„Dank Euch, Ihr Sowjetsoldat*innen!“

„Dank Euch, Ihr Sowjetsoldat*innen!“ ich erinnere mich an diesen Spruch, alljährlich bei den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkrieges stand er überall in der DDR. An Schulen und an öffentlichen Gebäuden. Er wurde in so vielen Schülervorträgen gesagt und war die Überschrift ungezählter Wandzeitungen.

Er verschwieg so Vieles: Dass die Stalinisten, dass die herrschende Bürokratie in der UdSSR den Sieg unsagbar erschwert hatte. Der Satz verschwieg, dass die Bürokraten mit den deutschen Faschisten paktierten. Dass sie militärisch unfähig waren, dass sie die Führung der Roten Armee ausgerottet hatten, um nur ja an der Macht zu bleiben. Dass das stalinistische Dogma vom „Sozialismus in einem Lande“ der Roten Armee die Möglichkeit nahm die Armee der „sozialen Befreiung“ zu sein.

Dennoch, der Spruch ist mehr als eine bloße Geschichtsfälschung. Millionen Rotarmist*innen kämpften über Jahre hinweg eine Armee, die es sich zur Aufgabe gestellt hatte, das Privateigentum an Produktionsmitteln in der Sowjetunion wieder einzuführen und im Namen des deutschen Kapitals unaussprechliche Verbrechen verübte. Sie kämpften gegen die Nazis, die Mörder der deutschen Arbeiter*innenklasse, die Millionen junger Männer in einen dreckigen Krieg zwangen.

Gemessen daran, im vollen Bewusstsein, welch schreckliche Rolle die Stalinisten spielten und dass auch ihre Rolle im Krieg zu Niederlage der internationalen Arbeiter*innenbewegung beitrug, wiederhole auch ich jenen Satz. Denn anders als die US-Armee oder die britische Armee kämpfte die Rote Armee nicht für Profite, bombardierte sie nicht allabendlich Arbeiter*innen, während die wirklich Schuldigen, die Kapitalisten und Nazi-Bonzen, in ihren Villen gut schlafen konnten.

Und so sage auch ich: „Dank Euch, Ihr Sowjetsoldat*innen!“

Arbeiter*innenstaat und Bürokratisierung

Es waren „10 Tage, die die Welt erschütterten“, wie John Reed, US-amerikanischer Journalist und Zeuge der russischen Ereignisse im Jahre 1917, sein Buch über den Oktoberumsturz in Russland nannte. Die Bolschewiki ergriffen die Macht. Sechsundvierzig Jahre nachdem die Arbeiter*innen von Paris erstmals versuchten die Macht der Unternehmer, Großgrundbesitzer, des bürgerlichen Staats, samt seines Militärs zu brechen, stürmten revolutionäre Arbeiter*innen und Soldaten das Winterpalais, den Sitz der provisorischen Regierung in der alten russischen Hauptstadt Petrograd, dem späteren Leningrad, mit dem Ziel diese zu entmachten.

Zu viel war geschehen – oder doch eher zu wenig? Die provisorische Regierung, ein verschwommener Ausdruck der revolutionären Erhebung vom Februar desselben Jahres. Der Zar war gestürzt worden allerorten entstanden ArbeiterInnen- und Soldaten, Bäuerinnen- und Bauernräte. Die provisorische Regierung bestehend aus gemäßigten Sozialisten und Kleinbürgern wollte die Bewegung in gemäßigten Bahnen wissen. Statt den Räten die Macht zu geben, propagierten sie die Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung. Den Akt des Wahlganges verschob sie allerdings auf den Sankt Nimmerleinstag. Der Zar war gestürzt, doch er hoffte noch immer. Hoffte auf Zeit, auf die Kleinbürger in der Regierung auf den Krieg. Er hoffte, wenigstens seinen Sohn wieder an die Macht zu bringen. Der Krieg war nicht zu Ende, ganz im Gegenteil, Kerenski – gemäßigter „Sozialist“ (ein Ehrentitel, den er eigentlich nicht verdiente) und Ministerpräsident der provisorischen Regierung, kratzte die letzten Kräfte zusammen und organisierte eine weitere Offensive. Zehntausende fielen, die Offensive blieb schon in der Anfangsphase stecken und dem im Wesentlichen aus Bauern bestehenden russischen Heer wurde das Genick gebrochen.

Ja, es war viel, was die provisorische Regierung tat und doch war es zu wenig, denn den Willen, die Interessen der Arbeiter*innen, der Bäuerinnen und Bauern und Soldaten, wollte sie nicht vollstrecken. Während sie nichts für diese Menschen tat, war sie ein Garant der Interessen der Kapitalisten der Entente-Staaten (Frankreich und Großbritannien) und der kleinen russischen Elite. Die Bauernschaft erhielt kein Land, die Arbeiter*innen hungerten und die Betriebe gehörten weiterhin in- und ausländischen Kapitalisten.

Unter diesen Bedingungen war der Entfremdungsprozess der Massen von den gemäßigten Sozialist*innen (Menschewiki und rechten Sozialrevolutionären) geradezu gesetzmäßig. Als Lenin im April 1917 aus dem Exil in Russland eintraf, hielt er am 4. April ein Referat, in dem er die grundlegenden Thesen des bolschewistischen Programms darlegte: Schluss mit dem Krieg, Enteignung des Großgrundbesitzes und Landverteilung, Enteignung der Industrie und Rätemacht. Sich an der Pariser Kommune orientierend, verlangte er, dass alle Arbeiter*innenvertreter jederzeit wähl- und abwählbar und rechenschaftspflichtig sind und nicht mehr als einen durchschnittlichen Arbeiterlohn verdienen.1 „Die Lenin-Partei“, schreibt Rosa Luxemburg in ihrer kritischen Würdigung der Oktoberrevolution, „war somit die einzige in Russland, welche die wahren Interessen der Revolution in jener ersten Periode begriff, sie war ihr vorwärtstreibendes Element, als in diesem Sinne die einzige Partei, die wirklich sozialistische Politik treibt.“2 Dies ermöglichte Lenins Bolschewiki in wenigen Monaten die Mehrheit in den Reihen der ArbeiterInnen und Bäuerinnen und Bauern und den wichtigsten Räten, den Sowjets von Petrograd und Moskau und einer Anzahl weiterer Städte zu erobern.

Im Oktober war die Stimmung reif für den Umsturz. Das Revolutionäre Militärkomitee des Petrograder Arbeiter*innen- und Soldatenrats leitete unter Leo Trotzki den Umsturz. Eine Regierung der Volkskommissare wurde gebildet, mit Lenin an der Spitze und mit Trotzki als Volkskommissar des Äußeren, später Kriegskommissar.

Der Krieg wurde beendet, wenn auch unter für die junge Sowjetdemokratie schwierigen Bedingungen, das Land an die Bäuerinnen und Bauern verteilt, die Betriebe verstaatlicht.

Trotzdem die Revolution war bedroht. Die nationale und die internationale herrschende Klasse versuchte sie zu erwürgen. Armeen mehrerer kapitalistischer Staaten fielen in Sowjetrussland ein, zaristische Generäle organisierten konterrevolutionäre Heere. Der Sieg Sowjetrusslands, dessen Staatsgebiet auf nur einen kleinen Flecken Erde um Moskau, Zaryzin und Petrograd zusammenschrumpfte, wäre wohl kaum möglich gewesen ohne den Aufbau der Roten Armee und die Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern, denen die Konterrevolution das Land wieder wegnahm, und eine Welle internationaler Solidarität. US-amerikanische Hafenarbeiter weigerten sich beispielsweise Waffen zu verladen, die den US-Truppen in Sowjetrussland geschickt werden sollten.

Doch auch der Sieg im blutigen Bürger*innenkrieg klärte die Probleme des Landes nicht. Die ungeheuren Verwüstungen und das ohnehin niedrige industrielle Niveau des Landes ließen den Mangel regieren. Die Verfechter der Ideen des Oktobers waren ausgedünnt. Ihr Großteil war an den Fronten des Bürgerkriegs gefallen. Die sowjetische Arbeiter*innenklasse hatte riesige Verluste erlitten. Der Hunger regierte. In dieser Zeit, in der Luxus manchmal einfach nur Überleben hieß, erhob sich eine kleine Führungsschicht von Bürokraten über die Bäuerinnen und Bauern und Arbeiter*innen. Sie verteilten die Produkte und Erzeugnisse und behielten einen großen Teil für sich.

Bolschewiki wie Lenin und Trotzki hofften noch immer auf die europäische, ja die globale Revolution, die einzig das Wachsen dieser Bürokratie hätte verhindern können, doch die Sozialdemokratie verhinderte deren Sieg. Sie kämpften entschlossen gegen das Anwachsen dieser konterrevolutionären Wucherung, doch sie konnten sie nicht stoppen.

Nach Lenins Tod gewann die Bürokratie immer mehr an Einfluss. Ihr Gewährsmann in der Führung der Bolschewiki hieß Stalin. Er reiste im Land umher, kannte jeden Parteiführer und versprach ihnen Autos und Häuser, schöne Anzüge und Ruhm. Stalin kaufte sich seinen Anhang. Die Ideen der Revolution starben aus. Das Land war erschöpft, zu erschöpft, um sich gegen den Ansturm der Bürokraten zur Wehr zu setzen. Sie versprachen dem Land Ruhe und einen friedlichen Aufbau, den „Sozialismus in einem Lande“. Ein utopisches, ein unmögliches Konstrukt, doch nach den Jahren der Anstrengung eben verheißungsvoll. Die wirklichen Revolutionär*innen gerieten in die Defensive. Trotzki verlor seinen Posten als Kriegskommissar, seinen Sitz im Politbüro und im ZK und schließlich seine Parteimitgliedschaft. Jede Form von Sowjetdemokratie in Presse und Rundfunk, im alltäglichen Leben, in der Kultur wurde ausgemerzt. Jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit? Kontrolle von unten? Welcher herrschsüchtige Bürokrat konnte das schon brauchen?

Trotzki wurde nach einem längeren Aufenthalt in der Verbannung aus der UdSSR ausgewiesen. Seine Anhänger*innen verschwanden hinter Schloss und Riegel, oder aber sie kapitulierten vor Stalin. Schworen offen ihren Ideen, den Ideen der Linken Opposition – im Grunde die Vorstellungen der alten Bolschewiki, von Freiheit und Sozialismus, von Weltrevolution und Demokratie – ab.

Eine politische Konterrevolution hatte stattgefunden. Die Betriebe gehörten formal noch immer den Arbeiter*innen, die Landwirtschaftliche Nutzfläche gehörte nicht mehr den Großgrundbesitzern, aber wirklich entscheiden durften nur noch die herrschenden Bürokraten.


  1. Vgl.: Lenin, Wladimir Iljitsch: „Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“, in: Intarlit [Hrsg.]: „Oktoberrevolution 1917“, Dortmund, Buchverlag und –vertrieb Wolfgang Dröge, S. 7ff.↩

  2. Luxemburg, Rosa: „Die russische Revolution“, in: Flechtheim, Ossip K. [Hrsg.]: „Rosa Luxemburg: Politische Schriften“, Frankfurt/Main: Athenäum, 1987, S. 542f. ↩

Der National-„Sozialismus“ – die entschiedenste Form der bürgerlichen Konterrevolution

Welche Hoffnungen setzten doch Lenin und Trotzki auf Deutschland. Das Land mit der größten, der organisiertesten Arbeiter*innenbewegung. Millionen Menschen waren Mitglieder der Arbeiterparteien USPD und MSPD und der Gewerkschaften. Doch die großen Hoffnungen auf Deutschland zerschlugen sich in den Jahren 1918-1923. Die revolutionären Führer, allen voran Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden ermordet.

Wie bitter waren doch die Jahre nach dem ersten Weltkrieg, als die Chance bestand die sozialistische Revolution zum Siege zu führen, die Epoche von Krieg und Not zu beenden. Trotzki fasste die Politik der Arbeiterparteien in der Weimarer Republik einmal mit bitteren Worten zusammen: „Die Sozialdemokratie, die den Hohenzollern geholfen hatte, den Krieg bis zum tragischen Ende zu führen, verbot dem Proletariat, nun seinerseits die Revolution bis zum Ende zu führen. […] Die Kommunistische Partei rief die Arbeiter zu einer neuen Revolution, erwies sich aber als unfähig, sie zu führen. Die deutschen Arbeiter gingen durch Siege und Zusammenbrüche des Krieges, der Revolution, des Parlamentarismus und des Pseudobolschewismus. Während die alten bürgerlichen Parteien sich restlos verausgabten, war zugleich die Bewegungskraft der Arbeiter gebrochen.“1

Die kleinbürgerlichen Schichten, von der Unentschlossenheit der proletarischen Führung verunsichert, liefen den Arbeiter*innenparteien in Scharen davon. Die Republik, die bürgerlichen Parteien der Mitte vermochten nicht sie aufzusaugen. Die Verluste der Kleinbürger flößten ihnen Angst ein: Die Hyperinflation von 1923 vernichtete ihr Guthaben auf der Bank. Die ArbeiterInnen störte das wenig, sie besaßen nichts an Vermögen, was eine Inflation hätte entwerten konnte.

Die kleinbürgerlichen Massen, der Offizier aus dem Weltkrieg, der Verwaltungsangestellte, der Professor an der Universität und – ganz besonders – der autoritäre, kaisertreue Lehrer, schienen nur so auf den Messias zu warten. Und der Messias kam. Er kam in Form eines kleinen Mannes, mit eigenwilligem Bärtchen und zackig gekämmten Scheitel. „Der König ist nur darum König, weil sich in seiner Person die Interessen und Vorurteile von Millionen Menschen wiederspiegeln.“2 Hitler war nur der „Führer“, weil er mit seinen unklar gehaltenen Phrasen jedem alles und besonders dem deutschen Mittelstand seine Wiederauferstehung versprach. Sein pseudorevolutionäres Programm, sein unklares Gerede von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ – was er damit meinte blieb sein Geheimnis – mobilisierte Millionen deklassierter Kleinbürger*innen.

Er schaffte Sündenböcke: Die von Juden kontrollierte Arbeiter*innenbewegung trage mit ihren hohen Lohnforderungen die Schuld an der Inflation und somit am Verfall des Reichtums des Kleinbürgertums, die Jüdinnen und Juden seien überhaupt die Schmarotzer am deutschen Volk, weshalb ihr Eigentum – sehr zur Freude der „arischen“ Kapitalisten – nicht in das Eigentum der Nation, sondern in das Eigentum der nicht-jüdischen Kapitalisten übergehen sollte.

Eine wirkliche Brechung der Herrschaft des Kapitals hatte Hitler, mindestens seit Mitte der 20er Jahre, wohl aber auch vorher, nicht im Sinne. Stattdessen wurde die ArbeiterInnenbewegung massiv attackiert. Hunderte starben noch vor der Übertragung der Macht an die NSDAP durch die Kapitalisten, weil sie den Nazis im Wege standen. SPD und KPD bekämpften sich gegenseitig. Die SPD fürchtete die Revolution, für die die KPD, trotz der Führung der stalinistischen Clique in der KPD und der Kommunistischen Internationale, noch zu stehen schien. Die KPD ihrerseits bezeichnete, einem Ruf Stalins folgend, die Sozialdemokrat*innen als „Sozialfaschisten“.

Nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs, den die Führung der SPD maßgeblich mit zu verantworten hatte und der Niederlage der Revolution, war dies der dritte große Schlag für die deutsche Arbeiter*innenbewegung. Am 30.Januar 1933 setzte sich das deutsche Kapital durch, Hitler, der versprach die störrische Arbeiter*innenbewegung, ihre Parteien, Sportvereine, Gewerkschaften und Versicherungen zu zerschlagen, wurde Reichskanzler. „Die Nazis geben ihrem Umsturz den usurpierten Namen Revolution. In Wirklichkeit lässt der Faschismus in Deutschland wie auch in Italien die Gesellschaftsordnung unangetastet. Hitlers Umsturz hat isoliert betrachtet, nicht einmal ein Recht auf den Namen Konterrevolution. Aber man darf ihn nicht abgesondert sehen: Er ist die Vollendung des Kreislaufs von Erschütterungen, der in Deutschland 1918 begann.“3


  1. Trotzki. Leo: „Porträt des Nationalsozialismus“, in: Trotzki, Leo: „Porträt des Nationalsozialismus“, Essen: Arbeiterpresseverlag, 1999, S. 300-310, S. 301.↩

  2. Ebd.: S. 300.↩

  3. Ebd.: S. 303f.↩

Von Anfang an im Visier: Die Sowjetunion

„Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler! Und wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ Diese simplen, aber ebenso beklemmend richtigen zwei Sätze waren der Slogan der KPD während der Reichspräsidentenwahl 1932. Sie nahmen vorweg, was Deutschland und die Welt in den nächsten Jahren erleiden mussten. Hindenburg gewann die Wahl, was die SPD als Sieg gegen Hitler verkaufte, und ernannte am 30.Januar 1933, nach erheblichem Druck von Seiten der Großindustrie und –finanz den ausgewiesenen Feind der Arbeiter*innenbewegung zum Reichskanzler. Hitler wiederum zerschlug KPD, SAP, SPD und Gewerkschaften. Der Terror gegen „die Roten“ kannte kein historisches Gleichnis. Zehntausende verschwanden hinter Stacheldraht, verhungerten, wurden erschlagen, oder zu Sklavenarbeit gezwungen. Wer diesem Terror nicht zum Opfer fiel war vereinzelt, hatte Angst und war oftmals ratlos. Die Führung der Arbeiter*innenorganisationen – jene Kräfte, die als einzige die Übertragung der Macht an Hitler hätten verhindern können, verrieten ihre MitgliederInnen, oder waren einfach unfähig diesen Kampf zu führen.

Dennoch wehrten sich Tausende gegen die Politik eines Regimes, das vor allem die Maximierung der Gewinne der Großunternehmen zum Ziel hatte. Und weil es dieses Ziel vor Augen hatte, war ihm jene nicht beizulegende Feindschaft in die Wiege gelegt worden. Der Hauptgegner der Nazis war weder der demokratische Rechtsstaat, den hatte es in der Weimarer Republik zu Beginn der 1930er Jahre ohnehin schon nicht mehr gegeben. Nicht die Freiheit, das allgemeine Wahlrecht oder die Werte der Aufklärung, auch nicht der Parlamentarismus. Der Hauptfeind der Nazis war die organisierte Arbeiter*innenbewegung. Erst die Zerschlagung derselben ermöglichte den Massenmord an Jüdinnen und Juden, den Krieg und die jede Errungenschaft der Arbeiter*innenbewegung im Betrieb tilgende Kriegsproduktion.

Die Überschneidungen im Programm der NSDAP und in den reaktionären Wunschträumen der gesellschaftlichen Eliten – Großindustrie, Landwirtschaft, Großfinanz und höherem Beamtentum – brachten Hitler an die Regierung. Der Kitt dieser unheiligen Allianz war der Antimarxismus, das Geld der Thyssens und Krupps ebnete den Weg.

So stand auf dem Geburtsschein des NS-Regimes nicht einfach nur der unversöhnliche Kampf gegen die Sozialdemokratie und den Kommunismus, sondern auch der Krieg gegen die UdSSR. Auch hier wieder diese bemerkenswerte Kongruenz: Hitler plante die Eroberung von „Lebensraum im Osten“, den Kapitalisten in Deutschland ging es vor allem darum die Planwirtschaft zu zerschlagen, das Staatseigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die stalinistische Konterrevolution bereits weite Teile der Ideale der Oktoberrevolution von 1917 zerschlagen: Die jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit der Funktionär*innen, ihre Verpflichtung auf einen durchschnittlichen Arbeiter*innenlohn, jederzeitige Rechenschaftspflicht, umfassende demokratische Rechte, freie Gewerkschaften, Herrschaft der Arbeiter*innen und Bäuerinnen und Bauern, Abtreibungsrecht, vereinfachtes Scheidungsrecht – all das war da schon unwirklich wirkende Vergangenheit.

Dies änderte an der Bewertung der UdSSR durch die internationale Bourgeoisie recht wenig. Sie fürchtete noch immer die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Sie ängstigte sich, weil – trotz des ökonomischen Unvermögens der sowjetischen Bürokratie – die Planwirtschaft der UdSSR riesige Wachstumsraten verzeichnete, selbst in den Jahren der großen weltweiten Wirtschaftskrise von 1929 bis 1936/39. Dieses Beispiel gefährdete die Existenz der herrschenden Klasse weltweit. Ein Eroberungszug Hitlers gegen die Sowjetunion lehnte diese also keineswegs ab. Der deutschen Bourgeoisie wurde der Kriegszug gegen die Sowjetunion versüßt durch die Profite der vorbereitenden Rüstung, der enormen Rüstungsproduktion während des Krieges und der Aussicht auf Übernahme von Rohstoffquellen, Produktionsstätten und Märkten in der dann zerschlagenen UdSSR.

Erste Ideen der Eroberung und Zuschlagung des sowjetischen Staatsgebietes zum deutschen finden sich in Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahr 1923. Schon damals war Hitler von der Idee besessen, die frisch ins Leben gerufene UdSSR könne durch schnelle, harte Schläge zum Einsturz gebracht werden. Formuliert in der Festung Landsberg, in der Hitler eine viel zu kurze Haftstrafe für den versuchten Putsch gegen die Weimarer Republik nur teilweise absaß, war „Mein Kampf“ die grundlegende Programmschrift Adolf Hitlers. Er diktierte jenes Buch. Getippt auf eine Reiseschreibmaschine durch Rudolf Hess, den Hitler in seiner Zelle täglich empfangen durfte, war es voller Rechtschreibfehler und unvollendeter, umständlich formulierter Sätze abgefasst. Dessen Name nicht dem Geiste Hitlers, sondern dem des Verlags entsprang. Die Botschaft hingegen war unmissverständlich.

Es war eine Hassschrift gegen Jüdinnen und Juden, gegen den Marxismus und die 1923 noch überall in der Luft liegende proletarische Revolution. Es war aber auch ein Pamphlet für die Eroberung weiter Landstriche im Osten von Deutschland: Polen, aber vor allem die UdSSR sollten fallen. Die Reichtümer dieser Länder dem „Herrenvolk“ Untertan gemacht werden. „Wenn wir heute aber in Europa von neuem Grund und Boden reden“, diktierte Hitler seinem Stellvertreter und späteren „England-Flieger“ Hess, „können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken […]. Das Riesenreich im Osten ist reif für den Zusammenbruch […]. Wir sind vom Schicksal ausersehen, Zeugen einer Katastrophe zu werden, die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie sein wird.“1 Wie wenig dieses deutsche „Herrenvolk“ doch im eigenen Land „Herr“ sein würde, begriff man spätestens dann, als Hitler den Schulterschluss mit dem deutschen Großkapital suchte und dieses ebenso mit ihm. Darüber konnte auch der pseudo-religiöse Pathos der Sätze in diesem Buch nicht hinwegtäuschen.

Bereits 1927 verfasste Hitler seine Broschüre „Der Weg zum Wiederaufstieg“ – eine interessante Arbeit, geschrieben ausschließlich für deutsche Industrielle. In diesem Werk zeigte Hitler sein wahres Gesicht bezüglich des Umgangs mit den Herren Unternehmern. Elsa Bruckmann, eine Münchener Industriellengattin, die bereits 1920 Hitlers Bekanntschaft schloss, vermittelte sehr bald schon Kontakte in die „High Society“ der Weimarer Gesellschaft. Einer dieser Herren mit gestärktem Kragen war Emil Kirdorf, der 1926 die „Vereinigte Stahlwerke AG“ mit gegründet hatte. Schon während des ersten Weltkriegs war er ein großer Vertreter des „Siedlungsgedankens“. Bereits 1915 forderte er die systematische Vertreibung der russischen Bevölkerung aus den eroberten Gebieten und die Ansiedlung von Deutschen.

Dieser Emil Kirdorf regte Hitler an, die für die Großindustrie missverständlichen, weil doch zu sehr nach „Sozialismus“ riechenden Teile seines Programms zu erklären. Hitler verfasste genannte Broschüre, in der er das Ziel der Eroberung von Lebensraum festschrieb, ebenso wie die Vernichtung des Marxismus und ein Bekenntnis zur Erhaltung des Privateigentums an Produktionsmitteln machte.

Für die deutschen Großindustriellen stellten diese programmatischen Eckpunkte eine Offenbarung dar. Offenbarung – ein durchaus angemessener, weil religiös überhöhter Begriff. Bei einem noch 1927 in der Villa Kirdorf einberufenen Treffen mit 14 bedeutenden deutschen Unternehmern wurde, folgt man den Memoiren des langjährigen deutschen Außenministers Gustav Stresemann, Hitler mit Christus verglichen. Die Zerstörung der den Kapitalismus bedrohenden proletarischen Organisationen und die imperiale, nach Osten gerichtete Politik – was nichts anderes als die außenpolitische Fortsetzung des innenpolitischen Kampfes gegen den Marxismus war – mochte dem einen oder anderen in dieser Runde wie ein Schwur auf die kapitalistische Bibel vorkommen. Für Hitler war es die Eintrittskarte in die Welt des feinen Zwirns, der großen Bankette und Zylinder, der luxuriösen Hotelzimmer und Chauffeurs.

Und es war ein gewichtiger Schritt hin zur Verwirklichung seines Programms. Ab sofort wurde Hitler von immer größeren Teilen der deutschen Bourgeoisie protegiert. Schon 1927 erstrahlte das „Braune Haus“ in München in neuem Glanz. Finanziell und damit auch organisatorisch verhalfen großzügige Spenden aus den Kreisen der wirtschaftlichen Eliten der NSDAP zu wachsendem Einfluss. Hitler dankte es seinen Gönnern durch einen in seiner Brutalität und Skrupellosigkeit beispiellosen Zuschnitt des von ihm 1920 entworfenen 25-Punkte-Programms der NSDAP auf die Interessen des Großgrundbesitzes und der Bosse in der Industrie. Die im NSDAP-Programm dereinst verankerten Verstaatlichungsmaßnahmen wurden entsprechend einer von Hitler persönlich seit 1928 vorgegebenen Interpretation nur noch jüdischen Kapitalisten angedroht. Bereits 1929 verzeichnete die Partei Hitlers erste Kommunalwahlerfolge, 1930 dann der Durchbruch auf Reichsebene. Begleitet von einem beispiellosen Terror gegen die Arbeiter*innenorganisationen. Morde, Anschläge, Schlägereien – die Sprache der Nazis war unmissverständlich und malte ein Bild davon, was sie mit ihren Gegnern zu tun gedenken würden, wären sie erst einmal an der Macht.

In den ersten Tagen nach dem 30.Januar 1933, der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, mochte so mancher SA-Mann seinen Augen nicht trauen. Von der SA in Eigenregie vorgenommene „Nationalisierungen“ kapitalistischer Betriebe wurden umgehend von Hitler persönlich für nichtig erklärt. Vielleicht erkannten damals schon die ersten Angehörigen der „Sturmabteilung“, dass Hitlers „sozialistische“ Forderungen nichts als bloße Propaganda gewesen waren. Ja, so mancher wird es zu diesem frühen und doch zu späten Zeitpunkt geahnt haben: Hitlers Politik war eine Politik für die Großkonzerne.

Während überall in Deutschland aufrechte Antifaschist*innen auf der Flucht waren, um der Willkür der prügelnden Nazi-Horden zu entgehen, während die SA in den Kellern gestürmter Gewerkschafts-, SPD- und KPD-Häuser die ersten „wilden“ KZ’s anlegte, trafen sich in den Abendstunden des 3.Februar 1933 in der geräumigen Berliner Wohnung des Chefs der Heeresleitung, General Kurt von Hammerstein, die Größen der deutschen Reichswehr und der deutschen Marine.2 Begeistert blickende Männer mit glänzenden Kragenspiegeln und gewienerten Stiefeln lauschten einem Vortrag des neuen Reichskanzlers, des „Führers von Gnaden des deutschen Kapitals“. Seine Worte sind nur noch durch eine stichpunktartige Mitschrift des Generals Liebmann erhalten, die 1954 in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ als „Liebmann-Aufzeichnung“ veröffentlicht wurde.

Die Eckpunkte der Ausführungen: „[…] Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel […]“, „[…] Ertüchtigung der Jugend und Stärkung des Wehrwillens mit allen Mitteln (…]“, Siedlungspolitik und hierfür „[…] Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung […]“. Lang anhaltender Applaus am Ende der Rede Hitlers zeigte deutlich, wie sehr sie der deutschen Generalität aus dem Herzen sprach. „Dass Hitler den Sozialismus ‚ausrotten‘ wollte, war natürlich ganz im Sinne der Reichswehr, wenn man diese Formulierung auch wohl mehr metaphorisch als ‚physisch‘ nahm. Trotzdem war das Programm, das Hitler hier aufrollte, unmissverständlich – und das hieß Krieg um den ‚Lebensraum im Osten‘“, erklärte Manfred Messerschmidt 1995 im „Zeit“-Interview auf die Frage nach der Rede Hitlers vom 3.Februar 1933. Die erklärt auch, warum die Reichswehr die Hoffnung so manches frustrierten Demokraten enttäuschte, der sich nicht zum Kampf gegen Hitler entschließen konnte, und nicht gegen die Übertragung der Macht durch das deutsche Kapital an die NSDAP putschte.

Während Adolf Hitler den Eliten der untergehenden Weimarer Republik frühzeitig reinen Wein über seine wirklichen Ziele einschenkte und seine Partei nur deshalb die politischen Spitzenämter des sterbenden Staates erobern konnte, identifizierte der große Teile der deutschen Bevölkerung die Politik der NSDAP schlimmstenfalls mit einer schlecht umgesetzten antizyklischen Wirtschaftspolitik und bestenfalls mit wenigen und doch spürbaren sozialen Maßnahmen. Gerade in Bezug auf seine politischen Grundsätze in Bezug auf die UdSSR ließ Hitler keine Zweifel in den Spitzen der deutschen Gesellschaft – wohl aber in der Masse der Bevölkerung aufkommen.

Hitlers außenpolitischer Kampf gegen den Marxismus war nur die logische Folge des innenpolitischen. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1934, und die damit einhergehende Umbenennung der Reichswehr in Wehrmacht, die Besetzung des Rheinlandes, die Besetzung des Sudetenlandes, der Anschluss Österreichs, die „Erledigung der Resttschechei“ 1939 waren nur militärisch-strategische Schritte zur Vorbereitung des Aufmarsches gegen die UdSSR.

Dem „Westen“, Frankreich und Großbritannien, war diese Absicht sehr wohl geläufig. Besonders die britischen Kapitalisten hofften darauf, den Expansionsdrang des deutschen Imperialismus nach Osten zu richten und somit das eigene Kolonialreich zu retten. Die Appeasementpolitik des britischen Premier Chamberlain erklärt sich genau aus diesen Überlegungen. Die herrschende Klasse in Großbritannien sah nicht einfach nur zu als Hitler Deutschland „kriegsbereit“ machte, es deckte die geheim Wiederaufrüstung. Das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 sollte zwar formal die Vormacht Englands auf dem Meer sichern, ermöglichte aber vor allem die Umsetzung der deutschen Flottenbaupläne. Die Besetzung des Rheinlandes blieb unkommentiert. Und als 1937 Hitler Österreich angliederte blieb es bei verhaltenen Protesten. Selbst als Hitler 1938 die Angliederung eines Teils der Tschechoslowakei, des Sudetenlandes forderte, betätigten sich die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs als Helfer. Im Münchener Abkommen gestanden sie Deutschland die Besetzung des Sudetenlandes zu, ohne Prag auch nur zu fragen. Als Hitler nur wenige Monate später die ganze Tschechei besetzte und die Slowakei in einen abhängigen Vasallenstaat verwandelte, taten die westlichen „Verbündeten“ der Tschechoslowakei nichts!

Warum? Die Ziele der kapitalistischen Klasse orientieren sich nicht an hären Grundsätzen, wohl aber an der Sicherung der eigenen Pfründe. Die britischen und französischen Kapitalisten wollten vorrangig die eigene Einflusssphäre, das eigene Kolonialreich erhalten. Die deutsche, tschechische, oder österreichische Arbeiter*innenklasse vor dem Zugriff der NS-Tyrannei zu bewahren, war kein Teil ihrer Agenda. Zumal nicht wenige Kapitalisten in Großbritannien, Frankreich und nicht zuletzt den USA neidisch auf die Zustände in Deutschland schauten. Deutschland, ein Land ohne Gewerkschaften und Arbeiter*innenorganisationen! Ford war ein Duzfreund Hitlers!

Als 1939 Hitler Polen überfiel schien die Rechnung der westlichen Kapitalistenklassen aufzugehen. Doch 1940 wendete sich Hitler gegen den Westen, überrannte in vier Wochen die größte europäische Landmacht, Frankreich, und versuchte Großbritannien invasions- oder wenigstens verhandlungsreif zu bomben.


  1. Zit. nach: „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“ (1958): „Generalplan Ost“, in: „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“ (3/1958), Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1958 (S. 281-326), S. 281 [fortlaufend: VfZ: 1959]. ↩

  2. Vgl.: Kershaw, Ian (2011): „Der Weg ins Infernos“, in: „Die Zeit“ (23/2011), Hamburg: Zeitverlag Gerd Bucerius, 2011, (S.21-22), S, 21 [fortlaufend: Kershaw: „Der Weg“].↩