HILDA VAN SILLER

 

 

Zum Teufel mit Elaine

 

 

 

 

 

Roman

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

ZUM TEUFEL MIT ELAINE 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Elaine Parker war sehr schön und sehr extravagant. Kein Wunder, dass ihre Affäre mit Neil Stratton in einem Misston endete.

Aber Elaine erzählte überall herum, Neil habe sie töten wollen. Natürlich war das lächerlich.

Bis Elaine kurz danach spurlos verschwand...

 

Der Roman Zum Teufel mit Elaine von Hilda Van Siller (* 1911 in New York; † 1982 ebenda) erschien erstmals im Jahr 1974; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1975.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

 

  ZUM TEUFEL MIT ELAINE

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Neil Stratton starrte ausdruckslos in das leere Glas in seiner Hand. Er hätte gut noch einen Scotch vertragen können, aber dazu hätte er aufstehen und seinen Platz in der Couchecke aufgeben müssen. So ließ er lieber das Cocktail-Geplauder seiner stark parfümierten und wesentlich älteren Nachbarin über sich ergehen, die ihm mit ihrer schrillen, alles übertönenden Stimme schon zum zweiten Mal erzählte, dass sie Hüte entwarf, zweimal verheiratet gewesen war und die Vails, ihre gemeinsamen Gastgeber, schon ewige Zeiten kannte.

»Kennen Sie die Vails schon lange?«, fragte sie, verzweifelt bemüht, eine Unterhaltung mit ihm in Gang zu bringen.

»Seit ein paar Jahren«, antwortete er einsilbig.

Neil hatte den ganzen Tag damit zugebracht, Baumschulen in Connecticut abzuklappern, um sich Bäume und Sträucher anzusehen, die er für das Moncrief-Projekt verwenden konnte. Seine Hoffnung, einen sonnigen Tag dafür zu erwischen, war enttäuscht worden. Am Morgen dieses Septembertages hatte Nebel geherrscht, der später in einen Dauernieselregen übergegangen war und noch während der langen Heimfahrt nach New York anhielt. Trotz seiner Müdigkeit und seiner schmerzenden Füße war Neil auf diese Party gegangen, weil es sich dabei um Andrew Crawfords Geburtstagsfeier handelte.

Andrew Crawford war Kate Vails Vater und der Seniorchef von Crawford, Gordon, Kingman und Lawrence, einer Anwaltskanzlei, die darauf spezialisiert war, die Vermögen ihrer reichen Klienten zu verwalten. Neil hatte die Überraschung seines Lebens erlebt, als er nach dem Tod seiner Großmutter vor einem Jahr erfuhr, dass sie, Nellie Power, eine Klientin dieser Anwälte gewesen war.

Neil hatte gewusst, dass ein Anwalt namens Harrison Nellie manchmal in ihrer ärmlichen aber sehr sauberen Wohnung am Riverside Drive besucht hatte. Er hatte den hageren, ernsten Mann jedoch für den Inhaber eines unbedeutenden Anwaltsbüros in der Nachbarschaft gehalten, der netten alten Damen half, ihre geringen Geldmittel zu verwalten und öfter als notwendig erschien, um ein höheres Honorar für sich herauszuschinden.

Und selbst als Robert Ewing ein Jahr vor Nellies Tod an Harrisons Stelle trat, hatte Neil ihn wiederum nur mit Harrisons Büro in Verbindung gebracht. Weder seine Großmutter noch Harrison hatten je mit ihm über ihre Vermögensverhältnisse gesprochen. Auch Bob bildete darin keine Ausnahme, aber er war im Gegensatz zu seinem Vorgänger jung und aufgeschlossen. Bob und Neil waren beide Junggesellen Mitte Zwanzig mit vielen gemeinsamen Interessen und hatten sich bald angefreundet. Lange bevor Neil erfuhr, dass Kates Vater seine Großmutter kannte, hatte er durch Bob die Vails kennengelernt.

Erst nach Nellies Tod kam heraus, dass Harrison ein langjähriges Mitglied der Crawford Kanzlei gewesen war und Bob später seine Aufgaben übernommen hatte. Beide hatten die ganze Zeit gewusst, dass Neil nach Nellie Powers Tod ein beträchtliches Vermögen erben würde. Aber Nellie hatte bestimmt, dass er erst nach ihrem Ableben davon Kenntnis erhalten dürfe.

Nach all den mageren Jahren, in denen er nur widerstrebend Nellies Hilfe in Anspruch genommen hatte, um seine Berufsausbildung abschließen zu können und sich als Gartenbauarchitekt niederzulassen, erschien es ihm unfassbar, dass er nun plötzlich ein reicher Mann sein sollte. Inzwischen hatte er seine winzige Einzimmerwohnung mit einem Penthouse in der Nähe der Fifth Avenue vertauscht, wo er sich mit viel Mühe und Begeisterung einen Dachgarten anlegte. Aber trotz alledem glaubte er, noch manchmal zu träumen, wenn er sich in seiner neuen Umgebung umsah.

Im Augenblick wartete er darauf, Andrew Crawford gratulieren zu können, und langweilte sich zu Tode. Eigentlich hatte Neil eine Party im kleinen Kreis erwartet, aber bei seinem Eintreffen war ihm schnell klar geworden, dass der schlaue Andrew sämtliche Leute, denen er sich gesellschaftlich oder geschäftlich verpflichtet fühlte, bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn abgeladen hatte. Seit dem Tod seiner Frau war es nie anders gewesen, und Kate und Oliver schien das nicht zu stören. Sie mochten den Rummel, und Oliver war zudem in der Werbebranche tätig, wo sich alle möglichen Kontakte als nützlich erweisen konnten.

»Kate sieht mit ihrer neuen Frisur einfach wundervoll aus, finden Sie nicht auch?«, fragte die Modeschöpferin neben ihm.

Neil sah Kates Kopf kurz in der Menge der Gäste auftauchen, die alle versuchten, Drinks, Cocktailhappen und Zigaretten in zwei Händen zu balancieren, während sie laut durcheinander redeten und übertrieben fröhlich lachten. Kate trug ihr dunkles Haar jetzt kurz, mit vielen eingefärbten weißen Locken, die ihre braune Haut und ihr strahlendes Lächeln noch besser zur Geltung brachten. Neil sah, dass Kates Lächeln diesmal einem Mädchen mit zerzauster Ponyfrisur galt, das an der Bar stand.

Neil starrte auf die zierliche Gestalt mit dem aschblonden Haar neben Kate. Er wusste, dass er das Mädchen noch nie gesehen hatte, aber die Art, wie sie die Hände bewegte, wie sie lächelte oder mit leicht seitwärts geneigtem Kopf zuhörte, war ihm seltsam vertraut.

Elaine, schoss es ihm durch den Kopf.

»Was ist denn mit Ihnen los, mein Lieber?«, fragte die Dame neben ihm. »Sie machen ein Gesicht, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.«

»Kennen Sie das Mädchen dort neben Kate?«, erkundigte sich Neil.

»Die Kleine in dem schwarzen Kostüm? Nein, aber ich möchte wetten, dass das Kostüm von... Oh, da ist ja Andrew. Er hat nämlich heute Geburtstag«, erklärte sie ihm und steuerte mit einem Paket in buntem Geschenkpapier auf eine Gruppe von Leuten zu.

Jetzt erkannte auch Neil Andrew in ihrer Mitte. Andrew war ein dicklicher, älterer Herr mit weißem Haar und gebräunter Haut. Er trug einen grauen maßgeschneiderten Anzug und blickte lächelnd in die Runde. Andrew wohnte in Greenwich und verbrachte ebenso viel Zeit auf dem Golfplatz wie im Büro, was keineswegs bedeutete, dass er sich schon aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte. Als Neil wieder zur Bar hinübersah, waren Kate und das Mädchen verschwunden.

Neil starrte finster vor sich hin. Er war wütend auf sich selbst, weil er an Elaine dachte. Die Party ging ihrem Ende zu, und einige der Gäste begannen sich zu verabschieden. Die Gelegenheit, Andrew zu gratulieren und dann zu verschwinden war jetzt günstig, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Er musste das Mädchen mit der Ponyfrisur noch einmal sehen. Neil holte sich endlich noch einen Scotch und seine Lebensgeister kehrten langsam zurück. Plötzlich fiel sein Blick auf Paul Kendell, den dürren, rothaarigen Modefotografen, und neben ihm stand das Mädchen. Sie hatte ein sanftes Profil und einen lebhaften Gesichtsausdruck. Obwohl sie keine äußerliche Ähnlichkeit mit ihr besaß, erinnerte sie ihn immer wieder an Elaine.

Neil war so in ihren Anblick versunken, dass er den jungen Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte, zunächst gar nicht bemerkte.

»Was gibt’s denn dort drüben so Faszinierendes zu sehen?«, fragte Bob Ewing und pickte eine Olive aus seinem Martini.

»Das Mädchen neben Paul Kendell«, sagte Neil.

Bob rückte seine Hornbrille zurecht und sah in Kendells Richtung. »Sie ist neu hier. Ich kann allerdings nichts Weltbewegendes an ihr entdecken.« Er zerkaute genüsslich seine Olive.

»Sie erinnert mich an Elaine«, meinte Neil.

»Elaine?« Bob hätte sich beinahe verschluckt. Stirnrunzelnd blickte er auf das Mädchen und dann wieder zu Neil.

»Du musst verrückt sein. Sie ist viel kleiner und zierlicher. Ganz hübsch, aber kein Vergleich mit Elaines klassischer Schönheit.«

»Es ist die Art, wie sie sich bewegt. Irgendwie...«

»Ich habe gehofft, du hättest Elaine aus deinem Gedächtnis gestrichen«, unterbrach ihn Bob plötzlich ernst.

Neil wurde rot, und sein Blick verdunkelte sich. Bob bemerkte es und wechselte sofort das Thema.

»Wie kommst du mit dem Moncrief-Projekt voran?«

»Es geht. Die Bauleute lassen uns wie immer kaum Platz für eine anständige Gartenanlage.«

Bei dem Moncrief-Projekt handelte es sich um die Gartengestaltung einer exklusiven Wohnsiedlung in Westchester. Noch vor einem Jahr, ohne Allen Rutland, seinen erfahreneren und ideenreichen Partner, hätte Neil den Auftrag gar nicht annehmen können. Nach seiner glücklichen Erbschaft waren er und Allen Partner geworden und hatten ein Planungsbüro in der East Fifty-seventh Street aufgemacht.

Bob lachte. »Wenn es nach dir ginge, würdest du sogar den Broadway mit Bäumen und Büschen bepflanzen.«

»Da kannst du Gift drauf nehmen«, knurrte Neil.

»Hast du heute Abend noch was vor?«, fragte Bob. »Ich treffe mich nachher mit Carol zum Abendessen. Kommst du mit? Carol und ich würden uns freuen.«

Das kann ich mir lebhaft vorstellen, dachte Neil bitter. Carol war eine attraktive Blondine und seit ungefähr einem halben Jahr Bobs Freundin. Die Affäre dauerte schon erstaunlich lange. Seit Neil Bob kannte, hatte er die Mädchen gewechselt wie die Hemden. Elaine war eines dieser Mädchen gewesen, und Neil hatte sie hier in diesem Zimmer zum ersten Mal gesehen. Vielleicht war das der Grund...

»Na, was ist?«, erkundigte sich Bob.

»Danke, aber Mrs. Mallory erwartet mich zum Abendessen.«

Bob trank seinen Martini aus. »Tja, dann werde ich dem Chef gratulieren und verschwinden. Es wird Zeit für mich.« Er stand auf und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar, während er stirnrunzelnd auf Neil heruntersah. »Um Gottes willen, Neil! Sitz hier nicht rum und mach dir trübsinnige Gedanken wegen Elaine!«

Bob hatte recht. Trotzdem dachte er wieder an die Party im letzten Frühjahr, auf der Bob mit einem Mädchen erschienen war, das das Aussehen und die Figur einer griechischen Göttin besessen hatte. Ihr langes schwarzes Haar war in der Mitte gescheitelt, ihre Lippen waren voll und sinnlich und ihr Kleid war rubinrot gewesen.

»Schau, was mir ausgerechnet im Büro in die Arme laufen musste«, hatte Bob sie ihm mit einem breiten Grinsen vorgestellt. »Ihr Vater ist ein Schulfreund von Andrew Crawford. Elaine Parker, Neil Stratton.«

Sie hatte den Kopf leicht zur Seite gelegt und dieses kühle, verführerische Lächeln gelächelt, das ihn sofort gefangen genommen hatte. Aber sie war Bobs Eroberung und deshalb für ihn tabu gewesen. Ein- oder zweimal waren er und ein anderes Mädchen mit Bob und Elaine ausgegangen, aber es dauerte mehrere Wochen, bis er Elaine zufällig alleine traf.

In der Straße vor seinem alten Büro war sie eines Tages plötzlich vor ihm gestanden, und er hatte sie ins Twenty One zum Abendessen eingeladen, was für seine damaligen Verhältnisse der reinste Luxus war. Im Laufe des Abends erzählte sie ihm, dass zwischen ihr und Bob nur ein rein freundschaftliches Verhältnis bestehe.

»Meine Eltern haben sich vor vielen Jahren scheiden lassen und Mr. Crawford hat die vermögensrechtlichen Angelegenheiten geregelt. Meine Mutter erhielt unter anderem das Sommerhaus an der Küste bei Westport, für das mein Vater weiterhin die Steuern und die Versicherung übernehmen sollte. Nach dem Tod meiner Mutter stand es ein paar Jahre leer. Ich bin erst vor kurzem aus Kalifornien zurückgekommen und habe entdeckt, dass inzwischen kein Cent mehr bezahlt worden ist. Da Mr. Crawford sich um solche Dinge kümmert, habe ich mich an ihn gewandt. Und daher kenne ich auch Bob.«

»Sehen Sie ihn noch oft?«, wollte Neil wissen.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin in das Sommerhaus gezogen. Es ist zwar um diese Jahreszeit noch reichlich kühl, aber dafür habe ich dort die nötige Ruhe für meine Arbeit.«

»Arbeit?«, fragte Neil erstaunt.

Sie lächelte, aber ihre dunklen Augen blieben ernst. »Lachen Sie nicht, ich schreibe Gedichte.«

Neil erfuhr, dass sie vierundzwanzig und ein hochbezahltes Fotomodell war. Nach einem misslungenen Versuch, in Hollywood beim Film anzukommen, war sie nach New York zurückgekehrt. Zwei- oder dreimal in der Woche arbeitete sie als Fotomodell, um Geld zu verdienen, und in der übrigen Zeit schrieb sie ihre Gedichte.

»Ist es dort draußen nicht sehr einsam? Haben Sie keine Angst allein?«, fragte Neil.

»Nein, ganz im Gegenteil«, erwiderte Elaine. »Um diese Jahreszeit ist noch kein Mensch am Meer. Wenn ich es drinnen nicht mehr aushalte, kann ich nachts ungestört am Strand entlangwandern. Die Wellen sind meine Begleiter.«

Nach dem Essen waren sie in mehreren Lokalen in der City gewesen. Der Alkohol hatte sie in Stimmung gebracht, und schließlich war es für Elaine zu spät gewesen, um nach Westport zurückzufahren. Sie verbrachten die Nacht zusammen in Neils kleinem Zimmer. Für Neil wurde es eine unvergessliche Nacht, in der er sich rettungslos in Elaine verliebte. Elaine war kühl und manchmal unnahbar gewesen, als wollte sie sich ihm nicht völlig preisgeben, aber sie war eine wundervolle Geliebte. So hatte alles begonnen.

Mein Gott, dachte Neil und nahm einen tiefen Schluck Whisky, wenn er damals das Ende geahnt hätte! Kate, die mit dem Mädchen auf ihn zukam, brachte ihn abrupt in die Wirklichkeit zurück. Er wäre ihr gern ausgewichen, aber Kates Augen waren unmissverständlich auf ihn gerichtet. Das Mädchen interessierte ihn sehr, aber die Erinnerung an Elaine hatte ihn neuen Gefühlen gegenüber wieder misstrauisch gemacht.

»Neil, ich möchte, dass du Nancy Gilbert kennenlernst. Nancy, das ist Neil Stratton.« Kate lächelte strahlend. »Kinder, amüsiert euch! Ich muss meinen Vater retten, bevor er eine Champagnerleiche wird.« Im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und Neil und das Mädchen standen sich verlegen gegenüber.

»Setzen wir uns doch«, sagte Neil. Er bot ihr eine Zigarette an und zündete sich selbst auch eine an. Neil wollte Zeit gewinnen, denn die versteckte Neugier in Nancys blau-grünen Augen war ihm nicht entgangen, und er fragte sich, wieviel Kate ihr schon über ihn erzählt hatte.

»Ich habe Sie hier noch nie gesehen«, begann Neil schließlich. »Leben Sie in New York?«

»Ich bin erst vor einer Woche aus Rom zurückgekommen.«

»War es eine schöne Reise?«, erkundigte sich Neil.

»Als Reise kann man es wohl kaum bezeichnen. Ich habe mehrere Jahre im Ausland gelebt. Meine Mutter hat mich mit nach Europa genommen, um einen Ehemann für mich zu suchen, aber stattdessen habe ich einen für sie gefunden.« Nancy lachte. »Sie hat vor einem Monat geheiratet.«

»Das ist ja lustig«, murmelte Neil.

Sie führte ihr Glas zum Mund und beobachtete ihn aufmerksam über den Rand hinweg. Als sie getrunken hatte, sagte sie unvermittelt: »Kate hat mir erzählt, dass Sie mit Elaine Parker verlobt waren.«

Es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, ruhig sitzenzubleiben. Er zog heftig an seiner Zigarette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.

»Kennen Sie Elaine?«, fragte Neil.

»Ja, aber ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Ein Freund bat mich, sie in New York zu besuchen, aber sie ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich dachte, dass Sie vielleicht...«

»Elaine lebte früher in Westport, Connecticut. Soviel ich weiß, hat sie aber ihr Sommerhaus vor über einem Jahr verlassen und ist nach New York gezogen. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.«

Nancy nippte an ihrem Drink. »Der Freund, von dem ich sprach, meinte, Andrew Crawford würde vielleicht wissen, wo sie sich aufhält, da er der Anwalt ihres Vaters war. Aber er hat sie auch lange nicht mehr gesehen. Mr. Crawford hat mich auf diese Party eingeladen, weil er annahm, dass einige von Elaines Freunden hier sein würden. Und die Vails sind ja wirklich reizend! Finden Sie nicht auch?«

»Ja«, sagte Neil und sah auf seine Armbanduhr.

»Halte ich Sie auf, Mr. Stratton?«, fragte Nancy, der sein Blick nicht entgangen war.

»Meine Haushälterin erwartet mich in einer halben Stunde zum Abendessen, und ich möchte pünktlich sein.«

»Oh!«, entfuhr es Nancy. Sie senkte den Kopf.

Neil beobachtete ihr kindlich zartes Profil mit der kleinen Nase und den dichten Ponys aus den Augenwinkeln. Er verstand selbst nicht mehr, warum sie ihn zuerst an Elaine erinnert hatte. Sein barscher Ton schien sie verletzt zu haben, und ihm kam der Gedanke, dass sie so kurz nach ihrer Rückkehr aus Europa noch nicht viele Leute in der Stadt kennen konnte und vielleicht nicht wusste, was sie mit dem Rest des Abends anfangen sollte.

»Darf ich Sie zum Abendessen einladen, Miss Gilbert?«

Sie strahlte ihn an. »Sehr gern, Mr. Stratton.«

Während Nancy ihren Mantel holte, rief er Mrs. Mallory an. Draußen empfing sie das nasskalte Septemberwetter, und sie mussten einige Straßen weit gehen, bis sie ein Taxi fanden.

Sein Penthouse war ihm selten so warm und gemütlich erschienen, wie, In jenem regnerischen Abend. Mrs. Mallory hatte den Kamin angezündet, die Vorhänge vorgezogen und Eis und Getränke bereitgestellt. Neils Haushälterin, eine vollschlanke Dame mit verdächtig schwarzem Haar und sanften Augen, begrüßte sie freundlich und verschwand -gleich darauf in der Küche.

Neil mixte zwei Drinks und Nancy ging zum Kamin. Im warmen Schein des Feuers wirkte sie noch zierlicher und ihr Haar noch glänzender.

Nancy war von dem gemütlichen Raum mit den vielen frischen Blumen und den schönen Landschaftsbildern begeistert. »Bei Ihnen sieht es ja fast wie in einem Landhaus aus, gar nicht wie in einer Stadtwohnung«, meinte sie schließlich.

Neil deutete auf die geschlossenen Vorhänge. »Dabei haben Sie meinen Garten noch gar nicht gesehen. Schade, aber jetzt ist sicher alles tropfnass.«

Neil stellte die Drinks auf den Couchtisch vor dem Kamin und Nancy setzte sich zu ihm. Ihre Anwesenheit kam ihm ganz selbstverständlich vor. Das Feuer prasselte gemütlich im Kamin und draußen trommelte der Regen gegen die Fenster. Neil fühlte sich glücklich und entspannt. Er war plötzlich froh, dass er Nancy eingeladen hatte. Aber dann verdarb sie alles.

Ihr Blick schweifte durch den großen, geschmackvoll eingerichteten Raum. Schließlich sah sie ihm in die Augen. »Elaine muss verrückt gewesen sein, Sie nicht zu heiraten«, sagte sie langsam.

»Damals habe ich nicht mal im Traum daran gedacht, dass ich je eine solche Wohnung besitzen würde«, knurrte er unfreundlich.

Nancys Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Aber Kate hat mir doch erzählt, dass Sie von Ihrer Großmutter ein beachtliches Vermögen geerbt haben. Das müssen Sie doch vorher gewusst haben!«

»Nein«, sagte Neil und starrte ins Feuer. »Meine Großmutter war Haushälterin, wie Mrs. Mallory. Niemand ahnte, dass sie so viel Geld hatte.«

»Erzählen Sie!«, bat sie ihn und neigte den Kopf lächelnd zur Seite. »Das klingt ja wie im Märchen.«

Er hatte die Geschichte schon zu oft erzählen müssen, um noch Vergnügen daran zu finden. »Meine Großmutter kam vor dem ersten Weltkrieg von Irland herüber und nahm eine Stelle als Dienstmädchen an. Sie hieß Nellie O’Neil und daher habe ich meinen Vornamen«, erzählte er so knapp wie möglich. »Ihr Mann hat sie kurz nach der Geburt einer kleinen Tochter verlassen. Nellie gab das Mädchen in eine Klosterschule und arbeitete verbissen, um den Lebensunterhalt für sich und das Kind zu verdienen.«

»Und das kleine Mädchen war Ihre Mutter«, unterbrach ihn Nancy wie ein Kind, dem man eine Gutenachtgeschichte erzählt.

Er nickte. »Mein Vater war in der Armee und starb während seiner Stationierung in Deutschland. Ich habe ihn nie gekannt. Als ich sechs Jahre alt war, starb meine Mutter. Seitdem hat Nellie für mich gesorgt.« Er hielt gelangweilt inne.

»Aber wie kam Ihre Großmutter zu so viel Geld?«, fragte Nancy.

»Nellie wurde Haushälterin bei einem Mr. Winterson, dessen Frau schwerkrank war. Sie blieb viele Jahre bei dieser Familie, und Mr. Winterson, ein erfolgreicher Börsenmakler, hat ihr geholfen, ihr Geld richtig anzulegen. Sie hat seine Ratschläge immer befolgt und Grundstücke und Aktien gekauft, solange sie noch billig waren.«

Nancy sah ihn erstaunt an. »Und Sie haben davon nichts gewusst?«

»Nein. Nellie steckte mich in ein Internat, und ich durfte nur die Ferien bei ihr verbringen. Sie hat sehr sparsam gelebt und sich nie etwas gegönnt. Ich hatte oft Gewissensbisse, weil ich dachte, sie täte es nur, um mir eine gute Ausbildung geben zu können.«

»Warum hat sie Ihnen denn nichts davon gesagt?«

Neil lächelte und erinnerte sich an den verschmitzten Ausdruck in den Augen seiner Großmutter. »Sie liebte Überraschungen. Ich glaube, sie hat an den Söhnen der Wintersons gesehen, was Geld aus jungen Menschen machen kann. Beide hatten alles, was sie sich wünschten. Und dann landete der eine wegen Betrügereien im Gefängnis und der andere beging Selbstmord.«

Neil lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an. »Vor seinem Tod hat Mr. Winterson veranlasst, dass die Crawford-Kanzlei die Verwaltung von Nellies Vermögen übernahm. So habe ich es geerbt. Das ist alles. Ich habe Wochen gebraucht, um mich von dem freudigen Schock zu erholen.«

Mrs. Mallory kam herein und bat zu Tisch. Neil hatte Mrs. Mallory von einer von Kate Vails Freundinnen übernommen und konnte mehr als zufrieden mit ihr sein. Das Essen war ausgezeichnet, und hinterher servierte Mrs. Mallory ihnen vor dem Kamin eine Tasse Kaffee. Dazu holte Neil seinen besten Brandy aus dem Schrank. Aber Nancy verdarb ihm erneut die Stimmung.

»Dann wusste Elaine also nicht, dass Sie ein großes Vermögen erben würden, Neil?«, fragte sie.

Seine Miene verfinsterte sich. »Wie sollte sie?«, fuhr er auf. »Ich hatte ja selbst keine Ahnung davon. Wir trafen uns im März, verlobten uns und trennten uns im August. Einen Monat später starb meine Großmutter. Herrgott, Nancy, können wir nicht endlich Elaine aus dem Spiel lassen?«

Sie sah ihn prüfend an. »Warum? Lieben Sie sie immer noch?« Er leerte seinen Cognac mit einem Zug und stellte das Glas klirrend auf den Tisch zurück. »Ich hasse sie!« Seine Augen wurden schmal. »Was hat Ihnen Kate über Elaine und mich erzählt?«

»Oh, alles Mögliche«, wich sie ihm aus und kuschelte sich in ihre Couchecke. »Haben Sie Elaine sehr geliebt?«

Er hasste es, darüber zu sprechen, aber Nancy interessierte ihn mehr, als er wahrhaben wollte. Seit der Sache mit Elaine war er Frauen gegenüber äußerst misstrauisch gewesen, aber zu der sanften Nancy fühlte er sich hingezogen. Er merkte gar nicht, wie geschickt sie das Gespräch immer wieder auf Elaine brachte.

»Ja, ich habe sie geliebt«, gab er zu. »Wir hatten eine leidenschaftliche Affäre, und dabei wäre es auch besser geblieben. Sie dauerte fast den ganzen Sommer, während Elaine in ihrem Sommerhaus an der Küste lebte und...«

Neil goss sich automatisch noch einen Brandy ein und starrte gedankenverloren ins Feuer. Er sah wieder die kleine Bucht vor sich. Dort lag das alte Haus in völliger Abgeschiedenheit. Zum Haus gehörte ein riesiges Grundstück, das die Ungestörtheit seiner Bewohner garantierte.

Das Schönste an dem einfach aber solide erbauten Haus waren das große Wohnzimmer mit einem herrlichen Blick auf das Meer und die große Sonnenterrasse. Dort hatten er und Elaine oft gelegen, die Sterne betrachtet oder sich geliebt.

Die Möbel im Haus waren abgenutzt, die Vorhänge verblichen und die Betten feucht. Es gab kaum noch heiles Geschirr und zum Trinken hatten sie nur Marmeladengläser. Bei schlechtem Wetter schrieb Elaine in einem Durcheinander aus schmutzigem Geschirr, Zeitschriften und Büchern an einem Campingtisch im Wohnzimmer ihre Gedichte. Und wenn die Sonne schien, setzte sie sich mit dem Schreibblock auf den Knien in einen alten Liegestuhl auf die Sonnenterrasse. Dann trug sie meistens einen winzigen Bikini, der kaum etwas von ihrer verführerischen Figur verbarg, starrte auf das Meer hinaus, während der Wind mit ihrem dunklen Haar spielte, oder schrieb hastig etwas nieder. In ihrem Sommerhaus lief sie nur in alten Jeans, im Bikini oder nackt herum. Wenn sie jedoch einen Termin für Aufnahmen in der Stadt hatte, wurde alles anders.

An solchen Tagen stand sie morgens auf und verschwand unfrisiert und ungeschminkt in einem alten Morgenmantel in der Küche, um Kaffee zu machen. Danach ging sie in ihr Schlafzimmer und tauchte nach einer halben Stunde völlig verwandelt wieder auf. Mit glänzendem Haar, verführerischem Make-up und elegant gekleidet, machte sie sich auf den Weg nach New York.

In jenem Sommer hatte Neil seine Arbeit vernachlässigt und jede Gelegenheit genutzt, um zu Elaine nach Westport zu fahren. Als dann die Ferienzeit begann, waren auch die umliegenden Sommerhäuser bewohnt gewesen. Elaine verhielt sich jedoch allen Leuten gegenüber so abweisend, dass sie auch weiterhin ungestört blieben. Ausflügler, die sich für einen Tag an ihrem Strand niederlassen wollten, verscheuchte sie erbarmungslos.

Das einzige was sie interessierte, waren ihre Gedichte und die Leidenschaft, die Neil und sie verbunden hatte. Es war ein Sommer voller Sonne, Baden, langen Spaziergängen am Meer und Liebe. Ihre Leidenschaft hatte ihren Höhepunkt erreicht, und Neil war nie in seinem Leben glücklicher gewesen. Ihre Gedichte waren ihm allerdings immer unverständlich geblieben, und sie hatte auch nie versucht, einen Verleger dafür zu finden.

Hin und wieder gab es kleinere Streitereien, aber sie waren nie ernsthafter Natur. Neil mit seinem Sinn für alles Schöne konnte nicht verstehen, warum sie das Haus so verkommen ließ, aber es war hoffnungslos, irgendetwas ändern zu wollen. Elaine lebte weiter in ihrer eigenen Welt.

Für Neil war es unbegreiflich, dass sie alles um sich herum vernachlässigte und das viele Geld, das sie als Fotomodell verdiente, für Kleider, Parfüms, Schmuck und andere Extravaganzen in der Stadt ausgab. Als er ihr deshalb einmal ernstliche Vorwürfe machte, lernte er erstmals ihr hitziges Temperament kennen.

»Verdammt nochmal, was erwartest du eigentlich von mir?«, schrie sie ihn an. »Vielleicht soll ich bei Harper’s oder Vogue, wo die schönsten und elegantesten Frauen der Welt verkehren, in alten Klamotten erscheinen?«

Neil sah sie an und brach in schallendes Gelächter aus. Elaine merkte gar nicht, wie komisch sie gerade jetzt in ihren ausgewaschenen, viel zu engen Blue Jeans und dem weiten Männerhemd wirkte. Das machte sie nur noch wütender, und ihre Auseinandersetzung wurde immer heftiger. Der Anfang vom Ende war gekommen.