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Außerdem von Hilke Rosenboom im Carlsen Verlag lieferbar:
Das Handbuch für Prinzessinnen
Der Sommer der dunklen Schatten
Ein Pferd namens Milchmann
Melissa und die Meerjungfrau
Ferdi und der geheimnisvolle Reiter
Ferdi und das Pferd aus Gold
Ferdi und Greta halten zusammen
Ferdi und das gerettete Fohlen


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Veröffentlicht im Carlsen Verlag
Dezember 2010
Copyright © 2007 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg
Umschlag- und Innenillustrationen: Dunja Schnabel
Umschlaggestaltung: formlabor
Satz- und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92233-2

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Zur Erinnerung an Hannibal, der ein stiller Held war

Am ersten Tag der Sommerferien war Helmut ganz allein draußen. Er tupfte seinen Ball ein paarmal auf, dass es nur so von den Wänden hallte, padang, padang, padang. Die Sonne brannte, doch die Häuser warfen keinen Schatten. Auf der Straße war es so hell, dass Helmut blinzeln musste. Er konnte fast nichts erkennen, die Luft flirrte. Nur dass die anderen Jungen nicht da waren, das konnte er sehen. Ganz deutlich. Sie hatten sich zu irgendetwas verabredet, irgendwo in der Stadt. Helmut wusste nicht wo und nicht wann. Das lag nur daran, dass er kein Handy hatte. So war es eben. Er rieb sich die Augen.

Am Straßenrand sah er nun die alte Dame aus dem siebten Stock. Frau Pollermann stand neben einem Gebüsch und zog an einer Hundeleine. Sie hat sich also einen Hund zugelegt, dachte Helmut. Das hat sie bestimmt getan, damit sie nicht immer so allein hier draußen herumstehen muss. Helmut hätte auch gern einen Hund gehabt.

Vielleicht so einen wie den von Mahmids Bruder. Das war ein großer, starker Hund, der immer die untere Zahnreihe vor die obere schob, genau wie Mahmids Bruder selbst. Das sah abwägend aus, fand Helmut. Abwägend und cool. Helmut gefiel aber auch der blonde Hund von Igors Familie sehr gut. Der war mager und flott. Igors Familie hatte ihn im Spanienurlaub vor einem wilden Straßenleben gerettet. Nun fühlte er sich in der Wohnung der Familie pudelwohl.

Normalerweise trafen sich die Jungen vor dem Spielplatz. Sie lungerten dort nur herum, sagte Helmuts Mutter immer, und sie wollte nicht, dass Helmut mitlungerte. Aber das konnte Helmut sowieso nicht. Ohne Handy konnte er sich nicht mit den anderen Jungen verabreden und somit auch nicht mit ihnen herumlungern. Er hatte kein Handy, keinen Hund, keine Freunde, und nebenbei bemerkt hatte Helmut auch keinen Vater. Helmut war pummelig, wie seine Mutter immer sagte, und er war allein. Er wunderte sich immer, wie gut es ihm bei allem ging.

Helmut seufzte. Er müsste mal etwas Geld verdienen. Dann könnte er sich ein Handy kaufen und seine schlimmsten Probleme wären gelöst. Aber seine Einnahmequellen waren dünn gesät. Zu dünn! Sein Taschengeld war mager und seine Mutter wollte ihm nicht mehr geben. Das sei zu gefährlich für Helmuts Charakter! Er durfte aber auch keine Werbeprospekte austragen und sich ein paar Cents dazuverdienen. Das sei zu gefährlich für Helmuts Sicherheit! Er durfte nicht einmal Babys hüten. Das sei zu gefährlich für die Sicherheit der Babys! Und Besorgungen für seine Mutter sollte er auch keine machen. Dabei hätte Helmut dafür sowieso kein Geld bekommen, denn Einkaufen wäre selbstverständlich gewesen. Außerdem hatten sie schon alles, und das wenige, das sie nicht hatten, besorgte Helmuts Mutter freitags mit dem Auto. Es war nicht zum Aushalten!

Helmut tupfte seinen Ball noch einmal auf. Padang. Frau Pollermann zog stärker an der Leine, sie stemmte sich richtig dagegen. Was da wohl für ein superstarker Hund dran war, mitten im Gebüsch?, dachte Helmut und trottete ein paar Schritte auf Frau Pollermann zu.

»Müller! Kommen Sie sofort da raus!«, rief Frau Pollermann und zog noch stärker.

Müller! Kommen Sie sofort da raus! Wie das klang. Sie sagte nicht Du, sondern Sie zu einem TIER?! Und überhaupt, was für ein blöder Name für einen Hund, dachte Helmut. Aber dann sah er ihn. Frau Pollermann hatte es nämlich geschafft, diesen Müller aus dem Busch herauszuziehen. Und Helmut musste zugeben: Für SO EINEN konnte ein Name überhaupt nicht blöd genug sein! Zu SO EINEM konnte man wirklich nicht Du sagen!

Helmut kannte keinen anderen Hund, der derartig doof aussah. Dieser hier sah so doof aus, dass es fast schon wieder interessant wirkte. Er war lang und dick und faltig wie eine riesige unförmige Gurke und hatte feiste Stummelbeine. Sein Fell war braun-weiß-schwarz-grau-blond gescheckt und seine langen Schlappohren hingen herab wie die Ohrenschützer einer zerfledderten Pilotenmütze. Der Schwanz sah aus wie ein toter Aal, einfach lächerlich. Das Doofste an dem Hund aber war das Jäckchen, das er trug: Es war dunkelgrün und ärmellos und aus einer Art beschichtetem Stoff, wie eine Regenweste. Und das bei der Hitze! Die Weste wurde am Bauch von einem dicken schwarzen Gürtel gehalten und um den Hals trug der Hund ein breites schwarzes Lederband, an dem seitlich eine kleine schwarze Tasche befestigt war. Das war wohl das Hundehalsband, überlegte Helmut, obwohl es zusammen mit dem Gürtel eher aussah wie ein PISTOLENHALFTER, und zwar wie ein sehr kleines, ein Pistolenhalfter für Babys sozusagen. Die kleine schwarze Tasche schien eine Handytasche zu sein. Eine Handytasche wünschte Helmut sich zwar auch – passend zu dem Handy, das er sich wünschte –, aber dass man mit einer Handytasche derartig blöd aussehen konnte, enttäuschte ihn ein wenig. Was machte der Hund wohl, wenn das Handy klingelte? Stellte er sich dann in einen Hauseingang und klemmte sich das Gerät unters Maul? Oder trug er das Handy nur für Frau Pollermann?

Jetzt drehte der Hund sich plötzlich um und starrte Helmut ins Gesicht. Müller hatte hellblaue Augen und lange weiße Wimpern. Damit sah er ein wenig aus wie ein berühmter Tennisspieler. Helmut glotzte den Hund an. Der Hund glotzte zurück. Dann zwinkerte der Hund Helmut plötzlich zu. Müller kniff einfach kurz ein Auge zusammen – zwitscherzack! –, nur einen winzigen Moment lang, und dann war es schon vorbei. Der Hund pupste leise, setzte sich auf seinen dicken Po und begann vor sich hin zu träumen. Helmut konnte es nicht fassen. Ein Hund, der ihm zuzwinkerte! Helmut war es schon peinlich, wenn seine Oma ihm manchmal zuzwinkerte. Und die pupste noch nicht einmal danach.

Helmuts Kinn fiel herab und die Sonne schien auf seine Zunge. Er musste sich schwer konzentrieren, um überhaupt wieder etwas Spannung in sein Gesicht zu bekommen.

»Ach, da bist du ja, Helmut«, sagte Frau Pollermann. »Ich habe dich gesucht. Deine Mutter sagt nämlich, dass du dir in den Sommerferien vielleicht etwas Geld verdienen willst.«

Helmut konnte den Blick nicht von dem peinlichen Hund wenden. Jetzt roch er den Pups. Irgendwie brenzlig duftete der. Wie einer der Böller, die Helmut zu Silvester nicht alleine abfeuern durfte. Aber – was hatte Frau Pollermann gerade zu ihm gesagt? Geld verdienen! Sehr gut. Was sollte er tun? Keine Arbeit wäre ihm zu schwer! Helmut stellte sich vor, wie er eine vollgepfropfte Einkaufstüte für Frau Pollermann in den Fahrstuhl schleppte. Und wie er zum Kiosk ging und ihr eine Zeitung kaufte. Oder ein Rätselheft. Zum Schluss stellte er sich noch vor, wie er ein Bündel Geldscheine von ihr kassierte. Das alles war so fantastisch, dass die Bilder vor seinen Augen verschwammen.

»Du könntest mir einen großen Gefallen tun und jeden Tag ein paar Stunden mit Müller Gassi gehen«, sagte Frau Pollermann nun. »Der Hund braucht viel Bewegung, das ist er so gewohnt.« Sie seufzte. »Mir wird das Spazierengehen allmählich zu viel. Und außerdem zieht Müller zu stark. Er gehört meinem Sohn. Ich habe nur versprochen ihn eine Zeit lang zu übernehmen. Es war ein Notfall, musst du wissen. Manche Leute können manche Hunde eben nicht überallhin mitnehmen, verstehst du?«

Nichts verstand Helmut.

»Mein Sohn holt ihn bald wieder ab«, fuhr Frau Pollermann fort und schlug sich selbst mit der Hand auf den Mund. »Aber das darf ich eigentlich alles gar nicht verraten!«

Helmut schluckte.

Wo zum Teufel sollte er mit einem dermaßen peinlichen Hund spazieren gehen? Im Kellerabteil unter seinem Mietshaus? Da würden die Spinnen sich aber kringeln vor Lachen! Und was wäre, wenn ihn einer der anderen Jungen mit dem dicken Viech sähe? Helmut überlegte, um wie viel Uhr es abends dunkel wurde. Konnte er seinen Job vielleicht einfach bei Nacht ausüben? Und würde es dafür eine Nachtzulage geben? Helmuts Mutter bekam auch mehr Geld, wenn sie Nachtschicht im Krankenhaus hatte. Aber Helmut hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da wusste er schon, dass sie ihn sowieso nicht im Dunkeln rauslassen würde. Ob es vielleicht möglich war, den Hund irgendwie zu tarnen?

»Viel bezahlen kann ich dir dafür leider nicht«, sagte Frau Pollermann jetzt und lächelte Helmut zu. »Aber ich bin mir sicher, dass du es auch für ein paar Cents machst. Es ist immerhin ein ganz besonderer Hund. Das kann ich verraten!« Sie machte ein geheimnisvolles Gesicht. »Und zu viel Geld in der Tasche ist ohnehin schädlich für den Charakter von Kindern.«

Helmut hatte eigentlich nicht vor, das Geld in der Tasche zu haben. Er wollte es ausgeben. Sofort. Und zwar für ein Handy. Aber um diese Feinheiten ging es hier nicht, das war klar. Und wenn er es sich recht überlegte, konnte er für ein paar Cents sowieso kein gutes Handy bekommen.

Helmut blickte enttäuscht auf das sonnenversengte Gras am Straßenrand.

»Wie wäre es, wenn du Müller morgen früh um halb zehn bei mir abholen würdest?«, fragte Frau Pollermann.

Das war aber keine echte Frage. Das war ein abgekartetes Spiel. Anscheinend hatte Frau Pollermann schon alles mit seiner Mutter besprochen, überlegte Helmut. Sie hatten ALLES verabredet. Sein Weg lag unausweichlich vor ihm. Ein steiniger Weg. Bestimmt war er auch noch steil, das waren solche Wege immer. Helmut sah sich, wie er den steinigen und steilen Weg hochrobbte. Das würde ein furchtbarer Sommer werden. Helmut ahnte nicht, dass dieser Sommer sein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde.