Angriff live

304Nachwort: Der Feind in den eigenen Reihen

 

Anhang

318Danksagung

320Bibliografie

321Anmerkungen

 

 

 

 

 

Ein Mann stirbt, wie er träumt. Allein.

Joseph Conrad

 

 

 

Für Jackie.

Und Koos und Mien, in Freundschaft.

Vorwort

Angriffe von Piraten und Terroristen auf Schiffe sind Drohungen gegen den globalen Handel und dessen Sicherheitsstrategien, aber sie treffen die Männer und Frauen in der vordersten Linie: all die Seeleute, die in Ausübung ihres Berufes per Schiff die Weltmeere befahren. Die akuten Sicherheitsprobleme auf einem Very Large Crude Carrier (VLCC) – Schiffe, deren Wege routinemäßig durch feindliche Gewässer führen – und die Sorge um die Sicherheit der Mannschaft des Ölmultis, auf dessen Tanker der Autor mitfahren durfte, lassen es dringend geboten erscheinen, dass dieser VLCC nicht identifiziert werden kann. Deshalb verbirgt sich der Riese, der Rohöl aus dem Mittleren Osten in alle Welt transportiert, hinter einem Pseudonym: MONTROSE. Auch die Namen der Crew und der Mitarbeiter der Reederei wurden verändert, der Name der Ölgesellschaft bleibt unerwähnt. Alle anderen Einzelheiten meiner Recherche entsprechen den tatsächlichen Gegebenheiten.

Prolog: Der Angriff

Der junge Indonesier stieß mir den Lauf seines Sturmgewehrs in den Bauch. Seine Augen starrten kalt und hart auf mich und versuchten, mich zur Gegenwehr zu provozieren. Ich stand kurz davor, etwas sehr Dummes zu tun.

Ich war im Januar 1992 mit meiner Sloop UNICORN einhand durch die Südchinesische See nach Singapur gesegelt. Obwohl sie nicht groß war – sie maß eine Länge von nur 32 Fuß – war sie doch handfest genug, um sich mit ihr aufs Meer zu wagen, und bequem genug, um mir ein Zuhause zu bieten. Allein ein solches Unternehmen anzugehen, schien allerdings nicht übermäßig empfehlenswert, und die Hafenbehörden hatten mich massiv gewarnt, weil in der Nacht zuvor ein Öltanker in ebendiesem Revier von Piraten angegriffen worden war.

Ich nahm damals die Informationen über dieses moderne Freibeutertum allerdings nicht besonders ernst und machte mir erheblich mehr Sorgen wegen der schwierigen Navigation durch die Riffe bei all den Ausweichmanövern, zu denen mich das heftige Verkehrsaufkommen zwingen würde – und auch darum, ob ich wohl während der drei Tage lang dauernden Passage genug Zeit für ein Nickerchen finden könnte. Piraterie – das waren für mich Geschichten über Long John Silver, Captain Hook und irgendwelche Hollywoodfantastereien, im besten Fall ein Spiel aus meiner Kindheit, das wir gern hinter den Müllhalden spielten, indem wir Duelle mit Entermessern austrugen, die wir aus einem Lattenzaun herausgerissen hatten. Wie könnten Piraten denn auch an der glatten Stahlwand des berghohen Rumpfes eines Schiffsriesen hochklettern, fragte ich mich.

Dann näherte ich mich einer der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt, die Europa mit dem Pazifik verbindet, den Persischen Golf mit Japan und China; es handelt sich um einen Highway mit der Kapazität von sechshundert Handelsschiffen pro Tag. Sie ist auch, wie ich erfahren sollte, der bevorzugte Jagdgrund der Piraten. Schon in der zweiten Nacht, nachdem ich von Borneo ausgelaufen war, geschah das Unfassliche. Die Atmosphäre lastete schwer und windstill auf mir, Blitze zuckten an Backbord durch die Gewitterwolken auf Sumatra nieder. Der beruhigende Glanz der Lichter von Singapur erhellte noch schwach den westlichen Horizont. Sogar ohne die Unterstützung des Windes, ohne Segel und nur mit dem kleinen Hilfsmotor kalkulierte ich den Landfall für den frühen Nachmittag ein. In nur vier oder fünf Stunden wollte ich an der Bar des Changi Yacht Clubs sitzen und mir aus den üblichen medizinischen Gründen ein kühles Bier hinter die Binde gießen. Erst dann sollte ein erholsames Schläfchen folgen. Man muss schließlich Prioritäten setzen.

Von den Brücken der großen Handelsschiffe herunter war die UNICORN, wie sie so mit ihrem schlaffen Hauptsegel durch die Hauptverkehrsstraße hinkte, nicht auszumachen, und es war deshalb allein mein Ding, allen Gefahren auszuweichen. Ein gigantisches Containerschiff, dessen Decks wie der New Yorker Times Square am Neujahrsabend erleuchtet waren, fuhr parallel zu mir an Steuerbord. Feuerlöschkanonen schossen Wasserfontänen in die Dunkelheit. Plötzlich realisierte ich, dass der Frachter gemächlich den Kurs änderte und dann hart nach Backbord drehte. Ungläubig sah ich ihn direkt auf mich zuhalten. Ein Schiff, das mit achtzehn Knoten auf mich zukam – da gab es nicht mehr viel, was ich tun konnte. Der Bastard wollte mich überlaufen! Ich legte hart Ruder und jagte den Motor auf qualmende sechs Knoten hoch; dieses Manöver katapultierte mich im letzten Augenblick aus dem Weg. Fassungslos starrte ich hinauf zu dem hoch über mir sich auftürmenden gleißenden Lichterpark, der mich einen Moment später untergemangelt hätte. Erst jetzt dämmerte mir allmählich, dass der Kapitän das kleine Echo auf seinem Radarschirm vermutlich für ein Piratenboot gehalten hatte. Das Monstrum drehte nämlich auf seinen ursprünglichen Kurs zurück, und ich drosselte den Motor und lehnte mich zurück, erschöpft und am ganzen Körper zitternd. Der Frachter hatte mich absichtlich brutal aus der Fahrrinne gedrängt, bis er mir nicht mehr folgen konnte, und lief nun – nachdem er der Bedrohung durch ein Piratenboot erfolgreich gegengehalten hatte – offensichtlich zufrieden weiter. Meine UNICORN tanzte in seinem Kielwasser wie ein Korken außer Kontrolle auf und ab. Der Baum schlug von einer Seite zur anderen, und der kleine Propeller meines Motors brummte funktionslos über dem Wasserspiegel, während das Heck immer wieder nach oben kam.

Das Meer ist ein guter Ort zum Alleinsein, aber ich hatte gerade zu spüren bekommen, wie total einsam und isoliert man sich auch fühlen kann. Nicht einmal die sensationellsten Momente, in denen ich mich innerhalb eines Radius von tausend Meilen als einziger Mensch auf dem Ozean wähnte, sind vergleichbar mit dem Gefühl der Verlassenheit während jener Nacht mitten auf dieser belebten Schiffsautobahn.

Todmüde, wurde ich zunehmend konfuser. Grelle Halogenflutlichter beleuchteten auf den passierenden Schiffen die Decks vom Bug bis zum Heck als Teil ihrer Verteidigungsstrategie gegen Piraten. Da man gleichzeitig keine der vorgeschriebenen Positionslichter gesetzt hatte, hatte ich keine Chance zu erkennen, ob sie auf mich zu oder von mir weg liefen, und in welchem Winkel ich zu ihnen stand. Ich nahm deshalb wieder Kurs auf den inneren Rand der Fahrrinne und bewegte mich an der äußersten Kante entlang. Aber dort war es ebenfalls nicht ungefährlich; unkartierte Riffe, unbeleuchtete Fischerboote, kaum sichtbare Schwimmer an den Netzen quälten mich nicht weniger als der Fehdehandschuh, den mir weiter mittig die Frachter vor den Bug knallten. Dennoch fühlte ich mich hier doch etwas sicherer.

Ganz in meiner Nähe rauchte jemand. Schon einmal nachts vor der Küste von Sri Lanka hatte ich Zigarettenrauch wahrgenommen, und wenige Minuten später war mir nur noch ein Manöver des letzten Augenblicks geblieben, um die Kollision mit einem unbeleuchteten Fischerboot zu vermeiden und mich nicht in seinen Netzen zu verfangen. In wirklich letzter Sekunde hatte ich mit meinem Fernglas die Glut der Zigarette, die einem Fischer aus dem Mundwinkel hing, ausgemacht. Auch jetzt gab es keinen Zweifel: Jemand rauchte – eine Gudang Garam, die mit ihrem süßlich gewürzten Geruch eine in Indonesien sehr beliebte Sorte ist. Mit geschärften Sinnen versuchte ich, mich mithilfe der heftigen Vibrationen durch die passierenden Schiffe zu orientieren und die Silhouette des Bootes zu entdecken, das ich mit größter Wahrscheinlichkeit gleich rammen würde.

Als Zugeständnis an meine auflodernden Ängste schlich ich nach unten zum Funkgerät. Nur für den Fall der Fälle. Bis jetzt war es mir noch keine große Hilfe gewesen. Die Frequenzen waren entweder von schrillen Pfiffen überlagert, eine bevorzugte asiatische Kommunikationstechnik, oder mit dem Geplänkel philippinischer, malaysischer und indonesischer Fischer, die sich gegenseitig anonym beschimpften: »Hallo, Affe – du indonesischer Affe.« – »Hey, du philippinisches Schwein – du frisst doch die Scheiße deiner Mutter, DU bist der große Affe.« In dieser Nacht blockierte jemand die Frequenz, indem er das Mikrofon an einen Mittelwellensender hielt, sodass es eine näselnde chinesische Melodie übertrug. So konnte man jeden Notruf eines Schiffes oder den Versuch, ein anderes Schiff zu erreichen, matt setzen. Sofern es nicht über einen stärkeren Sender verfügte. Ich hatte jedenfalls keinen.

Dann warf mich ein plötzlicher Stoß aus dem Gleichgewicht. Mein erster Gedanke galt einem unkartierten Riff oder einem teilweise unter der Wasseroberfläche treibenden Container, der von einem Schiff gefallen war. Ich umklammerte den Handlauf, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Vibrationen erschütterten den Rumpf – ein Schiff mit starker Maschine lief Bord an Bord neben meinem Boot. Dann fühlte ich, dass jemand bei mir an Bord sprang. Dann sprang ein zweiter Mann. Gedämpfte, aber aufgeregte Stimmen von oben ließen Panik in mir aufsteigen. Ich erstarrte. Das plötzliche, unerwartete Auftauchen von menschlichen Geräuschen, wenn man tagelang allein auf See war, ist ein Horror. Jemand stand auf meinem Deck!

Ich konnte nicht weglaufen, ich konnte mich nicht verstecken. Ich fühlte mich wie ein Tier in der Falle. Die Stimmen klangen immer erregter, während die Eindringlinge oben auf dem rollenden Schiff herumtaumelten. Bei Gott, ich beschloss, diese Kerle über Bord zu werfen! Schon zog ich meine indonesische Machete aus ihrer Scheide und wollte hinauf.

Aber hier handelte es sich um Piratengebiet, und ich war gewarnt worden. Ich musste mich erst beruhigen und einen klaren Kopf bekommen. Also schob ich das Messer an seinen angestammten Platz zurück. Einen Kampf wollte ich nur als letzten Ausweg riskieren. Mein Leben war wichtiger als meine Schiffsausrüstung. Ich freundete mich mit dem Gedanken an, ihnen zu geben, was immer sie verlangten – mit Ausnahme der UNICORN. In Todesangst und auf zittrigen Beinen zog ich mich die Stufen des Niedergangs hinauf.

Ein paramilitärisches Patrouillenboot hatte längsseits festgemacht, lag lässig vertäut an langer Leine und lieferte nur einen farblosen, gespenstischen Umriss – außer mittschiffs, wo die orangefarbene Glut einer Zigarette kurz ein dunkles Gesicht beleuchtete. Zwei schattenhafte Figuren standen schrecklich still vor mir und richteten ihre Gewehre auf mich. Der Entschluss, keinen Widerstand zu leisten, war richtig gewesen. Wahrscheinlich war es sogar ein Vorteil für mich, dass sie über Gewehre verfügten; wären sie unbewaffnet gewesen, hätte ich mich vielleicht zu einem Fehler hinreißen lassen.

Ich hatte in Jakarta gearbeitet und verfügte deshalb über einige Sprachkenntnisse in Bahasa Indonesia; mit meinen Arbeitskollegen hatte ich Freundschaft geschlossen und sie als einen im allgemeinen höflichen Menschenschlag kennen gelernt.

»Salamat Datang!«, begrüßte ich die Kerle. Das Beben in meiner Stimme verriet meine Furcht. Ich konnte nicht kämpfen, ich konnte nicht argumentieren, ich konnte nur versuchen, höflich zu sein, ein Wesenszug, den Indonesier für unentbehrlich halten. Man sagt, dass sich in Indonesien ein Einbrecher entschuldigt, bevor er sein Opfer umbringt.

Hinter den beiden entdeckte ich einen kleinen dritten Mann, der gerade ziemlich ungeschickt versuchte, auch an Bord zu kommen. Ich hielt den Atem an, ging um die vorgehaltenen Gewehre herum und reichte ihm die Hand. Es handelte sich um einen Jungen, der kaum das Teenageralter erreicht hatte. Er zog ein finsteres Gesicht und hielt mir ein langes Messer vor die Nase. Er wollte keine Hilfe. Doch dann schien er sich zu entspannen.

»Terimah kasib«, bedankte sich der eine, als würde er sich plötzlich auf seine guten Manieren besinnen.

Jede Menge Licht fiel von den seewärts vorbeifahrenden Schiffen auf die Szene, jedenfalls genug, dass ich die Gesichtszüge vor mir erkennen konnte. Einer der Bewaffneten war über vierzig, nach indonesischen Maßstäben also ein alter Mann, mit schütterem Kinnbart und tiefen Furchen in seinem verhungerten, wölfisch aussehenden Gesicht. Er trug die Tarnuniform des TMI, des indonesischen Militärs. Der Zweite war ein flachbrüstiger Teenager mit einem dünnen schwarzen Oberlippenbart, dessen mürrischer Blick nervös und voller Neid über das ganze Deck auf mich schwenkte. Er trug nur Militärhosen. Das Patrouillenboot, ihr halbmilitärisches Outfit und ihre modernen Waffen ließen mich einen Moment lang hoffen. Vielleicht handelte es sich um Polizei oder Zoll, die nur meine Papiere kontrollieren wollten. Andererseits befanden wir uns in internationalen Gewässern. Und es war mitten in der Nacht. Und sie trugen hochgerollte Skimasken. Und keiner von ihnen hatte Schuhe an. Die Zehen ihrer dunkelbraunen Füße waren gespreizt, die ledrigen Fersen rissig. Plötzlich fiel mir ein, dass Joshua Slocum, der als Erster vor einem Jahrhundert einhand um die Welt gesegelt war, als Piratenabwehrstrategie während der Nacht immer Reißnägel auf sein Deck gestreut hatte. Vor Kap Hoorn hatte das hervorragend funktioniert; seine Piraten waren aufheulend und schreiend über Bord geflüchtet, nachdem sie mit den spitzen Enden der Nägelchen Bekanntschaft gemacht hatten. Für mich aber war es jetzt zu spät, das Deck mit Nägeln zu spicken.

Ich versuchte, die Situation zu entschärfen. Warum zur Hölle standen sie mit vorgehaltenen Gewehren auf meinem Deck? Das konnte ich natürlich so nicht durchgehen lassen – während ich schreckliche Angst hatte, war die Situation auch gleichzeitig irgendwie lächerlich. Ich mochte die Indonesier. Und ich glaubte, sie zu kennen, und hatte schon eine wesentlich Furcht erregendere Situation während einer antiamerikanischen Demonstration in Jakarta zur Zeit des Golfkrieges durchgestanden und bewältigt. Ein direktes Gespräch mit einem Indonesier funktionierte normalerweise immer. Damals hatte ich mich plötzlich mitten in einer Studentenrevolte im Hafen von Tanjung Priok wiedergefunden, die ein Bild von Bush sen. in Brand setzte; irgendjemand aus dem Mob identifizierte mich als Amerikaner und begann, schreiend auf mich zu deuten. Ich hatte mich an einen älteren, weiß gekleideten Mann gewandt und ihn um Hilfe gebeten. Überrascht und geschmeichelt von diesem Ansinnen bahnte er mir einen Weg aus der Menge und brachte mich in Sicherheit.

Eine halbe Meile querab lief jetzt ein riesiger Tanker vorbei, und von seinem taghell erleuchteten Deck fiel das Licht auch auf uns. Er war so dicht dran! Aber es gab keine Möglichkeit, ihm meine Lage zu signalisieren und um Hilfe zu rufen. Voller Frust sah ich das Schiff vorbeistampfen und seine Wasserwerfer ihre armdicken Strahlen in die Nacht schießen.

An Bord der UNICORN standen wir uns gegenüber und fixierten uns. Niemals zuvor hatte jemand ein geladenes Gewehr auf mich gerichtet, und als ich so in die Läufe starrte, wurde ich fast schwach vor Angst. Ich wusste, dass ich die Kontrolle behalten musste. Der ältere der Jungs spielte mit seinem Zeigefinger am Abzug herum. Er stieß mir den Lauf zwischen die Rippen, um mich auf diese Weise ganz gezielt aufzustacheln, mich zu verhöhnen und herauszufordern. Mit seinen tief in den Höhlen liegenden Augen, die wie schwarze Murmeln aus Glas aus sahen, starrte er mit großem Ärger direkt in meine Augen. Ich stand vor ihm mit zusammengebissenen Zähnen, unbeirrbar, und starrte zurück. Er gab mir einen Stoß in die Eingeweide, stieß brutal nach, als wäre sein Gewehrlauf ein Bajonett. Das harte Metall fühlte sich an wie ein stumpfes Messer. Als ich meine Magenmuskeln entspannte, ließ der Schmerz etwas nach. Ich stand so dicht vor ihm – verdammt nochmal, ein kleiner Stoß hätte ihn einfach über Bord befördert. Ich war wirklich kurz davor, mich zu einer Dummheit zu entschließen.

Die quiekende Stimme des Älteren schnitt wie ein Rasiermesser durch die Luft. »Geld! Du GELD!«, schrie er in hysterischem Englisch.

»Geld. Ja, natürlich. Geld«, ich glaubte, ich könnte es schaffen. Als ich mich umdrehte, knallte mir der Jüngste den Gewehrkolben auf den Hinterkopf. Ich taumelte vorwärts, fiel gegen die Wanten, die den Mast hielten, und stürzte dann auf die Knie. Er riss mich an den Haaren wieder hoch und stieß mich vor sich her zum Niedergang.

Die Drei standen dann unbeholfen unten in dem engen Salon, denn ihre Gewehrläufe waren zu lang, als dass sie sie auf mich hätten richten können. Trotz der Tränen in meinen Augen beobachtete ich die Blicke des Alten, mit denen er mein schwimmendes Zuhause taxierte. Die UNICORN verfügte nicht über eine elektronische Ausrüstung, die mit dem üblichen Standard auf Yachten vergleichbar gewesen wäre. Es gab kein Radar, keine guten Funkgeräte, keinen Fernseher, kein Wetterfax, kein Satelliten gestütztes Navigationssystem, nicht einmal eine Kühlbox (ich mochte das bilgenwarme Bier mittlerweile sogar lieber), nur Borde mit ein paar wertvollen Büchern, ein Kistchen aus Mahagoni für einen alten Sextanten und ein Gestell für Ferngläser. Es gab also nicht viel zum Stehlen.

Immer noch benommen, forderte ich sie mit einem Nicken auf, Platz zu nehmen. Ich griff nach der Thermoskanne mit kaltem Kaffee, den ich vor einigen Stunden gekocht hatte, und goss mit zitternden Händen ein paar Muggen voll, die ich ihnen über den Tisch zuschob. Das Knirschen machte mich ganz krank, mit dem sich die UNICORN und das Piratenboot immer aneinander rieben, sobald uns ein weiteres Schiff passierte. Der Schaden an meinem Rumpf würde nicht von schlechten Eltern sein. Der finstere Teenager, der mich keinen Moment aus den Augen ließ, registrierte meine Pein, und auf seinem Gesicht zeigte sich ein grausames Lächeln.

»Kopi susu«, brummte ich. Ich nickte in Richtung einer offenen Dose mit Kondensmilch. Der Jüngste legte das Messer in seinen Schoß, tauchte seinen Zeigefinger erst in die Dose, dann in den Kaffee und schlürfte dann die Mugg geräuschvoll leer.

Der Alte bellte irgendetwas, und der Kleine stellte sofort seinen Kaffee mit einem Schafsblick zur Seite. Dann fiel mir die Ähnlichkeit zwischen den beiden Jungen auf. Ich schenkte mir selbst eine Mugg voll, öffnete eine Schublade und zog ein Foto von meinen beiden Söhnen heraus, das ich vor ein paar Jahren aufgenommen hatte: Darauf schnitt ich gerade einen Geburtstagskuchen an, und mein Gesicht war mit Schokoladenguss verschmiert, mein Dreijähriger hing, die Finger ebenfalls dick verschmiert, an meinem Hals, und mein Fünfjähriger krümmte sich im Hintergrund vor Lachen. In passablem Indonesisch erklärte ich dem Alten, dass die beiden meine Söhne waren, und fragte ihn, ob es sich bei seinen Begleitern auch um seine Söhne handelte. Der Alte, der bis zu diesem Augenblick noch nicht sein wahres Gesicht gezeigt hatte, verfiel in das Grinsen eines Gauners, nahm eine stolze Haltung ein, bestätigte meine Vermutung und fügte hinzu, dass er zu Hause in Sumatra noch zwei weitere Söhne hätte. Dann nahm er seine Mugg und nippte daran. Ich schob die anderen beiden Tassen nochmals seinen Söhnen zu. Der Jüngste schaute erst, um Erlaubnis bittend, zu seinem Vater. Der Andere ignorierte ostentativ den Kaffee und starrte mich weiter unverwandt an. Mit herausfordernder Arroganz stellte er mich weiter auf die Probe. Der Alte und ich unterhielten uns in geschraubtem Indonesisch über sein Dorf auf einer nahe gelegenen Insel, über meine Heimatstadt und seine Bewunderung für Amerika, bis ungeduldige Rufe von draußen den Alten an seine ursprünglichen Absichten erinnerten.

Eine gespannte Stille kam auf. Der Alte starrte in seine Tasse, dann zog er nervös an seinem Kinnbart herum und schaute sich aufs Neue um. Ich lehnte mich hinüber, holte mein Fernglas aus dem Gestell und reichte es ihm. Er hängte sich den Tragriemen um den Hals ohne jede Anerkennung. Sein Ältester hielt im Salon Ausschau nach eigener Beute. Seine Blicke stoppten auf einer geöffneten Stange Marlboro, die auf ein paar Büchern lag. Ich hatte die Zigaretten aufgehoben, um sie bei den in ihren Einbäumen vorbeikommenden Fischern gegen eine Mahlzeit einzutauschen.

»Rokok tidak bagus«, versuchte ich zu scherzen in Anspielung auf den aktuellen Slogan einer indonesischen Nichtraucherkampagne und bemerkte sofort, dass ich klang wie ein herablassendes, besserwisserisches Arschloch. Rasch griff ich nach den Zigaretten und reichte sie dem humorlosen jungen Mann.

Der Alte erhob sich. Gemäß der islamischen Sitte schüttelte er mir die Hand und tippte leicht gegen seine Brust, dann drehte er sich um und stieg ruhig und gefolgt von seinen beiden Söhnen den Niedergang wieder hinauf. Während das Boot der Piraten in die Dunkelheit entschwand, vielleicht um irgendwo anders lukrativere Beute zu machen, wehten lautstarke und verärgerte Diskussionsfetzen über das Wasser bis zu mir. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie sich gegenseitig die Pest an den Hals wünschten, weil sie keinen besseren Fischzug gemacht hatten.

Ich trat an die Reling, während ich meinen vor Schmerzen rasenden Kopf zwischen meine Hände nahm, um ihn vor dem Explodieren zu bewahren, lehnte mich vor und übergab mich.

Am nächsten Tag erfuhr ich im Immigration Office in Singapur, dass nur wenige Meilen von der Position entfernt, die mir diese unangenehme Begegnung beschert hatte, ein Öltanker von Piraten überfallen worden war.

Einleitung

Als ich erst einmal den Schock über mein Erlebnis in der Süd chi nesischen See überwunden hatte, war mein Interesse geweckt. Wir lebten schließlich im 21. Jahrhundert. Piraten? Da ich lange als investigativer Journalist gearbeitet hatte, stieg mir jetzt der Geruch eines Problems in die Nase. Zu meinem größten Erstaunen entdeckte ich, dass Supertanker, Frachter, Fähren und Kreuzfahrer nicht nur in Ausnahmefällen angegriffen wurden. Blackbeard ist schon lange tot, aber eine neue, zur Gewalt bereite Variante von Piraten nahm offensichtlich seinen Platz ein und raubte auf fast allen Meeren dieses Planeten Schiffe aus. Piraterie, die Geißel des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, war aus den Geschichtsbüchern mit tödlichen oder zumindest Grauen erregenden Konsequenzen ins reale Leben zurückgekehrt. Ich hatte den Beweis am eigenen Leib erfahren und war einer der Glücklichen, die mit dem Leben davongekommen waren.

Es war nicht einfach zu glauben, dass heutzutage maskierte Piraten in Schnellbooten riesige Frachter durch die Nacht jagen und mithilfe von Wurfankern und Bambusstangen entern, die Crew überwältigen und den Safe leeren. Minuten später schon sind sie wieder auf ihren Booten, zählen die Beute und scheren sich keinen Deut um die getötete oder verwundete Mannschaft.

Ich fand heraus, dass die Syndikate des organisierten Verbrechens mit Stützpunkten in Asien, den Vereinigten Staaten und in Europa Piraten vor Ort anheuern, damit sie die Schiffe auf hoher See hijacken; ähnlich den legendären Geisterschiffen verschwinden einfach ganze Frachter samt Ladung und Crew. Manche dieser Schiffe tauchen Jahre später mit neuem Namen und neuem Anstrich wieder auf und transportieren Drogen oder illegale Einwanderer.

Diese modernen Piraten haben nichts mehr gemein mit den romantischen Rumschmugglern Hollywoods. Es handelt sich dabei weniger um Entermesser schwingende Marodeure mit gelegentlich überschäumendem Temperament, falls ihnen ein Frauenrock begegnet, oder einem unbezähmbaren Verlangen nach Gold.

Viele der aktuell aktiven Piraten sind in Gangs organisiert, die aus hoffnungslos der Armut verfallenen jungen Männern bestehen, die in der Nähe der Hauptschifffahrtsrouten leben und langsam fahrende Schiffe – perfekte Ziele mit guter Beute – angreifen, wie sie eben gerade kommen. Es gibt eine zweite Sorte, die weitaus brutaler, ohne jede Schonung und kaltblütig vorgeht: Diese Männer töten. Sie setzen Granatwerfer ein, verfügen über Panzerbrecher und Sturmgewehre, und statt Rum zu trinken, kauen sie Khat1, ein Droge. Viele arbeiten als Angestellte bei irgendwelchen Kriegsherren, für korrupte Regierungen, übernational organisierte Verbrecherringe oder terroristische Vereinigungen.

Die Gefangenen stehen nicht länger unter dem Diktum to walk the plank2, also über Bord zu springen, falls das überhaupt jemals so war. Jedoch hat die Anwendung von Gewalt nichts von ihrem Schrecken verloren. Während eines Einsatzes, der an die schlimmsten Gräueltaten aus vergangenen Zeiten erinnert, haben 1998 Piraten ein Schiff gehijackt, die Crew an der Reling aufgereiht, allen Kapuzen über die Köpfe gezogen, sie zu Tode geprügelt und dann über Bord geworfen.

 

Piraterie ist ein Verbrechen mit enormen Zuwachsraten auf allen Ozeanen und vor den Küsten aller Kontinente. Im Jahr 2001 wurden sieben amerikanische Schiffe angegriffen, fünfzehn britische, und das sind nur ein paar Beispielzahlen für die insgesamt 335 gezählten Angriffe weltweit. 241 Seeleute wurden umgebracht, als Geiseln festgehalten oder verwundet – lauter Zivilisten, die nur ihrem Job nachgingen. Diese Zahlen und Statistiken wurden vom International Maritime Bureau of the International Chamber of Commerce herausgegeben, einer Organisation, die maritime Betrugsfälle und Piraterie untersucht. Die Statistik bezieht sich dabei ohnehin nur auf offiziell gemeldete Fälle in der Handelsschifffahrt. Sie schließt nicht die Überfälle auf die Boote von Touristen, von Berufsfischern, Fähren oder Yachtenseglern ein, deren mysteriöses Verschwinden inoffiziell den Piraten zur Last gelegt wird. Die meisten Fälle von Piraterie werden unter der Decke gehalten, weil die Eigner und Kapitäne kein Interesse daran haben können, dass ihre Schiffe für längere Zeit zwecks Untersuchung des Falles an die Kette gelegt werden. Trotzdem steigt die Zahl der weltweit bekannten Vorfälle jedes Jahr um einige Tausend. Als ich die Singapore Marine Police über den Angriff auf die UNICORN unterrichtete, informierte man mich darüber, dass die Polizei nichts unternehmen könne, da er außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer stattfand. Wahrscheinlich war es ihnen nicht einmal einen Eintrag in die Akten wert.

Jedoch schrillen nicht nur die Statistiken Alarm. Vielmehr ist es so, dass ein einziger Anschlag auf das falsche Schiff zur falschen Zeit die totale Schließung einer der wichtigen internationalen Wasserstraßen zur Folge haben könnte, von der so viel für die Weltwirtschaft abhängt; die Industrie und die Schifffahrt müssen also schnellstens Antworten auf diese Herausforderung finden.

Nahezu fünfundneunzig Prozent des Transports werden über das Wasser abgewickelt. Das bedeutsamste Handelsgut, das verschifft wird, ist Öl. Sechzig Prozent des Rohöls der ganzen Welt werden auf Supertankern und auf den noch größeren Very Large Crude Carriers an den Bestimmungsort gebracht.

Es gibt nur wenige Routen von einem Kontinent zum nächsten, von den Ölfeldern im Mittleren Osten, Westafrika, Südamerika oder Alaska zum Rest der Welt. Die meisten Routen führen über verstopfte, übervolle Schifffahrtswege, enge Kanäle und Meerengen, geschäftige internationale Kanäle, windungsreiche Ströme und Häfen mit heftigstem Verkehr. Dies schließt auch so lebenswichtige Verbindungen ein wie den Panama- und den Suezkanal, die Straße von Hormuz am Ausgang des persischen Golfs, Bab el Mandeb, den Flaschenhals am Südende des Roten Meeres, der den Suezkanal mit Europa verbindet, die Straße von Gibraltar und die Malakka-Straße, die Asien an den Rest der Welt anbindet. In vielen dieser engen Passagen liegen moderne Piraten auf der Lauer und greifen Schiffe an, wie es ihnen gefällt. Tatsächlich gibt es keine einzige Schifffahrtsstraße, keine schiffbare Passage, keinen wichtigen Kanal, der sicher wäre. Piraten haben auf all diesen Routen Schiffe unter Waffengewalt übernommen – doch das ist der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Die Malakka-Straße im östlichen indischen Ozean ist einer dieser Korridore. Diese 500-Meilen-Passage ist die Nabelschnur zwischen Europa, dem Mittleren Osten und dem indischen Subkontinent, Asien und dem Pazifik. Achtzehn Prozent von Japans Rohölbedarf kommen vom Persischen Golf und laufen durch diese Gewässer. Ein Drittel des Welthandels passiert diese engen Schifffahrtsstraßen. Sie sind die Haupt jagdgebiete der Piraten in der ganzen Welt.

Wäre ich nicht selbst angegriffen worden, wäre ein Tanker in jener Nacht nicht in meiner unmittelbaren Nähe gehijackt worden, hätte ich die Piraterie in unserem Jahrhundert als Produkt einer blühenden Fantasie abgetan. Ich beschloss, in die piratenverseuchten Gewässer zurückzukehren und die Sicherheit der mit hohem Risiko laufenden und hohen Gewinn einbringenden Rohöltransporte von der Quelle zur Raffinerie und dann weiter bis zur Benzinpumpe genauer unter die Lupe zu nehmen.

Im August 2001 heuerte ich auf der unter britischer Flagge fahrenden MONTROSE – einem ausschließlich für den Öltransport von den Ölfeldern des Mittleren Ostens zu den Raffinerien nach Nordamerika, Europa und Asien spezialisierten VLCC – während seiner Passage durch die MalakkaStraße an. Mit 300 000 Tonnen ist die MONTROSE ein wahres Monster von einem Schiff. Das Deck ist so groß wie drei Fußballfelder, und dann bleibt immer noch genügend Platz, um einen Ball in ein noch weiter entferntes Tor zu kicken. Pro Reise befördert sie mindestens zwei Millionen Liter Rohöl. Nachdem es raffiniert wurde, ergibt sich aus so einer einzigen Ladung mehr Treibstoff, als alle privaten Autos und Nutzfahrzeuge in den gesamten Vereinigten Staaten pro Tag verbrennen.

Seefahrtexperten warnen immer wieder davor, dass einer dieser Riesen – und die MONTROSE ist eines der größten von Menschenhand geschaffenen beweglichen Objekte auf der Erde – entweder von Piraten oder Terroristen angegriffen werden könnte: Bewaffnete Piraten kommen nachts über die Seite, schleichen an Bord, übernehmen das Schiff und fesseln die Crew. Der VLCC schiebt sich dann außer Kontrolle durch den engen Kanal mit dem dichten Verkehr, wird vermutlich bald mit einem anderen Schiff kollidieren oder an einem der Felsen zerschellen, wird diese für den Handel lebenswichtige Verbindung verstopfen und eine wirtschaftliche und für die Umwelt unvorstellbare Katastrophe auslösen.

Doch können Piraten überhaupt ein Schiff dieser Größenordnung übernehmen? Auf einem VLCC steht man sehr hoch über dem Wasserspiegel. Der Gedanke, von Piraten übernommen und angegriffen zu werden, scheint zunächst wenig wahrscheinlich, und als ich auf der MONTROSE fuhr, teilte ich anfangs die Illusion der Unverwundbarkeit mit dem Kapitän. Dennoch musste ich erfahren, dass kein Schiff vor Angriffen sicher ist, wie groß, wie schnell, wie hoch technisiert es auch sein mag. Ebenso gefährdet sind die Schiffe, die radioaktiven Abfall – Material, das sich zum Bau von Atomwaffen eignet – geladen haben, und zwar trotz der ausgeklügelten Sicherheitsmaßnahmen. Nicht einmal Kriegsschiffe sind sicher. Kaum jemand hatte sich, ehe es geschah, vorstellen können, dass eines der weltweit sichersten Schiffe der amerikanischen Marine, die USS COLE, mitten im Hafen bei hellem Tageslicht angegriffen werden könnte.

Ich fuhr auch auf der PETRO CONCORD, einem kleineren Tanker, der Produkte aus dem Rohöl des Mittleren Ostens nach der Raffination – Kerosin und Diesel – nach Ho Chi Minh City transportierte. Die Passage kreuzte die Südchinesische See, ein gesetzloses, wüstes Revier, wo permanent Schiffe von Piraten im Auftrag des internationalen organisierten Verbrechens wegen der wertvollen Ladung gehijackt werden. Auf einer dieser Routen hatte es das Schwesterschiff der PETRO CONCORD getroffen, und auch wir gaben ein perfektes Ziel ab, sodass die Reise zu einer Horrorerfahrung wurde.

Um einen perfekten Einblick in die Branche zu bekommen, meldete ich mich bei dem allgemein benannten Fourth International Meeting of Piracy and Phantom Ships an. Im Grunde erwartete niemand, dass diese Konferenz eine nennenswerte Auswirkung auf die alarmierend steigenden Zahlen von Schiffsüberfällen haben würde. Jedoch schloss das Treffen zur Überraschung der Delegierten mit einer dramatischen Jagd nach Piraten auf hoher See und der Rettung eines Tankers im Südchinesischen Meer.

 

Auf der Basis meiner persönlichen Erfahrungen während dieser Recherche habe ich einige höchst beunruhigende Vorfälle ausgewählt, die uns bei der Lösung des Problems zwar nicht weiterhelfen werden, aber doch alle betreffen.

Der Angriff mit Brandbomben auf die VALIANT CARRIER, einen Tanker, der bis zum Kragen beladen war, und die tätliche Bedrohung des Kapitäns und seiner Familie liefen so unsagbar grausam ab, dass es jede Vorstellungskraft sprengt. Dennoch ist alles repräsentativ für den Horror, der heutzutage die Meere beherrscht. Ich habe die Geschichte der VALIANT CARRIER aufgeschrieben, wie sie mir vom Kapitän, seiner Frau und den Kindern berichtet wurde. Ich habe mir nur hinsichtlich der identifikatorischen Details einige Freiheiten gestattet, aber nicht in Bezug auf die Ereignisse oder die Gefühle der Opfer. Ihre Schilderung des Terrors hat keinerlei Ausschmückung nötig.

Wer gegen die Piraten kämpft, lebt auf des Messers Schneide: jene, auf deren Kopf ein Preis ausgesetzt ist, weil sie sich under cover in die Zirkel der organisierten Kriminalität eingeschlichen haben, um Hijackings zu verhindern; jene, die einen direkten Kampf mit den Piraten austragen, und jene, die in bewaffneten Auseinandersetzungen um ihr Leben und um ihre Schiffe gegen Diebe und Piraten kämpfen. Ihre Berichte sind alles andere als hysterische Fantasieprodukte. Einige sind vermutlich gerade in diesem Moment in Kämpfe verwickelt. Sollte in diesem Augenblick in der Malakka-Straße gerade Ruhe herrschen, dann passiert bestimmt etwas vor den Philippinen, vor der afrikanischen Küste, im Roten Meer, vor Brasilien, in der Karibik oder im Mittelmeer.

 

Ich widme dieses Buch deshalb allen Männern, Frauen und Kindern, die je Geiseln von Piraten wurden, und allen, die gegen sie kämpfen, ebenso wie denen, die in diesen Zeiten auf dem Meer ihr Leben verbringen, weil sie dort arbeiten.