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Buch

In einem abbruchreifen, an einer Bahnstrecke gelegenen Wohnhaus stoßen Bauarbeiter auf eine Leiche. Sie wurde enthauptet – und befand sich jahrzehntelang verborgen in einer Kammer. Die Forensikerin Theresa MacLean hat sofort einen Verdacht, der sich bei den Untersuchungen erhärtet: Der Verstorbene war ein Opfer des in den Dreißigerjahren in Cleveland berüchtigten Torso-Mörders. Er zerstückelte über ein Dutzend Menschen – und wurde nie gefasst. Theresa hofft, die historischen Morde nun endlich aufklären zu können. Doch schon bald wird in einem See die Leiche einer jungen Frau aufgefunden. Auch sie trägt die Handschrift des Torso-Mörders – doch sie ist erst seit wenigen Stunden tot …

Autorin

Lisa Black hat einen Universitätsabschluss in Biologie und arbeitet seit mehreren Jahren als Forensikerin in Ohio und Florida, wo sie mit ihrem Mann lebt.

Bei Blanvalet von Lisa Black bereits erschienen:

Schattenbraut (37664)
Eisbraut (37665)

Lisa Black

FLAMMENBRAUT

Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Sabine Thiele

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010
unter dem Titel »Trail of Blood«
bei Harper Collins, New York.

1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2013
bei Blanvalet, einem Unternehmen
der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2010 by Lisa Black
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013
by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung eines Motivs
von Konstantin Sutyagin / Shutterstock.com
Redaktion: Bettina Spangler
ES · Herstellung: sam
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN: 978-3-641-09482-9

www.blanvalet.de

Für meinen Vater, der das hier geliebt hätte.

1

Donnerstag, 2. September

Der Herbst war dieses Jahr früh gekommen, und Theresa konnte sehr gut nachvollziehen, warum die Menschen ihn die Jahreszeit des Todes nannten. Die Bäume hoben sich in einem dumpfen Braun vom wolkenverhangenen Himmel ab. Unkraut überwucherte die Gleise unter ihr, auch wenn sie wusste, dass jeden Moment ein Zug der RTA, der Regional Transit Authority, der Stadtbahn Clevelands, vorbeirattern würde. Die einzigen Farbtupfer in dieser Gegend waren die Graffiti an den Brückenpfeilern. Laut Kalender schrieb man das Labor-Day-Wochenende, doch in diesem Teil der Stadt hätte es auch schon tiefster Winter sein können.

»Warum bin ich hier?«, fragte sie den Polizisten neben ihr, der mit der Schuhspitze am Rand des Asphalts herumstocherte.

»Im übertragenen Sinn?« Die trübe Herbstatmosphäre schien ihn nicht zu belasten, im Gegenteil, er sog lustvoll die frische Luft ein. Doch er war schließlich noch jung und in Uniform und erhielt sicher nicht oft die Chance, an einem Mordfall mitarbeiten zu dürfen. »Das könnte ich Ihnen nämlich nicht beantworten. Ansonsten wahrscheinlich, weil ich den Sergeant angerufen habe, der wiederum die Mordkommission verständigt hat, die Mordkommission hat sich bei der Zentrale gemeldet, und die Zentrale hat dann in der Gerichtsmedizin angerufen. ›Klingt seltsam‹, hat der Sergeant zu mir gesagt, ›ich rufe besser mal die Forensiker an.‹ Und jetzt sind Sie hier.«

»Was ist seltsam an der Sache?«

Er deutete auf das Tal und die dort verlaufenden Gleise. »Sie wissen, was das hier ist?«

Sie weigerte sich, darauf zu antworten, da sie die Frage-und-Antwort-Spielchen von jungen Kerlen, die halb so alt waren wie sie, allmählich satthatte. Stattdessen starrte sie ihn ein wenig ungeduldig an.

»Kingsbury Run«, bequemte er sich schließlich zu sagen.

Natürlich war ihr das ein Begriff. Wie jedem in Cleveland. »Und?«

»Kommen Sie mit.« Er wandte sich von dem vor ihm liegenden Tal ab, ohne abzuwarten, ob sie ihm folgen würde, oder ihr anzubieten, ihre Ausrüstung zu tragen. Dabei war sie doch jetzt schon fast eine alte Frau. Vierzig Jahre ab nächsten Freitag.

Sie ließ ihren Wagen an der Pullman Street stehen. Der Verkehr war kein Problem – niemand verirrte sich in diese verlassene Straße am Rand des Innenstadtgebietes, abgesehen von den Angestellten des Umspannwerkes an der Ecke. Ein weißes Auto mit der Aufschrift SICHERHEITSDIENST stand am Eingang; sein Fahrer beobachtete sie misstrauisch, während sie sich näherte, als ob es ihm keineswegs abwegig erschienen wäre, wenn Terroristen neuerdings auch in einem Kombi der Gerichtsmedizin oder in Gestalt einer gesitteten forensischen Wissenschaftlerin erschienen.

Das zweigeschossige Gebäude war aus Stein und nicht aus Ziegel erbaut und vor hundert Jahren wahrscheinlich sogar recht ansehnlich gewesen, bevor das Grundstück, das auf der einen Seite an die Gleise grenzte, auf der anderen Seite vom Endstück der Interstate 490 eingeschlossen worden war. Quadratisch, etwa dreißig Meter mal dreißig Meter groß. Der Rasen um das Gebäude herum war längst unter Unkraut und Abfällen verschwunden. An den Fenstern fehlte das Glas, auch die Eingangstür war nicht mehr vorhanden. Offensichtlich stand es leer und war irgendwann den Flammen zum Opfer gefallen. Kein Zweifel, hier lebte niemand mehr.

Eine SMS von Chris ließ ihr Handy vibrieren. Sie blieb ihm eine Antwort schuldig.

Der Cop schlenderte zu einem anderen jungen Officer, der den Eingang bewachte – ein untrügliches Zeichen für das eigene Altern war es, wenn alle um einen herum zu jung wirkten, um den Führerschein zu haben –, und machte eine scherzhafte Bemerkung. Der andere Officer schien jedoch die frische Herbstluft oder auch den sonderbaren Mordfall nicht ganz so lustig zu finden wie sein Kollege. Er unterdrückte ein Gähnen, ehe er etwas ins Gebäudeinnere rief. Ein Detective erschien daraufhin an der Türschwelle, genau in dem Moment, als Theresa eintraf.

»Ich hätte mir ja denken können, dass du dahintersteckst«, sagte sie.

»Wie, als ob das hier meine Schuld wäre.« Frank Patrick war seit zehn Jahren Detective bei der Mordkommission und ihr ganzes Leben lang schon ihr Cousin. Kleine Schweißperlen umrahmten seinen Schnurrbart, und an seiner dunklen Hose hing Staub. »Pass auf, wo du hintrittst.«

Theresa betrat vorsichtig den feuchten Raum. Plastik- und Betonbrocken lagen auf alten Getränkedosen und anderem Müll, in der Decke klafften große Löcher, doch der Boden fühlte sich fest genug an, um ihre fünfundsechzig Kilo zu tragen. Weißer Staub hing immer noch sichtbar in der Luft. Man hatte einige Wände zu ihrer Linken entfernt, und durch die scheibenlosen Fenster fiel graues Licht. Zu ihrer Rechten fand sich ein dämmriges Labyrinth aus Räumen, die nach Urin, verdorbenem Fastfood und altem Rauch rochen, was die geschwärzten Oberflächen an der Südwand des Gebäudes erklärte.

»Brandstiftung«, bemerkte Frank unaufgefordert. »Passiert gern mal in den alten Lagerhäusern, die diese sterbende Stadt bevölkern. Ich zitiere hier einen besonders deprimierenden Schreiberling. Entweder sind es gelangweilte Jugendliche oder ein Obdachloser, der es sich gemütlich machen will.«

»Du hast mich wegen eines Falls von Brandstiftung kommen lassen?« Theresa war in vielen Bereichen der Forensik ausgebildet. Brandstiftung gehörte allerdings nicht dazu.

»Hast du was Besseres zu tun?«

»Nur meine Arbeit.« Sie übertrieb ein wenig. Leo und Don waren im Labor und hatten alles unter Kontrolle.

»Zu deinem Job gehört aber auch, dass du dich ab und zu von den Mikroskopen losreißt«, erinnerte er sie. »Vergiss die Brandstiftung, das ist schon Wochen her. Die Feuerwehrmänner waren mit ihren glänzenden Wagen hier und haben zerstört, was vorher noch unversehrt war.«

Theresa blickte zur Decke. »Die wird ja wohl nicht genau in diesem Moment über uns einstürzen, oder?«

»Keine Garantie. Ob uns wohl jemand vermissen würde?«

Gute Frage. Ihr Verlobter war seit über einem Jahr tot, und ihr Exmann war vermutlich gerade mit seiner neuesten Schlampe von Freundin unterwegs. Doch ihre Mutter würde sie sicher vermissen, und auch ihre Tochter würde es merken, sobald der Scheck mit den Collegegebühren ausblieb. Chris – keine Ahnung. Sie stolperte über einen Haufen zerdrückter Cola-Dosen und beschloss, sich besser auf das graue Jackett ihres Cousins zu konzentrieren, als es vor ihr in der Finsternis verschwand.

Frank fuhr fort: »Das hat den Stadtrat dazu veranlasst, wieder einmal das Problem mit den leer stehenden Gebäuden und den abwesenden Besitzern anzusprechen und einen Antrag auf Abriss des Hauses einzureichen. Stadtrat Greer hat es ja, wie du weißt, zu seiner persönlichen Mission gemacht, Cleveland zu säubern, und nur er kann uns vor uns selbst bewahren. Es gab keinerlei Proteste, diesen kleinen Schandfleck in der Landschaft zu erhalten, weshalb man Mr. Lanskys Bauunternehmen beauftragt hat« – er deutete auf einen dickbäuchigen Mann vor ihnen, der mit einer nicht angezündeten Zigarre an der Seite stand –, »das Gebäude abzureißen, damit es nicht eines Tages über einem armen Obdachlosen oder einem unschuldigen, aber etwas übermütigen Jugendlichen zusammenstürzt.«

Noch ein Blick zur Decke, die sich nicht bewegt zu haben schien. »Oder uns.«

»So weit, so gut. Die Bauarbeiter – oder besser gesagt die Abrissleute – haben oben angefangen und die Überreste der Wände durch diese Löcher in der Decke nach unten geworfen. Oben befindet sich also nur noch leerer Raum. Doch als man dann begann, die Zimmer hier im Erdgeschoss auseinanderzunehmen, hat man …« – er blieb am Rand einer Mauerruine stehen – »… das hier gefunden.«

Theresa trat heran und blinzelte in das grelle Licht, das von ein paar Halogenscheinwerfern ausging. Umgeben von zwei Wänden und einer Ansammlung von Kanthölzern stand da ein Tisch, grob, aber stabil aus unbehandeltem Holz gezimmert und am Boden festgeschraubt.

Darauf lag die ausgestreckte Leiche eines Mannes, der allem Anschein nach schon sehr lange tot war. Nur noch die papierdünne Haut bedeckte die Knochen, nicht der geringste Geruch ging von dem Körper aus. Der Leichnam lag auf dem Rücken, die Arme zu den Seiten, die Beine parallel ausgestreckt. Die Szene hätte im Grunde friedlich gewirkt, wären da nicht die bleichen Wirbel gewesen, die aus dem Hemdkragen hervorragten und dort endeten, wo normalerweise der Kopf saß.

Theresa näherte sich dem Tisch, wobei sie tanzende Schatten auf die Szenerie warf. Sie nahm an, dass es sich bei der Leiche um einen Mann handelte – die formlose Hose und der Ledergürtel deuteten auf männliche Kleidung hin, ebenso wie das dunkle, langärmelige Hemd. Als sie eine Falte am Ellbogen des Mannes berührte, zerfiel der Stoff zu Staub. »Der Leichnam ist ausgetrocknet wie eine Mumie.«

Sie nahm eine der Halogenleuchten – am Griff, nicht an der heißen Verkleidung –, deren Kabel sich durch das Erdgeschoss zu einem in der Ferne brummenden Generator schlängelte.

Man hatte den Kopf zwar von seinem angestammten Platz entfernt, jedoch nicht von der Leiche. Er saß zwischen den nach außen gerichteten Füßen, die in braunen Lederschuhen steckten. Die leeren Augenhöhlen starrten zu ihr hoch. Etwas Fleisch lag noch auf den Knochen, ebenso einige Haare, doch ein Gesicht war da nicht mehr, da war nichts Menschliches, vielmehr sah das Ganze nach einer billigen Halloween-Dekoration aus.

»Sie verstehen jetzt, was ich meinte?« Der junge Polizist war ihnen gefolgt. »Ist doch seltsam.«

Die Feuchtigkeit des Gebäudes kroch Theresa allmählich in die Knochen, und sie erschauderte. Jetzt wusste sie, was er mit Kingsbury Run und seiner ganz speziellen Geschichte gemeint hatte.

»Was denkst du?«, fragte Frank.

»Ich denke, ich brauche erst mal einen Kaffee«, erklärte sie.

2

Donnerstag, 2. September

Theresas Hände strichen vorsichtig über die Kleidung des Toten auf der Suche nach irgendwelchen Gegenständen, die der Identifikation gedient hätten, oder nach Hinweisen auf den Zustand des Körpers. Würde die papierdünne Haut den Transport überstehen? Sie konnte nicht auf den Anthropologen warten, der zweieinhalb Stunden von hier an der Universität saß. Außerdem wäre das County bei der derzeitigen Knappheit an finanziellen Mitteln sicherlich nicht bereit, sein Beraterhonorar für die Bergung der Leiche zu übernehmen, nur damit man ein Skelett untersuchen konnte. Frustriert stieß Theresa die Luft aus, als ein Ärmel unter ihren Fingern zerfiel.

»Wie kommst du voran?«, fragte Frank.

»Es muss sich hierbei um Baumwolle oder Wolle handeln. Irgendeine Naturfaser. Synthetische Fasern wären besser erhalten. Wenn er in dieser Kleidung in der Erde gelegen hätte, wäre nichts mehr davon übrig.« Ihre Finger ertasteten etwas in der Hemdtasche des Mannes, doch die Verwesungsflüssigkeiten hatten den Gegenstand durchtränkt und schließlich alles miteinander verkleben lassen. Es fühlte sich wie ein kleines Notizbuch an, verformbar, weshalb sie das Ding erst einmal ruhen ließ. Es durfte an Ort und Stelle bleiben, bis sie im Labor war und alles in vernünftigem Licht untersuchen konnte.

»Er? Bist du dir so sicher, dass es ein Mann ist?«

»Der Anthropologe wird es noch bestätigen müssen, aber der Leichnam hat diese Ausbuchtung an der Rückseite des Schädels, die typisch ist für Männer.«

Frank befühlte das blonde Haar am Hinterkopf des Toten und sagte: »Wie lange liegt er schon hier?«

»Sehr lange. Mehr kann ich im Moment noch nicht sagen.« Selbst jetzt nach der Entdeckung und bei näherer Untersuchung roch die Leiche nicht unangenehm, höchstens ein klein wenig modrig. Die widerwärtigen Gerüche, die während des Verwesungsprozesses entstanden, hatten sich zusammen mit dem Fleisch längst in Luft aufgelöst. Theresa zog vorsichtig an dem Ledergürtel, hoffte auf eine Geldbörse in der hinteren Hosentasche. Er war kaum stabiler als die Hose, auch wenn die Stahlschnalle nur eine Politur nötig gehabt hätte. Ein dreieckiges Objekt, das bislang unter dem Körper verborgen gewesen war, kam mit dem Gürtel zum Vorschein.

»Ist das eine Pistole?«, fragte Frank.

Theresa ließ den staubigen Gegenstand aus seiner Hülle gleiten und drehte ihn unter der Lampe hin und her. »Eine .38 Smith & Wesson.«

»Lass mich mal sehen.«

»Versuch nicht, sie zu öffnen oder gar zu entladen«, ermahnte sie ihren Cousin, bevor sie ihm die Waffe reichte. Egal, wie vertraut ein Cop mit den Prinzipien der Forensik war, der Reflex, eine Waffe zu sichern, war zu tief verwurzelt.

»Ich weiß, ich weiß.« Auch er hielt die Pistole unter eine der Halogenleuchten.

Theresa nutzte den Moment, um einen überaus wichtigen Gegenstand aus ihrer Ausrüstung hervorzukramen – die Notfallhaarspange. Die roten Locken fielen ihr nämlich jedes Mal vors Gesicht, wenn sie auf die Leiche hinabsah. Außerdem musste sie sich bewegen, um warm zu bleiben, bis die Sonne den feuchten Nebel vertrieben hatte. Trauertauben seufzten, das Rauschen der vorbeifahrenden Autos auf der Interstate 490 war aus der Ferne zu hören. »Wo steckt denn deine Partnerin heute?«

»Sanchez ist im Rathaus und forscht nach der Geschichte dieses Gebäudes.«

Sie war nie zu beschäftigt, um ihren Cousin zu necken. »Ihr seid jetzt seit sechs Monaten Partner, und du nennst sie immer noch nicht Angela?«

»Wir sind Cops. Da nennt man sich nicht beim Vornamen.«

»Klar doch. Wie wäre es mit Angie?«

»Wie wäre es, wenn du die Leiche fertig machst, damit ich mich Morden widmen kann, die diese Woche und nicht irgendwann in diesem Jahrzehnt begangen wurden?«

»Vielleicht haben wir es gar nicht mit einem Mord zu tun.«

»Außerdem«, fuhr er fort, »hasst sie es, wenn man Angie sagt. Kein Mord? Er trägt eine Waffe, und sein Kopf ist dann wohl rein zufällig zwischen seinen Füßen gelandet?«

»Ich will damit nur sagen, dass dieser Tisch, auch wenn er aus Holz besteht, mich an unsere Autopsietische in der Gerichtsmedizin erinnert. Außen herum verläuft eine Überlaufkante, als ob dadurch Blut aufgefangen oder der Patient am Herunterfallen gehindert werden sollte. In der Platte befindet sich ein Loch, an das vielleicht ein Schlauch angeschlossen war, der zu dieser Öffnung hier im Boden führte, die mit einer Art Gummimatte abgedeckt war. Befand sich hier früher vielleicht ein Bestattungsinstitut? Oder wurde hier medizinischer Unterricht abgehalten?«

»Und dann hat man zufällig eine Leiche hier vergessen, als man ausgezogen ist?«

»Es sind schon weit seltsamere Sachen passiert. Vielleicht handelt es sich hierbei sogar um eine Art Schrein.«

»Es gilt aber normalerweise nicht als ein Zeichen von Respekt, jemandem den Kopf abzutrennen und ihn zwischen den Füßen zu platzieren.«

»Wer weiß, und selbst wenn es so war, dann handelt es sich vielleicht nur um einen Fall von Leichenschändung, aber nicht um Mord. Deshalb benötigen wir als Erstes eine Liste aller früheren Mieter und Eigentümer. Außerdem habe ich bisher keinerlei Spuren einer Gewaltanwendung gefunden. Keine Einschüsse, keine stumpfe Gewalteinwirkung am Schädel, keine sichtbaren Brüche oder Beschädigungen an den Rippen, soweit ich das sehen kann. Seine Knochen scheinen unversehrt zu sein.«

»Mal davon abgesehen, dass man ihm den Kopf abgetrennt hat.«

»Ja, abgesehen davon.«

Vorsichtig überprüfte Theresa mit ihrer behandschuhten Hand den Inhalt der rechten hinteren Hosentasche. Eigentlich hätte sie sie nur abklopfen sollen oder der Leiche zuerst die Hose ausziehen. In fremden Taschen konnte man auf verunreinigte Nadeln oder andere unangenehme Dinge stoßen. Doch der kritische Zustand der Kleidung ließ sie ihre eigenen Bedenken über Bord werfen. Sie fand insgesamt sechs Cents, einen Nickel und einen Penny. Wieder griff sie nach der Halogenleuchte, um ihren Fund genauer zu inspizieren. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob er wirklich in diesem Jahrzehnt gestorben ist.«

Frank hatte gerade die verbliebene Wand unter die Lupe genommen. »Was meinst du damit?«

»Ich weiß nicht, ob du das hören möchtest. Ich zumindest will es nicht.«

»Was?«

»Es mag vielleicht zu vereinfacht klingen, aber die Münzen in einer Hosentasche sind normalerweise ein zuverlässiger Hinweis darauf, in welcher Zeit der jeweilige Mensch verschwand oder starb. Man könnte meinen, dass man Münzen aus jedem der letzten zwanzig Jahre mit sich herumträgt, doch erfahrungsgemäß …«

Frank trat näher heran und blickte ihr über die Schulter auf die Geldstücke in ihrer Hand. »Spuck’s schon aus, Tess. Aus welchem Jahr stammen sie?«

»Der Penny hier ist von 1931. Der Nickel aus dem Jahr 1935.«

Er griff nach der Kupfermünze mit Lincolns Kopf auf der Vorder- und den Weizenbündeln auf der Rückseite, so vorsichtig, als könnte sie sich so leicht auflösen wie das Hemd des Mannes. Theresa drehte den Nickel hin und her und musterte den eingravierten Indianerkopf und den Büffel.

»Du willst damit doch nicht etwa sagen, dass die Leiche seit fünfundsiebzig Jahren hier liegt?«, vergewisserte sich Frank ungläubig.

Verschiedene Dinge gingen Theresa durch den Kopf.

Zum einen die Tatsache, dass – wenn man davon ausginge, dass der Mann ermordet worden war – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt kein wahnsinniger Mörder in der Stadt umging. Höchstwahrscheinlich wäre der Täter nämlich mittlerweile genauso wie sein Opfer verschieden oder zu gebrechlich, um noch Leichen auf Obduktionstischen zu hinterlassen.

Zum anderen der Verdacht, dass dieser Fall aufgrund der zeitlichen Dimension nur sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich zu lösen sein würde.

Zum Dritten verortete das Jahr 1935 den Tod dieses Mannes mitten in die Zeit der berüchtigten Torso-Morde, während der mindestens zwölf Menschen getötet, zerstückelt und über ganz Cleveland verteilt wurden wie die Samen für eine grausige Ernte. Der Killer war niemals gefasst worden, und bis auf drei waren seine Opfer bis heute nicht identifiziert.

Die meisten Leichenteile waren in oder nahe dem einsam gelegenen Tal von Kingsbury Run gefunden worden. Die Presse würde sich auf das hier stürzen wie Katzen auf eine offene Dose Thunfisch.

»Verdammt«, sagte Theresa.

»Exakt«, pflichtete Frank ihr bei.

Sechs Cents. Hatte der Mörder sein Opfer ausgeraubt und die Münzen zurückgelassen? Oder waren sechs Cents damals eine normale Summe gewesen, die man in der Hosentasche mit sich herumtrug? Theresa blickte auf den Schädel, als ob der ihr eine Antwort geben könnte. Warum war er hier eingemauert worden? Hatte ihn denn niemand vermisst? »Wer war der damalige Besitzer, wie konnte man hier Mauern hochziehen, ohne dass jemand etwas bemerkt hat? War das hier ein großer Raum oder mehrere Apartments?«

»Ich bin mir da selbst noch nicht so recht im Klaren«, erklärte Frank. »He, Mr. Lansky!«

Der Mann näherte sich, seine unangezündete Zigarre wie einen Talisman vor sich hertragend, und blieb bei den Kanthölzern stehen, die die Begrenzungen der kleinen Kammer kennzeichneten. Er erzählte, was er vor drei Wochen, zu Beginn der Abrissarbeiten, vorgefunden hatte. Sein Blick war die ganze Zeit auf die Knochen auf dem Tisch gerichtet.

»Die Südseite des Erdgeschosses wies schwere Brandschäden auf, alles war geschwärzt. Das Obergeschoss hingegen war in recht gutem Zustand. Der Flur verlief in der Mitte des Gebäudes, sodass die Büros Fenster zur Außenseite hin hatten.«

»Wie viele Einheiten gab es hier im Erdgeschoss?«, erkundigte sich Theresa.

»Vier oder fünf. Ich habe nicht so genau darauf geachtet. Der Vielzahl verschiedener Materialien nach zu schließen, wurden hier im Laufe der Jahre unzählige Male Wände eingezogen und wieder herausgerissen. Ich habe keine Ahnung, wie es hier ursprünglich ausgesehen hat.«

»Gab es ein Abwassersystem? Abflussrohre?«

»Klar. Sämtliche Einheiten verfügten über Waschräume mit Toiletten und Waschbecken, mindestens vier auf jedem Stockwerk. Wir haben alles rausgerissen.«

»Wozu gehörte diese kleine Kammer?«

Er wandte den Blick gerade lange genug von der Leiche ab, um Theresa – und vor allem ihre Beine in der Khakihose – zu mustern.

Sie formulierte ihre Frage um. »Wo befand sich die Tür?«

»Welche Tür?«, erwiderte er schließlich.

»Die Tür, die in diesen Raum führte«, erklärte sie geduldiger, als ihr eigentlich zumute war.

Er hielt die kalte Zigarre an seine Lippen, und Theresa hätte schwören können, dass er daran zog. »Das versuche ich Ihnen doch gerade zu erklären. Es gab keine Tür. Nirgends. Wenn eine existiert hätte, dann hätten wir das Zimmer ausgeräumt, bevor wir mit den Vorschlaghämmern angerückt sind. Es war so verdammt dunkel hier drin, dass meine Jungs schon die halbe gegenüberliegende Wand erledigt hatten, ehe sie … das hier entdeckten.«

Theresa leuchtete mit der Halogenlampe auf das, was von den restlichen Wänden übrig geblieben war. Sie schienen unbeschädigt, aber auch unvollendet zu sein – nichts als grobe Holzlatten, durch deren Ritzen der Putz von der anderen Seite drang.

Da klingelte Franks Handy, und er ging ein paar Schritte beiseite, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Man hat die Tür zugemauert?«, fragte Theresa an Mr. Lansky gewandt.

»Keine Ziegel. Putz und Holz.«

»Man hat die Tür also verputzt?«, bohrte Theresa weiter.

»Oder es gab nie eine Tür, und wer auch immer das hier« – er nickte voller Abscheu in Richtung der Leiche – »getan hat, hat eine ganz neue Wand eingezogen.«

»Oder der Eingang befand sich in der Wand, die Ihre Leute bereits eingerissen hatten.«

»Nein«, wehrte der Bauleiter ab. »Das hätten die Jungs bemerkt. Keine Tür, keine Abformung. Sie meinten, da waren einfach nur Putz und Holzlatten, nichts Auffälliges auf der gesamten Wandlänge. In der südwestlichen Ecke fanden sich einige Trockenputzbereiche, doch in mindestens zehn Meter Entfernung. Ich sage Ihnen doch, das Gebäude ist alt, die Wände sind wahrscheinlich unzählige Male versetzt worden.«

»Aber niemand hat je diese Kammer hier gefunden.«

Er erschauderte. »Oder jemand hat sie entdeckt, aber niemandem davon erzählt. Brauchen Sie sonst noch was von mir? Ich würde meine Jungs auf eine andere Baustelle schicken, wenn wir heute hier nichts mehr machen können …«

»Nein, heute auf keinen Fall mehr«, bestätigte Theresa.

»Mr. Greer wird das gar nicht gefallen.« Das schien ihn noch mehr zu beschäftigen als die Leiche.

Doch Theresa machte sich eher Gedanken um das Loch am Ende der Tischplatte. »Gab es ein Badezimmer oder eine Küche, die an den Raum hier angrenzten?«

»Keine richtigen Bäder. Keine Badewannen oder Küchen im Gebäude. Ich vermute, dass hier nur Büros waren, vielleicht wurde es später auch als Lagerhaus genutzt. Hier haben wir Abflussrohre ausgebaut.« Er tippte mit dem Fuß auf die Stelle, an der er stand, in der südlichen Ecke der verborgenen Kammer.

Vielleicht hatten die zu dem ursprünglichen Raum gehört – woher hätte sonst das Wasser kommen sollen, das dann durch das Loch im Boden abgeleitet wurde? »Wohin hat das Abflusssystem geführt?«

Mr. Lansky hatte sich so weit an die Leiche gewöhnt, dass er den Blick bis zu zehn Sekunden abwenden konnte. Die nutzte er, um Theresa ungläubig anzustarren. »In den Abwasserkanal natürlich.«

»Ich meine, wohin haben die Rohre geführt?«

»In den Keller.«

»Dieses Gebäude besitzt ein Untergeschoss?«

»So würde ich es nicht nennen. Da ist nur Raum für die Rohre und Kabel.«

»Ich möchte mir das gerne anschauen.«

»Nein«, erklärte er ihr ernst. »Ich glaube nicht, dass Sie das wollen.«

Theresa deutete auf das Loch in der Tischplatte und die offensichtlich dazu gehörende Öffnung im Boden. »Ich vermute, dass jemand hier ein Abflusssystem eingebaut hatte, das abmontiert wurde, als diese Kammer zugemauert – verschlossen – wurde. Das Loch im Boden hat derjenige mit irgendeiner Art Kitt gefüllt, damit es vom Untergeschoss aus nicht zu erkennen war. Ich muss wissen, wohin das Rohr geführt haben könnte.«

Er seufzte. »Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«

Frank schloss sich ihnen an, als Theresa dem Bauleiter folgte. »Wovor hat er dich gewarnt?«

»Ich hoffe, du trägst heute nicht deinen besten Anzug.« Theresa zog eine kleine, aber starke Taschenlampe heraus, als sie aus dem dämmrigen Licht des leeren Gebäudes in die pechschwarze Dunkelheit des Untergeschosses traten.

»Ich habe es mir angewöhnt, bei der Arbeit nie einen guten Anzug zu tragen. Hey, wie geht es eigentlich Rachael an der Ohio State University?«

»Platzt immer noch fast vor Aufregung. Wenn sie anruft, redet sie so schnell, dass man sie kaum versteht, aber offensichtlich laufen die Kurse gut. Natürlich ist sie jetzt zu sehr mit Studieren beschäftigt, um noch oft anzurufen.«

Als sie am Treppenende ankamen, legte er ihr die Hand in den Nacken und zog leicht an ihren Haaren zum Zeichen, dass er wusste, wie traurig sie war und dass sie es nur nicht zugeben wollte. Ihre Tochter war jetzt seit drei Wochen und zwei Tagen am College, noch nicht lange genug, als dass Theresa sich an das leere Nest gewöhnt hätte.

Mr. Lansky hatte nicht übertrieben. Theresa musste sich zwar nicht ducken, um mit ihren über einen Meter siebzig keine Spinnweben mitzunehmen, doch sie hätte es am liebsten getan. Steinsäulen stützten das darüberliegende Gebäude. Die Geräusche der Stadt wurden gedämpft zu einem entfernten Brummen. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm und wirkte sehr viel sauberer als der in den oberen Geschossen. Das Licht der Taschenlampen verlor sich an den Außenwänden und ließ die Ecken im Dunkeln. Es roch nach Kälte und Stille.

Der Bauleiter blieb etwa in der Mitte des Raumes stehen, und alle drei blickten nach oben. Theresa fand das Loch, das sauber in den Boden gebohrt und dann aufgefüllt worden war. Etwa dreißig Zentimeter trennten es vom Abflussrohr. »Ist es möglich, dass ein kleineres Rohr durch das Loch geführt und in das Abflussrohr gemündet hat?«

»Klar«, bestätigte der Mann. »Hier sieht man eine Reinigungsöffnung; da hätte jemand das kleinere Rohr befestigen können. Dann wäre es natürlich keine Reinigungsöffnung mehr gewesen, wenn man eine gebraucht hätte, auch wenn es auf der gesamten Rohrlänge sicher noch ein oder zwei weitere gibt … ja, hier ist noch eine. Das ist ein echtes Qualitätsrohr. Früher hat man die Dinge für die Ewigkeit gebaut, das muss man ihnen lassen.«

»Können Sie mir sagen, ob daran tatsächlich ein zweites Rohr befestigt war?«

»Nein, Lady, das kann ich beim besten Willen nicht.« Dann fügte er etwas geduldiger hinzu: »Bei so einem kurzen Abstand hätte man keine Halterungen oder Ähnliches anbringen müssen. Nur ein Rohr, das schon seit sehr langer Zeit nicht mehr dort befestigt ist. Wenn es das denn je war. Sie brauchen nicht mich, sondern einen Hellseher. Oder einen von diesen Geisterjägern.«

Er lachte über seinen eigenen Witz, unterbrach sich dann jedoch stockend, als über ihnen Schritte zu hören waren.

»Unser Officer, der Wache hält«, versicherte ihm Theresa, doch das Gesicht des Mannes blieb bleich, und er zog die Schultern hoch.

Frank hatte das Interesse am Abflusssystem verloren und leuchtete mit seiner Taschenlampe im Keller umher. »Gestampfter Lehm«, sagte er zu Theresa.

»Ich weiß. Man denkt gleich an John Wayne Gacy. Aber der Boden ist eben, ich sehe keine Absenkungen.« Wenn Leichen im Keller vergraben werden – ein beliebter Ort für deren Beseitigung –, dann wären für gewöhnlich Unebenheiten in der Oberfläche zu erkennen, dort wo durch die Verwesung des Leichnams eine Aushöhlung tief in der Erde entstanden wäre. Der Boden wäre an dieser Stelle abgesackt. Man hätte die Fläche untersuchen können, mit einem Metallstab in die Erde stechen und nach nachgebenden Bereichen suchen, aber Theresa war sich nicht sicher, ob das bei so alten Gräbern funktionieren würde. Bodenradar wäre besser gewesen, wenn man eine der Universitäten oder vielleicht auch eine Ingenieursfirma überreden könnte, das zu übernehmen. Doch das County wäre wohl nie für die Ausrüstung aufgekommen.

Außerdem bestand kein Grund zu der Annahme, dass es weitere Opfer gab, selbst wenn der Tote in der Geheimkammer sich als Mordopfer herausstellen sollte. Man hatte ihn nicht begraben, sondern in einer Art Schrein versteckt, als ob der Mörder Schuld empfunden hätte.

Auch wenn Theresa das nicht so recht glaubte. Die Sorte Mensch, die jemanden enthauptete, gab sich normalerweise nicht mit einem Mal zufrieden. Außerdem hätte derjenige mehr Erde herbringen und die Absenkungen im Kellerboden auffüllen können.

Der Officer ging über ihnen hin und her, ein weiteres Bodenbrett gab ein lautes Knarren von sich. Der Bauleiter beschloss zu gehen und steuerte auf die Treppe zu.

»Ist dir etwas aufgefallen?«, fragte Frank.

»Außer dem vielen Staub? Nein.«

»Geht mir genauso.«

Sie folgte ihrem Cousin die Treppen hinauf. »Wir müssen uns noch ein oder zwei Tage mit dem Gebäude beschäftigen. Es gibt zwar keine Anzeichen für weitere Opfer, aber mir gefällt der Gedanke nicht, dass hier möglicherweise doch noch jemand liegt und nur noch tiefer begraben wird, wenn hier ein neues Haus errichtet wird.«

»Hängt davon ab, was mit dem Grundstück passiert. Vielleicht schachten sie es für ein neues Gebäude aus, gießen ein besseres Fundament und noch weitere Tiefgeschosse.«

»Dann würde erst recht lieber ich mögliche Leichen finden als irgendein Bagger.«

»Red bitte nicht in der Mehrzahl. Da sind sonst keine, nur dieser eine Kerl.«

»Okay. Da sind keine mehr«, wiederholte sie wie ein Mantra, als sie im Erdgeschoss ankamen.

Es sei denn, sie hatten endlich das Versteck des Torso-Mörders gefunden. Dann war möglicherweise halb Cleveland aus der Zeit der Großen Depression unter der steinharten Erde unter ihnen begraben. Der Gedanke bereitete ihr Übelkeit, und dennoch stellten sich ihr die Haare im Nacken vor Aufregung auf.

Es wäre furchtbar.

Und es wäre der Fall ihres Lebens.

Großvater wäre so stolz.

»Befand sich hier die Treppe zum ersten Stock? Es kann doch für die Bewohner des Obergeschosses nicht besonders angenehm gewesen sein, an den ganzen Büros hier vorbeigehen zu müssen«, erkundigte sie sich bei Mr. Lansky.

»Nein, eine Außentreppe führte in den ersten Stock. Die haben wir letzte Woche abmontiert.«

Der Bauleiter ging weiter durch das entkernte Gebäude, während er sprach, bis er im Freien stand. Der wachhabende Officer war dagegen für ihren Geschmack viel zu nahe an der Leiche postiert. »Sie haben doch nichts angefasst, nicht wahr?«

»Nein«, beteuerte dieser mit einem überzeugenden Kopfschütteln.

»Wie wirst du mit der Leiche vorgehen, Tess?«, fragte Frank ungeduldig, da er sich offensichtlich nach seiner vormittäglichen Zigarettenpause sehnte.

»Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn in einen Leichensack packe, wird der Anthropologe alles bis zum letzten kleinen Knochen wieder auseinandersortieren müssen. Ich überlege, ob ich die Tischplatte als Ganzes mitnehmen soll. Wir könnten die Tischbeine durchsägen und die Platte dann wie eine Trage transportieren.« Das wäre dann noch nicht einmal der größte Gegenstand, den sie je ins Labor geschafft hatte. Diese Ehre kam einem Wohnmobil mit drei Schlafräumen und vier platten Reifen zu. »Ich wünschte, ich könnte ihn erst in Saran-Folie packen.«

»Warum kannst du das denn nicht?«

»Plastikfolie ist schlecht. Zu viel statische Elektrizität. Die Hälfte der Spuren würde daran kleben bleiben. Ich könnte ihn allerdings mit Packpapier abdecken …« Sie ging in Gedanken verschiedene Möglichkeiten durch, während sie vorsichtig die linke hintere Hosentasche des Mannes untersuchte, in der ein fester, rechteckiger Gegenstand steckte. Die Hose war etwas stabiler als das Hemd, riss jedoch auch bei der geringsten Belastung. »Ich brauche einen Archäologen. Jemand, der in der Handhabung sehr alter Dinge versiert ist.«

»Fünfundsiebzig Jahre sind aber doch jetzt noch nicht so alt.« Frank ging in die Hocke und musterte den aus Putz und Holz bestehenden Schutt auf dem Boden. Er nahm das eine oder andere Stück auf, betrachtete es, warf es aus der Kammer, auf der Suche nach etwas, das sich in dem Raum befunden hatte, bevor man die Wände einriss.

»Die Münzen könnten uns in die Irre führen. Vielleicht war er Münzsammler und hat sie deshalb gesondert aufbewahrt. Er könnte genauso gut auch 1940 oder 1950 oder sogar 1960 gestorben sein.« Hochkonzentriert gelang es Theresa, den Gegenstand aus der Hosentasche zu ziehen und den Stoff dabei fast unversehrt zu lassen. Eine Brieftasche? Nein.

Frank verteilte weiter Putzbrocken. »Es könnte sich auch immer noch um einen natürlichen Tod handeln. Wie bei diesen Fällen, wo jemand die Leiche der eigenen Mutter zwanzig Jahre in ihrem Schlafzimmer liegen lässt, so in etwa.«

»Vielleicht aber auch nicht.« Theresa starrte mit klopfendem Herzen auf den Gegenstand in ihrer Hand.

Frank blickte auf. »Was ist los?«

Sie drehte ihren Fund in seine Richtung, das steife Lederetui mit der goldenen Marke darin. »Er war ein Cop.«

3

Donnerstag, 2. September

Die Torso-Morde von Kingsbury Run begannen im Jahr 1935, es sei denn, man rechnete die ein Jahr zuvor am Ufer des Lake Erie angeschwemmten Körperteile einer Frau dazu. 1938 hörten die Morde auf, vielleicht auch 1950, wenn man eine zwölfjährige Unterbrechung für realistisch hielt oder die Erklärung, dass der Mörder seine Opfer umsichtiger versteckte – auch wenn diese Umsicht ansonsten nicht zu seiner Vorgehensweise gehörte. Wenn er seine Opfer nicht zerstückelte und die Gliedmaßen entweder in den See oder den Fluss warf, dann wickelte er sie in Papier und ließ sie wie Pakete für nichtsahnende Passanten irgendwo liegen. Einige besonders unglückliche männliche Opfer hatten nicht nur ihre Köpfe eingebüßt, sondern auch ihre Genitalien. Manchmal wurden die Köpfe nie gefunden, manchmal nur diese, und manchmal lagen sie ganz in der Nähe des Körpers. In einem Fall war der Kopf gerade so tief daneben vergraben, dass die Haare noch sichtbar waren. Der Mörder hatte Männer und Frauen getötet; nur drei der Opfer wurden identifiziert, eines davon auch nur vorläufig.

Sein gewaltsames Treiben brachte entweder zwölf oder vierzehn Opfer hervor, je nachdem, welche Personen man dazuzählte oder nicht. Wenn man die Skelette und andere Leichen, die man um New Castle, Pennsylvania, herum fand, sowie eine Leiche in Youngstown dazurechnete, dann wäre der Mörder für bis zu sechsundzwanzig Morde zwischen 1923 und 1950 verantwortlich.

Er wurde nie gefasst.

Der Torso-Mörder, auch bekannt als der Mad Butcher oder der Mad Butcher von Kingsbury Run, wenn man es richtig dramatisch ausdrücken wollte, war Clevelands berühmtester Serienmörder, produktiver, genauso eifrig, doch etwas ordentlicher als Jack the Ripper.

Über den Leichnam gebeugt fragte sich Theresa, ob sie diesen Fall wirklich lösen könnte, den Fall, von dem ihr schon ihr Großvater, der Cop, erzählt hatte, immer wieder auf ihr Betteln hin wie eine makabre Gutenachtgeschichte. Er wäre begeistert gewesen von dieser Entwicklung. Er hätte …

Theresa rief sich zur Ordnung. Wenn der Fall damals nicht gelöst werden konnte, was sollte sie dann so viele Jahre später noch ausrichten? Für die Stadt wäre nur noch mehr Frustration das Ergebnis dieses letzten Kapitels. Nicht zu vergessen den Medienwirbel, den die leiseste Erwähnung verursachen würde. Und dieser tote Cop wäre mehr als nur ein leiser Hauch … eher so was wie ein Sturmwind.

Theresa fuhr mit dem Daumen über das goldene Polizeiabzeichen. »Es sieht genauso aus wie deins.«

»Da hat sich seit 1906 nichts geändert«, erklärte ihr Frank. »Leider haben Detective-Abzeichen keine Nummern, sonst hätten wir ihn auf diesem Weg identifizieren können.«

»Es gibt Verzeichnisse darüber, wer in den letzten fünfundsiebzig Jahren eine Marke ausgehändigt bekommen hat?«

»Eine Polizeibehörde ist reine Bürokratie. Man führt Listen von allem, eingeschlossen die Seriennummern von Dienstwaffen.« Er nahm die Pistole vom Tisch und zog sein Handy hervor. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er die kleinen Ziffern auf der Waffe und dem Mobiltelefon.

Ihr Telefon klingelte. Wieder Chris. Sie klappte es zu, ohne den Anruf entgegenzunehmen. »War das Leo?«, fragte Frank und meinte damit ihren eher anstrengenden Chef. Er beobachtete sie mit seinem Handy am Ohr, offenbar hing er in einer Warteschleife.

»Nein.« Sie bürstete die letzten Flecken von der Polizeimarke und wich dem Blick ihres Cousins aus. Er hatte viele Eigenschaften eines älteren Bruders – aber leider nur die ärgerlichen. Wenn er ein unbequemes Thema roch, dann ließ er wie ein Hund nicht mehr los, bis das Kaninchen erlegt war.

Er hob nur eine Augenbraue, das Telefon immer noch am Ohr. »Wer war es dann?«

»Chris.«

»Cavanaugh?«

»Ja.«

»Du gehst nicht ran, wenn er anruft? Warum?«

»Weil ich gerade wichtigere Dinge zu tun habe.«

»Was hat dieser Fatzke denn getan, hat er dich versetzt?« Frank war noch nie ein Fan des bekannten Verhandlungsführers bei Geiselnahmen gewesen.

»Geht ja gar nicht, wir hatten noch kein richtiges Date.«

»Das sieht mir aber … was? Ja, ich bin dran.« Er gab die Seriennummer der Waffe durch, und Theresa wandte sich wieder dem Leichnam zu.

Außerdem, wenn zwischen ihr und Chris tatsächlich etwas gelaufen wäre, dann hätte er sie öfter als einmal pro Monat angerufen, anstatt ihr wegen einer Verabredung zum Mittagessen eine läppische SMS zu schicken, als ob sie dann alles für ihn stehen und liegen gelassen hätte. Und er hätte auch nicht die Tochter des städtischen Verwaltungschefs zu der Wohltätigkeitsveranstaltung des Cleveland Play House letzte Woche mitgenommen.

Natürlich konnte er das ohne Weiteres tun, denn sie waren ja nicht richtig zusammen. Außerdem war die Wohltätigkeitsveranstaltung eher ein politisches Event gewesen.

Theresa legte die Polizeimarke neben den linken Fuß des Toten. Der zu dem Fuß gehörige Schuh schien am großen Zeh mit Klebeband repariert worden zu sein.

Die Leute von der Gerichtsmedizin waren mit einer Säbelsäge auf dem Weg. Sie würde den Toten mit Papier abdecken, jedoch nicht mit Plastikfolie.

Frank klappte sein Handy zu. »James Miller.«

»Wie bitte?«

»Das CPD hat eine Smith & Wesson mit dieser Seriennummer einem James Miller zugeteilt.«

»Wie hast du das so schnell herausgefunden?«

»Der Leiter unseres Museums ist großartig, und er hat noch alle Aufzeichnungen von damals. Miller ist der Polizei 1929 beigetreten, 1932 zum Detective befördert worden, 1936 entlassen worden wegen Pflichtversäumnis.«

»Muss man denn nicht Marke und Pistole abgeben, wenn man gefeuert wird?«

»Normalerweise schon, ja. Der Museumsleiter muss noch ein paar andere Akten überprüfen, aber er sagt, es sei nicht ganz klar, warum Miller entlassen wurde. Das, was er bisher gefunden hat, könnte man auch so lesen, dass Miller seiner Pflicht nicht nachgekommen ist und deswegen entlassen wurde. Will heißen, er hat unentschuldigt gefehlt.«

Theresa sah nach unten, blickte automatisch an die Stelle, an der normalerweise der Kopf der Leiche gesessen hätte. »Würde ein Cop, der plötzlich verschwindet, nicht einen Riesenaufruhr verursachen?«

»Natürlich würde es das. Ich bin mir sicher, dass ermittelt wurde, aber es wird eine Weile dauern, diese Akten aufzutreiben. Falls es sich hierbei überhaupt um James Miller handelt und nicht um jemanden, der seine Marke und seine Waffe gestohlen hat, um sie zu verpfänden oder zu benutzen. Die Zeiten waren hart damals. Der Torso-Mörder war nicht der Einzige, der sich in Cleveland herumgetrieben hat.«

»Was meinst du damit? Es gab einen zweiten Serienmörder?«

»Ich meine die andere Art von Serienmördern – die Mafia. Cleveland war damals eine sehr weltoffene Stadt. In New York und Chicago hat man hart gegen die Mafiosi durchgegriffen, doch in Cleveland blieben sie unter dem Radar, und ein Großteil der Cops stand auf ihrer Gehaltsliste. Dieser Kerl von den Unbestechlichen musste herkommen und ordentlich aufräumen.«

»Eliot Ness. Ich weiß, aber ich dachte immer, Auftragskiller laden die Leichen einfach irgendwo ab und errichten keine Schreine für sie.«

»Das ist kein Schrein. Ich habe jeden Krümel auf dem Boden untersucht, und außer dem Toten war hier drin nichts zu finden. Außerdem hätten die Mafiosi dafür gesorgt, dass diese Leiche garantiert nie wieder auftaucht – selbst damals hat man keine Cops getötet, wenn es sich vermeiden ließ. Der Tisch könnte auch aus einem anderen Grund hier drin gestanden haben, für Glücksspiel oder um Alkohol herzustellen. Miller kommt ihnen auf die Spur oder will einen größeren Anteil oder was auch immer, man schneidet ihm die Kehle durch, mauert ihn ein und verschleiert damit gleich zwei Verbrechen auf einmal.«

»Ich weiß nicht«, sagte Theresa skeptisch. »Warum dann der Aufwand mit der Enthauptung, wenn es nicht ein Denkzettel für jemand sein sollte?«

»Wir wissen ja nicht sicher, dass sie das nicht ursprünglich im Sinn hatten. Zwischen dem Mord und dem Verschließen des Raumes kann eine gewisse Zeit gelegen haben.«

Sie wollte sich nicht vorstellen, wie eine Reihe von Delinquenten an der Öffnung vorbeischlich, um einen Blick auf James Miller zu werfen. Stattdessen legte sie lieber die Packpapierbahnen über die Leiche und steckte sie um den Körper herum fest. Officer Miller würde von jetzt an nur noch mit mitfühlenden Blicken bedacht werden.

Theresa nahm eine der Halogenleuchten und richtete sie auf die letzte verbliebene Wand. Das Licht strahlte von den alten Holzplanken und dem Putz in den Ritzen ab. Alles wirkte solide, man hatte nicht unter Zeitdruck gearbeitet. Vielleicht handelte es sich um die ursprüngliche Konstruktion, auch wenn sie sie nicht mehr mit den anderen Wänden vergleichen konnten, da diese ja bereits abgerissen waren. Wenn man die Wände um James Miller herum unsauber errichtet hätte, hätten sie ihr Geheimnis nicht all die Jahre bewahrt.

Das Holz war mit der Zeit fleckig und dunkel geworden. Theresa nahm eine kleine Flasche Hemastix-Teststreifen aus ihrem Ausrüstungskoffer und befeuchtete die Enden mit destilliertem Wasser. Dann bat sie Frank, die Leuchte für sie zu halten, während sie eine nasse gelbe Teststreifenspitze auf einen großen Fleck presste, der sich von dem dunklen Holz abhob. Das filzartige gelbe Gewebe färbte sich sofort tiefblau. »Da ist Blut an den Wänden.«

»Wow, was für eine Überraschung. Hinterlässt es nicht immer eine Menge Blut, wenn jemand enthauptet wird?«

»Das kommt darauf an, wie die Sache durchgeführt wird. Wenn die Halsschlagader in mehreren Schnitten durchtrennt wird, dann spritzt das Blut für mehrere Sekunden überallhin. Selbst wenn sie mit einem schnellen Schnitt durchtrennt wird, wird das Herz das Blut erst einmal weiter aus dem Körper pumpen, da das Herzgewebe mehr oder weniger unabhängig vom Gehirn agieren kann – wenn das Opfer noch am Leben ist. Doch das hier …« – sie trat zurück und betrachtete die dunklen Flecken als Ganzes, statt einzelne Flecken auf dem Holz zu sehen – »sieht nicht nur nach ein paar Spritzern aus der Arterie aus. Die Tropfen sind viel zu vereinzelt, sie gehören nicht zusammen.«

»Abschleuderblut?«, schlug Frank vor.

»Diverse Schichten davon, ja.«

»Als ob sich jemand richtig an ihm ausgetobt hätte?«

Theresa konnte das Bild des Mad Butcher nicht abwehren, der im Raum umhertanzte, von oben bis unten vom Blut seines Opfers besudelt, jeder Messerhieb einen neuen Strahl der roten Flüssigkeit gegen Holz und Putz schleudernd. Ein kühler Herbstwind wehte durch die Fenster in ihrem Rücken, brachte einen Hauch von Winter mit sich und strich ihr über den Nacken.

Theresa testete noch einige Flecken, alle reagierten positiv. »Ja, der Abstand zum Tisch beträgt nur etwas über einen Meter, doch die Menge an Blutstropfen scheint mir doch erheblich im Vergleich zu den Verletzungen des Opfers. Es gibt keinerlei Hinweise auf Stichwunden und/oder Schläge, keine Knochenbrüche.«

»Wenn das hier Mafia-Arbeit war, dann bedienten sie sich vielleicht einer Technik, die große Schmerzen zufügt, aber nicht sofort tötet. Vielleicht hatten sie Fragen an Officer Miller, die dieser nicht beantworten wollte. Oder sie wollten etwas von ihm, das er sich weigerte herauszurücken. Auch wenn ich mir keinen Grund vorstellen kann, warum sie ihm dann nicht die Waffe weggenommen haben.«

DNA

»Kopf hoch, Cousinchen. Wir zwei haben doch schon ganz andere kalte Fälle bearbeitet.«

Theresa verschloss einen weiteren Umschlag mit rotem Klebeband. Ein metallisches Rattern vom Gebäudeeingang her verriet ihr, dass die Männer der Gerichtsmedizin mit einer Rollbahre und hoffentlich einer großen elektrischen Säge anrückten. »Dieser Fall ist nicht nur kalt. Der ist stocksteif gefroren. Eisig wie flüssiger Stickstoff.«

»Darum brauche ich ja auch dich.«