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SUE TINGEY

MARKED

EINE TEUFLISCHE LIEBE

Roman

Aus dem Englischen übersetzt
von Sabine Thiele

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

DAS BUCH

Lucky de Salle ist achtundzwanzig Jahre alt, sieht gut aus und lebt zusammen mit ihrer besten Freundin Kayla in einem bezaubernden Cottage auf dem Land. Als Medium hat sie inzwischen eine gewisse Berühmtheit erlangt, und die Bücher, die sie zu dem Thema geschrieben hat, verkaufen sich prächtig – eigentlich könnte Luckys Leben nicht besser laufen, oder? Doch im Gegensatz zu ihren Kollegen, kann Lucky tatsächlich Geister sehen – einer davon ist zum Beispiel Kayla –, und die sind nicht immer freundlich: Als Lucky eines Tages zu ihrer alten Schule gerufen wird, um dort die Geister zweier Mädchen in Schach zu halten, die dort seit Jahrzehnten auf dem Dachboden Schabernack treiben, wartet stattdessen ein ausgewachsener Dämon auf sie. Ein Dämon, der nicht nur sie selbst, sondern auch ihre beste Freundin Kayla bedroht. Lucky will der Sache auf den Grund gehen und findet heraus, dass Kayla ein Geheimnis vor ihr verbirgt. Als ob das noch nicht genug wäre, tauchen plötzlich auch noch zwei mysteriöse Männer in Luckys Leben auf, Philip und Jamie, die offensichtlich mehr über Kayla wissen, als Lucky zunächst ahnt. Es gibt nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden – und der führt direkt in die Unterwelt …

DIE AUTORIN

Sue Tingey arbeitete achtundzwanzig Jahre lang als Bankangestellte, bevor sie sich für einen radikalen Karrierewechsel entschied. Als Arboricultural Consultant beschäftigt sie sich nun hauptberuflich mit der Pflege und dem Erhalt von Bäumen. Sue Tingey ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann im britischen East Grinstead, West Sussex. Marked ist ihr erster Roman.

Titel der englischen Originalausgabe

MARKED

Redaktion: Babette Mock

Copyright © 2015 by Sue Tingey

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-17014-1

www.heyne.de

@HeyneFantasySF

Für Howard

1

Die Eingangshalle der Schule war kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte. Allerdings war ich bei meinem letzten Besuch vor fünfzehn Jahren erst zehn Jahre alt und leicht einzuschüchtern gewesen. Seither hatte ich mich ganz schön verändert. Dennoch freute ich mich überhaupt nicht darauf, diesen Ort wiederzusehen.

Das Klappern meiner Absätze kündigte mich an, während ich über den Fliesenboden der Eingangshalle auf die Frau zuging, die mich erwartete.

Miss Mitchell war, wie man sich die Schulleiterin einer reinen Mädchenprivatschule vorstellte: groß, kräftig, mit rosigen Wangen und kurzen, zerzausten Locken. Sie war das Abbild einer dieser sportlichen, penetrant gut gelaunten Frauen, auch wenn ihre verkrampften Mundwinkel darauf hindeuteten, dass die Fröhlichkeit an diesem Nachmittag nur aufgesetzt war.

»Miss de Salle«, sagte sie und kam durch die Eingangshalle mit ausgestreckter Hand auf mich zu. »Ich habe schon so viel von Ihnen gehört.«

»Bitte nennen Sie mich Lucky«, erwiderte ich.

»Dann nennen Sie mich bitte Lydia«, antwortete sie und schüttelte energisch meine Hand. »Kann ich Ihnen eine Tasse Tee oder Kaffee anbieten?«

»Ich denke, wir sollten so schnell wie möglich zur Sache kommen.«

»Natürlich.« Ihr Lächeln wirkte verlegen. »Ich bin wirklich froh, dass Sie kommen konnten. Hätten Sie meine Anfrage abgelehnt, hätte ich vollstes Verständnis gehabt.«

»Schnee von gestern.« Mein Blick wanderte nach oben, und ich schauderte. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen überhaupt helfen kann.« Es hatte keinen Sinn, ihr etwas vorzumachen.

»Man hat mir gesagt, dass uns, wenn überhaupt, nur Sie helfen können.«

Ich hatte gelesen, dass die Frau erst seit drei Jahren Schulleiterin war, weshalb sie mich nicht kannte – nicht als Lucky de Salle. Wahrscheinlich war ihr Lucinda de Salle ein Begriff, die der Schule verwiesene Ex-Schülerin. Vielleicht hatte sie tatsächlich schon einmal von Lucky de Salle gehört, einer sehr kleinen Berühmtheit, doch mich kannte sie nicht. Und ich sagte gern, was Sache war.

»Hören Sie«, begann ich, als wir uns den Treppen näherten, von denen ich gehofft hatte, sie nie wieder hinaufsteigen zu müssen, »als ich das letzte Mal hier war, versuchte ich zu helfen, erlitt einen Schock und wurde schließlich der Schule verwiesen. Ich konnte damals nicht behilflich sein, und ich bin mir nicht sicher, ob ich es jetzt sein kann. Ich habe diesem Treffen nur wegen des Ouija-Bretts zugestimmt. Wenn Ihre drei Schülerinnen damit gespielt und das letzte Ritual nicht vollzogen haben, könnte Ihnen etwas weitaus Schlimmeres blühen als die Geister zweier junger Mädchen.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte sie mit einem Seitenblick zu mir.

»Die Zwillinge sind gemeine, nachtragende kleine Biester, doch es gibt sehr viel Furcht einflößendere Wesen da draußen.« Das stimmte: Ich selbst hatte mich schon zutiefst bösartigen Geistern gegenüber gesehen. Doch vor fünfzehn Jahren hatten die Zwillinge mir mehr Angst eingejagt als je ein Geist in meinem Leben, und heute musste ich meinen Dämonen gegenübertreten. Es war auch keine Hilfe, dass meine beste Freundin Kayla sich rundheraus geweigert hatte, mich zu begleiten. Kayla hatte vor nichts Angst; wenn ihr also das, was da auf dem Dachboden wartete, solches Unbehagen bereitete, musste ich erst recht auf der Hut sein.

Lydia und ich gingen durch stille Korridore bis ins zweite Stockwerk. Bei der Treppe zum dritten zögerte sie – diese führte zum Gemeinschaftsraum der sechsten Klasse und dem Dachboden dahinter.

»Schon gut«, sagte ich. »Sie müssen nicht mitkommen.«

Sie lächelte befangen. »Danke.«

Ich zwang mich dazu, ihr Lächeln zu erwidern. Dann trat ich auf die erste Stufe, und die Mädchen begannen nach mir zu rufen.

»Lucky, Lucky«, flüsterten sie. »Lucky kommt; Lucky, Lucky, Lucky.«

Ich zögerte. Meine Beine waren bleischwer, doch ich packte das Geländer und zwang meine Füße nach oben, langsam, Stufe für Stufe.

Als ich den Gemeinschaftsraum erreichte, zitterte ich. Vor fünfzehn Jahren war ich davongerannt, auf der Suche nach Hilfe, nur weg von allem.

Ich durchquerte den Raum, das Geräusch meiner Absätze wurde durch den Teppichboden gedämpft. Als ich die Tür am anderen Ende erreichte, streckte ich die Hand nach dem Knauf aus, doch bevor meine Finger das kühle Messing berühren konnten, schwang die Tür auf. Erschrocken wich ich zurück.

»Lucky, Lucky, komm und spiel mit uns, komm und spiel unsere Spiele.«

»Die mag ich aber nicht«, sagte ich, als ich auf die erste Treppenstufe zum Dachboden trat. »Und wenn ihr nicht versprecht, euch zu benehmen, spiele ich gar nicht mit euch.«

Hinter mir fiel die Tür krachend ins Schloss. Ich verzog das Gesicht und ging weiter. Himmel noch mal, es waren Kinder, tote Kinder, und auch wenn sie bösartig waren, konnten sie mich nicht verletzen. Geister verfügen nur über sehr wenig körperliche Kraft.

Die Tür am Kopf der Treppe öffnete sich, als ich den Absatz erreichte. Waren sie stärker als früher? Oder hatte ich nur vergessen, was sie mit einem anstellen konnten?

Ein schmutziges Oberlicht im Dach ließ genug graues Nachmittagslicht herein, sodass ich die aufgestapelten Tische und Stühle auf der anderen Seite des Dachbodens erkennen konnte. Daneben standen einige Kisten, ihr dunkler Umriss erinnerte an ein zum Angriff bereites Tier. Es gab sehr viel Lagerraum hier oben, und doch wurde wenig aufbewahrt. Wahrscheinlich war es lange her, seit man den Dachboden zu diesem Zweck verwendet hatte.

Das Ouija-Brett lag auf dem Boden in der Mitte des langgezogenen Raums, genau unter dem Oberlicht, die Planchette umgedreht ein paar Meter daneben. Ich machte einen Schritt nach vorn und noch einen, die Dielenbretter knarzten unter meinen Füßen.

»Lucky kommt uns besuchen. Lucky kommt, um mit uns zu spielen.« Ihr Flüstern füllte meinen Kopf. »Wo ist Kayla? Wir wollen mit Kayla spielen.«

»Kayla will aber nicht mit euch spielen«, sagte ich.

»Wir wollen Kayla, wir wollen Kayla, wir wollen Kayla

Ihr Jammern war laut und kreischend, aggressiv. Kein gutes Zeichen. Ich war mir nicht sicher, ob nur ich die Stimmen hören konnte; falls nicht, dann würden die Worte sicher in den langen Schulkorridoren widerhallen.

Ich durchquerte den Raum und wollte das Brett aufheben. Doch meine Finger hatten kaum die polierte Oberfläche berührt, als es weggerissen und über den Boden an die Wand geschleudert wurde. Ich folgte ihm. Konnten die Zwillinge so mächtig geworden sein? Ich runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Noch einmal wollte ich nach dem Brett greifen, wieder entglitt es mir.

»KAYLA.« Ein tiefes Grollen. Keine Kinderstimme. Die Härchen in meinem Nacken stellten sich auf.

Ich wirbelte herum. Dunkelheit umgab mich.

»Wer bist du?«, fragte ich leise, unsicher.

Stille.

Wieder näherte ich mich dem Brett. Diesmal gelang es mir, es aufzuheben – doch dann wurde es mir mit solcher Kraft entrissen, dass ich nach vorne stolperte und auf ein Knie fiel.

Ich versuchte, die Schatten zu durchdringen. Mein abgehackter Atem wurde zu kleinen Nebelwolken, und ich zitterte. Plötzlich war es bitterkalt geworden. Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen und Beinen aus, doch ich war mir nicht sicher, ob die Kälte dafür verantwortlich war. Ich rappelte mich auf, meine Augen versuchten immer noch, etwas in der Dunkelheit zu erkennen.

»Lucky, hilf uns.« Leises Flüstern schwebte durch den Raum. »Bitte« – ein ängstlicher Schrei – »hilf uns!«

Ich drehte mich zu den aufgestapelten Möbeln, und da waren sie: zwei Mädchen in langen, weißen Nachthemden. Heute drängten sie sich dicht aneinander, kauerten zwischen den alten Tischen und den Kisten, versuchten sich klein und unsichtbar zu machen.

Ich schluckte angestrengt. Bei unserem letzten Zusammentreffen waren sie auf mich zugegangen, ihre gierigen Augen hatten vor boshafter Freude gefunkelt. Jetzt waren sie nur verängstigte kleine Mädchen. Panik stieg in mir auf. Nicht die Mädchen waren von dem Ouija-Brett beschworen worden, nicht sie hatten nach mir gerufen. Sondern etwas weitaus Schlimmeres.

Sie blickten zu mir auf, und selbst in der Dunkelheit konnte ich die Furcht in ihren kleinen, traurigen Gesichtern sehen.

»Hilf uns, und wir versprechen, brav zu sein. Wir versprechen es. Mach, dass er weggeht. Bitte mach, dass er weggeht.«

»Wer?«, flüsterte ich.

Ihre Augen weiteten sich, und sie bargen die Gesichter am Hals der anderen. Ich stand stocksteif da.

Es befand sich definitiv noch jemand im Raum.

Mein Atem war mittlerweile zu weißem Rauch geworden, die mich umgebende Luft hätte aus Sirup sein können, so dick fühlte sie sich an. Ich versuchte mich umzudrehen, doch es war, als schwömme ich gegen die Gezeiten an. Langsam zwang ich meinen Körper herum.

Es war zu dunkel für die Tageszeit. Ich machte ein paar Schritte nach hinten, bis ich unter dem Oberlicht stand und das blasse Herbstlicht ein Rechteck auf den staubigen Boden um mich herum warf. Eine so undurchdringliche Schwärze, dass ich die Tür nicht mehr sehen konnte, baute sich am anderen Ende des Raumes auf und versperrte mir den Fluchtweg. Ich trat einen weiteren Schritt zurück und hörte plötzlich ein Wimmern hinter mir.

Die Schwärze begann in dicken Schwaden herumzuwirbeln, sich zusammenzuziehen und schließlich eine feste Gestalt anzunehmen.

Die Mädchen hinter mir weinten. Ich hörte ihre hicksenden, kleinen Schluchzer und erkannte, dass sie nie wirklich böse gewesen waren, sie waren nur Kinder, benahmen sich manchmal daneben, wie Kinder eben so sind. Jetzt hatten sie selbst Angst, und leider hatten sie wohl guten Grund dazu. Ich erhaschte den Hauch eines vertrauten süßlichen Geruchs, der mich an alte Damen erinnerte; dann war er schon wieder verschwunden.

Nach und nach formte sich die Gestalt eines Mannes aus der Schwärze. Zuerst dachte ich, dass er außergewöhnlich groß war, dann bemerkte ich den hohen grauen Hut auf seinem Kopf. Sein eng anliegender Mantel und die Kniebundhosen waren ebenfalls grau, seine Weste sowie die Krawatte von hellem Gelb. Er trug weiße Strümpfe und schwarze Schuhe und glich in jeder Hinsicht einem Gentleman aus dem achtzehnten Jahrhundert. Er hatte sogar einen Schönheitsfleck über der Oberlippe. Ich war überrascht; er wirkte überhaupt nicht Furcht einflößend – bis sich sein Mund zu einem grausamen, arroganten Lächeln verzog.

»Ah, sehr erfreut«, sagte er.

Ich schwieg. Es war nie klug, sich mit den Wesen von der anderen Seite auf eine Unterhaltung einzulassen, bevor man wusste, mit wem man es zu tun hatte. Viele erzählten nur zu gern Lügen, verdrehten einem das Wort im Mund und versuchten einen zu verwirren.

Er trat einen Schritt auf mich zu, und ich musste mich mit aller Kraft davon abhalten, nicht vor ihm zurückzuweichen. Die Mädchen wimmerten. Ich sah mich nach dem Ouija-Brett um. Er folgte meinem Blick und kicherte – ein leises, bedrohliches Geräusch.

»Werden Sie mich nicht fragen, warum ich hier bin? Werden Sie mich nicht fragen, was ich will … Miss de Salle?«

»Warum sagst du es mir nicht?«

Er kam noch einen Schritt auf mich zu. Noch drei, und er könnte mich berühren. Ich wollte ihn auf keinen Fall so nahe bei mir haben.

Er lächelte wieder, und dieses Mal konnte ich seine blendend weißen, spitzen Zähne sehen. Meine Angst war berechtigt.

»Sie haben etwas, das ich will.«

»Kayla, er will Kayla«, flüsterten die Mädchen hinter mir.

Wahnsinn verzerrte sein Gesicht, seine Lippen zogen sich zu einem Knurren zurück und entblößten noch mehr dieser grausamen Zähne.

»Seid still, ihr kleinen Biester. Die Hölle wird ein noch viel zu angenehmer Ort für euch sein, wenn ihr nicht schweigt.«

Ich riskierte einen Blick über die Schulter. Die Zwillinge klammerten sich immer noch zitternd aneinander. Als ich mich wieder umdrehte, war der Mann bis auf Armeslänge an mich herangetreten. Er war zu nahe. Ich musste an das Ouija-Brett herankommen.

Er zog an den Spitzenmanschetten seines Hemds, die aus den Ärmeln des Jacketts hervorragten, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf lange, elfenbeinfarbene Fingernägel, die besser zu einer großen Katze gepasst hätten. Er bemerkte meinen Blick und lächelte wieder. Er wirkte fest, beinahe menschlich, doch das war offensichtlich nur eine Fassade. Aus jeder Pore strahlte er Bösartigkeit aus, die die Luft vergiftete. Ich konnte kaum atmen.

»Wo ist Kayla?«, fragte er schließlich.

»Wer will das wissen?«

Er hob ironisch eine Augenbraue und lachte leise. »Verzeih«, sagte er und verbeugte sich leicht. »Ich bin Henri le Dent.«

Französischer Name, schrecklich breiter englischer Akzent. Er log, aber das taten sie immer. Dieser hier war ein Spaßvogel: le Dent – der Zahn. Lachen konnte ich allerdings nicht darüber.

»Nun, Henri, ich möchte, dass du jetzt gehst. Adieu.«

Wieder lachte er. »Kommen Sie schon, Miss de Salle, Sie sind viel zu erfahren, um zu glauben, dass das wirklich funktionieren könnte.«

Ich knirschte mit den Zähnen. Einen Versuch war es wert gewesen, auch wenn mir immer klarer wurde, dass ich es dieses Mal nicht mit einem boshaften, ruhelosen Geist zu tun hatte. Henri war etwas anderes. Miss Mitchells drei Schülerinnen hatten einen Dämon beschworen.

»Okay, Henri, was willst du?«

Er ließ wieder die spitzen Zähne aufblitzen. »Ich habe eine Botschaft für deine Freundin.«

Wieder machte er einen Schritt auf mich zu, und dieses Mal wich ich instinktiv vor ihm zurück. Sein Lächeln wurde breiter. Er wusste, dass ich Angst vor ihm hatte.

»Sag Kayla, dass du eine Botschaft für sie von der anderen Seite hast.«

Er bewegte sich so schnell, dass ich nicht reagieren konnte. Plötzlich stand er neben mir, und seine schlanken Finger schlossen sich um meine Kehle. Ich zerrte an seiner eisenharten Hand, doch er hob mich mühelos in die Höhe, sodass meine Zehen kaum noch den Boden berührten, und starrte mir in die Augen.

Er grinste. Seine Zähne schienen sein ganzes Gesicht auszufüllen, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich gleich sterben würde.

Er sah die Erkenntnis in meinen Augen und lachte laut auf. »Ja, Miss de Salle – oder darf ich dich Lucky nennen?« Er musterte mein Gesicht einen Moment lang und leckte sich dann sehr langsam über die Lippen. »Ich denke schon. Der Tod ist etwas so Intimes. Ja, Lucky, du wirst sterben – aber nicht heute, denn du musst eine Nachricht für mich überbringen. Sag Kayla, sie war schon viel zu lange weg, und wir wollen sie zurück.«

Er beugte sich noch näher zu mir, atmete tief ein und schloss einen Moment die Augen, als ob er das Bouquet eines exquisiten Weins genösse. Als er sie wieder aufschlug, waren sie jedoch kohlschwarz. Seine Zunge schoss hervor, und er leckte mir übers Gesicht, strich mit der Spitze von meinem Augenwinkel über die Wange. Ich versuchte den Kopf wegzudrehen, doch seine Finger hielten immer noch meinen Hals umklammert. Er genoss seine Macht, meine Furcht. Ich erhaschte einen Hauch seines Atems, und der süßlich-kranke Geruch, den ich zuvor wahrgenommen hatte, kehrte mit voller Wucht zurück. Jetzt wusste ich, woran er mich erinnerte: Parma-Veilchen.

»Ich hoffe, dass sie sich weigert«, murmelte er. »Denn wenn sie sich uns widersetzt, werde ich wiederkommen, und dann werde ich dich noch einmal schmecken.« Er strich mir mit der freien Hand übers Haar. »Ich kann es kaum erwarten. Ich weiß, dass du süß wie Nektar sein wirst. Oh ja, Miss Lucky de Salle, ich freue mich sehr darauf, dich wiederzusehen. Ich statte dir vielleicht einen Extrabesuch ab – oder auch zwei.«

Ich konnte nicht atmen, mein Blick verschleierte sich. Eine Träne rann langsam an meiner Wange hinab.

Er fing sie mit der Spitze eines seiner gefährlich scharfen Nägel auf und hielt sie in die Höhe, als ob er sie mustern wolle. Seine Nasenflügel blähten sich, als er übertrieben daran roch. Dann schnellte seine Zunge reptilienartig hervor und kostete von der Flüssigkeit.

»Die Tränen einer Frau, so wohlriechend, so köstlich, so … einnehmend.«

Er ließ mich los, und ich fiel keuchend zu Boden. Als ich aufblickte, trat er in die undurchdringliche Schwärze vor der Tür.

Er warf mir einen Blick zu. »Au revoir, Miss de Salle. Wir werden uns bald wiedersehen. Ich werde dich im Auge behalten.«

Die Schwärze schloss sich um ihn, bis nur noch ein schwarzer Fleck vor der Tür zu sehen war. Dann war sie verschwunden und der Raum wieder in herbstliche Düsternis getaucht.

Irgendwie richtete ich mich auf, auch wenn ich so stark zitterte, dass ich die Zähne fest aufeinanderbeißen musste, um sie am Klappern zu hindern.

»Du musst die Tür zumachen, sonst kommt er zurück«, sagte eine Stimme neben mir und ließ mich zusammenzucken.

Ich blickte nach hinten, wo die Mädchen auf einmal standen. Das Ouija-Brett schlitterte unsicher über den Boden und kam zögernd vor mir zum Stehen, gefolgt von der Planchette. Ich wollte schon nach dem Brett greifen, hielt dann jedoch mit ausgestreckten Fingern inne. Ich hatte das Gefühl, dass es dafür zu spät war.

»Was ist mit euch zweien?«, fragte ich. »Wollt ihr nicht dahin gehen, wo ihr hingehört?«

Sie glitten vor mich, das Brett zwischen sich.

»Wir gehören hierher.«

»Es ist fast zweihundert Jahre her. Ihr müsst diesen Ort verlassen«, sagte ich.

»Warum?«

»Ihr jagt den Mädchen Angst ein.«

Sie lächelten, das süße, unschuldige Lächeln von Kindern. »Das haben wir schon sehr, sehr lange nicht mehr getan.«

Ich warf ihnen einen finsteren Blick zu. Ich wusste, dass Geister nicht dasselbe Zeitgefühl hatten wie wir, doch auch selbst dann waren erst einige Tage seit ihrer letzten Eskapade vergangen. »Was ist mit den drei Mädchen vor wenigen Tagen?«

Jetzt starrten sie mich finster an. »Das waren wir nicht«, sagte die eine schmollend. »Er war es, und als sie weg waren, war er gemein zu uns.«

»Haben sie ihn mit dem Brett gerufen?«

Beide nickten ernst.

Seufzend zog ich eine verschlossene Plastiktüte aus meiner Tasche. Ich leerte ihren Inhalt – eine Kerze und Streichhölzer – auf den Boden und stellte dann die Kerze auf. Meine Finger zitterten so stark, dass ich die Hälfte der Streichhölzer auf dem Boden verstreute und sie kaum wieder aufheben konnte. Schließlich konnte ich eines umklammern, doch ich hatte nicht die Kraft, es anzuzünden.

Ich schloss die Augen und atmete mehrere Male tief durch, versuchte es wieder, und dieses Mal flackerte eine kleine Flamme auf, erstarb beinahe, loderte endgültig. Die Mädchen sahen mir zu, wie ich die Kerze anzündete.

Ich nahm die Planchette auf, legte sie auf das Brett und schob sie zu dem Feld »Ende«.

»Ende«, sagte ich so fest ich konnte.

Ich hob die Planchette auf und zog sie durch die Kerzenflamme, dann tat ich dasselbe mit dem Ouija-Brett und murmelte dabei das Vaterunser, während ich es dreimal auf den Boden schlug.

Die Mädchen schwebten davon.

»Wartet!«, sagte ich, und sie drehten sich zu mir um. »Ihr habt versprochen, brav zu sein.«

»Das werden wir«, flüsterten sie. Dann waren sie verschwunden.

Immer noch zitternd steckte ich Kerze und Streichhölzer zurück in die Tüte. Ich glaubte nicht eine Sekunde, dass sie ihr Versprechen halten würden – obwohl sie, wenn das die ersten Probleme in der Schule waren, seit ich sie vor fünfzehn Jahren verlassen hatte, sich nicht besonders bemüht hatten, die Schülerinnen zu ärgern. Ich würde Lydia Mitchell empfehlen, die Tür zum Dachboden fest zu verschließen. Es würde die zwei Geister zwar nicht endgültig einsperren, auch wenn sie sich nie weit vom Dachboden entfernt hatten; vielleicht weil es der Ort war, an dem sie gestorben waren. Doch es würde die Schülerinnen fernhalten und sie hoffentlich vor dieser Art Unfug bewahren.

Ich stand auf und ging in Richtung Tür, zögerte jedoch nach ein paar Schritten. Auch wenn die Schwärze verschwunden war, blieb ich misstrauisch. Ich machte einen Schritt, dann noch einen, dann stürzte ich so schnell es meine Absätze erlaubten durch den Raum, riss die Tür auf und polterte die Stufen hinunter in den Aufenthaltsraum der sechsten Klasse.

Jeglicher Hauch von Erleichterung, den ich empfunden hatte, verflüchtigte sich, als ich die Treppe hinaufsah. Undurchdringliche Schwärze füllte den Türrahmen.

»Vergiss nicht meine Botschaft«, flüsterte eine Stimme mit einem leichten Lachen, dann wurde die Tür so heftig ins Schloss geworfen, dass die im Aufenthaltsraum verstreuten Kaffeetassen klirrten.

Bis ich die Eingangshalle erreicht hatte, hatte ich das Zittern unter Kontrolle, doch meine Kehle fühlte sich rau und wund an. Ein heißes Getränk, gern auch etwas Stärkeres, wäre gut gewesen, doch meine zitternden Finger hätten beim Versuch, ein Glas oder eine Tasse zu halten, meine Furcht verraten.

Es war verführerisch, einfach zu gehen, ohne mich von der Schulleiterin zu verabschieden, doch ich musste ihr sagen, dass sie den verdammten Dachboden gut verrammeln sollte. Wenn es nach mir ginge, sollte auch der Aufenthaltsraum verlegt werden. Ich würde es vorschlagen, doch die Entscheidung lag bei ihr. Sie würde vielleicht die Mädchen nicht noch mehr aufregen wollen – und noch wichtiger, vor allem nicht die Eltern.

Vor dem Büro der Schulleiterin zögerte ich, bevor ich klopfte. Eine Stimme bat mich einzutreten. Lydia war nicht allein; bei ihr an einem rechteckigen Tisch saß ein Mann, der bei meinem Anblick seine Tasse absetzte und mit ausgestreckter Hand aufstand.

»Lucky«, sagte Lydia mit besorgtem Blick zu dem Mann, »das ist Philip Conrad. Er hat Ihnen heute Nachmittag das Auto geschickt.«

Ich ergriff die ausgestreckte Hand. »Danke«, antwortete ich, obwohl ich der Direktorin viel lieber gesagt hätte, dass ihr Problem nicht gelöst war, um dann so schnell wie möglich zu verschwinden. Ich war nicht in der Stimmung für Small Talk, sondern musste ein viel dringenderes Gespräch mit meiner Freundin Kayla führen, die draußen in Philips Auto wartete.

»Ihre Hand ist eiskalt«, sagte dieser, als er sie einen Moment zu lang festhielt.

Ich entzog sie ihm so höflich wie möglich. »Ungeheizter Dachboden«, erwiderte ich und fragte mich dann, ob ich ihm von meinem Ausflug überhaupt erzählen sollte.

Philip bedeutete mir, Platz zu nehmen, als sei er der Wortführer und die Direktorin nur eine Nebenfigur. Er setzte sich mir gegenüber, lehnte sich zurück, legte einen Arm auf die Rückenlehne des Sofas und überkreuzte die Fußknöchel. Die Falten in seinen eleganten dunkelgrauen Hosen waren messerscharf. Allein sein Anzug kostete vermutlich mehr, als Lydia in einem Monat verdiente. Sein Hemd war blassblau, die Seidenkrawatte dunkelgrau und saphirblau gestreift. Seine Haut war leicht gebräunt, das schwarze Haar professionell zerzaust. Sein Lächeln wirkte berechnend auf mich, seine dunklen Augen blickten aufmerksam. Ich war sofort auf der Hut. All meine Sinne sagten mir, dass er ein weiteres Problem war, mit dem ich mich nicht auseinandersetzen wollte.

»War Ihr … Ausflug erfolgreich?«, fragte er.

Ich warf der Schulleiterin einen Blick zu. Sie musterte Philip mit einer gewissen Grimmigkeit, die mir sagte, dass sie über seine Anwesenheit auch nicht gerade erfreut war.

»Nicht sehr«, erwiderte ich.

»Ich dachte, Sie könnten es verschwinden lassen?«, fragte Lydia.

»Ich bin ein Medium, kein Exorzist. Ich kann jemandem helfen weiterzuziehen, aber ich kann niemanden zwingen.«

»Das ist schrecklich«, sagte sie.

»Es war tatsächlich viel schlimmer, als wir alle dachten«, gestand ich ein. »Ihre Schülerinnen haben etwas sehr Gefährliches heraufbeschworen. Ich bezweifle, dass er hierher zurückkommt, aber ich schlage vor, dass Sie den Dachboden gut verschließen. Die Geister kann man nicht einsperren, aber die Schülerinnen sollten von dem Raum ferngehalten werden. Und was den Aufenthaltsraum angeht …«

Ihre Finger trommelten nervös auf der Armlehne ihres Stuhls. »Ja, ja, natürlich. Wir hatten nie ein Problem mit den Mädchen – zumindest seit ich hier bin.«

»Sie sind dort oben gestorben«, erklärte ich. »Die meisten Geister bleiben an dem Ort, an dem sie ihre letzten Momente verbracht haben, oder an einem Platz, der eine besondere Bedeutung für sie hat.«

»Sie starben auf dem Dachboden?«, fragte Philip.

Nach meinem Schulverweis hatte ich die Geschichte des Gebäudes recherchiert. »Früher war das hier ein Waisenhaus«, sagte ich, »und wohl kein besonders angenehmes. Man hatte die Zwillinge über Nacht als Strafe auf dem Dachboden eingesperrt, als ein Feuer ausbrach. Das Waisenhaus versuchte es zu vertuschen – man sagte, die Mädchen seien nicht eingeschlossen gewesen, dass sie im Schlaf wegen des Rauchs gestorben seien.«

»Aber das stimmte nicht?«, fragte Lydia, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutete.

»Leider nicht – sie waren eingeschlossen. Man fand ihre Leichen aneinandergekauert an der Tür.«

»O mein Gott«, sagte Lydia.

»Das Waisenhaus schloss nach dem Skandal, und nach der Renovierung wurde das Gebäude zu einer Schule.«

»Miss de Salle, Sie sagten, die Schülerinnen hätten etwas ›beschworen‹ – was war das?« Philip ließ perfekte weiße Zähne aufblitzen, die fatal an Henri erinnerten: zwei Haie, zwei verschiedene Gewässer. Er klang nicht besorgt, nur neugierig.

»Einen Dämon, Mr. Conrad.« Ich wartete auf das Kräuseln der Lippen, das verächtliche Lächeln, doch er überraschte mich.

»Ist das üblich?«, fragte er.

»Nein«, antwortete ich. »Ich habe gehört, dass es vorkommen kann, und ich habe dokumentierte Fälle gelesen, doch mir ist dieses Unglück noch nie widerfahren.«

»Aber Sie machen das beruflich.«

»Das würde ich nicht sagen.«

»Kommen Sie schon, Sie sind ein bekannter Name im« – er machte mit den Fingern Anführungszeichen – »Zirkel.«

»Was für einem ›Zirkel‹?«

»Medien, Hellseher, Experten des Paranormalen – alle kennen Sie.«

Ich lächelte kläglich. »Nun, Mr. Conrad, dann wissen Sie sicher auch, dass die meisten mich leidenschaftlich hassen.«

»Nur die Scharlatane.«

Ich musterte ihn einen Moment lang. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben, etwas über mich herauszufinden. »Das sind die meisten, fürchte ich«, sagte ich. »Wahre Medien sind dünn gesät.«

»Aber es gibt dort draußen welche?«

»Die meisten mit einer echten übersinnlichen Begabung versuchen es zu verstecken. Für manche ist es eher ein Fluch.«

»Aber nicht für Sie?«

»Mr. Conrad, wenn Sie über meinen Ruf hinaus etwas über mich wüssten, dann wäre Ihnen bewusst, dass meine Begabung beinahe mein Leben zerstört hätte. Meine Mutter hat mich verlassen; ich wurde von dieser Schule ausgeschlossen, und seither hat man mich überall schikaniert.«

»Sie haben etwas aus Ihrem Leben gemacht.«

»Ich hatte Hilfe.«

Sein wissendes Lächeln deutete darauf hin, dass er mehr wusste als ich oder dass es etwas war, das er nicht wissen sollte. Aber was es auch war, ich würde es sicher bald herausfinden.