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Über die Autorin

 

Katharina Kirn ist 1996 geboren und im Münsterland aufgewachsen. Derzeit studiert sie Kulturwissenschaften in Lüneburg. Wenn sie gerade nicht an ihre Geschichten denkt, hat sie ein Buch vor der Nase, genießt die Natur oder engagiert sich für Nachhaltigkeit. Sie liebt alles, was mit England, Geschichte und Literatur zu tun hat. Behind Your Eyes ist ihr erster Roman.

Mehr zum Buch und zur Autorin gibt es auf ihrem Instagram-Account @wordsbykathi.

 

 

 

 

 

 

 

Behind

Your Eyes

 

 

 

 

 

Katharina Kirn

 

 

 

 

 

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WREADERS E-BOOK

Band 94

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

 

Vollständige E-Book-Ausgabe

Deutsche Erstausgabe

 

Copyright © 2021 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Druck: BoD – Books on Demand, Norderstedt

Umschlaggestaltung: Emily Bähr

Lektorat: Julie Crouch, Anna Wiest

Satz: Lena Weinert, Julie Crouch

 

www.wreaders.de

 

ISBN: 978-3-96733-187-5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe dir nie die Geschichte erzählt,

in der ich mich verliebt habe, auch wenn Lieben

seitdem wie Atmen für mich war.

Habe nie erzählt, wie mir der Atem stockt,

wie alles in mir schreit »Sieh mich an!«,

doch wenn du es tust, werde ich blind.

Du bist mein Augenlicht, also lass es mich

dir jetzt erzählen.

 

KAPITEL 1

 

 

David

 

»David, nach links!« Das Brüllen von Coach Hanson schallt gnadenlos über den Platz. Er steht am Spielfeldrand, gestikuliert wild mit den Armen und scheucht uns in die gewünschte Richtung. Ich verdrehe die Augen, folge dann aber widerwillig seiner Aufforderung. Ich verstehe nicht, warum er mich nicht einmal mein Ding durchziehen lässt, denn ich weiß immer, was ich tue. Leider hat der Coach das noch nie begriffen. Nie kann er meine Gedankengänge nachvollziehen und wenn ich es ihm erklären will, dann schnauzt er mich nur an.

»Du sollst beim Fußball nicht denken.« Das ist sein Standardspruch. Dabei beeinträchtigt mich das Denken nicht beim Spielen und es würde ihm helfen, wenn er auch mal etwas vorausschauender wäre. Vielleicht würden wir dann heute nicht verlieren.

Der Ball ist jetzt bei Toby. Ich beobachte fassungslos, wie er durchzieht und dann hoch über das Tor hinausschießt. Stöhnend schlage ich mir die Hand vor die Stirn, während Hanson am Spielfeldrand auf einmal ganz still ist. Das darf doch nicht wahr sein. Die lauten Pfiffe der wenigen Zuschauer blende ich aus, wir haben schließlich nur noch drei Minuten, um zumindest unsere Ehre noch zu retten. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt allerdings nahezu bei null.

Für einen Moment stütze ich die Hände auf die Knie und versuche meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Beim letzten Sprint ist er durcheinandergeraten, weshalb mir mein eigenes Keuchen in den Ohren klingt.

Wie in Zeitlupe bereiten die Gegner den Abstoß vor, der weit hinter der Mittellinie genau vor Lukes Füßen landet. Der sieht den Ball zwar kommen, jedoch nicht den gegnerischen Spieler, der ihn von der Seite anrempelt und in kürzester Zeit im Zweikampf besiegt. Sein Bruder Alex, unser Torwart, ist völlig perplex, als der Ball an ihm vorbei ins Netz fliegt.

»Scheiße!« Ich lasse mich auf den Rasen fallen, als der Schlusspfiff ertönt. Wütend starre ich in den viel zu blauen Himmel über mir und beiße die Zähne so fest zusammen, dass es wehtut. Als Kapitän der Mannschaft habe ich immerhin ein Stück Verantwortung und wenn es mal nicht gut läuft, kommt das auch auf mich zurück.

Als das Gesicht von Luke über mir auftaucht, setze ich mich auf und ziehe das verschwitzte Trikot über den Kopf. Es ist wirklich verdammt heiß heute.

»Tut mir leid«, murmelt mein bester Freund zerknirscht und hält mir die Hand hin. Ich lasse mich hochziehen und klopfe ihm auf die Schulter.

»Schon gut, kann jedem mal passieren.« Meine eigentlich wütenden Gedanken behalte ich lieber für mich, denn Streit mit Luke kann ich wirklich nicht gebrauchen.

Zusammen gehen wir in die Kabine, um zu duschen und uns umzuziehen. Die anderen Jungs sitzen schnaufend und niedergeschlagen auf der Bank. Es herrscht mal wieder Trauerstimmung. Lustlos pfeffere ich das Trikot in Richtung meiner Tasche. Im Moment haben wir wirklich keinen Lauf, aber ich habe jetzt auch keine Lust, eine Ansage zu machen. Das bringt sowieso nichts und außerdem übernimmt diesen Job ja schon unser Coach mit dem größten Vergnügen. Ich sollte mich vielleicht beeilen, damit ich mir das Geschrei nicht allzu lange anhören muss.

Erschöpft setze ich mich auf die Bank und schließe die Augen. Die Müdigkeit mischt sich mit Schmerzen im rechten Fuß, die ich während des Spiels gar nicht bemerkt habe, aber in der zweiten Halbzeit habe ich mir einen heftigen Tritt eingefangen, den ich in den nächsten Tagen sicher noch spüren werde.

Ich begutachte den großen blauen Fleck, den die Stollen des anderen Spielers auf meinem Fußrücken hinterlassen haben. Zum Glück sieht es nicht sehr schlimm aus und laufen kann ich auch noch. Dann beeile ich mich, meine Sachen zu packen, obwohl ich eigentlich auch nicht nach Hause will.

Mein Vater wartet sicher schon draußen mit seiner Standpauke. Er schaut immer bei den Spielen zu, wenn er etwas von seiner kostbaren Zeit entbehren kann, und leider muss er dann auch jedes Mal seine Meinung dazu abgeben, so als ob ich ihn darum bitten würde. Meistens ist er nicht besonders begeistert von meinen Leistungen und hat deshalb auch immer etwas zu meckern. Er erträgt es nicht, wenn seine Familie irgendwo mal nicht die beste ist und es wäre ihm wahrscheinlich lieber, wenn ich Tennis spielen würde – oder Golf –, so wie die braven Söhne seiner Kollegen.

Die harten Holzlatten der Bank bohren sich unangenehm in meinen Rücken. Als ich die Augen wieder öffne, schauen meine Mannschaftskameraden mich erwartungsvoll an. Ich soll wohl auch noch etwas sagen, doch heute fällt mir einfach gar nichts ein.

»Ich muss los, bis morgen«, brumme ich also nur, schnappe mir schnell meine Tasche und flüchte aus der Kabine. Im Moment läuft einfach gar nichts nach Plan und alles und jeder nervt mich. Selbst mit Fußball spielen kann ich mich nicht mehr ablenken, der ganze Mist holt mich trotzdem wieder ein. Da kann ich mir nicht auch noch irgendwelche Motivationsreden einfallen lassen.

 

Wie erwartet, steht mein Vater schon mit angespanntem Gesicht und verschränkten Armen draußen auf dem Parkplatz. Er trägt noch seinen teuren Anzug von der Arbeit und ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder mich aufregen soll. Mit hängenden Schultern laufe ich neben ihm her zum Auto. Mittlerweile höre ich ihm gar nicht mehr zu, er sagt sowieso jedes Mal das Gleiche.

Nur noch ein Jahr, ein verdammtes Jahr, wiederhole ich krampfhaft in Gedanken, wie immer, wenn ich ihm am liebsten an die Kehle gehen würde.

Genervt steige ich in unseren schwarzen Porsche. Er hat wieder total auffällig geparkt, damit jeder sein Auto bewundern kann. Warum denken so viele alte Männer eigentlich, dass sie sich über Statussymbole definieren müssen? Ich habe das noch nie verstanden.

Als ich gerade die Tür extra laut zuknallen will, sehe ich Luke und Alex, die aus der Kabine kommen und hektisch in meine Richtung winken. Ich steige wieder aus und ignoriere den wütenden Protest meines Vaters, der mir hinterherschallt.

»Hey Dave, unsere Eltern wollen wissen, ob du am Wochenende nach der Party von Paul bei uns übernachtest?« Fast gleichzeitig ziehen sie fragend die blonden Augenbrauen hoch. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, sie sind einfach wie geklont, aber vielleicht ist das bei Zwillingen immer so. Das Grinsen verschwindet abrupt aus meinem Gesicht, als mein Vater ungeduldig auf die Hupe drückt. Luke und ich wechseln bedeutungsvolle Blicke. Er ist der Einzige, dem ich immer alles erzähle. Ich nicke und stecke die Hände in die Taschen meiner Shorts.

»Klar komm ich. Und heute Abend auch.« Dann drehe ich mich um und falle mit ausdrucksloser Miene wieder auf den ledernen Beifahrersitz.

 

»Und, wie ist es gelaufen?« Sofort nachdem wir das Haus betreten, kommt meine Mutter aus dem Wohnzimmer und sieht uns neugierig entgegen. Sie hat wohl schon hinter den Gardinen gelauert.

Ich antworte nicht, denn das kann man ja wohl an unseren Gesichtern ablesen. Außerdem interessiert es sie nicht wirklich, denn auch sie hält nichts von Fußball. Ich schiebe mich schnell an ihr vorbei, bevor sie mich ausquetschen kann, und laufe die marmorne Treppe hinauf in mein Zimmer. Die Fußballtasche schmeiße ich in die Ecke neben dem Kleiderschrank und werfe mich dann auf mein Bett.

Unten höre ich meine Eltern lautstark diskutieren. Wahrscheinlich geht es wieder darum, was für ein hoffnungsloser Fall ihr Sohn ist oder was sie bloß falsch gemacht haben. Man kann ihnen aber auch gar nichts recht machen.

Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren und starre an die Decke, nur damit ich ihnen nicht beim Streiten zuhören muss. Hätte ich einen Boxsack, könnte ich wenigstens auf etwas einschlagen, aber ich habe keinen und als ich das letzte Mal die furchtbar hässliche Vase aus dem Flur zum Abreagieren genommen habe, musste ich sie von meinem eigenen Geld ersetzen. Dabei brauche ich jedes Pfund, um nach dem Abschluss von hier wegzukommen. Wir sind zwar nicht gerade arm, aber ein Flugticket nach Hawaii zum Surfen bezahlen mir meine Eltern garantiert nicht. Also beiße ich nur die Zähne zusammen, sodass mein Kiefer knackt, und balle die Hände zu Fäusten.

Meine Eltern denken, dass ich Mathe oder etwas Ähnliches studieren werde.

»Du musst deine Begabung nutzen«, sagen sie immer und gucken mich dabei vorwurfsvoll an. Ich bin leider tatsächlich begabt in Mathe, aber das heißt nicht, dass ich es auch gerne mache. Ich lasse sie allerdings in dem Glauben, dass ich begeistert von ihrem Plan bin, damit sie mir nicht auf die Nerven gehen. Eigentlich haben sie jedoch überhaupt keine Ahnung. Erst mal will ich nur so viel Abstand wie möglich zwischen mich und London bringen und meine Freiheit genießen.

Die Musik dröhnt weiter aus den Kopfhörern und lässt die Aggressionen langsam verschwinden. Gerade, als ich es wage sie auszuschalten, klingelt mein Handy. Als ich den Namen auf dem Display sehe, bin ich versucht, einfach nicht dranzugehen, tue es dann aber doch.

»Hey.« Dass meine Begeisterung sich in Grenzen hält, ist mir wahrscheinlich anzuhören. Deshalb bleibt es am anderen Ende der Leitung auch erst einmal still. »Was gibt’s?«, frage ich dann nach, als immer noch keine Antwort kommt, und versuche wenigstens halbwegs interessiert zu klingen.

»Darf ich meinen Freund nicht einfach so anrufen?« Melanies Stimme hat einen vorwurfsvollen Unterton. Ich ziehe eine Augenbraue hoch, auch wenn sie das nicht sieht.

»Mel, das machst du sonst auch nie«, seufze ich. Sie will immer irgendwas Bestimmtes, wenn sie sich extra die Mühe macht, mich anzurufen.

»Kommst du am Wochenende auch zu Paul?«, fragt sie dann scheinbar beiläufig. Ich kann mir schon vorstellen, worum es ihr geht, sie will sich bestimmt mit mir treffen.

»Sicher«, antworte ich ihr etwas verspätet.

Mit dem Telefon am Ohr stehe ich auf, öffne meine Zimmertür und spähe über den Treppenabsatz nach unten. Im Haus ist alles still geworden. Mein Vater hat sich wahrscheinlich in sein Arbeitszimmer verkrochen und meine Mutter scheint weggefahren zu sein. Jedenfalls steht ihre Handtasche nicht mehr auf der Kommode im Flur.

Mit einem Ohr höre ich Mel zu, die von einer Shoppingtour mit ihrer Cousine erzählt, und werfe hin und wieder ein »Hm« oder »Aha« ein. Aber sie ist so in Fahrt, dass sie mein Desinteresse kaum bemerkt.

»Also, was ich eigentlich fragen wollte …«, kommt sie schließlich zur Sache. »Wollen wir nachher ins Kino gehen?«

Ich kann hören, dass sie versucht, den flehenden Ton zu unterdrücken, aber ich kenne sie zu gut. Normalerweise hätte ich zugestimmt, denn im Kino wäre sie wenigstens mal ruhig und gleichzeitig zufrieden, dass ich etwas mit ihr unternommen habe.

»Ja, das wäre toll«, sage ich deshalb. »Aber ich bin schon mit den Jungs verabredet.« Ich kneife die Augen zu und hoffe, dass sie nicht wieder ausflippt.

»Oh, schon klar, die sind natürlich wichtiger als ich.« Ihre resignierte Stimme macht mir klar, dass sie wirklich enttäuscht ist.

Es hat eine Zeit gegeben, da mochte ich Melanie sehr, mittlerweile ist das Ganze aber ziemlich abgekühlt. Trotzdem kann ich sie nicht verlassen, denn ich glaube, sie liebt mich wirklich, und außerdem ist ihr Vater ein hohes Tier bei der Polizei. Er würde mir bestimmt die Hölle heiß machen, wenn ich seine Tochter verletze.

»Sorry, aber das haben wir schon letzte Woche geplant. Ich melde mich später bei dir, okay?«

Erleichtert lege ich auf, wenn auch mit einem schlechten Gewissen, und werfe das Handy aufs Bett. Dann setze ich mich verkehrt herum auf meinen Schreibtischstuhl und verschränkte die Arme auf der Lehne. Der Blick auf mein zerwühltes Bett und den unordentlichen Rest meines Zimmers verstärkt paradoxerweise das Gefühl der Leere in mir, von dem ich nicht weiß, woher es kommt oder wie ich es wieder loswerden kann. Es kostet mich ziemlich viel Anstrengung, die deprimierenden Gedanken wieder aus meinem Kopf auszusperren und stattdessen aufzustehen und meinen Rucksack zu packen.

 

Kurze Zeit später schwinge ich mich auf mein Mountainbike und mache mich auf den Weg zu der Wiese im Park, in dem ich mich immer mit meinen Freunden treffe. Der Wind ist warm, es ist schließlich Mitte Juli und der Sommer hat gerade erst richtig begonnen. Ich genieße die kurze Fahrt und atme ein paar Mal tief durch. An diesem Abend will ich Spaß haben und nicht an meine Probleme denken, denn davon habe ich erst mal genug.

Diesmal bin ich sogar als Erstes da, obwohl ich den längsten Weg habe. Ich lehne das Fahrrad an einen Baum und setze mich mit gekreuzten Beinen auf einen der flachen Steine nahe dem zugewachsenen Teich, den alle nur Fishpond nennen. Träge blinzele ich in die untergehende Sonne. Meine Gedanken schweifen ab, ich träume von der Freiheit, die ich in einem Jahr endlich haben werde. Ganz allein in die USA – ohne nervende Eltern und eine anstrengende Freundin. Dann kann ich endlich tun, was ich will.

Als ich auf das trübe Wasser schaue, wird mein Herz leichter und ich beschließe, dieses eine Jahr noch durchzuhalten, egal was passiert. Von meinen Plänen lasse ich mich auf keinen Fall mehr abbringen.

Abrupt werde ich aus meinen Gedanken gerissen, als von hinten lautes Rufen ertönt. Luke und Alex kommen wie immer zusammen und lassen ihre Rucksäcke neben ihren Rädern ins Gras fallen. Ich stehe auf, um sie zu begrüßen.

»Was machst du denn schon hier?« Luke gibt mir eine Kopfnuss. Ich ducke mich weg und boxe ihm leicht auf die Schulter. Wir lachen.

»Bin vor meinen Eltern geflüchtet, was sonst«, gebe ich zurück und setze mich wieder. Nach und nach kommen auch die anderen, der Berg von Fahrrädern und Skateboards im Gras wird größer und die Musik aus den mitgebrachten Boxen lauter. Paul reicht Flaschen herum. Langsam kann ich mich entspannen, weil ich mich bei meinen Freunden nicht verstellen muss. Wir sind uns alle so ähnlich, dass wir uns voreinander nicht zu verstecken brauchen und so lassen sich die dummen Gedanken für den Rest des Abends in einen entlegenen Winkel meines Gehirns verbannen.

 

KAPITEL 2

 

 

David

 

Das nervtötend laute Zwitschern einer Amsel weckt mich am nächsten Morgen. Außerdem ist es taghell in meinem Zimmer, scheinbar habe ich heute Nacht vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Wie in Zeitlupe hebe ich meinen Arm und werfe einen Blick auf mein Handy. Das Display verschwimmt vor meinen Augen und ich blinzele heftig. Die Uhr zeigt erst kurz nach acht und zwei verpasste Anrufe von Melanie.

Stöhnend sinke ich wieder in die Kissen. Ich fühle mich, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen und allzu viele Stunden können es auch nicht gewesen sein. Ich weiß nicht mal, warum ich überhaupt hier bin, denn normalerweise schlafe ich so selten wie möglich zu Hause. Ich habe wohl nicht nachgedacht – zu müde oder zu betrunken –, jedenfalls besitze ich nur eine vage Vorstellung davon, wann und wie ich hierhergekommen bin.

Ich wälze mich aus dem Bett, strecke mich und öffne das Fenster weit. Die frische Luft macht mich richtig wach und plötzlich melden sich auch die stechenden Kopfschmerzen, sodass ich mich kurz setzen und mir die pochenden Schläfen massieren muss.

»Wer säuft, muss auch die Konsequenzen tragen!«, höre ich die Stimme von Mr Fields, unserem Mathelehrer, im Kopf. Das ist sein Standardspruch, wenn wir manchmal montagmorgens verkatert in seinem Unterricht sitzen.

Als hätte es ein Eigenleben, beginnt mein Gehirn zu berechnen, wie viel Restalkohol sich noch in meinem Blut befindet. Das Ergebnis ist nicht allzu beunruhigend, wobei ich mir nicht mehr ganz sicher bin, was ich genau getrunken habe. Doch darüber brauche ich mir jetzt gar keine Gedanken mehr zu machen, denn ich habe Ferien – und zwar die letzten Sommerferien überhaupt.

Zuerst genehmige ich mir eine Aspirin aus dem Versteck meiner Mutter im Badezimmerschrank und schlucke sie mit Wasser aus der Leitung herunter. Dann schlurfe ich in die Küche und setze einen extra starken Kaffee auf. Bis zum Training heute Nachmittag muss ich schließlich wieder fit sein. Unser Coach hat hohe Ansprüche, da ist es nicht ungewöhnlich, dass wir am Tag nach einem Spiel schon wieder am Übungsplatz aufschlagen müssen – sehr zum Leidwesen von uns Spielern, die eigentlich mal ein bisschen Freizeit verdient hätten.

Meine Eltern sind anscheinend wie üblich ausgeflogen, jedenfalls sehe und höre ich niemanden. Das ist auch gut so, denn ich habe keine Lust, mir schon wieder die gleiche ellenlange Liste mit Vorwürfen anzuhören oder zuzusehen, wie meine Mutter in Tränen ausbricht, weil sie mit sich selbst überfordert ist.

Als der Kaffee fertig ist, fläze ich mich aufs Sofa und zappe durch die Fernsehkanäle, doch davon bekomme ich nur noch mehr Kopfschmerzen. Gerade als ich einen extragroßen Schluck Kaffee hinunterstürze, klingelt es unerwartet an der Tür. Ich verschlucke mich vor Schreck und durch den darauffolgenden Hustenanfall schwappt der Kaffee über.

»Scheiße!«, fluche ich und springe auf. Jetzt muss ich meiner Mutter auch noch den braunen Fleck auf ihrer weißen Designercouch erklären. Es klingelt wieder und ich verdrehe die Augen. Immer diese ungeduldigen Leute. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, einfach nicht aufzumachen, aber wer auch immer dort steht, weiß vermutlich, dass ich sehr wohl zu Hause bin. Derjenige nimmt den Finger nun gar nicht mehr von der Klingel.

»Jaja, ich komme schon«, brummele ich, stelle die Tasse auf dem Couchtisch ab und gehe in den Flur.

»Ja?«, sage ich nochmal, diesmal in die Sprechanlage neben der Tür. Ich weiß natürlich, dass es Melanie ist, denn ich sehe sie auf dem Bildschirm unserer Überwachungskamera. Unwillkürlich verziehe ich das Gesicht. Das fehlt mir gerade noch.

»David, bist du das?«, schallt ihre Stimme aus dem Lautsprecher, der ihre Ungeduld nicht verbergen kann.

»Ja.« Ich kann anscheinend gar nichts anderes mehr sagen.

»Ich dachte schon, du bist nicht da, aber Luke meinte, du wärst nach Hause gegangen.«

Ich lasse sie noch ein bisschen zappeln und beobachte belustigt, wie sie ungeduldig mit dem Fuß wippt.

»Hm …« Widerwillig drücke ich auf den Toröffner. Es hat ja doch keinen Sinn. Als ich einen Moment später die Haustür öffne, steht Melanie schon davor.

»Hey«, begrüße ich meine Freundin mit schleppender Stimme. Ihr missbilligender Blick streift mich einmal von Kopf bis Fuß, bevor sie die Nase rümpft und sich an mir vorbei ins Haus drängt. »Oh Gott, wie du wieder aussiehst. Bist du etwa immer noch voll?«

Ich lasse die Tür ins Schloss fallen und schaue unauffällig in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Meine Haare sind wirklich ziemlich verstrubbelt und noch dazu habe ich Augenringe. Ich schneide meinem Spiegelbild eine Grimasse und folge Melanie nach oben.

»Ja, ich weiß, ich geh ja schon duschen«, sage ich schnell, als ich sehe, dass sie schon wieder losmeckern will.

Missmutig gehe ich ins Bad, um mich fertig zu machen. Melanies Auftauchen hat den letzten Rest meiner Motivation verschwinden lassen. Vielleicht klingt das gemein, aber es ist nun mal die Wahrheit.

Als ich zehn Minuten später frisch geduscht und nur mit Boxershorts bekleidet wieder in mein Zimmer komme, sitzt Melanie auf meinem Bett und schaut mich mit ihrem Dackelblick an. Dieses Gesicht setzt sie immer auf, wenn sie etwas will, ich gehe jedoch gar nicht darauf ein, sondern nehme mir wahllos ein T-Shirt aus dem Schrank und ziehe es über.

»David!« Da ist sie wieder, die vorwurfsvolle Stimme. »Wir haben schon so lange nichts mehr zu zweit unternommen!«

Ach, daher weht also der Wind. Ich seufze. »Ich hab heute Training«, versuche ich mich herauszureden, aber Melanie unterbricht mich.

»Ja, das ist dir mal wieder wichtiger. Du interessierst dich doch überhaupt nicht mehr für mich. Du fragst noch nicht mal, wie es mir geht!«

Zu allem Überfluss füllen sich ihre Augen mit Tränen und auf eine Szene habe ich jetzt wirklich gar keine Lust.

»Wir können doch morgen was machen«, schlage ich also schnell vor, doch sie blitzt mich weiterhin wütend an.

»Ach ja? Und morgen fällt dir dann wieder etwas viel Wichtigeres ein. Nie hast du Zeit für mich. Ganz ehrlich David, ich hab so die Schnauze voll von dir. Ich frage mich, warum ich dir überhaupt noch hinterherrenne!«

Mel springt auf und rauscht ohne ein weiteres Wort an mir vorbei aus dem Zimmer, sodass ich etwas verdattert zurück bleibe. Unten höre ich nur noch die Haustür zufallen. Verstehe einer die Frauen, egal was man macht, es ist immer falsch.

 

Bei meiner schlechten Laune macht es dann auch keinen Unterschied mehr, dass mein Vater kurze Zeit später an meine Zimmertür klopft. Ich liege in Jogginghose und mit meinem Laptop auf dem Bett, die Musikanlage aufgedreht.

»Ja?«, grummele ich und blicke ihm wütend entgegen. Hat man denn hier nie seine Ruhe?

»Hallo«, sagt er und versucht sich an einem Lächeln. Ich verdrehe nur die Augen, schalte die Musik aber leiser, um ihn nicht auf die Palme zu bringen. Normalerweise finde ich es ganz amüsant, wenn er sich aufregt, aber heute habe ich selbst dazu keine Lust.

»Was gibt’s?«, frage ich und bemühe mich sogar, freundlich zu klingen, warum auch immer.

»Ich habe dich gestern gar nicht mehr gesehen. Wir haben heute ein wichtiges Geschäftsessen und mein neuer Firmenpartner wird seine Tochter mitbringen.«

Wie er immer direkt von wir spricht, nach meiner Meinung fragt er erst gar nicht. Ich öffne gerade den Mund, um zu einer Erwiderung anzusetzen, da redet er schon weiter.

»Sie dürfte ungefähr in deinem Alter sein, also erwarte ich von dir, dass du auch mitkommst, damit sie sich nicht langweilt.« Er lehnt sich in den Türrahmen und verschränkt die Arme. Das heißt bei ihm so viel wie ›Es ist mir egal, was du willst, aber du machst, was ich sage.

»Okay«, murmele ich nur und wende mich wieder dem Bildschirm zu.

»Schön«, seufzt er erleichtert. »Zieh dir etwas Vernünftiges an, es ist mir wichtig, dass du einen guten Eindruck hinterlässt.« Mit diesen Worten und einem letzten missbilligenden Blick auf meine Jogginghose nickt er mir noch einmal zu und verschwindet wieder.

Ich schneide eine Grimasse bei dem Gedanken, mich mal wieder in den spießigen Anzug quetschen zu müssen. Noch schlimmer sind allerdings die sterbenslangweiligen Gespräche über Finanzen und Politik und die Millionärstöchter, mit denen ich dann Smalltalk halten muss.

 

»Na, hast ja doch überlebt!« Grinsend stößt Luke mir in die Seite, während wir in gemächlichem Tempo die zweite Runde um den Fußballplatz laufen, um uns aufzuwärmen.

»Meinst du unser Treffen gestern Abend oder Melanies Standpauke?«, frage ich trocken.

»Ach ja, die hat mich heute Morgen mit ihrem verzweifelten Anruf geweckt, weil sie dachte, du wärst bei uns.« Wir verdrehen gleichzeitig die Augen und fangen an zu lachen. Luke weiß als Einziger, wie Mel mir auf die Nerven geht, auch wenn er der Meinung ist, dass ich mit ihr Schluss machen sollte.

Als wir das nächste Mal an Coach Hanson vorbeikommen, lässt dieser uns sofort wissen, was er von unserem Gespräch hält.

»Da ist ja meine Grandma im Altenheim schneller als ihr beiden. Wenn ihr so viel Puste habt, könnt ihr gleich noch eine weitere Runde laufen! Und damit meine ich laufen und nicht spazieren gehen!«, brüllt er uns hinterher. Die Niederlage von gestern hat er uns scheinbar noch nicht verziehen. Luke und ich wechseln einen bedeutungsvollen Blick. Wie immer verstehen wir uns auch ohne Worte.

Nach dem Training fahre ich schnell nach Hause, immerhin muss ich mich ja noch vernünftig anziehen, wie mein Vater sich ausdrücken würde. Ein blaues Hemd hängt schon gebügelt an meiner Zimmertür, denn wenn es um ein wichtiges Essen geht, denkt meine Mutter immer an alles. Sonst überlässt sie das ganz gerne auch unserer Haushälterin.

Als ich mir vor dem Spiegel die Krawatte binde, natürlich farblich passend zum Hemd, bleibt mein Blick an meinem Gesicht hängen. Irgendwie sehe ich in letzter Zeit ganz schön fertig aus. Und seit wann habe ich diese dunklen Ringe unter meinen Augen? Seufzend fahre ich mir einmal durch die dunkelblonden Haare, die sich sowieso nicht bändigen lassen. Hoffentlich ist das jetzt gut genug für meinen Vater.

Als wir nach einer zwanzigminütigen Fahrt das Restaurant betreten, schlägt uns warme Luft entgegen. Mein Vater geht zielstrebig auf den erstbesten Kellner zu und verlangt nach seinem Tisch. Er tut immer so, als würde ihm der Laden persönlich gehören und ich hasse sein arrogantes Gehabe. Die Leute müssen mich für ein ebensolches Arschloch halten, aber ich bin eine andere Art von Arschloch, so gut kann ich mich selbst einschätzen.

Wir haben gerade unsere Jacken abgegeben, da kommt auch schon der Geschäftspartner meines Vaters, Dr. Stephen of Whitehall, wahrscheinlich ein Adliger. Schon auf der Hinfahrt musste ich mir seinen ganzen Lebenslauf anhören, damit ich auch informiert bin.

Mit großem Hallo schütteln die Männer sich die Hände. Das aufgesetzte Lachen meiner Mum lässt mich die Lippen zusammenpressen. Bemüht höflich begrüße ich ebenfalls die Gäste. Als letztes fällt mein Blick auf das Mädchen, Linda, oder war es doch Lydia? Ich habe keine Ahnung, aber es interessiert mich auch nicht wirklich. Allerdings scheint sie genauso ungern hier zu sein wie ich, was sie mir zumindest ein bisschen sympathischer macht.

Ich bin dennoch froh, als der Kellner mit Champagnergläsern an unseren Tisch kommt. Meins kippe ich in einem Zug herunter, was mir einen warnenden Blick von meinem Vater einbringt. Ich erwidere ihn mit einem Grinsen, doch er ruckt sein Kinn nur in Richtung des Mädchens neben mir. Seufzend wende ich mich ihr zu.

»Hübsches Kleid«, sage ich, worauf sich eine feine Röte auf ihren Wangen ausbreitet. Ach du meine Güte, das kann ja heiter werden.

»Danke«, murmelt sie und senkt den Blick. Ihre Mutter, die auf meiner Seite sitzt, scheint die Not ihrer Tochter zu spüren. Sie beugt sich zu mir herüber und ich muss mich zwingen, nicht zurückzuweichen. Ich kann es nicht leiden, wenn man mir zu nahe kommt.

»David, deine Mutter erzählte gerade, dass du bald Mathematik studieren wirst.«

Sie scheint ganz aus dem Häuschen und ich will sie gerade darüber aufklären, dass das ganz und gar nicht meine Absicht ist, da redet sie schon weiter.

»Unsere Lindsay hat in diesem Bereich leider etwas den Anschluss verpasst.« Ein tadelnder Blick streift ihre Tochter, die noch etwas mehr in sich zusammensinkt. Fast tut sie mir leid, denn diesen Blick kenne ich selbst nur zu gut.

»Sie könnte etwas Hilfe gebrauchen, vor allem, da jetzt bald das letzte Schuljahr ansteht.« Erwartungsvoll sieht sie mich an, die rot geschminkten Lippen zu einem auffordernden Lächeln verzogen. Moment mal, hat sie gerade ernsthaft vorgeschlagen, dass ich ihrer Tochter Nachhilfe gebe?

Ich reagiere erst, als mich unter dem Tisch ein Stoß von meiner Mutter trifft. »Das ist keine gute Idee, denke ich. Ich bin ziemlich ungeduldig und kann überhaupt nicht gut erklären«, verkünde ich mit ernster Miene. Das ist nicht mal gelogen. Der enttäuschte Blick von Lindas Mutter bringt mich fast zum Lachen, aber ich kann mich gerade noch beherrschen.

Endlich wird das bestellte Essen gebracht, eine willkommene Abwechslung zu den holprigen Gesprächen auf unserer Seite des Tisches, die es mir außerdem ermöglicht, alle weiteren Annäherungsversuche mit einer entschuldigenden Geste auf meinen vollen Mund abzuwimmeln.

Als ein Handy klingelt, verstummen auch die beiden Männer und fangen an, in ihren Jacketttaschen nach den Telefonen zu suchen. Es könnte schließlich jeder Zeit ein geschäftlicher Anruf reinkommen.

»Also, meins ist es nicht«, meint mein Vater dann aber und auch die anderen am Tisch schütteln die Köpfe. Alle Blicke wenden sich jetzt mir zu, denn es klingelt immer noch. Also nehme ich mein iPhone aus der Hosentasche und werfe einen Blick auf das Display. Beccy, leuchtet es mir entgegen.

»Ich geh mal kurz raus, ist wichtig«, sage ich zu niemand Bestimmtem und ignoriere die wütenden Blicke meiner Eltern. Ich wette, wenn es ihr Handy gewesen wäre, wären sie auch rausgegangen.

Umständlich dränge ich mich durch das volle Restaurant und entschuldige mich nach allen Seiten, wenn ich an einem Stuhl oder einer Jacke hängenbleibe. Endlich habe ich die Tür erreicht und trete nach draußen, das Handy schon am Ohr. Dankbar sauge ich die frische Luft ein und mein Atem bildet kleine weiße Wölkchen.

»Was gibt’s?«, frage ich und sofort schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht, denn Beccys Stimme ist unverkennbar. Meine Cousine und ich sind uns sehr ähnlich, daher verstehen wir uns auch so gut, doch leider geht sie seit zwei Jahren in Birmingham auf ein Internat. Seitdem sehen wir uns nur noch selten.

»Heeeey«, ruft sie ins Telefon. Im Hintergrund höre ich laute Musik und Stimmengewirr. Anscheinend steigt wieder eine Party im Internat. Ich habe auch schon mal überlegt, ob ich dorthin gehen soll, aber ich will nicht von meinen Freunden weg. Sie sind das Wichtigste in meinem Leben.

»Na, was macht mein allerliebster Cousin denn gerade so?« Sie nuschelt schon ein bisschen und ich muss mir ein Lachen verkneifen.

»Ich habe bestimmt nicht so viel Spaß wie du«, gebe ich zurück. Am anderen Ende der Leitung ist ein Kichern zu hören.

»Sag mal, bist du betrunken?«, frage ich sie scherzhaft vorwurfsvoll. Mittlerweile laufe ich vor dem Restaurant auf und ab. Hier draußen gefällt es mir um einiges besser als drin, auch wenn es recht frisch ist.

»Nein, wie kommst du denn darauf?« Wieder lacht sie und klingt dabei ziemlich betrunken. Ich lehne mich an die kalte Hauswand und stecke die linke Hand in die Hosentasche. Da sie sich morgen vermutlich sowieso nicht mehr daran erinnern wird, kann ich sie genauso gut ein bisschen volljammern.

»Ich bin auf einem Geschäftsessen mit meinen Eltern und das seit fast zwei Stunden«, brumme ich und seufze selbstmitleidig, was mir ein belustigtes Schnauben meiner Cousine einbringt.

»Ooooch, mein armer Schatz«, säuselt Beccy und ich muss schon wieder grinsen. Sie schafft es immer, dass ich mich besser fühle.

»Komm doch lieber bei mir vorbei … ist super hier, es gibt gaaaanz viel Alkohol und –« Ein Scheppern erklingt und gleich darauf höre ich jemanden fluchen. Dann kichert meine Cousine mir wieder ins Ohr.

»Oh Mann, du bist wirklich besoffen«, stelle ich amüsiert fest. »Warum rufst du eigentlich immer nur an, wenn du betrunken bist?«, will ich wissen und kicke einen kleinen Stein ins Gebüsch.

»Weiß nich«, nuschelt sie, nur um gleich darauf mit doppelter Lautstärke weiterzusprechen. »Na ja, wassich dich eigentlich fragen wollte, has du schon mal daran gedacht –«

Den Rest höre ich nicht mehr, denn plötzlich nehme ich neben mir eine Bewegung wahr. Ich hebe den Kopf und sehe meinen Vater direkt neben mir stehen, die anderen ein paar Schritte weiter entfernt. Oje, das wird Ärger geben. Beccy plappert weiter, doch ich nehme das Handy vom Ohr.

»Wir fahren jetzt«, sagt mein Vater mit gefährlich ruhiger Stimme, dreht sich um und geht wieder zu den Gästen, ohne auf mich zu warten. Er würde es fertig bringen, mich hier stehenzulassen, also laufe ich schleunigst hinterher. Im Gehen verabschiede ich mich von meiner Cousine und verspreche ihr, sie demnächst besuchen zu kommen.

»Pass auf dich auf, okay?«, trichtere ich ihr ein, doch sie murmelt nur »Jaja«, bevor die Verbindung unterbrochen wird und mir im Auto eine weitere Standpauke blüht.

 

KAPITEL 3

 

 

David

 

Mit einer Reisetasche über der Schulter mache ich mich am frühen Samstagabend auf den Weg in die Küche, um noch schnell etwas zu essen, bevor ich zu Luke und Alex aufbreche. Während ich den Kühlschrank durchforste, wähle ich Melanies Nummer, um sie zu fragen, ob wir sie nachher zur Party mitnehmen sollen. Ich bin fast erleichtert, dass sie nicht rangeht.

Gerade schlinge ich im Stehen ein Sandwich herunter, als mein Vater die Küche betritt. Was macht der denn schon hier? Normalerweise ist er auch samstags immer den ganzen Tag bei der Arbeit, er lebt ja quasi nur dafür. Ich schlucke hastig den letzten Bissen herunter und will mich an ihm vorbeidrängen, um einem Vater-Sohn-Gespräch zu entgehen, doch er stellt sich mir in den Weg.

»Moment mein Lieber, ich habe ein Wörtchen mit dir zu reden.« Mit strenger Miene drückt er mich auf einen Stuhl und setzt sich mir gegenüber an den Tisch. Weglaufen ist zwecklos. Unruhig rutsche ich hin und her, das Sandwich liegt mir plötzlich wie ein Stein im Magen.

In Erwartung, dass der andere etwas sagt, schauen wir uns an. Als nichts geschieht, räuspert mein Vater sich und rückt seine Brille zurecht.

»Wie sieht es denn mit deinen Universitätsbewerbungen aus? Es ist nur noch ein Jahr bis dahin.« Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen. »In Oxford nehmen sie schon in zwei Monaten die Bewerbungen an.«

Ach darum geht es ihm. Er will sich bestimmt für mein Benehmen gestern rächen, aber das macht er nie direkt, sondern immer hinten rum. Und beim Thema Uni hilft nur die Flucht.

»Weißt du, ich kümmere mich darum«, sage ich mit ernstem Gesicht und mache Anstalten aufzustehen. In Wirklichkeit kümmere ich mich zwar um ganz andere Sachen, aber das werde ich ihm nicht auf die Nase binden. Mit einem einzigen Blick bringt er mich jedoch dazu, sitzen zu bleiben.

»Das reicht mir nicht mehr, ich möchte Resultate sehen.« Er steht nun selbst auf und geht dazu über, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor mir auf und ab zu schreiten. Unauffällig werfe ich einen Blick auf die Uhr über der Tür. Ich bin wirklich schon spät dran.

»Nicht umsonst haben wir dich mit deiner Begabung so gut wie möglich unterstützt. Meinst du nicht, es ist deine Pflicht, etwas daraus zu machen?«, fragt er mit vorwurfsvoller Stimme. Jetzt kommt er wieder mit der Leier. Ich habe immerhin nicht um eine überdurchschnittliche Intelligenz im logischen Denken gebeten. Außerdem will ich das nicht so heraushängen lassen, denn ich musste hart dafür kämpfen, deshalb nicht zum Außenseiter zu werden.

Fieberhaft überlege ich, wie ich so schnell wie möglich verschwinden kann. Diesmal bemühe ich mich wirklich um einen besonders überzeugenden Gesichtsausdruck.

»Ja, das weiß ich. Und ich werde mich auch wirklich informieren. Versprochen.«

Ich fühle mich wie ein schlechter Schauspieler, aber es scheint zu wirken. Oder mein Vater hat einfach keine Lust mehr auf eine Diskussion, denn er seufzt nur resigniert.

»Ich werde das überprüfen«, droht er noch und lässt mich dann endlich gehen. Erleichtert springe ich auf und rufe ihm noch ein »Bis morgen!« zu. Dann schließe ich die schwere Haustür hinter mir und atme die frische Abendluft ein, die langsam abkühlt. Das beklemmende Gefühl, das mir eben noch die Kehle zugeschnürt hat, verschwindet und macht Platz für die Vorfreude auf den Abend.

 

Als wir bei Paul ankommen, ist die Party schon in vollem Gange. Zu dritt sind wir hergelaufen, denn die Zwillinge wohnen nur ein paar Blocks von Paul entfernt.

Die Tür ist offen und schon vor dem Haus stehen überall Leute mit Bierflaschen und Plastikbechern. Wir bahnen uns einen Weg durch den Vorgarten und betreten den geräumigen Flur, auf dessen Boden sich Jacken und Taschen stapeln, also lasse ich meine gleich daneben fallen.

Nachdem wir uns alle begrüßt haben, sinke ich im Wohnzimmer auf die Couch und lasse mir von Alex eine Flasche reichen. Alles vibriert im Takt des Beats, wahrscheinlich werden die Nachbarn später wieder die Polizei rufen. Pauls Eltern haben eine eigene erfolgreiche Firma für luxuriöse Gartenmöbel, daher wohnt die Familie in einem großzügigen Stadthaus mit Garten – das heißt allerdings auch, dass die Nachbarn alle ziemlich spießig sind.

»Was ist los mit dir?« Luke setzt sich neben mich und nimmt einen Schluck von seinem Bier. Er hat wohl bemerkt, dass ich heute nicht so richtig bei der Sache bin.

»Nichts«, murmele ich und starre auf die Tischplatte vor mir. Meine Finger zupfen unruhig an einer Ecke des Bierflaschenetiketts.

»Was hast du gesagt? Die Musik ist so laut!« Er beugt sich näher zu mir. Ich mache eine wegwerfende Handbewegung, seinen besorgten Blick ignoriere ich.

Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer im Raum um. Überall kleben Pärchen aneinander und die provisorische Tanzfläche ist auch ziemlich voll.

Plötzlich fällt mein Blick auf Melanie, die sich gekonnt im Takt des Beats bewegt. Ich habe sie vorher gar nicht bemerkt und sie scheint auch zu beschäftigt zu sein, um auf mich zu achten. Mit zusammengekniffenen Augen beobachte ich, wie sich ein Kerl von hinten an sie presst und die Arme um ihre Taille legt, die durch das enge, dunkle Kleid betont wird. Ich traue meinen Augen kaum, als Mel sich nicht etwa schnellstens von ihm löst, sondern lachend ihre langen dunklen Haare zurückwirft und die Hüfte noch etwas mehr kreisen lässt. Wahrscheinlich versucht sie, mich eifersüchtig zu machen und in gewisser Weise ist ihr das auch gelungen, denn ich kann nicht zulassen, dass sich jemand an meine Freundin ranmacht.

Schneller, als ich es mir zugetraut hätte, springe ich auf, dränge mich durch die Menge und packe den Typen bei der Schulter. Er wirbelt herum und ich erkenne Tyler aus meinem Englischkurs, dessen Überraschung schnell zu Belustigung wird, als er in mein wütendes Gesicht blickt.

»Nimm deine dreckigen Hände von ihr«, knurre ich nur warnend und stoße Tyler grob weg. Doch sofort schiebt sich Paul zwischen uns, die dunklen Brauen zusammengezogen. Er hat wohl Angst um die Möbel seiner Eltern.

»Kommt schon, lasst das!« Energisch drückt er uns auseinander. Jetzt mischt sich auch Mel ein.

»David, können wir mal bitte reden?« Sie nimmt meine Hand und zieht mich in den Flur, wo es ruhiger ist. Dort lässt sie mich los und stemmt die Hände in die Hüften. In ihren braunen Augen liegt ein gefährliches Funkeln, das in letzter Zeit immer öfter auftaucht. Es ist wohl besser, wenn ich ihr zuvorkomme.

»Melanie, was soll das?«, fahre ich sie also an. »Warum lässt du dich so von dem anmachen?«

Sie schnaubt wütend. »Na, wenn du es nicht tust!«, faucht sie zurück. Ach, darum geht es. Verdammt! »Weißt du, ich habe einfach keine Lust mehr darauf, ewig zu Hause zu sitzen und auf dich zu warten. Du rufst ja sowieso nie an«, zischt sie und tritt einen Schritt zurück, als ich die Hand nach ihr ausstrecke.

»Also, das kann man so jetzt auch nicht sagen«, beginne ich, denn immerhin habe ich es heute Nachmittag noch versucht – wenn auch eher pflichtschuldig.

»Jetzt tu doch nicht so. Glaubst du dir das eigentlich selbst?«, schnaubt sie. Jetzt ist sie anscheinend richtig wütend und somit wird es höchste Zeit, sie irgendwie wieder zu besänftigen.

»Ich hab in letzter Zeit echt viel Stress zu Hause gehabt.« Jetzt nehme ich doch ihre Hand und sehe sie bittend an. Kurz merke ich, wie sie nachgeben will, doch dann kehrt die Härte in ihren Blick zurück. Sie entreißt mir ihre Hand und tritt einen Schritt zurück.

Mittlerweile haben wir mehrere Zuhörer, die sich im halb offenen Durchgang zum Wohnzimmer herumdrücken und ihre Meinung zu unserem Streit abgeben. Kurzerhand knalle ich ihnen die Tür vor der Nase zu und drehe mich wieder zu Melanie um, die auf einmal sehr traurig aussieht.

»Ich will das nicht mehr, David. Ich hab was Besseres verdient.« Leise schluchzt sie auf und mich beschleicht ein beklemmendes Gefühl. »Du kannst dir eine neue Freundin suchen.«

Mit einem letzten Blick aus tränenverschleierten Augen reißt sie ihre Jacke vom Haken und stürzt durch die Tür nach draußen. Im ersten Moment bin ich völlig perplex. Hat sie gerade wirklich mit mir Schluss gemacht? Mir entfährt ein Laut zwischen ungläubigem Lachen und frustriertem Schnauben

Wir haben uns zwar schon länger nicht mehr richtig verstanden, aber das habe ich nicht erwartet. Ich fühle mich, als hätte mir jemand ins Gesicht geschlagen. Ich stehe wohl ziemlich lange da, denn irgendwann öffnet sich die Tür zum Wohnzimmer langsam und Luke kommt heraus.

»Ist alles okay bei dir? Ich dachte, ich gucke mal nach.« Fragend schaut er sich erst im Flur um und dann mich an. Mein Gesichtsausdruck spricht wohl Bände, denn er scheint zu sehen, was passiert ist. »Ihr habt doch nicht etwa Schluss gemacht?« Überrascht reißt er die Augen auf.

»Doch, sie hat mich verlassen.« Meine Stimme ist nur noch ein Flüstern. Dann sinke ich auf die unterste Treppenstufe und vergrabe das Gesicht in den Händen. Luke setzt sich neben mich und legt mir freundschaftlich den Arm um die Schultern.

»Dann müsstest du doch erleichtert sein«, überlegt er leise. Damit hat er Recht und ich wundere mich eigentlich auch über meine merkwürdigen Gefühle, aber ich bin einfach nur verletzt und immer noch wütend. Ich will das alles nur noch vergessen.

Deshalb stemme ich mich wieder hoch, schüttele den Arm meines besten Freundes ab und stürze ins Wohnzimmer zurück. Dort scheint sich zum Glück niemand mehr für das kleine Drama zu interessieren und ich kann mich unbehelligt am Alkohol bedienen.

 

Die nächsten Stunden verbringe ich damit, beim Wetttrinken gegen Paul zu gewinnen, schlecht zu noch schlechterer Musik zu tanzen und mit Melanies Freundin Abigail in der Hollywoodschaukel auf Pauls Veranda rumzumachen.

Mittlerweile ist mir alles egal, auch, dass Abigail eine ganz schön miese Freundin ist, so wie sie Mel hintergeht.

Weil die Gedanken an meine jetzt Ex-Freundin wieder hochkommen, löse ich mich von dem Mädchen auf meinem Schoß und begebe mich erneut zur Theke in der Küche.

Nach einiger Zeit ist es mir erfolgreich gelungen, den Zwischenfall zu verdrängen, ich kann mich selbst an die Anzahl Shots, die ich getrunken habe, nicht mehr erinnern. Der Abend verschwimmt zu einem einzigen grauen Schleier, den ich erleichtert willkommen heiße.

Es ist schon merklich leerer geworden, als mich jemand am Arm packt und hochzieht. Ich blinzele, um herauszufinden, wer das ist, aber mir fallen immer wieder die Augen zu und so lasse ich mich einfach mitziehen. Mir ist sowieso alles gleich.

Wir stolpern nach draußen in die kühle Morgenluft und schlagartig wird mir übel. Stöhnend übergebe ich mich in die Hecke neben mir.

»Scheiße Dave, muss das sein? Meine Eltern rasten aus, wenn sie das sehen«, flucht eine Stimme hinter mir.

»Deine Eltern werden sowieso ausrasten«, lacht jemand anderes. Stimmen summen um mich herum und ich werde weitergezogen. Ich höre das Knallen von Autotüren und endlich erkenne ich schemenhaft die Schatten meiner Freunde. Aber warum steigen wir in ein Auto ein? Vielleicht träume ich auch nur, denn plötzlich bin ich mir sicher, dass wir zu Fuß gekommen sind.

»Fahr du, Luke, du hast weniger getrunken.«

Trotz meines benebelten Zustands habe ich ein komisches Gefühl in meiner Magengegend. Irgendetwas ist ganz und gar nicht in Ordnung. Ich versuche, mich zu artikulieren.

»Fahr nicht.« Die Worte scheinen meinen Mund nicht verlassen zu haben, denn niemand reagiert und der Motor wird gestartet. Das gleichmäßige Brummen macht mich schläfrig, sodass ich den Kopf gegen die Fensterscheibe sinken lasse. Kurz nicke ich weg. Doch gleich darauf schrecke ich wieder hoch, als das Auto durch ein Schlagloch ruckelt, und diesmal ist mein Verstand überraschend klar. Bäume, Häuser und andere Autos rasen an uns vorbei, ich kann sie im Scheinwerferlicht erkennen. Doch wo wir sind, weiß ich nicht. Der Weg nach Hause sieht zumindest anders aus.

Die Musik ist viel zu laut, sie dröhnt mir in den Ohren. Ich sehe mich im Auto um, neben mir ist der Sitz leer. Schräg vor mir hinter dem Lenkrad sitzt Luke und albert mit einem Typen herum, den ich nicht erkenne. Ein Handydisplay blendet mich, als Luke seinem Nebenmann das Gerät vor die Nase hält. Der wirft einen Blick darauf und bricht dann in Gelächter aus. Ihre Gesichter sind unnatürlich erleuchtet.

»Lasst das«, sage ich verzweifelt und diesmal scheinen sie mich verstanden zu haben. Luke bemerkt jetzt nämlich, dass ich wach bin.

»Guck mal, Dave ist wieder da«, sagt er.

»Wir fahr’n Essen holen und du –«, der andere Typ deutet mit dem Finger auf mich, »du musst bezahlen«, erklärt er und beide drehen sich belustigt zu mir um. Diese eine Sekunde reicht. Wie in Zeitlupe sehe ich das Auto von der Fahrbahn abkommen. Durch das Adrenalin bin ich schlagartig wieder nüchtern, tausend wirre Gedanken rasen durch mein Gehirn und analysieren die Situation. Doch es ist zu spät.

Es ist wie in diesen Träumen, in denen man weglaufen will und sich plötzlich nicht mehr bewegen kann. Ehe einer von uns überhaupt reagieren kann, ist es schon zu spät.

Ein Ruck, ein Knall, dann ist nichts mehr.

 

KAPITEL 4

 

 

David

 

Etwas stimmt nicht. Es ist, als hätte ich keinen Körper, denn ich fühle nichts. Aber meine Gedanken rasen pausenlos, so als stünden sie unter Strom, und würden jedes kleinste Geräusch um mich herum analysieren.

Ich bin allein. Woher ich das weiß, kann ich nicht sagen, aber ich bin mir sicher, dass es stimmt. Erinnerungsfetzen flimmern vor meinem inneren Auge. Dort gibt es Farben und Geräusche, doch ich kann sie nicht zuordnen.

Es ist kalt. Die Schwerkraft existiert nicht mehr, ich steige immer höher. Doch etwas bremst mich, lässt mich einfach nicht los. Wie ein Gewicht, das mich unbarmherzig zu Boden drücken will.

Es ist heiß. Plötzlich ein Keuchen. Luft in meiner Lunge – und mit einem Mal ist alles wieder da. Meine Lider flattern. Dann öffne ich die Augen.

Es ist hell, viel zu hell. Und laut. Ein rhythmisches Piepsen bohrt sich in meine Wahrnehmung und ich konzentriere mich darauf, das Geräusch festzuhalten, bevor es mir wieder entgleitet.

Ich versuche meinen Körper zu spüren, aber er ist immer noch wie betäubt. Das einzige, das ich kann, ist blinzeln. Und denken. Allerdings gelingt es mir einfach nicht, die Gedanken zu ordnen, sie wirbeln durch meinen Kopf, ohne dass ich sie festhalten kann, und verschwinden dann wieder.

So geht das einige Zeit, bis ich mich allmählich orientieren kann. Mir wird bewusst, dass ich liege. Meine Finger streifen eine weiche Decke und über mir sind Lichter. Der Kopf lässt sich nun auch bewegen, ebenso die Finger. Dann kommen mehr Geräusche und plötzlich bin ich nicht mehr allein. In mir macht sich eine dumpfe Angst breit und mein Atem geht schneller.

Schemenhaft erkenne ich Personen, die hektisch umherlaufen und muss erschöpft die Augen wieder schließen. Doch das ist nicht viel besser, denn ich will wissen, was da um mich herum geschieht.

Über mir erscheint das Gesicht einer dunkelhaarigen, fremden Frau. Sie lächelt mich an, aber das Lächeln erreicht ihre Augen nicht.

»Kannst du mir deinen Namen sagen?«, fragt sie und ich muss alle Konzentration aufbringen, um sie überhaupt zu verstehen. Der Nebel in meinem Kopf lichtet sich nur sehr langsam. Mühsam versuche ich zu sprechen und beim dritten Versuch kommt endlich etwas über meine Lippen, das halbwegs nach meinem Namen klingt.

Die Frau, die ich mittlerweile als Krankenschwester identifiziert habe, scheint erleichtert zu sein. Sie macht sich an einem Apparat zu schaffen, der rechts neben meinem Kopf steht, und plappert dabei über belanglose Dinge.

»Was ist passiert?«, unterbreche ich ihren Monolog angestrengt und räuspere mich. Mein Herzschlag beschleunigt sich plötzlich, als mir vollends bewusst wird, dass ich mich in einem Krankenhaus befinde und mich an nichts erinnern kann. Das Gerät registriert scheinbar meine steigende Nervosität und piept immer schneller. Die Schwester runzelt besorgt die Stirn und drückt auf einen Knopf.