Anna Regeniter

Ein Jahr in London

Reise in den Alltag

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Impressum

Originalausgabe

6. Auflage 2009

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2007

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

ISBN (E-Book) 978-3-451-33354-5

ISBN (Buch) 978-3-451-05741-0

Für Hilde

Inhalt

August

September

Oktober

November

Dezember

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

DIE FRAU MIT DEN LANGEN, ROTEN LOCKEN an der Hotelrezeption spricht weder Englisch noch Deutsch. Sie spricht überhaupt nicht. Als ich ihr meinen Namen nenne, mustert sie mich kritisch, schaut in ein Buch und schüttelt dann den Kopf. Ich suche nervös in meiner Tasche nach der Hotelreservierung und halte sie ihr schließlich hin. Genauso wortkarg wie vorher schaut sie das Papier an, wirft dann ohne Erklärung einen Zimmerschlüssel auf den Tresen und zeigt zur Treppe hinter ihr. „Welcome to London“, murmelt sie mit schroffer Stimme.

Hier bin ich also! Vom Fenster meines winzigen Zimmers aus kann ich einen Teil der Charing Cross Road mit ihren vielen Secondhand-Buchläden sehen und ein bisschen weiter entfernt das imposante, weißgetünchte Gebäude der National Gallery. Dazwischen hupen schwarze Taxis und rote Doppeldeckerbusse um die Wette, und Zeitungsverkäufer preisen lauthals die neuste Ausgabe des Evening Standard an. „Neuer U-Bahn-Streik angekündigt! Heute nur zwanzig Pence!“

Seit ich vierzehn Jahre alt war, träumte ich davon, eines Tages in der Haupstadt Cool Britannias leben zu dürfen, und jetzt bin ich endlich angekommen. Ich denke an all die Sachen, die mir in der kommenden Woche bevorstehen. Das Vorstellungsgespräch als Deutschlehrerin an der Parkland High in Nordlondon findet erst in acht Tagen statt, aber bis dahin muss ich unbedingt eine Wohnung finden, und, fast noch wichtiger, Engländer kennenlernen.

Aber wo soll ich anfangen? Nachdem ich den Koffer ausgepackt habe, mache ich mir mit dem Wasserkocher, der in England zur Grundausrüstung gehört, eine Tasse Tee und beginne, in meinem dicken Reiseführer zu lesen. Darin heißt es, in London lerne man die Einheimischen am besten im Pub, im Park oder durch Freunde von Freunden kennen. Letzteres scheidet schon mal aus, da die wenigen Auswanderer unter meinen Bekannten sich alle entschlossen haben, in südlichere Gefilde als England zu ziehen.

Also habe ich zwei Möglichkeiten: Ich könnte mich in einen Pub setzen und dort warten, bis mich jemand anspricht, beziehungsweise mich selbst betrinken, so dass ich keine Scheu mehr habe, Fremde anzusprechen. Oder ich könnte mich mit einem Buch in den Park setzen und warten, bis ein selbstloser Londoner Mitleid mit mir empfindet. Die erste Option erscheint mir die weitaus angsteinflößendere, also mache ich mich am nächsten Tag mit meinem Reiseführer in der Hand auf zur Hampstead Heath.

Hampstead Heath ist eine riesige Grünfläche im Norden der Stadt, die mit der U-Bahn in zwanzig Minuten vom Stadtzentrum aus zu erreichen ist. Sie liegt auf einer Höhe von 80 Metern über dem Themsetal, so dass man bei gutem Wetter kilometerweit sehen kann. Besonders im Abendlicht hat man eine unvergessliche Aussicht – von den Wolkenkratzern des Londoner Finanzplatzes im Osten der Stadt über das angeleuchtete Riesenrad des London Eye am Südufer der Themse bis zu den Parkanlagen des Kew Gardens. Die Millionenstadt liegt einem dort zu Füßen.

An diesem Tag allerdings kann ich durch den Fisselregen gerade mal das gegenüberliegende Ufer des kleinen Badesees ausmachen, um den ich nonchalant auf meiner Freundessuche herumspaziere. Kaum jemand ist unterwegs. Ein Regenmantel und Stiefel tragender Mann läuft mit zwei ebenfalls in Regenmänteln gekleideten Rennhunden an mir vorbei, und eine jüngere Frau schiebt ihren Kinderwagen langsam Richtung Spielplatz. Ansonsten sind die einzigen anderen Parkbesucher an diesem Tag dicke, graue Eichhörnchen, die sich frech bis auf einige Meter an mich heranwagen und dann schwanzschlagend wegspringen. Meine potentiellen Bekannten jedoch haben wohl mehr Scharfsinn als ich und sitzen wahrscheinlich allesamt in einem trockenen Pub mit einem knisternden Feuer vor sich. Und ich werde mich jetzt zu ihnen gesellen. Ich drehe noch eine kleine Runde durch den stillen Park, der so gar nicht den Eindruck vermittelt, als wäre man mitten in einer Weltstadt, und mache mich dann auf nach Hampstead Village.

Der Pub ist der Mittelpunkt des englischen Lebens, ein zweites Wohnzimmer, in das man vor allen häuslichen Sorgen fliehen kann. Daher ist die Wahl des „Locals“, des Heimat-Pubs sozusagen, eine große Sache. Hausverkaufsannoncen schließen oft ab mit Bemerkungen wie: „Within 300 metres of nice, traditional pub“ – nur 300 Meter bis zum nächsten schönen Pub. Was den Verkaufspreis wahrscheinlich gleich ein paar tausend Pfund hochtreibt.

Was ich heute brauche, ist allerdings kein uriger Traditionspub, wo sich ganze Familienklans mit ihrem Nachwuchs zum sonntäglichen Umtrunk und Braten treffen, ich suche einen Ort, an dem ich junge Leute finden könnte, die nichts dagegen haben, die Bekanntschaft einer Deutschen wie mir zu machen.

Ich betrete also voller Hoffnung den erstbesten Pub auf meinem Weg, ein kleines blumengeschmücktes, viktorianisches Gebäude mit dem Namen „Ye Olde White Bear“. An Stelle lachender Stimmen und klirrender Biergläser begrüßt mich eisige Stille, und nachdem ich mich nach einigen Sekunden an die Dunkelheit gewöhnt habe, sehe ich, dass der Pub bis auf ein paar alte Männer, die mich entrüstet anstarren, weil ich sie offensichtlich beim Mittagsschlaf gestört habe, völlig leer ist. Ich kann schlecht einfach wieder umkehren, überlege, ob ich so tun sollte, als suchte ich nach einer Toilette, entschließe mich dann aber, mutig zu sein.

Erst an der Bar fällt mir ein, dass ich keinerlei Ahnung habe, was man als einsame Frau in einem Alte-Männer-Pub wie diesem denn bestellen könnte. Die Frau am Tresen sieht mich ungeduldig an.

„What are you having, love?“

Der dunkle Raum und die Stille, die jeden Ton mit völliger Klarheit von der einen Wand zur anderen schallen lässt, machen mich so nervös, dass ich kaum ein Wort rausbringe.

„A Baileys, please.“

Die Barfrau guckt mich schräg an. Vielleicht wartet sie auf eine Mengenangabe? Ich füge schnell „a pint“ hinzu, was mir in der Eile die einzige geläufige Maßeinheit für Alkohol im Englischen ist.

„A pint of Baileys?“, fragt sie nach. Das erste unterdrückte Schnaufen kommt aus der Ecke neben dem Fenster, wo ein ziemlich struppig aussehender Mann mit Schirmmütze sitzt, dann bricht der Rest des Pubs in schallendes Gelächter aus.

„Man bestellt ein Pint Bier, aber einen Shot Baileys.“ Dabei zeigt sie auf ein 0,6-Liter-Glas, in das tatsächlich eine ganze Menge Baileys reinpassen würde.

„Das hier ist ein Pint-Glas. So viel wollen Sie doch wohl nicht wirklich, oder?“

„Oh, nein, natürlich nicht“, sage ich leise und wünsche mir, ich wäre doch auf der Türschwelle wieder umgedreht.

„Na, dann eben einen Shot Baileys, aber einen großen, bitte.“

Die alten Männer lachen weiter, und einer am Fenster ruft: „Würde die ja zu gern mal nach einem Pint Baileys sehen! Müsste sich anschließend wahrscheinlich eine Woche frei nehmen!“

Ich zahle und trage mein kleines Glas in den Biergarten, der zum Glück völlig leer ist, so dass mir weitere hämische Bemerkungen erspart bleiben. Was für eine dumme Idee, so ganz allein in den erstbesten Pub zu gehen! Wenn ich erst mal eine Wohnung gefunden habe und zu arbeiten beginne, werde ich schon genügend Leute kennenlernen. Ich hätte mehr Geduld haben sollen.

So sitze ich alleine auf der feuchten Bank und schaue mich um. Zum Glück hat der Regen aufgehört. Auf den Tischen um mich herum stehen Massen an leeren und halbleeren Pint-Gläsern. Ich vergewissere mich, dass mich vom Innenraum des Pubs aus niemand sehen kann, und lasse dann ein leeres, relativ sauberes Glas in meine Tasche gleiten.

Endlich werde ich mir wieder die Haare mit warmem Wasser waschen können! Aus einem unerfindlichen Grund hat nämlich mein Hotel, wie fast überall in England, nicht einen Wasserhahn am Waschbecken und an der Badewanne, sondern jeweils einen für das heiße und einen für das kalte Wasser. Und das bedeutet, dass man beim Waschen die Wahl hat zwischen eiskaltem oder nahezu kochendem Wasser.

Aber von nun an kann ich in meinem Pintglas das Wasser aus beiden Hähnen mischen und habe somit diese kleine englische Unzulänglichkeit schon mal besiegt. Ich freue mich noch über meinen Scharfsinn, als einer der Kellner in den Biergarten tritt und beginnt, die leeren Gläser abzuräumen. Ein komischer Zufall, denke ich mir, dass er gerade jetzt erscheint, wenn er, der Menge an Gläsern nach zu urteilen, dies seit Stunden nicht getan hat. Bin ich doch beobachtet worden? Fliegt mein Diebstahl auf und ich aus England raus?

Stattdessen sehe ich, wie der riesige Stapel aufgetürmter Biergläser sich fast wie in Zeitlupe im Arm des Kellners immer weiter zur Seite neigt, die oberen Gläser herauszurutschen drohen und der Turm sich schon fast horizontal zur Erde biegt. Der Kellner sieht es auch, versucht, das Unheil mit seinem anderen Arm zu verhindern und die Gläser zu halten, aber es ist zu spät. Die Gläser fallen auf den Boden und zerspringen, ihr Inhalt sprüht durch die Luft, spritzt dem Kellner ins Gesicht und mir auf die Hose und die Schuhe.

„Oh my God, I’m so, so sorry!“, ruft er hektisch, und wischt das Schlimmste mit dem Lappen ab, den er über seiner Schulter hängen hat.

„Oje, deine Hose ist ganz nass. Wie kann ich das nur wiedergutmachen?“

„Na, das kann ja jedem mal passieren“, entgegne ich, „ist ja nur Bier.“

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, denke ich, und hebe vorsichtig meine ebenfalls durchnässte Tasche auf, bevor er anfängt, auch sie abzuwischen.

„Weißt du was, meine Schicht ist in zehn Minuten vorbei, dann gebe ich dir als Wiedergutmachung ein Bier aus. Was hältst du davon?“

Mein erster Gedanke ist, dankend abzulehnen, doch wer weiß, ob ich am heutigen Tag noch eine weitere Gelegenheit bekommen werde, mit einem Engländer ins Gespräch zu kommen. Und zwar mit einem sehr nett aussehenden noch dazu. Er hat, wie so viele Briten, ganz kurz geschorene, rotblonde Haare und ein typisch englisches Gesicht. Was daran so englisch ist, kann man gar nicht genau sagen, aber in Deutschland würde er als Ausländer auffallen.

Ich stoße mit dem Fuß ein paar Scherben weg und lächle ihn an.

„Ist nicht nötig. Aber wenn du darauf bestehst.“

So lerne ich also Jake, meinen ersten waschechten Londoner, kennen, und nach ein paar Getränken und vielen Tipps, was man denn als richtiger Londoner alles so gesehen haben müsste, vereinbaren wir ein baldiges Wiedersehen, sobald ich eine Unterkunft gefunden und mein Vorstellungsgespräch überstanden haben würde.

„Und zieh bloß nicht nach Südlondon! Selbst die Taxifahrer weigern sich, dorthin zu fahren. Und du wärst viel zu weit weg von Highgate.“

In Deutschland ist es bei vielen Häusern so, dass ihr Innenausbau dem höchsten Standard entspricht, sie von außen jedoch charakterlosen Betonklötzen gleichen – in England ist es umgekehrt. Man betritt eine mit Efeu und wilden Rosen bewachsene Villa, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, um sich dann in einer Absteige wiederzufinden, die seit dieser Zeit keine einzige Renovierung erlebt hat. Und die nur zu mieten ist von Schlangenliebhabern mit einem Abschluss in Molekularbiologie. Denn bei vielen Wohnungen steht eine solch große Zahl von Interessierten zur Auswahl, dass die Vermieter oder „Landlords“, wie sie im Englischen eleganterweise heißen, problemlos die tollsten Anforderungen stellen können.

Jeden Morgen stehe ich um sieben auf, um mir das Anzeigenblatt Loot zu kaufen, das hunderte von Wohnungs- und Zimmerannoncen enthält. Der pakistanische Kioskbesitzer kennt mich schon: „Na, haben Sie denn immer noch nichts gefunden? Aber verlieren Sie nicht die Geduld, Ihre Traumwohnung wartet schon irgendwo auf Sie.“

Daran beginne ich allerdings allmählich zu zweifeln, denn nach einigen Tagen bin ich bei der Hälfte aller 275 Londoner U-Bahn-Stationen mindestens einmal ausgestiegen und habe trotzdem noch nicht mal eine halbwegs akzeptable Behausung zu Gesicht bekommen.

Ich schaue mir Wohnungen an, deren Decken von Schimmelbefall fast schwarz sind, Badezimmer, in denen Pilze ungehindert in die Höhe schießen, und einmal muss ich durch das Schlafzimmer eines Mitbewohners gehen, um zu dem zu vermietenden Zimmer zu gelangen. Was auch nicht hilft, ist die Tatsache, dass englische Wohnungsanzeigen sehr unpräzise sind. Wohnungen werden einfach danach klassifiziert, wie viele Schlafzimmer sie haben. Ein „one-bedroom flat“ ist also eine 2-Zimmer-Wohnung, ein „two-bedroom flat“ eine 3-Zimmer-Wohnung, wogegen eine deutsche 1-Zimmer-Wohnung „studio“ genannt wird. Ich rufe bei einer als „good sized“ beschriebenen Wohnung mit Doppelzimmer an, deren Vermieter meine Fragen sehr verwirrend zu finden scheint.

Sorry, Ihre Wohnung in King’s Cross, wie viele Quadratmeter hat die denn?“

Excuse me? Was meinen Sie damit, Quadratmeter?“

„Oh, Quadratfüße?“ Schließlich messen die Engländer ja alles in Füßen.

„Keine Ahnung. Quadratfüße? Ich weiß nicht. Sie ist ziemlich groß.“

Und in London bedeutet das, wie ich bei späterer Besichtigung entdecke, ganze 20 Quadratmeter.

Einmal sehe ich mir eine Wohnung im Nobelvorort Kensington an, deren Mietpreis mir gleich verdächtig günstig erschienen war, nur um rauszufinden, dass die amerikanische Besitzerin von ihren Mietern verlangt, dass sie zweimal pro Woche kochen und auf ihre drei kleinen Kinder aufpassen. Lust, neben meinem Lehrerberuf auch noch eine halbe Au-pair-Stelle anzunehmen, habe ich eigentlich nicht.

Aber nach einer ganzen Woche vergeblichen Suchens reicht es mir endgültig, und ich entschließe mich, die nächstbeste Wohnung zu nehmen, egal wo und wie klein. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass die einzige bezahlbare Unterkunft in London selbst mit meinem relativ hohen Lehrergehalt nur ein Zimmer in einem „shared house“ ist. Das heißt: ein möbliertes Zimmer mit Kochnische plus geteiltem Badezimmer und Toilette und vielleicht noch einem Münztelefon auf dem Flur. Ich nehme entschlossen das Telefon in die Hand und melde mich auf alle Anzeigen, die auch nur irgendwie in Frage kommen.

„Hallo, ich rufe wegen dem Zimmer in Earl’s Court an – ist es …“ Der Gentleman auf der anderen Seite hat schon aufgelegt.

„Hallo, ist es möglich, sich das Zimmer in Kilburn anzugucken?“

„Du hast boyfriend? Wenn boyfriend, dann nicht, wenn kein boyfriend, dann du kannst kommen, heute Abend um zehn. Du willst?“

„Wir haben es gerade vor einer Minute vermietet.“

Ich will gerade aufgeben, als eine irische Stimme sagt, ich solle doch gleich vorbeikommen, und mir eine Adresse im nördlich gelegenen Primrose Hill nennt.

„Sie sind die Erste, die auf die Anzeige hin angerufen hat. Also, wenn Sie schnell sind, ist es Ihres!“

Wegen des irischen Akzents habe ich den Straßennamen nicht deutlich verstanden: 112 Gloucester Street – oder war es Avenue? Als ich im Straßenverzeichnis meines Londoner Stadtplanes nachschaue, stelle ich mit Schrecken fest, dass es um die fünfzig verschiedene Gloucester Streets, Crescents, Avenues, Lanes, Mews, Rises und was nicht noch alles gibt. Als ich endlich eine Gloucester Avenue in Primrose Hill gefunden habe, ist bereits eine Viertelstunde vergangen, und ich muss mich beeilen, damit mir nicht doch noch jemand das Zimmer vor der Nase wegschnappt.

Ich springe in die U-Bahn, die natürlich gleich im ersten Tunnel für zehn Minuten stehen bleibt. Eine halbe Stunde später komme ich dann aber doch bei der Station Chalk Farm an, und renne über eine kleine Eisenbahnbrücke bis zu der von dem Vermieter genannten Straße. Aber auch hier hört meine Not nicht auf, denn leider legen Engländer nicht viel Wert auf Hausnummern. Einige Häuser haben gar keine Nummer, andere Leute haben ihre Hausnummer so gut hinter Efeu oder Gebüsch verborgen, dass es dem besten Detektiv schwerfallen würde, sie aufzuspüren, und noch andere halten es für vornehm, ihren Häusern anstatt von Nummern ausgefallene Namen zu geben. So findet man mitten in London, weit entfernt von jedem Park oder Wald, Häuser mit so klangvollen Namen wie „Eulenruf“ oder „Waldesruh“. Und Namensschilder an Klingeln sind gänzlich unbekannt. Ich frage später unzählige Bekannte nach dem Grund dafür, und immer ist die Antwort: „Das wäre doch viel zu gefährlich.“ Worin die große Gefahr besteht, seinen Namen für Fremde sichtlich am Haus anzubringen, kann mir allerdings niemand erklären.

Und so suche auch ich erst mal eine ganze Weile erfolglos nach Nummer 112. Ich finde wohl Haus Nummer 106, aber dann gibt es ein mysteriöses Ausbleiben jeglicher Kennzeichnung. Nur eine einsame 2 hängt neben der Tür eines der Häuser, und ich rechne mir aus, dass dies wohl mein gesuchtes Haus sein muss.

Ich schaue mich vergeblich nach einer Klingel um, und probiere es schließlich mit dem Türklopfer, einem leicht lädierten Löwenkopf aus Messing. Die Tür wirkt mit ihren Säulen und Verzierungen fast wie der Eingang zu einem klassischen Tempel. Nichts rührt sich, und ich schaue mich in der Straße um.

Primrose Hill hat sich in den vergangenen dreißig Jahren von einem der heruntergekommensten Viertel in einen der reichsten und hippsten Stadtteile verwandelt. Aber schon immer haben hier viel Künstler gewohnt. In den 1960er und -70er Jahren lebten hier, angezogen von den billigen Mieten, die Dichter Sylvia Plath und Ted Hughes, der Photograph David Bailey und sogar Paul McCartney. Heute läuft man Supermodels wie Kate Moss und Schauspielern wie Ewan McGregor und Jude Law über den Weg. Und Schriftsteller und Popstars gibt es hier so viele, dass einem auf einem halbstündigen Spaziergang garantiert zwei oder drei begegnen.

Die New-Age-Druiden, die auf der Anhöhe des Primrose Hill Parks bei jeder Sommersonnenwende merkwürdige Zeremonien vollführen, bestehen darauf, dass die Faszination dieses kleinen Viertels darauf beruht, dass mehrere Erdenergielinien hier zusammenlaufen. Eine etwas langweiligere Theorie wäre, dass es hier einfach jede Menge gut erhaltener viktorianischer Villen gibt, und diese durch die Eisenbahnlinie und den Park so vom Rest Londons abgeschnitten sind, dass die Gegend tatsächlich den Eindruck eines in sich geschlossenen Dorfes macht – ein Dorf bewohnt nur von den Reichen, Schönen oder sonstwie Glücklichen.

Wie gerade ich dieses Glück verdient habe, weiß ich nicht, aber der Haken an der Sache wird mir offenbar, als der irische Vermieter endlich an der Tür erscheint und mich zu dem Zimmer führt. Barry Byrne ist ein riesiger Mann Anfang fünfzig, der aussieht, als hätte er in letzter Zeit einige Guinness zu viel getrunken. Aber sein melodischer irischer Akzent macht ihn mir gleich sympathisch. Für den in der Zeitung angegebenen Preis hatte ich ein kleines Penthouse mit Swimmingpool erwartet, und von außen sieht das Haus auch in der Tat sehr ansehnlich aus: Es liegt in einer mit alten Ahornbäumen bewachsenen, halbmondförmig verlaufenden Straße mit um die Jahrhundertwende gebauten Häusern, deren Türen alle in unterschiedlichen Farben gestrichen sind – nur die Kutschen und der Nebel fehlen noch, und man könnte in einem Sherlock-Holmes-Film sein.

Doch als ich Barry die Treppe hinauffolge und die Tür des Zimmer öffne, finde ich mich in einer Art Wandschrank wieder, in dem man Schwierigkeiten hat, sich einmal um sich selber zu drehen, geschweige denn, auf- und abzulaufen. Der Teppich ist dunkelgrün, die Tapeten haben Blümchenmuster auf grünem Hintergrund, und selbst der wahrscheinlich im Sperrmüll gefundene Ohrensessel passt in das Farbschema. Grün, denke ich, ist die Farbe der Hoffnung und allen Neubeginns.

„Das ist wirklich wunderschön“, sage ich mit meiner sehr schnell gelernten englischen Höflichkeit. „Darf ich Ihnen eine Kaution geben?“

Ich habe also endlich meine eigene Unterkunft, wenn auch bei dem hohen Mietpreis wohl bald nicht mehr genug Geld zum Essen. Nach näherem Umsehen hat das Zimmer allerdings auch viele gute Seiten: Die hohen Decken sind mit Stuck verziert, und das alte Schiebefenster öffnet sich auf einen winzigen, mit Messing verzierten Balkon, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf die viktorianischen Häuser gegenüber hat.

Bevor ich den genieße, muss ich jedoch erst einmal das Badezimmer suchen, denn ich war so darauf fixiert, meine Wohnungssuche abzuschließen, dass ich an solche Fragen wie Nebenkosten oder gar die Lage des Badezimmers gar nicht gedacht hatte. In der einen Ecke meiner grünen Kammer gibt es eine kleine Kochnische mit Kühlschrank und Gasherd, sogar einen Esstisch habe ich, aber von Klo oder Dusche ist weit und breit keine Spur.

Ich trete auf den Flur und gehe die Treppe hinauf. Dort sind zwei weitere Türen wie die meine, die in goldenen Ziffern die Wohnungsnummern tragen. Sonst nichts. Ich schleiche die Treppe wieder hinunter, an meinem Zimmer vorbei ins Erdgeschoss, mit dem schrecklichen Gedanken im Kopf, dass ich meine Bleibe nur so leicht bekommen habe, weil es tatsächlich weder Klo noch Dusche gibt.

Plötzlich springt eine Tür auf, und ein Gesicht, das man vor langen schwarzen Krusselhaaren kaum sehen kann, grinst mich freundlich an. „Ciao Bella! Bist du gerade eingezogen? Ich bin Felice.“ Er erzählt mir, er wohne in diesem Haus, seit er vor zwei Jahren aus Sizilien hier angekommen sei, wäre dort sehr glücklich, und lädt mich dann zum Kennenlernen auf einen Teller Spaghetti und eine Tasse Tee ein.

„Willkommen in Inghilterra, eh?“

Thanks. Sag mal, gibt es hier eigentlich ein Badezimmer?“

Er lacht und zeigt auf die gegenüberliegende Tür, die stolz ein goldenes Schild mit der Aufschrift „Number One“ trägt. „Sí, sí, natürlich! Klein und dreckig, aber besser als nichts.“

Ich werfe einen kurzen Blick hinein, aber bis auf eine kleine Badewanne und ein Waschbecken, natürlich jeweils mit zwei Hähnen ausgestattet, gibt es nicht viel zu sehen. Bis auf den Teppich auf dem Boden. Felice bemerkt meinen überraschten Blick.

„Das ist so üblich in England, mit Teppich ausgelegte Badezimmer. Aber es gibt auch einen guten Grund dafür.“ Er zeigt auf das alte Holzschiebefenster, das dem in meinem eigenen Zimmer gleicht und durch dessen Spalten der Wind hereinbläst.

„Mit Isolierung haben die es hier nicht so, da wird es im Winter ganz schön kalt.“

Wenigstens bekommen wir hier nach dem Baden keine kalten Füße, denke ich mir.

„Und Duschen mögen sie auch nicht?“

„Wenn du duschen willst, meldest du dich besser im Fitnesszentrum an! Da gibt es welche.“ Ich werde also meine Haare weiterhin mit Hilfe meines Pint-Glases waschen müssen. Man muss sich halt den Gebräuchen des Landes anpassen.

Wir gehen zurück zu Felices Wohnung, die ein ganzes Stück größer ist als meine. Er hat sogar eine separate Küche, aber viel Platz bleibt nicht: Überall stehen Kleiderstangen herum, an denen Jacken und Mäntel hängen.

„Entschuldige das Chaos, ich habe ein Kleidergeschäft auf dem Camden Markt gleich um die Ecke von hier und habe gerade eine Lieferung aus Sizilien bekommen.“

Ich schaue mir gerade einige der Mäntel genauer an, als plötzlich die Kleiderstangen anfangen, sich auf und ab zu bewegen, die Gläser auf Felices Tisch zu klirren beginnen und der Boden unter meinen Füßen bebt. Ich schaue Felice entsetzt an.

„Keine Sorge, das ist nur die U-Bahn, die direkt unter unserem Haus herfährt.“

In der Woche darauf findet mein Vorstellungsgespräch an der Parklands High im nördlichen Vorort Finchley statt. Ich ziehe den Hosenanzug und die spitzen Schuhe an, die ich mir extra für diesen Anlass gekauft habe, und mache mich auf den Weg zur U-Bahn. Von der Haltestelle Finchley Central aus laufe ich das letzte Stück zu der direkt an einem Krematorium gelegenen Schule. Die Rezeptionistin führt mich gleich zum Zimmer des Direktors, der mich schon erwartet.

„Hallo, Anna, nett, Sie kennenzulernen!“

Dr Clarkson reicht mir die Hand und guckt mich über seine Brillengläser hinweg an. Er ist ein stämmiger, kleiner Mann mit dem Gesichtsausdruck einer Bulldogge – die Art von Mensch, mit dem man sich am besten nicht anlegt.

„Nett, Sie kennenzulernen, Herr ...“

Soll ich ihn mit Vornamen anreden? Aber irgendwie bringe ich es nicht über die Lippen, diesen furchteinflößenden Mann Roddy zu nennen. Und vielleicht redet er mich auch nur mit Anna an, weil mein Nachname für ihn völlig unaussprechlich ist.

Wenigstens erledigt sich im Englischen das Problem, ihn eventuell duzen zu müssen. Entgegen der irrtümlichen Meinung vieler Deutscher entspricht das Englische „you“ keineswegs dem deutschen „du“, sondern ist die zweite Person Plural, die dann nach dem Vorbild des französischen „vous“ für die höfliche Anrede auch einzelner Personen verwendet wird. Dementsprechend haben die Engländer keine andere Wahl, als sich ununterlassen zu siezen, beziehungsweise sich zu ihrzen. Ein weiteres Zeichen ihrer unübertroffenen Höflichkeit!

„Bitte setz dich doch.“

Neben Dr Clarkson sind außerdem der stellvertretende Direktor, Mr Tucker, und die Fachleiterin der Sprachabteilung, Miss Miller, anwesend. Miss Miller ist eine hochgewachsene, blonde Frau Ende dreißig, deren eng aneinander liegende Augen und spitzes Kinn ihr ein gehässiges Aussehen geben. Obwohl ich weiß, dass ich die einzige für diese Stelle geladene Kandidatin bin – Deutschlehrer sind begehrt in London –, wird mir vor Nervosität abwechselnd heiß und kalt und mein einziger Trost ist, dass die Schule genauso verzweifelt eine Deutschlehrerin braucht wie ich den Job.

Die drei sitzen mir in einer Reihe gegenüber und stellen abwechselnd die Fragen. Ich erzähle ihnen von meiner Begeisterung für die deutsche Sprache und Kultur und von meiner großen Lust, diese an die englischen Schulkinder weiterzugeben. Was meine größte Schwäche sei? Ich wäre so arbeitsam, dass ich es oft schwer fände, einen Strich unter das Geschaffte zu machen, und ich würde ebenso viel von meinen Schülern erwarten. Das habe ich in einem Ratgeber für das perfekte Vorstellungsgespräch gelesen und soweit ich es abschätzen kann, sind meine drei Vernehmungsbeamten von meinen Antworten angetan.

„Und jetzt kommen wir zum französischen Teil des Gesprächs“, verkündet Miss Miller dann plötzlich mit einem süßlichen Lächeln. Auf die Frage am Telefon, ob ich bereit sei, auch etwas Französisch zu unterrichten, hatte ich erwidert, dass ich Französisch zum letzten Mal in der Schule gesprochen hätte.

„Ich habe gehört, der Sprachunterricht an den deutschen Gymnasien sei sehr gut, das wird sicherlich reichen für den Anfängerunterricht.“

An dieser Stelle hätte ich natürlich sofort hinzufügen sollen, dass ich es nach zwei Jahren mit einer Fünf als Endnote abgewählt hatte, doch erschien mir die Möglichkeit, dass ich dann tatsächlich Französisch unterrichten sollte, als so abwegig, dass ich dem Ganzen keine große Bedeutung schenkte.

Ich lache nervös, und sehe mich schon arbeits- und wohnungslos auf der Suche nach einem LKW-Fahrer, der sich erbarmt, mir eine Mitfahrgelegenheit zurück in die Heimat zu geben, hungrig durch das nächtliche London schleichen.

Alors, pourquoi est-ce que vous avez déménagé en Angleterre?“

Ich wiederhole die Laute mehrere Male in Gedanken, kann aber nichts damit anfangen.

Il y a deux semaines“, entgegne ich auf gut Glück, und warte auf die nächste Frage.

„Nein, wir haben gefragt, warum du nach England gezogen bist!“ Miss Miller und ihre zwei Kollegen betrachten mich skeptisch.

„Ah, natürlich. C’est parce que l’Angleterre est superbe!“ Das scheint sie zu befriedigen.

„Et l’école où vous avez travaillé en Allemagne, elle est comment?“

„Elle est superbe! Elle est très grande avec beaucoup d’élèves.“ Ich danke Gott für diese grandiose Eingabe, und warte angespannt auf die nächste Frage.

Aber Dr Clarkson unterbricht. „Ja, ich spreche zwar selber kein Französisch, aber ich muss sagen, dein Akzent hört sich gut an.“ Er stellt noch ein paar Fragen zu meiner Unterrichtsmethodik und dann ist das Schlimmste schon überstanden.

„Also, wenn du jetzt bitte im Lehrerzimmer einige Minuten warten könntest, dann werden wir jetzt eine Entscheidung treffen und sie dir so bald wie möglich mitteilen.“

Kaum habe ich es mir im Lehrerzimmer mit einer Tasse Tee auf einem Sofa bequem gemacht, geht schon die Tür auf, und Miss Miller kommt herein und wirft mir einen grimmigen Blick zu.

„Herzlichen Glückwunsch! Du hast die Stelle!“

Daraufhin wirft sie sich mir um den Hals und küsst mich auf beide Wangen. „Ganz wie in Frankreich“, lacht sie, als wollte sie mich extra noch mal an meine peinlichen Unkenntnisse erinnern.

„Jetzt brauchen wir noch ein paar Unterschriften von dir und dann kannst du nachher bei meiner zehnten Klasse zusehen, damit du schon mal weißt, was dich dann am nächsten Montag erwartet!“

In der Kabine beim Fußballfeld, die aus Platzmangel als Klassenzimmer genutzt wird, setze ich mich nach hinten. Die Wand ist plakatiert mit Arbeiten der Kinder. „Meine Name is James. Ich bin dick. Ich bin nickt dunn. Ich bin ser intelligent.“ Daneben ein Foto von einem grinsenden kleinen Jungen auf seinem BMX-Rad.

Miss Miller fixiert die Schüler streng mit vor sich verschränkten Armen, bis irgendwann alle still werden und in ihre Richtung schauen.

„Guten Morgen, die Klasse!“

„Gud Morging, Fräulein Miller“, entgegnen ein paar Kinder gelangweilt.

Sie lächelt voller Enthusiasmus und erläutert dann das heutige Lernziel: die Präpositionen mit Dativ.

Auf dem Projektor erscheinen mehrere ungeschickte Zeichnungen von Mäusen; Mäusen in Schubladen, Mäusen unter Schränken, Mäusen neben Betten.

„O. k., wie-der-holt“, sagt sie, auf das erste Bild zeigend, „die Maus ist unter dem Tisch!“ Zwei müde Stimmen sprechen unisono: „Dei Mouse iss under demm Tisch.“ Die restlichen Schüler starren entweder geistesabwesend aus dem Fenster oder kritzeln eifrig mit Kulis auf den Tischen herum.

„Prima! Well-done! Nun: Die Maus ist in dem Schrank ...“

„Miss, ist es die oder der?“ Völlig in Gedanken versunken schrecke ich auf.

„Sorry?“

„Die oder der? I mean, die oder der Hose?“ Miss Miller lächelt mich an, keineswegs beschämt, dass ihr dieser kleine Unterschied gerade nicht einfällt.

„Ach so. Der Hose. Die Maus ist in der Hose.“

„Danke!“ Und weiter geht es mit Mäusen neben Telefonen, Mäusen in der Schultasche und Mäusen eingequetscht zwischen zwei labberigen Sandwichscheiben. Dann müssen die Kinder alles vom Projektor abmalen und beschriften und die Stunde ist schon fast vorbei. Ich gehe durch die Reihen und schaue mir die Hefte der Kinder an. Ein rothaariges Mädchen mit dickem Pferdezopf hat jeden einzelnen Vokal mit Umlaut versehen. „Die Mäüs ist ünter dem Schränk“, steht da in Schönschrift, und ein paar Seiten vorher: „Edgewäre ist im Nörden vön Löndön. Fülhäm ist im Süden vön Löndön.“

„Warum benutzt du denn so viele Umlaute?“, frage ich sie amüsiert.

„Umlaute?“

Ich zeige auf ein Beispiel.

„Ach, Doppelpunkte. Das macht man so im Deutschen“, erklärt sie mir überzeugt.

Nachdem wenig später die Schüler das Klassenzimmer verlassen haben, gratuliere ich Miss Miller zu der gelungenen Stunde.

„Oh ja, das ist aber auch wirklich eine nette Klasse, da macht einem das Unterrichten richtig Spaß.“

„In der Tat. Ich freu mich schon auf nächste Woche“, entgegne ich ihr.

Auf dem Weg durch ruhige Vorortsstraßen zurück zur U-Bahn-Station holt mich eine Frau um die dreißig ein. Sie hat lange, braune Haare, ein nettes, offenes Gesicht und trägt trotz der Wärme rote Fellwinterstiefel und dazu einen Minirock. Außer Atem stellt sie sich vor.

„Ich bin Maddie, Maddie Williams. Kunstlehrerin. Wie ist das Vorstellungsgespräch gelaufen? Ich habe dich vorhin mit Mr Clarkson reden sehen.“

„Oh, sehr gut. Man hat mir die Stelle angeboten.“

„Und du hast sie angenommen? Herzlichen Glückwunsch! Dann werden wir uns ja jetzt häufiger sehen.“

Als wir nach zehnminütigem Weg auf dem Bahnsteig stehen, bin ich bereits überzeugt, in Maddie eine nette Kollegin gefunden zu haben.

„Ich glaube, ich muss dich warnen“, sagt sie dann jedoch plötzlich, als die U-Bahn gerade einfährt. Sie zögert ein wenig und fährt schließlich fort: „Die Verhältnisse sind hier nicht so, wie du es wahrscheinlich von deutschen Schulen her gewohnt bist.“

„In welcher Hinsicht?“, frage ich.

„Nun, sagen wir, es läuft alles weniger zivilisiert ab.“

„Weniger zivilisiert?“

„Ja, die Kinder. Und nimm dich vor Miss Miller in Acht, weil –“. In diesem Moment kommt der Zug mit quietschenden Bremsen zum Stehen und ich verstehe den Rest von Maddies Warnung nicht mehr.