Impressum

Die in diesem Buch enthaltenden Empfehlungen und Angaben sind von den Autoren mit größter Sorgfalt zusammengestellt und geprüft worden. Eine Garantie für die Richtigkeit der Angaben kann aber nicht gegeben werden. Die Autoren übernehmen keine Haftung für Schäden und Unfälle. Bitte setzen Sie bei der Anwendung der in diesem Buch enthaltenen Empfehlungen Ihr persönliches Urteilsvermögen ein.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch Auszugweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung der Autoren.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2021 Madeline Kirschner-Kopmann & Christopher Kopmann

- Gentle Souls - Hundetraining -

Homepage: www.gs-hundetraining.de

Bildnachweise: Alle Fotos in diesem Buch stammen von Gentle Souls - Hundefotografie, mit Ausnahme von: Dianes Pfotografie: S. →.

1. Auflage 2021

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7534-4887-9

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Im Alltag mit unseren Hunden sehen wir uns oft vor Herausforderungen gestellt. Insbesondere wenn unsere Vierbeiner nicht so reagieren, wie wir es von ihnen erwartet hätten. Doch meistens gibt es für das gezeigte Verhalten eine logische Erklärung, zumindest für unseren Hund. Viele Sach- und Fachbücher beschäftigen sich mit der biologischen oder veterinärmedizinischen Sichtweise auf unsere Hunde. Doch meistens fehlt dabei die psychologische Komponente. Es gibt faktisch kein Buch, dass das Erleben und Verhalten sowie die Interaktion von Hunden mit uns Menschen umfassend und gut beschreibt. Mit diesem Buch möchten wir Ihnen die Möglichkeit bieten, ihren Hund neu kennenzulernen und seine Verhaltensweisen besser verstehen zu können.

Insbesondere beim Aufkommen von Stress, Angst, Unsicherheit oder sogar Aggression eines Hundes wissen die meisten Hundebesitzer nicht, wie sie solchen Situationen adäquat begegnen sollen. Doch erst, wenn Sie Ihren richtig kennen und sein Verhalten verstehen, auch, was gerade in seinem Kopf vor sich geht, dann reagieren Sie richtig und zielführend auf seine Bedürfnisse. Eine besondere Herausforderung stellen dabei Hunde aus dem Tierschutz dar. Nicht selten kommt es vor, dass diese Tiere aus den widrigsten Umständen zu uns kommen und häufig unter schweren psychischen Störungen leiden. Diese spiegeln sich dann erfahrungsgemäß im Verhalten dieser Hunde wider. Doch was kann man tun, um solchen Verhaltensauffälligkeiten zu begegnen? In diesem Buch stellen wir Ihnen zielorientierte Methoden vor, wie Ihr Hund negative Erfahrungen neu bewerten kann. Das bietet Ihnen die Möglichkeit, Ihrem Vierbeiner ein angenehmes Leben bei Ihnen zu Hause zu ermöglichen.

- Es gibt nichts Schöneres, als die Natur mit seinen Liebsten zu genießen! -

Mein Mann und ich haben uns schon länger mit dem Thema der bilateralen Hirnstimulation und der daraus resultierenden kognitiven Umstrukturierung beschäftigt. Als erfahrene Hundetrainerin und Verhaltenstherapeutin habe ich diese Methode mittlerweile standardmäßig in mein Arbeitsprogramm integriert. Mein Mann bereichert dabei verhaltenstherapeutische Hundetrainings mit seinem psychologisch umfangreichen Fachwissen. Gemeinsam haben wir viele theoretische Modelle und Konzepte aus dem humanpsychologischen Bereich erfolgreich auf Hunde übertragen und anwenden können. Dadurch konnten wir fundierte Verhaltensbeobachtungen durchführen, die uns letztendlich zur Ausarbeitung dieses Buches motiviert haben. Diese Erkenntnisse möchten wir nun gerne mit Ihnen teilen.

An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal recht herzlich für die tatkräftige Unterstützung unserer Familie bedanken, die uns immer mit Rat und Tat zur Seite stand.

Bevor wir uns nun mit Verhaltensauffälligkeiten sowie psychischen Störungen bei Hunden und dessen Intervention beschäftigen, ist es zunächst wichtig, einige Grundlagen über das Erleben und Verhalten, das Lernen und die Kommunikation sowie das Thema Stress zu vermitteln. Denn um das seelische Leid lindern zu können, bedarf es dem Wissen über die Komplexität der Psyche. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen!

1 Erleben und Verhalten

Das bio-psycho-soziale Modell

Nach dem bio-psycho-sozialen Ansatz ist die Entwicklung (ob positiv oder negativ) des Hundes das Resultat aus der Wechselwirkung zwischen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. So wird z. B. die Entwicklung eines Hundes nicht nur durch seine genetischen Vorbedingungen, sondern auch durch Erfahrungen mit seiner Umwelt beeinflusst, an der er selbst aktiv mitwirkt. Dieses dynamische Modell geht davon aus, dass alle Faktoren, die an einer Interaktion beteiligt sind, sich wechselseitig beeinflussen und in Folge verändert werden. Dabei müssen die einzelnen Wirkfaktoren aber nicht immer im gleichen Verhältnis zueinanderstehen.

Das Verhalten eines Hundes kann somit auch Veränderungen in seiner Umwelt hervorrufen. Daher kann die Entwicklung eines Hundes nicht losgelöst von seinen individuellen Merkmalen, seinen Umweltbedingungen und der Wechselwirkung dieser Faktoren verstanden werden. Die Kontinuität im Entwicklungsverlauf wird durch die Wechselwirkung und den Grad der Ausgewogenheit dieser drei Systeme bestimmt.

Dies bedeutet konkret: Ändert sich ein Teil des Systems, so hat das auch Einfluss auf das Gesamtsystem. Diese Erkenntnis ist essenziell wichtig, um sich das Erleben und Verhalten von Hunden erklären zu können.

Nehmen wir mal an, Sie haben einen Hund, der von einer Zecke gebissen wurde. Diese Zecke hat das Tier mit einer schweren Form der Anaplasmose infiziert. Oftmals kommt es dabei zu einem symptomfreien Verlauf der Infektionskrankheit innerhalb der ersten Tage bis Wochen. Sie bemerken, dass das Fressverhalten Ihres Hundes zurückgeht, denken sich aber zunächst nichts dabei. Einige Vierbeiner neigen generell dazu, bei sich ändernden Jahreszeiten ihr Fressverhalten zu ändern. Doch innerhalb weniger Wochen zieht sich der Hund immer weiter in sich zurück und zeigt sich im Kontakt mit anderen Hunden übermäßig aggressiv. Sie können sich dieses Verhalten nicht erklären, doch einige Zeit später scheint sich dieses Verhalten zu relativieren. Allerdings tritt genau dieses Verhalten nach einem guten halben Jahr wieder auf. Sie denken sich da stimmt doch etwas nicht und werden mit Ihrem Hund beim Tierarzt vorstellig. Dieser stellt die Diagnose einer Anaplasmoseinfektion.

Betrachten wir diesen Fall nun einmal mithilfe des bio-psychosozialen Modells. Aufgrund der Infektion hat sich bei dem Tier eine Polyarthritis mit Gelenkschmerzen entwickelt. Einfach gesagt, der Hund empfindet einen massiven Entzündungsschmerz in seinen Gelenken. Hier haben wir die Ursache in der biologischen Komponente. Diese wirkt sich auf die psychologischen Aspekte aus, indem der Hund versucht, einen Weg zu finden, um mit seinen Schmerzen und seinem Leidenszustand zurechtzukommen - quasi als Selbstschutzmechanismus. Der Appetitverlust ist dabei sowohl psychisch als auch biologisch begründet. Auf sozialer Ebene wird nun ersichtlich, dass der Hund systematisch zurückzieht.

Aufgrund der Schmerzen zeigt sich Ihr bisher aufgeschlossene Vierbeiner Artgenossen gegenüber deutlich aggressiver als sonst. Dies hat den Grund, dass er andere Hunde gezielt von sich fernhalten möchte, um weitere Schmerzen zu verhindern. Wir sehen also, dass sich jeder Teil dieses Systems wechselseitig beeinflusst. Es ist daher besonders wichtig, immer alle Facetten der Entwicklung, Krankheit oder Gesundheit Ihres Tieres näher zu betrachten.

Umwelteinflüsse (Antezedenzien)

Viele kennen es von ihren eigenen Hunden: Ein Nachbarshund bellt im Garten, daraufhin bellt ein weiterer gegenüber und dann macht sich Ihr Hund lautstark bemerkbar. Es scheint beinahe wie eine Kettenreaktion, die nicht unterbrochen werden kann. Unsere Hunde kommunizieren untereinander, indem sie sich gegenseitig warnen oder nur lautstark ihren Unmut bezüglich des Bellens eines anderen Hundes zum Ausdruck bringen wollen. Egal wie man es dreht und wendet, Fakt ist: Es löst ein Verhalten in unseren Hund aus und dieser Vorgang entsteht durch Antezedenzien.

Antezedenzien sind Beeinflussungsfaktoren einer Entscheidung und somit Auslöser für ein bestimmtes Verhalten. Zudem gelten sie als jene Faktoren, die zeitlich vor einem bestimmten Verhalten auftreten und dieses Verhalten beeinflussen oder auflösen. Betrachten wir erneut unsere oben beschriebene Kettenreaktion. Antezedenzien treten nicht nur unter Hunden auf, sie sind all jene Umwelteinflüsse, die ein unmittelbares Verhalten eines Hundes auslösen. Unterbricht einer der Nachbarn seinen Hund beispielsweise mit einem Stop-Signal, zählt das ebenfalls zu den Antezedenzien, weil dieser einen direkten Einfluss auf das Verhalten seines eigenen Hundes hat.

- Selbst ein kleines Blatt könnte ausschlaggebend für das Verhalten des Hundes sein -

Antezedenzien haben eine große Bedeutung im Bereich des verhaltenstherapeutischen Hundetrainings. Es gibt zum Beispiel viele Hunde, die Angst vor Mülltonnen haben. Einige erschrecken sich sogar so sehr, dass sie einen großen Sprung auf eine stark befahrene Straße machen, was ziemlich gefährlich werden kann. In den frühen Lebenswochen meines Collies hat dieser unsagbar gerne mit Federn gespielt, die auf Wegen herumlagen. In den meisten Fällen waren es weiße, kleine Daunen. Während eines Spazierganges nahm er eine Daune in seinen Fang. Leider bohrte sich der Federkiel in die Zunge meines Hundes. Seitdem hat er Angst vor weißen Federn und umgeht diese in einem großen Bogen. Die Feder stellt in diesem Moment einen Beeinflussungsfaktor dar, der meinen Hund dazu bringt, ein bestimmtes Verhalten auszuführen.

Nun kommen wir noch mal zurück zu unserer Mülltonnenproblematik. Viele Hunde entwickeln gerade dann Angst vor Mülltonnen, wenn diese ihrem Besitzer dabei zuschauen, wie er die Mülltonne zurück auf ihren Platz stellt. Da ist ja erst mal nichts Schlimmes dabei. Betrachten wir das Ganze aber aus der Sichtweise unserer Hunde wird einiges klar. Die Mülltonne wird in dem Fall nicht von dem Besitzer bewegt, sie jagt den Besitzer und macht dabei auch noch viel Krach! Vielen Hunden mit einem vermehrten Hang zur Sensibilität wird dieser Anblick zum Verhängnis. In den meisten Fällen geht so eine Objektangst auch mit anderen Beeinflussungsfaktoren einher. Hunde können solche Objekte nicht von lebenden Individuen unterscheiden, was dazu führt, dass sie durch ihre Wahrnehmung unbelebte Objekte „beleben“.

Die Generalisierung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Es wird jetzt nicht nur eine Mülltonne angebellt, sondern auch alle anderen, die dem Hund auffallen. Ähnlich verhält es sich auch mit Tüten oder Gelben Säcken. Physikalisch steckt hinter der Bewegung einer Tüte eine leichte Erklärung: Sie wird vom Wind bewegt. Das weiß allerdings der Hund nicht. Deshalb kann er sich die plötzliche Bewegung nicht erklären. Für den Hund steckt in der Tüte eine Art von Leben, das in irgendeiner Form bedrohlich erscheint und nicht weiter erklärt werden kann.

Wenn man sich nun erklären kann, wie unsere Hunde die Umwelt wahrnehmen und auf diese reagieren, ist viel Nachsicht und Geduld seitens der Hundebesitzer gefragt. Hunde sehen die Umwelt aus einer gänzlich anderen Perspektive und reagieren entsprechend auf sie. Selbstverständlich kann so ein Verhalten auch pathologisch werden und dem Hund das Leben ziemlich erschweren. In solchen Fällen sollte ein erfahrener Verhaltenstherapeut zurate gezogen werden.

In vielen Fällen sind auch Menschen ein auslösender Faktor, wenn ihnen ein Hund begegnet. Beim Anblick eines fremden Menschen zieht der Hund plötzlich vermehrt an der Leine, möchte flüchten oder traut sich nicht dran vorbeizugehen. Das andere Extrem ist ein starkes Aggressionsverhalten, in dem der Hund versucht, nach dem Menschen zu schnappen. Dies geht meistens mit lautem Gebell und Ruhelosigkeit einher. Natürlich sollte im ersten Schritt erörtert werden, was in der Vergangenheit des Hundes passiert ist und sein Verhalten erklären könnte. Worauf ich aber hinaus möchte, ist die Ausschüttung von verschiedenen Hormonen beim Menschen, die der Hund in der Lage ist zu riechen. Es gibt einige Hunde, die diesbezüglich sehr feinfühlig sind und sich leicht davon irritieren lassen. Das führt dann zu einer starken Unsicherheit und dementsprechend zu verschiedensten Angst- und Aggressionsreaktionen.

Hunde erkennen schon sehr früh, wenn ein Mensch Angst hat und sehr aufgeregt, traurig, gestresst oder sogar wütend ist. Diese Flut an Informationen muss allerdings erst mal verarbeitet werden und dann muss der Hund lernen, mit diesen optimal umgehen zu können. Wie man sieht, gehören auch Hormone anderer Individuen zu den Antezedenzien, von denen unsere Hunde tagtäglich umgeben sind.

Die Auswirkungen von Hormonen und Neurotransmittern auf das Verhalten des Hundes

Es ist sehr wichtig, das Prinzip von Neurotransmitter und Hormonen zu verstehen, um sich das Verhalten des Hundes erklären zu können.

Neurotransmitter sind körpereigene Substanzen, die dazu dienen, Informationen von einem Teil des Nervensystems in das andere zu übertragen. Sie sorgen für eine schnelle Reizweiterleitung im Gehirn. Bekannte Vertreter sind Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA, Glutaminsäure und Acetylcholin. Bei Hormonen handelt es sich um Botenstoffe, die vom chemischen Aufbau den Neurotransmittern sehr ähnlich sind. Sie werden zum Beispiel in folgenden Drüsen gebildet: Hypophyse, Schilddrüse, Nebennierenrinde, Eierstöcke, Hoden usw. Die für uns wichtigen Hormone sind Cortisol, Adrenalin, Testosteron und Oxytocin.

Im ersten Schritt schauen wir uns die Neurotransmitter genauer an, die für das Verhalten von Hunden essenziell sind.

Dopamin

Dopamin ist bei der motorischen Koordination, der Aufmerksamkeit, der Bestätigung und der Reaktionszeit beteiligt. Ist zu wenig Dopamin vorhanden, kann dies zu Lernblockaden, Ängsten, Erregbarkeit und einer Abnahme der Endorphinproduktion, dem natürlichen Schmerzstiller des Hundes, führen (Strong 1999). Zudem hat Dopamin einen entscheidenden Einfluss auf das Glückszentrum des Gehirns. Bei einem Mangel wird nicht nur die Fähigkeit, Lebensfreude zu empfinden, verringert, sondern auch die Abnahme der positiven Emotionen negativ begünstigt. Ein Überschuss hingegen verstärkt Unruhe, impulsives Verhalten und Reaktivität.

Da die Schlafqualität bei der Produktion von Dopamin eine entscheidende Rolle spielt, ist es wichtig, dass Hunde ausreichend Schlaf- und Ruhephasen bekommen. Sobald es Zeit ist, aufzustehen, setzt der Körper des Hundes Dopamin frei. Umgekehrt sinkt das Dopaminlevel, sobald es Abend wird.

Serotonin

Serotonin spielt eine wichtige Rolle bei der Stimmungslage und des Schmerz- und Reizbarkeitsniveaus. Ist der Serotonin-Spiegel zu niedrig, kann das zu impulsivem, aggressivem Verhalten sowie Ängsten und Zwangshandlungen führen. Zudem ist dieser Wert ein integraler Faktor in Bezug auf die Steuerung und Hemmung von Wut und Aggression (Lindsay, 2000). Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass der Serotoninspiegel bei Hunden, die fest zubeißen, einer ausreichenden Versorgung entspricht, im Vergleich zu den Hunden, die nicht stark zubeißen oder sogar antäuschen. Das bedeutet, dass die Beißhemmung nicht maßgeblich von der Erziehung und Entwicklung des Hundes abhängt, sondern auch von den chemischen Prozessen, die im Hirn stattfinden.

Acetylcholin

Acetylcholin (ACh) ist einer der wichtigsten Neurotransmitter im Organismus des Hundes und auch des Menschen. Darüber hinaus ist Acetylcholin auch an der Steuerung des vegetativen Nervensystems beteiligt: Blutdruck, Herzschlag, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel und sogar die Gehirnaktivitäten werden durch den Transmitter gesteuert. Dahingehend kommt dem ACh insbesondere bei degenerativen Gehirnerkrankungen wie z. B. Alzheimer eine nicht unwesentliche, wenn nicht sogar zentrale Rolle zu.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass Acetylcholin eine tragende Funktion im Bereich der neuronalen Plastizität spielt. Mensch und Tier werden kognitiv aufnahmefähiger, was ein schnelleres und effizienteres Lernen ermöglicht. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass der Parasympathikus bereits nach 10 Sekunden nach der Einleitung einer bilateralen Stimulation fortlaufend aktiviert wird (Sack, 2004). Das führt unter anderem zu einer Ausschüttung des Neurotransmitters Acetylcholin.

Im nächsten Schritt beschäftigen wir uns näher mit den Hormonen, die ebenfalls einen starken Einfluss auf das Verhalten Ihres Hundes haben können.

Cortisol

Cortisol wird auch als Stresshormon bezeichnet. Es wird unter der Einwirkung von Stress produziert und bereitet den Körper darauf vor, zu handeln. Cortisol ist für mehrere biologische Funktionen unabdinglich: Dazu gehören die Regulierung des Glukosespiegels im Blut, des Blutdrucks sowie die Beschleunigung der Aufspaltung von Eiweiß in Aminosäuren. Diese Regulationen unterstützen das Tier, Stress und Verletzungen besser zu bewältigen.

Ein Überschuss des Hormons wird häufig mit Herzerkrankungen und Bluthochdruck in Zusammenhang gebracht. Zudem haben wissenschaftliche Studien belegt, dass ein Zuviel an Cortisol die Nervenzellen im Hippocampus schädigt. Dieser ist für die Lernfähigkeit und das Gedächtnis zuständig.

Weitere mögliche Effekte eines erhöhten Cortisolspiegels können sein:

Adrenalin

Dieses Hormon wird ausgeschüttet, wenn der Hund akuten Stress verspürt wie beispielsweise Angst. Das Herz des Tieres schlägt sehr schnell, die Durchblutung der Haut und der inneren Organe wird zugunsten der Durchblutung der Muskeln gesenkt. Dies dient der Vorbereitung auf Flucht- oder Abwehrverhalten.

Testosteron

Das männliche Sexualhormon Testosteron unterbindet die Ausschüttung von Cortisol und hat somit eine stress- und angstreduzierende Wirkung. Außerdem steigert es das Selbstbewusstsein, das für die Sicherheit im Umgang mit anderen Artgenossen notwendig ist. Zudem leistet Testosteron einen erheblichen Beitrag zur Produktion der Osteoblasten, die für den Knochenaufbau zuständig sind. In den meisten Fällen wird Testosteron mit einer Kastration des Rüden in Zusammenhang gebracht. Leider gehen nach wie vor ziemlich viele Tierärzte, Hundetrainer und Verhaltenstherapeuten davon aus, dass Testosteron maßgeblich für das Aggressionsverhalten verantwortlich ist. In den meisten Fällen basiert Aggression jedoch in Wahrheit auf Angst und Verunsicherung.

Hat sich dieses Verhalten erst einmal manifestiert, wird auch eine Kastration keine Veränderung des Verhaltens mehr herbeiführen können. Das Gegenteil ist der Fall: Die allermeisten Rüden werden noch unsicherer und ängstlicher, was das vermeintliche Aggressionsverhalten noch weiter steigert.

Zudem riechen Kastraten für andere Rüden „seltsam“, was bedeutet, dass sie diese schlechter einschätzen können. Hieraus resultiert dann in vielen Fällen Mobbingverhalten durch unkastrierte Rüden. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass Rüden in den allermeisten Fällen viel zu früh kastriert werden. Das hat einen maßgeblichen Einfluss auf die psychische und physische Entwicklung des Hundes.

Oxytocin

Oxytocin hat viele Namen: Kuschelhormon, Bindungshormon, Liebeshormon. Daher wird es mit Begriffen wie Ruhe, Liebe und Vertrauen in Verbindung gebracht. Primär ist es ein Bindungs- und Sexualhormon, das einen maßgeblichen Einfluss auf die Beziehung zweier Individuen hat. In einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass die Interaktion zwischen Hund und Bezugsperson einen Ausstoß von Oxytocin erzeugen, sowohl beim Hund als auch bei der Bezugsperson. Wir Menschen können also gezielt durch aktive und regelmäßige Bindungsarbeit die Ausschüttung dieses Hormons beeinflussen und dadurch die Beziehung zu unserem Vierbeiner stärken.

Theory of Mind - soziale Kognition

- Empathie ist der Schlüssel einer starken Bindung -

Dass unsere Vierbeiner sehr intelligent sind, steht außer Frage. Doch darüber hinaus verfügen sie über eine stark ausgeprägte soziale Intelligenz. Wir sprechen hier im Allgemeinen von der Theory of Mind (Theorie des Geistes). Das heißt, unsere Hunde sind in der Lage, sich in die Gedanken und Gefühle von anderen Individuen hineinzuversetzen. Natürlich nicht so komplex, wie es bei empathischen Menschen der Fall ist, aber im Vergleich zu anderen Tierarten ist die Fähigkeit von Hunden in der Theory of Mind (ToM) schon deutlich ausgeprägter. Wie sich diese Fähigkeit auf das Verhalten der Tiere auswirkt, werden wir nun näher betrachten.

In der Wissenschaft wird zwischen der affektiven und der kognitiven Theory of Mind unterschieden. Dabei beschreibt die affektive ToM die Fähigkeit eines Lebewesens, die Gedanken und Gefühle anderer zu erkennen und zu verstehen. Dieses Erkennen und Verstehen bilden die Grundlage für Empathie. Darüber hinaus beschreibt die kognitive ToM die Fähigkeit, auf die Absichten eines anderen Individuums schließen zu können. Diese kann auch als Mentalisierung beschrieben werden.

Die affektive ToM konnte bereits bei vielen Tierarten nachgewiesen werden. Viele Studien legen nahe, dass auch Hunde im gewissen Maße über die Fähigkeit der kognitiven ToM verfügen. Dies lässt sich aktuell allerdings nur schwierig empirisch belegen. Mehrere Tierexperimente mit Primaten konnten jedoch in den letzten Jahren bestätigen, dass die Tiere über die Fähigkeit der kognitiven ToM verfügen.

Diese Fähigkeit stellt den Schlüssel des sozialen Miteinanders dar. In der frühen Entwicklung eines Hundes profitieren Welpen vor allem in den ersten Lebensmonaten von der sogenannten sozialen Referenzierung. In unvertrauten, unbekannten Situationen orientiert sich der Welpe gezielt an seiner Bezugsperson und dessen gezeigten Emotionen. Dies gibt dem Tier Aufschlüsse darüber, ob die unvertraute Situation eben als schlecht, neutral oder gut einzustufen ist. Für einen Welpen gibt es zunächst keine schlechten Situationen. Dieser ist einer neuen Situation grundsätzlich offen und neutral gegenüber eingestellt. Die Orientierung an der Bezugsperson stellt somit eine Rückversicherung für den Welpen und seine empfundenen Emotionen dar. Dieses Verhalten stärkt damit natürlich auch die emotionale Entwicklung des Hundes. Aus diesem Grund sollte man darauf achten, dass man einen Welpen nicht zu früh von seiner Mutter und den Geschwistern trennt. Ab der 12. Woche ist dieser emotionale Entwicklungsprozess im Normalfall so weit abgeschlossen, dass Welpen genügend Erfahrungen sammeln konnten.

Die ToM stellt einen Teilaspekt der sozialen Kognition bei unseren Hunden dar. Die soziale Kognition beschreibt eine Reihe von mentalen Prozessen, die sich mit der sozialen Wahrnehmung, Urteilsbildung und der sozialen Einflussnahme auf andere beschäftigt. Das bedeutet, dass Hunde in der Lage sind, neben weiteren intelligenten Tierarten andere Individuen zu erkennen und zwischen ihnen zu differenzieren, verschiedene Gruppenstrukturen sowie Sozialbeziehungen zu verstehen. Außerdem können sie nachempfinden, wie Gruppenmitglieder sich innerlich fühlen. Diese Erkenntnisse geben Aufschluss darüber, wie unsere Hunde denken und wie sie sich uns oder anderen Hunden gegenüber verhalten und kommunizieren.