Cover

S.E. Harmon

SPUKEN FÜR ANFÄNGER

EIN FALL FÜR RAIN CHRISTIANSEN 1

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Kersten

Über das Buch

Special Agent Rain Christiansen galt jahrelang als FBI-Vorzeigeagent. Doch dann wird ihm ein Zwischenfall zum Verhängnis: Wegen einer klitzekleinen paranormalen Erscheinung halten ihn plötzlich alle für komplett durchgeknallt. Sein Boss bietet Rain eine letzte Chance, seinen guten Ruf wiederherzustellen: Er schickt ihn nach Brickell Bay. Dort soll er der örtlichen Polizei bei einem Cold Case helfen und bloß kein Wort über Geister verlieren. Rain ist fest entschlossen, genau das zu tun – bis er feststellt, dass der Polizist, den er unterstützen soll, ausgerechnet sein Ex Danny ist. Und der steckt in seinen Ermittlungen im Fall der verschwundenen Schülerin Amy Greene fest. Alle Spuren führen in eine Sackgasse. Dass Rains alte Liebe für Danny wieder aufflammt und ihm bei der Suche nach Amy ständig Geister in die Quere kommen, macht die Sache auch nicht gerade leichter …

Über die Autorin

S.E. Harmons stürmische Liebe zum Schreiben dauert bereits ein Leben lang an. Der Weg zu einem guten Buch ist jedoch steinig, weshalb sie ihre Leidenschaft schon mehrere Male aufgeben wollte. Letztendlich hat die Muse sie jedoch immer wieder an den Schreibtisch zurückgeholt. S.E. Harmon lebt seit ihrer Geburt in Florida, hat einen Bachelor of Arts und einen Master in Fine Arts. Früher hat sie ihre Zeit mit Bewerbungsunterlagen für Bildungszuschüsse verbracht. Inzwischen schreibt und liest sie in jeder freien Minute Liebesromane. Als Betaleser hat sie derzeit ihren neugierigen American Eskimo Dog auserkoren, der sich bereitwillig ihre Romane vorlesen lässt, vorausgesetzt, die Bezahlung in Form von Hundekeksen stimmt.

Die englische Ausgabe erschien 2020 unter dem Titel »P.S. I Spook You«.

Deutsche Erstausgabe April 2021

 

© der Originalausgabe 2020: S.E. Harmon

© für die deutschsprachige Ausgabe 2021:

Second Chances Verlag

Inh. Jeannette Bauroth, Steinbach-Hallenberg

 

 

Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen oder auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

Umschlaggestaltung: Frauke Spanuth, Croco Designs

unter Verwendung von Motiven von Wirestock, barbyturas,

DesiDrew Photography, Peter Kim, alle stock.adobe.com

Lektorat: Judith Zimmer

Korrektorat: Andrea Groh

Satz & Layout: Second Chances Verlag

 

ISBN: 978-3-948457-26-6

 

www.second-chances-verlag.de

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über die Autorin

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Weitere Bücher von S.E. Harmon

Für meinen Vater

 

Danke, dass du mir mein Leben lang das Geschenk des Lachens gemacht hast, und dafür, dass du mir beigebracht hast, wie man auch die schlimmsten Situationen mit Humor meistert. Ohne dich wäre ich wohl nicht ich, also ... danke. Ich hab dich lieb.

KAPITEL 1

Der Geist im Aufzug war wieder da.

Ein missmutig wirkender Teenager, dessen dunkle Augen halb unter seinem ebenfalls dunklen Haarschopf verschwanden. Seine Ohrläppchen zierten große Tunnel, und auch in seinem Gesicht prangten zahlreiche Piercings – Augenbrauen, Lippe und ein erstaunlich geschmackvoller Nasenstecker. Seine makellose Haut war leichenblass, was aber wahrscheinlich schon zu Lebzeiten nicht viel anders gewesen war. Dass er mies drauf war, verrieten mir seine verschränkten Arme und die vorgeschobene Unterlippe. Keine große Überraschung. Er war immer mies drauf.

»Nicht schon wieder«, flüsterte ich.

Noch bevor ich den Aufzug betrat, spürte ich den Temperaturunterschied. Da drin war es eisig kalt. Ich stieg ein, drehte mich mit finsterer Miene der Tür zu und versuchte, mir mein Frösteln nicht anmerken zu lassen, als ich auf den Knopf für den fünften Stock drückte, in dem sich die BAU, die Behavioral Analysis Unit, befand. Mein Atem kondensierte zu weißen Wölkchen und löste sich dann wie Zigarettenrauch auf.

»Komm schon, Christiansen. Redest du heute mit mir?«

Nicht, wenn ich es vermeiden kann. Der Aufzug erklomm ein Stockwerk nach dem anderen, und ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Die Rolex Daytona war ein Geschenk von einem meiner Ex-Freunde gewesen, und mein schlechtes Gewissen hatte sich bei der Trennung in Grenzen gehalten, weswegen ich sie nicht zurückgegeben hatte.

Ich fixierte unbewegt meine Reflexion in der verspiegelten Tür des Aufzugs. Alles sah ganz normal aus. Nur ein Mann in einem schwarzen Kaschmirpullover und einer maßgeschneiderten schwarzen Hose. Mantel und grau karierter Burberry-Schal. Auf Hochglanz polierte Lederschuhe. Honigblondes Haar, das mal wieder einen Schnitt gebrauchen konnte. Große, braun-grüne Augen. In denen ein angespannter Ausdruck lag.

Ich war vorhin auf dem Wochenmarkt gewesen und hatte gerade unentschlossen die Auswahl an Obst begutachtet, als eine von Graycies kurzen, kryptischen Nachrichten auf meinem Handy eintrudelte. Und obwohl es ziemlich dringend geklungen hatte, war ich noch einmal nach Hause gegangen, um mich umzuziehen. Mich ein bisschen aufzuhübschen. Ich fuhr mir durch die Haare. Wenn man schon gefeuert wurde, sollte man dabei wenigstens gut aussehen.

»Dir ist schon klar, dass ich nicht einfach so verschwinde«, meinte der Aufzuggeist. Natürlich kannte ich seinen Namen, aber die elende Nervensäge hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass ich ihn nicht mehr damit ansprach. Jetzt war er nur noch der Aufzuggeist. Oder der Sofageist. Manchmal auch der Küchengeist. Oder eben eine Bezeichnung passend zu jedem anderen Ort, an dem er mir urplötzlich erschien, wenn ihm danach war. »Ich hab dir ja gesagt, dass die Nachricht meinen Eltern nicht gefallen wird.«

Das war die Untertreibung des Jahres. Sein Vater hatte die Botschaft aus dem Jenseits nicht besonders gut aufgenommen und mir bei unserem Gespräch beinahe die Nase gebrochen.

»Ist nicht meine Schuld«, fuhr er fort. So schnell gab er nicht auf, und es schien ihn auch nicht zu stören, dass ich ihm nicht mehr antwortete.

Das sehe ich anders. Mir gefiel meine Nase, wie sie war. Doch ich hatte meine eigene Regel ignoriert und auf einen Geist gehört. Das würde mir nicht noch einmal passieren. Drei Stockwerke noch. »Der Aufzug ist heute so langsam«, murmelte ich.

»Der ist jeden Tag gleich langsam.«

Dass der Geist kein Spiegelbild besaß, überraschte mich nicht. Ich dagegen sah aus wie immer: wie ein Verrückter, der mit sich selbst redete.

»Hast du Sprechzeiten oder so was? Ich kann auch später wiederkommen.«

Ich biss die Zähne zusammen. Wie wäre es um Viertel nach nie?

»Ach, komm.« Konnten Geister genervt sein? Anscheinend schon, wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig deutete. »Du kannst mich nicht ewig ignorieren.«

»Wie soll ich jemanden ignorieren, der überhaupt nicht da ist?« Verdammt, warum war mir das rausgerutscht? Am liebsten hätte ich mir dafür selbst in den Hintern getreten. Über zwei Monate lang hatte ich ihn erfolgreich links liegen lassen. Jetzt würde ich ihn nie wieder loswerden.

»Aha!«, rief Ethan triumphierend. »Ich wusste, dass du mich siehst.«

Ich drückte erneut auf den Knopf für den fünften Stock.

»Vorschlag: Du hörst mir nur ein Mal richtig zu, und dann siehst du mich nie wieder.« Trotz meines hartnäckigen Schweigens ließ er nicht locker. »Vielleicht sollte ich einfach meinen Freunden von dieser Brücke zur Welt der Lebenden erzählen.«

Damit hatte er ein Ass im Ärmel. Ein verdammt gutes. Ich konnte mich entweder mit einem lästigen Geist herumschlagen oder mit einer ganzen Horde von ihnen. Entnervt stieß ich die Luft aus. »Du hast Zeit, bis der Aufzug im fünften Stock ankommt. An deiner Stelle würde ich mich beeilen.«

»Du musst meinen Eltern noch eine Nachricht überbringen.«

»Okay, die Antwort darauf ist einfach.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Vergiss es.«

»Komm schon«, bettelte er. »Du bist ein Medium. Ich bin ein Geist. Ich erzähl dir, warum ich noch im Diesseits festhänge, und du bringst es für mich in Ordnung. Dann kann ich endlich hier weg. So läuft das doch.«

Genau. Das konnte er ja gern mal Shawna Pauls Eltern erzählen. Shawna war der erste Geist gewesen, für den ich eine Nachricht überbringen sollte – und der Grund, warum mich jetzt alle für durchgeknallt hielten. Ihr Vater hatte mich mit einer Schrotflinte vom Grundstück gejagt. Ihre Mutter hatte mich bei meinen Vorgesetzten angezeigt. Danach durfte ich eine hübsche kleine Auszeit bei einem der FBI-Psychologen nehmen, um gründlich über alles nachzudenken.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Keine Chance. Und ich bin kein Medium.«

»Offensichtlich«, maulte Ethan. »Sonst wäre ich ja wohl längst nicht mehr hier.« Doch sein Teenager-Gehabe konnte nicht über die Verwirrung hinwegtäuschen, die in seiner Stimme mitschwang. Und die Traurigkeit. »Mist, warum bin ich noch hier?«

»Das weiß ich nicht. Du bist der Geist, nicht ich.«

»Ich muss ihnen sagen, dass ich Frieden gefunden habe.«

Ich seufzte und drehte mich nun doch zu meinem Stalker-Geist um. Die Sicherheitsleute würden sicher ihren Spaß mit den Aufnahmen der Kameras haben. »Ethan, in diesem Punkt musst du mir glauben. Sie würden mir das niemals abnehmen.«

Er ließ sich an der Aufzugwand nach unten rutschen, bis er auf dem Boden saß, und zog die Knie an die Brust. Den Blick fest auf den Boden gerichtet, umschlang er seine Beine, die in Skinny-Jeans steckten, mit den Armen. Er schwieg einen Moment, bevor er antwortete, und diesmal war sein Tonfall emotionslos und beherrscht. »Ich war mein Leben lang ein guter Sohn, weißt du? Das haben meine Eltern zumindest immer gedacht. Und dass sie jetzt glauben, dass ich einfach abgehauen bin …«

»Du warst derjenige, der es für eine tolle Idee gehalten hat, alleine wandern zu gehen.«

»Woher sollte ich denn wissen, dass ich dabei einem Bären über den Weg laufe?«, fuhr er mich an. »War nicht gerade ein schöner Tod.« Er atmete tief durch und rieb sich über die Augen. In diesem Moment wirkte er älter als siebzehn. Viel älter.

»Tut mir leid«, antwortete ich leise.

»Ich kann es nicht ungeschehen machen. Aber sie dürfen auch nicht die nächsten zehn Jahre nach mir suchen. Ihr Leben muss weitergehen. Sie sollten sich mit dem Geld, das für meine College-Ausbildung gedacht war, eine Hütte in Alaska kaufen, wie sie es immer wollten. Und es nicht für Privatdetektive verschwenden. Das ist alles, was ich noch für sie tun kann.«

»Ethan, ich …«

»Es ist nur eine einzige beschissene Nachricht. Warum hast du diese Gabe überhaupt, wenn du sie nicht nutzt, um uns zu helfen? Ist ja nicht so, als hätten wir viel Auswahl an Leuten, mit denen wir reden können. Ich bin eben … tot.« Er schluckte, als hätte er diese Tatsache immer noch nicht ganz verarbeitet. »Ich bin tot«, wiederholte er.

»Es tut mir leid«, sagte ich noch einmal ziemlich hilflos. Wenn er ein Hirngespinst war, dann immerhin ein echt realistisches. »Es tut mir leid, was dir passiert ist und dass du es nicht rückgängig machen kannst. Aber das hier muss aufhören, Ethan. Ich kann nicht noch mal zu deiner Familie gehen und ihnen sagen, dass ich deinen Geist gesehen habe.« Allein der Gedanke jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. »Weißt du, was das für mich bedeuten würde? Das wäre das Aus für meine Karriere.«

»Scheiß auf deine Karriere«, entgegnete Ethan kalt. »Und scheiß auf dich.«

»Du kannst mich mal!« Ich bewegte mich ohnehin auf dünnem Eis. Das Letzte, was ich jetzt brauchte, war ein hysterischer Geist, der mich zermürbte. Falls es überhaupt einen Geist gab.

Die Aufzugtür öffnete sich lautlos zum Stockwerk der BAU. Ich verließ die Kabine und tauchte in die gedämpfte Bürogeräuschkulisse der Verhaltensanalyseeinheit des FBI ein.

Natürlich folgte Ethan mir weiterhin und ließ die Umgebungstemperatur damit deutlich absinken. Ich war sehr stolz auf mich, weil ich ihn nicht anschrie – was ich hauptsächlich deshalb bleiben ließ, da es sicher nicht lustig war, in einem FBI-Gebäude mit einem Taser außer Gefecht gesetzt zu werden. Oder anschließend vor den Augen meiner Kollegen wild zuckend auf dem Boden zu liegen. Der Gedanke half mir dabei, passend zu reagieren, als einige von ihnen mir grüßend zunickten oder winkten.

Es gibt keine Geister. Das liegt nur an deiner Angststörung. Ich musste einfach nur brav meine Pillen nehmen und dafür sorgen, dass ich genug Schlaf bekam. Die Medikamente unterdrückten die Visionen zwar bloß eine gewisse Zeit lang, aber ich nahm jede Auszeit dankend an.

Kurz vor Graycies Büro legte ich einen Zahn zu. Als könnte ich einem Geist davonlaufen.

»Na, versuchst du wegzurennen?«, zischte Ethan.

»Wenn es sein muss.« Ich hatte bereits die Hand auf den Knauf von Graycies Bürotür gelegt, hielt dann jedoch kurz inne. Das war mein erster Tag nach einer dienstlich verordneten Freistellung – aus psychologischen Gründen –, und ich durfte auf keinen Fall dabei erwischt werden, wie ich mit einem Geist sprach. Oder mit mir selbst. Ich wusste, was für mich auf dem Spiel stand. Und das machte mir genug Druck, dass ich sogar einem Geist drohte, der vielleicht nur meiner blühenden Fantasie entsprungen war. Man tat so einiges, wenn man verzweifelt genug war.

Rasch schaute ich mich um, ob mich jemand beobachtete. Die Luft war rein. Ich bückte mich und tat so, als würde ich mir etwas vom Schuh wischen. »Wenn ich dir jemals dabei helfen soll, deine Nachricht zu überbringen, dann lässt du mich jetzt in Ruhe. Sonst war’s das für dich«, flüsterte ich, ohne die Lippen zu bewegen.

»Ich will dir keine Schwierigkeiten machen«, gab Ethan hörbar gekränkt zurück.

»Dann solltest du jetzt die Klappe halten.«

Damit klopfte ich an die Tür, öffnete sie mit einem Ruck, als ich hereingebeten wurde, und betrat das Büro. Dass ich Ethan die Tür vor der Nase wieder zumachte, würde mich wohl leider nicht vor ihm schützen.

»Wir sehen uns!«, rief er durch das Milchglas. Das klang weniger wie ein Versprechen und mehr wie eine Drohung.

»Wenn du nicht vorher von einem Geisterbus überfahren wirst«, zischte ich tonlos. Und ich wusste genau, dass Ethan mich gehört hatte.

KAPITEL 2

Ich wusste nicht mehr, seit wann genau ich Geister sah, aber es waren über die Jahre schon viele. Normalerweise war ich ziemlich gut darin, sie zu ignorieren, aber der in Alford Graycies Büro war ein Exemplar, das mir ganz besonders auf die Nerven ging.

Er stand am Fenster und schaute hinaus. Seine Kleidung wirkte ein wenig altmodisch: Er trug Hosenträger an seiner dunkelblauen Hose. Wie passend, dass er sich die Brille nach oben auf die Stirn geschoben hatte. Leute, die sich aus dem Fenster stürzten, wollten das Ende nie kommen sehen. Er wirkte traurig. Als würde er es bereuen. Ich würde einen Kopfsprung aus dem fünften Stock auch bereuen.

Dies war aber wahrscheinlich kein guter Zeitpunkt, Graycie von dem Geist an seinem Fenster zu erzählen. Stattdessen rutschte ich unruhig auf meinem Stuhl hin und her und beobachtete, wie mein Chef mit einer Hand seine Zeitung umblätterte und mit der anderen etwas abwesend seinen Kaffee umrührte. Als Leiter der BAU-3-Einheit hatte er ziemlich viel Übung darin, Leute zappeln zu lassen.

Auf den ersten Blick wirkte er entspannt, als wäre das hier ein ganz normales Gespräch. Aber ich wusste es besser. Graycie war stinksauer. Er hasste es, wenn seine Leute etwas verbockten, und ich stand im Moment ganz oben auf seiner Abschussliste.

»Vielen Dank, dass Sie so kurzfristig herkommen konnten.« Graycie blätterte erneut um. »Ich werde nicht lange um den heißen Brei herumreden.«

Großartig. An heißem Brei verbrennt man sich gerne mal den Mund. »Sir?«

»Ich habe mit Mr und Mrs Paul gesprochen. Sie hatten einiges über Sie zu sagen.«

»Nur Gutes, hoffe ich.« Ich sollte mir solche Kommentare vielleicht sparen, aber Sarkasmus war mein zweiter Vorname.

Graycie nahm seine Brille ab, legte sie auf die Schreibtischplatte und rieb sich die Schläfen. Die grauen Haare dort standen ihm gut. Zehn Kilo weniger und ein netter Haarschnitt, dann hätte er durchaus als Silberfuchs à la Sean Connery durchgehen können. Sein Haar war zwar von grauen Strähnen durchzogen, aber immer noch voll, und die Fältchen um seine Augen gaben seinen Gesichtszügen noch etwas mehr Charakter. Im Moment wirkte besagte Miene jedoch eher finster, und er seufzte tief.

»Christiansen, Sie sind ein verdammt guter Agent, aber ich stehe hier vor einem echten Problem. Ich verstehe es immer noch nicht. Warum um Himmels willen mussten Sie den Leuten eine Nachricht von ihrer toten Tochter überbringen?«

Weil ihr Geist mir keine ruhige Minute mehr gelassen hat, deswegen. »Ich habe ihnen keine Nachricht überbracht«, erwiderte ich. »Ich habe ihnen nur gesagt, dass sie ihren Frieden gefunden hat. Ich wollte ihnen nur … so etwas wie einen Abschluss verschaffen.«

Manchmal fand ich Graycies Augen tatsächlich anziehend. Aber wenn er mich, wie jetzt, so fixierte, ohne zu blinzeln? Dann nicht. Das helle Grün machte einen dann schnell nervös – als würde man von seinem Blick durchbohrt werden.

»Shawna Pauls Entführung ist nach wie vor eine laufende Ermittlung. Wir haben keine Leiche gefunden«, fuhr Graycie fort, offenbar auf seine Wortwahl bedacht. »Wir wissen eigentlich noch nicht einmal, ob sie wirklich tot ist. Woher wollen Sie also wissen, ob sie Frieden gefunden hat?«

»Was wollen Sie von mir hören?«, fragte ich resigniert. »Sie taten mir leid, okay? Mr Paul lässt seit sieben Jahren nachts das Licht auf der Veranda an, damit seine Tochter im Dunkeln den Weg nach Hause findet. Sie wollen das Haus nicht verkaufen, falls Shawna doch wieder zurückkommt. Sie können nicht damit abschließen.«

»Also haben Sie sich eine Geschichte ausgedacht, in der ihre Tochter tot ist?«

»Ich habe mir keine …« Ich verstummte. Es gab keinen Grund, das alles noch schlimmer zu machen. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um zuzugeben, dass ich nicht nur ihren Geist gesehen hatte, sondern dass dieser auch ziemlich redselig gewesen war. Besser als Lügner dastehen, als für unzurechnungsfähig erklärt zu werden.

Ich rieb mir die Augen. Diese ganze Situation machte mich nur noch müde. »Ich hätte überhaupt nichts sagen sollen.«

»Ach, nein?« Graycie sah aus, als wollte er mir am liebsten eine verpassen. »Wenn Sie nicht der Agent wären, der Sie sind, würde ich Sie auf der Stelle feuern, ist Ihnen das klar?«

Ich seufzte. »Es tut mir leid.«

»Das will ich auch schwer hoffen«, fuhr er mich barsch an. »Wenn Sie in Zukunft auch nur in die Nähe des Hunds der Pauls kommen, sorge ich dafür, dass Sie Ihren Geisterfreunden im Jenseits früher Gesellschaft leisten, als Ihnen lieb sein dürfte.«

»Verstanden«, quetschte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Kann ich jetzt gehen?«

»Nein. Ich habe Sie nicht deswegen herkommen lassen.« Graycie nahm eine dicke, braune Aktenmappe vom Stapel auf seinem Schreibtisch. »Ich habe mir den Bericht des Psychologen angesehen.«

»Und?« Dieses kleine Wort konnte nicht mal annähernd ausdrücken, wie ich mich gerade fühlte. Ich schämte mich für meine zweimonatige Beurlaubung. Ich war besorgt, was Ryder, der Seelenklempner, über meinen Geisteszustand geschrieben hatte. Mir hatte der Mann Fragen immer nur mit Gegenfragen beantwortet, wenn überhaupt. Und wie fühlen Sie sich dabei? Wütend. Verdammt wütend.

»Sie scheinen mehr oder weniger wieder auf dem Damm zu sein.«

Mehr oder weniger? Ich nickte und fragte mich, wann wohl das Gefühl Einzug halten würde, das mir gerade fehlte. Erleichterung. Ich war nicht erleichtert. Er hätte mir genauso gut sagen können, dass ich nicht zurückkommen durfte. Ich fühlte nichts. Überhaupt nichts. Dieser Gedanke ließ mich die Stirn runzeln. Ich hatte hart für diesen Job gearbeitet. Das würde ich nicht einfach so aufgeben, weil ich plötzlich nur noch die emotionale Bandbreite einer Tomate besaß.

Ich räusperte mich. »Ich bin wieder arbeitsfähig.«

»Wirklich?«

»Der Bericht liegt Ihnen ja vor.« Ich hatte das Gefühl, mich verteidigen zu müssen. »Wo sind die anderen? Fox? Scout? Angela?«

»Ich schicke das BAU-3-Team nach Texas. Dort gibt es eine Reihe von Kindesentführungen.«

»Ich kann in einer Stunde startklar sein.«

»Sie sind vor zwei Stunden los.«

»Dann kann ich in Texas zu ihnen stoßen.« Sein Schweigen sprach Bände. »Sie denken, dass ich noch nicht so weit bin.«

»Nein«, bestätigte er, was mich überraschte. Er versuchte nicht einmal, eine dumme Ausrede zu finden? Dann war es ernst.

»Einige Teammitglieder haben … ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht. Und Sie wissen, wie sehr wir uns in diesem Job aufeinander verlassen müssen.«

Das stimmte. Manchmal verbrachten wir mehr Zeit miteinander als mit unseren Familien. Feiertage, Geburtstage. Wenn wir unterwegs waren, sogar Frühstück und Abendessen. Die Arbeit war anspruchsvoll, und man musste jedem im Team vertrauen können. Offenbar war das jetzt nicht mehr der Fall. Ich versuchte, es nicht persönlich zu nehmen, aber so war ich nicht gestrickt. Das Gen dafür lag bei mir direkt neben dem für Pünktlichkeit und Schokoladensucht.

»Wenn Sie mich feuern wollen, hätten Sie das auch am Telefon machen können. So habe ich das Sonderangebot für Blutorangen verpasst.«

»Ich entlasse niemanden, Rain«, antwortete Graycie genervt. »Aber ich werde Sie woanders einsetzen.«

»Ja? Ich habe nämlich keine Lust, bei GAP T-Shirts verkaufen zu müssen.«

Er ignorierte meinen schnippischen Kommentar, aber es kostete ihn sichtlich Mühe, wenn ich das Muskelzucken in seinem Augenwinkel richtig deutete. »Ich will, dass Sie an einem dieser Cold Cases arbeiten. Wir haben Anfragen von verschiedenen Abteilungen, manche sind schon mehrere Jahre alt. Sie wissen ja, wie dünn unsere Personaldecke hier ist, weswegen solche Fälle nie die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen eigentlich zusteht.«

Graycie schnappte sich einen Stapel Akten in gelben Mappen und reichte ihn mir. Ich zögerte einen Moment, nahm ihn dann jedoch entgegen. »Was ist das?«

»Die Fälle, aus denen Sie sich einen aussuchen können. Ryan Markisson aus Brighton, Michigan. Er verschwand von einem Basketballplatz. Tavis Ward, ein Sechsjähriger aus Charleston.« Ein weiterer gelber Hefter wanderte auf den Stapel. »Wurde tot im Wald hinter seinem Elternhaus gefunden. Carly Woodward, sechzehn Jahre alt, aus Chicago. Man hat ihr Auto auf einem Parkplatz hinter ihrer Highschool entdeckt. Bei der Menge an Blut im Kofferraum sieht es nicht gut für sie aus.«

In solchen Momenten wurde mir immer wieder aufs Neue bewusst, was unser Job bedeutete. Jede dieser gelben Akten – einige dünner, andere dicker – repräsentierte das Leben eines Menschen. Von jemandem, der verschwunden war, vielleicht sogar tot, möglicherweise ermordet. Es war ernüchternd. Und es war vielleicht nicht der prestigeträchtige Fall eines Serienmörders, den der Rest des Teams in Texas bearbeitete, aber es war wichtig. Ich nahm mir eine der gelben Mappen. Sie waren wichtig.

»Der Tavis-Ward-Fall gefällt mir«, meldete sich Ethan neben mir zu Wort, und ich konnte nur mit Mühe ein genervtes Aufstöhnen unterdrücken. Ich war so auf die Akten konzentriert gewesen, dass ich ihn nicht hatte hereinkommen sehen. »Ich war noch nie in Charleston.«

Dann solltest du mal hinfahren. Am besten sofort. Ich versuchte, das dem neugierigen Geist mit einem finsteren Blick zu vermitteln, aber Ethan ließ sich seelenruhig auf dem Stuhl neben meinem nieder.

»Ich werde etwas Zeit brauchen, um die Akten durchzusehen«, sagte ich.

»Nehmen Sie sich Zeit, so viel Sie brauchen.« Graycie griff nach seinem Handy auf dem Schreibtisch, das plötzlich vibriert hatte. Ich beobachtete, wie er umständlich mit den Daumen tippte und offenbar angestrengt nach den richtigen Buchstaben suchte. Er wirkte wie ein Ausstellungsstück in einem Museum. Steinzeitmensch trifft Samsung Galaxy.

Ich biss mir auf die Lippe. Das wäre jetzt wohl mein Stichwort und der Moment zum Aufstehen und Gehen, damit Graycie in Ruhe die Textnachricht von wem auch immer beantworten konnte. Wahrscheinlich von einem seiner Agenten, der nichts verbockt hatte und ihm gerade mitteilte, dass er oder sie zur Lösung des Mordfalls des Jahrhunderts beigetragen hatte.

Stattdessen blätterte ich durch die Akten, um mich mit den Fällen vertraut zu machen. Ich öffnete die Tavis-Ward-Mappe und begann zu lesen, schüttelte jedoch kurz darauf den Kopf. »1965? Entscheidend sind die ersten achtundvierzig Stunden, nicht Jahre.«

»Vor Kurzem ist eine Augenzeugin aufgetaucht, die sich daran erinnert, den Jungen in einer Eisdiele gesehen zu haben. Er wollte nicht aufhören zu weinen, aber die Frau dachte damals, dass er einfach nur einen Trotzanfall hatte und dass der Mann sein Vater war.«

»Warum hat sie sich jetzt gemeldet?«

Graycie zuckte die Schultern. »Wer weiß? Warum melden sich Zeugen überhaupt? Manchmal machen Leute das nur, wenn es für sie persönlich wird. Vielleicht hat sie kürzlich ein Familienmitglied verloren. Mit den neuen Informationen drehen sie jetzt eine Sonderfolge für diese Sendung, bei der es um vermisste Menschen geht. ›Die Vergessenen‹.«

»Nie davon gehört.«

»Fernsehreferenzen sind ja auch ein Buch mit sieben Siegeln für Sie, Christiansen.«

Jetzt war es an mir, die Schultern zu zucken. Nein, ich war kein Popkultur-Experte, aber ich besaß durchaus einen Fernseher. Offenbar wurde man für immer und ewig in eine Schublade gesteckt, nur weil man einmal beim Scharadespielen ahnungslos gewesen war. »Die anderen haben das Spiel fair gewonnen, Grace.«

»Wir hatten die Runde quasi schon für uns entschieden.« Graycie seufzte und schüttelte resigniert den Kopf. »Es war ›Harry Potter‹, verdammt. Wie konnte der an Ihnen vorbeigehen?«

»Sie haben einen Blumentopf mit Haaren gemalt.«

»Und was hätte ich Ihrer Meinung nach stattdessen malen sollen?«

»Wie wäre es mit einem Zaubererhut gewesen? Und, keine Ahnung, einem Buch?«

Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Die nächste Akte gehört zum Fall eines vermissten Mädchens aus Brickell Bay. Amy Greene. Es ist unklar, ob sie weggelaufen oder Opfer eines Verbrechens geworden ist.«

Ich öffnete die Mappe, und das Mädchen lächelte mir von einem Foto entgegen. Kastanienbraune Haare fielen ihr bis auf die schmalen Schultern und umrahmten ihr herzförmiges Gesicht. Sie wirkte, wie man es von einem glücklichen, gesunden Teenager erwarten würde. Bis auf die Augen. In diesen Augen stand eine Art … Wissen, das irgendwie nicht zu ihrem fröhlichen Lächeln passen wollte.

Ich seufzte, schloss die Akte und klatschte mir damit gegen den Oberschenkel. Graycie widmete sich schon wieder seinem Handy, als wäre ich gar nicht da. »Und wenn ich keinen von diesen Fällen bearbeiten will?«

»Wo ist die verflixte Raute?« Graycie schaute nicht auf.

»Alford.«

»Ich bin nicht taub, Christiansen. Sie können nicht hierbleiben, egal wie«, erwiderte er. »Nicht, bis ich das Shawna-Paul-Problem aus der Welt geschafft habe. Sie sollten mir dankbar sein.«

»Dankbar? Sie wollen mich wohl …«

»Man wollte, dass ich Sie feuere.«

Oh. Gut, wenn man es so betrachtete … Ich schluckte. »Danke.«

Er warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. »Mmhmm. Sie arbeiten erst wieder mit dem Team zusammen, wenn Sie ganz zurück auf Kurs sind. Und bevor ich Sie wieder voll in den aktiven Dienst lasse, will ich ein Gutachten von unserem Psychologen sehen.«

»Da war ich doch schon«, protestierte ich. »Sie haben den Bericht gelesen.«

»Ja.« Endlich sah Graycie von seinem Handy auf, doch dieses Mal war sein Blick ernst und mitfühlend. Was überhaupt nicht zu ihm passte. »Hab ich.«

Ich stieß geräuschvoll einen Atemzug aus. Dieser verdammte Ryder. Wahrscheinlich hätte ich dem Seelenklempner gegenüber nicht ganz so ehrlich sein sollen.

Graycie senkte den Blick wieder auf sein Handy, und was auch immer ich da gerade in seinen Augen gesehen hatte, war genauso schnell wieder verschwunden, wie es aufgetaucht war. »Das ist eine zweite Chance für Sie, Christiansen. Sie stöbern in einem dieser unaufgeklärten Fälle, in denen es ohnehin kaum Aussichten auf Erfolg gibt. Sie fahren hin, ermitteln, greifen der Polizei vor Ort unter die Arme und machen niemandem Schwierigkeiten. Lassen Sie uns gut aussehen. Wenn Sie den Fall lösen – umso besser.«

Wundervoll. Brickell Bay war ein Nachbarort meiner Heimatstadt Miami. Das bedeutete, dass ich auch meine Schwester besuchen und mindestens ein Abendessen bei meinen Eltern über mich ergehen lassen musste. Dafür gab es doch bestimmt Gefahrenzulage, oder?

Graycie deutete auf die Akte, die ich noch immer in der Hand hielt. »Haben Sie sich den ausgesucht?«

»Ja. Amy Greene.«

Er nickte zufrieden. »Ich schicke Ihnen die Einzelheiten für Ihr Treffen mit der Polizei in Brickell Bay. Jemand wird Sie vom Flughafen abholen.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Damit ich nicht abhaue? Fliege ich nach Brickell Bay oder Alcatraz?«

»Reine Höflichkeit.«

Ich verbiss mir ein Schnauben, erhob mich und zog meinen Mantel wieder an. Jetzt musste ich auch noch auf dem langen Weg vom Flughafen bis nach Brickell Bay mit einem Vertreter dieser Hinterwäldlerpolizei freundlichen Small Talk machen. Das fehlte mir gerade noch. Dafür würde ich die Spesenabrechnung in die Höhe treiben.

»Bringen wir es hinter uns.« Ich seufzte tief. »Welchen Flug soll ich nehmen?«

»Den Nachtflug vom Washington National Airport.«

»Kein FBI-Jet?«, jammerte ich.

»Nein, aber dafür buche ich Ihnen zwei schöne Sitze in der Holzklasse.« Graycie grinste. »Für extra viel Ellenbogenfreiheit.«

»Frechheit. Noch nicht mal Businessclass ist drin?« Ich wickelte mir den Schal um den Hals, machte mir aber nicht die Mühe, ihn in den Mantel zu stecken, da ich ohnehin gleich wieder im Auto sitzen würde. Dafür hatte Gott die Sitzheizung erfunden. Und damit man Essen mitnehmen und auf dem Heimweg warm halten konnte.

»Oh, und Christiansen?« Erneut fixierte Graycie mich mit einem stechenden Blick.

»Ja?«

»Vergeigen Sie’s nicht.«

Die Worte noch mal hingen unausgesprochen in der Luft, doch ich kniff nur die Lippen zusammen und verließ das Büro.

Vielen Dank für das Vertrauen in mich.

KAPITEL 3

Als das Flugzeug in Brickell Bay landete, starrte ich angespannt aus dem kleinen Seitenfenster. Die Lichter der schmalen Landebahn funkelten und wirkten im abendlichen Dämmerlicht beinahe festlich.

Vier Stunden hatte ich dem Geist neben mir zuhören müssen, der mir alles über seinen Herzinfarkt erzählte, an dem er während eines Flugs verstorben war. Vier Stunden zu viel. Nur leider hatte ich meine Tabletten versehentlich in meinen großen Koffer gepackt, und der befand sich im Frachtraum.

Wobei das so eigentlich nicht ganz stimmte. Ich hatte sie nicht versehentlich dort verstaut, sondern mit voller Absicht, weil ich fest entschlossen war, es ohne Medikamente durch einen vierstündigen Flug zu schaffen. Und was hatte ich jetzt davon? Es war ein Fehler, ich hatte mehr als eine Schraube locker, und ich brauchte meine Pillen. Mein Griff um die Armlehnen verstärkte sich ein wenig, als das Flugzeug mit einem kleinen Rumpeln aufsetzte. Gleichzeitig drehte der Flugzeuggeist noch mal kräftig auf.

»Wenn diese dumme Stewardess früher um Hilfe gerufen hätte, wäre ich vielleicht noch am Leben.« Er schnitt eine finstere Grimasse, während das Flugzeug langsam von der Landebahn rollte. Als unser Gate in Sicht kam, schickte ich ein stummes Dankgebet ab.

»Ted«, unterbrach ich ihn.

»Tom!« Er wandte den Blick zu mir. »Haben Sie mir überhaupt zugehört?«

»Natürlich. Ich würde nur gerne wissen … Sitzen Sie hier im Flugzeug fest?«

Er kniff die Augen etwas zusammen. »Ich verlasse es nicht gerne, nein.«

Abgesehen davon, dass der Vogel heil vom Himmel gekommen war, war das das Beste, was mir seit Tagen passiert war. Sobald das Anschnallzeichen erlosch, stemmte ich mich aus meinem Sitz hoch. Teds eisigem Blick nach zu urteilen, passte ihm mein demonstratives Desinteresse überhaupt nicht. Halb aufgerichtet wartete ich auf das Signal zum Aussteigen.

Ich hatte wahrlich schon angenehmere Flüge erlebt. Mein letztes Mal Linienmaschine war schon eine Weile her, aber am Kofferkarussell ging es noch genauso anstrengend zu wie eh und je. Ich stöpselte meine Ohrhörer ein, ließ mich mit etwas Musik von Sia beschallen und schlenderte durch die Halle auf der Suche nach bekannten Gesichtern aus dem Flugzeug. Als ich mich erfolgreich durch das Gedränge bis zum anderen Ende durchgequält hatte, war ich mit den Nerven am Ende.

Am Gepäckband war kein freier Meter auszumachen. Ungeduldige, übermüdete Reisende verwandelten sich in Löwen, die ohne zu blinzeln in der urbanen Serengeti auf das Loch starrten, das die Koffer ausspucken würde.

Irgendwann stand ich neben einer Oma, die möglicherweise zwei Reihen vor mir gesessen hatte, und fragte mich, was zum Teufel ich in Brickell Bay machte.

Oh, ja, richtig. Mein Chef hielt mich für verrückt und war ein Anhänger der »Aus den Augen, aus dem Sinn«-Philosophie. Und ich suchte nach einem Mädchen, das wahrscheinlich mit seinem Freund in einem überteuerten Ein-Zimmer-Apartment auf der Collins Avenue in Miami Beach wohnte und als Kellnerin in einem Schuppen arbeitete, für den ein schilfgedecktes Dach, klebrige Speisekarten und halbnackte Frauen zum Ambiente gehörten.

Oh, und zu allem Überfluss durfte ich auch noch meine Familie besuchen. Keine Chance, da drum herumzukommen. Ich war zwar ein Einsiedlerkrebs und ein Workaholic, aber nicht mal ich entkam einem Anstandstreffen. Wenn ich mich nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden nach meiner Landung bei meinen Eltern und meiner Schwester blicken ließ, würde die Sache … laut werden. Hauptsächlich würde meine Zwillingsschwester Skylar laut werden.

Ja, richtig gehört. Rain und Sky. So was passierte schon mal, wenn man von … Na ja, sagen wir es doch, wie es ist: wenn man von zwei durchgeknallten Menschen abstammte. Durchgeknallt im Sinne von herzensguten, »Wir gehen, wohin der Wind uns weht«-Hippies, die nach Erde, Sonne und Patschuli rochen. Oh, und Gras natürlich. Gras, von dem sie dachten, dass ich nichts davon wusste. Aber wenn man im Glashaus saß, sollte man sich vielleicht um sein eigenes Pillenproblem kümmern, also sagte ich nichts dazu.

Sie waren wirklich keine schlechten Menschen. Auf ihre eigene, sehr individuelle Weise waren sie sogar großartig. Als ich das letzte Mal mit meiner Mutter gesprochen hatte, wurde sie gerade zur Wicca-Anhängerin. Wicca war etwas, das sie verstand und worauf sie stolz war. Bei meiner Abschlussfeier war das weniger der Fall gewesen. Ich schnaubte. Meine Eltern hatte die Einladung dazu eher verwirrt. Dieses Gespräch war mir noch lebhaft in Erinnerung.

Meine Mutter hatte geklungen, als käme sie bei all dem nicht so ganz mit. »Hast du deinen Abschluss nicht schon gemacht, Schatz?«

»Ja, aber für einen niedrigeren akademischen Grad. Das war mein Masterabschluss. Diese Feier ist für meinen Doktortitel, Mom.«

»Was ist der Unterschied?«

»Der ist ziemlich groß. Vier Jahre Studium groß.« Ich merkte, wie ich die Geduld verlor, und riss mich am Riemen. Meiner Hippie-Mutter waren organisierte Institutionen fremd, und sie schätzte sie auch nicht besonders, unabhängig davon, ob man in ihnen höhere Bildung erwerben konnte oder nicht.

»Weißt du schon, dass Sky hier am örtlichen College einen Kurs über die Wichtigkeit des ganzheitlichen Lernens gibt? Den solltest du irgendwann mal besuchen.«

Ich überlegte kurz, ob es wohl unhöflich wäre, sie zu fragen, was das mit dem zu tun hatte, was ich eben gesagt hatte. Ich entschied mich für ja – ja, das wäre extrem unhöflich. »Na ja, wenn du und Dad es zur Feier einrichten könnt, lasst es mich wissen. Ich buche euch gerne Flüge.«

»Du sollst dein Geld nicht für so was ausgeben«, meinte sie abwesend. Ein Ratschen im Hintergrund verriet mir, dass sie gerade die Post öffnete.

»Das wäre kein Problem«, brachte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Oh.« Plötzlich klang sie etwas begeisterter. »Dann sehen wir dich immerhin wieder, und das ist alles, was zählt.«

Sie gaben sich wirklich Mühe, und das war genug gewesen. Für sie war es seltsam und wohl auch ziemlich überflüssig, dass ich den Gegenwert eines Autos in ein Stück Papier von einer Universität steckte. Ich war für sie immer schon derjenige in der Familie gewesen, der seine Nase in Bücher versenkte. Wenn ich darauf warten wollte, dass sie mich oder meine Lebensentscheidungen verstanden, würde ich wohl vorher mein Leben aushauchen. Und anschließend von meiner unerschütterlichen Mutter, die viel Wert auf Recycling legte, in ein umweltbewusstes Potpourri umgestaltet werden.

Wahrscheinlich war es auch besser, dass sie nicht zu meiner Abschlussfeier gekommen waren. Keine Ahnung, wie sie über mein Leben denken würden. Meine steril anmutende Wohnung wäre so gar nichts für meine farbenfrohe Familie. Verdammt, selbst ich mochte die Hälfte meiner Einrichtung nicht. Ich hatte das Apartment bloß gemietet, weil es in einem guten Viertel lag und es dort neugierige Nachbarn gab, die ein Auge auf alles hatten, wenn ich unterwegs war.

Meinen Job hasste meine Familie auf jeden Fall. Ebenso wie die Tatsache, dass ich ständig auf Dienstreise war und deshalb schon mehr als eine Feier verpasst hatte. Und dass ich für »die da oben« arbeitete, wie mein Vater es nannte. Da brauchte ich nicht auch noch ihre missbilligenden Blicke angesichts meiner nüchternen Wohnungsgestaltung und meiner unauffälligen Standardlimousine. Ich wusste, dass sie mich für langweilig hielten. Verantwortungsbewusst. Zugeknöpft.

Vielleicht stimmte das sogar. Aber war es nicht geradezu ironisch, dass ausgerechnet ich derjenige war, der Geister sah? Tja, so war das Leben. Ich schüttelte den Kopf. Nie langweilig, immer für eine Überraschung gut und oft genug nicht nachvollziehbar. Je länger man darüber nachdachte, desto weniger Sinn ergab alles.

Jemand stieß gegen meinen Handgepäckskoffer, und ich blinzelte ein paarmal. Wie lange hatte ich ins Leere gestarrt? Die Frau, die gerade meinen Koffer so unhöflich angerempelt hatte, warf mir einen finsteren Blick zu – offenbar, weil ich die Frechheit besaß, in einem Flughafen einen Koffer bei mir zu haben. Sie warf sich ihre dunklen, glänzenden Haare über eine Schulter nach hinten und stolzierte in ihren pelzbesetzten UGG-Stiefeln davon. Die ältere Dame, die möglicherweise mit dem gleichen Flug wie ich gekommen war, war inzwischen verschwunden. Ich seufzte und setzte mich wieder in Bewegung.

Ein eingehender Anruf ließ die Musik auf meinen Ohren verstummen, was meine Laune nicht gerade verbesserte. Wäre es wirklich zu viel verlangt, wenn Siri den Leuten erklärte, dass ich für die nächsten hundert Jahre nicht erreichbar war? »Christiansen.«

»Bist du schon da?« Chevy hielt sich nie mit einer Begrüßung auf.

»Auch dir einen guten Abend«, erwiderte ich, während ich eine Mutter umrundete, die gerade versuchte, ein schreiendes Kleinkind einzufangen. »Und ja, ich bin vor fünfzehn Minuten gelandet und noch am Flughafen.«

»Hängst du am Gepäckband fest?« Nichts an ihrem Tonfall verriet ihre Gedanken, doch ich wusste, dass sie sich amüsierte.

»Ja«, gab ich schnaufend zu. »Lach nicht.«

»Tut mir leid, Schätzchen.« Sie klang jedoch kein Stück reumütig. »Du weißt, dass ich dich für ein Genie halte. Du bist halt einfach nur ein Genie, das sich in Flughäfen verläuft. Als wenn Einstein sich nicht im Baumarkt zurechtfindet.«

Die meisten Menschen fanden meine Verhaltensanalyse-Kollegin Chevrolet Sullivan großartig – sie hielten sie für eine gute Agentin und eine hochintelligente Frau. Doch die kannten sie nicht so gut wie ich. Sie wussten nicht, was für eine Nervensäge sie war, die ständig Taylor-Swift-Songs vor sich hin summte und das Mittagessen anderer Leute aus dem Kühlschrank klaute. Sie schlief nie, verließ nie das Büro und war nur knapp eins fünfzig groß. Wobei Letzteres eigentlich kein Problem war. Es eröffnete mir aber eine Vielzahl an Möglichkeiten für Witze über kleine Menschen. Und ihr lieferte es eine Ausrede, um auftoupierte Turmfrisuren im Stil von Dolly Parton zu tragen. Chevy war der festen Überzeugung, dass ihr Styling sie größer wirken ließ. Dem stimmte ich zwar nicht unbedingt zu, aber ich konnte dadurch noch ein paar Kommentare über Menschen mit auffälligen Frisuren einstreuen, also hatten wir wohl alle was davon.

»Rufst du nur an, um mich zu nerven?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe deine Schwester angerufen und sie gefragt, ob du bei ihr schlafen kannst, während du in der Stadt bist.«

»Du hast was getan?«

»Na ja, das Holiday Inn zwei Abfahrten vom Revier ist ausgebucht. Was Näheres habe ich nicht zu bieten. Im Zehn-Meilen-Radius gibt es nur ein paar Baustellen, einen Obststand und eine Alligatorenfarm.«

»Dann nehme ich die Alligatorenfarm.«

Sie ignorierte mich. »Deine Schwester hat gesagt, dass sie dich liebend gern aufnimmt. Und außerdem hat sie sich darüber ausgelassen, dass du so lange nicht mehr da warst und generell viel zu selten nach Hause kommst, aber das kann sie dir dann selbst sagen.«

»Wirklich furchtbar nett von dir.« Das Kofferkarussell, an dem ich gerade stehen geblieben war, piepste und spuckte dann Gepäckstücke aus wie ein Roboter mit Schluckauf.

»Ich habe mir nur gedacht, dass du dir wahrscheinlich noch kein Zimmer gebucht hast.«

»Ich musste mich um andere Sachen kümmern.«

»Wie einen Mietwagen? Daran hast du doch gedacht, oder?«

Diese Frage würde ich nur zu gern mit Ja beantworten. »Kann ich dir sonst noch irgendwie behilflich sein, liebste Lieblings-Chevy?«

»Das ist alles für den Moment. Ich bin deine Kontaktperson in der Zentrale, es ist mein Job, zu überprüfen, ob bei dir alles in Ordnung ist.« Selbstgefällige, kleine Giftzwergin. »Mich wundert, dass du den Fall überhaupt angenommen hast. Als wir uns das letzte Mal darüber unterhalten haben, wolltest du noch unter keinen Umständen in deine Heimatstadt zurück.«

»Das stimmt nicht.« Mein Protest kam beinahe automatisch. Es fühlte sich falsch an, es nicht zu verneinen. Illoyal. Außerdem würde ich Miss Teen Pop USA so etwas Persönliches nie erzählen.

»Du hast gemeint, dass du dich bei jedem Besuch wie ein Alien fühlst, der zum ersten Mal sein Raumschiff verlässt. Deine Eltern machen dich wahnsinnig …«

»Okay.«

»Deine Schwester steckt ihre Nase in absolut alles …«

»Ich habe nie …«

»Und natürlich bist du immer noch in Danny verliebt. Oder sollte ich eher sagen, scharf auf ihn?«

»Nichts davon habe ich je gesagt, du fieser, kleiner Dolly-Parton-Klon.« Mein Gesicht glühte so heiß, dass ich das Gefühl hatte, in Flammen zu stehen.

Ich mochte das nicht gesagt haben, aber ich würde es auch nicht abstreiten. Die Sache mit dem Scharfsein natürlich, nicht das mit der Verliebtheit. Aber Entschuldigung, bei Danny McKenna würde das jedem so gehen, und das lag nicht nur an seinem Aussehen. Er gab sich viel Mühe im Bett, ging auf seinen Partner ein, ließ sich viel Zeit. Beinahe zu viel Zeit, während ich sehnsüchtig darauf gewartet hatte, dass er den nächsten Schritt machte. Sagen wir mal so: Ich hatte in unserem Schlafzimmer sicher mehr als einmal den Satz »Jetzt mach endlich!« geäußert.

Es hatte bei uns auch nie eine Diskussion über Top und Bottom gegeben. Das stand völlig außer Frage. In dieser einen Sache konnte ich in meinem sorgsam geordneten Leben mal die Kontrolle abgeben, nur für eine Weile.

Ich schluckte. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn ich mich nicht daran erinnern würde, wie sich seine geschickten Finger in mir anfühlten, während er mich gleichzeitig in den Mund nahm. Oder wie es sich angefühlt hatte, wenn er mir endlich gab, was ich wollte. Wenn er sich in mir bewegte, ich das Gesicht im Kissen vergrub und mich verzweifelt in die Bettlaken krallte. Gleichmäßig. Nachdrücklich. Selbstsicher.

Nur wenn er in mir war, hatte ich wirklich das Gefühl, dass wir gut zusammenpassten. Wie Puzzlestücke, die an den für sie vorgesehenen Platz rutschten. Ich schnaubte leise. Zu schade, dass ich so ein durchgeknallter Freak war. Geister zu sehen blockierte mein Liebesleben ganz ordentlich.

Ich versuchte, nicht zu sehr darüber nachzudenken, und meistens klappte das auch. Allerdings machte das die Tatsache noch surrealer, dass Danny gerade durch die geschäftige Menschenmenge des Flughafens auf mich zukam. Ich blinzelte. Ist das echt so einfach, Gott? Man muss nur dran denken, und es passiert? Ich schloss die Augen und wünschte mir eine Million Dollar. Oder meine verstorbene Großmutter herbei. Oder Billie, meinen geliebten, ebenfalls verstorbenen Shih Tzu aus Kindertagen.

Aber nein. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich keine Nana und auch keinen Billie. Gott ließ immer noch die Danny-Erscheinung auf mich zukommen, und offenbar fand Er es in Seiner unendlichen Weisheit ziemlich lustig, den Mann in meiner Vision attraktiver denn je zu machen.

»Ich muss los«, verabschiedete ich mich leise von Chevy.

»Okay«, flötete sie. »Pass auf dich auf. Tu nichts, was die nationale Sicherheit gefährdet.«

Dann durfte ich wohl meinem viel zu heißen Ex auch keinen Handjob auf einer ekligen Flughafentoilette verpassen, oder? Das sollte ich dringend mal in den Vorschriften nachschlagen.

»Ich werd’s versuchen«, murmelte ich.

*

Als FBI-Agent war ich darauf trainiert, immer das Unerwartete zu erwarten – und auf so ziemlich alles vorbereitet zu sein. Aber der Anblick von Danny, der mit einem vollkommen gelassenen Grinsen und meinem Reisekoffer neben sich auf mich wartete? Das fühlte sich an wie ein Faustschlag in die Magengrube.

Danny zog die Augenbrauen nach oben. »Hätte nicht gedacht, dass ich dich mal sprachlos erlebe. Ich sollte heute vielleicht Lotto spielen.«

Ich hatte mir so viele professionelle Reaktionen für den Fall ausgemalt, dass ich das nächste Mal auf meinen Ex traf. Ich würde ihn kalt und knapp abfertigen und mich voll auf den Job konzentrieren. Oder ich konnte total gleichgültig und beiläufig mit ihm sprechen, um ihm direkt klarzumachen, dass ich über ihn hinweg war. Keine Variante hatte jedoch ein leises »Hey« und ein zittriges Winken beinhaltet. Ich war ja so unfassbar schlagfertig.

»Auch hey.« Er klappte den Griff meines Koffers aus. »Ich hätte dir auch noch ein bisschen länger zuschauen können, wie du hier herumirrst, aber das wäre wohl nicht besonders nett. Du hast dich noch nie gut auf Flughäfen zurechtgefunden.«

»Manche Dinge ändern sich wahrscheinlich nie.«

»Andere dagegen schon.«

Ich strengte mich wirklich an, aber ich konnte bei ihm einfach nicht mehr zwischen den Zeilen lesen. Aber er hatte recht. Manches änderte sich durchaus. Als er mich das letzte Mal vom Flughafen abgeholt hatte, waren wir noch zusammen gewesen, und obwohl er nicht gern in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschte, hatte er mich glatt um den Verstand geküsst. Wir hielten zwar nicht Händchen auf dem Weg zum Auto, aber er lächelte mich die ganze Zeit über an. Damals wäre so eine steife, unangenehme Begrüßung wie jetzt undenkbar gewesen.

Erzähl mir bloß nicht, dass du immer noch Gefühle für den Kerl hast.

Mein Unterbewusstsein klang entsetzt. Nein. Nein. Natürlich nicht. Ich war nur überrascht, ihn nach all der Zeit so plötzlich wiederzusehen. Und vielleicht auch, weil er immer noch so, na ja, gut aussah. Und seine Nähe mir so verdammt vertraut war.

Sein Freizeitlook mit ausgewaschener Jeans und einem T-Shirt wurde durch Halbstiefel abgerundet, die auch schon bessere Tage gesehen hatten. Unser Aufeinandertreffen war für ihn offenbar kein Grund gewesen, sich rauszuputzen. Ich versuchte, nicht auf seine muskulösen, dicht tätowierten Arme zu starren oder darauf, wie sich der hellblaue Stoff seines Shirts über ihnen spannte. Ich hatte seinen Tattoos schon früher nicht widerstehen können.

Sein dunkles Haar trug er noch immer an den Seiten kurz und am Oberkopf etwas länger. Bartschatten bedeckte seine kantige Kinnlinie, und in seiner Augenbraue entdeckte ich das gleiche silberne Barbell-Piercing wie früher. Am meisten hatte sich der Ausdruck in seinen dunkelblauen Augen verändert. Er war nicht mehr offen und einladend, sondern wachsam. Verschlossen.

»Du siehst überrascht aus«, meinte Danny.

Fassungslos wäre vermutlich das bessere Wort. »Ein bisschen«, entgegnete ich schließlich mühsam. »Was machst du hier?«

»Mein Lieutenant hat mich als Begrüßungskomitee hergeschickt, um unseren temporären FBI-Kollegen abzuholen. Also …« Er zog erneut eine Augenbraue nach oben. »Herzlich willkommen.«

»Ich wusste, dass sie mir einen Aufpasser schicken. Aber nicht, dass … du das bist.« Ich war davon ausgegangen, dass das Brickell Bay Police Department mich von jemandem einsammeln ließ, mit dem ich nicht geschlafen hatte. In Anbetracht der Tatsache, wie lange ich keinen Sex mehr gehabt hatte, sollte das eigentlich nicht so schwer sein.

»Gibt es einen Grund, warum ich das nicht übernehmen kann?«

Ich biss die Zähne zusammen. »Nicht wirklich.«