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Warum Katar?

Erinnert sich noch jemand an den 2. Dezember 2010? Es wäre übertrieben zu sagen, das sei der Nine-Eleven des internationalen Fußballs gewesen, aber ein riesiger Schock und eine Zäsur waren es allemal.

In Zürich öffnete FIFA-Präsident Sepp Blatter vor laufenden Kameras ein Blatt Papier, auf dem groß »Qatar« gedruckt stand. Die Entscheidung war gefallen. Von den 22 Mitgliedern des FIFA- Exekutivkomitees hatten in der vierten und letzten Runde 14 für das Emirat als Ausrichter der WM 2022 gestimmt. Acht Voten waren auf die USA entfallen. Viele hatten das befürchtet. Ein Turnier mitten in der Wüste? In einem autoritären Mini-Staat ohne nennenswerte Fußball-Tradition? Was sollte das?

Hinzu kam, dass die Entscheidung der Gestank von Korruption umwehte. Natürlich waren WM-Turniere auch in der Vergangenheit schon gekauft worden - aber niemals zuvor war dies so schnell so offensichtlich geworden wie in der Causa Katar: Ein halbes Jahr nach der Entscheidung wurden bereits zehn Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees verdächtigt, ihre Stimme verkauft zu haben.

Für viele Fußballfans war mit der Vergabe der WM 2022 an das Emirat eine rote Linie überschritten. Doch so absurd die Entscheidung auf den ersten Blick anmutete - sie war der logische Endpunkt einer Entwicklung. Die Weltturniere hatten immer gigantischere Ausmaße angenommen. Die immensen politischen, ökonomischen und logistischen Forderungen der FIFA führten dazu, dass für den Weltverband vor allem jene Länder als WM-Ausrichter immer stärker in den Fokus rückten, die eine geringe demokratische Kontrolle auszeichnete und deren Regierungen bereit waren, für derlei Großveranstaltungen Unsummen auszugeben.

Klein, aber reich

Katar zählt 2,7 Millionen Einwohner, von denen gerade einmal 300.000 Staatsbürger des Landes sind. Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus weitgehend rechtlosen Arbeitsmigrant*innen. Mit 11.627 Quadratkilometern ist das Land kleiner als 13 der 17 deutschen Bundesländer. Für die FIFA waren aber andere Parameter entscheidend: Katar ist eines der weltweit reichsten Länder und kann das mit dem Turnier verbundene Infrastrukturprogramm problemlos schultern. Die Drecksarbeit auf den vielen Baustellen erledigen derweil Gastarbeiter aus Nepal, Indien, Bangladesch sowie anderen asiatischen und afrikanischen Ländern. Auch die politischen Strukturen sagten der FIFA zu. Katar ist eine absolute Monarchie und wird von einem Clan regiert, der auch das Fußballgeschäft bestimmt. Obwohl bevölkerungsarm und klein - Katar ist für die FIFA ein deutlich stärkerer und einflussreicherer Partner als es Südafrika 2010 und auch Brasilien 2014 gewesen sind. Katar ist einer der mächtigsten Geldgeber und Investoren weltweit.

In Deutschland ist Katar sogar einer der größten Investoren. Die Qatar Holding, eine Tochtergesellschaft des katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA), hält 17 % der Aktien von VW, dem größten deutschen Unternehmen, und ist damit der drittgrößte Aktionär des Autoherstellers. Die Kataris halfen VW aus der Patsche, als es im Jahr 2009 bei der Übernahme von Porsche zu Problemen kam. Im 20-köpfi gen Aufsichtsrat des Unternehmens sitzen zwei Vertreter des Wüstenstaats. An Siemens hält Katar 3,27 %, an Hapag Lloyd 14 % und an der Deutschen Bank 6,1 %. Als die Deutsche Bank 2014 ins Taumeln geriet, wurde sie von Katar mit dem dringend benötigten Eigenkapital versorgt. Eine Zeit lang war die katarische Herrscherfamilie sogar größter Einzelaktionär bei der Deutschen Bank, bis der chinesische Mischkonzern HNA Group an ihr vorbeizog.

In England besitzt Katar 5,5 % der Anteile an der renommierten Barclays Bank und 20 % des Londoner Flughafens Heathrow, Europas größtem Airport. An der Supermarktkette Sains- bury ist das Emirat mit 21,9 % beteiligt, das legendäre Londoner Kaufhaus Harrods gehört den Kataris komplett. Auch der in der britischen Hauptstadt errichtete, 310 Meter hohe Wolkenkratzer »The Shard« gehört zu 95 % den Katarern. Die QIA ist mit 10,3 % zudem größter einzelner Anteilseigner der Londoner Börse.

In Frankreich ist Katar beim Mischkonzern Lagardère mit 13 % Top-Aktionär und hält Beteiligungen am Mineralölkonzern Total. In der Schweiz gehören sowohl die Credit Suisse (5,21 %) zum Portfolio der Kataris als auch die wiederholt wegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Steuermanipulation ins Gerede gekommene Unternehmensgruppe Glencore, weltweit größter Rohstoffhändler. 2016 stiegen Glencore und Katar gemeinsam beim russischen Ölkonzern Rosneft ein. Die strategischen Partner erwarben 19,5 % des Staatskonzerns.

Nicht nur die FIFA

Dass die WM 2022 in Katar stattfindet, ist nicht nur auf dem Mist eines Haufens korrupter FIFA-Funktionäre gewachsen. Der damalige FIFA-Boss Sepp Blatter: »Es gab direkte politische Einflüsse. Europäische Regierungschefs haben ihren stimmberechtigten Mitgliedern empfohlen, für Katar zu stimmen, weil sie große wissenschaftliche Interessen mit dem Land verbinden.« In Deutschland war einer der eifrigsten Pro-Katar-Lobbyisten der damalige Bundespräsident Christian Wulff, der sich schon für den Einstieg des Emirats bei VW stark gemacht hatte. Vor seinem Amtsantritt reiste Wulff zweimal nach Doha, begleitet von der Führungsspitze von VW und Porsche. Keine drei Monate im Amt, empfing er im Jahr 2010 Scheich Hamad Bin Khalifa al Thani, den Emir von Katar, und dessen drei Ehefrauen im Schloss Bellevue. Der Bundespräsident in seiner Tischrede: »Viele« der »hochrangigen Gäste hier im Saal aus bedeutenden Unternehmen, den größten Unternehmern Deutschlands«, seien »in Katar präsent«. Sie seien »bereit«, die »vielfältigen Investi- tions- und Geschäftsmöglichkeiten in Katar deutlich stärker als bisher zu nutzen«. Deutschlands Interesse gelte »dem Zugang zu den katarischen Gasvorkommen«. Die deutschen Unternehmen böten ihre »Mitwirkung auch an der weiteren Modernisierung« des Landes an, »vom Auf- und Ausbau von Flug- und Seehäfen, Brücken, Straßen- und Schienenwegen bis hin zu Forschung und Bildung. (...) Ich bin davon überzeugt, dass deutsche Unternehmen und Forscher dazu beitragen können.«

2011 besuchte Wulff die in Katar beheimatete Aspire Academy, eines der weltweit größten Trainingszentren für Spitzensport. Der Bundespräsident ließ sich dabei fotografieren, wie er einige Elfmeter schoss. Laut Sepp Blatter hatte Wulff versucht, ihn zu einer Stimmabgabe pro Katar zu bewegen, aber der FIFA- Boss stimmte für die USA. Auch den DFB versuchte Wulff zu überzeugen. Die deutsche Wirtschaft gehört zu den Profiteuren der WM in Katar und den dafür notwendigen Baumaßnahmen. Laut der Tageszeitung Die Welt entwarf etwa das Büro des Frankfurter Stararchitekten Albert Speer (AS&P) acht der zwölf WM-Stadien. Gebaut werden sie unter anderem von der Essener Hochtief AG, an der Katar beteiligt ist.

Ein weiterer Lobbyist in Sachen Katar ist der ehemalige Außen- und Wirtschaftsminister und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Im Januar 2020 holte ihn die Deutsche Bank in ihren Aufsichtsrat. Der Spiegelbezeichnete Gabriel als einen Aufsichtsrat »von Katars Gnaden«.

In Frankreich agierte Staatspräsident Nicolas Sarkozy als Chef-Lobbyist Katars. Der im März 2021 wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilte konservative Politiker unterhielt beste Beziehungen in den arabischen Raum. Sein erfolgreicher Wahlkampf soll maßgeblich vom lybischen Diktator Muammar al-Gaddafi finanziert worden sein. Insgesamt sollen 50 Millionen Euro an Sarkozy geflossen sein. Als Gegenleistung habe der zukünftige Präsident al-Gaddafi militärische Ehren in Paris, gute Geschäfte mit Frankreich und Unterstützung bei der Wiederintegration in die internationale Staatengemeinschaft versprochen.

Mit Sarkozy zogen auch die Kataris in den Élysée-Palast ein. Nur drei Wochen nach Sarkozys Amtsantritt im Mai 2007 war Katars Emir Hamad bin Khalifas al-Thani erstmals Gast in der Residenz des Präsidenten. Anschließend wurde sein Premierminister Hamad bin Jassem al-Thani regelmäßig von Sarkozy empfangen. Kurz vor der Entscheidung der FIFA über die Vergabe der Turniere 2018 und 2022 lud Frankreichs Präsident den Emir zum Dinner in den Élysée-Palast. Mit am Tisch saß UEFA-Boss Michel Platini, der dann einige Tage später pro Katar votierte. In seinem Buch In den Sand gesetzt - Katar, die FIFA und die Fußball-WM 2022 zitiert Glenn Jäger den Publizisten Werner Rügemer: »Sarkozy hatte im November 2010 im Regierungssitz Élysée ein Treffen arrangiert, zu dem Michel Platini eingeladen war. (...) Es ging um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 durch die FIFA. Platini nahm den wohl unausgesprochenen, aber deutlichen Wunsch mit, sich in seiner Funktion bei der FIFA für die Vergabe an Katar einzusetzen. Er habe gewusst, was er tun müsse, sagte Platini später.«

Thomas Kistner schreibt in seinem Klassiker FIFA MAFIA - Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball (2012): »Platini hat zum Glück rechtzeitig seine private Liebe zum WM-Fußball in Katar entdeckt. Sonst hätte Frankreichs größter Fußballsohn gegen massive heimatliche Wirtschaftsinteressen gestimmt, das Emirat betreibt - neben der Energieversorgung - ja regelrecht den Aufkauf urfranzösischer Institutionen, 4,8 Milliarden Euro hat Katar nur in Gebäude investiert und wird dabei sogar steuerlich bevorzugt. (...) Auch hätte Platini den Wunsch seines Präsidenten ignoriert.«

Sündenfall Argentinien ‘78

Was für die FIFA tatsächlich zählt, hatte der Verband erstmals im Vorfeld und während der WM 1978 dokumentiert. 1966 hatte die FIFA Argentinien zum Austragungsort der WM 1978 gekürt. 1975 war die Entscheidung seitens der FIFA nochmals bestätigt worden, weil Zweifel aufgekommen waren, ob das wirtschaftlich marode und politisch ins Chaos abgleitende Land zu einer Veranstaltung dieser Größenordnung überhaupt in der Lage sei. Am 24. März 1976 wurde die peronistische Regierung durch einen Militärputsch beseitigt.

FIFA-Boss Joao Havelange war vom Putsch der Militärs begeistert: »Jetzt ist Argentinien in der Lage, die Weltmeisterschaft auszurichten!« Auch Hermann Neuberger, Boss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), »Vize« der FIFA und Organisationschef der WM in Argentinien, war von den neuen Machthabern angetan. Nach einem Gespräch mit Junta-Chef Videla sagte der deutsche Funktionär: »Die Wende zum Besseren trat mit der Übernahme der Macht durch die Militärs Ende März dieses Jahres ein. (...) Ganz gleich, wie man diesen Wechsel politisch bewertet, wir jedenfalls haben dadurch Partner mit Durchsetzungsvermögen bekommen.« Das Demokratieverständnis der Südamerikaner sei mit dem der Europäer nicht vergleichbar. Durch Diktaturen würden die Menschen »ab und zu mal wieder wachgerüttelt in Richtung gesundem Demokratieverständnis, wenn sie vorher vom Weg abgekommen sind«. Ohnehin müsse man »mit dem Begriff der Diktatur sehr vorsichtig« sein, »weil wir sonst sehr viele Länder der Welt als Diktatur ansprechen müssten«.

Zu diesem Zeitpunkt berichtete Amnesty International bereits über die Foltermethoden der neuen Machthaber und WM-Gastgeber: »Elektroschocks an allen Körperteilen, fast Erstickenlassen durch Untertauchen des Kopfes unter Wasser, Schläge mit der Faust, dem Knüppel und Gewehrkolben, Fußtritte, Zigarettenverbrennungen, Entzug von Essen, Trinken und Schlaf, manchmal über Wochen hinaus, sexuellen Missbrauch, Desorientierungstaktik zum Beispiel durch Augenverbinden, die berüchtigte Papageienschaukel, der Grill, bei welchem der nackte Gefangene auf eine heiße Platte gelegt und geschlagen wird.« Auch das Problem der sogenannten »Verschwundenen« - in den Jahren der Militärdiktatur wurden ca. 30.000 Menschen an unbekannte Orte verschleppt, gefoltert und ermordet - war bereits bekannt. Dabei kooperierte die Junta mit sogenannten kriminellen »Todesschwadronen«, die insbesondere Einwanderer aus den Nachbarländern und Angehörige der jüdischen Gemeinde Argentiniens terrorisierten. Um der Welt bei der WM ein »sauberes Argentinien« präsentieren zu können, wurden Elendsviertel gewaltsam aufgelöst, ihre Bewohner zum Teil gefoltert und ermordet.

1982 wurde die WM in Spanien ausgetragen. Spanien hatte den Zuschlag zeitgleich mit Argentinien erhalten, also auf dem FIFA-Kongress vom 6. Juli 1966. 1982 war Spanien eine Demokratie, aber zum Zeitpunkt der WM-Vergabe war das Land vom klerikal-faschistischen Regime des General Francisco Franco regiert worden, das mithilfe des Sports versucht hatte, aus seiner internationalen Isolation auszubrechen.

FIFAcrazy statt democrazy

Die verlockende Aussicht, ihr Land vier Wochen lang in ein Schaufenster zu stellen, an dem die ganze Welt vorbeiflaniert, fördert indes nicht nur bei autokratischen, sondern auch bei demokratischen Staaten und deren Regierenden die Bereitschaft, den FIFA-Granden den roten Teppich auszurollen.

Für den Zeitraum des Turniers müssen die jeweiligen WM- Austragungsländer einen Teil ihrer Souveränität an die FIFA abtreten. Wie eine WM zu gestalten ist, wird vom Weltfußballverband bis in Detail diktiert. Die FIFA geriert sich als diktatorische Nebenregierung, aus democracy wird für einige Wochen FIFAcracy. Hierzu gehört auch die Suspendierung des nationalen Steuerrechts. Das Austragungsland muss der FIFA und ihren Partnern die Befreiung von der Einkommens- und Umsatzsteuer zusichern. Selbst im Falle Südafrikas, das dringend auf Steuereinnahmen angewiesen war, kannte die FIFA keine Gnade.

Hinzu kommt, dass der Weltverband Exklusivrechte für seine internationalen Sponsoren verlangt, beispielsweise beim Getränkeverkauf. So musste etwa vor der WM 2014 der brasilianische Senat dem »Budweiser Bill« zustimmen. Mit dieser Regelung wurde das in Brasilien herrschende Stadionverbot für alkoholische Getränke aufgehoben, was vor allem einem der FIFA-Hauptsponsoren zugute kam: der Brauerei Budweiser. Eine entsprechende Vereinbarung hatte die brasilianische Regierung bei der WM-Vergabe akzeptiert, bis 2012 aber war die Vorlage vom Parlament des Landes noch nicht verabschiedet worden. Da forderte FIFA-Generalsekretär Jérome Valcke Vollzug: »Es wird und es muss als Teil eines Gesetzes den Fakt geben, dass wir das Recht haben, Bier zu verkaufen. (...) Das ist etwas, über das wir nicht verhandeln werden.«

Die eigentlichen Kosten einer WM für Stadien und sonstige Infrastruktur überlässt die FIFA traditionell weitgehend dem Gastgeber. Die Gewinne streicht der Verband überwiegend selbst ein. Wohlhabende Ausrichternationen wie Deutschland, Russland und vor allem Katar mag das nicht weiter stören, aber in einem Land wie Südafrika hinterließ die WM einen fatalen Schuldenberg. Das Land selbst musste zunächst einmal kräftig zahlen, insbesondere für die Bereitstellung der von der FIFA geforderten Stadionlandschaft. Hier betrugen die Kosten für das Austragungsland ca. 1,4 Milliarden Euro; ursprünglich geplant hatte man mit der Hälfte dieser Summe. Bei der WM 2006 in Deutschland fielen die Ausgaben für Stadien mit 1,8 Milliarden Euro zwar noch höher aus, allerdings wurden diese zu 66 % von Stadionbetreibern, Fußballklubs und privaten Investoren gedeckt.

Südafrika investierte insgesamt sogar 3,6 Milliarden Euro in das Turnier 2010, höchstens ein Drittel davon floss in die heimische Wirtschaft zurück. Die FIFA zog mit einem Gewinn von geschätzt 3 bis 4 Milliarden Euro davon. Weitere Profiteure waren westliche Konzerne und asiatische Firmen. Allein die deutsche Wirtschaft verbuchte im Zusammenhang mit der WM in Südafrika Aufträge im Umfang von 1,5 Milliarden Euro. Dem Gastgeber blieb eine Stadionlandschaft, für die es anschließend keine Verwendung gab und die in der Folge Verluste in Millionenhöhe verursachte. Genau betrachtet war diese WM weniger eine Südafrikas als eine der FIFA in Südafrika.

FIFA-Präsident Joseph Blatter wurde nicht müde zu betonen, dass auch »die Armen« von der ersten WM auf afrikanischem Boden profitieren würden. Aus den Auflagen der FIFA ließ sich eine solch philanthropische Absicht nicht herauslesen. Da ging es primär um eine saubere Fußballshow und den Schutz von exklusiven Sponsoreninteressen. In Kapstadt untersagte die FIFA die Nominierung eines Stadions im ärmlichen Vorort Athlone, weil, so ein FIFA-Delegierter, »eine Milliarde Fernsehzuschauer diese Hütten und eine derartige Armut nicht sehen wollen«. Im Falle Südafrikas lautete der Preis fürs »Hübschmachen«, dass rund um die Stadien sowie allgemein in Zonen, wo sich WM-Touristen herumtrieben, das Elend nicht bekämpft, sondern vertrieben wurde. Menschen wurden umgesiedelt in elende BlechhüttenGhettos am Stadtrand.

Um die Stadien errichtete die FIFA Exklusivzonen, was auch schon bei vorangegangenen Turnieren der Fall gewesen war, etwa auch bei der WM 2006 in Deutschland. Das Geld, das die Fans aus aller Welt dort für Getränke, Speisen und Accessoires ausgaben, wurde von der FIFA und ihren Lizenznehmern gleich wieder aus Südafrika herausgesogen. Heimische Kleinhändler wurden aus dieser Exklusivzone vertrieben, wie auch die traditionellen Garküchen vor den Stadien, die noch in deren Bauphase die Bauarbeiter versorgt hatten. Für die lokale »Straßenökonomie« war in der FIFAcracy kein Platz. Zwar schuf die WM im Baugewerbe zahlreiche Arbeitsplätze, doch viele von ihnen besaßen allenfalls temporären Charakter. Am Bau der Stadien partizipierten vor allem europäische und nordamerikanische Unternehmen. Der WM-bedingte Bauboom bewahrte Südafrika zwar kurzfristig vor einer Wirtschaftskrise, zeitigte aber keine nachhaltige Wirkung. Die WM wurde nicht - wie von der FIFA und Südafrikas Regierung angekündigt - zum Nukleus eines nationalen Wiederaufbauprogramms.

Das Manko der Demokratien

Aus Sicht der FIFA besitzen demokratisch verfasste Staaten, wie etwa Brasilien, erhebliche Nachteile, wie FIFA-Generalsekretär Jérome Valcke im Jahr vor dem WM-Start befand. Der Franzose beklagte die politische Struktur des WM-Austragungslandes: »Es gibt verschiedene Personen, Bewegungen und Interessen, und es ist durchaus schwierig, in diesem Rahmen eine WM zu organisieren.« So erdreistete sich beispielsweise die zuständige Arbeitsbehörde auf der Stadionbaustelle der Millionenmetropole Sao Paulo, einen partiellen Baustopp zu verhängen. Vorausgegangen war der bereits siebte tödliche Unfall eines Arbeiters - nicht erst in Katar forderte das FIFA-Bauprogramm also Arbeiterleben. Der ehemalige brasilianische Nationalspieler und Bundesligaprofi Giovane Elber führte die Unfälle auf den enormen Zeitdruck zurück. FIFA-Boss Blatter vergoss Kroko- dilstränchen - um wenig später die Gastgeber der »Trödelei« zu bezichtigen.

Ausgerechnet im fußballverrückten Brasilien stieß die FIFA- Gigantomanie jedoch erstmals auf massiven Protest. Im Jahr vor der WM gingen Millionen von Brasilianern auf die Straße, um gegen die FIFA und die eigene Regierung, gegen die Verschwendung von Ressourcen zugunsten der WM und zulasten von Schulen, Krankenhäusern und Infrastruktur zu demonstrieren. Auch ehemalige (Romário) und noch aktive (Neymar) Nationalspieler solidarisierten sich. Romário: »Ich bin nicht gegen die WM. Aber ich bin gegen die unmäßigen Kosten des Turniers. Ich habe immer wieder gesagt, dass Brasilien eine Gelegenheit verschwendet, ein besseres Land zu werden.« Sepp Blatter erklärte lapidar: »Fußball ist mehr wert als alle sozialen Querelen.« Und sein Generalsekretär Jérome Valcke war froh, dass die nächste WM in Russland ausgetragen wurde: »Das mag jetzt ein wenig verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser. Wenn es ein starkes Staatsoberhaupt mit Entscheidungsgewalt gibt, vielleicht wie Putin sie 2018 hat, ist es für uns Organisatoren leichter als in Ländern wie Deutschland, in denen es auf verschiedenen Ebenen verhandelt werden muss.«

Der Sportphilosoph und Soziologe Gunter Gebauer glaubt, dass Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften nur noch »in Staaten mit autoritärer Führung« stattfinden können. Auch die Journalistin Nicole Selmer konstatiert einen wachsenden Widerspruch zwischen der FIFA-Gigantomanie und demokratisch verfassten Gesellschaften: »Ein Veranstaltungskonzept, das auf immer neue Rekorde, immer mehr Ausgaben und immer weniger Beteiligung der Menschen setzt, wird zu Widerstand führen. Zumindest in demokratischen Staaten, deren Bevölkerung gewillt ist, ihre Rechte auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit auszuüben.«

Hand in Hand mit Diktatoren und Autokraten

Die FIFA-Oberen lieben Länder, in denen starke Männer durchregieren und dafür sorgen, dass die Organisation eines großen Turniers nichts zu wünschen übrig lässt. Auch wenn dabei Demokratie, soziale Rechte und Menschenleben auf der Strecke bleiben. Denn autokratische Regime garantieren zwei wesentliche Faktoren: politische Durchsetzungskraft und hohe staatliche Investitionen. Länder wie Russland und Katar bekommen nicht den Zuschlag trotz demokratischer Defizite - sondern wegen dieser.

Autokraten lieben große Sportereignisse, sie betrachten sie als Teil der Systemkonkurrenz. Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele sollen die Überlegenheit und Dynamik autoritärer und nationalistischer Regime gegenüber den kraftlosen, komplizierten Demokratien beweisen. Dies war schon Mussolinis Motiv bei der Ausrichtung der WM 1934 in Italien - auch damals bestand das Turnier vor allem aus einem großen Bauprogramm. Autoritarismus und sportliche Mega-Events vertragen sich blendend. Manch deutscher Sporthistoriker bekommt noch heute feuchte Augen, wenn er über Olympia 1936 und den deutschen Sportführer Carl Diem redet.

Für die FIFA und die Spitzen vieler nationaler Fußballverbände sind Diktatoren, Autokraten und »Korrumpels« kein Problem, sondern Teil der »Familie«. Weltsportführer und Autokraten sind Seelenverwandte. Beide Seiten lieben das Gigantische, Monströse und schwelgen in Allmachtsfantasien. Weltsportführer gerieren sich häufi g als bessere Politiker und eigentliche Herrscher der Welt. Joao Havelange und Sepp Blatter spekulierten gar auf den Friedensnobelpreis. Blatters Traum von einer totalen, globalen Kontrolle des Fußballspiels durch die FIFA gebar in seiner Schweizer Heimat einen Witz: »Was ist der Unterschied zwischen Gott und Sepp Blatter? Gott behauptet nicht, dass er Sepp Blatter wäre.«

Diktatoren, Autokraten und »Korrumpels« üben im Weltfußball einen starken Einfluss aus. Diktatoren und Autokraten haben schon immer versucht, Spieler und Mannschaften zu instrumentalisieren. Demokraten ebenfalls, wenngleich weniger augenfällig, aufdringlich und erfolgreich. Parallel zum scheinbar ungebremsten Fußball-Boom lässt sich bereits seit vielen Jahren eine starke Politisierung des Spiels beobachten, die im Vorfeld der WM 2018 in Russland einen neuen Höhepunkt erreichte. Politiker, darunter auch viele zwielichtige Gestalten, suchen intensiv die Nähe zum Spiel und seinen Helden. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um ein Foto mit einem Star zu organisieren, nach Möglichkeit inklusive Trikotübergabe. Fußballer haben offensichtlich große Mühe, sich dieser Instrumentalisierung zu entziehen. Sei es, weil sie die Diktatoren, Autokraten und »Korrumpels« nur als Freunde und Förderer des Spiels sehen; sei es, weil die Politik für sie ein komplett fremdes Feld ist, das sie nicht zu beurteilen wissen. Bei vielen Spielern triffi wahrscheinlich beides zu.

Pressefreiheit und demokratische Grundrechte sind für die FIFA-Spitze genauso wenig ein Thema wie für die Putins, Erdo- gans, Orbáns und Co. Während der WM 2018 hatte das ägyptische Team sein Quartier im Lande des Tyrannen Ramsan Achmatowitsch Kadyrow aufgeschlagen, dem Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Kadyrow werden schwerste Verletzungen der Menschenrechte vorgeworfen. Bei der Folterung von Oppositionellen wirkt er gerne höchstpersönlich mit. Die russische Bürgerrechtlerin Swetlana Gannuschkina kritisierte die FIFA: »Die FIFA hätte das nicht zulassen dürfen, dass eine Mannschaft in der Tschetschenischen Republik ihren Trainingsstützpunkt haben kann. Das hätte auf keinen Fall passieren dürfen.« Aus der FIFA-Zentrale in Zürich hieß es lapidar, der ägyptische Verband sei für die Wahl des Quartiers verantwortlich. Da wurden dann wieder einmal die eigenen Verbandstatuten ignoriert: »Die FIFA bekennt sich zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein.« Wenzel Michalski von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: »Die Moral, die dort auf dem Papier steht, die findet sich in der Realität nicht wieder. Das heißt, es ist eigentlich schon ein verlogenes und geheucheltes Verhalten, wenn ich ausgerechnet an diesem Ort (...) ja, ein Trainingslager auf baue und damit diesen Ort und sein politisches Tun, die Zwangsherrschaft, legitimiere.«

Die Journalistin Nicole Selmer ist der Meinung, dass sich seit dem Abdanken von Sepp Blatter im Februar 2016 einige Dinge zum Positiven verändert haben. Neue Gremien wie der FIFA-Rat seien geschaffen, Posten anders besetzt worden, zudem gebe es nun mehr Transparenz, was die Vergabekriterien für WM-Tur- niere betriffi. Aber es bleibt, so Selmer, ein großer Makel an der FIFA haften: »Das zentrale Problem ist sie nie angegangen. Denn die Bestechungen, Lügen und Skandale in der Geschichte des Weltverbands liegen in seiner Machtfülle begründet. Die FIFA entscheidet quasi alleine über Turniervergaben, Werbedeals, Sperren von Verbänden und Spielern, und solange sie dieses Entscheidungsmonopol hat, wird sie anfällig für Korruption und resistent gegen Demokratisierung bleiben. Der einzige Weg, die FIFA zu verändern, besteht darin, ihr die Macht zu nehmen.«