image

ANNETTE KAISER

Der Weg hat keinen Namen

Leben und Vision
einer Sufi-Lehrerin

image

Herausgegeben von Anna Platsch

logo

Inhalt

Vorwort

Prolog

Die Suche

Die Arena

Die Farbe der Sufis

Der Pfad I

Der Pfad II

Der Liebesbund

Die Lehrerin – der Lehrer

Lebendige Tradition

Die Gruppe

Ich-Auflösung und Erscheinungswelt

Essenz

Nachfolge

Nachgefragt

Normaler Mensch

Es gibt nichts als das Nichts.

Bhai Sahib

Vorwort

Im Sommer des Jahres 2000 zogen sich Annette Kaiser und ich auf eine griechische Insel zurück, um in Ruhe die Gespräche für dieses Buch führen zu können. Wir wohnten in einer Bucht mit dem Namen »Fröhlicher Osten«. Es war genau die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident – abends sahen wir auf die Lichter der Küste Kleinasiens, ein Landstrich voll menschheitsgeschichtlicher Erinnerungen, nicht nur für die Sufis. Beide hatten wir auf dieser Insel ein tiefes Gefühl von einem alten Zuhause.

Unser Anliegen war es, jenen Pfad, den uns Irina Tweedie vermittelt hatte, in seiner Universalität, seinem lebendigen Aufbrechen in die Notwendigkeiten und Entwicklungen der Gegenwart zu zeigen. Den offenen, weiten Geist, der ihn durchweht, spürbar werden zu lassen.

Frau Tweedie war eine gebildete Frau – 1907 in Russland geboren –, die nach den Wirren von Flucht und Kriegen in England lebte, verheiratet war und für die Theosophische Gesellschaft in London arbeitete. Einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes reiste sie nach Indien und traf dort, im Alter von 54 Jahren, ihren späteren Lehrer. Bewusst gesucht hatte sie ihn nicht.

Über fünf Jahre unterzog sie sich seiner harten und genauen Schulung auf dem Pfad einer indischen Sufi-Linie.

1967 ging sie, nachdem ihr Lehrer gestorben war und sie viele Monate in den Bergen des Himalaja verbracht hatte, zurück nach London und begann in einem kleinen Zimmer über einer lauten Straßenkreuzung eine Meditationsgruppe mit einigen wenigen Leuten.

Im Auftrag ihres Lehrers hatte sie über ihre Schulung ein genaues Tagebuch geführt, das 1979 zuerst in einer gekürzten Fassung und dann vollständig 1986 in Englisch, 1988 dann auch in Deutsch und vielen anderen Sprachen erschien.* Rasch vergrößerte sich ihre Gruppe. Sie begann zu reisen, innerhalb Europas, in die USA, hielt Vorträge und Seminare. Aber immer wieder sagte sie, wir werden nie viele sein.

Ihre Arbeit veränderte sich, und ihre Schulung begann sich von der ihres Lehrers zu unterscheiden, nicht in der Essenz, aber in der Gestaltung – sie hatte den Pfad wirklich in den Westen transponiert und für uns zugänglich gemacht. Sie starb am 23. August 1999.

Annette Kaiser ist einer der beiden Menschen, die von Frau Tweedie beauftragt wurden, den Pfad weiterzugeben. Sie lebt in der Schweiz und hält Seminare und Vorträge in Deutschland und der Schweiz.

Erst als wir nach unseren Gesprächen von der Insel Samos zurückkehrten, haben wir erfahren, wie sehr diese Insel einst ihren Platz hatte in einer mystischen Kultur an den Quellen unserer Zivilisation, einer Kultur, in der die spirituellen Traditionen des Ostens und Westens nicht getrennt waren, in der es auch in unserem Kulturraum bereits das tiefe Wissen gab, nach dem sich so viele Menschen heute sehnen.

Wir staunten.

Chiemgau, im Februar 2001

Anna Platsch

Prolog

Frau Tweedie hat uns immer wenig von ihrer persönlichen Geschichte erzählt. Mal da eine kleine Anekdote, mal dort eine Begebenheit aus ihrer Kindheit oder den Jahren in Wien. Sie meinte, ihre Vergangenheit wäre nicht wichtig. Das Wichtigste stünde in ihrem Buch. Du, Annette, bist jetzt bereit, von deiner Geschichte zu erzählen. Was bringt dich dazu, diesen Schritt zu tun?

Ich erzähle sie einfach, weil dies hilfreich sein könnte für andere Menschen. Es ist wie ein exemplarischer Rückblick in die Geschichte eines Menschen, um den roten Faden zu erkennen, der die Suche bedeutet. Jeder oder jede andere, der oder die zurückschaut, kann im Nachhinein etwas Ähnliches finden, wie sich seine oder ihre Suche schon früher im Leben ausgedrückt hat.

Ich selbst identifiziere mich nicht mehr damit. Es gibt eine Ebene in mir, wo ich spüre, dass das alles nichts mit mir als Person zu tun hat. Wir Sufis sagen ja, es gibt einen bestimmten Zeitpunkt, an dem wir die persönliche Geschichte ablegen. Das ist nicht etwas, was von außen geschieht. Sie fällt ab, weil es in letzter Instanz nichts anderes gibt als DAS. Keine persönliche Geschichte. Sie ist Erscheinungswelt. Sie ist relativ wahr. Sie ist die Welle an der Oberfläche des Meeres. Und das ist alles nur SEIN Spiegel, ein Spiel der Erscheinungswelt.

Es ist wichtig, dass das ausgesprochen ist. Man lässt die Dinge hinter sich zurück. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur das Jetzt. Und das ist präsent in meinem Innersten.

Die Suche

Annette, wie bist du Frau Tweedie das erste Mal begegnet?

Ich ging damals öfter in eine Buchhandlung in Bern, um an den Bücherregalen vorbeizuschlendern und intuitiv nach dem einen oder anderen Buch zu greifen. Und ich sah Wie Phönix aus der Asche, nahm es in die Hand, schaute kurz hinein, sah das Bild von Frau Tweedie und sagte: »Das muss ich lesen.«

Ich habe es gelesen, ich denke fast in einem Atemzug und ich wusste nur: »Genau so. Das ist es, was ich immer gesucht habe. Diese Radikalität, dieser Pfad, der zu den Wurzeln der Wurzeln geht, das möchte ich. Das habe ich schon immer gesucht.« Und somit brannte der Gedanke in meinem Herzen, so schnell wie möglich mit Frau Tweedie in Kontakt zu kommen. Ich wusste zunächst nicht, ob sie noch lebt oder nicht. Ich nahm dann über den Verlag Kontakt zu ihr auf.

Zu diesem Zeitpunkt war ich mit einer Gruppe von Menschen zusammen, die spirituell interessiert waren und den International Transpersonal Congress vorbereiteten, der 1983 in Davos stattfand. In diese Arbeitsgruppe brachte ich Frau Tweedies Buch mit. »Diese Frau müssen wir einladen. Sie ist eine große Inspiration, eine große Lehrerin.«

Und so wurde sie eingeladen. Und so fand auch meine erste Begegnung mit ihr statt. Ich hatte damals zwei kleine Kinder, und obwohl ich am Rande mithalf, diesen Kongress zu organisieren, war es mir nicht möglich, längere Zeit von der Familie weg zu sein. Ich hatte lediglich einen Tag. Ich fuhr von Bern nach Davos, wirklich nur, um Frau Tweedie zu begegnen. Ich bekam einen Termin bei ihr am Nachmittag und war sehr aufgeregt. Ich klopfte an die Tür ihres Hotelzimmers. Sie öffnete mir, und ab da weiß ich nichts mehr. Ich weiß nicht, was in diesem Raum geschah. Black-out ist vielleicht falsch gesagt – jedenfalls, ich kann nicht sagen, was geschah.

Das war meine erste Begegnung mit ihr.

Gegen Abend fand dann ein Treffen mit dem Dalai Lama statt, der auch an dem Kongress teilnahm. Es waren nur wenige Menschen zu diesem Empfang eingeladen. Darunter auch Frau Tweedie. Dort habe ich sie das erste Mal überhaupt bewusst wahrgenommen: die ältere Dame, ihre blauen Augen, ihre tiefen blauen Augen. Mehr kann ich eigentlich gar nicht darüber sagen.

Du warst damals berufstätig und hast Familie gehabt. Wie war denn deine Situation?

Ja, ich war damals ziemlich eingebunden. Meine Tochter war anderthalb, mein Sohn war dreieinhalb Jahre alt. Ich war verheiratet, und wir waren beide berufstätig. Weil ich unbedingt Mutter sein wollte für die beiden Kinder, blieb ich halbtags zu Hause. Damals arbeitete ich in einem recht anspruchsvollen Job in einer Leitungsfunktion. Ich war bei Swissaid, einer privaten Hilfsorganisation, zuständig für Frauenfragen in der Entwicklungszusammenarbeit. Daneben lernte ich T’ai Ji. Damals meditierte ich auch schon regelmäßig, das heißt jeden Tag ein bis zwei Mal. Eher schlecht als recht versorgte ich den Gemüsegarten vor dem Haus. Mein Mann war da besser als ich. Ich war für das Kochen zuständig und hatte den Anspruch, Kopf und Bauch zusammen zu bringen. Also ein recht intensiver Alltag. Das war meine damalige Situation. Dazu kam dann noch nach dem Kongress von Davos eine weitere Aufgabe. Ich wurde von der TAIS – der Transpersonal Association Switzerland –, die diesen Kongress organisiert hatte, gefragt, ob ich ihre Präsidentschaft übernehmen würde, was ich gerne tat. So hatte ich also noch eine weitere Aufgabe.

Du hast erzählt, dass du zu diesem Zeitpunkt schon regelmäßig meditiertest. Das heißt ja, dass du schon bewusst auf der spirituellen Suche warst, bevor du Frau Tweedie begegnet bist. Kannst du erzählen, wie das in deinem Leben für dich angefangen hat?

Die Suche in all ihren Facetten hat sicherlich schon früh begonnen. Ich bin in einer ganz durchschnittlichen mittelständischen Familie aufgewachsen. Ich hatte Eltern, die geschäftlich sehr engagiert waren, und eine ältere Schwester, anderthalb Jahre älter als ich, die ich über alles liebte. Ich bin aufgewachsen mit Kindermädchen, die uns einfach beistanden. Und ich denke, so bis vierzehn Jahre lebte ich in einer Art Blase, wie eingehüllt. Ich war eigentlich mit der Welt kaum konfrontiert. Ich lebte ziemlich in mir. Das änderte sich allerdings radikal mit vierzehn Jahren, als ich nach Paris kam, um als Au-pair-Mädchen in einem Kloster zu arbeiten. Meine Schwester hatte nach Paris gewollt, um die Sprache zu lernen, und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ohne sie zu leben. Also sagte ich, ich möchte auch nach Paris.

Obwohl du mit der Schule noch nicht fertig warst?

Obwohl ich mit der Schule noch nicht fertig war. Ich war damals in der achten Klasse. Das Kloster lag mitten in Paris und gehörte einem Missions-Orden, St. Josef de Cluny hieß er. Wir waren sieben Mädchen aus der Schweiz, die dort arbeiteten. Ich hatte Putzarbeit zu machen und die schweren Kasserollen am Abend zu schrubben. Dort ging ich dann öfter in die Kirche, öfter und öfter. Nicht, dass wir gezwungen worden wären. Ich war zu Hause katholisch aufgewachsen. Nicht streng. Ich ging zwar jeden Sonntag in die Kirche, aber das war nicht dogmatisch. Wir waren relativ frei.

Und hier, ich weiß es noch ganz genau, sangen die Novizinnen an einem Sonntag in der Messe. Dieser Gesang hat mein Herz dermaßen berührt, dass ich das heute die tauba nenne. Das war SEIN Ruf, der mir bewusst wurde. Es war herzzerreißend für mich. Dieser Gesang hat mich zutiefst erschüttert. Von da an ging ich jeden Morgen in die Kirche und wollte Nonne werden. Das war ungefähr anderthalb Monate, nachdem ich in Paris angekommen war.

Meine Eltern hatten eigentlich vorgesehen, dass ich ihr Geschäft übernehmen sollte. So habe ich ihnen dann relativ schnell, nach zwei, drei Monaten, geschrieben, dass ich ins Kloster will.

Tauba

Die Sufis unterscheiden zwischen Stationen, die der Wanderer oder die Wanderin durchläuft und den Zuständen, die man dabei erlebt. Heute werden die Stationen im Äußeren nicht mehr besonders hervorgehoben. Aber natürlich durchläuft man sie. Tauba ist die erste Station auf dem Pfad, sie ist der Beginn. Ursprünglich bedeutet das Wort Reue. Es ist dieser eine Moment, in dem sich die Seele wendet, in dem man innen diesen einen Ruf vernimmt, der nach Haus führt. Auslöser können eine Begegnung sein, ein Satz in einem Buch, ein Blatt, das vom Baum fällt, der Augenblick eines bestimmten Lichteinfalls – tauba ist bei jedem Menschen einzigartig.

Weitere Stationen sind zum Beispiel tawakkul, das vollkommene Gottvertrauen, die Hingabe. Sie spielt eine große Rolle auf dem Pfad. Eng mit dem Prozess der Hingabe ist fana – das Entwerden in Gott – verbunden.

Die einzelnen Stationen sind in der klassischen Sufi-Literatur fast immer auch noch in einzelne Stufen unterteilt, so gibt es die Stufen der Geduld (sabr), die Stufen der Dankbarkeit (shukr) und die Stufen der Zufriedenheit (rida).

Wie haben deine Eltern reagiert?

Da sie selbst katholisch waren, konnten sie gar nicht viel dagegen sagen. Wahrscheinlich dachten sie, das ist so eine Macke, die bald wieder vergeht. Sie haben nicht viel gesagt. Sie haben es nicht verboten. Meine Eltern zeigten wirklich Größe. Sie haben das einfach erst mal stehen lassen.

Ich selbst war sehr schüchtern und hatte zu jener Zeit schon gelernt, mich ganz genau zu beobachten: Welcher Gedanke war bei Gott und welcher Gedanke war nicht bei Gott.

Es ist recht früh, zu diesem Zeitpunkt schon diese Fragestellung zur Verfügung zu haben. Ist sie aus dir selbst gekommen oder aus dem klösterlichen Kontext?

Sie war einfach da. Es ist nicht so, dass mir das die Nonnen gesagt hätten. Es war für mich eine sehr ernsthafte Angelegenheit.

Ich habe mich dann auch – auf Französisch – mit den Heiligen beschäftigt. Vor allem mit Therese von Lisieux, die mir sehr zusagte. Ihre Gedichte haben mich zutiefst bewegt. An ihr Gedicht »Les pétales des fleurs« kann ich mich heute noch erinnern. Wie sie eine innigste Verbindung mit Jesus einging und sich das in ihren Gedichten widerspiegelte.

Die blattlose Rose ist einfach nur da,
um davongetragen zu werden.
Eine blattlose Rose gibt sich selbst
unberührt.
Um nicht mehr zu sein.
Wie sie überlasse ich mich dir mit Freude,
liebster Jesus.*

Therese von Lisieux

Für mich war sie ein Lichtpunkt. Ich orientierte mich an ihr und verband mich innerlich mit ihr. Sie war ja auch ganz jung. Ich erlebte eine innere Resonanz. Und sie hat mich einfach sehr berührt. Bis heute schwingt sie mit, und ich habe vor einem Jahr einen Artikel gelesen, in dem das Leben von Therese von Lisieux und das von Al Hallaj gegenübergestellt und ihre Gemeinsamkeiten herausgearbeitet wurden. Das hat mich sehr gefreut, weil ich Therese von Lisieux als Mystikerin empfand, ohne zu wissen, dass es Mystiker oder Mystikerinnen gab. Ich fühlte mich ihr verbunden.

Ich begann mich mit vielen christlichen, heiligen Frauen zu beschäftigen und habe mich selbst dabei intensivst erforscht, viel gebetet, Rosenkränze, ich weiß nicht wie viele am Tag. Es war unglaublich. Daneben geputzt, geputzt, geputzt. Durch meine Arbeit im dortigen Altersheim wurde ich in dieser Zeit auch das erste Mal mit dem Tod konfrontiert.

Habt ihr dort im Kloster über dein inneres Erleben gesprochen?

Überhaupt nicht.

Also warst du im Grunde ganz allein?

Ja, sehr allein, obwohl die Nonnen da waren. Aber interessanterweise sprach man in diesem Kloster nicht über die innere Welt, wir Mädchen untereinander auch wenig.

Was vielleicht auch wie ein Schatten über dieser Zeit lag, das war die scharfe Trennung der Welten – hier die heile, innere Welt des Klosters und dort die böse Welt draußen. Wir machten ja auch manchmal Ausflüge, auf den Eiffelturm oder in einen Park. Und da draußen kristallisierte sich mehr und mehr die böse Welt heraus.

In den Augen der Nonnen?

In den Augen der Nonnen und wie darüber gesprochen wurde. Es gab so eine Art Polarisierung, mit der ich später schwer zu kämpfen hatte, um beide Seiten wieder zusammenzubringen. Da war das Innenleben, da war diese innere Verbindung zu Gott, das war das Hauptsächliche und da draußen war diese bedrohliche Welt. Die Welt der Versuchung, wie sie in einem christlichen Kontext oft verstanden wird. Mehr und mehr hat sich das herausgebildet.

Nach einem Jahr bin ich ganz kurz zurückgegangen zu meinen Schulgefährtinnen, und danach fuhr ich für ein Jahr nach England. Weit weg nach Essex in ein ehemaliges Grafschaftsgut mit alten Leuten und vier Nonnen. Ich war zu jung, um ins Kloster einzutreten. Ich musste warten, bis ich 16 Jahre alt war. Nach dem einen Jahr in Paris war ich immer noch zu jung, um einzutreten. So wurde mir vom Kloster aus diese andere Nonnen-gemeinschaft in England empfohlen, damit ich noch ein Jahr Englisch lernen konnte, aber im monastischen Kontext blieb.

Wir waren vier Schweizer Mädchen; wir waren wie eingeschlossen, da das Gut abseits, fern von jeglicher Zivilisation lag. Wir arbeiteten wie die Tiere und wurden ziemlich ausgenutzt. Ich konnte kein Englisch und wurde sehr bald neben dem Putzen beauftragt, die kranken Leute zu betreuen. Ich hatte keine Ahnung, wie man das macht. Ich sah das erste Mal einen nackten Mann und bekam richtig einen Schock. Ich war drei Frauen zugeteilt, die nicht mehr bei Sinnen waren. Und das mit fünfzehn Jahren, ohne Anleitung.

Ich versuchte zu beten. Es war eine Zeit des Ringens. Ich hatte wirklich das Gefühl, Gott habe mich verlassen. Ich betete und betete und versuchte, irgendwie in eine Verbindung zu kommen. Das war sehr, sehr schwer. Dabei habe ich auch kein Englisch gelernt.

Nach einem halben Jahr habe ich die Koffer gepackt und den Nonnen gesagt, ich ginge in die Ferien. Ich wusste, ich würde nicht zurückkehren.

Zuerst suchte ich eine englische Familie auf, die meine Eltern kannten. Dort konnte ich vorübergehend bleiben. Sie haben mir eine neue Stelle gesucht, das war dann Putzen in einer Boarding School. Dort lernte ich aber Englisch.

Hast du denn nicht nach Hause geschrieben? Ich bin überrascht, wie viele dieser ganzen Schritte du alleine bewältigt hast, ohne deine Eltern.

Ich wollte das meinen Eltern nicht sagen. Ich dachte, ich muss das selber durchstehen. Meine Mutter hat aber schon was gemerkt. Sie war sehr besorgt und ist dann gekommen, um mich zu dieser englischen Familie zu bringen.

Dort ist dann etwas sehr Entscheidendes geschehen. Diese Familie hatte drei Kinder – einen Sohn und zwei Mädchen. Und der Sohn hat mir gefallen. Nur mit den Augen, versteht sich. Das war’s.

In jenem Jahr an Pfingsten übte ich Harmonium in einer kleinen Kapelle, die es dort gab. Und plötzlich kam mir der Gedanke, dass ich keine Berufung haben könnte, wenn ich einen solchen Blick auf diesen jungen Mann warf. Denn in mir schlossen sich ja damals spiritueller Weg und weltliches Leben gegenseitig aus.

Ich habe dann meinen Eltern geschrieben, dass ich nicht ins Kloster gehen würde, sondern nach Hause kommen und das Geschäft übernehmen würde. Ich wüsste nichts anderes, bräuchte auch noch ein bisschen Schule und würde gerne eine Handelsschule besuchen. Meine Eltern haben zugestimmt. An der Boarding School, wo ich danach arbeitete, hatte ich am Nachmittag zwei Stunden Schulunterricht und den Rest der Zeit putzte ich. Ich war zufrieden, dass ich Englisch lernte, aber es war eine ungeheure Herausforderung für mich.

Ich putzte den gleichaltrigen Mädchen die Schlafsäle und Toiletten. Ich wischte ihre Treppen. Sie liefen vorbei. Mein Vater hatte eigentlich genug Geld, mich auch in so eine Schule zu schicken, aber vielleicht dachte er, dass eine harte Schulung den Menschen formt. Ich musste wirklich schlucken, dass ich diese Arbeit zu machen hatte. Das war eine harte Lehre, eine Art Lebensschulung.

Am Ende des Jahres ging ich zurück zu meinen Eltern und machte die Handelsschule.

Zwar merkte ich auch auf dieser Schule, dass ich eine Außenseiterin war, aber ich hatte dann schnell eine Freundin, die mich sozusagen in die Welt einführte. Gleichzeitig nahm ich wieder Kontakt zu meiner früheren Klavierlehrerin auf. Ich hatte, seit ich sieben Jahre alt war, Klavierstunden. In diesen zwei Jahren, die ich unterwegs gewesen war, war mit dieser Klavierlehrerin etwas geschehen. Sie war »gläubig« geworden. Guten Glaubens nahm ich die Klavierstunden wieder auf, die sich dann langsam als Bibelstunden entpuppten. Sie zeigte mir systematisch auf, dass die katholische Kirche eigentlich nicht der Bibel entsprechend die Dinge lehrt und lebt. Und an vielen Stellen musste ich sagen, dass sie Recht hatte. Wir hatten also regelmäßig Bibelunterricht anstelle der Klavierstunden. Ich lernte die Bibel wirklich in- und auswendig kennen und löste mich vom Katholizismus.

In dieser Zeit entdeckte ich auch, dass ich in meinem Leben noch viel mehr Möglichkeiten hätte, als die Geschäfte meiner Eltern zu übernehmen. Das war für meine Eltern eine ganz, ganz große Enttäuschung, und es kam zu einer tiefen Entfremdung zwischen uns. Sie haben mir gesagt, sie würden diese Schule noch zahlen und dann müsste ich selber für mich sorgen. Sie erlaubten mir auch nicht, von zu Hause wegzugehen, bevor ich zwanzig war. Rechtlich gesehen war man erst dann volljährig. Ich musste also zu Hause wohnen und das war eine schwierige Zeit für mich, weil ich immer in Spannung lebte.

Ich habe dann die Handelsschule mit dem besten Abschluss verlassen, aber was die Arbeit betraf, hatte ich Null Selbstvertrauen. Ich wurde Sekretärin in einer Bank. Innerlich war ich immer noch sehr mit meiner Suche beschäftigt, also was Gott ist, was der Mensch ist, was die Beziehung von Mensch zu Gott ist.

Neben meiner Arbeit in der Bank begann ich, das Abitur an der Abendschule nachzumachen. Es war die Zeit der ersten Wohngemeinschaften, der Achtundsechziger-Bewegung; ich fand diese Menschen faszinierend, weil sie intelligent, offen und schnell waren. Ich erlebte mich selbst allerdings ganz anders, wie das sicher viele Menschen von diesem Alter her kennen. Oft hatte ich das Gefühl, ich kann nicht mehr, ich schaffe das nicht. Ich war so tief verzweifelt, dass ich nicht mehr wusste, wie ich weiterleben sollte. Da hat mir dann mein Vater einmal sehr geholfen. Ich habe ihm das erzählt, und er zeigte Verständnis dafür.

Also, so viel Vertrauen war da, dass du ihm das erzählt hast?

Ich besaß immer eine innere Verbindung zu meinen Eltern. Ich hatte eine große Liebe für meine Mutter, spürte auch ihre Liebe. Zu meinem Vater, würde ich sagen, war sie ganz leise. Da war eine innere Ebene, auf der wir uns verstanden. Äußerlich gab es aber den Bruch. Mein Vater hatte allerdings die Größe, meinen freien Willen zu respektieren. Er respektierte auch meine Entscheidung, dass ich nicht in seine Fußstapfen trat. Rückblickend bin ich natürlich äußerst dankbar für das, was meine Eltern mir ermöglicht haben. In der Situation damals habe ich das nicht immer so erlebt. Heute empfinde ich Respekt für meine Eltern, bin dankbar für das Leben, das sie mir geschenkt haben. Ich habe auch sehr viel von ihnen gelernt.

Du hast vorhin ein tiefes Gefühl angesprochen, das vermutlich viele auf diesem Weg kennen. Dieses Gefühl von Nichtzugehörigkeit und Außenseiterdasein, als sei man von einer anderen Welt. Wenn du jetzt zurückschaust, ist das eigentlich ein Zustand, der schon eine Station unseres mystischen Pfades ist.