Bartholomäus Grill

 

 

Laduuuuuma!

Wie der Fußball Afrika verzaubert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Leo, den jüngsten Borussen und Buccaneer

 

 

 

 

 

1. Auflage 2009

Copyright © 2009 by

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

www.hoca.de

 

eBook ISBN 978-3-455-50135-3

 

Datenkonvertierung eBook: Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

 

 

 

Inhalt

 

 

 

 

 

Ke nakko – es ist Zeit     Achtzig Jahre hat Afrika gewartet – endlich kommt die Fußball-WM     7

 

Kinder, funktioniert!     Im Zweifel am WM-Land Südafrika nisten die ewigen Vorurteile gegen einen ganzen Kontinent     19

 

Wenn die Ahnen grollen     Fußball in Afrika – das ist Macht und Magie, Lust und Langeweile, Rausch und Randale     31

 

Banana Banana oder so     Anmerkungen zum Gastland der Fußballweltmeisterschaft 2010     51

 

Du hast keine Chance, aber nutze sie!     Der Rassenwahn der Apartheid auf dem Fußballplatz     71

 

Das Berner Gefühl     Fußball und Rugby – zwei

Kräfte der Versöhnung in einem zerrissenen Land     87

 

Weltklasse im Kopf Die Selbstüberschätzung des südafrikanischen Fußballs     97

 

Die vergessene Pavianpfote     Auf den Fußballfeldern Afrikas spielen Geister und magische Mächte mit     119

 

Quantensprung im Orangenhain     Wie die Radium Stars aus Johannesburg den Autor zum Trainer beförderten     139

 

Allez les Éperviers!     Das Fußballmärchen von

Togo – eine Hoffnung für alle Zwerge in Afrika     147

 

Der große Fettsoßenzug     Wie in der Politik, so im Fußball: Die Korruption raubt der Jugend die Zukunft     159

 

Tee mit dem Tyrannen     Der Fußballlehrer Burkhard Pape und seine Mission in Afrika     173

 

Unter Heiligen und Mördern     Fußball kann Menschen und Völker versöhnen. Aber er schützt nicht vor der Barbarei     193

 

Die Vuvuzela wird erschallen     Wie Südafrika

die Herausforderungen der Fußball-WM meistert     215

 

Fußball heißt Freiheit     Die Makana-Liga auf der Kerkerinsel Robben Island     241

 

Dank     255

 

Bildnachweis     256

Ke nako – es ist Zeit!

Achtzig Jahre hat Afrika gewartet,

endlich kommt die Fußball-WM

 

 

 

 

Das Good Hope Centre, das alte Veranstaltungszentrum von Kapstadt, erzählt viel über die Geschichte Südafrikas. Es ist eine monströse Zitadelle aus den Tagen der Apartheid, plump, fensterlos, die Fassaden schmutzbraun, ein Bunker der Weißen, der sie vor dem bedrohlichen Afrika schützen sollte. Seit dem Ende des staatlichen Rassenwahns dürfen auch Nichtweiße diese Festung ungehindert betreten. Am heutigen Tag, es ist der 15. Mai 2004, befinden sich überwiegend Farbige und Schwarze in der Haupthalle, rund tausend Leute, die Stimmung ist zum Zerreißen gespannt, obwohl nichts passiert, kein Rahmenprogramm, keine Darbietungen, keine Musik, nichts. Das Publikum steht einfach nur im Halbdunkel herum und wartet. Viele tragen phosphoreszierende Armringe, Haarspangen oder Stirnbänder, die wie dicke Glühwürmchen leuchten. Endlich, die Liveschaltung nach Zürich steht, ein Großbildschirm erhellt die Halle, und sogleich brandet Jubel auf. Nelson Mandela, ihr Nationalheld! Madiba nennen sie ihn, nach seinem königlichen Clan-Namen. In einem goldenen Hemd mit bronzefarbenen Blumenornamenten steht er neben dem Cup Jules Rimet und versprüht all seinen zauberhaften Charme. Madiba Magic – wer könnte da noch Nein sagen?

Gleich wird in 10 000 Kilometern Entfernung die Entscheidung fallen, welches Land die Fußballweltmeisterschaft 2010 ausrichten darf.

 

 

Die Sieger aus Südafrika: Erzbischof Tutu und Präsident Mandela in Zürich

 

Die Südafrikaner sind mit der hochrangigsten Delegation vertreten, die sie je ins Ausland entsandt haben. Drei Friedensnobelpreisträger begleiten Staatschef Thabo Mbeki in die Schweiz: der sportbesessene Desmond Tutu, anglikanischer Erzbischof zu Kapstadt; Frederik Willem de Klerk, der letzte weiße Präsident; und natürlich Nelson Mandela, der erste schwarze Präsident. Die Kameras schwenken auf Joseph Blatter. Der Chef des Weltfußballverbands öffnet ein Kuvert und zieht langsam ein Blatt Papier heraus. Und da steht es schwarz auf weiß, die ganze Welt kann es lesen: South Africa.

Im Good Hope Centre bricht orkanartiger Jubel aus, tausend Leute tanzen und singen und johlen und trällern, und man hätte sich nicht gewundert, wenn die geballte Freude die Mauern des Betonbunkers gesprengt hätte. Die erste Fußballweltmeisterschaft in Afrika! »Ein Geschenk der Völ kerfamilie für unsere junge Demokratie«, kommentiert eine Wochenzeitung. Die Menschen in den Townships empfanden das genauso: Ihr Land hatte unter der Führung von Nelson Mandela die Apartheid friedlich überwunden und wurde als demokratischer Hoffnungsträger Afrikas belohnt. Die Abstimmung der vierundzwanzigköpfigen FIFA-Exekutive war allerdings nicht so eindeutig ausgefallen, wie es die Auguren erwartet hatten: vierzehn Stimmen für Südafrika, zehn für Marokko, keine für Ägypten. Die vier Afri kaner im höchsten Gremium des Weltfußballs – Issa Hayatou (Kamerun), Amadou Diakite (Mali), Ismail Bhamjee (Botsuana) und Slim Aloulou (Tunesien) votierten übrigens alle gegen die Kaprepublik. Aber Nelson Mandela hatte wieder einmal ein Wunder vollbracht und sagte in seiner unnachahmlichen Art: »Well, I feel like a young man of fifteen.« – Er fühle sich wie ein junger Mann von 15 Jahren. Man glaubte es ihm allein schon deshalb, weil sein bübisches Lächeln die Herren von der FIFA wie steinalte Tatteriche aussehen ließ.

Das ganze Land war an jenem Jubeltag im Mai so euphorisch wie die Menschen im Good Hope Centre zu Kapstadt. Als Finanzminister Trevor Manuel ins Mikrofon rief: »Wer soll das bezahlen?«, schrie die Menge wie aus einem Mund: »Wir! Wir! Wir!« Kaum aber waren die Wellen der Euphorie verebbt, begann die kritische Selbstbefragung. Können wir uns eine Megashow, die astronomische Summen verschlingt, überhaupt leisten? Sollten wir die vielen Milliarden nicht besser für die Bekämpfung der Armut ausgeben? Vor allem weiße Südafrikaner argumentieren so – als wären sie plötzlich bekümmert, dass jene Zustände, die sie durch 350 Jahre Ausbeutung und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit herbeigeführt haben, nicht schnell genug abgeschafft werden könnten. Unterstützung erhielten sie durch humanitäre Organisationen und Entwicklungsexperten aus dem Norden. Auch die fragten: Braucht ein Schwellenland wie Südafrika nicht viel dringender Häuser, Schulen und Hospitäler als hypermoderne Fußballstadien? Welchen nachhaltigen Nutzen bringt dieser globale Kommerzzirkus? Könnte es sein, dass die ressourcenverschlingende WM dem Land am Ende sogar schadet? Über solche Fragen kann man durchaus streiten. Aber viele schwarze Fußballfreunde ärgert der Geist des ewigen Paternalismus, der sich hinter den moralischen Einwänden verbirgt – die weißen Gutmenschen wussten ja immer schon besser, was die Afrikaner zu ihrem Glück brauchen. Da erübrigt sich die Frage, was sie selber wollen.

Die Afrikaner wollen die Fußballweltmeisterschaft, das belegen alle repräsentativen Umfragen. In Südafrika fiebert die Mehrheit dem Ereignis nicht nur freudig entgegen, sondern knüpft gewaltige Erwartungen daran. 2010, das ist wie eine Zauberformel, die Wachstum und Wohlstand, Investitionen und Arbeitsplätze verspricht. Danny Jordaan, der Chef des lokalen Organisationskomitees, hält den Worldcup sogar für eine Art entwicklungspolitisches Instrument, das die südafrikanische Wirtschaft ankurbelt und die Demokratie stärkt. Für den einen oder anderen haben sich die Erwartungen schon erfüllt. Man muss sich nur mit Zoliswa Gila unterhalten, der einzigen Kranführerin Südafrikas. Sie kreist jeden Tag hoch über der Baustelle des Greenpoint-Stadions in Kapstadt und ist stolz darauf, bei diesem Großprojekt mitwirken zu dürfen. Zoliswa Gila lebt draußen in der Township Philippi, früher hat sie Fleisch verkauft, und es war nie genug Geld da. Heute kann sie ihre Familie und ihre Geschwister ernähren – dank 2010.

Die meisten Bewohner der Townships aber werden von den erhofften Segnungen nicht viel spüren, prophezeien Volkswirte und erinnern an das ernüchternde Fazit nach der WM 2006, als das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung »keinerlei nennenswerte gesamtwirtschaftliche Effekte« feststellen konnte. So wird es am Ende vermutlich auch in Südafrika sein. Der ökonomische Nutzen wird gewaltig überschätzt, die Kosten werden grob unterschätzt, das zeigen vergleichende Studien über Megaevents in aller Welt. Erwartungsgemäß sind auch die Ausgaben für 2010 explodiert und liegen weit über den Kalkulationen der südafrikanischen Regierung. Das berühmte trickle down, das Durchsickern der WM-Dividende zu den ärmeren Schichten, fällt recht bescheiden aus. Kurzer Bauboom, prächtige Stadien, bessere Verkehrsinfrastruktur, Modernisierungsschübe im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, gesteigerte Umsätze einzelner Branchen wie Tourismus, Hotel- und Gastgewerbe, Einzelhandel, Sportartikelindustrie oder Sicherheitsdienste, rund 50 000 Arbeitsplätze, von denen aber viele nur temporär sein werden. Mehr ist es nicht – aber auch nicht weniger. Eine realistische Prognose würde ungefähr so aussehen: Der Weltcup schafft Jobs, überwindet aber nicht die Massenarbeitslosigkeit. Er verbessert den Personenverkehr, löst aber nicht die fundamentalen Probleme des Transportwesens. Er setzt Wachstumsimpulse, führt aber keinen nachhaltigen Aufschwung herbei. Als Hauptprofiteur wird wie immer die FIFA dastehen – der Weltfußballverband ist ja auch keine barmherzige Samaritertruppe, sondern ein global operierender Konzern.

Aber die rein ökonomischen spin offs sind für fußballbegeisterte Afrikaner ohnehin zweitrangig. Auf allen Streifzügen durch den Kontinent, bei allen Gesprächen, die ich mit Politikern und Geschäftsleuten, Funktionären und Fans, Trainern und Profis über die WM 2010 geführt habe, ging es zuvorderst um den nicht pekuniären Mehrwert einer solchen Mammutveranstaltung, und der ist bekanntlich nicht messbar. Ein Freund aus Nigeria erinnerte daran, wie sehr das Sommermärchen 2006 unser Image verbessert hat – Deutschland präsentierte sich als fröhliche, weltoffene, unverkrampfte Nation und widerlegte alle gängigen Vorurteile gegen uns »Krauts«. Auch Afrika bietet das größte Sportfest der Erde die Chance, jenseits der immergleichen Zerrbilder vom verlorenen, hoffnungslosen, moribunden Kontinent anders wahrgenommen zu werden – als friedlicher Kontinent, auf dem nicht immer und überall Krieg, Hunger und Elend herrschen; als aufbrechender Kontinent mit einer demokratischen Reformagenda und potenziellen Zukunftsmärkten; als vielfältiger, bunter, heiterer Kontinent, auf dem gelebt und geliebt und gelacht wird wie in jedem anderen Winkel der Welt auch. Und genau dieser Wunsch beseelt das Motto der Weltmeisterschaft: Ke nako, it’s time to celebrate humanity! – Es ist Zeit, die gemeinsame Humanität zu feiern!

Die Außenwelt hat Afrika jahrhundertelang geplündert. Seine Menschen wurden von Sklavenhändlern verschleppt, seine Völker durch die europäischen Kolonialmächte unterdrückt, seine Rohstoffe von Industriestaaten ausgebeutet. Es wurde immer nur genommen, nie gegeben, und die Afrikaner waren die ewigen Verlierer. Deshalb empfinden sie den Zuschlag für die Fußball-WM auch als kompensatorische Geste – endlich begegnet man ihnen auf Augenhöhe, endlich werden sie als gleichwertige Mitglieder der internationalen Gemeinschaft anerkannt.

It’s Africa’s turn! – »Nun ist Afrika dran!« Mit diesem Leitspruch gingen die Südafrikaner ins Rennen; sie deklarierten ihre Bewerbung von Anfang an als afrikanische Mission – als Teil jener kontinentalen Selbsterneuerung, die ihr Expräsident Thabo Mbeki African Renaissance genannt hatte. Obwohl die Bruderstaaten den Südafrikanern gelegentlich argwöhnisch begegnen – sie kommen schließlich aus dem politisch einflussreichsten und wirtschaftlich stärksten Land des Kontinents –, erklärte die Afrikanische Union den Weltcup 2010 zu einem Gemeinschaftsprojekt. Das WM-Logo setzt dieses Bestreben wunderbar ins Bild: Zu sehen ist der Schattenriss eines schwarzen Fußballers, der an die Felsmalereien der San erinnert, der Ureinwohner Afrikas. Der Spieler macht vor dem Hintergrund des in den Farben der südafrikanischen Nationalflagge eingefärbten Kontinents einen Fallrückzieher, das Standbein am Kap, das Spielbein im Nildelta, Kopf und Rücken in Westafrika, der Ball über dem Mittelmeer.

Der Zuschlag für die WM 2010 würdigt Afrikas wachsende Bedeutung im Weltfußball. Zunächst waren ja die Europäer und Südamerikaner unter sich geblieben, die Championate pendelten zwischen ihren Erdteilen hin und her. Die Afrikaner hatten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein keine Nationalmannschaften, ihre Länder standen unter französischer, britischer oder portugiesischer Fremdherrschaft, und Fußball war bestenfalls eine Art Erziehungsinstrument, um den Schwarzen weiße Disziplin und strikte Regeln einzutrichtern. Aber im Gegensatz zu anderen kolonialen Leibesertüchtigungen wie Cricket, Rugby, Tennis oder Golf, von denen die »Eingeborenen« ausgeschlossen wurden, entwickelte sich Soccer zu einem Massensport, der sich schließlich gegen die europäischen Invasoren richtete – er wurde zu einem Schauplatz des antikolonialen Widerstands. Nachdem die Völker Afrikas in den 1950er- und 1960er-Jahren ihre Unabhängigkeit errungen hatten, diente Fußball dem nation building, der Selbstvergewisserung als eigenständige Nationen. Nun forderten auch die Afrikaner ihren Platz im internationalen Sport. Im Laufe der Jahrzehnte wurden mehr Mannschaften für den Worldcup zugelassen, aber man betrachtete sie anfänglich nur als Kanonenfutter.

Das sollte sich spätestens bei der WM 1990 in Italien ändern, als die Indomitable Lions, die »unbezähmbaren Löwen« aus Kamerun, ins Viertelfinale vorstießen und die Engländer das Fürchten lehrten – ihr Ausscheiden lässt sich nur mit einer Fußballweisheit aus dem Munde des brasilianischen Torjägers Ronaldo erklären: Sie haben verloren, weil sie nicht gewonnen haben. Fortan wurden Teams wie Nigeria, Ghana, Côte d’Ivoire oder eben Kamerun als ebenbürtige Gegner respektiert, und in den reichsten Ligen der Welt wollte niemand mehr die Stars aus Afrika missen. Ke nako – zu Beginn des 21. Jahrhunderts war die Zeit für den ersten Weltcup in Afrika gekommen, und Südafrika, das Schwellenland im tiefen Süden, war ein geradezu prädestinierter Kandidat. Welches andere Land Afrikas hätte die Stadien, die Infrastruktur und das Personal, die Kommunikationsmittel und das Kapital, um so ein Megaturnier zu wuchten? Die Kaprepublik war der haushohe Favorit, dennoch sollte ihre Bewerbung ein schweres Auswärtsspiel werden.

Blenden wir noch einmal kurz zurück in diese turbulente Phase. Als die Südafrikaner im ersten Anlauf scheiterten, waren sie fassungslos, und sogleich geisterten allerlei Verschwörungstheorien durchs Land. Tenor: Die weißen Fußballmachthaber verweigern uns den Weltcup, weil sie uns dessen Durchführung einfach nicht zutrauen. Der Hauptschuldige war auch gleich gefunden: Charles Dempsey, FIFA-Exekutivmitglied von der Rumpelfüßlerinsel Neuseeland; er hatte sich unter mysteriösen Umständen der Stimme enthalten und dadurch die 11:12 Abstimmungsschlappe gegen Deutschland heraufbeschworen. Nconde Balfour, der südafrikanische Sportminister, hat damals geweint.

Ganz anders sah der dicke Mann im Februar 2004 bei einer Pressekonferenz in Kapstadt aus – er strahlte wie ein Weltmeister. Denn neben ihm saß ein gewisser Franz Beckenbauer, und der Himmel über dem Tafelberg leuchtete bayerisch-blau. Mit dem Beistand des Kaisers, der vom erbitterten Rivalen zum Mentor Südafrikas mutiert war, würde man es im zweiten Anlauf ganz sicher schaffen. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings nur eines gewiss: Die Fußball-WM 2010 wird in Afrika stattfinden. Aber wo? In Marokko oder in Südafrika? »Na ja«, sagte Beckenbauer, und man rechnete schon fest mit seinem salomonischen Schaumermal. Aber der Kaiser kratzte sich nur am Hinterkopf. »Da will i gar nix prophezeien. Sportpolitik ist nämlich eine total irrationale Angelegenheit.«

Dennoch lässt sich ganz rational erklären, warum die Südafrikaner am Ende doch die Nase vorn hatten. Zu den guten materiellen Voraussetzungen des Standorts kamen die günstigen politischen Konstellationen. Die Wende am Kap und die Vision von der Wiedergeburt Afrikas fielen nämlich mit einem Umschwung im Weltfußballverband zusammen. Im Zuge der Globalisierung hatte die FIFA den Fußball von der kleinsten Schraubstollennorm bis zur letzten Hemdkragenwerbung kommerzialisiert, doch je schneller das Milliardengeschäft expandierte, desto lauter wurden die Rufe nach mehr Demokratie im Weltfußballsystem. Das Prunkstück namens Weltcup konnte keine exklusive Angelegenheit der Europäer und Amerikaner mehr bleiben. Unterdessen konkurrieren über zweihundert Staaten um die zweiunddreißig WM-Startplätze – das sind mehr, als an Olympischen Sommerspielen teilnehmen, und mehr, als die Vereinten Nationen Mitglieder haben. Die erste große Konzession der FIFA war die Vergabe der WM 2002 an Südkorea und Japan, wo der Fußballmarkt besonders rasch wächst. Zugleich warb FIFA-Präsident Joseph Blatter für das neue interkontinentale Rotationsmodell und unterstützte die afrikanischen Aspirationen höchstpersönlich. Er tat dies nicht nur aus geostrategischen Erwägungen und machtpolitischem Eigennutz, sondern weil er dem Kontinent etwas zurückgeben wollte – die Mehrheit der afrikanischen Delegierten hatte stets treu zu ihm gehalten und ihn zweimal gewählt. Sepp Blatter, man mag es in Europa kaum glauben, ist in Afrika recht beliebt.

Die Geschichte der Fußballweltmeisterschaften beginnt 1930 in Uruguay. Achtzig Jahre mussten die Afrikaner warten, ehe sie das Turnier aller Turniere erstmals austragen dürfen. Hätte es zum Zeitpunkt des Zuschlags schon Barack Obamas Leitspruch gegeben, hätten alle gerufen: »Yes, we can!« – »Schaut her, wir können es auch.« Bald wird sich der Vorhang öffnen und ein ganz anderes Afrika auf die globale Bühne treten, ein modernes, zukunftsorientiertes, fröhliches Afrika, das sechs Wochen lang versuchen wird, die immergleichen Stereotype vom Kontinent der Bettler und Hilfsempfänger, Krieger und Kleptokraten, Hungerkinder und Aids-Toten abzuschütteln. Eines aber lässt sich schon vor dem großen Showdown mit Gewissheit sagen: Seit dem Ende der Kolonialherrschaft in den 19 60er- Jahren gab es kein Ereignis, das das afrikanische Selbstbewusstsein mehr beflügelt hätte. Und wo ließen sich Gleichheit und Brüderlichkeit, Völkerverständigung und Toleranz schöner zelebrieren als auf dem Fußballplatz? Wenn, wie in Deutschland 2006, nahezu 30 Milliarden Zuschauer aus aller Herren Länder ein Fußballturnier verfolgen und den virtuellen Erlebnisraum teilen, wird die Utopie von der Weltfamilie Wirklichkeit.

Die WM 2010 werde nicht nur die Probleme Afrikas zeigen, sondern auch die Fähigkeit, sie zu lösen, befindet Andreas Mehler, der Direktor des renommierten Instituts für Afrika-Studien in Hamburg. »Wer sich Afrika über den Fußball annähert, wählt nicht den schlechtesten Weg, um zu verstehen, wie dieser Kontinent funktioniert.« Seit eineinhalb Jahrzehnten berichte ich über die Region zwischen Khartum und Kapstadt, Dakar und Daressalam, und von Anfang an verfolgte ich das Fußballgeschehen auf dem Kontinent. Gelegentlich hat mich erzürnt, wie die schönste aller Sportarten politisch missbraucht wurde, und es war niederschmetternd, dass sie dem Genozid in Ruanda nichts entgegenzusetzen hatte – die Fußballer mordeten mit.

Wo immer ich hinkam, der Fußball war überall das wertvollste Kommunikationsmittel. Er überwindet Sprachbarrieren, schlägt Brücken zwischen Kulturen und versöhnt manchmal sogar Bürgerkriegsparteien. Gelegentlich war ich froh, über Spiele oder Spieler reden zu können, um brenzlige Situationen zu entschärfen. Zum Beispiel beim Zusammentreffen mit betrunkenen Lumpensoldaten im Kongo oder mit Milizionären in Sierra Leone. Oder im Gespräch mit jugendlichen Mördern und Totschlägern, die ich in einem südafrikanischen Hochsicherheitsgefängnis besuchte. Nur ein einziges Mal hinterließ König Fußball keinerlei Wirkung. Ich war im Urwald der Zentralafrika nischen Republik auf eine Gruppe von Baka gestoßen, Ureinwohner, die wegen ihrer Kleinwüchsigkeit von kolonialen Ethnographen dem fragwürdigen Sammelbegriff »Pygmäen« zugeordnet wurden. Auf einer Lichtung starrte mich eine Schar nackter Kinder an, als wäre ich soeben vom Mond heruntergefallen. Da hockte ein weißer Mann auf einem Baumstumpf, presste einen seltsamen schwarzen Gegenstand an sein Ohr und schrie manchmal aus unerfindlichen Gründen auf. Ich hörte auf meinem Weltempfänger eine Livereportage aus dem Dortmunder Westfalenstadion, 30. Spieltag der Bundesligasaison 1994/95, meine Borussia gegen den VfL Bochum, 3:1 hieß es am Ende – ein Heimsieg auf dem Weg zur Meisterschaft. Ich musste das unbedingt hören. Aber wie hätte ich den Kindern erklären sollen, wer Sabine Töpperwien ist und was es mit dem BVB auf sich hat? Es gibt in ihrer Sprache kein Wort für dieses merkwürdige Spiel der Menschen, die nicht im Wald wohnen ...

Wenn irgendwo der Ball rollte, habe ich oft selber mitgekickt, auf Dorfplätzen und Schulhöfen, in Militärkasernen und Flüchtlingslagern, in Slums oder auf dem gepflegten Trainingsgelände eines Erstligavereins. Oder mit meinen Jungs, den Radium Stars aus Johannesburg. Ich begleitete Fußballhexer und besuchte Socca-Stars, fachsimpelte mit Trainern und stritt mit korrupten Vereinsbossen. Oft kam ich mir als einziges Bleichgesicht unter Tausenden von schwarzen Fans wie ein Paradiesvogel vor. Als ich 1980 zum ersten Mal nach Afrika kam, überreichte ich einem kleinen Massai-Jungen einen Lederball – so halte ich es bis heute: Ein Fußball ist das allerschönste Geschenk, das man afrikanischen Kindern machen kann.

Von all diesen beglückenden Erfahrungen und seltsamen Begegnungen will ich in diesem Buch erzählen. Es ist eine Hommage an den afrikanischen Fußball, an seine Versöhnungskraft, seine Verführbarkeit, seine unwiderstehliche Magie. Über tausend Fußballlegionäre aus Afrika tragen diese Magie rund um den Globus, sie zaubern in den höchsten Ligen und verstärken die besten Vereinsmannschaften der Welt. Die Zukunft des Fußballs ist schwarz, orakelte Pelé einmal. Aber wenn einem Stürmer wie Didier Drogba ein fabelhaftes Tor gelingt, nehmen selbst eingefleischte Rassisten nicht mehr wahr, ob er schwarz oder weiß ist. Der Homo ludens, der spielende Mensch, kennt keine Hautfarbe, er spielt als Gleicher unter Gleichen. Ke nako!

 

Kapstadt, im Oktober 2009

Kinder, funktioniert!

Im Zweifel am WM-Land Südafrika nisten

die ewigen Vorurteile gegen einen ganzen

Kontinent

 

 

 

 

Es waren ungefähr zwei Hundertschaften Funktionäre, dicke, fröhliche, laute Funktionäre aus Südafrika. Sie hatten sich in einem Berliner Nobelhotel versammelt, übten sich im Kampftrinken und kauten Dörrfleisch, das am Kap Biltong genannt wird. Auf der Bühne lief irgendein Versöhnungskitsch, schwarze und weiße Tänzer, eng umschlungen. Niemand sah zu, niemand führte durchs Programm. »What’s going on? No idea«, lallte ein wankender Vertreter des südafrikanischen Fußballverbands SAFA. »Keine Ahnung, was hier los ist.«

Eigentlich hätte es eine Art Übergabezeremonie werden sollen, bei der Deutschland den WM-Stab an Südafrika weiterreicht. Das Problem war nur, dass sie am 9. Juli 2006 abends stattfand, und da lief zufällig noch eine andere Veranstaltung in Berlin – das Finale der Fußballweltmeisterschaft. Und so war dank dieser genialen Terminabstimmung außer dem deutschen Botschafter niemand von Rang und Namen ins Hotel Maritim gekommen. Die Eminenzen saßen alle draußen im Olympiastadion und sahen zu, wie Zidane seinen Schädel in den Brustkorb von Materazzi rammte. Die allererste WM-2010-Party der Südafrikaner – ein kolossales Eigentor.

Die eisernen Italiener wurden an jenem historischen Abend mit viel Glück und Grosso Weltmeister. Und seit dem Schlusspfiff um 22.42 Uhr MEZ – im Maritim sanken gerade die ersten Funktionäre unter den Tisch – fragt sich die ganze Fußballwelt: Werden die Südafrikaner es schaffen? Ein Schwellenland in Afrika mit massiven Armutsproblemen, eine zerrissene Nation, in der die Kriminalität ausufert – ist das größte Spektakel der Welt für ein solches Land nicht eine Nummer zu groß?

Natürlich geht auch uns diese Kardinalfrage durch den Kopf, als wir in den furchterregenden Betonbunker des Civic Centre in Kapstadt treten. Oben, in der sechsten Etage, nach fünf Sicherheitsschleusen, wagen wir zunächst nicht, sie auszusprechen. Wir befinden uns im Ofisi Kasodolophu, im Büro der Oberbürgermeisterin, und die fragt: »Cranberry oder Mango?« Als ihr Assistent drei kleine Tetrapaks auf den Tisch stellt und sich erkundigt, ob er Gläser bringen soll, sagt sie: »Nein, Gläser gibt es nur für wichtige Leute, nicht für Journalisten.« Und als wir, ermutigt durch den ersten Schluck Moosbeerensaft, die unvermeidliche Frage zur Fußball-WM stellen, antwortet sie: »Scheitern? Das kommt überhaupt nicht in Frage!« Auf Deutsch sagt sie das, im Jawoll-Ton. Ihr rotes Mantelkleid passt dazu – es ist geschnitten wie ein preußischer Waffenrock.

Das also ist Hellen Zille, 56, Mayor of Cape Town, Chefin einer Drei-Millionen-Metropole und, auf nationaler Ebene, Vorsitzende der Oppositionspartei Democratic Alliance, einer Art afrikanischen FDP, aber ohne Westerwelle. Sie ist die mächtigste weiße Frau in Südafrika. Aber was hat sie mit Fußball zu tun? Mehr, als ihr lieb ist. Denn boshafte Kritiker, vor allem aus den Reihen der Regierungspartei African National Congress (ANC), sagen Zille gern nach, dass sie den Afrikanern die WM nicht gönne; weil sie zunächst gegen das neue Riesenstadion mitten in ihrer schönen Stadt war und in ihrer ersten Amtshandlung alle Baumaßnahmen stoppen ließ. Und weil sie durch ihre Dickfelligkeit den Planungsprozess so lange verzögert hat, dass sogar Herrn Blatter, den Alleinherrscher des Weltverbands FIFA, Zweifel beschlichen, ob es eine gute Idee war, zum ersten Mal eine WM nach Afrika zu vergeben.

Kapstadt ist nämlich nicht der einzige Problemfall. Jede Woche gehen irgendwelche Hiobsbotschaften aus Südafrika in der FIFA-Zentrale in Zürich ein: über die kariöse Infrastruktur und das miserable Transportwesen und das überlastete Stromnetz, vor allem aber über Mord und Totschlag, in diesen Disziplinen ist Südafrika heute schon Weltmeister: Jedes Jahr werden 18 000 Menschen ermordet, das sind Zahlen, die sonst nur Bürgerkriegsländer aufzuweisen haben. »No problem!«, beschwichtigen die einheimischen Politiker und Funktionäre unisono. Kritische Nachfragen überhören sie geflissentlich.

Wo sollen zum Beispiel die Fans schlafen, die der Fußballgott nach Bloemfontein verbannt hat, in die langweiligste Stadt Südafrikas? Um der erforderlichen Hotelkapazität nä her zu kommen, rechnet das örtliche Organisationskomitee einfach die Betten von Maseru hinzu – das ist die Kapitale des Nachbarstaats Lesotho. Wie kommen die Schlachtenbummler von Johannesburg nach Pretoria, wenn der Gautrain, der die beiden Metropolen verbinden soll, 2010 höchstens zur Hälfte fertig sein wird? Wie soll der Ansturm von 450 000 Besuchern bewältigt werden, wo es doch kein öffentliches Transportwesen gibt, keine Metro, keine S-Bahn, nichts? Und woher bringt man den Beton für die zehn Stadien, die entweder neu gebaut oder renoviert werden müssen? Der Zement ist jetzt schon knapp, die Zulieferer bilden Kartelle und jagen in geheimen Absprachen die Preise in die Höhe, Fachkräfte gibt es ohnehin viel zu wenige, und die Bauarbeiter streiken im Vierteljahresrhythmus für höhere Löhne. Der flächendeckende Ausstand der National Union of Mineworkers (NUM) wird ein Jahr vor der WM große Nervosität auslösen. Einfache Arbeiter verdienen 2500 Rand im Monat, rund 230 Euro, das ist recht wenig für die harte Arbeit, die sie unter enormem Druck leisten. 13 Prozent mehr Lohn forderte ihre Gewerkschaft, andernfalls drohten sie, den Streik ad infinitum zu verlängern – und notfalls auch das Megaspektakel ausfallen zu lassen. Danny Jordaan, der Chef des nationalen Organisationskomitees, bot sofort die Friedenspfeife an. »Sie sind das Blut des Weltcup-Projekts«, lobte er die Bauarbeiter, und natürlich werde man eine schnelle Lösung finden.

So war es von Anfang an: Erfolgsmeldungen wechselten mit Hiobsbotschaften und vice versa. Im August 2006 bekannte ein Architekt mit sorgenvoller Miene: »Wir sind ungefähr ein Jahr hinter dem Zeitplan.« Er wollte seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. Im gleichen Monat rief Cleo Monzana an, eine alte Bekannte, die jetzt im Innenministerium in Pretoria eine gehobene Position erobert hat: »Die Ministerin ist in Berlin, sie sucht Bauingenieure!« Als Schreiberling kennt man zwar jede Menge Schreiberlinge, aber niemanden vom Bau.

In Südafrika herrschen Chaos und Ratlosigkeit, befand ein deutsches Nachrichtenmagazin. Wie sollte ein Entwicklungsland, »das keine festen Organisationsstrukturen kennt und noch nie ein ähnliches Großereignis veranstaltet hat«, die Herausforderung meistern? Man bedenke, dass es in der Kaprepublik lediglich 2000 Kilometer Autobahn und 5000 Kilometer Nationalstraßen gebe. Das kann ja heiter werden! Wer je in Südafrika unterwegs war, kann über solche Bedenken nur lächeln. Denn das Straßennetz von 754 000 Kilometern Länge (wovon 60 000 Kilometer geteert sind) genügt in Relation zur Fläche und Bevölkerungsdichte des Landes durchaus den Standards eines Industriestaats. Unterentwickelt ist nur der öffentliche Nahverkehr, aber dazu kommen wir gleich. Das Beispiel des deutschen Nachrichtenmagazins zeigt, wie wenig die journalistischen Fernanalytiker über die Kaprepublik wissen – und wie genüsslich sie auf den Stereotypen herumreiten. Tenor aller Zwischenberichte: Es könnte 2010 verdammt eng werden. Selbst die Globalstrategen der FIFA denken vorsorglich über Alternativen nach. Australien. USA. England. Deutschland. Diverse Namen geistern durch die Gazetten, sie werden von den Funktionären aus Zürich offenbar gezielt verbreitet, um den Südafrikanern Dampf zu machen.

Ersatzkandidaten? Diesmal antwortet Hellen Zille auf Englisch: »We will do it! And we will do it properly!« – »Wir werden es hinkriegen, und zwar ordentlich.« »Wir haben nur ein oder zwei kleinere Probleme ... «, fügt sich lächelnd hinzu und schaut auf das Chaos direkt unter ihrem Büro: der zentrale Busbahnhof, in dem sich Hunderte von Sammeltaxis ineinander verkeilen – es sind die Haupttransportmittel der Schwarzen. Kapstadt hat ein Nahverkehrsnetz, das ungefähr so dicht ist wie das in Grönland. Die Vorortzüge sehen aus wie Union-Pacific-Waggons nach einem Indianerangriff, und die beiden Zubringerautobahnen N1 und N2 münden in einen Flaschenhals, der schon in Normalzeiten heillos verstopft ist. Ein Rätsel, wie man die WM-Massen bewegen will.

Aber ehe die Oberbürgermeisterin dieses Thema vertieft, präsentiert sie ihre jüngste Errungenschaft, eine Sonderbriefmarke, 100 Jahre Heinrich Zille, abgestempelt 1958. Der Berliner »Milljöh«-Maler war ihr Urgroßonkel. Ihre Eltern sind vor den Nazis ans Kap geflohen. Zille wuchs in den Hochzeiten der Apartheid auf, wurde Journalistin und schloss sich der Bürgerrechtsbewegung Black Sash an. Sie deckte den Fall des schwarzen Freiheitskämpfers Steve Biko auf, den weiße Polizisten wie einen Hund totgeprügelt hatten. Sie spricht fließend isiXhosa, die Sprache Nelson Mandelas. Und seit sie ihre Vorgängerin Nomaindia Mfeketo aus dem Rathaus verjagt und mit deren korrupter Truppe aufgeräumt hat, ist sie die Lieblingsfeindin des im Rest des Landes allmächtigen ANC. Es gab diverse Schmierkampagnen und Putschversuche, bei Reden im Stadtparlament musste sie gegen das Gebrüll und Gelächter ihrer Widersacher ankämpfen, und einmal, in der Township Khayelitsha, wurde sie sogar mit Plastikstühlen beworfen. Unter militanten Gegnern ist das Schimpfwort white bitch recht beliebt, »weißes Luder«.

Eigentlich müssten sie der Oberbürgermeisterin zujubeln, wenn sie Sätze wie diesen sagt: »Bauen wir ein Stadion, oder versorgen wir die Ärmsten mit Wasser?« Um Helen Zille und ihre Vorbehalte gegen Milliardeninvestitionen für den WM-Zirkus zu verstehen, muss man sich die krassen Gegensätze in ihrer Großkommune vor Augen halten. Der Tafelberg, den sie vom Schreibtisch aus sehen kann, wird am Wochenende mit Flutlichtlampen angestrahlt und leuchtet wie ein titanischer Zauberstein, während die squatter camps, die wilden Siedlungen vor der Stadt, in mittelalterlicher Finsternis versinken. In den Townships wüten Tuberkulose und Aids, in der City boomen die Schönheitskliniken. Und vermutlich säuft jeder Golfplatz jeden Tag mehr Wasser, als tausend schwarze Frauen in ihren Plastikkanistern nach Hause schleppen können. Kapstadt, das ist ein Mikrokosmos der globalen Ungleichheit. Hier prallen der Luxus des Nordens und das Elend des Südens direkt aufeinander, der Mangel und der Überfluss, die Völlerei und der Hunger, die Blechhütten und die Paläste. Es ist ein kleiner Unterschied, ob man eine Fußball-WM in einem solchen Umfeld oder, sagen wir, in Stuttgart veranstaltet. Aber die FIFA will ihn nicht wahrhaben.

Kapstadt kann es sich eigentlich nicht leisten, dem stinkreichen Altherrenverein auch noch protzige Bauten hinzustellen. »Wir haben andere Prioritäten, uns fehlen zum Beispiel vierhunderttausend Wohneinheiten«, rechnet die Oberbürgermeisterin vor. Außerdem habe sie 30 Milliarden Rand Schulden geerbt, zum Zeitpunkt unseres Gesprächs rund drei Milliarden Euro. Im Vergleich mit dem Berliner Schuldenberg von weit über 60 Milliarden Euro ist das gar nicht so viel, Misses Zille. Unser Bürgermeister sieht jedenfalls nicht so gesund aus wie Sie. »Der Wowereit feiert eben zu viele Partys.« Helen Zille geht selten auf Partys. Sie sitzt lieber am Verhandlungstisch und feilscht, mit der FIFA, mit dem Premier der Provinz Western Cape, mit dem Finanzminister in Pretoria. »Ich habe einfach einen Deckel draufgesetzt.« Ihrer Schläue und Zähigkeit ist es zu verdanken, dass die Stadt nur 500 Millionen Rand zum Bau des neuen Stadions beisteuert. 50 Millionen Euro. Allerhöchstens.

Den Capetonians blieben trotzdem die Muffins im Hals stecken, als sie zum Frühstück die Fotomontage auf der Seite eins der Cape Times sahen. Das Betonungetüm, das da mitten in ihrem Traumstadt-Panorama hockte, ließ die Hochhäuser an der Meerpromenade und sogar den Felsenkegel des Lion’s Head ziemlich mickrig erscheinen. Sollten die Horrorvisionen der Umweltschützer, die seit Monaten gegen das Projekt prozessieren, tatsächlich wahr werden? Sie sprechen von einem »monströsen Furunkel«, der das schöne Antlitz von Kapstadt entstelle. »Alles maßlos übertrieben«, sagt Farouk Abrahams. Er weiß das aus erster Hand, denn er sitzt in der Sportredaktion der Cape Times, und weil er früher einer der besten Torhüter Südafrikas war, gehört er zu den anerkannten Fußballautoritäten des Landes. »Die Kollegen haben die Proportionen aufgeblasen.« Abrahams kann das ganze Bohei sowieso nicht verstehen. »Das Bauwerk ist doch ein Blickfang, und jede Weltklassestadt hat ein Weltklassestadion verdient.« Aber die Miesmacher würden die Dimension einer Soccer-WM gar nicht begreifen, man denke nur an die Investionen und die vielen Arbeitsplätze und die fantastische Werbung für das Land. »Für mich ist es das größte Ereignis aller Zeiten, und das bei uns, in Südafrika!« Nur ein Ereignis ist für den gläubigen Muslim noch wichtiger: die Wallfahrt nach Mekka. Er will noch vor der WM hin, und dann wird – Inschallah! – ohnehin alles nach göttlichem Plan laufen.

Wir trafen uns zum ersten Mal im Vygekraal-Stadion draußen in Athlone, Abrahams trainierte gerade die Nachwuchstorwarte, er leitet nämlich nebenher auch noch eine Goal Keeper Academy. Man konnte gleich nachvollziehen, warum er schon damals gegen diesen Standort für eine WM-Arena war: Die Bälle flatterten im steifen South Easter wie Schweinsblasen durch die Luft, weil die Anlage genau in die Richtung dieses berüchtigten Meerwinds gebaut wurde, der oft tagelang vom Indischen Ozean quer über die Kapebene hinaus in den Atlantik fegt. »Da würde sogar Ronaldo Probleme bekommen.« Dabei wäre Athlone ideal gelegen, nämlich genau zwischen der Stadt der Weißen und den Townships der Schwarzen und Farbigen, es hätte ein Bindeglied sein können, das die Trennlinien der Apartheid überwindet. Aber genau deswegen war die FIFA dagegen. Von einem Funktionär aus Zürich, der die Sportstätte inspizierte, ist die Bemerkung überliefert, dass man Milliarden von Fernsehzuschauern die Blechhütten und die Armut nicht zumuten wolle. Die FIFA will Spiele in Afrika, aber möglichst ohne die armen Afrikaner. Also legte sie fest, dass sie in der reichen weißen City stattfinden, und zwar vor der atemberaubendsten Naturkulisse, die seit dem Bau des Estádio Maracanã in Rio de Janeiro gewählt wurde: in Greenpoint, zwischen dem Tafelberg und der Tafelbucht.

Auf dem Signal Hill gibt es einen Standort, an dem man genau in das alte Stadion von Greenpoint hineinschauen kann. Es ist die Stelle, auf der der Attentäter in Henning Mankells Roman Die weiße Löwin mit seinem Präzisionsgewehr stand, um Nelson Mandela abzuknallen. Man sieht Abrissbagger, die gerade die Tribünen demolieren. Der Bau der neuen Superarena hat begonnen, sechzehn Stockwerke hoch soll sie werden. »In dieser Stadt sind alle gegen Greenpoint«, meint der Anwalt Derek Dyckman. Alle, die so bleichgesichtig und privilegiert sind wie er – aber das sagt er nicht dazu. Die wohlhabenden Capetonians betrachten die City als ihr Eigentum, auf dem die Schwarzen und der Proletensport Fußball eigentlich nichts verloren haben. Nun wächst der »Furunkel« ausgerechnet auf ihrem common, auf öffentlichem Gelände, das nicht für kommerzielle Zwecke genutzt werden darf und seit Kolonialzeiten der Erbauung und Ertüchtigung der Herrenrasse dient. Eine weitläufige Freifläche, Golfplatz, Rugbyclub, Cricketfeld, Fitnesstempel, Pferdeställe, alles leicht heruntergekommen, aber immer noch exklusiv.

»Genau deshalb sind alle Schwarzen für Greenpoint«, sagt Effort Gwala. Sie wollen genau diesen Standort für das neue Stadion, in dem 2010 ein Halbfinale ausgetragen wird – es symbolisiert nämlich die Eroberung der weißen Stadt, die sie früher nur als Lohnsklaven betreten durften. Die Fans aus den Townships werden zu Zehntausenden hin einziehen und feiern und Toyi-Toyi tanzen und so laut in ihre Vuvuzela-Tröten stoßen, dass die Weißen wieder die Urangst packen wird, gleich ins Meer getrieben zu werden.

Wir treffen Gwala im Champs, einer Spelunke, in der ausschließlich schwarze und farbige Sportexperten verkehren. Der einzige Weiße ist der Besitzer, er klebt, umgaukelt von zwei dunkelhäutigen Perlen, auf dem immergleichen Barhocker und raucht und trinkt sich zielstrebig in die Grube. Auf der Großbildleinwand läuft ein wichtiges Match der Cricket-WM, die Proteas aus Südafrika gegen die Westindischen Inseln, 65 runs bei zwei verlorenen wickets, kein überzeugender Zwischenstand. »Aber Greenpoint wird ein weißer Elefant«, glaubt Gwala, »achtundsechzigtausend Zuschauer, das kriegen sie nach dem Semifinale nie mehr voll.« Abgesehen davon können sich normale Menschen sowieso kein Ticket leisten. »Die fangen schon an zu rechnen, wenn sie eine Hin- und Rückfahrt von Khayelitsha nach Greenpoint mit dem Gemeinschaftstaxi zahlen müssen.« Die Fahrt kostet zwölf Rand. Einen Euro und zehn Cent.

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– das Maß aller Dinge. Entsprechend verstört sind die Südafrikaner, wenn ein Halbgott wie Pelé befindet: »Ich fürchte, dass sie mit ihrem Job nicht fertig werden.« Im Champs erfüllt das beinahe den Tatbestand der Völkerbeleidigung. Hier zweifelt keiner am Gelingen. Und so ist es im ganzen Lande, das ergeben jedenfalls die Umfragen: Die Zuversicht ist schwarz, die Bedenken sind weiß.

Die Maschine läuft. Aber sobald ein Fremder Bedenken äußert, wird er gleich giftig ausgekontert: »Ach, ihr seid Rassisten, ihr traut Südafrika einfach nichts zu! Hat man den Rugby-Worldcup 1995 nicht glänzend durchgezogen? Und die Afrika-Meisterschaft 1996? Und die Weltmeisterschaft im Cricket 2003?« Stimmt, aber diese Veranstaltungen waren zwei Nummern kleiner, mindestens. Zweifel, Selbstzweifel gar, waren noch nie die Stärke der Südafrikaner. »Wir werden 2010 die erfolgreichste Weltmeisterschaft aller Zeiten ausrichten. Wir werden dieses Versprechen halten. Die Leute, die daran zweifeln, haben auch nicht geglaubt, dass wir die Apartheid besiegen«, sagte Thabo Mbeki, der Präsident von Südafrika. »Schaumermal«, kann man da nur auf gut Beckenbauerisch anmerken.

Abgebrochener Highway in Kapstadt