Vorwort

„Der Mensch ist zu schlecht für den Sozialismus!“ Dieses Argument kennen die meisten Sozialist*innen aus Diskussionen, Meistens wird es vorgebracht, wenn alle anderen Argumente ausgegangen sind. Die Quintessenz dieses Buchs ist eine andere: Der Mensch kann in Freiheit und Gleichheit leben – und hat es lange Phasen seiner Existenz getan.

Von unserem Autor, dem Dresdner Lehrer und Sol-Bundesvorstandsmitglied Steve Hollasky, sind im Manifest-Verlag schon verschiedene Bücher erschienen, in diesem Jahr ein Buch über den Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion im Jahr 1941 („Der Fall Barbarossa“), eine Biographie über den russischen Anarchisten Nestor Machno ist in Planung.

In diesem Buch geht er der Frage nach, ob es das, was Marxist*innen den Urkommunismus nennen, gab – eine Gesellschaftsform in der Frühgeschichte der Menschheit, die keine Klassen, keine patriarchalischen Verhältnisse, keinen Staat kannte. Herausgekommen ist ein Buch, dass nicht nur lehrreich, sondern auch spannend ist. Hollasky verarbeitet Fachliteratur und zahlreiche Gespräche mit Archäolog*innen und Fachleuten und beschreibt, weshalb die archäologischen Erkenntnisse genau diesen Schluss zulassen: der Mensch ist nicht von Natur aus „schlecht“. Unterdrückung, das Führen von Kriegen, Selbstsucht, die Unterdrückung der Frau liegen nicht in seiner DNA begründet, sondern in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich auf Basis der Entwicklung der Produktionsverhältnisse über tausende Jahre entwickelt haben. 

Geschlechterverhältnisse

Dabei nimmt uns Hollasky mit auf eine Reise durch die Frühgeschichte der Menschheit, stellt die unterschiedlichen Menschen- und Vormenschenarten dar, erklärt die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen und beschreibt detailliert Gesellschaften, die keine Klassen und keine Ungleichheit kannten. 

Er erklärt, weshalb die gängige Annahme, die Männer der menschlichen Frühgeschichte seien die Jäger und Kämpfer, die Frauen die Sammlerinnen und Kinderaufseherinnen gewesen, dem Stand der Geschichtswissenschaft nicht standhält. Frauen waren auch Jägerinnen, Kriegerinnen und sogar hochrangige Wikingerinnen. Der Autor schlussfolgert: „Im Paläolithikum und Neolithikum, auch das scheint sich mehr und mehr wissenschaftlich belegen zu lassen, war das Zusammenleben von Frauen und Männern von Gleichberechtigung geprägt gewesen zu sein. Das „natürliche Verhältnis der Geschlechter“ ist weit von dem entfernt, was Björn Höcke sich darunter vorstellt. Die Frau, die mit einem Bogen auf dem Rücken und Pfeilen in der Hand auf Beute lauerte, die zusammen mit anderen Frauen und Männern Tieren hinterher setzte, gehört wohl  genauso zu dieser Realität wie die Ehe in Gruppen oder das Zusammenleben auf Zeit. Wer sich auf das Ideal der bürgerlichen Ehe oder auf die Frau als sanftmütiges und hingebungsvolles Wesen, dessen Fokus auf der Erziehung der Kinder und der Haushalt liegt, berufen will, tut gut daran angebliche Belege für diese Art von sexistischem Unsinn nicht in Paläolithikum, Mesolithikum oder Neolithikum zu suchen.“

Catal Höyük

In „Frei & Gleich“ werden unterschiedliche Gesellschaften der menschlichen Frühgeschichte dargestellt. Von den Liekedeeler*innen, die nomadisch lebten über die „Bandkeramiker*innen und die egalitäre Gesellschaft Skara Braes im heutigen England bis zur Tripolje-Kultur Majdanetskes – alles Gesellschaften, die keine Klassenunterschiede und staatliche Repressionsorgane kannten. Von besonderer Faszination ist in diesem Zusammenhang Catal Höyük im heutigen Anatolien. Nicht nur weil die reichhaltigen archäologischen Funde ein anschauliches Bild des Lebens der Zehntausenden in dieser neolithischen Großsiedlung lebenden Menschen ermöglichen, sondern weil es gute Gründe für die Annahme gibt, dass die egalitäre Gesellschaft Catal Höyüks Ergebnis eines revolutionären Aufstands gegen die Klassenunterdrückung, die vor ihrem Bestehen bestand, war. „Neolithische Kommunist*innen“ nennt Hollasky dementsprechend die Menschen Catal Höyüks. 

Bedeutung

Das Fazit Hollaskys ist eindeutig: Ja, es gab ihn, den Urkommunismus! Das ist jedoch nicht nur eine interessante historische Erkenntnis. Sie sagt uns etwas über die so oft diskutierte „Natur des Menschen“ und beantwortet letztlich auch die Eingangsfrage, ob der Mensch zu schlecht für den Sozialismus sei. Denn wenn die Menschen in ihrer Frühgeschichte, auf primitivstem Kultur- und Produktivitätsniveau, frei und gleich leben konnte, gibt es keinen Grund, weshalb dies unter heutigen Bedingungen nicht möglich sein sollte. Die Macht- und Eigentumsverhältnisse müssten dazu jedoch verändert werden. Die neolithischen Kommunist*innen zeigten auch: sie können verändert werden!

Berlin, den 2. Juli 2021

Sascha Staničić

Urkommunismus?

Es war im Jahr 2010, als sich Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ nicht nur einfach eine goldene Nase verdiente, sondern die Menschen polarisierte. Seine Lesungen waren prall gefüllt, ebenso wie es Sarrazins Geldbeutel nach Erscheinen seines mehr als 400 Seiten dicken Werkes gewesen sein dürfte. Doch auch vor den Gebäuden, in denen seine Veranstaltungen abliefen, kamen Hunderte zusammen, um gegen seine Thesen zu demonstrieren.

Und die hatten es in sich: Gerade arabischstämmige Migrant*innen seien intellektuell weniger befähigt als Menschen, die in Deutschland geboren wurden. Arme Menschen, so suggerierte Sarrazin in seinem Buch gern, sind an ihrer Situation selbst schuld. Nicht wer arm ist, greift zur Frustbewältigung besonders häufig zur Flasche. Nein, wer ein Alkoholproblem hat, der wird eben arm. Wobei es wirkliche Armut nicht gibt, das behaupte lediglich eine Armutsindustrie, die an ihren Hilfsangeboten verdiene.

Deutschlands Rechte klatschte jubelnd in die Hände, der ernst zu nehmende Teil der Sozialwissenschaft schüttelte, ob der Verdrehung von Kausalitäten und der nicht häufig vollkommen falschen Darstellung von Zahlen und Zusammenhängen, den Kopf und linke und antirassistische Aktivist*innen riefen zum Protest.

Soziale Ungleichheiten in Gesellschaften, so Sarrazins feste Überzeugung, habe es „zu allen Zeiten“ gegeben. Gemeinschaften wären immer „geschichtet“ gewesen. In seiner nur wenige Monate nach Sarrazins Buch erschienen Antwort „Anti-Sarrazin“, widerspricht Sascha Staničić einer solchen Darstellungsweise, nach der „die Existenz von Klassen“ schon immer ein Merkmal von Gesellschaften gewesen sei. „Denn in der Frühgeschichte der Menschheit gab es nach Erkenntnissen der Archäologie und Geschichtswissenschaften Gesellschaftsformen, die keine Klassendifferenzierung kannten und in der es nicht nur soziale Gleichheit gab, sondern auch daraus sich ergebende harmonische Lebensverhältnisse“, so Staničić. „Soziale Gleichheit“? „Harmonische Lebensverhältnisse“? Auch mit einem Namen kann der Autor aufwarten: Catal Höyük, eine Großsiedlung in Ostanatolien. Mehr als 1.000 Jahre hindurch hätten Menschen dort egalitär gelebt, weiß Staničić zu berichten.

Ist das der „Urkommunismus“, den Friedrich Engels in seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ den „alten Kommunismus“ nannte? Jene Art des Zusammenlebens, von der Engels in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ einmal erklärt hatte, sie sei von einer „in all ihrer Kindlichkeit und Einfachheit“ wunderbaren Verfassung gekennzeichnet gewesen. Diese „Gentilverfassung“, in der die eigene Sippe der eigentliche Bezugspunkt der menschlichen Gemeinschaft war, sei „ohne Soldaten, Gendarmerie und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse“ ausgekommen. Den entscheidenden Grundsatz erblickte Engels darin, dass alle „gleich und frei“ gewesen seien, „auch die Weiber“, wie er es in der Sprache seiner Zeit ausdrückt.

Keine Polizist*innen, keine Armee und folglich auch keine Kriege; kein Reich und Arm? Sollte das die Wahrheit über das Zusammenleben unserer Vorfahren sein? Der Urkommunismus als verlorenes, aber im Grunde doch – wenn man so will – natürliches Prinzip unseres Zusammenlebens?

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung an der Universität Hamburg (AKUF) versucht umfassend über bewaffnete Konflikte weltweit zu berichten. Allein zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Jahr 2014 sollen sich laut einer Zählung von AKUF nicht weniger als 249 Kriege ereignet haben. Auf eine Welt ohne Waffen lässt ihre Berechnung wenig Hoffnung: Im Schnitt brachen jedes Jahr mehr als drei Kriege aus.

Angesichts der Verteilung von Vermögen und Einkommen fällt es schwer auf eine Welt der Gleichen, in der Armut und Reichtum nicht Teil der gesellschaftlichen Normalität sind, zu hoffen.

Der „Urkommunismus“ also ein schönes Märchen? Wie jenes vom Schlaraffenland oder der goldenen Stadt El Dorado in Südamerika, die die Träume und Begehrlichkeiten der aus Europa stammenden Eroberer geweckt hatte. War der „Urkommunismus“ auch nicht mehr als das?

Wer über den „Urkommunismus“ etwas erfahren will, der muss zu Bernhard Brosius gehen. Der in Rheinland-Pfalz lebende Brosius betreibt die Seite urkommunismus.de. Für ihn ist der „Urkommunismus“ weit mehr als eine nette Erzählung. In Ostanatolien hätten vor gut 9.000 Jahren Menschen als Gleiche miteinander gelebt, erklärt er im Gespräch. Auch lange vorher, im Paläolithikum, der Altsteinzeit, in der Menschen als Jäger*innen und Sammler*innen umherzogen, seien menschliche Gemeinschaften egalitär gewesen, so Brosius. Einen Befund, den er auch auf das Neolithikum ausgeweitet wissen will. „Was das Mesolithikum betrifft, die Zeit zwischen Alt- und Jungsteinzeit, da habe ich eine andere Meinung, da gab es sehr wohl soziale Unterschiede“, erläutert der Autodidakt, der von Hause aus eigentlich Chemiker ist.

Paläolithikum, Mesolithikum, Neolithikum1, Brosius kennt sich in der Ur- und Frühgeschichte aus wie in seiner Westentasche. Angefangen habe für ihn alles mit dem Buch des britischen Prähistorikers James Mellaart über die Ausgrabung von Catal Höyük, den Ort, über den Staničić in seiner Antwort auf die reaktionären Thesen Sarrazins geschrieben hatte. Brosius war über das Buch im Regal einer Handlung gestolpert, in der er 1967 gearbeitet hatte. Eine Stadt sei Catal Höyük nicht gewesen, eher eine schier gigantische Siedlung, so Brosius. Und ja, es war ein Ort der Gleichen.

Sei der Ort der einzige gewesen, in dem nach der Sesshaftwerdung des Menschen egalitäre Gemeinschaften gelebt hätten? Beileibe nicht. Den „Urkommunismus“, die Gesellschaft, in der Menschen in sozialer Gleichheit, Eintracht und Harmonie, ohne Kriege und große Gewaltvorfälle gemeinsam leben würden, habe es nicht allein an dieser einen Stelle gegeben. Ganz im Gegenteil.

Natürlich, wenn ein Archäologe ungünstigerweise durch Grabungen eine Kultur erschließe, in der es zu bestimmten Zeiten Hierarchien und soziale Ungleichheit gegeben habe, dann werde er vielleicht zu dem Schluss kommen, dass es eben seit jeher so gewesen sei, erläutert Brosius. Dabei übersehe er dann eventuell die Zeiten vorher und danach, in denen es ganz anders war, so könnten dann Trugschlüsse entstehen.

Es ist kurios: Detlef Gronenbruch vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz hatte in der Unterhaltung mit dem Autor den Sachverhalt ganz ähnlich dargestellt. Nur nutzte er umgekehrte Vorzeichen. Wenn ein Archäologe durch Zufall eine Kultur erschließe, die egalitär gelebt habe, dann bemerke er vielleicht nicht, dass es in Zeiten davor und danach eher ungleich zuging. Soziale Gleichheit, so Gronenbruch sei eher das Ergebnis des Zusammenbruchs hierarchischer Gesellschaften. Dann herrsche mitunter soziale Gleichheit, bis sich das System von Neuem ordne. Aber, so Gronenburch, es werde sich ordnen, jedes System habe den Hang dazu. Das einzusehen falle ihm schwer, aber wahrscheinlich sei es so.

Für Peter Neukirch, den Leiter des Dresdner Georg-Palitzsch-Museums geht auf die Frage, ob das Leben der Menschen eine Phase ohne Hierarchien und in sozialer Gleichheit gekannt habe, eher in die falsche Richtung. „Hierarchien mit Zweck“ wären sinnvolle Ordnungsstrukturen, auch für Gesellschaften, die auf Sippen beruhen. Dass Frauen und Männer aufgrund ihrer „biologischen Mitgift“ verschiedene Aufgaben zu erledigen hätten, wäre sicherlich kein Problem. Man könne einfach unterschiedliche Qualitäten in gesellschaftliches Zusammenleben einbringen.

Auch Thomas Westphalen vom Landesamt für Archäologie in Sachsen tut sich mit dem Begriff des „egalitären Neolithikums“ eher schwer. Das könne man so nicht sagen, bemerkt er im Gespräch.

Geprägt hatte den Begriff einst der marxistische Archäologe Vere Gordon Childe, dessen Ausgrabungen nicht selten erstaunliche Funde offenbarten. Hinter der Vokabel des „egalitären Neolithikums“ verbirgt sich bei ihm das Zusammenleben der ersten sesshaften Bäuerinnen und Bauern in Gemeinschaften der Gleichen.

Eine Interpretation, der Bernhard Brosius gern zustimmt. Childe ist für ihn nach wie vor ein Ideengeber.

Aber ist diese Position richtig? War die urkommunistische Phase des Zusammenlebens der Menschheit mehr als ein schöner Traum, mehr als eine angenehme Vorstellung? Und wenn sie Realität gewesen ist, gibt sie dann Antworten auf Fragen, denen wir uns heute noch immer stellen müssen?

Will man dieser Frage wirklich versuchen auf den Grund zu gehen, muss man sehr weit zurückgehen. In eine Zeit, in der menschliche Wesen der heutigen Menschenform ähnelten, aber ihre Erscheinung der unseren nicht gleich war. In eine Zeit, in der sesshafte Bäuerinnen und Bauern in Langhäusern lebten oder Siedlungen errichteten, in denen man auf den Dächern der Häuser statt auf Straßen und Plätzen lebte. In eine Zeit, in der Tote in den Wänden von Wohnhäusern zu Grabe getragen wurden, weil man die Ahnen weiter um sich haben wollte.

In eine Zeit, in der Menschen die von ihnen hergestellten Werkzeuge und die von ihnen geschaffene Kunst zurückließen, so dass wir sie heute wie einen Gruß entfernter Verwandter aus dem Boden holen und in Höhlen erschließen. Alle diese Hinterlassenschaften sind kleine Rätsel, deren Entschlüsselung uns der Antwort auf die eine große Frage näherbringen: Gehört das Leben in Gesellschaft, die hierarchisch organisiert sind zu unserem Wesen? Liegt uns das Kriegführen im Blut? Ist uns das Streben nach dem eigenen Vorteil in unser Erbgut tätowiert worden?

Oder gab es doch eine andere Zeit? Eine Zeit, in der sich die Menschen als Menschen, als Schwestern und Brüder, als Gleiche begegneten? Gab es ihn, den „Urkommunismus“?


  1. Paläolithikum: Altsteinzeit, etwa 600.000 – 10.000 v. u. Z. Name leitet sich von der häufigen Verwendung von Stein als Rohmaterial für Werkzeuge u.a. Gebrauchsgegenstände ab, die die Funde aus dieser Zeit nahelegen. Mesolithikum: Mittelsteinzeit, etwa 10.000 bis 5.300 v. u. Z. Nach dem Ende der Eiszeit verschwindet das Großwild. Zudem werden weite teile [=> Teile] Europas wieder von Wald bedeckt. Folglich müssen die Wildbeuter*innen andere Tiere jagen, was eine andere Lebensweise als im Paläolithikum entstehen lässt. Neolithikum: Jungsteinzeit, Der Beginn liegt zeitlich nach der Sesshaftwerdung des Menschen und damit je nach Region zu verschiedenen Zeiten (9.500 v. u. Z. im Gebiet des nahen Ostens, in Mitteleuropa etwa 5.800 v. u. Z.).

Es hatte Hand und Fuß

„Herr Professor, ganz im Ernst, bei was von dem, was sie uns erzählen, kann man denn sicher sein, dass es wirklich so war?“ Die Frage eines Dresdner Studierenden während einer Übung zur griechischen Antike irgendwann im Wintersemester 2004 veranlasste den Angesprochenen nicht nur zu einem leichten Lächeln, sondern auch zur Darbietung einer sehr aufschlussreichen Geschichte. Man solle sich einmal vorstellen, dass die Menschheit es nun doch endlich geschafft und sich gegenseitig vernichtet habe. Und dann, so spekulierte der Professor für alte Geschichte weiter, landeten Außerirdische auf der Erde, um das Leben der unglückseligen Spezies näher zu beleuchten. Frisch würden sie ans Werk gehen und Ausgrabungen an gleich mehreren Stellen unseres Planeten anstrengen. In ihrem Streben würden sie dann Coca-Cola-Dosen und Pepsi-Cola-Dosen freilegen. Daraus würden sie dann wohl den Schluss ziehen, mutmaßte der Professor, dass den Blauen Planeten dereinst zwei Völker ihre Heimat genannt haben müssten: Die Coca-Cola-Trinker*innen und die Pepsi-Cola-Trinker*innen. Deren Ausbreitung sei anhand der Verbreitung der Dosen leicht feststellbar. Und dort, wo die ausgegrabenen Dosen beschädigt wären, dort würden die wissbegierigen Besucher Kriege und Konflikte vermuten. „Etwa auf der Stufe sind wir bei der alten Geschichte“, hielt der Professor trocken fest.

Die Erzählung mochte die Zuhörenden erheitert haben, ihre Grundaussage war durchaus zutreffend. Nur, wenn man über die griechische Antike diese Feststellung machen muss, die laut jüngster Untersuchungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegen 900 v. u. Z. begonnen haben dürfte, dann wird es bezüglich aller Aussagen über weit vorher liegende Zeiträume wahrscheinlich noch schwieriger. Auf der Suche nach der „natürlichen Form“ des menschlichen Zusammenlebens muss man jedoch weit vor dem Einsetzen der Antike beginnen. Wenn man ergründen will, ob das Leben in Hierarchien, ob Armut und Reichtum, Konflikte und Kriege zum menschlichen Naturell gehören, sollte man den Menschen als Ganzes betrachten. Das bedeutet jedoch in eine Zeit weit vor dem Römischen Reich oder den griechischen Stadtstaaten zurückzureisen.

Der Mensch ist mehr als eineinhalb Millionen Jahre alt. Sogenannte Vormenschen sind sogar noch älter. Will man wissen, was ihn ausmacht, muss man bis zu seinen Anfängen zurückgehen. In eine Zeit, die uns im Rückblick oft genug dunkel und primitiv erscheint und über deren Menschen wir nicht selten ein entsprechendes Urteil fällen. Dabei waren unsere Vorfahren vielfältig. Sie waren mutige Entdecker*innen, kluge Problemlöser*innen, solidarische Gemeinschaftswesen und im Grunde auch entschlossene Revolutionär*innen.

Friedrich Engels vermutete lange bevor archäologische Funde diese These hätten untermauern können, dass „zunächst durch ihre Lebensweise veranlasst“, Affen begonnen hätten „sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen.“

Bisher ist nicht klar, welches Wesen aus welchen Gründen diesen Schritt ging. Doch wer auch immer sich hierzu motiviert sah, tat ein wahrhaft revolutionäres Werk. Nichts würde so bleiben wie bisher, nachdem der aufrechte Gang sich erst einmal durchgesetzt hatte. Alles würde anders werden!
Die Vertreterin einer Spezies, die diesen Schritt unwiderruflich gegangen war, wurde 1974 in Äthiopien ausgegraben. Die verzückten Archäolog*innen nannten sie einfach Lucy, nach dem bekannten Beatles-Song, der zufällig im Radio lief, als sie mit der frohen Botschaft eines bahnbrechenden Fundes ins Camp zurückkamen.

Lucy und die kleine gut ein Viertel Jahrhundert später ausgegrabene, erst dreijährige Selam gehörten zu den Australopithecus afarensis1. Die Tode beider waren gewiss prähistorische Dramen, für die Wissenschaft unserer Tage waren sie wahre Goldgruben.

Man würde sie wohl kaum von einem Affen unterscheiden können, begegnete man ihnen in freier Wildbahn. Ihre Gesichtsform, mit den vorgeschobenen Kiefern, dem flachen Schädel, der ein nur kleines Gehirn von etwa 440 Kubikzentimetern Größe beherbergte, die Oberaugenwülste, die im Verhältnis zu den Beinen sehr langen Arme, die ausgeprägte Körperbehaarung, all das würde es uns sehr schwer machen in den urwüchsigen Gesichtern so etwas wie Verwandtschaft erkennen zu können.

Und dennoch waren Lucy und Selam Vormenschen. Ihre Wirbelsäule endete nicht an ihren Hinterköpfen, sondern an der Unterseite des Schädels, die Wirbelsäule war, wie bei uns heute, bereits wie ein S geformt und ihre großen Zehen waren stärker nach vorn ausgerichtet und erleichterten damit das Abrollen über den Ballen. Vom Affen waren Lucy und Selam weiter entfernt, als sie uns nahe waren.

Nur weshalb hatten sie oder ihre Vorfahren sich einst aufgerichtet? Angenehm ist das, was sie uns damit vererbten zunächst nicht. Der aufrechte Gang erhöht die Belastung unserer Wirbelsäule und unserer Knie und macht beide anfälliger für Erkrankungen. Geburten gestalten sich durch diese Art der Fortbewegung weitaus schmerzhafter. Durch das Absenken des Kehlkopfes steigt statistisch sogar das Risiko beim Essen zu ersticken. Und Feinden bieten wir in direkten körperlichen Auseinandersetzungen nicht nur einfach eine größere Trefferfläche, sondern auch noch die Möglichkeit sehr sensible Körperstellen zu verletzen.

Deutet man den aufrechten Gang als eine Art prähistorische Revolution, scheint angesichts der aufgezählten Nachteile Kurt Tucholskys Zitat plausibel, der seinerzeit daraufhin wies, dass das Wort Revolution entsprechend seiner lateinischen Abstammung zunächst einmal zurückrollen bedeutet. Wenn sich der aufrechte Gang von den ersten Australopithecinen, die wahrscheinlich noch nicht aufrecht liefen, in hunderttausenden Jahren dennoch durchgesetzt hat, dann, weil er den Australopithecinen enorme Vorteile beschert haben musste. Nur welche?

Verglichen mit Schimpansen bewegen wir uns weitaus energiesparender. Auf zwei Beinen zu laufen könnte somit ökonomische Ursachen gehabt haben. Zudem könnte auch die schier unerträgliche Hitze vor mehr als drei Millionen Jahren dafür gesorgt haben, dass sich unsere Vorfahren aufrichteten. Auf zwei Beinen boten unsere Vorfahren der Sonne weniger Fläche, die sie erhitzen konnte. Geht man auf zwei Beinen, scheint die Sonne im Wesentlichen auf Kopf und Schultern. Wenn man auf Füßen und Händen läuft erwärmt die gelbe Kugel am Himmel auch noch den Rücken.

Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass der aufrechte Gang eine Reaktion auf eine klimatische Veränderung in jener Zeit war. Afrika trocknete aus. Der dichtbewaldete Dschungel wandelte sich zu Savannen. Zwischen einzelnstehenden Bäumen wucherte hohes, trockenes Gras. Wollte man von einem zum anderen Baum gelangen, mussten unsere Vorfahren durch dieses Gestrüpp laufen. Dass war nicht nur wenig erfreulich, weil das harte Gras an deren Füßen unschöne Spuren hinterlassen haben dürfte, es war auch lebensgefährlich.

Die Australopithecinen hatten ihren Fressfeinden wenig entgegenzusetzen. Während wir heute am Ende der Nahrungskette stehen, standen sie mittendrin. Selbst zu voller Körpergröße aufgerichtet dürften sie kaum größer als einen Meter zwanzig gewesen sein. Allein schnell zu sein, reichte nicht aus. Und rennen war schon deshalb keine Lösung, weil die Australopithecinen einen großen Teil ihrer Nahrung nicht mehr auf Bäumen fanden. Wurzeln, Knollen und kleine Reptilien, die auch gejagt wurden, machten wenigstens einen Teil der Speisekarte unserer Urahnen aus. Sie zogen also nicht einfach nur von Baum zu Baum, von Zuflucht zu Zuflucht, sondern mussten viel Zeit auf dem Boden verbringen, um satt zu werden.

Wenn man aber nicht besonders schnell sein konnte, dann war es unerlässlich den Feind früh zu sehen, wenn man es lebend zum nächsten Baum schaffen wollte, auf dem es dann galt die Nacht zu verbringen. Den eigenen Kopf weit hoch zu heben, ergab da Sinn. Wer immer kam, um einen zu fressen, man hatte so wenigstens die Chance ihn frühzeitig wahrzunehmen und Maßnahmen einzuleiten. Und sei es nur, einen entschlossenen Sprint zum nächsten Baum einzulegen.

Wenn man aber die Hände nicht mehr zur Fortbewegung benötigte, dann fielen ihnen „mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten“ zu, wie Engels schreibt. Was genau, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Ganz sicher trugen unsere Vorfahren Nahrung mit ihren frei gewordenen Händen bis zu jenen Bäumen, deren weit ausladendende Äste ihnen Sicherheit boten.

Ganz sicher gab es unter unseren Vorfahren sehr, sehr mutige Frauen und Männer, die dem Angriff wilder Tiere trotzten. Aufgerichtet ging das einfacher. Will man einen Stock greifen, um Attacken abzuwehren, braucht man freie Hände. Vielleicht taten sie um des Überlebens willen auch etwas, was Menschen heute zum Zeitvertreib gern tun. Warfen sie vielleicht mit Steinen nach jenen unbarmherzigen Fressfeinden? Sportler*innen werfen heute Speere, Bälle oder Footballs über große Weiten treffsicher auf ein Ziel. Ist diese Fähigkeit ein trainiertes Erbe des Australopithecus, der vor über 3 Millionen Jahren in blinder Angst Steine mit seinen Händen ein paar Meter weit auf ein sehr viel stärkeres Ungeheuer schleuderte?

Wenn er das tat, versuchte er dann nur sein eigenes Leben zu retten? Oder kämpfte er auch um das Überleben anderer Gruppenmitglieder? Hatte er eine Art wenig entwickeltes Gruppenbewusstsein?

Zumindest spricht einiges dafür. Die Ausbildung dieses sehr primitiven kollektiven Bewusstseins war wiederum ein Ergebnis der frei gewordenen Hände. Mit ihnen fingen Australopithecine kleine Tiere. Das geht allein aber weit schlechter als gemeinsam, kollektiv. Somit begannen sie zu kooperieren und auch Informationen austauschen, zumindest wenn man Friedemann Schrenks kleinem Büchlein „die Frühzeit des Menschen“ folgt.

In welche Richtung versucht die flinke Beute zu entkommen? Wie könnten wir sie fangen? Sprache spielte dabei noch keine Rolle. Auch wenn Australopithecine unsere Vorfahren waren und selbst wenn man nicht umhin kommt ihnen eine einfache Form der Kollektivität zuzugestehen, gehörte Sprechfähigkeit wohl kaum zu ihren Qualitäten. Auch morphologisch dürften die Voraussetzungen dafür gefehlt haben.

Auch Schädelausgüsse2 scheinen zu beweisen, dass sich eine Gruppe Australopithecine anders als durch Worte verständigt haben. Ihre Gehirne wuchsen deutlich langsamer als die heutiger Schimpansen. Mit ihren lediglich drei Jahren hatte Selams Gehirn eine Größe von 75 Prozent verglichen mit der ausgewachsener Vormenschen erreicht. Australopithecine nahmen sich mehr Zeit für ihre Kindheit.

Zudem stellte der US-amerikanische Wissenschaftler Ralph Holloway mittels Schädelausgüssen fest, dass der verarbeitende, denkende Teil des Gehirns größer wurde. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt formte Selams und Lucys Gehirne. Arbeit und Verständigung seien, laut Engels, „die beiden wesentlichen Antriebe, unter deren Einfluss das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist.“ Die Hand ermöglichte es den Australopithecinen zu arbeiten und zu jagen. Selbst sehr primitive Steinwerkzeuge wurden von Lucy schon benutzt. Vielleicht, um Schalen zu knacken oder Kleintiere zu töten. Die Arbeit und die Jagd formten, noch wenig spürbar, den Zusammenhalt. Kooperation ermöglichte Erfolge bei der Nahrungssuche, bei der Abwehr von Angriffen, ja selbst bei der Flucht.

Alles ausgelöst durch das Freiwerden eines Organs: der Hand.

Dabei tat die Hand nicht nur etwas, mit ihr wurde auch etwas getan. Die Hand sei „nicht nur das Organ der Arbeit“, erklärte Engels lange bevor die unglückselige Selam und die ebenso tragisch gestorbene Lucy gefunden wurden, sie sei auch „ihr Produkt“. Die Hände der Australopithecinen ermöglichten noch immer das leichte Klettern auf Bäume. Wollte man überleben, war das absolut notwendig. Insofern ähnelte sie auch morphologisch weiterhin einer Affenhand. Dennoch konnte diese Hand bereits tragen, mit Steinen auf etwas einhämmern und vielleicht ein feindliches Tier bewerfen. „Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besonderen Ausbildung der Muskeln, Bänder und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneute Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen. Paganinische Musik hervorzaubern konnte“, erklärt Engels den Prozess der wechselseitigen Beeinflussung von Arbeit, Hand und Intelligenz.

Der „hohe Grad der Vollkommenheit“, der sich entwickelten Hand, zeichnet sich in Hunderttausenden Jahren, die auf Lucy, Selam und all die anderen Australopithecinen folgen in immer entwickelteren Werkzeugen ab. Es mag eine tragische Entwicklung sein, dass unsere Augen es verlernt haben die kunstvollen Werkzeuge, die unsere Vorväter und -mütter schufen zu erkennen. Wir würden sie wohl für einfache Steine halten.

Louis und Mary Leakey hingegen hatten diese Fähigkeit nicht verlernt. Zu Beginn der 1930er Jahre fanden die beiden Paläoanthropolog*innen in der Olduvai-Schlucht im nördlichen Tansania meisterhaft gefertigte Werkzeuge. Nur fehlte lange der entscheidende Fund, der uns verraten hätte, wer die Meister*innen waren, die diese Gerätschaften hergestellt hatten. Australopithecine waren es jedenfalls nicht.

Ab den 1960er Jahren schlossen Ausgrabungen diese Lücke, nicht zuletzt eben in jener Olduvai-Schlucht. Forscher*innen befreiten dort unter sengender Sonne Schädel und Knochen von Sand, Kies und Erde, die etwas völlig Neues waren. Beim ersten flüchtigen Blick unterschieden sich die Skelette, die man dort aus dem Boden holte nicht wesentlich von den Australopithecinen. Gewiss, diese Geschöpfe waren etwas größer. Aber ihre Kiefer standen weiterhin weit vor, die Oberaugenwülste waren deutlich ausgeprägt, die Arme – wie bei Affen – länger als die Beine und der Körper muss behaart gewesen sein. Leicht könnte einem die Frage einfallen, ob man nicht einfach Lucys groß geratenen Bruder nach Millionen Jahren Schlaf wiederentdeckt hatte.

Doch etwas war anders, so anders, dass die Archäolog*innen diesem geheimnisvollen Wesen den Namen Homo verpassten – Mensch! Was unsere Ahnen besser konnten als alle Zweibeiner vor ihnen, war die Erschaffung von Werkzeugen. Sie hatten es geschafft, sich dazu zu befähigen und so nannte man sie Homo habilis, den „befähigten Menschen“.

Der tägliche Gebrauch von Steinen beim Zerkleinern der Nahrung hatte sie gelehrt, dass sich Geröllbrocken mit einer bestimmten Form für diese Arbeit besonders gut eignen. Was lag da näher als Steine, die diese Form nicht besaßen entsprechend zu verändern? Erfahrung zeigte unseren Vormüttern und -vätern, dass es sinnvoll war Steine zu verändern, indem man mit anderen Steinen auf sie schlug. Dabei gingen sie planvoll vor. Sie suchten die Steine, die sich am besten bearbeiten ließen. Sie wählten Schlagsteine aus, mit denen sich die Geräte, die sie herstellen wollten, erschaffen ließen.

In seinen „Drei Quellen und drei Bestandteilen des Marxismus“ schreibt Lenin, „die Erkenntnis des Menschen“ widerspiegele „die von ihm unabhängig existierende Natur, das heißt die sich entwickelnde Materie“ und erklärt so eine Grundlage der von Marx und Engels entwickelten Form des Materialismus. Die Umwelt, die Materie, die Natur ist für unsere Urahnen der Ausgangspunkt jeder Erkenntnis gewesen. Das Bild eines geeigneten Steins entstand nicht einfach so in ihren Köpfen, sie hatten es vor sich, weil sie einst Steine verwendet hatten, die sich für ihre Zwecke gut verwenden ließen. Erkenntnis hat nichts Mystisches, wenn sie auch manches Mal so wirkt. Sie entsteht als Widerspiegelung der äußeren Umwelt.