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Inhaltsverzeichnis
 
Titel
Impressum
Vorwort
Einleitung
 
Warum eine frühe Förderung gesellschaftlichen Engagements notwendig ist
Annäherungen an den Begriff »gesellschaftliches Engagement«
Die Bedeutung gesellschaftlichen Engagements für die Bildungsförderung
Zum Zusammenhang von Demokratie und Kindertageseinrichtungen
Zum Zusammenhang von Zivilgesellschaft und gesellschaftlichem Engagement
Warum gesellschaftliches Engagement Mitentscheiden und Mithandeln beinhaltet
Potenziale frühen gesellschaftlichen Engagements
 
Wie gesellschaftliches Engagement in Kindertageseinrichtungen ermöglicht werden kann
Den Alltag als (mit-)gestaltbar erfahren
Themen, zu denen sich Kinder engagieren können
Punktuelles und geregeltes Engagement
Was Kinder für ihr Engagement brauchen und wie pädagogische Fachkräfte ...
Zum gesellschaftlichen Engagement Erwachsener in Kindertageseinrichtungen
 
Das Fortbildungskonzept »Mitentscheiden und Mithandeln«
Didaktische Grundannahmen
Aufbau der Fortbildung
Einführung in das Thema »Gesellschaftliches Engagement in Kindertageseinrichtungen«
Sammlung einrichtungsspezifischer Engagementthemen
Entscheidung für das Thema des Praxisprojekts
Planung des Praxisprojekts
Methodische Übungen zur Beteiligung von Kindern
 
Gesellschaftliches Engagementeine Chance für alle
Die Fachkräfte arbeiten jetzt mehr mit den, weniger für die Kinder
Gesellschaftliches Engagement fördert komplexe Bildungsprozesse
Demokratisches gesellschaftliches Engagement beinhaltet Möglichkeiten zum ...
Die Förderung gesellschaftlichen Engagements in der Kindertageseinrichtung kann ...
 
Literatur
Die Autorinnen und Autoren

Vorwort
Engagierte Bürgerinnen und Bürger tragen durch gemeinnützige Tätigkeiten dazu bei, dass unsere Gesellschaft nicht nur bunt und vielfältig ist, sondern auch Gemeinschaft kulturübergreifend gelebt wird. Zahlreiche Angebote entstehen, weil Menschen für sich und andere Verantwortung im sozialen Bereich, in der Bildung, im Sport, in Gesundheitsprogrammen und in der Kunst und Kultur übernehmen. Gesellschaftliches Engagement schafft Entwicklungschancen für den Einzelnen und die Gesellschaft und dient als Impulsgeber für Zukunftsfragen in Politik und Verwaltung.
Engagement findet bereits im frühen Kindes- und Jugendalter statt. Viele Kinder und Jugendliche sind hoch motiviert, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass sich mehr als ein Drittel der Jugendlichen freiwillig engagiert. Sie profitieren in besonderer Weise, wenn sie sich in Vereinen, Verbänden, Initiativen oder zeitlich befristeten Projekten mit Verantwortung einsetzen, ausprobieren und mitmachen. Sie lernen in der Gemeinschaft, entfalten ihre Persönlichkeit durch neue Erfahrungen in der Arbeit und im Umgang mit Menschen und Themen, entwickeln soziale Kompetenzen und gewinnen Freunde.
Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die sich für gemeinnützige Ziele einsetzen, ist mit 35 Prozent bemerkenswert hoch. Allerdings gelingt es uns noch nicht, junge Menschen zu erreichen, die sozial benachteiligt sind. Bildungsferne, Kinder mit Migrationshintergrund, nur mit einem Elternteil oder in wirtschaftlich angespannten Familienverhältnissen lebend, haben oft nicht den Zugang zu den vielfältigen Angeboten des Engagements und den damit verbundenen Erfahrungen und Entfaltungsmöglichkeiten.
Damit Heranwachsende unabhängig von ihrer Herkunft die »nützliche Erfahrung, nützlich zu sein« (Hartmut von Hentig) machen können, müssen sich Kindertagesstätten und Schulen zu lebendigen Orten der Engagementförderung entwickeln. Denn hier werden alle Kinder und Jugendlichen erreicht.
Die Bertelsmann Stiftung hat deshalb das Projekt »jungbewegt - Dein Einsatz zählt.« initiiert. Es zielt drauf ab, junge Menschen früh an gesellschaftliche Verantwortungsübernahme und Partizipation heranzuführen. In Kooperation mit den Ländern Berlin, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt erarbeiten und erproben wir Konzepte für Kindertageseinrichtungen, Schulen und die außerschulische Jugendarbeit sowie für die Verankerung dieser Angebote in Kommunen.
Mit der vorliegenden Publikation stellen wir Ihnen unser Vorgehen im Bereich der Elementarbildung vor. Das Konzept wurde mit ausgewählten Einrichtungen getestet und auf die Anforderungen des Kita-Alltags ausgerichtet. Die entwickelten Vorschläge werden von der Überzeugung getragen, dass sich in jeder Kindertageseinrichtung die »Gesellschaft im Kleinen« abbildet und der Alltag dort für die Kinder zahlreiche Chancen für ein Engagement, ein persönliches Mitentscheiden und Mithandeln bietet. Das Spektrum der Anwendungsfälle ist breit und reicht von der Stärkung partizipativer Mitsprachemöglichkeiten durch die Initiierung von Kinderparlamenten über vereinsverwandte Strukturen wie der Kita-Karnevalsgruppe zu sozial ausgerichteten Aktivitäten wie dem Kindersanitäter.
Die vorliegende Publikation bietet neben der theoretischen Einführung in das Thema praktische Beispiele, die exemplarisch zeigen, wie es zu einer Umstellung der pädagogischen Praxis und zu einem neuen Selbstverständnis in der Interaktion von Erzieherinnen und Erziehern mit den Kindern kommen kann. Es wird nicht länger für Kinder entschieden und gehandelt, sondern mit ihnen.
Unser Dank gilt allen, die an der Entwicklung und Überprüfung der Konzeption »Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita« mitgewirkt haben.
An erster Stelle möchten wir Prof. Dr. Raingard Knauer (Fachhochschule Kiel), Professor Dr. Benedikt Sturzenhecker (Universität Hamburg) und Rüdiger Hansen (Institut für Bildung und Partizipation e.V., Kiel) danken, bei denen die wissenschaftliche Federführung für dieses Teilprojekt der Initiative »jungbewegt - Dein Einsatz zählt.« lag. Weiter danken wir der Evangelischen Kindertagesstätte Hasseldieksdamm (Kiel), dem Tausendfüßler Kinder- und Familiengarten Kaltenkirchen e.V. (Kaltenkirchen) sowie der AWO Kindertagesstätte Lotte Lemke (Halstenbek) für ihren Einsatz während der Pilotphase. Sehr hilfreich war ferner die Unterstützung durch Beate Müller-Czerwonka, Sabine Redecker, Michael Regner sowie Franziska Schubert-Suffrian, die ihre Sichtweise als Fachberater eingebracht haben.
Wir hoffen, Ihnen damit Impulse für die frühe Förderung des gesellschaftlichen Engagements von Kindern zu geben und möchten Sie ermutigen, sich neu auf den spannenden Prozess der Partizipation und Verantwortungsteilung mit Kindern einzulassen - es ist eine Bereicherung.
 
Brigitte Mohn
Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung
 
Sigrid Meinhold-Henschel
Senior Project Manager
Leitung des Projektes »jungbewegt – Dein Einsatz zählt.«

Einleitung
In der blauen Gruppe ist es für die Kinder selbstverständlich mitzuhelfen. Wenn der Frühstückswagen von der Erzieherin in den Gruppenraum geschoben wird, finden sich sofort einige Jungen und Mädchen, die von sich aus anfangen, die Tische zu decken.
 
Ole und Laura sind in dieser Woche Besuchsbegrüßer in der Kita. Sie zeigen Gästen die Einrichtung und beantworten ihre Fragen.
 
Yvonne und Kerem sind »Werkstattmeister«. Stolz zeigen sie ihren Werkstattpass. Sie haben bewiesen, dass sie wissen, worauf man in der Werkstatt achten muss, und dürfen mit »Gesellen« (Kinder, die auch Werkstattmeister werden wollen) allein die Werkstatt nutzen.
 
Im Flur der Kindertageseinrichtung hängt ein großes Foto der Delegierten des Kinderparlaments. Diese von allen Kindern gewählten Vertreterinnen und Vertreter diskutieren jeden Freitag zusammen mit den Vertreterinnen der Fachkräfte wichtige Belange der Einrichtung. Die hier getroffenen Entscheidungen sind für alle bindend.
 
Paula ist seit einiger Zeit in einer Kinderballettgruppe im örtlichen Sportverein. Das finden ihre Freundinnen spannend und bitten sie immer wieder, ihnen Tanzschritte zu zeigen. »Wir wollen eine Ballettgruppe«, lautet die Forderung der Mädchen. Die pädagogischen Fachkräfte nehmen dieses Interesse auf und geben ihm einen Rahmen. Die Ballettmädchen (und ein Junge) dürfen jeden Montag in der Turnhalle Ballett üben. Eine Mutter hat eine Studentin als Honorarkraft vermittelt, die mit den Kindern tanzt.
 
Torge erzählt in der Gruppe, dass seine Oma im Altenheim in der Nähe der Kita lebt. Sie hat, wie er sagt, die »Vergesskrankheit«. Aber sie spielt gern mit ihm »Mensch ärgere dich nicht«. »Kann ich nicht mal mitkommen?«, fragt Mara. »Ich kann auch gut >Mensch ärgere dich nicht< spielen.« Aus diesem Gespräch entsteht ein Projekt, in dem einige Kinder einmal pro Woche ins Altenheim gehen und gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern spielen.
Dass Kinder sich an den Aufgaben im Alltag beteiligen wollen, wissen Eltern und Fachkräfte. »Hilf mir, es selbst zu tun«, war schon für Maria Montessori ein wichtiger pädagogischer Leitsatz. Etwas allein tun zu dürfen und zu können, ist für Kinder ein Motor ihrer Bildungsprozesse. Und immer geschieht dies auch in der Gemeinschaft, in der Kinder ihren Alltag verbringen - zunächst in der Familie, dann in der Kindertageseinrichtung, später in der Schule. Kinder erleben in diesen Gemeinschaften, wie sie organisiert sind, wer welche Verantwortung trägt und tragen darf und wie Entscheidungen gefällt werden.
Pädagogische Einrichtungen in einer Demokratie stehen vor der Herausforderung, sich selbst demokratisch zu gestalten - und damit gesellschaftliches Engagement zuzulassen und zu fördern. Somit stehen auch Kindertageseinrichtungen vor der Entscheidung, ob sie Kindern ein Recht auf demokratisches Engagement als das Recht, mitzuentscheiden und mitzuhandeln, zugestehen. Das Konzept »Mitentscheiden und Mithandeln« beschreibt, wie gesellschaftliches Engagement von Jungen und Mädchen schon in Kitas angeregt, ermöglicht und unterstützt werden kann.
Will man heute Kindertageseinrichtungen den konzeptionellen Vorschlag machen, gesellschaftliches Engagement von Kindern zu fördern, stellt sich gleichzeitig die Sorge ein, ihnen damit schon wieder eine neue Aufgabe zu geben. Kitas erleben seit einigen Jahren eine starke Zunahme der gesellschaftlichen und fachlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden (vgl. Bundesjugendkuratorium 2008:13). Sie sollen sich als Bildungseinrichtungen qualifizieren und spezifische Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen fördern (Sprachkompetenzen, naturwissenschaftliche Bildung und vieles mehr). Sie sollen diese dokumentieren und evaluieren und sich auf die Integration von Krippenkindern einstellen. Sie sollen die Übergänge in die Grundschule optimieren und demokratische Partizipation mit Kindern entwickeln. Sie sollen Kinderschutz und Prävention leisten und für interkulturelle Integration sorgen. Sie sollen Defizite familiärer Erziehung kompensieren, eigenständige Bildungsangebote an Mütter und Väter konzipieren, Generationen verbinden und sich zum Stadtteil öffnen. Und jetzt sollen sie auch noch gesellschaftliches Engagement fördern?!
Angesichts dieser Be- und manchmal Überlastung - vor allem im Hinblick auf die Rahmenbedingungen, unter denen viele Einrichtungen arbeiten müssen - stellt sich die Frage, ob man Kindertageseinrichtungen überhaupt noch mit weiteren Aufgaben konfrontieren kann und darf.
Dass wir dies mit dem vorliegenden Konzept wagen, basiert auf der Überzeugung, dass die Förderung gesellschaftlichen Engagements in Kindertageseinrichtungen direkt zusammenhängt mit ihren zentralen Aufgaben und vor allem Bildungsprozesse der Kinder anregt und fördert. Kitas haben die Aufgabe, jedes Kind individuell in seinen Bildungsprozessen zu unterstützen. Bildung und Erziehung gehören seit Pestalozzi und Montessori zum konzeptionellen und theoretischen Grundbestand frühkindlicher Pädagogik. Gesellschaftliches Engagement in der Einrichtung zu fördern, ist ein chancenreicher Weg, Bildung und insbesondere Demokratiebildung zu ermöglichen.
Das Anliegen mag allerdings zunächst erstaunen. Engagement in und für die Gesellschaft und kleine Kinder - das scheint nicht zusammenzupassen. Ähnlich erstaunt reagierten viele Fachkräfte und Eltern vor rund zehn Jahren, als wir begannen, mit dem Konzept »Die Kinderstube der Demokratie« die Partizipationsmöglichkeiten von Kindern in Tageseinrichtungen zu erweitern. Und tatsächlich gibt es bezüglich der Förderung von Partizipation und gesellschaftlichem Engagement zahlreiche Parallelen und Überschneidungen - nicht nur, weil beide Konzepte entscheidende Schlüssel zu Bildung und Demokratie darstellen. Engagementförderung nach dem Konzept »Mitentscheiden und Mithandeln« ist ohne Partizipation gar nicht vorstellbar.
Wie der Titel des Konzepts »Mitentscheiden und Mithandeln« zum Ausdruck bringt, zielt die Förderung gesellschaftlichen Engagements aber nicht nur auf das Recht der Kinder, über Angelegenheiten mitzuentscheiden, die sie und die Gemeinschaft betreffen, sondern darüber hinaus auf das Recht, die gemeinsam getroffenen Entscheidungen aktiv umzusetzen. Das Konzept legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Themen des Alltags - also auf all die Themen, die die Erwachsenen in und um die Einrichtung meistens selbstverständlich im Hintergrund regeln, damit ein zufriedenstellender gemeinsamer Alltag überhaupt stattfinden kann.
Im Folgenden werden zunächst die theoretischen Grundlagen für die Förderung gesellschaftlichen Engagements nach dem Konzept »Mitentscheiden und Mithandeln« dargestellt. Das zweite Kapitel klärt, wie dieses Engagement in Kindertageseinrichtungen angeregt und gefördert werden kann. Das dritte Kapitel beschreibt die Konzeptionierung von Fortbildungen, die Fachkräfteteams in den Einrichtungen dabei unterstützen sollen, mehr Engagement der Kinder anzuregen und zuzulassen. Im vierten Kapitel werden die Chancen der Engagementförderung für Kinder, Eltern und Kindertageseinrichtungen anhand von Beispielen aus der Erprobung des Konzepts in Schleswig-Holstein zusammengefasst.

Warum eine frühe Förderung gesellschaftlichen Engagements notwendig ist
Gesellschaftliches Engagement bietet viele Potenziale - für das Subjekt, für die Gesellschaft und für die Demokratie. Dieses erste Kapitel beinhaltet eine theoretische Annäherung an den Begriff, beschreibt die Bedeutung von Engagement für Bildungsförderung, begründet die Notwendigkeit, Kindertageseinrichtungen als demokratische Orte zu gestalten, arbeitet Zusammenhänge zwischen Engagement und Zivilgesellschaft sowie Potenziale von Engagementförderung heraus und gibt erste Hinweise auf eine solche Förderung in Kindertageseinrichtungen.

Annäherungen an den Begriff »gesellschaftliches Engagement«

Um den breiten Begriff des gesellschaftlichen Engagements konkreter fassen zu können, soll hier zunächst geklärt werden, was damit überhaupt gemeint ist. Anders als das traditionelle Ehrenamt verweist »gesellschaftliches Engagement« oder »bürgerschaftliches Engagement« auf die aktive Mitgestaltung der Gesellschaft und die Vielfalt der Engagementformen. Die folgende Definition orientiert sich an der Begriffsbestimmung der Enquete-Kommission zur Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements (vgl. Deutscher Bundestag 2002: 38f.) und an der Definition, die dem Projekt »jungbewegt - Dein Einsatz zählt.« der Bertelsmann Stiftung zugrunde liegt (vgl. Meinhold-Henschel 2010: 51).
Gesellschaftliches Engagement
- ist freiwillig
- ist gemeinwohlorientiert
- verfolgt einen Eigensinn und dient auch der Realisierung eigener Interessen
- findet im öffentlichen Raum statt
- ist nicht auf materiellen Gewinn gerichtet
- wird in der Regel gemeinschaftlich ausgeübt
- greift gesellschaftliche Anliegen auf und macht sich zu deren Anwalt
- umfasst demokratisches Mitentscheiden und Mithandeln
Im Folgenden werden die Elemente dieser Definition genauer ausgeführt und auf Kinder und Kindertageseinrichtungen bezogen: Gesellschaftliches Engagement von Kindern...

... ist freiwillig

Gesellschaftliches Engagement kann nicht verordnet werden
Engagement für sich und andere kann Kindern nicht verordnet werden. Freiwillig bedeutet, dass man selbst entscheiden kann, ob, wofür und wie man sich engagieren will. Ohne Freiwilligkeit würde Engagement zum Zwangsdienst. Das Engagementinteresse der Kinder ist breit. Es reicht vom Mithandeln-Wollen bei einfachen Verrichtungen im Alltag (»Tisch decken«) bis zum Engagement für spezifische Interessen (»Delfine retten«).
Kinder fragen häufig den ganzen Tag: »Kann ich mitmachen?« oder »Kann ich helfen?«. Was für Erwachsene oft eher mühsam ist (den Tisch decken, die Geschirrspülmaschine ausräumen, die Einladungen für das Sommerfest zur Post bringen), empfinden Kinder als eine hochinteressante Tätigkeit. Hier mithandeln zu dürfen, heißt für sie, wichtig zu sein. Aber wenn diese Tätigkeit zur Pflicht wird, verlieren sie schnell das Interesse.

... ist gemeinwohlorientiert

Etwas für sich tun und etwas für andere tun, hängt zusammen
Gesellschaftliches Engagement hat immer einen Bezug zur Gemeinschaft - von einer aufeinander bezogenen Gruppe bis zur kommunalen Gemeinde -, in der es stattfindet. Sich für das Gemeinwohl zu engagieren, bedeutet, über die eigenen Interessen hinaus Mitverantwortung für das Wohl aller zu übernehmen - auch wenn dies zu ausgewählten Themen geschieht. Gesellschaftliches Engagement ist nicht egoistische Durchsetzung von eigenen (oder gruppenspezifischen) Interessen, sondern beruht auf einem Bewusstsein darüber, dass man in einer »Gesellschaft« lebt, in der Interessen und Bedürfnisse so ausgeglichen werden müssen, dass ein Nutzen für alle entsteht. Damit ist jedoch kein reiner »Altruismus« gemeint, also ein Handeln, das eigene Interessen zugunsten anderer (völlig) zurückstellt, sondern im gesellschaftlichen Engagement haben auch Eigeninteressen ihren Platz. Denn: »Wer sich selbst nicht wichtig ist, kann auch nicht für andere sorgen, für andere Verantwortung übernehmen« (Deutscher Bundestag 2002: 39).
Gesellschaftliches Engagement ist also ein Handeln, das mitverantwortlich auf das Wohl anderer und aller zielt, aber dabei ebenfalls Motive und Interessen des Individuums erfüllt. Wer etwas für andere und mit anderen tut, hat auch selbst etwas davon. Kinder handeln schon von sich aus so: Sie helfen anderen, machen Verbesserungsvorschläge, setzen sich für Gerechtigkeit ein, entfalten persönliche Interessen, von denen auch andere Kinder profitieren. Sie entwickeln ein Verständnis für die soziale Gemeinschaft ihrer Gruppe und der Kindertageseinrichtung. Sie tun etwas für diese Gemeinschaft und stellen damit die Frage, was denn für alle gut ist.
Was gut für das Gemeinwohl ist, liegt jedoch nicht von vornherein fest. Was jeweils das Gemeinwohl ist und welches Engagement ihm wie nutzt, wird in pluralistisch-demokratischen Gesellschaften permanent in gesellschaftlichem Agieren, öffentlichem Streiten und Diskutieren ausgehandelt.
Dieser Prozess spielt sich auch in Kindertageseinrichtungen ab. Gesellschaftliches Engagement beinhaltet hier ebenfalls ein ständiges Aushandeln darüber, was die Einzelnen brauchen und wollen und wie man zu Lösungen kommt, die für alle annehmbar sind.
Das Außengelände soll neu gestaltet werden. In die Planung sollen im Rahmen einer Zukunftsvverkstatt auch die Kinder einbezogen werden. Dass es unterschiedliche Interessen gibt, wird schon in der Kritikphase deutlich. Die Kinder »diktieren« den Erwachsenen, was sie am bestehenden Außengelände gut bzw. schlecht finden. Als die auf Karten gesammelten Ideen im Gruppenraum an Pinnwänden aufgehängt werden, wird den Kindern deutlich: Verschiedene Kinder bewerten die bestehenden Spieimöglichkeiten unterschiedlich. Was die einen gut finden, finden andere schlecht. So erkennen die Kinder, dass es verschiedene gleichberechtigte Interessen gibt. Im weiteren Verlauf der Zukunftswerkstatt erleben sie auch, wie man trotzdem zu Lösungen kommt, die alle akzeptieren können.

... verfolgt einen Eigensinn und dient der Realisierung eigener Interessen

Gesellschaftliches Engagement beinhaltet immer eigene Interessen und die eigene Art, sich zu engagieren
Dass sich Menschen für ihre Gemeinschaft engagieren, hat ganz unterschiedliche Motive. Die Meinung, als gesellschaftliches Engagement könne nur selbstloses Helfen (Altruismus) verstanden werden, gilt als überholt. Man geht heute davon aus, dass gesellschaftlichem Engagement auch eigennützige Motive zugrunde liegen. Häufig verbinden Engagierte beide Ideen: Sie wollen mit ihrem Handeln etwas für sich und gleichzeitig etwas für andere tun. Die Förderung gesellschaftlichen Engagements erkennt das Eigeninteresse als berechtigt und hilfreich auch für das Gemeinwohl an.
Damit hat gesellschaftliches Engagement immer auch einen Eigensinn - sowohl hinsichtlich dessen, warum sich Menschen engagieren, als auch in Bezug auf die Art und Weise, wie sie dies tun. Auch Kinder engagieren sich aus ihren Interessen heraus und auf ihre eigene Art und Weise. Dabei ändern sich die Motive sowie die Art und Weise des Engagements mit den Kindern (mit jedem neuen Kind kommen neue Interessen hinzu) und auch für die Kinder (was für jedes einzelne Kind interessant ist, verändert sich ebenfalls).
Aline und Janine interessieren sich seit einiger Zeit sehr für Pferde. Sie beschweren sich, dass es nicht genug Bilderbücher zu diesem Thema in der Kita gibt. Jetzt gehen sie einmal pro Woche mit der Erzieherin in die öffentliche Bücherei und leihen dort Bücher über Pferde aus, die ihnen und vielen anderen Mädchen gefallen. Aber einige Kinder beschweren sich: Sie wollen nicht immer nur Pferdebücher anschauen. Gemeinsam wird überlegt, wie man die unterschiedlichen Interessen berücksichtigen kann. Die Kinder kommen auf die Idee, die Bibliotheksgruppe zu erweitern. Aline und Janine bleiben die Pferdespezialistinnen, andere Kinder setzen andere Schwerpunkte. Aber auch das Interesse von Aline und Janine kann sich wieder ändern - und damit verändern sich auch die Inhalte ihres Engagements.

... findet im öffentlichen Raum statt

Handeln in einem öffentlichen Raum