elke reichart

gute-freunde-
boese-freunde

leben im web

mit fotografien von
doris katharina künster

 

 

Originalausgabe

© 2011 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

 

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

eBook ISBN 978 - 3 - 423 - 41143 - 1 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978 - 3 - 423 - 62496 - 1

 

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website
www.dtv.de/​ebooks

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Inhaltsübersicht

Elena Margulis • Posten, Chatten, Taggen und Liken – allein unter Freunden

Johannes Boie • Gute neue Freunde – ein Plädoyer

Dominik Orth • Ohne Freunde – Ein Monat ohne Facebook

Caroline Kikisch • Freundschaft! Freundschaft?

Johannes Boie • Acht Regeln oder Was tun und was nicht-tun im Netz?

Marco Fileccia • Falsche Freunde: »Ich klick dich in die Fresse!« – Mobbing updated

Elke Reichart • Freund = Feind? Böse Erfahrungen

Elke Reichart • Die Bennis: Ein Dreiteiler

Teil Eins: Online-Sucht: Die Freunde warten im Netz

Elke Reichart • Die Bennis: Ein Dreiteiler

Teil Zwei: Die Schwester der Bennis

Patrick Durner • Die Bennis: Ein Dreiteiler

Teil Drei: Der Experte für Computerabhängigkeit

Elke Reichart • Betahaus Berlin – Netzwerke im real life

Elke Reichart • Digital Guide – Lukas Adda führt durchs Internet

Elke Reichart • Die kleine Teehändlerin im großen Netz

Elke Reichart • Freunde in Not – Blogger berichten aus Krisengebieten

Lucas Behrendt • Gedanken über Freundschaft – Facharbeit 2011

Ida Pöttinger / Institut für Medienpädagogik • Wenn ich Lehrer wäre oder Wie ich mir interessanten Unterricht vorstelle

Elke Reichart • Schulfreunde

Viten

Hilfen im Netz – Nützliche Links

|5|Das Bedürfnis, beachtet zu werden, ist nicht ein menschlicher Beweggrund unter anderen – es ist der Wahrheitsgrund aller Bedürfnisse.

T. TODOROV

 

elena margulis

|9|Posten, Chatten, Taggen und Liken – allein unter Freunden

 

So viele kluge Bücher gibt es schon über die heutige, zu kapitalistische, wertelose, nach Geld süchtige, verzweifelte, sich nach Liebe sehnende, oberflächliche wie ehrgeizige, dabei faule, aber immer nach eigenen Vorteilen strebende Gesellschaft. Wie konnte es so weit kommen, dass wir zugleich risikoscheu und risikofreudig sind, aufmerksamkeitsgeil, belesen, aber dumm, schön und gleichzeitig hässlich?

 

Uuuuh … ich weiß es, ich weiß es!

 

Wir sind multiple Persönlichkeiten. Was früher als Krankheit galt, ist heute Lifestyle. Ich versuch es mal, anhand einer kleinen Geschichte zu erklären:

Jana Müller ist ein reizendes, schüchternes Mädchen, ist bei Büropartys nie dabei und fällt auch sonst nie sonderlich auf.

Kerstin Mauer, eine ihrer Arbeitskolleginnen, klickt eines Tages ihr Facebook-Profil. Die beiden befreunden sich, und siehe da: Jana Müller hat 681 Freunde, 200 getaggte Fotos, 50 hochgeladene witzige Youtube Videos und Statusnachrichten wie: »Hat gerade den besten Porno ihres Lebens gesehen!« (34 Kommentare), »Mein Chef ist ein Schwein, aber ich stehe auf Schweine!« (26 Kommentare).

Kerstin Mauer wundert sich, denn schließlich arbeitet sie schon seit fünf Jahren mit Jana zusammen, und so was hat sie von Jana bestimmt nicht erwartet.

|10|Und am nächsten Tag im Büro sieht Kerstin Jana mit ganz anderen Augen. Sie fragt sich: Wer ist diese Jana Müller?

Landesgrenzen, Verhaltensgrenzen, Konsumgrenzen, Altersgrenzen kennen wir alle. Aber nun ist eine neue Grenze entstanden: die Grenze zwischen der Welt, in der wir aufwachen, arbeiten und feiern gehen, und der Welt, die Social Network (SN) genannt wird.

The World of Social Network, wie der Name schon sagt, verbindet und »connected«. Und das ist ja gut, denn alles verbindet sich: EU, der Binnenmarkt, Bologna Protokoll, WTO, unzählige Konzernfusionen und der ganze Kram. Anscheinend ist es das Ziel des 21. Jahrhunderts, sich zu vereinen. Anscheinend können weder die Wirtschaft noch Staaten oder Institutionen für sich und mit sich sein.

Wie soll es dann der Einzelne aushalten können? Fragen wir uns doch mal, ob die unzähligen Profile, die wir auf Social Network Seiten wie Facebook, MySpace, Lokalisten oder Twitter erstellen, wirklich wir sind? Wir »posten« unser ganzes Leben der Öffentlichkeit und bangen um jeden »Comment«, der zu unserem Leben abgegeben wird. Wir »taggen« uns in unseren Bildern, um den Schein zu wahren, wir seien auch im wirklichen Leben aktiv und haben wirklich viele Freunde, mit denen wir wirklich viel unternehmen. Wir »liken« alles Mögliche, von Statusnachrichten, Bildern, Beziehungsstatus bis Aufenthaltsorte, nur um zu zeigen, ich finde dich ein bisschen toll und dein Leben auch. Wir »chatten« mit Leuten, die wir ein einziges Mal im Leben gesehen |11|haben, wenn überhaupt, gratulieren ihnen zum Geburtstag auf der »Wall«, sagen aber, wenn wir ihnen über den Weg laufen, nicht einmal Hallo.

 

Wow … Ist das nicht ein bisschen bizarr? Sind wir wirklich so geil nach Aufmerksamkeit oder verzweifelt oder unbeschäftigt und gelangweilt?

 

Jana Müller würde sich im wirklichen Leben niemals trauen, den Kollegen zu sagen, dass sie auf ihren Chef steht. Im wirklichen Leben zieht sich Jana Müller zurück. Im wirklichen Leben riskiert sie lieber zu wenig als zu viel. Doch die SNs machen sie mutig und stark, und sie wird auf einmal zu einer risikofreudigen, geilen Sau.

Ja, Jana Müller ist eine wirklich Süße. Doch, ups, siehe da – einige getaggte Fotos von ihr sagen was ganz anderes: besoffen auf einer Party. Auf der Couch neben einem sich geil fühlenden Typen mit Zigarette und Doppelkinn im Spongebob Schlafanzug. Abrakadabra – und Jana Müller ist doch nicht so süß wie gedacht.

 

Wir können natürlich stolz sein, dass wir, die User, Leute wie Mark Zuckerberg (Facebook), Ehssan Dariani (StudiVZ) und andere Schöpfer von SNs in Rekordzeit zu Millionären gemacht haben. Aber wir sollten es mit unserem selbstlosen Handeln nicht zu weit treiben, einmal sollte der Zeitpunkt kommen, an dem wir den Finger vom Touchpad nehmen, das Notebook zuklappen und überlegen, wie weit die neue digitale Welt von unserer analogen Besitz ergreifen darf. Denn einiges an dieser neuen Welt finde ich schrecklich!

 

SNs sind geniale Erfindungen. Psychotherapeuten werden wahrscheinlich bald von SNs ersetzt werden, denn sie überwinden |12|die soziale Abschottung und lassen uns Einsamkeit weniger spüren. Der Tag fängt gut an, wenn wir eine süße Nachricht von der richtigen Person erhalten oder eine Freundschaftsanfrage von unserem Flirt von letzter Nacht. Auf Blogs und auf Twitter wird das Leben der Stars und Sternchen unter der Lupe betrachtet, was zum erleichternden Fazit führt, dass sie auch nur Menschen mit Achterbahngefühlen sind, und das freut uns.

Wir wollen nicht die Einzigen sein, die hin und wieder oder häufig leiden. Gossip gibt uns ein gutes Gefühl – eine kostenlose Therapie mit 24-Stunden-Garantie.

 

Alles ist schön und gut, aber fragen wir uns mal, ob der Preis dafür doch nicht ein wenig zu hoch ist? Oder fragen wir uns besser nicht, weil wir Angst vor der Antwort haben?

 

Eine Freundin von mir hat auf Facebook erfahren, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Man könnte denken, dass dieser Mensch un petit peu Anstand besäße, wenigstens eine Nachricht zu schreiben. Nein! Nix da. Er hat einfach seinen Beziehungsstatus geändert und alle gemeinsamen Fotos gelöscht. Und dann Funkstille.

 

Ein Freund von mir hatte über StudiVZ mit einer ehemaligen Arbeitskollegin gechattet. Ok, ich gebe zu, ein wenig zu flirtich, wenn man bedenkt, dass er eine Freundin hatte. Aber trotzdem auf korrekter Basis. Sie haben sich nie privat getroffen und hauptsächlich über alte Zeiten, gegenseitige Anziehungskraft |13|in der Vergangenheit und das übliche geredet. Seine Freundin, nennen wir sie Julia, kennt sein StudiVZ-Passwort. Sie hat die Nachrichten gelesen und schwuppdiwupp – es folgten Heulattacken, Beschimpfungen. Vertrauensbruch, ja sogar Untreue hat sie ihm vorgeworfen. Und dann: »Es ist aus! Ich kann dir einfach nicht mehr glauben!«

What? Also mal ehrlich, wäre es ihr lieber gewesen, wenn er sich mit der Frau auf einen Kaffee face to face getroffen und über Anziehungskraft und das Ganze geredet hätte?

Und hat sie nicht die Vertrauensbasis mit Erdbebenstärke fünf zerstört, indem sie sich aus Langeweile in seinen Account eingeloggt hat?

 

Es ist doch so: Kommunikation, die nicht von Angesicht zu Angesicht oder zumindest über das Telefon erfolgt, ist kodiert. So wie ein Arbeitszeugnis. Man sagt »nett«, meint aber »Arsch…«. Man meint »Ich will dich sehen«, aber verstehen tut der andere »Ich steh auf dich!«.

Es ist echt schwierig, das Gemeinte und das Geschriebene in einem Chatverlauf, einer Statusmeldung oder einem Posting richtig zu deuten. Man sieht, hört und fühlt oft was anderes, als wirklich gemeint ist. Man fängt an, zu viel zu interpretieren. Sagt dein Schwarm: »Süße …!«, dann schwebt man doch auf Wolke sieben.

Aber wie ernst gemeint ist in einer Welt, in der »Hey, Süße« schon die normale Anrede in einer halböffentlichen Smalltalk-Nachricht an der Facebook-Wall geworden ist? Jedes Wort, das wir lesen oder im geschützten Raum unseres eigenen Zimmers in die Tastatur direkt in die SN-Öffentlichkeit hämmern, sollten wir auf die Goldwaage legen. Und Langenscheidt sollte sich mal überlegen, ein Bedeutungswörterbuch »Deutsch – Social Network, Social Network – Deutsch« herauszugeben.

Mimik und Gestik sind die Basis eines Gespräches. Verhaltenspsychologen |14|erkennen aufgrund des Kommunikationsverhaltens sofort die Schwächen und Stärken eines Menschen. Doch wie soll das bei SN funktionieren?! Natürlich gibt es Grundmuster, aber schlussendlich ist doch nicht nur das Wort das aussagekräftigste Statement, sondern auch das, was zwischen den Zeilen steht. Und wie soll man das erkennen?

Gesellschaftliche Regeln sind in unserer Gesellschaft fast ausgestorben. Ethisch verantwortliches Handeln wird seltener. Moral wird zum Fremdwort, und »Geben und Nehmen« wird zu »Nehmen und Nehmen«. Nur eine Regel haben wir beibehalten, aber in einer etwas abgewandelten Form: Teilen. Wir teilen viel – viel zu viel. Wir teilen einfach zu gerne, und vor allem haben wir ein immer stärker wachsendes Bedürfnis, der ganzen Welt mitzuteilen, was früher Teil unserer Privatsphäre gewesen ist.

Wir sind süchtig nach Teilen und danach, Teil des Geteilten zu sein. So sehr, dass es schon beinahe masochistisch ist. Das Teilen geht so weit, dass wir allem, was uns an Gefühlen überwältigt – von großer Freude bis zur tiefen Verzweiflung – auf zwei Ebenen ausgeliefert sind – einmal in der Realität und dann in der virtuellen Realität der Social Networks.

 

Wenn unser(e) Freund(in) uns nach einer langen Beziehung verlässt, dann leiden wir – natürlich. Wir heulen uns bei Mama, Freunden, Arbeitskollegen aus. Schimpfen, ziehen über ihn (sie) her. Wir sind verletzt. Diese extreme Phase dauert vielleicht zwei |15|Wochen. Und dann, als man anfängt, selber daran zu glauben, dass bald alles wieder gut ist, dann schaut man auf Facebook und schwuppdiwupp fällt man wieder zurück auf Los.

Dein(e) Exfreund(in) hat den Beziehungsstatus auf Single geändert. Und dieses Gefühl, dass es auf einmal ganz offiziell ist, dass nun jeder davon weiß, macht dich zu einem(r) zitternden, nach Atem ringenden, heulenden EX. Alles ergibt auf einmal keinen Sinn mehr. Man stellt die ganze Beziehung infrage. Wie, was, warum, wieso quälen dich. »Hat er (sie) mich denn überhaupt geliebt?!«

Plötzlich hat man das absurde Gefühl, dass das Schlussmachen auf Facebook viel intensiver und verletzender ist. Weil es öffentlich ist. Das, was zwischen zwei sich einmal liebenden Menschen passiert, wird kommentiert. Es wird gehätschelt, aufgebaut und aufgebauscht, getuschelt, geflirtet.

Vor allem denkt man vielleicht auch drüber nach, dass jetzt die Bahn für andere Kandidaten(innen) frei ist. Also stalkt man seinen Expartner. Was passiert in seinem (ihrem) Leben? Wer postet, wer schreibt, wer kommentiert? Auf welche Partys geht er (sie)? Wie viel neue Freunde hat er (sie)? Woher kennt er (sie) diese Menschen?

Kopfsausen. Gedankenbrausen. Seelenknast.

 

Versetzen wir uns kurz in die Zeit zurück, als es nur eine Lebensebene gab, die man durchlaufen musste, das normale Aktions-Reaktionsschema: »Kneifen-Spüren-Blauer-Fleck-Schema«.Die Zeit, als es den Zeitkiller SN noch nicht gab, wo Menschen direkt kommunizierten, ohne Mitleser, die über den »Gefällt mir!«-Button auch noch Wertungen abgeben. Wo die schlimmste Methode des Schlussmachens das Telefon war. Wo die Außenwelt die Welt hinter der verschlossenen Tür war, wo Freunde Freunde waren und Liebe Zweisamkeit bedeutete.

War das nicht schön?!

|16|War das nicht schön, Zettelpost im Klassenzimmer zu kriegen mit »HDGDL«?

War das nicht schön, mehr Zeit mit deinen wahren Freunden zu verbringen als im Chat mit Unbekannten?

War das nicht schön, Erinnerungen Erinnerungen sein zu lassen und nicht immer neu zu leiden, weil das Verlorene, Zerbrochene, Verspielte wieder und wieder vor deiner Nase auftaucht?

War das nicht schön, dass manchmal niemand wusste, wo du dich aufhältst oder was du denkst?

 

Als Kind habe ich es geliebt, mich zu verstecken. Einen Ort zu suchen, wo mich für kurze Zeit niemand finden konnte. Dann habe ich mir in mein kleines Fäustchen gelacht und mich gefreut.

Als ich größer wurde, habe ich angefangen, Tagebuch zu schreiben. Das war für mich ein Ort, wo ich keine Angst haben musste, meinen Gedanken, meinem Schmerz und meiner Freude freien Lauf zu lassen. Ich habe mich nicht schämen müssen, dass ich irgendwas Falsches oder Übertriebenes dachte. Als Teenager war Lyrik für mich der kodierte Gefühlsausbruch für alles. Ich habe Worten Stimme gegeben. Es klang schön. Und diese Schönheit hat andere zum Nachdenken angeregt. Aber niemand wusste, was sich wirklich hinter diesen Worten verbarg. Meine Geheimnisse. Meine Gedichte.

Und heute? Man lüftet wie selbstverständlich seine intimsten Gedanken. Ich kenne fast niemanden mehr, der seinen eigenen geheimen Ort hat. Es ist alles überschaubar geworden. Aber nicht einfacher. Jeder weiß über jeden Bescheid: »Du bist doch |17|der, der mit einem Freund von einem Freund von mir im Urlaub war.« – »Deine Eltern haben sich doch scheiden lassen?!« – »Du machst doch gerade Praktikum bei BMW!« – »Du studierst doch in Berlin!?«

Kenn ich dich? Woher weißt du das?

Wie weit geht die Information über unsere vier Wände hinaus. Wie »connected« sind wir wirklich? Nur weil ich mit dir auf einer der Plattformen befreundet bin, heißt das, dass du dann all diese Informationen besitzt und kommentieren darfst? Information ist Macht, Macht über mich. Und du weißt zu viel 

 

Es bleiben letzte Fragen: Sind SNs ein Übel? Oder ist die Veränderung in unserem Leben durch SN zu groß und zu neu, als dass wir damit korrekt umgehen könnten? Schaden wir uns selbst? Immer wieder? Sind wir einfach noch nicht bereit für diesen Fortschritt?

Ich glaube, dass wir uns Hals über Kopf in ein neues Land gestürzt haben, für das es noch keinen Reiseführer gibt. Und jetzt stecken wir mittendrin und müssen uns schneller anpassen, als uns recht sein kann. Wir sind einerseits erschreckt, wie sehr diese neue Welt unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst, und andererseits dankbar. Dankbar für die Möglichkeit der globalen Kommunikation und für die Flatrate.

Wir begreifen langsam, was und wie wichtig Privatsphäre ist. Jetzt müssen wir nur noch lernen, sie richtig zu schützen.

johannes boie

|19|Gute neue Freunde – ein Plädoyer

 

»Wer jedermanns Freund sein will, ist der meine nicht.« – Molière, Der Menschenfeind.

 

Und, wie viele Freunde haben Sie so? Also, während ich dies schreibe, habe ich 316 Freunde. Neulich waren es noch 300, aber ich habe innerhalb einer Woche 16 neue Freunde gewonnen. Wenn das so weitergeht, habe ich allen Grund zur Beunruhigung. Denn in ungefähr fünf Jahren werde ich, wenn das bei diesem Tempo bleibt, keine neuen Freunde mehr bekommen können. Dann ist das Maß voll, ich werde 5.000 Freunde haben. Und dann ist Schluss, und zwar endgültig. Sagt wer?

 

Sagen die Programmierer von Facebook, dem beliebtesten sozialen Netzwerk im Internet, einer Webseite, auf der nach Angaben des Unternehmens über 700 Millionen Menschen sich selber auf einer Profilseite präsentieren und mit anderen Menschen interagieren. Diese Menschen heißen »Freunde«, und jedes Facebook-Mitglied kann bis zu 5.000 davon haben. Das klingt seltsam, sehr sogar. Einerseits, weil man nicht weiß, was die dümmere Vorstellung ist: Dass ein Mensch 5.000 (oder auch nur 300) andere Personen als »Freunde« bezeichnen können sollte. Oder dass Software eine Beschränkung auferlegt, wann es genug ist, mit den Freunden.

Vor allem die zuerst genannte Tatsache hat vermutlich zahlreiche Feuilletonisten dazu bewegt, ihren Sekretärinnen bei einer |20|gemütlichen Pfeife eine kurze Abhandlung (200 Seiten) zur Entwertung des Begriffes »Freund« in die Schreibmaschine zu diktieren, jedenfalls konnte man in den vergangenen Monaten ähnliches immer wieder lesen.

Das ist natürlich Blödsinn.

 

Der exzessive Übergebrauch eines Wortes entwertet das Wort nicht, er verändert es höchstens. Auch dies scheint, soweit man dazu bislang urteilen kann, nicht zu geschehen. Ganz im Gegenteil: Viele Facebooknutzer sprechen, in den USA wie in Deutschland, von »Facebook-Friends« beziehungsweise von »Facebook-Freunden«. Sie machen den Unterschied zwischen realer Freundschaft und virtueller Verbundenheit deutlich. Und sie wünschen ihn sich. Kaum ein Facebook-Nutzer wird tatsächlich glauben, 1.000 Freunde zu haben. Die Kritiker haben die Masse (mal wieder) unterschätzt. Digitale Beziehungen sind eine Bereicherung zu bestehenden Freundschaften. Und sicher werden bestehende Freundschaften durch die digitalen Möglichkeiten verändert. Was sicher nicht stattfindet, ist dagegen ein grundsätzlicher Verlust an Tiefe und Bedeutung in und von Freundschaften.

 

Dennoch stellt sich abseits der Debatte um Begrifflichkeiten die Frage, wie das Internet unsere sozialen Bindungen verändert hat. Nicht umsonst spricht man in Bezug auf die interaktiven Netzwerkstrukturen, |21|die sich mit Seiten wie Facebook in den letzten Jahren im virtuellen Raum etabliert haben, auch vom »Sozialen Netz«.

Die vielleicht offensichtlichste Veränderung ist, dass Kontakte, die eigentlich per se endlich sind, viel länger halten als früher. Urlaubsbekanntschaften etwa, oder Freunde, die Jugendliche beim Schulaustausch kennenlernen. Dabei spielt die zwanglose Atmosphäre auf den Netzwerkseiten eine grundlegende Rolle. Aktive Zuwendung zu einer bestimmten Person wird nicht unbedingt verlangt, um den Kontakt am Leben zu halten. Vielmehr ist es durch das ständige Updaten des eigenen Profils möglich, andere Menschen auf dem Laufenden über das eigene Leben zu halten, ohne sie – wie etwa das Senden einer E-Mail es tun würde – zur Reaktion zu zwingen. Eine Netzwerkfreundschaft muss nicht viel mehr bedeuten als eine ständige Erreichbarkeit für Menschen, die man einmal im Leben als »Freund« (im digitalen Sinn) definiert hat. Durch die freiwillige, aber andauernde Teilnahme am Leben des anderen, bleibt man nicht nur ein Teil dessen sozialen Umfelds, sondern auch in seiner virtuellen Umgebung verankert. Ein Austauschfreund aus den USA auch nach dem Austausch noch als Facebookfreund zu haben, bedeutet nämlich auch, dass man an der nordamerikanischen Kultur, an der Sprache, am Leben dort viel mehr Teil hat, als das noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen wäre. Wer aus der Generation der heute 50-Jährigen hat noch Kontakt zu Schulfreunden?

Das ist bereits heute, sofern sie sich nicht bewusst dagegen entschieden haben, für die Generation der 25-Jährigen anders. Ihre Schulfreunde sind wesentlich schwerer abzuschütteln. Im Facebook-Sinn sind sie in den allermeisten Fällen wirklich »Freunde fürs Leben.«

 

Weniger offensichtlich, aber im Leben des Einzelnen ein noch prägenderer Effekt ist die Verschmelzung von Lebenswelten, die durch soziale Netzwerke forciert wird. Während wir im realen Leben unsere verschiedenen Identitäten zum Beispiel als Arbeitnehmer, Sportler, Partygänger, Familienvater, Chef und Fußballfan – falls notwendig – sorgfältig trennen können, verschmelzen all diese Aspekte unserer Persönlichkeit in einem sozialen Netzwerk. Nur mit hohem technischem Aufwand und sehr viel Arbeit können Arbeitskollegen dauerhaft davon abgehalten werden, die Kommentare der Sportsfreunde zu sehen, oder die Bilder von der letzten Party, die ein Dritter ins Netz gestellt hat. Dadurch ändern sich auch unsere Bindungen zu anderen Menschen, zuallererst jene zu Menschen, die wir auch im realen Leben als »unsere Freunde« bezeichnen würden. Ihnen wird Toleranz und Verständnis abverlangt, sie müssen sich als |23|wahre Freunde beweisen. Wenig praktikabel erscheint in diesem Zusammenhang der von Google Chef Eric Schmidt vorgebrachte Vorschlag, Jugendlichen mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter die Möglichkeit zu geben, ihren Namen zu ändern, um die digitalen Peinlichkeiten aus der Zeit ihrer Jugend verwischen zu können. Nein, das ist keine Lösung – Facebook-Freunde, überhaupt Weggefährten, die einen digital im Leben begleiten, müssen stattdessen damit klarkommen, dass ihr neuer Freund eine digitale und reale Vergangenheit haben könnte, die ihnen nicht gefällt.

 

Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen der virtuellen Welt und der realen immer mehr. (Allein die Begrifflichkeit »real« ist bereits fraglich – denn genau genommen ist das Virtuelle ja auch real.) Nachdem immer mehr Menschen immer öfter online sind, besteht Kommunikation zwischen Freunden immer öfter dauerhaft. In der Generation der 15- bis 25-Jährigen ist es durchaus normal, (kostenlose) Telefonsoftware wie das Programm Skype über Stunden als Standleitung zu einem Freund zu nutzen. Dabei muss nicht unbedingt die ganze Zeit gesprochen werden – es reicht, den Freund über dessen Webcam auf dem Bildschirm zu haben und seiner Stimme und seinen Aktivitäten jederzeit über die Computerlautsprecher lauschen zu können. Diese Möglichkeit, über eine digitale Leitung Stunden miteinander zu verbringen, festigt und hält Freundschaften auf dauerhafte Weise über Distanzen, die noch vor wenigen Jahren notdürftig mit rauschenden Leitungen und zu horrenden Kosten überbrückt werden mussten. Gleichzeitig entwickeln sich enge Freundschaften in einem digitalen Umfeld zu einer dauerhaften Begleitung. Auf Mobiltelefonen mit Internetzugang sind die Freunde quasi in der Hosentasche des Telefonbesitzers dabei. Die bloße Möglichkeit eines Anrufs genügt den Netzjunkies nachwachsender Generationen längst nicht mehr: |24|Das, was passiert (ist), zu erzählen ist schließlich umständlich, subjektiv massiv verzerrt (was das kleinste Problem darstellt), auf wenige Personen beschränkt und zudem auch noch zeitlich verzögert. Wie viel mehr sagt ein Foto der eigenen Person mit einem zufällig getroffenen Hollywoodstar, nur Sekunden nach der Begegnung für alle Freunde im Netz verfügbar, als ein Anruf zwei Stunden später? Wie viel einfacher lässt sich ein Unfall in Videoform beschreiben als in einem Gespräch? Die Multimedialität der Eingabe- und Aufnahmegeräte und die dauerhafte Anbindung ans Netz bedeuten eine größtmögliche Reduktion von zeitlicher Verzerrung und stellen gleichzeitig sicher, dass das Medium dem Ereignis angemessen ist. Sind beide Faktoren erfüllt, erfährt ein Erlebnis im Freundeskreis größte Aufmerksamkeit. Das Miterleben bringt Freunde näher zusammen, auch über große Distanzen.

 

Gleichzeitig entsteht aus dem Wunsch, beiden Faktoren möglichst perfekt gerecht zu werden, eine Konkurrenzsituation. Insbesondere in Freundeskreisen mit jungem Altersdurchschnitt, in denen das digitale Leben weniger ein Spiegel des realen ist, sondern in eine kunstvolle Inszenierung der eigenen Person umschlägt, kann diese Konkurrenz auch Freundschaften zerstören. Eine übermäßige Nutzung der digitalen Kommunikationskanäle und aufkommende Konkurrenz kann bis zum Ende von Freundschaften führen. Das ist dann jedoch weniger ein internetspezifisches Problem als ein individuelles der jeweiligen Beziehung – auch offline beenden Konkurrenz, Neid und Eifersucht viele Freundschaften. Das Internet fördert diese Probleme nicht. Es bietet nur in manchen Fällen einen weiteren Anlass für sie, eine Freundschaft zu zerstören.

 

Ein Nebeneffekt der gesamten Entwicklung ist, dass Freundschaften mehr und mehr auf Technik angewiesen sind, um zu |25|bestehen. Während kurzfristige technische Unerreichbarkeit aufgrund von defekten Leitungen oder Zentralcomputern eher ein nerviges, aber temporäres und damit vernachlässigbares Problem ist, kann dauerhaftes Offline-Sein sehr wohl Freundschaften beenden, Wachstum von Beziehungen in Intensität und Dauer verhindern und gleichzeitig den Zugriff auf soziale Ressourcen schmälern. Dem Netzwerk selber schaden Abstinenzler dagegen nicht – jeder Teilnehmer ist ersetzbar. Es leidet, wenn auch unbewusst oder gar aus Überzeugung, nur derjenige, der sich von der sozialen Interaktion fernhält. Demjenigen entgehen Vorteile, die sich teilweise in Geld, fast immer aber in sozialem Mehrwert bemessen lassen.

Denn digital organisierte Freundeskreise sind erstaunlich effizient, wenn es um Hilfe für Einzelne geht. Man kann diesen Effekt am besten mit ein paar Fragen an sich selber testen: Würde man lieber zu einem Arzt gehen, den ein Freund oder der Freund eines Freundes empfohlen hat – oder zu einem, den man aus den Gelben Seiten herausgesucht hat? Vertraut man bei der Wohnungssuche in einer fremden Stadt eher den Empfehlungen von Freunden von Freunden, die schon lange in der Stadt |26|wohnen, oder einem Makler? Dass die meisten Menschen sich für die Freundesvariante entscheiden, liegt an einem sozialen Filtermechanismus. Obwohl der Makler die Stadt ebenso gut kennt, obwohl die Gelben Seiten nur praktizierende Ärzte auflisten, ist das Vertrauen in den Freundeskreis höher, schließlich teilt man mit Freunden oft Meinungen, kann sie gut einschätzen und weiß, dass sie am Wohlergehen des anderen interessiert sind. (Anders als zum Beispiel der Makler.) Die Ressource Freunde von Freunden ist online per Mausklick herzustellen und wächst mit jedem gewonnenen Facebook-Freund um ein Vielfaches an. Wer ein paar hundert Facebook-Freunde hat, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit im Freundeskreis der direkten Freunde Kontakte auf mehrere Kontinente und in viele hundert Städte, aber auch in die verschiedensten Branchen und sozialen Milieus. Gleichzeitig garantiert die Verbindung über eine in der Regel persönlich bekannte Person, dass zumindest eine grundsätzliche Übereinstimmung in Meinung und Weltanschauung wahrscheinlich ist.

Für bestehende Freundschaften sind soziale Netzwerke also eine Bereicherung. Für neue Freundschaften ein Faktor, der zu einer schnelleren Vertiefung und erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine dauerhafte Beziehung führt. Was aber ist mit Freundschaften, die ausschließlich online bestehen? Online zustande kommen, und ausschließlich online existieren? Freundschaften von Menschen, die sich nicht kennen: Sie treffen sich eher in |27|digitalen Clans und Gilden, also Spielergruppen in Online-Spielen. Und in den allerhäufigsten Fällen teilen sie nicht viel mehr als die Vorliebe für ein bestimmtes Computerspiel. Dementsprechend sind diese Freundschaften erfahrungsgemäß instabiler als die Kontakte in sozialen Netzwerken. Wer sich im realen Leben nicht oder niemals trifft und sich nicht auch über ein soziales Netzwerk befreundet, wird über kurz oder lang auch im digitalen Leben den Kontakt zueinander verlieren. Spätestens dann, wenn sich die gemeinsame Zeit beim Computerspielen dem Ende zuneigt, weil einer das Interesse am Spiel verliert.

Wohin das alles in Zukunft führt, lässt sich heute nicht sagen. Die Verschmelzung von virtueller und realer Welt ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen sein wird. Im Moment ist Facebook unter den sozialen Netzwerken der Marktführer, und auch wenn problematische Privatsphären-Einstellungen und datenschutzrechtliche Bedenken Facebook zu Recht bisweilen ins Zwielicht rücken, gibt es zu einer Registrierung auf dem Portal für die wenigsten Menschen derzeit eine echte Alternative. Wer einmal dabei ist, wird seine eigene Antwort auf die Frage finden, wie soziale Netzwerke Freundschaften verändern und das eigene Leben beeinflussen. Sie wird so individuell ausfallen wie die eigene Nutzung der Webseite. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aber wird die Bewertung positiv ausfallen. Die neue Welt digitaler Freundschaft ist eine wundervolle Bereicherung.