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Erste Fragen

Wer sind Sie?

Ich heiße Evie Steppman.


Wo sind Sie geboren?

Kinderkrankenhaus Lagos.


Wann?

2. August 1946.


Unter besonderen Umständen?

Ich kam zu spät.


Wie viel zu spät?

Zwei Monate.


Fahren Sie fort.

Ich war noch nicht so weit, um nach der zugewiesenen Zeit herauszukommen. Glücklich in der Gebärmutter, frei von weltlichen Belangen und Männerregeln, verspürte ich nicht den Drang, den nächsten Schritt zu machen. Ich hatte die Erlaubnis – ja, das Vorrecht – des Fetus herumzutollen. Zitterte ich, folgte darauf »Spürst du, wie er tritt, Schatz?« oder »Der ist aber kräftig« . Hände, Ohren und Lippen legten sich an den Bauch meiner Mutter. »Das ist ja die reinste Fabrik dadrin« , scherzte mein Vater, »ich höre scheppernde Maschinen, Babybauarbeiten.« Ich erfreute mich an meiner Formlosigkeit. Halb Fisch, halb Mädchen – eine Meerjungfrau –, rollte ich herum wie von der Schwerkraft befreit. Ich schwelgte in der Verwirrung. Eine zulässige Unordnung.


[Pause.]


Wie hat Ihre verspätete Ankunft Ihr Leben beeinflusst?

Sie tötete meine Mutter.


Ja?

Mein Vater verlor dadurch den Glauben an den Fortschritt.


Ja?

Sie verlieh mir mein Hörvermögen.


Wie das?

Abends, wenn seine täglichen Pflichten als Bezirksbeamter erledigt waren, kauerte mein Vater sich vor meine Mutter und plapperte mit ihrem angeschwollenen Bauch. Ungelenk auf der Veranda mit dem Hartholzboden kniend, die Hände an dem Liegestuhl, auf dem Mutter lag, las er mir Dickens und Darwin vor, Oscar Wildes Märchen, Conrads Taifun und Die Schatzinsel. Er rezitierte Housman und das Vaterunser. Ich lernte, woher der Elefant seinen Rüssel hat, die Prinzipien des Indirect rule. Wir drangen mit al-Idrisi in ferne Länder vor, in denen phantastische Rassen lebten. Wir begleiteten Mungo Park nach Norden Richtung Timbuktu und weilten mit Sir Frederick Lugard in Lokaja. Er hielt Vorträge über Zoos und Kraniologie. Er erzählte von Masken, von Kobolden, kam von Mythen über Biologie auf Weihnachten. An einem Abend, er war über den Bauch meiner Mutter gebeugt und widmete sich gerade den Namen der sieben Meere, zwischendrin der Indische Ozean und die Ägäis, boxte ich ihn auf die Nase. Unbeeindruckt schlug er die Bibel auf und trug die sieben Todsünden vor. Dann erzählte er mir von den farberfüllten Nächten des Bruno Schulz. Während ich Purzelbäume und Achten schlug, arbeitete mein Vater sich durch die Bände, die seinen unbeständigen Geist geprägt hatten.

Vielleicht war es ja die Monotonie dieser beharrlichen Ansprache (begleitet vom Ticktack von Vaters Taschenuhr, die unweigerlich von ihrem angestammten Platz auf Mutters Bauch rutschte – ein umgekehrtes Stethoskop), die mir den Willen zuzuhören eingab. Er sprach aufs formalste und gestelzteste – als wäre ich ein Schuljunge –, die Stimme laut und immer ernst. Jede Geschichte, jeder Roman, jede Abhandlung klang ähnlich, und es fiel mir schwer, H. Rider Haggard von Tante Phoenes Briefen zu unterscheiden, die Scala naturae vom Nocturama im Zoo von Edinburgh.

Woche um Woche setzte er diese Schulung fort. Mir wurde unbehaglich wie einem, der sich einen langen, umständlichen Witz anhören muss. Mit dem Vorhaben, eine Geschichte zu erzählen, die durchaus gut sein mochte, scheiterte Vater unweigerlich. Die Welt, die er mir durch den Bauch meiner Mutter nahebrachte, war voller Leben, aber ohne Nuancen, eine Welt, in der jede Legende, jeder Bericht, jeder Plot, jede Figur gleich klangen.

Wie seltsam war es daher, in der Außenwelt Kontraste, Unterteilungen, Unterschiede zu erkennen. Ich wusste, dass außerhalb meiner Mutter ein weites Gebiet existierte. Nach einem halben Jahr des Reifens machten meine Ohren in dem amorphen Gesumm von Lagos zunehmend Geräusche aus. Beispielsweise erkannte ich das Murmeln des Meers. Das war einfach, da ich ja in Mondzyklen wuchs. Ich vernahm den scharfen Salut von Gewehrschüssen und das Schlagen der Lagos-Uhr, Geräusche, die ich fürchtete. Doch diese verstreuten Klänge waren in das Summen des Blutstroms eingebettet, das meine Ohren beruhigte, und in die nächtlichen Lesungen meines Vaters. Meine Kunst des Zuhörens vervollkommnete ich erst viel später.


[Pause.]


Sie trödelten so lange in der Gebärmutter, weil Sie Angst vor der Außenwelt hatten?

Ich hatte es bequem.


Sie waren begierig auf das Wissen Ihres Vaters?

Ich verstand nie so richtig, was er da redete. Vater war ein Pedant, aber auch unberechenbar. Manchmal packte ihn eine Laune, die uns auf andere Fragen brachte. Er verließ seinen Platz an der Seite meiner Mutter und ging Rad fahren, kehrte erst Tage später wieder zurück, nur um mit etwas anderem fortzufahren. Ganz einfach: Mein Vater beendete nur selten eine Lektion. Just dann, wenn er den Höhepunkt seines Vortrags erreicht hatte, versagte sein Verstand, und er schweifte von dem aktuellen Thema ab, wollte unbedingt das nächste verfolgen.


Gefielen Ihnen die Lesungen Ihres Vaters?

Sie laugten mich aus. Er erteilte mir Lektionen, ich aber wollte Geschichten. Trotzdem hörte ich zu. Mit wachsender Frustration. Und dabei entwickelten sich meine Ohren. Je mehr ich hörte, desto größer wurde mein Wissen und desto ausgeprägter mein Hörvermögen. Meine anderen Sinne hatten nicht die Zeit, sich auszubilden, denn was sieht man schon in dieser dunklen Kammer? Das Fruchtwasser – salzig, viskos und fies – ist der einzige Geschmack. Und was gibt’s da zu riechen?


[Pause.]


Erzählen Sie mir von Ihrem Hörvermögen.

Ich verliere es immer mehr. Die Töne, die ich früher so klar vernehmen konnte, vermengen sich jetzt; ich kann nicht mehr jedes Geräusch unterscheiden, einordnen und in Erinnerung behalten. Sicher, mein Gehör ist immer noch ungewöhnlich fein. Wenn ich mich anstrenge, kann ich Echos meiner Kindheit in Lagos ausmachen: Während ich unbequem in meinem Schaukelkorb liege, der über unserem makellosen Rasen aufgehängt ist, höre ich die Rufe der Frauen vom Jankara-Markt, die mit Worten, die ich nicht verstehe, die Saftigkeit ihrer Ware kundtun, sodass ich inmitten der allgemeinen Anpreisungen der gängigen Lebensmittel – Palmöl, Tilapia, Yams, Erdnüsse und Gewürze – Aufforderungen zu Kartenspielen, Flussfahrten, Hexenjagden zu hören meine. Das Elefantengras am Rand unseres Gartens verdeckt meinen Blick auf Ade, unseren jungen Bediensteten, aber hören kann ich ihn; er macht aus leeren Dosen und Schnüren Telefone. Die dumpfen Schläge von Leder auf Holz in einiger Entfernung sagen mir, dass Riley weitere vier erzielt hat. Ich höre Teetassen klappern, das Geräusch von Vater, der Patience spielt, Uhren, Schritte, die Ballonhupe eines Lastwagens; bei genauerem Lauschen höre ich den Laut der gegen die Windschutzscheibe gepressten Stirn des Fahrers, die im Rhythmus des leerlaufenden Motors vibriert. Im Hafen ertönt unter den Mastspitzen der Lärm von Männern und Ladebäumen, die Seife, Töpfe und Pfannen löschen, Post, Sättel, eine Musikbox, einen Schirm, Tee, Zucker, Gin, Zigarrenkisten, Gewehre, Smokings, Stahl, Feuerwerkskörper, Lake, Schokolade, Campingstühle und einen eleganten, großrädrigen Einspänner aus Manchester. Ich höre die Rufe von Matrosen der Handelsschiffe, und in meinem Kopf vermischen sie sich mit älteren, weniger vertrauten Stimmen, denen der ersten englischen Forschungsreisenden, der unglücklichen Männer, die vor kaum zweihundert Jahren, als sie sich der Küste von Niger näherten, den düstersten aller Shantys sangen:


Hüte dich, hab acht vor der Bucht von Benin

Nur einer kommt raus, vierzig bleiben drin,


und denen der Sklavenschiffe, deren schweigsamer Besatzung

und dem kaum hörbaren Klagegesang ihrer lebenden Fracht.

Doch meinem Gehör unterlaufen verstörende Fehler. Beispielsweise stelle ich fest, dass ich mein Lieblingskinderspiel nicht spielen kann. Während der heißen Stunden nach dem Mittagessen, wenn ich mit Iffe auf dem Markt war, entwischte ich vom Zwiebelstand in die Straßen von Lagos. Ich entsinne mich der Helligkeit. Des Geruchs schwitzender Leiber, getrockneten Fischs und offener Abwasserkanäle. Ich schloss die Augen. Die Straßengeräusche waren, wie ich feststellte, erkennbar – mit acht konnte ich schon die Tonhöhe des Austin 12 Tourer des Gouverneurs von der des Mercedes unterscheiden, den Oba Adeniji Adele fuhr –, doch auch andere, für meine Ohren neue Geräusche entdeckte ich, Geräusche, die verwirrten und erfreuten, Geräusche, die einem heranreifenden Mädchen brutal und genial zugleich vorkamen. Zu Hause spielte ich das Drama dieser gestohlenen Momente mit meinen Puppen nach. Ich ließ Rotkäppchen Rupert Bär küssen, meine viktorianische Porzellanpuppe mit dem Nigger-Minstrel aus Amerika fummeln.

Schlimmer noch: Ich merke, dass ich anderen nicht mehr zuhören kann, als verwandelte ich mich jetzt, im mittleren Alter, in das geistlose, zappelige Kind, das ich nie war. Hatte ich einst die Kraft des Zuhörens besessen, winde ich mich nun, zeige Einfühlungsvermögen und sehe mich zu Zwischenrufen genötigt. Wie anders es doch war, bevor ich groß wurde, mich wie jedes andere Kind entwickelte. Zunehmend sah, berührte, roch und schmeckte ich. Doch allem voran lernte ich zuzuhören. Das war, zusammen mit meiner Gabe für gespannte Aufmerksamkeit, eine Kombination, die für die Männer und Frauen von Britisch-Afrika unwiderstehlich war. Die Diener des Empire waren ein wirrer Haufen: zweite Söhne, gelangweilte Ehefrauen, Sportler, Soldaten, Geistliche. Jeder hatte etwas zu beweisen, mit etwas zu prahlen … etwas zu bekennen. »Warum sind Sie nach Afrika gekommen?« – keiner wusste es so genau zu sagen, aber jeder hatte eine Geschichte – »Wie ich herkam? Tja …« , »Diese verflixten Bürohengste!« , »Ich schieße zu gern Affen.«

Und ich, Evie Steppman, hörte alle ihre Geschichten. Ich bin das (bis jetzt stumme) Archiv der Träumer des Empire.


Warum haben Sie sich das angetan?

Ich fand in diesen Bekenntnissen die Geschichten, die in den Lektionen meines Vaters fehlten.


[Pause. Getrappel in den Dachsparren.]


Und eben diese Geschichten vergesse ich jetzt.


Was werden Sie nun tun?

Ich muss schreiben. Zu Papier bringen. Getreulich meine Vergangenheit aufzeichnen, bevor sie zu Tinnitus wird und verloren geht. Aber wie öde. Wie blass und unnatürlich Wörter doch sind! Wie fern von der echten Sache, der unbekannten, großzügigen, feinen Sache, der schneidenden und verzerrenden und dennoch seltsam genauen Tonlage des Gehörs meiner Kindheit. Es gibt keine Worte, um die Schwingungen meines Gehörs zu transkribieren.

Widerstrebend schreibe ich.

[Pause. Stille. Aus der sich leise Meeresgeräusche öffnen, dumpf, fern, Echos von Wracks, Brandungströpfchen, Blechdosenmusik. Stille. Durch die ein schrilles Pfeifen und Hundegebell ratscht. Stille. Und nun Erwachen von Schlachten, Seemöwen, Sirenen.]


Wo sind Sie?

Gullane, Ostschottland.


Wo genau schreiben Sie?

In dem Haus, in das wir – Vater und ich – 1961 gezogen sind, nachdem Nigeria von der britischen Herrschaft unabhängig wurde.


Erzählen Sie mir von dem Haus.

Es ist ein zweistöckiges Haus am Meeresufer. Ich habe mich aufs Erdgeschoss beschränkt, wenngleich ich in letzter Zeit auch häufige Besuche in die Mansarde unternommen habe, die ich auszuräumen versuche.


Was gibt es da wegzuwerfen?

Eine Machete, eine Sturmlaterne, Kursbücher, eine Streichholzschachtel ohne ein einziges Streichholz. Dann eine Dose mit der Aufschrift Unikate, ein Radio, massenweise Audiokassetten, Kleingeld, Schlüssel, Spiegel, ein Gewehr, eine silberne Taschenuhr, deren Minutenzeiger fehlt. Dann ein Kricketschläger, ein Phonograph mit großem Trichter. Ein Familienfotoalbum, ein Elefantenstoßzahn, Akten, Reißzwecken, Zigarettenasche, Büroklammern, Gummibänder, ein bronzener Anhänger aus Benin, etliche Paar Schuhe, unbeantwortete Briefe, ein alter lila Morgenmantel. An einem Haken hängt eine Weltkarte, Fetzen sind herausgebissen. Die Westwand ist mit Büchern gesäumt: Chroniken, Romane, Abhandlungen, eine Encyclopædia Britannica von 1911. Den Raum beherrschen Stapel von Papieren, zumeist von meinem Vater, einige von mir. Einmal, während seiner letzten Monate, schnürte mein Vater sie zusammen, um sie zu verbrennen. Um diese Zeit wurde er von einer auszehrenden Lethargie befallen, einer Krankheit, deren erstes Aufkeimen mit seinem Weggang aus Lagos zu tun hatte, die aber erst danach ausbrach.


Fahren Sie fort.

In Großbritannien versank Vater dann in den Tiefen seiner Vergangenheit und wurde immer unzugänglicher. Er verbrachte Stunden um Stunden in der Mansarde, erschlafft von falschen Erinnerungen an eine ruhmreiche Karriere, wich er in die ungereimten Korridore der Geschichte zurück. Während seines Rückzugs ins Obergeschoss (er kam nur noch zum Wasserlassen herunter und später überhaupt nicht mehr, dann benutzte er einen Metalleimer, den ich leeren musste) klagte er über Scharrgeräusche – Mäuse. Selbst jetzt, während ich diese Worte in der Mansarde meines Hauses schreibe, kann ich dem Geräusch winziger Füße über der Decke und zur Seite, links, rechts, bis zu den Eichenwänden folgen; ja, das Scharren ist überall um mich, die Mäuse sind auf dem Dachboden und richten sich zwischen den ausrangierten Sachen ein.

Aber ich erzähle zu viel.

Fahren Sie fort.

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Als Sagoe acht Jahre alt war, sah er im Schaufenster eines Fleischers ein Schaf hängen. Sagoe erzählte seinem Vater davon, weil er hungrig war und seit Monaten schon kein Fleisch gegessen hatte.

»Geh, kauf mir den Kopf des Schafs!«, befahl sein Vater.

Sagoe ging zu dem Fleischer und kaufte den Kopf. Auf dem Nachhauseweg aß er das Fleisch und kehrte mit einem Schädel heim.

»Was hast du mir denn da gebracht?«, rief sein Vater.

»Das ist ein Schafskopf«, sagte Sagoe.

»Wo sind die Augen?«

»Das Schaf war blind.«

»Und wo ist die Zunge?«

»Das Schaf war stumm.«

»Und wo sind die Ohren?«

»Das Schaf war taub.«

»Sagoe«, rief der Vater. Doch da war Sagoe schon in den Wald gelaufen und hatte auf dem Feldweg richtiggehend Brandspuren hinterlassen.


Fahren Sie fort.


[Pause.]


Erzählen Sie mir mehr.


Sie können hier nicht aufhören.

[Pause. Stille. Ein geflügeltes Insekt knallt gegen das Oberlicht.]


Hören Sie: Eine Frau, nicht jung, sitzt an ihrem improvisierten Schreibtisch; grübelnd, mit zitternden Händen – es ist kalt – sieht sie sich im Zimmer um; ihr Blick verharrt erst auf der Tastatur ihres Computers, hebt sich dann zum Oberlicht, nimmt den dunkel werdenden Himmel auf. Sie hört den Verkehrslärm; langsam, die Stadtgeräusche unten ausblendend, dreht sie sich vom Oberlicht weg und beginnt – wo beginnen? – ihre Geschichte zu erzählen – die eigentlich auch die von ihr und Ade und Iffe und Nikolas und Mr Rafferty und Babatundi, dem Idiotenjungen, und die von Rileys Vorstehhund und Mr und Mrs Honeyman und Damaris und Taiwo und ihrem Vater ist, wie auch die der Unmöglichkeit einer Mutter, die bei der Geburt gestorben ist – und was soll man erzählen? Was ist wahr, was war einst wahr, was ist gewesen, hätte gewesen sein können, was ist? – und wie soll man damit umgehen? Sie stellt sich eine Frage – Wer bist du? – und noch eine – Wo bist du geboren? –, denn das kann sie am besten; am Anfang, in der Mitte, hat sie immer Fragen gestellt, und hier kommen die Worte, nach und nach; nach und nach formen sich die Worte auf der Seite.

Taschenuhr oder Mein Vater
begegnet im Zug einem Fremden

Ein geflügeltes Insekt, womöglich eine Erdschnake oder eine Motte, knallt gegen das Oberlicht. Hin und wieder hört das Schlagen auf, dann trudelt das Tier zu Boden. In der neuerlichen Stille kehre ich zu meinem Computer zurück, bereit, mit diesen Geschichten zu beginnen. Doch ohne Vorwarnung geht das Getrommel wieder los, und mir wird bewusst, was die ganze Zeit schon klar war. Die Mansarde ist voller Lärm: das Summen der Straßenlampen, das Scharren der Mäuse, fette Wassertropfen laufen von den Baumwipfeln und klatschen aufs Dach. Ich höre das Ticktack von Vaters Taschenuhr, Autoreifen auf der Straße vom Meeresrauschen nicht zu unterscheiden.

Angeregt von dem Lärm in der Mansarde, schwellen die Geräusche meiner Vergangenheit zu Getöse an. Die Überbleibsel all dessen, was ich gehört habe, früher klar, nun schrill und nicht zu entschlüsseln, kreischen mir in den Ohren, als hätte ich eine Voliere betreten. Vaters Vorträge vermischen sich mit dem andauernden Geplapper seiner Sterbetage. Meine eigene Geschichte verbindet sich mit den Legenden von Matrosen und Hexen, die mir aus Büchern vorgelesen worden waren. Stadtgeräusche – Lagos, Oxford, Edinburgh – gleichen sich, was ich also vielleicht für eine Kindheitserinnerung gehalten hatte, ist in Wahrheit nur eine Erinnerung von letzter Woche.

Wie kann ich in dieser Unruhe schreiben? Ich muss einen Weg finden, diese Stimmen, die nicht mehr von der Uhr geleitet werden, in den Griff zu bekommen. Wenn die eigene Geschichte nicht mehr von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmt wird, wenn jeder Ton einen anderen nachahmt, muss man sie nach einem anderen Prinzip ordnen.

Meine Erinnerung muss in etwas Geschlossenem sein. Daher werde ich diese Geschichten innerhalb der zeltartigen Ränder der Mansarde einschließen, und das Wenige, das ich tatsächlich herauslasse – Erzählungen, Lebensbeschreibungen, Städte, Ungeheuer –, wird den Weg über die Mansarde nehmen; denn alles, was leben wird, wird in der Mansarde leben. Die Mansarde hat einzig die Funktion, Gegenstände jeglicher Art zu horten, die nicht vergessen, sondern begraben sind, unterm Dach versteckt; Gegenstände, die auf ihre Weise verrotten, Gegenstände, die reglos, bedeutungslos und stumm sind.


Der einzige Gegenstand, der ein Geräusch macht, ist Vaters Taschenuhr. Sie liegt auf einem Stapel Landkarten in der südöstlichen Ecke der Mansarde. Dort liegt sie, seit Vater sie in einem Anfall von Wahnsinn aus der Brusttasche riss, auf den Mansardenboden schleuderte und erst später auf die oberste Karte des Stapels legte.

Die Uhr war stark in Gebrauch gewesen. Das silberne Gehäuse ist schwarz angelaufen. Auf der Unterseite ein tiefer Kratzer, eine gleichmäßige Kurve von rund zwei Zentimetern Länge, der drei Wörter einer Inschrift verdeckt, die lautet:


Lief’ unser Wesen doch wie dieses Instrument,

Und nicht von Lust –––– und Überdruss gehemmt.

Sondern –––– den Regelkräften der Natur,

Durch redlich Handeln alle Stunden scheiden ––––


Auf der Innenseite des Deckels, unter der römischen Zahl VI, ist die Signatur Breguet et Fils eingeprägt. Die Uhr wird in der Mitte des Zifferblatts aufgezogen. Lünette und Bogen sind aus Gold. Ursprünglich zierten zwei winzige Diamanten die Zeiger, allerdings fehlt jetzt der Minutenzeiger samt seinem Edelstein. Wenn ich soeben die Taschenuhr besonders erwähnte, hoffentlich deutlich genug sagte: Der Minutenzeiger fehlt, ja, das Kapitel gar mit »Taschenuhr« überschreibe, weiß ich, was ich ihr schuldig bin. Denn schließlich haben sich wegen dieses altersschwachen Uhrwerks meine Eltern kennengelernt. Hören Sie zu!


Es gab einmal einen Fremden, ehemals Uhrmacher, der Großvater werden sollte. Er hatte zwar eine Adresse, war aber nie zu Hause. Seine Tage verbrachte er in Abteilen zweiter Klasse, seine Nächte in Schlafwagen oder Bahnhofshotels. Schaute man aber in die Gästebücher dieser Hotels, des Turnberry, des Great Eastern, des Laharna, des Caledonian, des Liverpool Adelphi oder des Yarborough New Holland, fände man seinen Namen nicht, dafür aber hundert verschiedene.

Es gab einmal einen Studenten, der Vater werden sollte. Er reiste zum Balliol College in Oxford, um sich für den Staatsdienst in Übersee ausbilden zu lassen. Sein Name war Rex Steppman, er hatte eine Narbe am Kinn, und in der linken Brusttasche steckte eine Taschenuhr.

Es gab einmal einen Fremden, ehemals Uhrmacher, jetzt Mörder, der Großvater werden sollte. Er hatte ein Haus in Oxford, in dem seine Tochter lebte, er selbst aber war nie da. Seine Tage verbrachte er in Abteilen zweiter Klasse, er mied das Gesetz, und in einem dieser Abteile, auf der Strecke der London and North Eastern, lernte er einen Studenten mit einer Narbe am Kinn kennen, der Vater werden sollte und in dessen linker Brusttasche eine Taschenuhr steckte.

Es gab einmal ein Abteil zweiter Klasse auf der Strecke der London and North Eastern. Darin gab es Doppelsitzbänke, umbrabraun bezogen. Blickte man vom Gang durch die verglaste Tür, dann sähe man ein Fenster mit einem Bubingaholz-Rahmen, vier Lampen und eine Marketerie, die zwischen Palmen herumspringende Antilopen darstellt. Unter dem Fenster war ein Heizkörper, der das Abteil mit infernalischer Hitze erfüllte. An einem bestimmten Tag, einem Oktobermorgen 1938, saß nur ein Reisender in dem Abteil. Es war der Student. Während der Zehn-Uhr-Zug nach London King’s Cross ächzend aus Edinburgh Waverley fuhr, las er einen Artikel mit der Überschrift »Die Klugheit eines Elefanten« – das Tier war im Punjab eine schmale Straße zu einer Wasserpumpe gegangen, als ein bewusstlos daliegendes Kind ihm den Weg versperrte. Da es Autos nahen sah, klaubte es das Kind mit dem Rüssel auf, legte es sanft am Rand ab und ging weiter zur Pumpe.

Plötzlich entstand Unruhe auf dem Gang. Ein gedrungener Mann in schwarzem Anzug, Brogues, schwarzer Krawatte, einen Bombay-Bowler tief in die Stirn gedrückt, lief eilig durch den Gang, wobei er mit den Koffern gegen die Wand des Waggons stieß.

»Ich bedaure die Unannehmlichkeit zutiefst!«, sagte der Fremde mit einem übertrieben englischen Akzent. Er stieß die Tür auf und blickte sich in dem Abteil um.

»Darf ich …?«, sagte er. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn …?« Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er das Abteil. Der Fremde hatte ein rundes Gesicht, Krähenaugen und einen dünn gewachsten Schnurrbart, der auf zehn nach zehn zeigte.

Der Zug rollte langsam durch die Außenbezirke der Stadt. Restalrig bummelte vorbei, dann der grüne Höcker von Duddingston Mains. Das Gleis schwenkte nach links, und Leith Strand kam in den Blick, dahinter der Firth of Forth. Der Himmel war weit und wolkenlos, und die Sonne kam und ging.

»Wenn ich mich vorstellen darf«, sagte der Fremde und hielt ihm die Hand hin. »Ich heiße Julien Le Roy.«

»Rex Steppman«, sagte der Student und schüttelte ihm die Hand, ohne aufzustehen.

»Angenehm.« Der Fremde schaute sich argwöhnisch im Abteil um und ging dann mit dem Mund dicht an Rex’ Ohr. »Was lesen Sie da?«

»Die Zeitung.«

»… und genau deswegen beabsichtige ich, mich neben Sie zu setzen! In der Bahn sollte man die Zeitung lesen. Jedenfalls ist dies einem Fensterplatz vorzuziehen, da dort immer die Gefahr besteht, dass man die Landschaft betrachtet.«

Der Student sagte nichts.

»Finden Sie nicht?«

Der Zug nahm Fahrt auf. Gärten und Schreberparzellen flogen vorbei, Müllkippen, Rundfunkmasten und, in Joppa, ein Grüppchen Häuser, deren Fenster eine blasige, fragmentierte Sonne zurückwarfen. Bald löste sich die Häuserreihe auf, und es kamen grüne Felder und dahinter die Nordsee, hier und da von kleinen weißen Schaumkronen durchbrochen.

Der Student zog die Jacke aus und legte sie sich über die Beine. Er drehte sich zum Fenster hin, zog die Schultern hoch und vergrub den Kopf in der Zeitung – der Elefant vollführte jetzt Pirouetten, was in der Menge britischer Inder einen Tumult auslöste, verspritzte Wasser aus seinem Rüssel, zauberte wie aus dem Nichts Speiseeis hervor und reichte es kleinen Kindern in der Menge –

Der Zug folgte den Konturen der Steilküste, das Meer, vom Horizont nicht zu unterscheiden, erzitterte, als drehten sich an der Oberfläche Tausende von Fischen. Sonnenklingen schossen erbarmungslos durchs Fenster – gebrochen, gesplittert – und krochen zu den Reisenden hin. Der Fremde begann zu singen.


Mein Herz ist warm von meinen Freunden all,

Und bess’re Freunde können nicht gelingen,

Doch nähm ich jeden Zug in jedem Fall,

Egal wohin er mich mag bringen.


»Ein hübsches Liedchen, finden Sie nicht?«, sagte er. »Aber wo war ich stehengeblieben … ah … man sollte nie aus dem Fenster schauen, weil die Landschaft – im Moment zieht da ein Wäldchen vorbei – nicht hinsehen! –, rund eine Meile lang. Davon kann einem schwindelig werden.«

»Aber –«

»Halten Sie sich lieber an Ihren Scotsman

»Das versuche ich ja! Aber Sie lenken mich doch ab. Bitte lassen Sie mich in Frieden.«

»Kein Grund, die Stimme zu erheben. Ich habe mich nicht ordentlich vorgestellt. Mein Name ist Sylvain Mairet –«

»Das ist schon der zweite Name, den ich von Ihnen höre! Erst haben Sie sich als Julien Le Roy vorgestellt, und nun sagen Sie, Sie heißen Mairet.«

»Ich habe über einhundert Namen« , sagte der Fremde. »Und Sie? Wie ich sehe, studieren Sie in Oxford. Balliol – dieses Wappen würde ich überall erkennen.«

Der Student war baff.

»Was studieren Sie?«

»Ich mache eine Ausbildung für den Staatsdienst – in Übersee«, sagte er nach einer kurzen Pause.

»Und deshalb haben Sie auch eine Taschenuhr in der linken Brusttasche.«

Der Student legte die Hand auf die Wölbung in der Jacke und zog dann die Taschenuhr heraus.

»Woher haben Sie sie?«, fragte der Fremde.

»Von meinen Eltern. Zum Einundzwanzigsten.«

»Sie ist hübsch.« Der Fremde nahm die Uhr und drehte sie in den Händen. »Sie befinden sich in Gesellschaft eines der illustersten Reisenden. Phileas Fogg maß auf seiner Reise die Zeit mit einer Breguet.«

»Breguet?«

»Abraham-Louis. Was hat dieser französische Bursche noch gleich gesagt? Breguet macht eine Uhr, die in zwanzig Jahren kein einziges Mal falsch geht, dagegen aber geht diese schreckliche Maschine, der Körper, in dem wir leben, falsch und bringt uns wenigstens einmal die Woche Schmerzen und Pein. «Der Fremde brach das Gespräch ab und wandte sich zum Fenster. Ein Schatten legte sich über sein Gesicht, als wäre der Zug in einen Tunnel gefahren. Er machte den Eindruck, als wollte er allein sein. Er streckte in merkwürdiger Weise die Arme zur Decke.

»Wo sind wir?«, fragte er.

Die Sonne hatte noch nicht den Zenit erreicht, als der Zehn-Uhr-Zug nach King’s Cross sich Berwick näherte. Im Abteil war es still. Doch als der Zug an der Stadt vorbei und über die Royal Border Bridge mit ihren hohen Bogen aus schwarzem und erdfarbenem Backstein kurvte, war ein leises Wimmern zu vernehmen. Berwick wich aus dem Blick, und der Zug nahm wieder seine Fahrt durch die Landschaft auf. Sonnengebleichte Felder dehnten sich bis zum Horizont.

Als der Fremde wieder sprach, hatte sich der Schatten von seinem Gesicht gehoben.

»Ich möchte Ihnen von Breguet erzählen. Er war der größte aller Uhrmacher des achtzehnten Jahrhunderts! Er war eine auffallende Gestalt – groß, rundes Gesicht, Narbe unterm linken Auge, kahl wie eine Eieruhr. Von seinem fünfzehnten Lebensjahr an ging Breguet bei den berühmten Uhrmachern Berthoud und Lépine in die Lehre. Aber vielleicht wissen Sie das ja schon? Nicht? Dann fahre ich fort.

Zu Beginn der Französischen Revolution hatte er sich mit etlichen chronometrischen Verbesserungen schon einen Namen gemacht. Auch hatte er sich den Jakobinern angeschlossen. Im Anschluss an die Enthauptung Ludwigs XVI. war er gezwungen, aus Frankreich zu fliehen. Als er 1795 zurückkehrte, sah er, dass die Revolutionäre mit der Zeitmessung ganz von vorn angefangen hatten …«

»Das ist unmöglich«, unterbrach ihn der Student.

»Keineswegs. Die Revolutionäre verwarfen das gregorianische System und ersetzten es durch den calendrier républicain. Sie proklamierten 1792 als Jahr eins des neuen Kalenders. Damals war die Woche zehn Tage lang, der Monat hatte drei Wochen. Die Tage waren in zehn Stunden unterteilt, eine jede hatte hundert Minuten, und jede Minute enthielt hundert Sekunden.«

»Die Zeit«, unterbrach ihn der Student wichtigtuerisch, »ist eine gerade Linie, die sich ins Unendliche erstreckt.«

»Glauben Sie ja nicht diesem Dummkopf Locke. Wo war ich stehengeblieben? … ah … die Revolution. Französische Uhrmacher stellten Uhren mit zehn Stunden her. Nicht aber Breguet. Er fertigte seine Uhren weiterhin nach dem gregorianischen System, das 1806 wieder eingeführt wurde. Später erfand er die erste Kutschenuhr, die montre à tacte, die es ermöglichte, die Zeit durch Berühren abzulesen, das Tourbillon sowie die besten Schrittzähler fürs Militär. Breguet arbeitete bis ins hohe Alter, verlor dabei aber sein Hörvermögen. Dennoch wurde er nie mürrisch, was ja die übliche Folge dieses Leidens ist. Ihre Taschenuhr ist in gutem Zustand« , sagte der Fremde und musterte dabei sein Gesicht, »allerdings ist der Minutenzeiger ein wenig angerostet.«

Der Fremde zog einen Flachmann hervor und hielt ihn dem Studenten hin, doch der lehnte ab.

»Ich schweife ab. Ich stelle fest, dass ich Ihre Frage nicht beantwortet habe. Als ich das Abteil betrat, fiel mir sogleich auf, dass Sie in Oxford studieren. Ich wusste, ich würde mit Ihnen über eine wichtige Sache sprechen. Ich habe nämlich etwas für Sie … Ich habe etwas, von dem ich mir wünsche, dass Sie es weiterleiten. Die Person, die diesen Gegenstand erhalten soll, lebt in Oxford. Was es ist? Ein Brief!«

Der Zug spuckte schwarze Rauchwolken aus. Die Räder ratterten unablässig über die Gleise. Der Fremde zog eine Schachtel Zigaretten hervor, und der Student nahm eine.

»Bevor ich Ihnen diesen Brief anvertraue, sollte ich Ihnen von der Lage erzählen, in der ich mich befinde. Das habe ich noch niemandem erzählt. Erst jetzt habe ich dafür einen Grund. Aber ich brauche Ihre Hilfe. Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, dass Sie keiner Menschenseele erzählen, was ich Ihnen gleich sage.« Der Fremde schaute den Studenten forschend an.

»Das hängt davon ab, was Sie mir erzählen. Da ich nichts über Sie weiß, kann ich auch nichts versprechen.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort«, sagte der Fremde, »dass nichts, was ich sage, Ihnen Schaden zufügen oder Ihnen in irgendeiner Weise zum Nachteil gereichen wird.« Der Student zögerte. Er zog hektisch an seiner Zigarette. Der Zug raste eine waldige Neigung hinab, und Licht und Schatten fielen ihm aufs Gesicht. Dann verließ der Zug das Wäldchen, und Sonnenlicht bleichte das Abteil. Der Fremde bot dem Studenten eine weitere Zigarette an.

»Ich verspreche es«, sagte der Student und steckte sie sich zwischen die Lippen.

Der Fremde öffnete einen Koffer und zog eine dunkelgrau gebundene Mappe heraus. Er schob sie dem Studenten hin. Darin waren über ein Dutzend Pässe, ausgegeben von verschiedenen Ländern. Jeder lautete auf einen anderen Namen: Thomas Mudge, George Graham, Joseph Winnerl, Taqî ad-Dîn, Julien Le Roy, Edward Prior, Ulysse Nardin und weitere mehr. Den Kopf neugierig geneigt, sah der Student den Fremden an, der immer noch Rauch aus dem Mund blies.

»Wie Sie erraten haben, versuche ich, meine wahre Identität zu verbergen. Ich werde wegen Mordes gesucht. Natürlich ist die Anklage falsch. Dennoch, sollte mich das Gesetz erwischen, droht mir die Henkersschlinge oder das Irrenhaus, wie man mir sagte. Aber sie kriegen mich nie. Kaum war der Haftbefehl gegen mich ausgestellt, beschloss ich nämlich zu fliehen. Das ist nicht nur der sicherste Weg, einer Verhaftung zu entgehen – die Polizei ist wahrlich ein dummer Haufen! –, auch würde ich, sollte ich untertauchen und mich auf einem Dachboden oder in einem Keller verstecken, wolfstoll werden. Also beschloss ich, immerzu unterwegs zu sein, in hundert verschiedenen Gestalten, und einen Zug nach dem anderen zu nehmen – den Orientexpress, die Transsibirische Eisenbahn, den Flying Scotsman, die Indian-Pacific. Ach, wie gern ich mit dem Eisenross fahre!« Der Fremde klopfte einen Takt auf dem Sitz und begann zu singen.


Schneller als Hexen, schneller als Feen,

Brücken und Häuser, Hecken und Seen:

Wir stürmen dahin wie ein Heer in die Schlacht,

Durch Wiesen und Auen und Häuser mit Macht.

»Mit der Bahn bin ich viel schneller als Fuchs oder Hase und schlage eine Brieftaube um hundert Meilen. Mir ist, als würden die Berge und Wälder aller Länder in diesem Abteil gegen mich vorrücken. Selbst jetzt kann ich die deutschen Linden riechen, die Brecher der Südsee schlagen an meine Tür!«

Der Fremde rutschte nach vorn und packte die Kante seiner Sitzbank.

»Das Zugreisen ermöglicht es mir, die zwei großen Ängste meines Lebens von mir fernzuhalten – Einsamkeit und Menschenmengen. Ich will entweder Gesellschaft oder Einsamkeit. Der Zug löst dieses Problem, weil er einem Fürsichsein gestattet, wenn man es wünscht, oder die Gesellschaft von Fremden. Die Vertraulichkeit eines Zugabteils ermöglicht es mir, ein Gespräch zu beginnen. Dann wiederum, wenn mich eine melancholische Stimmung überfällt, kann ich mich in die Echos des Zuges zurückziehen, die sehr deutlich sind, und wenn man die Gänge durchwandert, scheint man jedem Austausch mit der Welt entrückt.

Folglich habe ich Verkleidungen, die diesen gegenläufigen Stimmungen entsprechen. Heute beispielsweise habe ich mich entschieden, ein englischer Gentleman zu sein. Weil mir nämlich nach Gesprächen zumute ist. Dann wiederum könnte ich Nadelstreifen anlegen, einen Homburg aufsetzen und ein amerikanischer Industrieller werden, der den Kopf in seine Papiere steckt. In den ersten Koffer, den runden, packe ich meine Kleider, dazu diverse Reisepapiere. Der zweite enthält eine Reihe Zeitmessgeräte. Der dritte enthält meine Accessoires – Schmuck, Schnurrbärte, Toupets, Perücken, Kohlestifte, Brillen aller Art, falsche Wimpern, Wattierungen, Kneifer und so weiter. Oh, die Kämpfe, die ich mit Gepäckträgern durchzustehen hatte, damit ich mein Gepäck bei mir behalten durfte. Englische und indische Beamte machen nämlich immer ein schreckliches Aufhebens.

Genug! Gehen wir in den Speisewagen. Es wäre mir eine Ehre, Sie zum Lunch einzuladen. Dann erzähle ich Ihnen, was ich über die Ereignisse weiß, die zu meiner Mordanklage geführt haben. Nichts als die Wahrheit. Und woran kann man schon glauben, wenn nicht an die Wahrheit?«


Es gab einmal einen Fremden, ehemals Uhrmacher, jetzt Mörder, der Großvater werden sollte. Er begegnete einem Studenten mit einer Narbe am Kinn, der Vater werden sollte. Der Fremde hatte einen Brief bei sich, den zu überbringen er den Studenten bat. Erst gingen sie in den Speisewagen. Beim Essen erzählte der Fremde dann seine Geschichte.

»Seit Julia krank wurde, war ich in einem Zustand von Trauer und Unruhe. Aber ich hatte, Sie verstehen, als Ablenkung meine Arbeit. Um die Zeit von Julias Tod hatte ich das drängendste Problem meines Lebens beinahe gelöst. Julia hatte ein schwaches Herz. Nein, ich sollte sagen, ein ganz außerordentlich fragiles Herz, und ich wusste, sie wäre nicht mehr lange auf dieser Welt. Natürlich hoffte ich, sie würde weiterleben … Und während ich hoffte, erkannte ich, dass der Umstand, dass sie und ich uns begegnet waren, nein, das glückliche Schicksal unserer Begegnung und Heirat, ein Zeichen war, dass ich ihr helfen könnte, ihr Leben zu verlängern. Sehen Sie, ich bin, vielmehr sollte ich zugeben, ich war Uhrmacher. Nicht nur das, ich baute auch Automaten – Sie wissen ja, diese Miniaturpuppen, die so lebensecht aussehen und sich sogar wie Menschen bewegen und deren Herz aus einem Uhrwerk in einem Kasten besteht. Ich war ziemlich berühmt. Zaren und Fürsten bestellten meine Arbeiten. Vielleicht haben Sie ja von dem kleinen Mozart gelesen, den ich für Sophia von Hohenberg angefertigt habe, die österreichische Prinzessin. Ich setzte ihn an ein kleines Hammerklavier, und er spielte den Schlusssatz aus der Sonate in C-Dur von 1777, und er spielte ebenso gut wie der Österreicher selbst. Aber ich machte nicht nur kleine Menschen. Mein lukrativstes Projekt waren Spieluhren. Ich schaffte es, Luft in einer Weise durch Röhren zu pressen, dass ich Geräte herstellen konnte, die den Gesang bestimmter Vögel perfekt imitierten – des Goldregenpfeifers, des Sturmtauchers, des Blaukehlchens, der Nachtigall, des Brachvogels und zahlloser anderer. Und das brachte mich dann auch auf die Idee, Julias immer schwächer werdendes Herz zu retten. Sie hatte das Herz eines Vogels, ich höre es noch jetzt, wie es flötengleich unterhalb ihrer Brust bebt. Ich dachte, wenn ich den Gesang des Brachvogels reproduzieren kann, dann könnte ich vielleicht auch ein menschliches Herz in einem Uhrwerk nachbilden. Alles andere hatte ich schon versucht. Ich hatte alles über das Wesen der Zeit gelesen. Ich führte Recherchen auf dem obskuren Gebiet des Erinnerungsvermögens durch. Wenn es, wie ich glaubte, möglich war, die Zeit aufzuhalten, das heißt, sie in so kleine Mengen aufzuteilen, dass es unmöglich wäre, die augenblickliche Sekunde zu messen – denn das ist die Uhrmacherkunst ja letzten Endes –, dann könnte die Zeit doch einfach stehenbleiben, und Julia würde nicht von ihrer zersetzenden Wirkung zerstört werden. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welchen Torturen ich die arme Julia ausgesetzt habe, alles in ihrem ureigensten Interesse, müssen Sie verstehen, auch wenn sie es nicht so sah. Es gab – zugegeben – Fälle, da ich, entgegen meiner ehelichen Pflicht, Gewalt anwenden musste, um diese Experimente durchzuführen. Oh, wie sehr sie mich anflehte, sie in Frieden dahinscheiden zu lassen. Aber ich konnte nicht zusehen, wie meine Geliebte mich verließ, ohne die Gewissheit, alles in meiner Macht Stehende getan zu haben, es zu verhindern. Als diese Experimente zur praktischen Umsetzung von Theorien über die Zeit ihren Lauf genommen hatten, das heißt gescheitert waren, wandte ich mich der schon erwähnten Idee zu. Ich versuchte nun, für Julia ein Uhrwerkherz zu bauen.«

Beim Reden musterte der Fremde den Studenten gespannt. Er war immer aufgeregter geworden, trank in raschen Schlucken seinen Wein und schaute sich im Speisewagen um. Der Student wirkte entsetzt und fasziniert zugleich. Beide hatten ihr Essen stehenlassen, und die Kellner in ihrer umbrafarbenen Livree kurvten um die Tische, unbeeindruckt von der Bewegung des Zuges, räumten Teller, Besteck und Gläser ab und brachten den nächsten Gang. Hastig fuhr der Fremde mit seiner Geschichte fort.

»Liest man die Encyclopædia Britannica, so erfährt man, dass sich das Wort watch, Uhr, vom altenglischen wæcce ableitet, was Wache halten oder beobachten bedeutet. Abgeleitet bedeutet das Wort ›das, was alles unter wachsame Beobachtung stellt‹. Dieser Gedanke wurde zu meinem Ausgangspunkt – denn das Herz muss ja stets über den Körper wachen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit darauf, einen Mechanismus zu schaffen, der sich auf subtile Weise mit Julias Arterien verband. Mittels Recherchen und einer Reihe fürchterlicher Experimente zeichnete ich den genauen Weg auf, den das Blut durch den Körper nimmt. Das menschliche Herz besitzt zwei Kammern – Ventrikel –, die das Blut zu den Organen pumpen. Also baute ich eine Doppelpumpe mit je einem scheibenförmigen Mechanismus. Mein Uhrwerkherz funktionierte ähnlich wie das menschliche Herz. Einen Unterschied gab es allerdings – das Herz ist ein lebender Muskel, das Uhrwerk dagegen nichts als eine Aneinanderreihung mechanischer Komponenten. Julias neues Herz brauchte einen inneren Lebensquell. Natürlich konnte ich es nicht ebenso oft aufziehen wie eine normale Uhr. Ich musste herausfinden, wie sie sozusagen unabhängig ticken konnte. Und da gelang mir eine großartige Erfindung. 1780 erfand Breguet die erste Uhr, die sich selbst aufzog. Er nannte sie die perpétuelle. Mittels zweier Federhäuser, eines sorgfältig austarierten Gewichts, das auf die leiseste Bewegung reagierte, und eines zusätzlichen Antriebsrads, das eine Laufzeit von sechzig Stunden ermöglichte, stellte er eine Uhr her, die jemand benutzen konnte, der ein relativ inaktives Leben führte. Die perpétuelle war imstande, acht Jahre zu laufen, ohne überholt zu werden oder nachzugehen. Mit dieser Technik fühlte ich mich in der Lage, Julias Uhrwerkherz zu bauen.

Ich gehe jetzt nicht in die Details der Operation, das Gerät einzupassen. Sie können sicher sein, dass es eine unschöne Angelegenheit war. Nachdem ich es eingepasst und das Uhrwerk in Bewegung gesetzt hatte, baute ich Julias Brustkorb wieder auf und nähte ihre Haut zusammen. Ich wartete, bis sie aus ihrer opiumgenerierten Betäubung erwachte. Doch sie erwachte nicht mehr. In ihrer ansonsten leblosen Brust hörte ich das Uhrwerk ticken, genauso, wie ich es erhofft hatte. Das Herz schien perfekt zu arbeiten – es erzeugte sogar ein kleines Beben ihres Busens –, und dennoch hob und senkte sich ihre Brust nicht, und ich fühlte ihren Atem nicht, wenn ich die Handfläche befeuchtete und ihr auf die Lippen presste.

Und nun werde ich wegen nichts weniger als ehelicher Hingabe als Mörder gesucht! Wenn eheliche Ergebenheit ein Verbrechen ist, dann will ich gern verurteilt sein!«

Der Fremde sackte auf seinem Platz zusammen. Er ließ Gliedmaßen und Schultern hängen und zitterte am ganzen Leib. Er nahm die Krawatte ab und legte sie sich quer über die Beine. Er zupfte an der Innennaht.

Mit einer Serie langgezogener Pfiffe raste der Zug durch den Bahnhof von York, der Bahnsteig war voller Menschen, die alle still standen. Die Maschine dröhnte, schwarzer Qualm schoss aus dem Schornstein und wallte am Fenster vorbei. Drinnen begannen die Speisegäste nach Beendigung ihres Mittagsmahls zu rauchen. Der Student deutete an, dass auch er gern eine Zigarette hätte, doch der Fremde nahm ihn gar nicht wahr. Der Student wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab und bediente sich selbst.

»Ich muss aus diesem Zug heraus« , sagte der Fremde. »Aber davor«, sagte er und erhob sich von seinem Platz, »gebe ich Ihnen den Brief.« Er zog einen zerknitterten, ansonsten aber vollkommen normalen Umschlag hervor.

»Versprechen Sie mir, dass sie ihn an seinen Bestimmungsort bringen.«

»Ich verspreche es«, sagte der Student.

»Ich muss raus aus diesem Zug! Sollte jemand fragen, wir sind uns nie begegnet.«

Der Student war allein im Speisewagen, in der Hand den Brief. Er war erstaunlich schwer. Er strich die Falten glatt, dann überflog er die Adresse: Evelyn Rafferty, 16 Ingolstadt Place, Oxford. Das war die erste Überraschung – eine Frau! In seinem Kopf hatte der Adressat schon in einem Ensemble von Figuren Gestalt angenommen – Wahnsinniger, Komplize, Alibi oder Ziel der mörderischen Phantasie des Fremden – aber keine Frau. Er las den Namen noch einmal: Evelyn. Evie. Eve. (Mein Name natürlich und auch der meiner Mutter. Aber ich wurde nicht nach ihr genannt; ich erhielt meinen Namen durch Zufall.) Der Student drehte den Brief um – wie sachte der Fremde ihn gehalten hatte! – und hob ihn ans Fenster. Durch den Umschlag sah er Zeilen wie dicht an dicht krabbelnde Ameisen. Er hielt ihn gegen die Sonne. Und die Wörter, die er nicht erkennen konnte, weckten in ihm ein Begehren.

Warum entschied sich der Student, den Brief abzugeben? Warum, wo der Fremde doch unzuverlässig und die Geschichte unwahrscheinlich war, ließ er sich in ein unbekanntes Schicksal hineinziehen? Vielleicht, weil er ein Versprechen abgegeben hatte, vielleicht wegen des Abenteuers, das es verhieß, vielleicht war es auch die Garantie des Fremden – »Nichts, was ich sage, wird Ihnen Schaden zufügen oder Ihnen in irgendeiner Weise zum Nachteil gereichen.« Meiner Meinung nach gibt es eine naheliegendere Erklärung. Der Student war einfach neugierig.