Kirsten John

Zeitreisende
küsst man nicht

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Weitere Bände dieser Reihe:
Verliebt in eine Zeitreisende (Band 50611)

Das dazugehörige Hörbuch ist unter dem Titel
Ariadne. Zeitreisende soll man nicht aufhalten erhältlich.

Kirsten John
denkt sich Geschichten aus, seit sie zehn Jahre alt ist. Eine Zeit lang schrieb sie nach
der Schule, dann während des Studiums, schließlich neben ihrer Arbeit als Redakteurin
bei einem Stadtmagazin. Irgendwann konzentrierte sie sich ganz und gar darauf – und
veröffentlicht seitdem Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Von ihrem
Schreibtisch aus hat sie einen wunderbaren Blick über Hannover, wo sie, ihre Familie
und ihr Hund leben.

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1. Auflage als Sonderausgabe 2014
© 2012 Arena Verlag GmbH, Würzburg
Alle Rechte vorbehalten
Das Buch ist erstmals 2012 in anderer Ausstattung unter dem Titel
Pandora. Zeitreisende soll man nicht aufhalten beim Verlag erschienen.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Umschlagillustration: Nina Dulleck
Umschlagtypografie: knaus. büro für konzeptionelle und
visuelle identitäten, Würzburg
ISSN 0518-4002
ISBN 978-3-401-80410-1

www.arena-verlag.de
Mitreden unter forum.arena-verlag.de

I.

Murmeltiertag

Kapitel 1

Sonntag im Oktober, wahrscheinlich kurz nach halb sieben, es ist noch dämmerig draußen, und es ist wichtig, sich das zu merken: Wer in der Zeit herumspringt, für den ist es manchmal nicht ganz klar, was vorher und was nachher und was noch gar nicht passiert ist. Das kann dann sehr verwirrend werden.

Nicht dass ich in letzter Zeit viel gesprungen wäre.

Ich schließe die Augen wieder und ignoriere den großen, zotteligen Kopf wenige Zentimeter vor meiner Nase. Ohne großen Erfolg, also muss ich wohl deutlicher werden: »Hau ab«, brumme ich.

Als einzige Reaktion weht mir fauliger Atem ins Gesicht.

»Rufus, hau ab«, wiederhole ich etwas lauter, strecke den Arm aus und versuche, unseren Bernhardinermischling vom Bett wegzuschieben. Rufus bewegt sich nicht einen Millimeter. »Böser Hund«, murmele ich, drehe mich auf die andere Seite und wäre sicher auch wieder eingeschlafen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Kichern zu hören gewesen wäre. Ein Kichern, das sicher nicht von Rufus stammt.

Ich kneife die Augen zusammen und atme hörbar aus. »Es ist Wochenende. Ich will ausschlafen.«

Es bleibt ruhig, dafür kann ich jetzt fühlen, wie etwas auf mein Bett krabbelt, sich weiter hocharbeitet und in meinem Rücken verharrt. Nicht mal eine Minute später wühlen kleine Hände in meinen Haaren.

»Aella, ich will schlafen.« Ich greife hinter mich und ziehe meine Haare nach vorn.

»Nein«, sagt meine kleine Schwester. »Ich.«

»Du willst auch schlafen?«

Statt einer Antwort patscht ihre Hand auf meinem Gesicht herum.

»Na gut.« Seufzend drehe ich mich auf den Rücken und breite den Arm aus. Wenig später kann ich ihren Körper an meiner Seite fühlen. Sie riecht nach Milch und warmem Kuchen und sie lacht, als ich sie an mich drücke und herzhaft gähne. Eine kleine Weile bleibt sie ganz still liegen, doch die Geduld einer Zweijährigen hält gerade mal so lange vor, wie eine Maus braucht, um einmal mit den Wimpern zu klimpern. Schon strampelt sie sich wieder frei, windet sich aus meinem Arm und lässt sich auf den Boden gleiten.

Ich reibe mir die Augen und gebe es endgültig auf. »Na gut, gehen wir frühstücken.« Auf der Bettkante recke und strecke ich mich und versuche herauszufinden, was Aella gerade anstellt, doch außer Rufus, der mich schwanzwedelnd begrüßt, kann ich niemanden sehen.

Was mich nicht weiter wundert, schließlich hat Aella diese ganz besondere Fähigkeit: Sowie ihr etwas nicht passt oder sie schlechte Laune hat, wird sie unsichtbar. Manchmal aber auch einfach nur so. Sie kann ihr »Hexending«, so nennt unsere Mutter das, noch nicht kontrollieren. Anders als meine Schwester Alex, die Dinge nur mit ihrem Willen ankokeln kann. Und anders als ich: Ich brauche für meine Zeitsprünge zwar immer noch eine Menge Konzentration, habe sie inzwischen aber einigermaßen im Griff. Zu sehr erschrecken sollte man mich allerdings nicht: Das kann immer noch einen unkontrollierten Sprung auslösen. Aber wenigstens habe ich keine dieser unangenehmen Nebenwirkungen wie Schwindel, Gedächtnis- oder Zahnverlust.

»Aella?«

Kichern aus der Ecke.

»Was machst du denn da?«

Meine Schultasche hebt sich zentimeterweise vom Boden und fällt wieder zurück.

»Ich muss heute nicht zur Schule. Es ist Sonntag.«

Wie von selbst öffnet sich die Tasche.

»Nein, lass das«, sage ich, während ich mit nackten Füßen nach meinen Hausschuhen taste und hineinschlüpfe. »Wir malen jetzt nicht.«

Mein Federetui fliegt durch die Luft.

»Aella, lass das bitte sein.« Als Antwort höre ich wieder ihr Kichern. »Lass uns frühstücken gehen, ja? Vielleicht macht Mama uns Kakao«, locke ich sie. Mein Federetui vollführt eine Pirouette. »Wer möchte Kakao?«, frage ich mit aller Begeisterung, zu der ich am frühen Morgen fähig bin, ins Blaue hinein, und Rufus wedelt noch heftiger mit dem Schwanz.

»Ich«, ruft Aella und wird endlich sichtbar. Es ist besser, sie erst dann zu packen, wenn sie zu sehen ist, sonst kann es leicht passieren, dass man ihr ins Auge fasst, einen Arm verdreht oder so.

»Komm her, Süße«, sage ich und nehme sie hoch. Sie trägt noch ihren Schlafanzug, daher stelle ich sie auf den Stuhl und ziehe ihr schnell meine rote Strickjacke über. Sie ist ihr viel zu groß, aber ich krempele die Ärmel um, bis sie aussehen wie Schwimmflügel. »So. Und jetzt holen wir uns Kakao.« Rufus folgt uns, auch wenn die Einladung nicht ihm gilt, aber die Hoffnung großer Bernhardinermischlinge stirbt ja bekanntlich nie.

Unten ist noch niemand. Warum auch. Seitdem Mama die Gitterstäbe an Aellas Bett wegnehmen musste, weil sie rüberzuklettern versuchte und sich fast das Genick gebrochen hätte, können wir abwechselnd nicht mehr ausschlafen. Heute ist die Reihe anscheinend an mir.

Ich lasse meine kleine Schwester einen Topf aussuchen und Milch eingießen, wobei sie auf der Anrichte eine gigantische Überschwemmung verursacht. Sie darf Kakaopulver in die Milch löffeln, von dem das meiste danebengeht, und mit einem Schneebesen umrühren, was unzählige Spritzer auf dem Herd hinterlässt. Als wir endlich mit unserem Kakao in der Hand am Küchentisch sitzen, ich müde, sie quietschfidel, sieht es in der Küche aus wie auf einem Schlachtfeld.

Das fällt offenbar auch Pluvius auf, als er hereinkommt. An ihm vorbei drängelt sich Kaspar, unser anderer Riesenhund. Kaspar und Rufus begrüßen sich stürmisch und auf einmal wird es in unserer Küche sehr, sehr eng.

»Wow. Hier sieht es aus wie nach einer Kakaoschlacht«, bemerkt Pluvius und schmeißt als Erstes die beiden Hunde raus. »Wer hat gewonnen?«

»Der Kakao«, erwidere ich. »Möchtest du auch?«

Aber Pluvius ist eh schon dabei, sich eine Tasse einzuschenken.

Er ist mein Onkel, genauer gesagt mein Großonkel. Noch genauer ist er das dann aber doch nicht, weil meine Uroma ihn nur adoptiert hat, was ich allerdings erst seit Kurzem weiß. Und er ist vierzehn, also nur ein paar Wochen älter als ich, weil er aus dem Jahr 1968 hierhergesprungen ist. Nun ja, das ist alles ein bisschen kompliziert.

»Hast du das heute Morgen auch gehört?«, fragt Pluvius, als er sich mit dem dampfenden Becher in der Hand setzt.

»Heute Morgen? Es ist Morgen.«

»Ich meine dieses … dieses Geräusch eben.«

»Rufus? Kaspar?«, schlage ich vor.

»Nein, nicht die Hunde. Ich hab das schon mal gehört, aber wo?« Er denkt nach und nippt dabei an seinem Kakao, während ich ihn heimlich beobachte.

Seine langen rötlichen Haare hat er sich nur wenig kürzer schneiden lassen. Das sieht nicht mehr ganz so sechzigermäßig aus, trotzdem aber irgendwie retro und steht ihm großartig. Die psychedelisch gekringelten Hemden mit den Riesenkragen aus seiner Zeit allerdings hat er weggeworfen und trägt jetzt meist T-Shirts, und diese gigantische Schlaghose, in der ich ihn das allererste Mal gesehen habe, hat glücklicherweise auch längst das Zeitliche gesegnet. Ein Wunder, dass die Menschen bei der Mode damals nicht ständig über ihre eigenen Füße stolpern mussten und sich den Hals gebrochen haben. Oder an purer Geschmacksverirrung eingegangen sind.

Pluvius unterscheidet sich rein äußerlich kaum mehr von den anderen Jungen in seinem Alter. Jungen wie Moritz beispielsweise. Und schon wird’s wieder kompliziert. Wie man sieht: An Komplikationen mangelt es in meinem Leben wahrhaftig nicht.

»Wie hat es sich denn angehört, dieses Geräusch?«, erkundige ich mich schnell, um gar nicht erst weiter über Moritz nachzudenken.

»Keine Ahnung.« Mein junger, aus der Vergangenheit stammender Großonkel legt seine Stirn in Falten, was ihn unwiderstehlich macht. »Wie ein leises Plopp oder so. Als hätte jemand eine Sektflasche geöffnet, aber leise. Gleichzeitig war dieses Geräusch so präsent, dass ich einen Augenblick geglaubt habe, mein Bett hätte leicht gezittert.«

Kakao und Moritz sind schlagartig vergessen. Ich richte mich kerzengerade auf und stelle meine Tasse so heftig auf den Tisch, dass sie überschwappt. »Ein leises Plopp?«

»Ja. Wieso? Kennst du das Geräusch?«

In meinem Magen ballt sich eine Faust zusammen, eisige Kälte strömt von dort durch meinen Körper. »Du hast so ein Geräusch gemacht. Immer, wenn du in unsere Zeit gesprungen bist«, erkläre ich. »Und die Luft schien sich zu bewegen. Wie ein Sog. Manchmal ist dabei sogar etwas umgefallen, eine Vase oder ein Bild oder so.«

»Du meinst ich bin … ich meine: Ich? Mein älteres Ich?« Auch Pluvius wirkt jetzt alarmiert. Es ist niemals gut, sich selbst in der Zeit zu begegnen. Eines der beiden Ichs fällt dann in Ohnmacht, und das ist keine angenehme Erfahrung.

»Nein, höchst unwahrscheinlich.« Sein älteres Ich hat sich diesen Sommer von uns verabschiedet. Endgültig.

»Dann könnte es jemand anders sein? Ein anderer Zeitreisender?«

Pluvius und ich sehen uns an.

»Du bleibst hier bei Aella«, sagt Pluvius ernst und stellt seine Tasse ab. »Rühr dich nicht von der Stelle. Ich sehe mal nach.« Er schlüpft zur Tür hinaus.

Ich blicke zu meiner Schwester, die mit einem Löffel in ihrem Plastikbecher manscht und ihn anschließend mehr oder weniger erfolgreich zum Mund führt. Das Lätzchen, das ich ihr umgebunden habe, hat große braune Flecken, aber sie ist zufrieden und brabbelt in Babysprache vor sich hin.

Menschen, die nicht wissen, was uns im Sommer passiert ist, kommt diese Vorsicht sicherlich merkwürdig vor. Ich meine, da ist ein Geräusch, ein banales Plopp, und schon ist die Stimmung im Keller (wobei das schon ein Fortschritt ist, bis vor Kurzem war nämlich ich diejenige, die vor Schreck sofort im Keller gelandet wäre). Aber die Ereignisse des letzten Sommers hatten es echt in sich und seitdem sind Pluvius und ich etwas empfindlich, was mysteriöse Vorkommnisse angeht. Genau wie meine Schwester Alex, die jetzt hoffentlich noch in ihrem Bett liegt und schläft, und Moritz, der mit der Sache eigentlich gar nichts zu tun hatte und so mir nichts, dir nichts hineingezogen wurde.

Und mit uns erst im Jahr neunzehnhundertsechsundachtzig und dann im Mittelalter landete.

Das war aber alles noch harmlos, verglichen mit dem, was passiert ist, als wir in einem Hotel in der Gegenwart festsaßen und von einem hinterlistigen Typen namens Zelos angegriffen wurden. Zelos schwirrt jetzt irgendwo zwischen den Zeiten umher und ist dort gefangen, aber seitdem sind wir ein wenig belastet, was komische Geräusche angeht. Und wer könnte uns das verdenken?

Es dauert recht lange, bis Pluvius zurückkommt. Ich habe inzwischen den Herd und die Anrichte sauber gemacht und den Topf gespült, wobei ich bei jedem Glucksen meiner kleinen Schwester zusammengefahren bin, so sehr habe ich mich auf die Geräusche in meiner Umgebung konzentriert.

Als Pluvius die Tür aufmacht, bin ich das reinste Nervenbündel. »Und?«, will ich wissen, während ich angespannt an meinem Armband nestele, das ich von meinem Vater zum Geburtstag bekommen habe. Insgesamt war mein vierzehnter Geburtstag eher mau: Da die ganze Zelos-Geschichte gerade erst ein paar Tage her war, war keinem von uns so recht zum Feiern zumute. Es gab einen kurzen Festtagsbesuch bei Oma Penelope und Uroma Kassandra und abends haben wir zu Hause ein kleines Grillfest veranstaltet, nur Mama, meine Schwestern, Moritz, Pluvius und ich. Von Moritz habe ich ein neues Portemonnaie bekommen – »Garantiert glitzerponyfrei« war sein Kommentar – und von Pluvius einen Taschenkalender mit einem wunderschönen grünlich schimmernden Einband. Aber das schönste Geschenk wartete auf meinem Kopfkissen auf mich, als ich hundemüde in mein Bett kriechen wollte: ein kleines Leinensäckchen, in dem ein schmales, geflochtenes Lederarmband mit einer einzelnen, schlichten Holzperle lag. In die Holzperle ist ein filigranes Muster geschnitzt. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein paar umeinander schlängelnde Linien, aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man einen Anfang und ein Ende: ein Labyrinth. Und auch wenn mein Papa sich nach wie vor im Mittelalter verstecken muss, habe ich ihn so immer bei mir – ein schönes Gefühl.

»Nichts«, sagt Pluvius und streicht sich über die Stirn, wie er es immer tut, wenn er besorgt ist. »Ich habe den ganzen Keller durchsucht, das Wohnzimmer und den Flur, dein Zimmer und meins natürlich auch, selbst auf dem Dachboden war ich. Alex schläft, ich habe nur kurz reingeschaut. Bei deiner Mutter habe ich mich das nicht getraut, aber es war ganz ruhig: Ich habe sicher fünf Minuten oder so vor der Tür gestanden und gelauscht.«

Ich merke, wie ich mich wieder entspanne. »Vielleicht hast du geträumt?«

Pluvius nickt. »Ja. Vielleicht.« Er kommt zu mir herüber und lächelt auf mich herunter.

Wie immer läuft mir dabei ein Schauer über den Rücken und ein Schwarm Schmetterlinge kitzelt in meinem Magen.

»Mach dir keine Sorgen«, sagt Pluvius, während ich in seinen dunkelbraunen, grün schimmernden Augen versinke. Für einen Moment sind alle meine Sorgen so weit weg wie ein Regenwurm vom Mond. »Rufus hätte sicherlich gebellt, wenn hier jemand eingedrungen wäre. Und dann haben wir ja auch noch Kaspar.«

Ich mache den Mund auf, um zu widersprechen, dann klappe ich ihn wieder zu. Rufus würde keineswegs bellen, und wenn hier eine ganze Horde von Zeitreisenden einmarschiert wäre. Zum einen ist er Zeitreisende gewöhnt, weil Pluvius (sein älteres Ich) früher ständig hier aufzutauchen pflegte, und zum anderen begrüßt er alle Menschen inklusive Einbrecher nur höflich. Mit dem Rauslassen hat er so seine Probleme, aber reinspazieren in unser Haus darf, wer will.

Bei Kaspar ist es genau andersherum: Der graue Wolfshund stammt aus dem Mittelalter und ist ungeheuer schreckhaft. Er bellt alles und jeden an und niemand nimmt ihn mehr ernst.

Aber das sage ich jetzt nicht. Das Einzige, was gerade von Bedeutung ist, ist, wie gut sich Pluvius’ Hand auf meinem Haar anfühlt. Und wie seine Augen funkeln, während er mich beruhigend anlächelt. Langsam, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, beugt er sich zu mir herunter. Ich kann mich nicht rühren. Sein Gesicht ist nah bei meinem und ich spüre, wie mein Herz einen irrsinnigen Stepptanz aufführt. Er kommt näher, noch näher, ich schließe die Augen und … peng!, sucht sich Aella just diesen Moment aus, um ihren Löffel auf die Fliesen zu schmeißen und den leeren Plastikbecher gleich hinterher.

Pluvius und ich fahren auseinander, als hätte man uns bei Werweißwas erwischt.

Wir haben eine Abmachung. Eine Abmachung, die ich hasse und die ich kein bisschen begreife, an die ich mich aber gezwungenermaßen halten muss.

Es gibt Geheimnisse in unserer Familie. Und aus irgendeinem geheimnisvollen Grund dürfen Pluvius und ich uns nicht küssen. Ein Grund, der übrigens nicht in den zweiundvierzig Jahren Altersunterschied besteht, sondern mit einer Geschichte um einen geheimnisvollen Urahn zusammenhängt. Und mein ständiges Argumentieren, unsere nächtelangen Diskussionen, ja selbst das einigermaßen entwürdigende Betteln und Flehen haben daran nichts ändern können. Unsere Abmachung steht: Wenn wir keine Freunde sein können, dann muss er gehen. Was ich natürlich auf keinen Fall will. Also sind wir Freunde. Und Freunde küssen sich nicht.

»Also«, sagt Pluvius. Seine Stimme ist so belegt, dass er sich räuspern muss, bevor er erneut ansetzt: »Also, es ist niemand da. Wir … wir sollten nicht so nervös sein.«

»Nein.« Ich schüttele leicht den Kopf. »Sollten wir nicht.« Mir ist traurig zumute.

Pluvius scheint es ähnlich zu gehen. Er sieht mindestens genauso unglücklich aus, wie ich mich fühle. Eine kleine Ewigkeit stehen wir so da, dann strafft Pluvius die Schultern und blickt zur Seite. »Äh, deine Schwester«, sagt er, »sie ist schon wieder unsichtbar.«

»Oh nein«, seufze ich, »Aella.« Noch bin ich nicht nervös, noch nicht.

Erst als ich auf ihrem Hochstuhl herumtaste, als sei sie nicht nur unsichtbar, sondern plötzlich auch klitzeklein geworden, als ich wie eine Verrückte das Holz entlangfahre, auf dem sie eben noch gesessen hat, in die Luft greife und den Boden abtaste und sie nirgends, nirgends zu finden ist, da werde ich nervös. Und wie.

»Ich hab sie angeschnallt. Ich weiß, dass ich sie auf dem Stuhl angeschnallt habe.« Doch noch während ich das sage, weiß ich es eben nicht mehr. Ist sie runtergefallen? Weggekrochen? Aber wie hätte sie die Küchentür aufbekommen sollen, wie?

Meine Mutter knetet das Lätzchen in ihren Händen, Aellas kakaobesudeltes Lätzchen, das merkwürdigerweise nicht verschwunden ist. Als wolle meine kleine Schwester uns damit sagen, dass wir das alles nicht geträumt haben. Dass sie tatsächlich in der Küche gewesen ist und mit Pluvius und mir Kakao getrunken hat.

»Ich schnalle sie immer an. Immer.« Tränen rinnen mir die Wangen herunter, während ich das sage. Pluvius, der hinter meinem Stuhl steht, legt mir die Hand auf die Schulter.

»Das ist wichtig«, sagt meine Mutter. »Das weißt du ja.« Sie sagt es müde und mehr zu sich selbst. Oder zu dem Lätzchen, das sie wieder und wieder ansieht, als könne es ihr das Geheimnis um Aellas Verschwinden offenbaren.

Natürlich weiß ich, wie wichtig es ist, Aella anzuschnallen. Ein Kleinkind, das nicht zu sehen ist und es liebt zu klettern, möchte man am liebsten an allem und jedem festschnallen.

»Die Gurte sind auch weg«, stellt Pluvius zum soundsovielten Mal fest.

Und das ist es ja, was ihr Verschwinden so merkwürdig macht: Leblose Dinge wie Kleidungsstücke können nur im direkten Kontakt mit Aella nicht mehr gesehen werden. Der dreifarbige Gurt für den Kindersitz endet also praktisch im Nichts, wenn Aella unsichtbar ist. Sie müsste ihn sich schon um den Körper geschlungen haben wie ein Seil, damit er sich ebenso in Luft auflöst wie sie. Und das Lätzchen? Wieso hat sie das abgenommen?

»Es waren höchstens zwei, drei Minuten, in denen Pluvius und ich abgelenkt waren. Und wir standen dort, an der Spüle. Ist ja nicht so, dass wir in einem anderen Zimmer gewesen wären.«

Die Tür geht auf und Alex kommt herein. Sie trägt noch das lange T-Shirt, in dem sie geschlafen hat und das ausnahmsweise einmal nicht schwarz ist: Sie hat seit Kurzem einen Freund, der aussieht wie Edward-der-Vampir persönlich, und macht seitdem auf Bella. Dunkel gefärbte Haare und bleiches Aussehen inklusive. Obwohl sie heute allen Grund dazu hat, blass zu sein: »Nein, nichts.« Sie lässt sich auf dem Stuhl neben Mama nieder und fährt sich durchs Haar. Seit sie im Mittelalter als Junge durchgehen musste, hat sie es wachsen lassen und trägt jetzt ein wildes Gestrubbel, das sie nach jeder Wäsche mühsam glättet, damit es noch ein bisschen länger aussieht. Für einen Jungen wird sie dank ihrer knabenhaften Figur, den langen Beinen und schmalen Hüften trotzdem noch ab und zu gehalten. Etwas, das sie hasst wie die Pest. »Ich habe alles abgetastet.« Meine große Schwester starrt den Kinderstuhl an, als könne Aella dort jeden Moment wieder erscheinen.

»Noch einmal«, sagt meine Mutter und sieht zu mir und Pluvius. »Ich will es noch mal hören. Du hast ein Geräusch gehört, Pluvius? Wann genau war das?«

Pluvius hat das schon mehrmals erzählt, lässt sich aber nichts anmerken. »Es war noch dunkel draußen, also nehme ich an, es war so gegen sechs. Es war ein leichtes Ploppen, weiß auch nicht, warum ich davon aufgewacht bin. Mein Bett bebte. Ganz leicht, als hätte es sich geschüttelt. Dann nichts mehr. Ich bin wieder eingeschlafen, aber nicht lange. Dann habe ich Schritte auf dem Flur gehört, das waren Ariadne und Aella. Und Rufus natürlich. Ich bin aufgestanden, habe mich gewaschen und angezogen, weil ich eh wach war, und bin ihnen gefolgt. Im Flur kam mir Kaspar entgegen und wir sind zusammen runter in die Küche.«

»Und dir ist nichts aufgefallen?« Auch das hat meine Mutter wieder und wieder gefragt.

»Nein, nichts. In der Küche waren nur Ariadne und Aella und haben Kakao getrunken.«

»Rufus hat die beiden begrüßt und wir haben ihn und Kaspar ausgesperrt«, ergänze ich mit erstickter Stimme. Hätten wir das bloß nicht getan. Schreckliche Wachhunde hin oder her: Vielleicht hätten sie ja doch was mitgekriegt. Meine Augen brennen, mein Hals tut mir weh. Ich glaube, ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so elend gefühlt.

»Ich habe mir Kakao geholt und Ariadne von dem Geräusch erzählt«, fährt Pluvius fort.

»Und ich habe Pluvius gesagt, dass mich das an das Geräusch erinnert, das Zeitreisende machen, wenn sie springen. So hat es früher immer geklungen, wenn er aufgetaucht ist.« Wie oft müssen wir das wohl noch durchkauen?

Mama reibt sich die Stirn, während sie mit der anderen Hand das Lätzchen fest umklammert hält. Sie sieht bleich aus und viel zu dünn. Meine Locken habe ich ebenso wie die grünen Augen von ihr geerbt, doch sie trägt ihre Haare kurz, weil das praktischer ist. Es lässt ihren Kopf noch kleiner erscheinen. Ihre Nase ist spitz und ihre Wangenknochen zeichnen sich deutlich unter der blassen Haut ab. »Und dann hat Pluvius …«

»Dann habe ich das Haus durchsucht.«

»Du hast in jedes Zimmer gesehen?«

»In jedes bis auf deins, Theresa.« Es klingt immer noch komisch, wenn Pluvius meine Mutter beim Vornamen anspricht, aber sie hat es ihm angeboten. Schließlich kennt sie ihn, oder besser gesagt: sein älteres Ich, schon ihr Leben lang.

»Die Küche«, sagt meine Mutter plötzlich. »Hast du die durchsucht?«

Ich kann Pluvius’ Gesichtsausdruck nicht sehen, weil er hinter mir steht, aber ich kann spüren, wie sich sein Griff um meine Schulter verstärkt. »Die Küche? Nein, natürlich nicht. Ich meine, wir waren ja hier, Ariadne und ich. Zuerst zusammen, dann Ariadne alleine. Und die hat die Küche nicht eine Sekunde verlassen. Hast du doch nicht?«

Ich schüttele den Kopf und bringe mühsam hervor: »Ich habe sauber gemacht. Aella …, sie hat eine ziemliche Sauerei mit dem Kakao veranstaltet, also habe ich schnell abgewaschen.« Was das bedeutet, ist jedem von uns klar. Unsere Küche ist unterteilt in zwei Bereiche: Es gibt die Küchenzeile am Fenster mit den Geräten, dem Herd und so, und es gibt einen großen runden Esstisch, neben dem der Kühlschrank steht. Dazwischen ist eine Theke, die in den Raum hereinragt und auf der ein Holzregal bis zur Decke reicht. Darauf stapeln wir das Geschirr, Tassen hängen an Haken, ganz oben steht Mamas Kaffeekannensammlung. Wer abwäscht, kann nicht die ganze Küche einsehen, und Aellas Platz ist hinter dem Regal verborgen. »Aber ich konnte sie hören«, sage ich. »Beinahe die ganze Zeit über.«

»Vielleicht hat derjenige, der das Geräusch verursacht hat, sich versteckt«, murmelt meine Mutter selbstvergessen.

»Wer denn? Und wo?«, fragt Alex. Sie sieht jetzt definitiv so bleich aus wie ihr Bella-Vorbild. Nach der Verwandlung.

»Ich weiß es nicht«, antwortet Mama tonlos und starrt auf das fleckige Lätzchen.

Es gibt, wenn man sich nicht wie Aella unsichtbar machen kann, nur einen Platz in der Küche, an dem man sich verstecken könnte, und das ist die Speisekammer, die rechts vom Kindersitz in einer Nische liegt.

Die Speisekammer! Die haben wir völlig vergessen! Wir alle starren sie an, als müsse daraus gleich ein Kastenteufel hervorspringen.

Mama fährt hoch, doch Pluvius ist schneller. Mit drei Schritten ist er bei der Tür und reißt sie auf. »Aella?«, ruft er hinein, geht dann in die Hocke und tastet den Boden ab. Selbst hinter dem Korb mit Kartoffeln guckt er, während wir uns von unseren Plätzen erheben und uns hinter ihm aufbauen. Eine unerträgliche Spannung liegt in der Luft, man kann es fast knistern hören. Schließlich sagt er: »Nein, nichts«, um gleich darauf ein »Wartet mal« hinterherzuschieben.

Niemand von uns sagt ein Wort, als sich Pluvius umdreht und uns meine rote Strickjacke entgegenhält.

Kapitel 2

Wir brauchen Hilfe. Natürlich können wir nicht zur Polizei gehen und erzählen, dass ein zweijähriges unsichtbares Mädchen wahrscheinlich von einem Zeitreisenden entführt wurde, aber dennoch brauchen wir jemanden, der uns hilft.

Ich räuspere mich. »Wir müssen Papa fragen, ob er herausfinden kann, wo Aella steckt.«

»Papa?« Alex sieht hoch. »Der sich Wer-weiß-wann befindet?«

Meinen Vater. Ihren Vater, von dem sie die strahlend blauen Augen geerbt hat, mit denen sie mich jetzt ansieht. Der sich im Mittelalter versteckt hält. Er ist unsere einzige Hoffnung. »Er hat die Zeitkarte. Das Kästchen, in dem jeder markiert ist, der sich nicht in seiner eigenen Zeit aufhält. Wir brauchen zumindest das, um herauszufinden, ob Aella wirklich von einem Reisenden entführt wurde. Wenn das der Fall ist, könnten wir sie mit der Karte aufspüren.«

»Kommt nicht infrage«, mischt sich Mama ein. Sie hat inzwischen die sechste Tasse Kaffee getrunken, obwohl das wahrscheinlich nicht der alleinige Grund dafür ist, dass ihre Hände so stark zittern. »Das ist viel zu gefährlich. Für euch und für ihn.«

Unser Vater hat gleich in mehrfacher Hinsicht gegen das Zeit-Raum-Kontinuum verstoßen, um mich und die Karte vor Zelos zu retten. Seither sind Zeitwächter hinter ihm her und er kann sich hier nicht mehr blicken lassen.

Pluvius reibt sich die Stirn. »Ich sehe aber auch keine andere Möglichkeit, als ihn herzuholen, Theresa«, sagt er. »Und wir kennen den Weg ja und wissen, was uns erwartet.«

Allerdings. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Belagerung der Burg und an das Spiel, das wir mit den mittelalterlichen Jugendlichen gespielt haben. Bruchenball. Ein echter Spaß, wenn man auf Schlammcatchen steht und sich danach sehnt, von einer Riesenmurmel überrollt zu werden.

»Papa muss ja nicht mitkommen«, werfe ich ein. »Wir sagen ihm, dass wir die Karte brauchen. Dann sehen wir nach, ob Aella sich in einer anderen Zeit befindet, und wenn ja, dann kennen wir ganz genau den Tag, das Jahr und den Ort.«

»Und dann?« Mama sieht hoch. »Wollt ihr dann hinterherspringen und sie retten? Zwei Teenager irgendwo in der Zeit unterwegs, die es mit Wer-weiß-wem aufnehmen? Das ist kein Abenteuer, Ariadne, keine Geschichte in irgendeinem Buch. Das ist die Realität.«

»Das weiß ich auch«, erwidere ich kleinlaut. »Ich meine ja nur, dass wir als Erstes rausfinden sollten, wo Aella steckt. Und dann sehen wir weiter.«

Mama starrt wieder in ihre Tasse und antwortet nicht. Es ist ruhig in der Küche, nur das Ticken der Küchenuhr und das leise Summen des Kühlschranks sind zu hören. Endlich räuspert sie sich. »Er soll mitkommen«, sagt sie.

Ich wage kaum zu atmen. »Wirklich?«

»Natürlich wirklich.« Tränen laufen ihr die Wangen herunter. »Er soll gefälligst kommen und seine Tochter retten.«

Pluvius geht zur Tür. »Wir sollten wohl besser keine Zeit vergeuden«, drängt er. »Wir bereiten alles für den Sprung vor und ziehen uns um. Und dann holen wir Chris und die Karte.«

Dass er auch meinen Vater beim Vornamen nennt, fühlt sich fast noch merkwürdiger an als bei meiner Mutter.

»Da fällt mir ein«, unterbricht er sich und sieht mich an. »Hast du nicht noch etwas vergessen?«

Ich starre ihn an.

»Den Schlüssel.«

Den Schlüssel für die Zeitkarte, oh nein, den hätte ich in der Tat fast vergessen.

»Sag bloß, du hast ihn wieder hinter dem Sofakissen versteckt.«

»Nein, natürlich nicht.« Ich beiße mir auf die Lippen. Ich habe ein viel, viel besseres Versteck gefunden. Eines, das Pluvius allerdings ganz und gar nicht gefallen wird.

»Moritz. Wie konntest du den Schlüssel nur Moritz geben?«

»Jetzt hör schon auf«, versuche ich, ihn abzuwimmeln, und lausche aufmerksam dem Tuten im Telefon. »Geht keiner ran. Wahrscheinlich schläft er … hallo? Hallo Moritz? Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.«

Pluvius, der gerade versucht, seine Füße in spitz zulaufende Schnabelschuhe zu quetschen, schüttelt den Kopf und verdreht die Augen.

»Lass das. Jetzt …«, zische ich ihm zu, die Hand über dem Hörer.

»Ariadne? Bist du das? Ist etwas passiert?« Moritz’ Stimme klingt in der Tat verschlafen.

»Wieso passiert? Muss denn immer etwas passiert sein, wenn ich dich anrufe?« Was rede ich denn da? Natürlich ist etwas passiert. »Na ja«, gebe ich zu, »in diesem Fall ist schon etwas passiert. Wir brauchen den Schlüssel.« Schon während ich es ausspreche, weiß ich, dass das ein Fehler war.

»Wir?« Jetzt klingt Moritz hellwach.

»Ja, äh, Pluvius und ich. Wir brauchen den Schlüssel für die Zeitkarte, den ich dir gegeben habe.«

»Warum? Ihr habt doch die Karte gar nicht mehr? Die hat doch dein Vater, und der sitzt in seiner Hütte im Mittelalter, oder?«

»Ja, schon, also«, stammele ich. Dann hole ich tief Luft. »Moritz, wir haben jetzt ehrlich nicht die Zeit. Wir brauchen einfach nur den Schlüssel. Kannst du ihn schnell vorbeibringen? Ich könnte ihn auch holen …« Ein Blick an mir herunter lässt mich mitten im Satz innehalten. Wir haben uns bereits umgezogen. Und unsere Mittelalteraufmachung seit unserem letzten Ausflug ordentlich aufgemotzt: Im Schrank von Onkel Pluvius haben wir Klamotten aus den verschiedensten Zeiten gefunden. Es ist nämlich wichtig, auf Reisen nicht so aufzufallen. Überlebenswichtig. Allerdings würde ich in dem Mieder und dem langen Rock jetzt sicherlich einige merkwürdige Blicke ernten und zum Fahrradfahren eignet sich mein Outfit auch nicht gerade …

»Nein, nein«, macht Moritz meine Überlegungen überflüssig, »schon gut. Ich beeile mich und komme rüber. Bis gleich.«

Und schon hat er aufgelegt.

»Was ist? Bringt er den Schlüssel?«, fragt Pluvius. Er steht auf und versucht zwei, drei Schritte in seinen ungemein spitz zulaufenden Schnabelschuhen zu laufen.

»Ja, natürlich«, sage ich und zerre an dem Band unter meinem Kinn.

Damit mir nicht wieder so etwas wie mit dem muskelbepackten Hünen passiert, der mich unbedingt »trouwen« wollte, trage ich ein Leinenband um die Stirn, das über die Ohren geführt und dann unter dem Kinn festgemacht wird. Im Mittelalter trugen alle verheirateten Frauen so etwas, soweit man dem Internet glauben kann. Ich finde ja eher, ich sehe aus, als hätte ich gerade eine Hirn-OP hinter mir.

»Er kommt? Einfach so?«, fragt Pluvius und zupft an seinen »Beinlingen« herum: Wehe, man sagt Strumpfhose. Bei so etwas ist er sehr empfindlich.

»Natürlich einfach so«, verteidige ich Moritz. »Er bringt den Schlüssel, geht wieder und dann können wir beide springen.« Ich beschließe, zukünftig weniger Worte zu gebrauchen: Schlüssel hier, wir los, oder so. Dieses »Gebende« oder wie das Band auch immer heißt, wirkt wie eine Maulsperre. Und war wohl auch so gedacht.

»Kaum zu glauben.« Pluvius gibt es auf, noch ein paar Millimeter aus dem eng anliegenden Stoff herausschinden zu wollen. »Je eher wir weg und wieder hier sind, desto besser.«

Ich nicke stumm und huldvoll.

Knapp zwanzig Minuten später ist Moritz da. Er hat sich wirklich mächtig ins Zeug gelegt, und das ist zweifellos … mittelalterlich!

»Oh nein«, sage ich, kaum habe ich die Tür aufgemacht.

»Auch dir einen wunderschönen guten Morgen, holdes Weib«, grinst er, beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Er trägt ein weißes, aufgeplustertes Piratenhemd über einer engen, an den Seiten der Beine geschnürten Lederhose und dazu wadenhohe Schnabelstiefel, die um einiges bequemer aussehen als die von Pluvius.

»Du kannst nicht mit.«

»Und ob ich kann«, verkündet er und geht an mir vorbei. »Hallo, Pluvius.«

»Moritz«, erwidert dieser kühl und richtet sich auf.

»Hübsche … äh, Hose«, bemerkt Moritz und sein Grinsen wird noch breiter.

Pluvius verzichtet auf eine Antwort, probiert aber anscheinend, ob Blicke töten können.

Können sie nicht: Moritz redet ungerührt weiter. »Wenn ihr dann so weit seid, können wir los. Den Schlüssel habe ich, Duschgel auch.« Er klopft auf den Lederrucksack, den er bei sich hat, und ist bester Laune. Das mit dem Duschgel ist hoffentlich nur ein Witz, obwohl es uns tatsächlich einmal das Leben gerettet hat.

»Moritz«, sage ich und fasse ihn am Arm. »Wir müssen zu meinem Vater und ihn um die Karte bitten, das stimmt schon. Aber das machen wir nicht zum Spaß: Aella ist verschwunden.«

Er sieht mich wortlos mit seinen seeblauen Augen an.

»Wir nehmen an, dass ein Zeitreisender sie entführt hat. Wir müssen meinen Vater und die Karte holen.«

Immer noch kein Wort.

»Es ist ernst«, ergänze ich eindringlich.

»Umso wichtiger, dass ich mitkomme. Damit dir nichts passiert.« Moritz’ Stimme klingt entschlossen.

»Da passe ich schon auf«, mischt sich Pluvius wütend ein.

»Klar«, erwidert Moritz. »Das haben wir ja schon gesehen. Oder halt mal: Das haben wir eben nicht, denn du hast ja im entscheidenden Augenblick bewusstlos irgendwo rumgelegen.«

»Dafür wusste ich im Gegensatz zu dir noch, wer ich bin und wie ich heiße.«

»Vor oder nach deiner Ohnmacht?«

»Jungs«, unterbreche ich die Auseinandersetzung, »es reicht.« Ich zerre an dem Kinnband. »Meine kleine Schwester ist verschwunden. Pluvius und ich holen meinen Vater, du bleibst hier, Moritz.« Ich kann jetzt keine Rücksicht auf verletzte Gefühle nehmen. Und viel erklären schon gar nicht.

»Nö«, sagt Moritz schlicht und einfach. »Ich weiß, dass Pluvius alles tun würde, um dich zu beschützen. Und ob ich das weiß.« Er wirft Pluvius einen raschen Blick zu. »Aber ihm wird es nicht gut gehen nach dem langen Sprung. Er wird minutenlang nichts unternehmen können. Ich schon.« Dieses Mal sieht er unverwandt Pluvius an, der zunächst wortlos zurückstarrt und schließlich zögernd nickt.

»Er hat recht«, sagt Pluvius und man kann ihm ansehen, wie wenig ihm das behagt. »Leider.«

Den Jungs kommt anscheinend gar nicht in den Sinn, dass ich fähig sein könnte, zwei bis drei Minuten ohne sie zu überleben, doch noch bevor ich den Mund aufmachen kann, sagt Moritz:

»Und wie heißt es doch so schön? Einer für alle … «

»Und alle für einen«, ergänzt Pluvius.

Die beiden lieben diese Musketier-Geschichte: das Einzige, was sie gemeinsam haben. Wobei Pluvius sich auf eine französische Fassung von 1961 bezieht, während Moritz den »Mann mit der eisernen Maske« liebt. Die allerneuste Verfilmung mit Orlando Bloom finden sie dagegen wahlweise »unauthentisch« (Pluvius) und »strunzblöd« (Moritz).

»Also gut«, knirsche ich zwischen zusammengebissenen Zähnen, was weniger meiner Wut als meinem Kopfschmuck zu verdanken ist.

»Worauf warten wir dann noch?«, strahlt Moritz und öffnet einladend seine Arme.

Moritz ist mein Freund. Kennengelernt haben wir uns vor ein paar Monaten, und genau genommen hat ihn sogar Pluvius ins Spiel gebracht, zumindest sein älteres Ich: Moritz sollte ursprünglich in den Besitz eines Kästchens kommen, mit dem man verschwundene Zeitreisende aufspüren konnte und hinter dem der Sammler her war. Das konnte Onkel Pluvius mir noch sagen, bevor ihn ein Arm in ein Zeitloch riss. Bei dem Versuch, ihn zu retten, stieß ich erst auf Moritz und dann auf den jungen Pluvius und seitdem ist mein Leben gelinde gesagt kompliziert. Und aufregend und anstrengend, schön und traurig zugleich. Irgendwie ist halt alles durcheinander.

Moritz und ich haben uns geküsst, um zu springen. Pluvius und ich haben uns nicht geküsst, weil wir das aus irgendeinem Grund nicht dürfen. Obwohl ich mich bei Pluvius die meiste Zeit so fühle, als hätte ich zu viel Cola getrunken und dabei versehentlich eine Riesenladung flatterige Schmetterlinge mit verschluckt, die nun aufgeregt in meinem Bauch herumschwirren. Und Moritz … Tja, man muss ihn einfach nur ansehen, um zu wissen, warum ich jedes Mal verwirrt bin, wenn er in meiner Nähe ist. Moritz ist nicht geheimnisvoll und kompliziert, sondern witzig und sieht verdammt gut aus. Mit ihm bin ich einfach ein im Jetzt lebendes, vierzehnjähriges Mädchen. In einem im Moment zugegebenermaßen ziemlich blöden Outfit.

Seufzend zerre ich ein letztes Mal an dem Gebende. »Also gut. Lasst uns das schnell hinter uns bringen, bevor mich dieses Teil hier noch umbringt.«

Wir stehen im Garten. Ich sehe noch einmal zur Tür, winke meiner Mutter und Alex, die auch mitkommen wollte, aber nicht durfte: Wir brauchen jemanden, der dafür sorgt, dass Mama nicht völlig durchdreht. Damit dürfte sie schon genug zu tun haben.

»Dann mal los.« Moritz greift nach meiner rechten Hand, Pluvius nach meiner linken. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, so zwischen ihnen zu stehen, doch darüber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen: Ich muss mich konzentrieren und schließe die Augen.

»Fertig?«, fragt Pluvius. »Kannst du dir den Tunnel vorstellen? Das Bild deiner Mutter?«

Mein Vater hat einen Zeittunnel entdeckt, der direkt ins Mittelalter führt. Nur so kann er hin und her reisen und uns besuchen. Das Bild meiner Mutter davor dient als eine Art Passwort. Darauf muss ich mich konzentrieren. Als würde ich auf einer hohen Klippe stehen und unter mir, ganz klein, liegt der Zeitpunkt, an den ich reisen will. Dann muss ich tief Luft holen und mich fallen lassen.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht: Es braucht schon einiges an Konzentration. Aber ich habe es schon einmal geschafft und es klappt auch dieses Mal: Ich sehe zunächst das Bild meiner Mutter, dann nur noch Farben und Sterne, ein Rauschen kommt auf, das immer lauter wird, bis es mich ganz auszufüllen scheint, sowohl meinen Körper als auch meine Ohren. Die Farben verwischen, verdunkeln sich, ballen sich zusammen und werden zur gräulich schimmernden Wand der Höhle.

Und das war’s. Cool. Inzwischen bin ich wahrscheinlich schon so etwas wie ein Profi.

In der Höhle ist es dämmerig. Der Boden ist matschig und voller Pfützen, es riecht nach Feuchtigkeit und Schimmel und von irgendwoher kommt das Geräusch von tropfendem Wasser.

Ich kümmere mich sofort um Pluvius, stütze ihn, so gut es geht, damit er sich auf einen der Felsbrocken setzen kann, um sich zu erholen: Zeitreisen bekommen ihm nicht. Diese Reise allerdings scheint nicht so schlimm zu sein wie die letzte: Pluvius hält sich zwar den Magen und sieht aus, als müsse er sich jeden Moment übergeben, aber Schmerzen scheint er nicht zu haben.

»Geht es?«, frage ich ihn und er nickt. »Na also. Wir haben es geschafft. Jetzt ruhst du dich am besten noch ein wenig aus und dann …« Weiter komme ich nicht.

Moritz, der sich zum Eingang der Höhle vorgetastet hat, pfeift durch die Zähne.

»Was denn?« Ich blicke auf.

»Äh, ihr solltet lieber herkommen und euch das ansehen«, erwidert Moritz und seine Stimme klingt merkwürdig. »Wo immer wir auch sind: Mittelalter sieht anders aus.«

Kapitel 3

Wir blicken auf einen riesigen Park. Auf den Wiesen- und Rasenflächen sind geschlängelte Wege zu erkennen. Überall gibt es kleine Kanäle und Brücken, unter Baumgruppen stehen Bänke, riesige Rhododendronbüsche sehen aus wie farbige Inseln inmitten all des Grüns. Unsere Höhle befindet sich am südlichen Ende des Parks. Ich kann einen kleinen Tempel in der Ferne erkennen, der den nördlichsten Punkt markiert, dahinter ragen Häuser auf: Dort ist anscheinend eine Art Stadt. Mittelpunkt des Parks ist ein größerer Ententeich genau an der Stelle, an der früher die Hütte meines Vaters stand. Wobei »früher« in diesem Fall »ein paar Jahrhunderte früher« heißt. Die Sonne scheint und überall sind Menschen zu sehen, die auf den Wegen spazieren gehen.

Moritz pfeift erneut durch die Zähne. Das tut er ständig, wenn er nervös ist, so wie Pluvius dann immer seine Stirn reibt.

»Du hast recht, Moritz.« Pluvius atmet tief durch. »Das ist eindeutig nicht das Mittelalter.«

»Und die Hütte meines Vaters ist auch verschwunden.« Ich deute auf den Teich.

»Aber das verstehe ich nicht. Der Zeittunnel führte doch direkt dorthin?« Pluvius reibt sich die Stirn. Jetzt im Hellen kann ich sehen, wie blass er noch immer ist.

Moritz schüttelt ungläubig den Kopf. »Kann es sein, dass wir falsch abgebogen sind?«

»Nein. Das hätte ich gesehen.« Pluvius ist der Einzige, der bei diesen Sprüngen erkennen kann, wo wir uns befinden: Ich sehe nur Sterne und Farben. Wahrscheinlich muss er deswegen so leiden.

»Dann sind wir vielleicht in der Zeit, in der dein Vater sich aufhält, Ariadne. Vielleicht hat er sein Versteck gewechselt«, mutmaßt Moritz. Er blickt mich an. »Welche Zeit ist das wohl?«

Ich zucke mit den Schultern und kneife die Augen zusammen, um die Aufmachung der Spaziergänger besser erkennen zu können. »Lange Röcke. Die Frauen tragen lange Röcke, oder? Und die Männer … Die haben was auf dem Kopf.«

Die beiden Jungen neben mir starren ebenfalls angestrengt hinunter in den Park.

»Einen Zylinder«, sagt Moritz und zeigt mit dem Finger auf eine Figur neben dem Tempel rechts von uns. »Der Mann dort trägt einen Zylinder.«

»Stimmt«, nickt Pluvius langsam. »Also keine Perücken oder so. Seht ihr Pferde, Kutschen oder Ähnliches?«

Nach ein paar Sekunden schüttelt Moritz den Kopf. »Nein, aber in einem Park darf man vielleicht nicht reiten.«

»Aber spazieren gehen«, sagt Pluvius.

»Und? Was ist daran schon besonders?« Ich versuche, das Band unter meinem Kinn aufzukriegen. Dass ich den Kopfverband nicht mehr brauche, macht mir diese Zeit sofort sympathischer.

»Nun, die Parks wurden von Königen oder dem Adel angelegt und waren lange Zeit auch nur ihnen vorbehalten. Dass hier ganz normale Menschen herumspazieren dürfen, der Park also anscheinend öffentlich ist, sagt uns daher schon eine ganze Menge.«

Also, mir ehrlich gesagt nicht. Aber ich gucke Pluvius voll Bewunderung an, während ich weiter an meiner Kopfbedeckung nestele. »Und das wäre?«

»Auf keinen Fall befinden wir uns im Mittelalter, klar. Und der Garten sieht auch nicht gerade barock aus …« »Barock?«

»Das sind diese Gärten, die ganz akkurat geschnittene Hecken haben, schnurgerade Wege, wo alles streng geordnet ist.«

»Okay.« Das Gebende ist endlich ab und ich lasse es achtlos fallen.

Pluvius atmet hörbar aus. »Ich würde auf das frühe neunzehnte Jahrhundert tippen. Also achtzehnhundertirgendwas.«

Er sieht zu Moritz, doch der zuckt nur mit den Schultern. »Wenn du es sagst, Alter. In Geschichte bin ich nicht gerade eine Leuchte.«

»Warum wundert mich das so gar nicht«, murmelt Pluvius.

»Was?«

»Ach nichts.« Anscheinend geht es ihm noch nicht gut genug, um zu streiten.

»Achtzehnhundert und ein paar Zerquetschte also.« Das erhebende Gefühl, meinen Unterkiefer wieder bewegen zu können, steigert meinen Optimismus. Ich schüttele meine Haare. »Und können wir jetzt so rausgehen und nach meinem Vater suchen oder werden wir sofort verhaftet?«

Pluvius mustert mich von oben bis unten. »Geht so, denke ich. Langer Rock ist schon mal gut, und aufgeplustert sieht er auch aus: Wenn ich mich nicht irre, tragen die Frauen hier jede Menge Unterröcke«, erklärt er, als er meinen fragenden Blick sieht. »Du solltest vielleicht deine Haare zusammenbinden.«

Natürlich. Wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Seufzend hebe ich das jetzt nicht mehr ganz so blütenweiße Band auf und binde mir damit einen Zopf.

»Und du«, Pluvius wendet sich an Moritz, »siehst eh aus wie ein Piratendarsteller aus einem zweitklassigen Film. Da ist nicht mehr viel zu retten, fürchte ich.«