Buchbeschreibung:

Zwei Menschen mit einer gemeinsamen Vergangenheit begegnen sich auf einer verschneiten Brücke im Norden. Diese Begegnung wird für Beide einen grossen Einschnitt in ihr Leben bedeuten. Einst Feinde dann Verbündete kämpfen Sie gegen die Peiniger der Vergangenheit.

WUT IST NICHT DASSELBE WIE HASS. HASS WILL ZERSTÖRUNG. WUT WILL VERÄNDERUNG. HASS IST DESTRUKTIV. WUT IST PRODUKTIV

Dieses Buch ist ein Roman, welcher frei erfunden wurde. Möglich Ähnlichkeiten von Personen, Institutionen, Handlungen und Örtlichkeiten sind unbeabsichtigt.

Über den Autor:

Mark Mullin wurde 1965 in der Ostschweiz geboren. Er wuchs als einziges Kind in einer Kleinfamilie auf und lebt heute ein einer kleinen Stadt in der Ostschweiz.

Dies ist sein zweiter Roman nach "Zwischen-Welt" welcher anfangs 2021 erschienen ist.

1. Auflage, 2021

© Mark Mullin – Alle Rechte vorbehalten.

BoD - Books on Demand GmbH

ISBN: 9783752680362

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Endlich Feierabend in der Bankfiliale von Erich Sohm. Die Kirchenglocken nebenan hatten soeben vier Uhr geschlagen und die Empfangsdame hat die auszwei grossen Glasflügeln bestehende Eingangstüre zur leeren Schalterhalle geschlossen. Ebenfalls wurde die nach dem Eingang gelegene Windfangtüre, die gleichfalls aus Glas bestand, verriegelt. Automatisch wurden damit alle sicherheitsrelevanten Systeme der Bank eingeschaltete und in den Wochenendbetrieb genommen. Erich quittierte das Funktionieren der Anlage wie meistens am Feierabend durch die Eingabe eines nur ihm bekannten Codes an der Anzeige der Alarmanlage. Das Einzige, was jetzt in der Empfangshalle etwas Wärme ausstrahle, war der Weihnachtsbaum, der alljährlich aufgestellt wurde. Mit seinen elektrischen Kerzen, den farbigen Kugeln und dem Lametta strahlte er vor sich hin. Die in rotes Papier eingepackten Geschenke unter dem Baum, verliehen dem ganzen Ensemble etwas Magisches und Warmes. Nachdem die Quittierung erledigt war, begab er sich in sein Büro und räumte seinen Schreibtisch auf. Er bevorzugte es, sich am nächsten Arbeitstag an einen aufgeräumten Arbeitsplatz zu setzen.

Erich schlüpfte in seinen dicken Wintermantel, jedoch nicht, bevor er die Krawatte löste, auszog und in der Mappe verstaute. Das Ritual wiederholte sich jeden Abend bei Erich ausser er war im Anschluss an einen Auswärtstermin geladen. Aber auch nach diesem Termin war das erste, dessen er sich entledigte, sein Schlips und liess ihn in der Aktentasche verschwinden. Seine Frau Jorit liebte es jeweils, die zerknüllten Krawatten auszubügeln und in den Schrank zu den anderen zu hängen. Er trat nach draussen. Ihm blies ein kühler Wind entgegen, der mit Schneeflocken durchsetzt war und zu einem Schneegestöber ansetzte. Die Dämmerung war längst in Dunkelheit übergegangen und die Strassen Lampen warfen ihr gelbliches Licht an die Häuserfassaden. Dies ergab zusammen mit dem Schneetreiben eine eigenartig verschwommene Kulisse ab. Die herrschaftlichen hohen Häuser, die im Stadtzentrum anzutreffen waren, gaben den Strassenschluchten den Namen, den Sie verdienten. Wie lange breite Bänder mäanderten sie durch die verschneite Innenstadt mit ihrem gelblich scheinenden Licht. Die Weihnachtsbeleuchtungen in den Strassen, die seit einer Woche erstrahlten, trugen ebenfalls ihren Teil bei zur Beleuchtung der gesamten Szenerie. Die Beleuchtungskörper waren in Glocken, Sternen oder Schneeflocken Formen gehalten. Und hatten bei der Befestigung beim Übergang zum Halteseil jeweils eine farbige Masche montiert. Um die Seile selbst, die an den Häuserfassaden und Kandelabern befestigt waren, wickelte sich eine Lichterkette, welche ein weiches Licht erscheinen liess. Mit wechselndem Lichtmuster von blinkend, zu laufend und dauernd beleuchtete. Die Beleuchtung brannte die ganze Nacht hindurch und schaltete sich bei Tagesanbruch aus.

Er vermied es, wenn immer nur möglich mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Dies hatte folgende Gründe. Erstens brauchte er es, sich etwas zu bewegen. Zweitens war er mit dem öffentlichen Verkehr nur wenig später im Büro oder zu Hause als mit dem Auto. Drittens war das Verkehrsaufkommen in der Stadt so gross, dass Staus unvermeidlich waren, und in ihnen zu stehen hasste er. Erich hatte keine andere Wahl, trotz des garstigen Wetters einige Schritte zur Metro zu Fuss zurückzulegen. Dazu passierte er die Fussgänger Passage über die Kanalbrücke und anschliessend weiter geradeaus zur Station. Das war ein kurzer Spaziergang im dichten Schneetreiben. Erich liebte es, nach einem Tag im Bürostuhl für einen Moment an der frischen Luft zu sein. Den Tag Revue passieren zu lassen und sich im Kopf vorbereitend die Agenda für den folgenden Tag zurechtzulegen. Es waren einige Personen unterwegs, die in einer gebückten Haltung liefen, ja rannten fast, um dem Wind so wenig Angriffsfläche wie nur erdenklich, zu bieten. Die einen in schwere Mäntel gehüllt mit einem Hut oder einer Kappe auf dem Kopf und einen Schal um den Hals gewickelt. Mit dem einzigen Ziel so schnell wie möglich nach Hause zu kommen beziehungsweise in einem Lokal zu einem Feierabend Drink zu verschwinden und die Wetterkapriolen abzuwarten.

Aus den Geschäften und den Schaufenstern der Warenhäuser strahlten Lichtkegel auf die verschneiten Strassen. An den Restaurants waren die Fenster mit einem feinen Nebel aus Kondensat beschlagen und die Umrisse der Personen im Innern erahnte man mehr, als das sie wirklich erkennbar waren. Wenn ein Gast in das Lokal eintrat oder es verliess, entwich bei jedem öffnen der Türe eine Schwade warmer Luft den Raum, welche sich draussen an der Kälte für kurze Zeit, als Nebel zeigte. Bevor er sich wie von Geisterhand auflöste.

An vielen Läden und Lokalen war die Dekoration für die Weihnachten angebracht und leuchteten verlegen in die Gegend. Erich betrachtete die Szenerie der verschiedenen Lichter und der teilweise skurrilen Bilder die von vorbeigehenden Passanten und deren Schatten, an die Hauswand geworfen wurden. Im Anschluss daran wagte er sich ebenfalls in das Schneegestöber und nahm seinen Weg unter die Füsse.

Die Strassen waren nur so geräumt worden, dass immer eine weisse Schicht des himmlischen Puders darauf liegen blieb. Dies benötigte die Aufmerksamkeit so vieler auf dieser Unterlage nicht auszurutschen und hinzufallen. Der Schnee knirschte unter seinen Schritten, als er zur alten Bogenbrücke kam und diese betrat. Fast auf dem höchsten Punkt der Brücke angelangt war, blies eine Böe vom Fjord her ihm einen Schwall Schnee in sein Gesicht. Er drehte sich für einen Augenblick zur Seite, just in diesem Moment stiess ein Passant mit ihm zusammen. Der Rempler versuchte, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, was ihm aber misslang und er stürzte auf den kalten Strassenbelag. Erich gelang es nicht, die Person am Stürzen zu hindern, da er selbst von der Kollision so überrascht wurde, dass er knapp den Mantelärmel des Mannes zu fassen bekam. Dieser glitt ihm aber aus den behandschuhten Händen und er konnte das Hinfallen der Person nicht verhindern. Bevor er begriff, was geschehen war, stand er schon halbwegs wieder auf den Beinen. Erich erkundigte sich, ob er sich gestossen habe oder er Hilfe benötige. Der Herr verneinte dies, zog den dunklen, breitkrempigen Hut zurecht, richtete seine runde Nickelbrille auf dem Nasenrücken und entfernte sich in die Richtung, aus der Erich gekommen war. Einige Sekunden blieb er stehen und schaute dem Passanten nach, bevor er sich zur Metro in Bewegung setzte. Kaum war er unterwegs, kam ihm das Gesicht des Mannes vor Augen, das kurz im Scheine der Wegebeleuchtung zu sehen war. Es schien ihm, als ob er dieses schon einmal gesehen hatte oder sonst wo her kannte. War es ein Kunde von ihm, ein Angestellter? Im Augenblick erinnerte er sich nicht daran und setzte somit seinen Weg zur Metro und nach Hause fort. In der Bahn merkte er, dass sein Fussknöchel etwas schmerzte. In dieser Hinsicht galt sein erster Gedanke dem Hallenfussballturnier von morgen, das er mit seinen Kumpels spielte. In der Hoffnung, diese Schmerzen verschlimmern sich nicht und könnten ihn an einer Teilnahme hindern. Erich war ein begeisterter Fussballer. Er besetzte die Position des Torwartes und zusammen mit seinem besten Freund Marco war er in der Seniorenmannschaft des Quartierklubs am Rande der Stadt. Sie beide veranstalteten jedes Jahr dieses Turnier anstelle einer Weihnachtsfeier. Zum Schluss des Anlasses gesellten sich jeweils die Angehörigen und Freunde der Teilnehmer dazu und es gab warmen Punsch, Kaffee oder Glögg mit einem grossen Stück Kuchen.

Erich bewohnte mit seiner Familie ein dreistöckiges Einfamilienhaus am Rande von Stockholm. Das Haus war ein klassisches Gebäude einer Vorstadt Siedlung in Skandinavien. Nichts Besonderes, aber es reichte. Es besass auf der hinteren Seite einen kleinen Garten mit einer Veranda. Seitlich angebaut war die Garage mit einem Raum, in dem die Gerätschaften und der Grill für die Sommermonate abgestellt waren. Bei gutem, sonnigem Wetter sah man von der Terrasse aus die vorgelagerten Schären Inseln. Das Haus bot nicht zu viel Platz, aber es passte momentan für die kleine Familie. In zwei drei Jahren, wenn die Mädchen grösser wurden, erforderte es die Situation, etwas Grosszügigeres zu finden. Denn der Platzbedarf wuchs.

Zu Hause angekommen zog er seinen beschneiten Mantel und die Schuhe im schmalen Korridor aus, bevor er seine Familie begrüsste. Seine Frau Jorit deckte soeben den Tisch für das Abendessen auf und ihre beiden Töchter Jøgrunn und Aila spielten auf dem Boden mit dem Puppenhaus. Elvis der Neufundländer, ihr Haushund, lag in der Ecke des Wohnzimmers auf seiner Decke und hob träge den Kopf, als Erich in dem Raum erschien. Kaum erblickte er sein Herrchen, eröffnete er aus lauter Freude mit dem Schwanz eine Wedelattacke. Welches eine eindeutige Bitte war, ihn doch zu streicheln und zu liebkosen und ihm zu vermitteln was für ein aufmerksamer Wachhund er sei. Dieser Hund war ehrlich gesagt zu gross für das kleine Haus, das Sie bewohnten. Aber Jorit hatte ihn im Strassengraben gefunden und brachte es nicht über das Herz den Welpen, liegen zulassen oder in ein Tierheim zu bringen. Somit wurde er in die Familie integriert und seit einigen Jahren ist er ein vollwertiges Mitglied der Sippe Sohm. Daneben schlich auch eine Katze im Haushalt umher, welche ebenso das Mitleid von Jorit erweckte. Zwei Nachbarn haben sich getrennt und keine der beiden Parteien strebte es an, das Tier namens Einstein zu sich nehmen. Seine Frau brachte es nicht über Ihr Herz dieses Lebewesen dem Schicksal, sprich dem Tierheim zu überlassen, und somit fand dieser Vierbeiner ebenfalls bei ihnen ein zu Hause. Die Katze lag auf dem Fernsehsessel und rührte sich nicht, als er in Erscheinung trat.

Es gab einen klassischen Fleischeintopf mit Wintergemüse, Kartoffeln und Preiselbeeren Sauce. Herrlich duftete es aus dem Topf, den Jorit mitten auf den Tisch stellte. Erich schöpfte jedem und seine Frau versprach den Mädchen einen kleinen Nachtisch, wenn sie den Teller leerten. Mit ihr war eine geborene Köchin vom Himmel gefallen. In der Küche verstand Sie ihr Handwerk und war jeweils mit Leib und Seele dabei. Mit der gleichen Leidenschaft war sie aber Mutter und Hausfrau. Sie hatte bei der Quartierverwaltung in der Buchhaltung eine kleine Beschäftigung im Umfang von zwei Tagen pro Woche. Ihr Arbeitsplatz war zu Fuss in wenigen Minuten erreichbar. Somit war sie mittags und abends, wenn die Kinder nach Hause kamen immer rechtzeitig vor Ort. Elvis hatte das Recht manchmal Jorit zur Arbeit zu begleiten. Ansonsten sperrten Sie ihn in den Garten, bis jemand von der Familie zurück war. Dies liess er bereitwillig über sich ergehen, da er dann zumindest seine Ruhe hatte.

Während des Essens meldete sich das Natel von Erich und sein bester Freund Marco war in der Leitung. Er hatte Fragen bezüglich des Anlasses. Doch der Hausherr wies ihn ab und versprach ihm, nach dem Abendessen zurückzurufen. Die Mahlzeit war beendet und die Mädels hatten von ihrem Tag berichtet, da griff Erich zum Handy und rief Marco an. Dieser meldete sich sofort, aber man verstand kein Wort von dem, was er sagte. Der Grund daran war, dass sein bester Freund ein völliger Chaot war, den es zuerst zu erfinden galt. Obwohl er bei der Polizei arbeitete, löste er manche Dinge, des Öfteren, in unkonventioneller Art. in diesem Fall war es wie gewohnt nicht anders. Der Anrufer verspeiste einen Dürüm das aber nicht wie jeder normale Mensch beim Stehen oder Sitzen, nein. Marco war auf dem Fahrrad im Schnee unterwegs und steuerte mit einer Hand das Vehikel, das Mobile hatte er zwischen Ohr und Hals eingeklemmt und in der Anderen hielt er sein Abendessen, in das er genüsslich biss. Erich wartete ein Zeit lang, bevor er etwas zu seinem Gesprächspartner sagte. Erst dann versuchte er erneut das Gespräch aufzunehmen. Doch in diesem Moment hörte er am Telefon ein Rumpeln gefolgt von einem Fluch und einer plötzlichen Stille am anderen Ende der Leitung. Die grösste wahrscheinliche Annahme, dass es Marco in einen Schneehaufen verschlagen hatte, bestätigte sich, als dieser sich eine Viertelstunde später erneut meldete. Er sei jetzt auf dem Weg in die Notfallaufnahme und müsse sich eine Wunde an der Augenbraue, die er sich wegen des Sturzes zugezogen hatte, verarzten lasse. Er sei aber morgen am Turnier auf alle Fälle dabei. Er solle an das Aufstellen der Tore denken und heute Abend den Schlüssel beim zuständigen Hallenverantwortlichen abholen.

Marco Seiler ist ein enger Jugendfreund von Erich. Sie beide waren Vollwaisen und verbrachten ihre Jugend zusammen in einem Kinderheim in der Schweiz. Sie waren Brüder. Keiner konnte und wollte ohne den Anderen. Meist war es chaotisch mit den Zweien, aber die beiden verliessen sich seit Gedenken aufeinander. Erich holte den Schlüssel, wie es ihm befohlen wurde. Er schnappte sich erneut Elvis und watschelte mit ihm zur Sporthalle, die sich nicht weit weg von seinem Haus stand. Dort traf er den Verantwortlichen, der ihm diese für den morgigen Tag aushändigte, damit die Spieler in die Halle und die Umkleideräume gelangten.

„Zur Redlichkeit“

Auf einer Anhöhe über der Stadt gelegen stand das altehrwürdige ehemalige Kloster und Spital. Ein für damalig Zeiten imposanter Bau. Vier Stockwerke hoch mit einer Sandsteinfassade wahrscheinlich aus den nahen Steinbrüchen in der Region gewonnen. Im Eingangsgeschoss bildet eine hohe zweiflügelige Eichentüre den Eingang zum Gebäude. Reich verziert mit Schnitzereien und schweren Beschlägen, die dazu dienen die Türflügel zu bewegen und abzuschliessen. Jedes der Fenster ist ebenfalls eingefasst mit Gesimsen aus Sandstein und einem Bogen als oberer Abschluss. Die unteren Fenster sind vergittert. Luken bringen Licht und Luft in die Kellergeschosse. Dem Gebäude ist im hinteren Teil, von der Stadt abgewandt, eine kleine Kapelle angebaut. Ebenso eine Holzhalle, welche früher die Stallungen der Besitzer waren. Diese Halle war so umgebaut und angepasst worden, dass sich darin Veranstaltungen aller Art durchführen liessen. Sie diente für den Turnunterricht, Theateraufführungen oder sonstige Anlässe der Institution. Der Komplex war ringsum von einer wundervollen Gartenanlage eingefasst, welche grosszügige Rabatten, Blumenbeete und Ziersträucher umfasste. Ebenfalls etwas abseits gab es einen Teil der Anlage, der mit Obstbäumen versehen war. Für die Küche waren verschiedene Gemüse Beete angelegt, die nicht zum eigentlichen Garten gehörten, sondern hinter dem Anwesen neben der alten Halle lagen.

Betrat man das Gebäude, schlug einem der Geschmack von gebohnerten Böden entgegen und es herrschte eine kühle, gespenstische und stille Atmosphäre in dem Haus. Im Erdgeschoss befanden sich die allgemeinen Räume wie Küche, Mensa und die Schulzimmer. Die Stockwerke waren gegen drei Meter hoch und strahlten ein ehrfürchtiges und strenges Ambiente aus. Die Administration und das Büro des Direktors lagen zuoberst im 4. Stock direkt unter dem Dachboden, welcher nur von Befugten betreten werden durfte. Ebenfalls auf dieser Etage angeordnet waren Lehrerzimmer, Sitzungsräume und ein Schlafgemach mit einem kleinen Bad für die diensthabende Aufsichtsperson. Erschlossen war dieses Geschoss über das breite Treppenhaus. Auf der Rückseite des Gebäudes führte eine schmale Treppe in den Hof, über die man den Weg zu der Kapelle fand oder in die Halle gelangte. Durch diese Stiege verliess man das betreffende Geschoss unbemerkt.

Zwischen dem Erdgeschoss und der obersten Etage lagen die Räumlichkeiten der Heimbewohner. Schlafsäle für sechs Personen. Drei Betten an jeder Seite. Dazwischen ein Schrank für die Kleider, Schulsachen. Mehr gab es nicht zu besitzen. Zwei Lampen erleuchteten den ebenfalls hohen Raum mit spärlichem Licht. Die Säle waren kalt, spartanisch ja fast militärisch und der kleine Kanonenofen in der Ecke des Saales gab kaum genügend Wärme ab, um darin eine angenehme Stimmung zu erzeugen. Zwischen zwei Schlafsälen waren die Nasszellen angeordnet mit einer Waschrinne in der Mitte und jeweils rückseitig an der Wand Tablare für Zahn Glas, Seife, Waschlappen und Handtuch. Darin wurde die tägliche Hygiene zelebriert von den Kindern zweier Säle. Zweimal pro Woche wurden die Duschen aufgeschlossen, die sich gegenüber des Korridors befanden. Diese waren ebenfalls Gemeinschaftsduschen und die Benutzung unterlag einem strengen Zeitregime pro Durchgang. Daneben waren auf den Stockwerken Aufenthaltszimmer für die täglichen Hausaufgaben und jeweils eine Bibliothek angeordnet. Die beiden Geschlechter wurden akribisch getrennt. Die erste Etage war den Mädchen vorenthalten, die zweite und dritte den Buben.

Im Untergeschoss waren die Wäscherei, technische Anlagen, ein Werkraum für die Knaben und Lagerräume untergebracht. Im tieferen Teil dieses Geschosses war ein weiterer Keller. Was für Räume dort angesiedelt waren, wurde unter Verschluss gehalten. Eines war klar, wer von der Heimleitung gezüchtigt wurde, hatte sich in das Kellergeschoss zu begeben und verliess dieses meist in einem schlechteren Zustand, als er es betreten hatte.

Die Institution wurde von einem Direktor geleitet. Ihm zur Seite standen sich Lehrer, Erzieher und diverse Andere, die zum Betrieb des Hauses nötig waren. Das Kinderheim wurde von einem Heimrat beaufsichtigt. Dieser setzte sich aus sieben verschiedenen Mitgliedern von Behörden und Kirchen zusammen. Einer der damaligen Rektoren hiess Martin Nyffeler. Er war der Herrscher über Zucht und Ordnung. Seine Währung waren die Züchtigungen mit dem Lederriemen auf dem Korridor vor versammelter Bewohnerschaft. Bei grösseren Vergehen war der Gang in das vorerwähnte Kellergeschoss angesagt.

Das war die Umgebung in der Erich und Marco Ihre Jugend verbracht haben. Im Haus „Zur Redlichkeit“ welches ihrer Kindheit alles an Disziplin und Ordnung abverlangte, teilweise bis zur Unmenschlichkeit. Suizid von einigen jungen Menschen in dieser Institution war keine Seltenheit und plötzliche Umplatzierungen in die Irrenanstalt unweit der Stadt waren an der Tagesordnung. Diese Überführungen fanden immer im Schutze der Dunkelheit statt. Man hörte jeweils nur das Vorfahren eines Fahrzeuges, das Öffnen der Wagentüren und nach einiger Zeit das Zuschlagen derselben und die Wegfahrt des Autos. Anschliessend Stille, die den Kindern vorkam wie der Zeigefinger, der zu Gehorsam aufrief. Welcher Hohn für die Insassen bedeutet das Wort „Zur Redlichkeit“ das in goldenen Lettern über dem Haupteingang prangte. Eingeschlagen in den Stein und in die Seelen der Kinder für immer und ewig.

Kapitel 2

Erich erwachte gegen Mittag. Sein ganzer Körper schmerzte vom vergangenen Fussballturnier. Die malträtierten Glieder und die eine oder andere Prellung an der Hüfte und an der Schulter von allzu gewagten Tor Paraden blieben nicht ohne Wirkung zurück. Und erst diese unsäglichen Kopfschmerzen, die wahrscheinlich ja sogar sicher von dem zu vielen Glögg und den Bieren her stammten, die im Nachhinein geflossen sind. Man ist nicht mehr der Jüngste, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, sagte er zu sich, als er in die Dusche stieg und sich das lauwarme Wasser über den Körper rinnen lässt. So langsam verziehen sich die alkoholgeschwängerten Ausdünstungen und er kam in die Form zurück, in denen er den Mädchen und seiner Frau gegenübertreten konnte. Als er die Treppe in die untere Etage hinabgestiegen war und seinen Liebsten entgegentrat, erntet er hinterfragende Blick von Jorit und grosse Augen seiner Kinder. Frei nach dem Motto, „Wie siehst du den aus? Bist du krank!“ Selbst Elvis, der Verräter auf der Decke liegend, getraut sich nicht recht in die Richtung von Erich zu schauen vor lauter Angst die Krankheit, die sein Herrchen hatte, sei ansteckend oder es werde ihm übel davon. Wortlos schenkte er sich einen Kaffee ein und hauchte seiner Herzdame einen Kuss auf die Wange welchen Sie versuchte abzuwehren. „Guten Morgen,“ kommt es mit einem zynischen Unterton aus ihrem Mund. „Gut wäre anders, glaube ich,“ erwiderte Erich und legte einen Arm um die Taille seiner Frau. „Du weisst aber, dass wir in einer halben Stunde abfahren müssen. Wir sind bei meinen Eltern zum Essen verabredet.“ „Au Shit!“ Kommt es aus Erichs Mund. „Habe ich total vergessen, wie konnte ich nur,“ feixte er zu Jorit. Sie stiess ihm für diese Bemerkung sanft den Ellbogen in die Seite. „OK alles klar, aber zuerst gehe ich noch einige Schritte mit Elvis ins Freie. Wir sind in einer Viertelstunde zurück.“ Er dackelte in den Korridor, nahm die Winterjacke vom Hacken und ergriff die Leine. „Los Elvis komm,“ rief Erich, doch der Hund schaute ihn nur bemitleidenswert an und zögerte, es war ihm peinlich, mit einer halben Alkoholleiche draussen gesehen zu werden. Einige Aufforderungen später und dem Angebot von möglichen „Leckereien“ gab er den Bemühungen seines Herrn nach und trottete er mit ihm ins Freie. Ein paar Schritte mit dem Hund an der frischen Luft ersetzt die Kopfschmerztablette nahm er an und stapfte mit Elvis die Strasse runter zu dem kleinen Waldstück am Rande der Siedlung. Die letzten Nebelschwaden verzogen sich in Richtung Stadt und hinterliess einen klaren und frostigen Morgen. Die Gehwege waren eisig und Erich passte auf, wo er hintrat, damit er nicht unfreiwillig ausrutschte und auf dem Allerwertesten landete. Was für seine bereits bestehenden Schmerzen wohl nicht bekömmlich wäre. Kaum hatte Elvis sein Geschäft verrichtet, kehrten sie auf dem kürzesten Weg zurück.

Zu Hause stand die Familie fertig und zum Aufbruch bereit vor dem Garagentor und wartete auf den Hausherren. Erich verlud den Hund in den Kofferraum des Autos und eilte, in den Korridor seine Hunde-Jacke gegen den Mantel auszutauschen, den er üblicherweise anzog, wenn er sich zur Arbeit aufmachte. Kaum hatte er das Teil angezogen, bemerkte er, in der linken Manteltasche etwas schmales, ein flaches Stück Metall. Er zog den Gegenstand aus der Tasche und hielt einen USB-Stick in der Hand. Ohne gross darüber nachzudenken legte er ihn in der Küche auf die Frühstücksbar und machte sich daran, zu den Schwiegereltern zu fahren. Auf der Fahrt zu der Einladung rief Marco mit einer solch verkaterten Stimme an, dass Annafrid die Freundin sich für ihn entschuldigte. Dem Anruf entsprechend, war sein Freund nach dem Fussballturnier zu einigen Bierchen mehr gekommen und die zeigten bei ihm seine Wirkung. Jorit und Erich schmunzelten und lachten heimlich. Die Mädchen auf dem Rücksitz bekamen davon nichts mit. Aila bemerkte, dass die Stimme, die aus der Freisprechanlage krächzte, ihrem Patenonkel gehören könnte, aber das war es dann schon. Die ältere Jøgrunn erkannt ihre Patentante Annafrid und grüsste sie aus dem Hintergrund. Der Grund des Anrufes war, dass sich sein Freund nach dem Wohlbefinden von Erich erkundigen wollte. Er bemerkte, dass seine Fürsorge völlig unbegründet war. Da die Familie wohlauf schien und in Richtung Grosseltern unterwegs waren. Marco verabschiedete sich murmelnd und Erich würde wetten, dass sein Freund beim Wort Adieu in der Verabschiedung bereits wieder im Reich der Träume schwebte.

Bei den Schwiegereltern auf dem Hof angekommen, wartete Lasse, Erichs Schwiegervater vor dem Haus. Kaum angehalten sprangen die beiden Mädchen aus dem Auto und liefen ihrem geliebten Grossvater geradewegs in die Arme. Ebenfalls wurde Elvis im Fond des Wagens unruhig. Der Hund der Gastgeber Luno stand hinten am Auto und bellte, um seinen Kumpel willkommen zu heissen. Kaum war die Heckklappe offen, sprang Elvis aus dem Fahrzeug, beschnupperte seinen Gefährten kurz und verschwanden mit ihm zusammen in einem Spurt im alten Güterschuppen, der seitlich auf dem Anwesen stand. Erst jetzt war es Erich möglich, seine Schwiegereltern in aller Ruhe zu umarmen, und zu begrüssen. Als sie das Wohnhaus betraten, überkam sie eine wohlige Wärme. Im Kamin in der grossen Stube brannte ein Feuer, dieses verbreitete eine angenehme Wohnlichkeit in den aus Holz getäferten Räumen. Die Rückwand des Ofens, der zusammen mit dem Herd der Küche verbunden war, schaute aus der Wand in das Zimmer. Seine Abdeckung mit einer dicken und schwer aussehenden Platte aus schwarzem Schiefer speicherte die Wärme für lange Dauer und gab sie wohldosiert und konstant an die Umgebung ab. In den Schlafzimmern und Räumen der oberen Etage war es kühl und ungeheizt. Erich kannte diesen Umstand aus der Zeit, in der er Jorit kennen lernte. Er verbrachte zusammen mit ihr des Öftern eine Nacht dort oben. Die Mittagszeit war angebrochen und aus der Küche verbreitete sich ein feiner Duft durch das Haus. Es roch nach Mittagessen. Kross gebratener Schweinebraten aus dem Ofen, Kartoffelstock und Gemüse wurde aufgetischt. Was zu riechen war, aber mehr im Hintergrund, waren die Kekse, die Hedda jedes Jahr zu Weihnachten backte, und die im Anschluss an das Essen zum Kaffee serviert wurden.

Nach dem feinen Mahl begaben sich die Mädchen mit Grossvater zum Schuppen. Zu den Kaninchenstallungen und Hühnergehegen, die ihre Grosseltern unterhielten. Ebenfalls hinter der Scheune, gab es einen kleinen eingezäunten Weiher, auf dem sich einige Enten und Gänse tummelten. Im Moment waren diese damit beschäftigt möglichst Abstand zwischen die beiden Hunde und sich zubringen. Trotz des trennenden Geheges.

Es war kalt draussen, die Dunkelheit brachte ebenfalls über die Stadt ein und ein leichter Schneefall hatte wieder eingesetzt, als die drei mitsamt den beiden Hunden zurück ins Haus kamen. Es gab selbstgebackenen Kuchen mit Sahne und einer heissen Schokolade für die Mädchen. Die Erwachsenen unterhielten sich über den Alltag und die Geschehnisse auf der Welt. Dabei kam das Gespräch auch auf die Zukunft des Hofes, wenn einer der zwei Alten stirbt oder definitiv beide nicht weiter in diesem Haus leben können. Die Schwiegereltern gaben den Hof vor einigen Jahren auf, da sich Lasse an den Hüften operiert wurde und er nicht mehr im Stande war, die anfallenden Arbeiten auf dem Hof zu verrichten. Hedda, die Schwiegermutter wäre froh darüber, dass Sie den Gutsbetrieb aufgegeben hatten. Sie, ebenfalls angeschlagen, hatte vor einigen Jahren einen leichten Hirnschlag und besuchte für längere Zeit in eine Rehabilitation, bis sie wieder einigermassen gesund war. An eine Nachfolge aus der Familie kam keiner in Frage. Jorit und Erich hatten ebenso wenig Ahnung von der Landwirtschaft wie Ihr Bruder Mats oder ihre jüngere Schwester Smilla. Der Bruder lebte mit den seinen in Malmö und arbeitete dort an der Universität für Kommunikationswissenschaften. Seine beiden Jungs waren im Alter von Jøgrunn und Aila. Die Schwester von Jorit, wohnte auf Gotland zusammen mit ihrem Freund und betreibt dort ein „Bead and Breakfast.“ Mit einem angegliederten Fahrradverleih. Ihr Lebenspartner Liam betrieb mit einem Bekannten einen Fischkutter, mit dem Sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Die beiden waren Eltern von einem fünfjährigen Jungen namens Nalle und einem drei Jahre alten Mädchen Svea. So kam es das Lasse und Hedda das Vieh und die Geräte verkauften bis auf die Kleintiere, die sie mehr zum Zeitvertreib und für die Enkelkinder hielten. Manchmal fand eines der Tiere den Weg über den Kochtopf von Hedda in die ewigen Jagdgründe, aber auch diese wurden weniger. Das Land verpachteten Sie an einen benachbarten Bauern, der für sie die Bewirtschaftung übernahm. Beide waren sich bewusst, dass der Zeitpunkt näherkam, als ihnen lieb war, an dem Sie den Hof für immer verlassen mussten und der Weg in ein Altenheim unausweichlich blieb.

Für Erich und Jorit gäbe es einzig die Möglichkeit, in das Wohnhaus der Grosseltern zu ziehen. Dabei fielen einige Renovationsarbeiten an, welche kostspielig sind und bei einer alten Liegenschaft hohe Kosten verursachen können. Lasse und Edda wären froh darüber, wenn das Haus im Besitz der Familie bliebe, aber Grossvater fiel der Gedanke schwer den Hof zu verlassen. Obwohl er sich insgeheim eingestand, dass es in naher Zukunft so sein wird.

Das Gespräch plätscherte so dahin. Die Kinder schauten sich eine Sendung im Fernsehen an, derweil sich die Erwachsenen weiter unterhielten. Die Hunde dösten im Korridor eng aneinander liegend vor sich hin. Es war gegen vier Uhr nachmittags, als die Familie Sohm den Hof der Eltern verliess und nach Hause fuhren. Nicht ohne das Versprechen von Ihrem Grossvater zu erhalten, dass die beiden Mädels mit ihm in den Wald dürften ihren Weihnachtsbaum auszusuchen. Erich hatte sich mit Lasse bezüglich der Aktion des Baumes auf den Tag vor Heiligabend geeinigt.

Die Abenddämmerung setzte ein, als sich Jorit und Erich mitsamt der ganzen Bagage den Hof in einem dichten Schneetreiben Richtung Stadt verliessen. Sie kamen nur langsam vorwärts, da die Schneeräumungsgeräte in hoher Anzahl unterwegs waren und teilweise die freie Fahrt behinderten. Der gesamte Verkehr bewegte sich träge wie ein Hundertfüsser auf der Autobahn Richtung Stadt.