Günther Labedzki

Weichenstellungen

100 Jahre Familiengeschichte

… bis ins dritte Glied

Für meine Frau Jacqueline

und meine Söhne Christoph und Frédéric

Die Familie Labedzki

Die Urgroßeltern väterlicherseits

Severin & Marie Labedzki, geb. Wallmüller

Die Großeltern

mütterlicherseits

Jacob & Bertha Hansen, geb. Petersen

väterlicherseits

Ernst & Frida Labedzki, geb. Gottschalk mit Vera und Lothar

Bertha Hansen mit Kindern (von links nach rechts) Ruth, Jacob, Günther, Dorothea

Die Eltern

Dorothea Hansen & Lothar Labedzki vor ihrer Heirat

Ausritt

Dorothea & Lothar mit Lothar und Ernst

bespannte Artillerie

als Regimentskommandeur in Russland

Georg Trebesch, Dorothea Labedzki mit Günther und Ernst

die Labedzkis anlässlich Günthers Eintritt in die Marine

auf der Brücke eines Schnellboots

Schnellboote in enger Formation

I

Die Weichenstellung

So nimm denn meine Hände

Und führe mich,

Bis an mein selig' Ende

Und ewiglich.

Palmsonntag 1878. Die Turmuhr des Königlichen Pädagogiums zu Züllichau schlug zehn, als die Gemeinde das Ausgangslied anstimmte. Die Orgel hatte die ersten Takte vorgespielt, brausender Gesang setzte ein und durchflutete das Kirchenschiff – festlicher Schlussakkord zum Konfirmationsgottesdienst. Pastor Pirrwitz hatte die Tertianer eingesegnet und sie in seiner Predigt ermutigt, ihren Weg zu gehen; der sei manchmal schwierig, aber sie dürften sich dabei der gütigen Führung Gottes sicher sein.

Beim letzten Ton der ersten Strophe erhoben sich die Jungen von den Bänken beiderseits des Altars und formierten sich zur Doppelreihe, ein feierlicher Zug, der hinter dem Pfarrer zum Ausgang schritt.

Ich mag allein nicht gehen,

nicht einen Schritt:

Wo du wirst gehen und stehen,

da nimm mich mit!

Ernst entdeckte seine Familie, sie saβ in einer der hinteren Reihen. Mutter, eingerahmt von Malwine und Hans, erwartete seinen Blick und erwiderte ihn mit einem aufmunternden Kopfnicken. Vater bemerkte von allem nichts und schien in sein Gesangbuch vertieft, doch sah der Junge bei genauerem Hinsehen, dass er gar nicht sang, vielmehr die Lippen fest aufeinander presste – Vater war mit seinen Gedanken woanders.

Wenn ich auch gleich nichts fühle

von der Macht,

du führst mich doch zum Ziele,

auch durch die Nacht.

‚Du tust mir kund den Weg zum Leben’. Ernst hatte mit drei Klassenkameraden vor dem Altar gekniet, fühlte die Hand des Pastors auf seinem Kopf, als er ihn mit diesem Wort aus Psalm sechzehn einsegnete. Ihr Konfirmationsspruch soll ihnen als Richtschnur fürs Leben dienen, hatte der Pfarrer im letzten Unterricht gesagt und anklingen lassen, wie sehr er für jeden um den richtigen Zuspruch gerungen habe.

Du tust mir kund den Weg zum Leben! War es das Erhebende dieses Tages, war es das Vertrauen, das aus diesem Wort sprach – der Vers brachte etwas in ihm zum Klingen. Er sollte sich später noch öfter daran erinnern, für sein junges Leben aber fand er den Spruch überzogen: Welchen Weg es wohl kundzutun gäbe, fragte er sich, wo seiner doch so genau vorgezeichnet war? Hatte er nicht Mutters festen Griff gespürt, wenn sie ihn sonntags zum Gottesdienst an die Hand nahm? Und Vater, äuβerte er nicht sanft, aber bestimmt seinen Wunsch, er möge beruflich in seine Fuβstapfen treten?

Da rissen seine Gedanken ab, der Zug erreichte den Ausgang. Sie traten ins Freie, hinaus in einen wolkenverhangenen Frühlingsmorgen. Ein kalter Wind wehte.

Am Ausgang bildete die Gemeinde eine lange Schlange vor dem Mann im schwarzen Talar; die Eltern, noch sichtlich angetan vom soeben Erlebten, dankten dem Pfarrer warmherzig für sein Bemühen um ihren Jungen. Ihr Dank war ehrlich gemeint, habe er ihm doch das rechte Rüstzeug für Orientierung und Halt in der heutigen, so turbulenten Zeit gegeben.

Der Platz vor der Kirche belebte sich, kleine Gruppen, Familien, die sich um ihren Konfirmanden scharten; die Mütter unter ausladenden Hüten in dunklen Kleidern, die Herren im gedeckten Gehrock. Es wäre ein Bild der Eintönigkeit gewesen, hätten es nicht einige bunte Farbtupfer kräftig aufgehellt – Offiziere der Züllichauer Ulanen, deren prächtige Uniformen ins Auge stachen; ihr typischer Lederhelm, der Tschako, der blaue, goldbetresste Waffenrock und die schwarzen Hosen in den hohen Reitstiefeln.

Ernst wartete in der Mitte des Platzes. Hans stürzte auf ihn zu, die blaue Mütze der Quintaner auf dem Kopf, hinter ihm, betont langsam, Malwine, mit ihren sechzehn Jahren ganz junges Fräulein und auf Würde bedacht.

Von der Mutter sah Ernst zuerst ihren großen Hut und die energische Handbewegung, mit der sie ihn festhielt, als ein Windstoβ ihn fortzuwehen drohte. Vater und sie hatten sich von der Menschentraube um den Pastor gelöst, und Mutter nahm ihren Sohn in die Arme. Noch tief bewegt von der feierlichen Einsegnung ihres Ältesten, sagte sie : „Mein Junge, wie stolz bin ich auf dich!“

Der Vater in seinem schwarzen Gehrock wirkte ernst, strich dem Konfirmanden über die Haare. Er beglückwünschte ihn zur Einsegnung, brummelte auch etwas von einem wichtigen Einschnitt, den sein junges Leben soeben erfahre habe. Ein Kuss auf die Stirn besiegelte den väterlichen Zuspruch.

Die Heimfahrt stand an, Zeit für Ernst und Hans, ihr Gepäck aus der Unterkunft zu holen. Beide waren Schüler des Königlichen Pädagogiums, ein wuchtiges Gebäude, das mit dem Internat und der barocken Garnisonskirche den weiten Platz umschloss. Als „Interne“ unterlagen sie dem strengen Reglement der Anstalt, für das die Oster-Ferien sie nun entschädigen sollten.

Malwine bat inständig, einmal das Pädagogium besichtigen zu dürfen, war ihr als Mädchen doch der Besuch eines Gymnasiums verwehrt. Sie nahm Ernsts Klasse neugierig in Augenschein, dann den Remter, den groβen Speisesaal mit den Bildern aus Züllichaus Geschichte auf dem Wandputz. Angesichts des spartanischen Schlafsaals der Untertertia aber schüttelte sie den Kopf: Wie man zwischen den langen Bettreihen mit den Blechspinden sich wohlfühlen könne, fragte sie sich. Der jüngere Bruder Hans gab sich abgeklärt, aber alle Blasiertheit fiel von ihm ab, als er der Schwester mit gewichtigem Gehabe sein Reich zeigte, die Klasse und den Schlafsaal der Quintaner.

Eine Droschke brachte die Familie zum Hotel. Die Eltern hatten hier mit Malwine übernachtet, und hier sollte auch zunächst einmal die Konfirmation mit einem Essen im engen Familienkreis gefeiert werden. Die Verwandtschaft war nicht zur Konfirmation gekommen, zu umständlich und zu weit war die Anreise; das eigentliche Familienfest in großem Rahmen war für den nächsten Sonntag, Ostern, zu Hause in Neustadt vorgesehen.

Der Zweispänner stand Punkt halb drei zur Abfahrt bereit. Wie ausgestorben lagen die Straβen da, nur das Hufgeklapper der Pferde auf dem Pflaster und das Rollen der Räder unterbrach die Stille dieses Sonntagnachmittags. Im Zug ging es lebhaft zu; angeregt von den Ereignissen des Tages und der Freude auf die Heimkehr sprachen die Kinder aufeinander ein. Allmählich aber ebbte die Unterhaltung ab, teils wegen der Eintönigkeit der Bahnfahrt, teils durch die Einsilbigkeit der Eltern bedingt. Die hingen ihren Gedanken nach; die Mutter blieb stumm, der Vater schaute gedankenverloren aus dem Zugfenster.

Der Himmel hellte allmählich auf, und so wie die dichte Wolkendecke aufriss und Stücke klaren Blaus freigab, traten Severin Labedzki Bilder vor Augen: Wie er Hochwürden Kosminski die Geburt seines ersten Sohnes mitteilt und dieser mit seiner steilen Handschrift ins Kirchenregister unter A. D. MDCCCLXIV einträgt:

Ernst Martin Emil Labedzki, natus: secundo Februario

pater: Severin Labedzki, catholicus;

mater: Marie Labedzki, nata Wallmüller, non catholica

Andere Ereignisse in Ernsts jungem Leben passierten Revue, die Taufe, der ABC-Schütze mit der Schultüte anlässlich der Einschulung bei den Ursulininnen, die erste Heilige Kommunion, gebührend gefeiert im Familienkreis.

Aber da waren auch die leidigen Auseinandersetzungen mit Marie, der nervtötende, erbitterte Streit über die Konversion: Er gehe doch wahrhaftig nicht oft zur Messe, drang sie auf ihn ein, der Glaube sei ihm doch ziemlich egal! Wie könne er da Einwände gegen ihren Wunsch erheben? Auch hätten die Zeiten sich geändert! Warum sich nicht den neuen Verhältnissen anpassen, wo doch Bismarck die katholische Kirche so eindeutig in die Schranken weise? Lange hatte sie auf ihn eingeredet, ihn letztlich zermürbt, bis er nachgab und die Kinder zum evangelisch-lutherischen Glauben übertraten.

Severin Labedzki seufzte, lieβ von den unguten Erinnerungen ab. Man näherte sich dem Reiseziel, das Gespräch lebte wieder auf, und mit einem vernehmlichen Räuspern schaltete er sich in die Unterhaltung der Kinder ein. Er lieβ sich ihre Zeugnisse zeigen; und sei es, dass die guten Noten ihn aufmunterten oder die Frische der Kinder sein Gemüt aufheiterte, Severin Labedzki fand wieder seinen Frieden.

Ein kalter Nordwind empfing sie bei ihrer Ankunft. Der Abend brach an, und fröstelnd standen sie etwas verloren unter den anderen Reisenden auf dem zugigen Bahnsteig.

Kaum hatte der Bahnhofsvorsteher in der blauen Uniform der Eisenbahner den Zug abfahren lassen, wandte er sich den Labedzkis zu. Er kannte den Apotheker aus Neustadt und grüßte zuvorkommend, die rechte Hand an der Dienstmütze, die linke am Schleppsäbel:

„Kaltes Wetter haben Sie mitgebracht, Herr Apotheker, aber dafür haben Sie wenigstens den Regen vertrieben.“

Severin dankte zerstreut mit einem Kopfnicken, aber ehe er etwas erwidern konnte, beendete der Uniformierte schon wieder das Gespräch: Slawomir, der Kutscher des Kreisphysikus' war auf dem Bahnsteig aufgetaucht und steuerte eilig auf die Familie zu. Der Eisenbahner legte salutierend die rechte Hand an den Mützenschirm und verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung: „Na dann, auf eine gute Heimreise!“

Da war auch schon Slawomir heran. Seine Mütze in der Hand, wünschte er: Dobry wieczor, guten Abend! Die Herrschaften hatten eine gute Reise gehabt? Der Herr Medizinalrat lasse herzlich grüßen und schicke den Zweispänner wie verabredet. Sprach's, und ohne eine Antwort abzuwarten, griff er behände zum Gepäck der Eltern, wandte sich zum Gehen, sagte halblaut über die Schulter, bei etwas Beeilung käme man noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Neustadt. Und schon stürmte er los und eilte mit weit ausholenden Schritten zur Kutsche.

Slawomir behielt Recht, noch im letzten Tageslicht erreichten sie die Apotheke, ein einstöckiges Haus aus rotem Backstein in der Hauptstraβe. Labedzki entließ den Kutscher mit einem großzügigen Trinkgeld und folgte den anderen zur Tür. Dort hatte sich Ludovica aufgebaut, die Haushälterin; breit stand sie in der Tür und empfing die Heimkehrer mit einem warmen Lächeln.

„Dobry wieczor, Ludovica“, sagte Severin Labedzki, „schön, wieder zu Hause zu sein!“

*

Der Salon war gründlich geputzt, der Kachelofen seit zwei Tagen vorgeheizt, die Tafel festlich gedeckt. Für das Menu hatte Marie Labedzki einen Lohndiener hinzugezogen – das Haus stand zum Empfang der Gäste bereit.

Als Medizinalrat Glatte und Gattin eintrafen, waren die zwei Familien bereits in anregende Gespräche vertieft, der polnische Teil, die Labedzkis aus dem Posen'schen, und die deutsche Hälfte, die Wallmüllers aus Berlin und Umgebung. Man war einander gut bekannt und hatte die Bande bei Familienfesten gefestigt, zuletzt anlässlich Malwines Konfirmation vor zwei Jahren. Gemeinsamkeiten gab es genug, schon allein wegen der in beiden Familien oft vertretenen Zunft der Apotheker. Auch heute musste das Eis nicht erst gebrochen und kein Gespräch mühsam begonnen werden, man unterhielt sich zwanglos und entspannt: Die Ehrengäste, Medizinalrat Glatte und Gattin, fanden eine munter plaudernde Gesellschaft vor.

Bei Tisch lebte das Gespräch noch mehr auf, Ludovicas kulinarische Genüsse, die erlesenen Weine des Hausherrn und die geschmeidige Eleganz des Lohndieners trugen das Ihre dazu bei.

Die Hausherrin führte Regie. Ein Wink, ein Blick, ein leichtes Neigen ihres Kopfes leitete den Diener und das Dienstmädchen. Marie war zufrieden, das Festessen verlief wie gewünscht.

Kurz vor dem Aufheben der Tafel bat Medizinalrat Glatte die Gastgeber, Ludovica kommen zu lassen, sie habe sich wieder einmal übertroffen. Die Haushälterin erschien, hatte die Schürze in Erwartung des Kommenden abgebunden. Sie freute sich ehrlich über das Lob des Ehrengastes, errötete gar, als der Konfirmand Ernst – auf die Aufforderung seiner Mutter hin – aufstand und sich mit einem Kuss bei ihr bedankte, eine von der Gesellschaft mit lautem Beifall bedachte Geste.

In gehobener Stimmung blieben die Damen zu Konfekt und Likör im Salon zurück, die Herren gingen zu Kognak und Zigarren ins Raucherzimmer. Hans Wallmüller, der Patriarch der Berliner Familie, nahm Severin zur Seite: „Ein gelungenes Festessen zur Feier der Konfirmation, lieber Schwager! Glückwunsch! Und lass mich auch das sagen: Bei Lichte besehen, habt ihr gut daran getan, eure Kinder evangelisch werden zu lassen. Eine richtige Entscheidung, ganz im Zug der Zeit! Ein Bismarck wird schon wissen, warum er die Katholiken in die Schranken weist.“

‚In die Schranken weisen? Die katholische Kirche in die Schranken weisen?’, schoss es Severin Labedzki durch den Kopf. ‚Wenn es allein das wäre! Nein’, dachte er, ‚hier geht es um mehr! Hier geht es doch um … um …’

Gefühle übermannten ihn, ein Wirbel in seinem Kopf, den er mühsam ordnete: „Also, von eurer Berliner Warte aus mag der Kulturkampf seine Berechtigung haben, aber hier in der Provinz Posen sieht das ganz anders aus! Seit Jahrhunderten haben hier Deutsche und Polen friedlich zusammengelebt, und kaum interessierte es, ob ein polnischer, sächsischer oder ein preußischer König über sie herrschte. Man ging seinen Geschäften nach, heiratete untereinander, wobei eine polnische oder deutsche Herkunft selten ins Gewicht fiel. Und dieses über Jahrhunderte praktizierte Zusammenleben soll nun geändert werden, bloß weil ein Bismarck das so will?“

Zu sehr wühlte ihn dieses Thema auf, als dass er jetzt noch an sich hielt: „Weißt du, was es für einen polnischen Bauernjungen bedeutet, wenn er in der Schule auf Deutsch unterrichtet wird? Der Bursche hat in seinem ganzen Leben noch nie Deutsch gesprochen, und jetzt wird er in einer fremden Sprache unterrichtet! Oder nehmen wir die Kirchenpolitik: Wenn der Erzbischof von Posen und Gnesen, Graf Ledochowski, seines Amtes enthoben wird, ist das für euch in Berlin eine Zeitungsnotiz, höchstens eine Schlagzeile. Aber wenn eine polnische Familie den toten Vater ohne Priester zu Grabe tragen muss, bloβ weil der gerade im Gefängnis sitzt, dann ist das eine zum Himmel schreiende Schande!

Den Polen die deutsche Kultur näherbringen, ihnen Aufstiegsmöglichkeiten bieten, wie es so schön heiβt? Das mag ja sein, aber in Wahrheit wollen doch die in Berlin aus den Polen hier mit aller Gewalt Deutsche machen!“

Severin Labedzki hatte sich in Rage geredet, sein Gesicht lief rot an. Er war laut geworden und hielt nun erschrocken inne, als die Gespräche verstummten und erstaunte Blicke sie trafen. Er besann sich, er war Gastgeber, und um die gute Stimmung fürchtend, sagte er hastig: „Nichts für ungut, Hans, lassen wir das! Die Verhältnisse ändern wir beide bestimmt nicht, die sind nun einmal so, wie sie sind.“

Wallmüller, von diesem Gefühlsausbruch noch ganz überrascht, schaute verlegen in die Runde, sah in verständnislose Gesichter. Ebenfalls um ein Ende der peinlichen Szene bemüht, pflichtete er eilig bei: „Recht hast du! Das ist die groβe Politik, und damit müssen wir halt leben!“

Er verneigte sich leicht, lieβ Severin allein und wechselte über zum Kreis um Medizinalrat Glatte.

Die unterbrochenen Gespräche lebten wieder auf, nicht zuletzt dank des Lohndieners, der geschickt mit dem Silbertablett zwischen den Gästen jonglierte und Getränke und Zigarren anbot. Man prostete sich zu, und nichts deutete mehr auf den störenden Zwischenfall hin.

Es war spät geworden, die Herren gesellten sich zu den Damen und fanden sie bei Likör und Kartenspiel vor. Erst kurz vor Mitternacht brachen Medizinalrat Glatte und Gattin auf, gefolgt von den übrigen Gästen. Es war ein rundes Fest gewesen, und mit aufrichtigem Dank verabschiedete sich die Gesellschaft von den Gastgebern.

*

Michalina Wyszynska hatte schon immer eine gute Beziehung zu ihrem Sohn, und die Einladung nach Neustadt hatte sie gefreut. Zunächst einmal bedeutete die Reise eine wohltuende Unterbrechung der Öde ihres Damenstifts: Sie war es leid, sich das Trauern ihrer Mitbewohnerinnen über die ach so besonnte Vergangenheit anzuhören, dazu die ständige Klage über die schlechte Gesundheit. Jetzt entfloh sie dieser Misere, darüber hinaus brachte die Reise jedoch vor allem ein Wiedersehen mit ihrem Sohn und den Enkelkindern. Sie mochte sie gern und verfolgte interessiert ihren Werdegang.

Die Drei entwickelten sich prächtig, aber etwas missfiel ihr sehr: Ihre Schwiegertochter hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und nicht geruht, bis alle drei evangelisch wurden. Michalina war darüber sehr empört, nicht weil sie eine streng gläubige Katholikin wäre, oh nein, ihr ging es ums Prinzip. Im neuen Deutschen Reich blies den Katholiken der Wind ins Gesicht, und Maries Antwort auf diese Politik hinterlieβ einen bitteren Nachgeschmack. Michalinas fester Überzeugung nach hatte Marie die Kinder und ihren Severin überfahren: Das an sich schon angespannte Verhältnis zwischen beiden Frauen sank auf den Nullpunkt.

Marie wusste, was sie wollte. Als Frau spürte Michalina es sehr genau; allein schon Klugheit gebot, der Schwiegertochter mit Vorsicht zu begegnen. Sie waren ebenbürtige Gegnerinnen, beide blieben auf Distanz und hatten sich genau im Auge – zwei Fechter, die einen Angriff schon im Ansatz erkennen müssen, wenn sie ihn parieren wollen. Ob ihr Severin in dieser Ehe glücklich war, das wusste Michalina nicht, als Mutter fühlte sie aber, dass Marie in dieser Ehe das Sagen hatte, ja schlimmer noch, es ihren Sohn auch spüren lieβ.

Er war Michalinas Ältester, und seit dem frühen Tod des Vaters hatten Mutter und Sohn ein besonderes Verhältnis zueinander. Er war ein sensibler Junge gewesen, hatte ihre Einsamkeit gespürt und alles getan, so gut wie möglich den fehlenden Mann im Haus zu ersetzen.

Wirtschaftlich hatte die Familie ihr Auskommen. Ihr Martin hatte ihnen ein Häuschen im Vorwerk des Fleckens Punitz hinterlassen, auβerdem bezog sie eine schmale Witwenrente aus seiner Tätigkeit als Lehrer in dem kleinen Ort.

Sie hatte alles gegeben, ihren Sohn den gewünschten Apothekerberuf ergreifen zu lassen, hatte dabei auch gern die Hilfe der Eltern angenommen. Die Wyszynskis bewirtschafteten ein kleines Gut, hatten ihrer Tochter immer zur Seite gestanden, zuerst beim frühen Tod dreier ihrer Kinder; eins noch als Säugling, die beiden anderen als Kleinkinder: Es war hart für sie gewesen, aber so traurig sie war, Michalina hatte der Heiligen Mutter Gottes gedankt, dass sie die Kinder so früh zu sich zurückberufen hatte, bevor sie ihr zu sehr ans Herz wachsen konnten. Drei Kinder waren ihr geblieben, und die Eltern halfen ihr dann auch finanziell beim Studium ihres Ältesten.

Jetzt, am Morgen nach dem Fest, hatte das Aufräumen eingesetzt. Severin bat die Mutter zu einem Gespräch in sein Büro.

In seiner Jugend war es die Mutter, die ihn vor wichtigen Entscheidungen um seine Meinung gebeten und dabei oft überfordert hatte: Welch guten Ratschlag konnte er ihr als Heranwachsender auch schon geben? Aber das Ringen um den richtigen Weg hatte Mutter und Sohn zusammengeschweiβt, und heute war nun er es, der ihren Rat suchte.

Der gestrige Zwischenfall mit Schwager Hans hatte Spuren hinterlassen. Er hatte sich das Gespräch noch einmal ins Gedächtnis gerufen, seine Argumente überprüft und in Ordnung befunden. Jetzt unterbreitete er sie der Mutter noch einmal, um sozusagen das Urteil der nächsthöheren Instanz einzuholen.

„Weißt du“, sagte die nach längerem Schweigen, „ich habe nun die Preuβen erlebt, jetzt ganze zweiundsiebzig Jahre lang, habe ihre Statthalter hier in Posen kommen und gehen sehen, den knarschen Puttkamer oder umgänglichere Leute wie den von Arnim. Ich habe am eigenen Leibe erfahren, wie sie uns Polen mal mehr, mal weniger zusetzten. Und ob wir uns mit ihnen arrangierten, wie beispielsweise die Radziwills, oder Abstand wahrten – an unserer Lage änderte sich nichts: Sie hatten das Sagen und bestimmten, und wir hatten uns zu fügen.“

Die Wyszynska schwieg, sann eine Weile nach: „Aber um der Gerechtigkeit willen muss ich doch festhalten: So sehr sie uns drangsalierten, manchmal schikanierten und partout polnische Preußen aus uns machen wollten, nie war unsre Identität angetastet, immer verstand es sich, dass wir Polen bleiben durften. Wir waren Untertanen, gewiss, aber sie behandelten uns wie die anderen auch. Was uns von den Deutschen unterschied, die Sprache oder unsere Religion, niemand, auch ein von Puttkamer, rüttelte je daran. Unser Innerstes, was uns erst zu Polen macht, daran rührten die Preuβen nicht.“

„Aber wir Labedzkis“, warf Severin ein, „stehen wir nicht genau dazwischen? Vater war Lehrer, fühlte sich als Beamter vielleicht mehr als Preuße, nahm aber dich, eine Polin, zur Frau. Ich fühle mich als preußischer Pole und habe eine Preußin aus Berlin geheiratet. Meine Kinder sind katholisch getauft und nun evangelisch eingesegnet. Du hast mich in der polnischen Sprache großgezogen, und in meinem Haus wird Deutsch gesprochen!“

Severins Worte sprudelten schneller und schneller hervor, er war aufgestanden und ging in dem kleinen Raum auf und ab: „Mutter, sieh dir doch unsere Wirklichkeit an! Für uns hier in Neustadt bestehen beide Kulturen nebeneinander, in beiden sind wir zu Hause, und erst beide zusammen machen unsere Welt aus.“

Die Wyszynska wurde ernst: „In beiden Welten zu Hause zu sein, mein lieber Junge, das war einmal, diese Zeiten sind vorbei! Für einen Bismarck sind wir Polen gleich zweifach gefährlich: Einmal als Slawen ein Fremdkörper im neuen Deutschen Reich und zum anderen, so glaubt er, als Katholiken dem Papst hörig.“

Severin überlegte: „Heiβt das, wir Labedzkis können nicht mehr in beiden Kulturen zu Hause sein und müssen uns für eine entscheiden?“

„Deine Frau Marie“, entgegnete da die Mutter mit einer Kälte, die er nicht für möglich gehalten hätte, „hat bereits Stellung bezogen und geht mit den Kindern ihren Weg. Die Weichen sind gestellt, deine Tochter Malwine ist bereits konfirmiert, nun auch Ernst, und in zwei Jahren ist dein jüngster Sohn an der Reihe.“

Severin Labedzki erschrak, so nüchtern hatte er die Dinge noch nicht gesehen. Bestürzt hörte er die Mutter leise sagen: „Ich verstehe Marie gut, sehr gut sogar! Auch ich habe meine Wahl getroffen, bin und bleibe Polin, auch wenn das in meinem Alter nun wahrhaftig nicht mehr viel bedeutet.“

Schweigen breitete sich aus, und in die Stille hinein fragte die Mutter: „Mein Sohn, verstehst du denn nicht? Du musst eine Wahl treffen! Wo ist dein Platz?“

Er gab sich einen Ruck: „Also, ein Bismarck ändert mein Leben nicht! In beiden Kulturen bin ich verwurzelt, in beiden bin ich groß geworden und beide bleiben mein Zuhause!“ Er sann eine Weile nach: „Also gut, was die Konfession der Kinder angeht, da hat Marie ihnen den Weg vorgegeben. Aber im Hinblick auf ihre Zukunft achte ich sehr wohl darauf, dass sie die nach ihrer Wahl gestalten, und niemand sie dabei gängelt!“

„Meine Frage betraf aber dich, Severin!“, beharrte die Wyszinska: „Wie entscheidest du dich, also bitte, wo stehst du?“

„Mutter, schon von Berufs wegen stellt sich mir diese Frage gar nicht. Ich bin Apotheker und meine Medikamente sind für beide da, Deutsche als auch Polen.“

„Gut, dann würde ich jetzt gern näher wissen, wie du zu den Polen stehst?“

Severin musste unwillkürlich lachen, jede Anspannung fiel von ihm ab: „Also, die Polen sind meine Kunden wie die Deutschen auch. Etwas Anderes ist es mit der katholischen Gemeinde. Da haben Jan, der Priester, und ich einen Handel abgeschlossen: Er bekommt kostenlos Medikamente für die Bedürftigsten, dafür sieht er darüber hinweg, dass ich kaum zur Messe gehe!“

„So so, und die Deutschen? Wie hältst du's denn mit denen?“

Wieder wurde ihm leicht ums Herz: „Mutter, welche Frage! Marie und ich sind bestens eingeführt! Medizinalrat Glatte hat uns längst dem neuen Landrat vorgestellt und neulich bestand er darauf, mich mit keinem Geringeren als mit seinem Kollegen aus dem Nachbarkreis, Robert Koch, bekannt zu machen.“

Da stand sie ihm vor Augen, seine Wirklichkeit. Aus der Unterredung mit der Mutter war eine ernste Prüfung geworden, in der er Rechenschaft ablegen musste. Bisherige Gespräche mit Marie über dieses Thema arteten immer zu einem bloβen Schlagabtausch mit immer den gleichen Argumenten aus, sodass er sie zuletzt ganz vermieden hatte. Jetzt aber, mit dem Zwang, vor der Mutter überzeugend Stellung zu beziehen, gewann er Klarheit: Er hatte zu seiner Wahrheit gefunden, so deutlich, wie nie zuvor; mehr noch, er war jetzt im Einklang mit sich selbst. In einem Ton, der keine Nachfrage mehr duldete, sagte er: „Mutter, versteh mich doch recht! In beiden Welten bin ich zu Hause, und mich auf eine zu beschränken, wäre Verrat an der anderen. Kulturkampf hin, Kulturkampf her, die Dinge bleiben, wie sie sind!“

Es klopfte. Ernst steckte den Kopf zur Tür herein: „Mutter bittet zu Tisch!“

Was es denn Gutes gebe, fragte die Wyszynska. Der Junge verzog spaβhaft das Gesicht zu einer Grimasse: Da kenne Groβmutter seine Mutter aber schlecht! Natürlich gebe es die Reste von gestern, müsse doch gegessen werden, was übrig geblieben sei!

II

Das letzte Rezept

Zwiespältige Gefühle überkamen Hans: Der Bruder hatte die Schule mit der Mittleren Reife beendet und seine Lehrstelle in Posen angetreten, und er blieb allein in Züllichau zurück. Gut daran war, dass die Lehrer ihn nicht mehr mit Ernst verglichen, an dem er sich gefälligst ein Beispiel nehmen solle. Schlecht an dessen Weggang war, dass er ihm fehlte, und sei es nur um seiner Hilfe willen, wenn er mit seinem polnischen Namen gehänselt wurde oder es wegen seines losen Mundwerks zu einer Prügelei kam.

Sie waren Komplizen gewesen, hier am Königlichen Pädagogium wie auch zu Hause – in Neustadt schon deshalb, um besser Mutters ständige Gängelei zu überstehen. Wenn sie mit einer lästigen Pflicht aufwartete oder ihnen über den Mund fuhr, genügte schon ein Augenaufschlag, um einander zu verstehen. Jeder kannte den anderen genau, und Hans ahnte auch als Erster, dass der Bruder Apotheker werden wollte. Der rückte zwar lange mit der Sprache nicht heraus, wusste es anfangs wohl selbst nicht so genau, aber sein ganzes Verhalten verriet, dass er seine Wahl getroffen hatte.

Das war mit Händen zu greifen, wenn Vater sie beide ins Labor mitnahm. Er lieβ sie dann mit Reagenzgläsern und dem Bunsenbrenner experimentieren, und Hans merkte bald, dass Ernsts Eifer echt war, während seiner oft nur gespielt war – kam für den Bruder doch schon das Zubereiten von Salbe einer Zeremonie gleich! Es fing mit dem Wiegen der Ingredienzien an; behände hantierte er geschickt auch mit den kleinsten Apothekengewichten, und das banale Abwiegen eines Pulvers auf ein Gran genau wurde eine ernste Angelegenheit. Und dann das Anrühren, beinahe ein sakraler Akt! Zuerst kleine Kreise, dann schneller werdend gröβere, bis die verschiedenen Ingredienzien zur sämigen Salbe geworden waren.

Hans erinnerte sich noch genau, als Ernst verkündete, Apotheker werden zu wollen. Ihn hatte es nicht überrascht, aber auf den Gesichtern der Eltern las er zunächst Überraschung, dann freudiges Erstaunen, schlieβlich Genugtuung: Ihr Bemühen war von Erfolg gekrönt, das drückten ihre Mienen aus, und womöglich sahen sie ihn schon die väterliche Apotheke übernehmen.

Ernst war bald so perfekt, dass Vater ihn Routinearbeiten im Labor machen lieβ. Aber damit nicht genug, selbst mit Leib und Seele Apotheker, gab er seine Leidenschaft an den Sohn weiter. Hans wurde dann Zeuge, wie er Ernst die Augen verband, verschiedene Flaschen und Behälter öffnete, um ihn anhand des ausströmenden Geruchs die jeweilige Chemikalie oder Pflanze bestimmen zu lassen. Alle möglichen Gerüche zogen durch den Raum: der herb-aromatische getrockneter Pflanzen oder der unangenehm in die Nase stechende Geruch von Ammoniak. Hans fand es anfangs interessant und versuchte sich selbst daran, aber bei den ekelhaft nach faulen Eiern riechenden Schwefelverbindungen flüchtete er aus dem Labor.

Hans erschien die Pharmazie interessant, mehr aber auch nicht. Wirklich faszinierend fand er die Medizin, zumal die zurzeit Aufsehen erregende Fortschritte machte. Semmelweis hatte in Wien fehlende Hygiene als Ursache der hohen Sterblichkeit von Wöchnerinnen ausgemacht. Der „Retter der Mütter“, wie ihn der Volksmund nannte, bemerkte nämlich als Erster, dass die Studenten oft direkt aus der Anatomie kamen und dann die Frauen bei der Untersuchung mit dem tödlichen Leichengift infizierten. Gegen erbitterten Widerstand setzte Semmelweis sorgfältiges Desinfizieren der Hände durch und beendete damit das gefürchtete Kindbettfieber – ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Medizin.

Auch ein Virchow begeisterte Hans. Der war weltberühmt, hatte er doch im Mikroskop gesehen, wie jede Krankheit die Körperzellen auf bestimmte Weise veränderte. Man konnte also von der gestörten Zelle auf die Krankheit schlieβen, eine Entdeckung, mit der Virchow die Pathologie begründete. Und, sagte sich Hans, hatte nicht zuletzt der Vater sein Interesse an der Medizin geweckt, wenn er immer wieder die Groβtat des Amtsphysikus in Wollstein rühmte? Robert Koch hatte den hochgiftigen Milzbrand-Erreger entdeckt, ihn isoliert und das Entstehen einer Infektion bewiesen, wenn nämlich ein gesunder Organismus nach Infizierung mit diesem Erreger an Milzbrand erkrankte – und das alles im nur 30 km entfernten Nachbarkreis, quasi vor der Haustür.

Nein, die Pharmazie war Hans Labedzki nicht spektakulär genug, auch brachte er dafür nicht die Geduld und schon gar nicht die nötige Pedanterie mit: Der Apotheker half den Menschen mithilfe der Medikamente, er aber wollte ihnen unmittelbar als Arzt helfen.

Vorerst aber musste er das leidige Pädagogium hinter sich bringen, während Ernst schon seine Freiheit genoss. Anfangs kam er von seiner Ausbildung zum Apothekergehilfen brav nach Hause, zumal die Zugfahrt von Posen nur eine Stunde betrug. Seine Besuche wurden jedoch immer seltener, je mehr er die ungewohnte Freiheit schätzen lernte. In Posen war er sein eigener Herr, zumindest so weit, wie man das als Lehrling sein konnte. In Neustadt dagegen blieb er der Sohn, d. h. der Mutter für alles und nichts Rechenschaft schuldig. Vater war da ganz anders; sobald Ernst zu Hause war, verwickelte er ihn immer, begeistert wie er für seinen Beruf war, in nicht enden wollende Fachgespräche.

Die Älteste, Malwine, beneidete ihre Brüder, kam doch als Mädchen für sie ein Studium nicht infrage. Auch war ausgeschlossen, irgendeine Arbeit aufzunehmen, von einer Stellung bei einer Herrschaft ganz zu schweigen. So blieb ihr als höherer Tochter nichts anderes übrig, als brav zu Hause zu sitzen und in Gazetten zu blättern, am liebsten noch in Mutters „Gartenlaube“. Natürlich wies die Mutter sie eingehend in die Führung eines Haushalts ein, wie auch Ludovica sie in ihre Kochkünste einweihte. Malwine war geduldig und lieβ sich nichts anmerken, aber sie wusste – wie jeder andere auch –, dass nur eine standesgemäβe Heirat sie aus dieser misslichen Lage befreien konnte.

Die Mutter engagierte sich sehr in der deutschen Gemeinde und selbstverständlich hielt sie die Tochter zu diesem Liebesdienst an: Essen für Wöchnerinnen kochen, nach dem Nötigsten in deren Haushalt sehen, Kranke pflegen und Wohltätigkeitsveranstaltungen organisieren. Malwine war hübsch, und wenn man sie beherzt zupacken sah, stellte sie eine gute Partie dar. Manch junger Mann dachte so, aber selbstbewusst wie sie war, genügte ihr erst der junge Vikar, der in der Gemeinde sein Praktikum absolvierte und um ihre Hand anhielt. Werner Schmitt hieβ er, die jungen Leute verlobten sich und das junge Paar heiratete, als er seine erste Pfarrstelle in Grünberg in Schlesien antreten konnte.

Mit der bestandenen Prüfung als Apothekergehilfe begann Ernsts Assistentenzeit, die Wanderjahre, wie die Apotheker-Zunft diesen Abschnitt nannte. Der führte ihn viel herum, sogar bis in die Rheinprovinz nach Duisburg. Vor dem Bruder schwadronierte er gern mit seinen Frauengeschichten, verstünden die Rheinländer doch, das Leben besser zu nehmen als die steifen Preuβen. Man brauche bloβ an den Karneval denken, sagte er, und schmetterte gleich darauf los: „Ein rheinisches Mädchen bei rheinischem Wein, das müsse der Himmel auf Erden sein“.

Hans wusste nicht so recht, was nun wahr oder erfunden war, aber auch bei gehörigen Abstrichen fand er, sein Bruderherz übertreibe es mit den Frauen.

Hans absolvierte gerade sein zweites Semester Medizin an der Friedrich-Wilhelm-Universität, als sein Brief ankündigte, er wolle ebenfalls in Berlin studieren, allerdings erst nach Beenden einer letzten Stelle im Rahmen seiner Assistentenzeit: Aber Hans möge bloβ nicht denken, dass er die bei Onkel Hans in der Luisenstraße antrete! Die Wallmüller'sche Bevormundung, schrieb er, hätten sie beide doch zu Hause hinreichend erlebt, da setze er sich nicht noch der Fuchtel von Onkel Hans aus! Dessen Apotheke liege zwar genau neben der „Charité“ und sei schon deshalb in fachlicher Hinsicht interessant, er ziehe jedoch eine Stelle in der Bellevue-Apotheke vor: Die liege am Potsdamer Platz und fertige auch Rezepte für den kaiserlichen Hof an, eine Ehre, die er sich auf keinen Fall entgehen lasse!

Hans lachte, schüttelte den Kopf: Siehe da, mein liebes Bruderherz zieht es partout an den kaiserlichen Hof – und sei es über den Lieferanteneingang!

*

Meine Herren Kandidaten, damit schreibt die Medizin ein neues Kapitel, und gerade wir Pharmakologen begrüßen die Pioniertat eines Louis Pasteur. Seitdem Robert Koch den Milzbrand-Bazillus entdeckt hat, ist die Wissenschaft jetzt den verschiedensten Erregern auf der Spur! Entscheidend dabei ist für uns Pharmakologen, dass wir dank Pasteur Impfstoffe auch gegen die anderen Infektionskrankheiten entwickeln können.“

Den Professor hielt es nicht mehr hinter dem Katheder, er trat vor die Studenten: „Letztes Jahr ist es Pasteur gelungen, einen Impfstoff gegen die Tollwut zu entwickeln. Robert Koch hat nun hier in Berlin das Tuberkulose-Bakterium entdeckt, folglich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Pharmazie auch gegen diese furchtbare Krankheit ein Mittel entwickelt. Halten Sie sich bitte vor Augen, meine Herren: Sie als angehende Apotheker werden in absehbarer Zukunft ein Präparat in Händen halten, das dieser Geißel der Menschheit ihren Schrecken nimmt!“

Ernst war der Vorlesung nur mit halbem Ohr gefolgt, schweifte beim Nennen des Namens Robert Koch vollends ab: Vater hatte sich bei diesem Namen immer ereifert; die Medizin beginne zu begreifen, wie eine Krankheit übertragen wird. Nicht auszudenken, vor welchen revolutionären Fortschritten sie stehe!

Das Ende der Vorlesung nahm Labedzki nur am Rande wahr. Erst das Ritual zum Schluss, das Pochen auf den Pulten, dann die Geräusche beim Aufstehen rissen ihn aus seinen Gedanken. Die Studenten strebten dem Ausgang zu. Ein freundlicher Rippenstoß: „Kommst du mit auf ein Bier?“

Einige Kommilitonen bildeten einen Kreis um ihn, Kotze war wie üblich der Wortführer.

Kotze hieβ eigentlich Karl-Otto Zellmer, und jeder hatte ihn beim Vornamen genannt, bis ein ganz Gewitzter herausfand, dass die Anfangsbuchstaben von Vor- und Zunamen diesen trefflichen Spitznamen ergaben. Einmal mit dieser Entdeckung herausgeplatzt, konnte nichts in der Welt sie davon abhalten, ihn jetzt so zu nennen.

Ernst mochte Kotzes anregende, amüsante Art, seine Gesellschaft versprach immer einen vergnüglichen Nachmittag. Ein kleiner Bummel kam ihm recht, und so folgte er gern der Aufforderung.

Ihre Lieblingskneipe lag in der Leipziger Straße, unweit des Spittelmarkts, nur eine Viertelstunde von der Universität. Eilige Passanten belebten das Straβenbild, auf der Fahrbahn herrschte dichter Verkehr, Droschken, Fuhrwerke, Fahrräder; einsam stand ein Bierwagen vor ihrem Lokal. Die Kutscher hatten die Fässer in den Keller gewuchtet, den zwei Kaltblütern einen Sack Hafer vors Maul gebunden und gönnten sich eine Pause. Sie waren die einzigen Gäste; in ihren blau-weiß gestreiften Hemden und der obligatorischen Lederschürze, ein Glas Bier in der Hand, nahmen sie den ganzen Tresen für sich ein.

Die Studenten setzten sich an ihren bevorzugten Platz, einen Ecktisch am Fenster. Sie mochten das Lokal, waren beinahe Stammgäste, zumal das Bier hier nur einen Groschen kostete. Der Wirt brachte sofort die erste Runde, ein zweites und ein drittes Glas folgten, und im Hochgefühl der Jugend stießen sie mit dem dumpfem Geräusch voller Gläser an: „Prost, Lebenslauf! Ick erwarte dir!“

Die Stimmung erreichte den Höhepunkt, als Kotze lauthals ankündigte, er wolle nach dem Staatsexamen in das Küstriner Infanterieregiment 48 eintreten und als „Einjähriger“ Leutnant der Reserve werden. Er sah stolz in die Runde, erwartete vielleicht sogar so etwas wie Neid, doch erntete nur Spott: Als Stoppelhopser sich für Kaiser und Vaterland in den Dreck zu werfen, das sei schon eine ganz besondere Ehre! Der feine Herr Offizier wolle hoffähig werden, öffne ihm doch der „Leutnant der Reserve“ auf der Visitenkarte alle Türen!

Kotze zeigte sich unbeeindruckt: „Liebe Leute, ich habe den Musterungsbescheid doch schon in der Tasche, ein Zurück gibt's nicht mehr!“

Die Entscheidung war also unumstößlich, und sie ließen von ihm ab; das Gespräch nahm eine andere Richtung.

Es begann zu dunkeln, die Gaststätte war inzwischen gut besucht. Sie brachen auf, die meisten machten sich auf den Heimweg, doch der harte Kern wollte dem Abend mehr als eine bierselige Zecherei abgewinnen. Sie waren drei oder vier, die Unentwegten, und wie selbstverständlich lenkten sie ihre Schritte in Richtung Friedrichstraße. Sie sprachen lebhaft aufeinander ein, und mit der typischen Lautstärke und Gestik Angetrunkener erörterten Kotze und Co ausführlich die Reize und Vorzüge eines jeden Straβenmädchens am Bahnhof Friedrichstraβe.

*

Der tote Monarch wurde zu Grabe getragen, und nicht nur Berlin, ganz Deutschland war in Trauer. „Unter den Linden“ war schwarz dekoriert, die Bügersteige schwarz vor Menschen. Dicht gedrängt standen sie da, fast eine Trauergemeinde, die den Atem anhielt, als der Trauerzug gemessenen Schrittes näherkam. Die Gaslaternen flackerten, über lodernden Pechpfannen stand schwarzer Qualm, der im trüben Morgennebel nur langsam verwehte. Von dröhnenden Kanonenschüssen übertönt, läuteten die Glocken, dumpf schlug eine Trommel. Als die Garde du Corps in schwarzen Kürassen vorüberritt, die Pferde im Schritt, spielte die Militärkapelle den Trauermarsch aus Beethovens „Eroica“. Den Sarg, auf einer Geschützlafette montiert, bedeckte eine Reichsflagge, deren vier Zipfel je ein Kommandierender General hielt. Über den Sarg spannte sich ein schwarzer Baldachin, getragen von zwölf Generälen. Die Menge stand schweigend, als werde nicht nur der alte Kaiser, sondern mit ihm eine ganze Epoche zu Grabe getragen, als defiliere mit den hohen, friderizianischen Grenadiermützen der Leibkompanie das alte Preußen ein letztes Mal vorbei.

Die Menschen standen stumm: Spürten sie den Anbruch einer neuen Zeit? Was würde sie bringen?

Der Weg des Trauerzuges führte zum Mausoleum der Königin Luise, wo Kaiser Wilhelm seine letzte Ruhe finden sollte. Als er das Charlottenburger Schloss passierte, die Residenz des neuen Kaisers, musste der sich damit begnügen, den toten Vater vom Kuppelsaal des Schlosses aus ein letztes Mal zu grüßen – hatten die Ärzte doch dem schwerkranken Friedrich III. die Teilnahme am Begräbnis untersagt.

Der junge Kronprinz Wilhelm, schwarzen Flor am Helm, hinter ihm Könige, Fürsten und hohe Würdenträger ging in gebührendem Abstand hinter dem Sarg. Die Menschen sahen schweigend zu, als ahnten sie, dass in etwas mehr als neunzig Tagen das Schicksal des Reichs in die Hände dieses Neunundzwanzigjährigen gelegt würde.

Die letzte militärische Formation zog vorbei. Die Menge verharrte schweigend noch eine Weile, löste sich dann zögernd auf. Von einer dichten Menschentraube mitgetragen, ließ Ernst sich im Strom treiben, kam dann frei und ging schnell zur Hofapotheke zurück: Er hatte um Beurlaubung gebeten und wollte die Großzügigkeit seines Chefs nicht über Gebühr beanspruchen.

Noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten ging er ins Labor und setzte seine Arbeit fort. Er stutzte, als der Apotheker ihn mit spöttischem Unterton fragte, ob er dem toten Kaiser Abbitte habe leisten wollen. Labedzki schaute überrascht auf, verstand dann aber die Anspielung: Es ging um das letzte Rezept für den alten Kaiser.

Der Leibarzt hatte seinem kaiserlichen Patienten ein altes Hausmittel gegen Schlaflosigkeit und Albdrücken verschrieben und es in die Hofapotheke geschickt. Der Zufall wollte, dass Ernst es anrührte. Er erinnerte sich noch genau an die Zusammensetzung der Arznei, vor allem, weil der Arzt aus Gewohnheit die alten Maße genommen hatte:

15 Gran magnesia carbonica

12 Gran Rhabarber-Pulver

8 Gran kohlensaures Natron

12 Drachmen Sirup

6 Drachmen Pfefferminzwasser

Er verrührte die Teile zu einem dickflüssigen Saft und klebte das beschriftete Etikett auf die Flasche. Er schickte den Gehilfen mit dem Schlafmittel zum Schloss, worauf das Rezept in Vergessenheit geriet – schlieβlich war auch ein Präparat für den Kaiser letztlich Routine. Erst zwei Tage später, bei der Nachricht vom Tod des Monarchen, rückte das Rezept in den Mittelpunkt des Interesses. Der Hofapotheker eilte nervös zur Ablage und prüfte, ob Labedzki ein Fehler beim Umrechnen der veralteten Maße in Gramm unterlaufen wäre. Sobald er jedoch die sorgfältige Arbeit sah, – hinter den Ingredienzien stand das Gewicht in Gramm, aufs Zehntel genau – löste sich seine Anspannung und schlug in derbe Ironie um:

Wie man sich fühle, wenn man für den alten Kaiser das letzte Rezept angefertigt habe? Es sei nur höchst bedauerlich, dass der daraufhin gestorben sei!

Ernst fühlte sich vor den Kopf gestoβen, ging dies doch über einen Scherz hinaus: Der Hofapotheker hatte ihm nicht vertraut und sein Können infrage gestellt. Der Verdacht hatte sich als unbegründet erwiesen; das aber einzuräumen, zumindest Bedauern zu äuβern, dazu gab er sich nicht her. Vielmehr überspielte er ausgestandene Ängste mit beiβendem Spott und setzte ihn damit herab. Sich zu behaupten, das wagte Ernst nicht, schon gar nicht als Assistent. In seinem Inneren aber gärte es, er war verletzt, zumal auch gekränkte Eitelkeit mitspielte. Nach auβen hin gab er sich gleichmütig und schwieg, aber als der Gehilfe sich erdreistete und vorschlug, das Rezept griffbereit zu halten für den Fall, die Polizei ermittle in der Sache, lieβ er seinem Unmut freien Lauf. Sein ganzer Zorn entlud sich, wutschnaubend fuhr er den Gehilfen an und verbat sich diesen Ton, ein- für allemal.

Die Verletzung jedoch schwelte weiter und lieβ auch an den folgenden Abenden nicht nach. Aber noch ein anderes Gefühl stellte sich ein, zuerst unterschwellig, heute jedoch, „Unter den Linden“, als der Trauerzug an ihm vorbeizog, stand es klar vor seinen Augen: Stolz, zu den wenigen Privilegierten zu gehören, die – ein jeder auf seine Weise – dem verehrten Kaiser einen letzten Dienst erweisen konnten.