EINHORNZAUBER

Fantastische Geschichten

Hrsg. Alisha Bionda

Ashera Verlag

 


 

Impressum

© Erstausgabe 2018

Copyright © 2018 dieser Ausgabe by Ashera Verlag

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.

Covergrafik:  iStock

Innengrafiken: iStock

Szenntrenner: Fotolia

Coverlayout: Atelier Bonzai

Redaktion: Alisha Bionda

Lektorat & Satz: TTT

ashera.verlag@gmail.com

www.ashera-verlag.de

 

ISBN: 978-3-948592-14-1

 


 

INHALT

 

KUPFERHAARS DRACHE

INDIGO

DAS ELFENBUCH

DAS KALTE ZIMMER

SCHATTENMANNS BLICK

DER FLUCH DER DRACHENBURG

DIE HERRIN DER BÜCHER

IM AUGE DES FÄHRMANNS

TYLWYTH TEG

GIER UND NEUGIER

EINHORNZAUBER

KÖNIGSKINDER

PORTAL DER HOFFNUNG

AMELIE

DIE RELIQUIE

WOLFSNACHT

DIE HERAUSGEBERIN

 

 


 

Ein Bild, das Buch, Text, Tasse enthält. Automatisch generierte Beschreibung

 

Thomas Neumeier

thomasneumeier.de.tl

Thomas Neumeier, geboren in Neumarkt in der Oberpfalz, lebt als freiberuflicher Publizist und Bürokaufmann im schönen Beilngries im Altmühltal. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten. Seine Krimis sind u.a. bei Emons erschienen.

 

 


 

IM BANN DER NEBELFLÖSSER

Thomas Neumeier

  

»Papa, was sind Nebelflößer?«

»Die Nebelflößer? Wo hast du denn von denen gehört?«

»Unten am Fluss. Heute, beim Spielen.«

An Theodans Fersen hetzte Herbert, so schnell es ihm seine schwindenden Kräfte noch erlaubten, durch den lichtlosen Wald. Der Sack auf seinem Rücken lastete schwer, außerdem verursachte er bei jedem Schritt ein verräterisches Klimpern. Hierin mochte es sich als Gunst erweisen, dass ihre Verfolger beritten waren und die Hufe ihrer mächtigen Rösser das Klirren und Scheppern der erbeuteten Gegenstände übertönten, wenn sie durch die fortwährenden Erschütterungen gegeneinander begehrten. Herbert vernahm ihre Häscher dennoch bereits beunruhigend nah, vielleicht hinter ihnen, vielleicht auch irgendwo neben ihnen. Noch einmal sah er sich nach Dornhub um, konnte ihn aber nicht erspähen. Hatten sie ihn etwa schon erwischt? Herbert versuchte, den Gedanken zu verscheuchen und setzte alles daran, mit Theodan Schritt zu halten. Theodan war der Waldkundigste von ihnen, und Herbert bezweifelte, dass er ohne ihn den verabredeten Sammelplatz am Fluss finden würde.

Eine Baumwurzel brachte Herbert in vollem Lauf zu Fall. Das Gewicht des Beutesacks schmetterte ihn bäuchlings zu Boden und verursachte dabei ein ungeheures Geschepper. Schmerzen an Knie und Ellenbögen und nicht zuletzt an seinen Rippen lähmten ihn und schnürten ihm einige Augenblicke lang die Atemluft ab.

Theodan kam zurückgeeilt. »Idiot!«, fauchte er und wälzte den Sack von Herbert. »Na los, steh auf!«

Benommen versuchte Herbert, den Befehl auszuführen, was ihm nur unter unmenschlichen Anstrengungen gelang. Noch überaus wackelig auf seinen Beinen wuchtete ihm Theodan schon wieder den Beutesack in die Hände. »Los, weiter!«, zischte er und nahm Schritt auf.

Herbert aber verharrte an Ort und Stelle, gebannt von der schwarzen Silhouette eines Reiters, die keine zwanzig Schritte entfernt zwischen den Bäumen Form annahm. Das bittere Ende dieser zerfurchenden Hatz vor Augen und den eisigen Hauch des Todes im Genick, ließ Herbert den Sack sinken. Sie waren entdeckt. Nun gab es kein Entrinnen mehr. Er sah, wie der gesichtslose Reiter sein Schwert zog. Das geringe Sternenlicht, das die Baumkronen durchstieß, ließ die Klinge kurz aufblitzen.

Dann gellte ein Schrei durch die nachtschwarze Firnis des Waldes. Herbert fuhr herum und sah eine bucklige Gestalt aus dem nahen Dickicht hetzen. Erst als sie sich entfernte, durchschaute er, dass dieser Buckel ebenfalls ein Sack war. Der Fliehende war Dornhub. Brüllend wie ein vom Wahnsinn gepackter Berserker rannte er den Weg zurück, den sie gekommen waren, und lenkte damit die Aufmerksamkeit des Reiters auf sich. Der stieß nun ebenfalls einen Schrei aus und rief seine Sinnesgefährten zu sich. Gleich darauf gab er seinem Pferd die Sporen und jagte – sein Schwert schwingend – Dornhub hinterher. Weitere Silhouetten aufgebrachter und zur Mordlust angestifteter Reiter huschten schattengleich hinter Büschen vorüber.

»Jetzt komm schon!« Theodan war plötzlich wieder da, packte Herbert an seiner Weste und zerrte ihn mit sich. Er ließ es geschehen. In unferner Finsternis kam das Getrappel der schweren Hufe jäh zur Ruhe. Schwerter sangen schrill, als sie ihre Scheiden verließen. Herbert vernahm einen markerschütternden Sterbensschrei. Einer, der noch lange in ihm nachhallte.

Der Pfad schlängelte sich durch unwegiges Dickicht. Dornhub hatte ihnen etwas Zeit verschafft, doch die dumpf den Waldboden marternden Hufe waren schon wieder nahe. In Herberts Ohren rumorten sie wie ein aufziehendes Gewitter.

»Da runter!«, befahl Theodan und schlüpfte durch eine Schneise im Buschwerk auf eine steil abfallende Böschung. Herbert stolperte ihm nach. Endlich lichteten sich die Baumkronen, und der Fluss kam in Sichtweite. In seinem sanft rauschenden Wasser spiegelte sich der Sternenschein wider. Theodan eilte auf das Ufer zu. Von mannshohen Felsen geschützt, wartete wie vereinbart der Flößer auf sie.

»Das hat aber gedauert«, grummelte der dickliche junge Mann, den sie tags zuvor in einer verkommenen Spelunke kennengelernt hatten.

»Ablegen! Ablegen!«, befahl Theodan, wuchtete seinen Beutesack auf das Floß und sprang hinterher. Dann fuhr er zu Herbert herum und hielt die Hände auf, bereit, den zweiten entgegenzunehmen. »Na los, gib schon her!«

Herbert zögerte einen Moment, doch dann tat er, wie ihm geheißen. Theodan nahm den Sack entgegen. Keinen Augenblick später folgte Herbert nach. Das Floß setzte sich in Bewegung.

Im Licht der Sterne sah Herbert seinen Kumpan grinsen. »Wir haben es geschafft, alter Freund!« Er schlug Herbert kameradschaftlich auf die Schulter.

Herbert war noch völlig außer Atem. »Dornhub nicht«, merkte er bitter an.

»Ja, schade um ihn«, sagte Theodan. »In seinem Sack war das Silberbesteck, nicht?«

»Ich bestehe auf dem abgemachten Anteil«, stellte der Flößer klar, während er sein schlicht geplanktes Gefährt mit dem Lenkruder weiter vom Ufer entfernte. »Schade, dass ihr euren Freund verloren habt, aber dafür kann ich nichts. Ich will trotzdem den vollen Anteil.«

»Ja, natürlich«, beschwichtigte ihn Theodan. »Du bekommst, was wir vereinbart haben. Und jetzt bring uns nach Mitrindar.«

Herbert schaute zum Ufer zurück. An der Stelle, an der das Floß gerade noch gelegen hatte, erspähte er die Umrisse eines Berittenen.

»Die Nebelflößer gibt es nicht. Das ist nur eine Spukgeschichte, mein Junge.«

»Erzähl sie mir!«

»Nein, nicht jetzt. Du würdest sonst womöglich nicht schlafen können. Morgen vielleicht.«

 

Als sie in Mitrindar einliefen, graute bereits der Morgen. Nebelschlieren zogen über das Wasser. An den Stegen brannten vereinzelte Fackeln, hinter manchen Häuserfenstern glommen Ölfunzeln, und in den Schatten gingen dunkle Gestalten ihrem frühen Tagewerk nach. Von einem Bergkessel umschlossen, gab es nur einen einzigen Pass, der auf dem Landweg in die große Flussstadt führte. Seilbewährte Holzbrücken verbanden die Stege zu beiden Uferseiten, und zahlreiche Bauten, vor allem die Holz- und Wolllager, waren auf mächtigen Stelzen über dem sanft dahinziehenden Wasser gebaut, damit die Kähne einfach und schnell beladen werden konnten. Nur wenige Meilen flussabwärts begann sich der breite Strom zu zerteilen und nahm in zahllosen Nebenströmen zwischen steilen Felswänden seinen Weg nord- und ostwärts. Es war nicht Herberts erster Aufenthalt in Mitrindar, doch er war bislang nie darüber hinausgekommen. Zahlreiche Heimatlose und Gejagte fanden sich hier ein, deren Leben davon abhing, nicht den Schergen der südlichen Pfalzgrafen in die Hände zu fallen. Die meisten, die in Mitrindar Zuflucht suchten, taten das mit dem Ziel, nordwärts zu fliehen. Doch gelang es nur wenigen, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Theodan hatte lange geschlafen. Nun aber, wo sich an den Ufern die ersten nebelumgarnten Bauten formten, fuhr er hoch. »Wir sind da«, wisperten seine von einem struppigen Bart umwobenen Lippen. »Dieses Mal steht uns der Weg an die nördlichen Gestade offen.«

Herbert wusste, dass er dabei an die Flusszölle dachte, die sie weiter nördlich entrichten mussten. Mit der Beute würden sie sie aufbringen können. Sie sollte außerdem genug sein, um davon eine Weile gut zu leben. Im Gegensatz zu Theodan hatte Herbert in den vergangenen Nachtstunden keinen Schlaf gefunden. Er dachte unentwegt an Dornhub, der sich für sie geopfert hatte. Ein edler Zug, den er Theodan nicht zutraute. Und auch sich selbst nicht.

Auch ihr junger Flößer hatte nicht geschlafen, um sie nicht versehentlich auf ein Riff zu setzen. Müde und verwahrlost saß er mittig am Heck und hielt das Floß auf Kurs.

»Los, bring uns an Land!«, befahl Theodan in seinem wiederkehrenden Siegestaumel. »Ich gebe dir einen Humpen Met aus!« Dann fuhr er zu Herbert herum und bedeutete ihm mit beiden Zeigefingern. »Und dir, mein Freund, gebe ich ein ganzes Fass aus!«

»Später«, gab Herbert zur Antwort. »Ich muss mich erst hinlegen.«

»Ich will jetzt auch keinen Met«, sprach der Flößer. Sein Name war Magmog. »Gebt mir den versprochenen Anteil, dann setze ich euch ab, wo ihr wollt.«

»Du könntest deinen Anteil noch erhöhen, wenn du uns weiterfährst.«

»Nein!«, schallte Magmog entschieden zurück. »Weiter fahre ich nicht! Weiter fahre ich nie! Jetzt gebt mir meinen Anteil!«

Theodan und Herbert verständigten sich durch Blickkontakt, die Säcke zu öffnen. Zwei silberne Kerzenständer, eine Tabakdose und ein Beutel mit vierzig Silbertalern wechselten in Magmogs Umhängetasche.

In einem Wirtshaus bezogen Herbert und Theodan noch in den Morgenstunden Quartier. Auf Heu gebettet und seinen Beutesack fest umschlossen, gelang es Herbert, einige Stunden lang zu schlafen. Als er aufwachte, fand er sich allein in ihrer Stube vor. Seinen Beutesack hatte er zurückgelassen, doch Theodan war fort. Offensichtlich vertraute er Herbert genug, ihn mit der Beute allein zu lassen. Umgekehrt hätte Herbert das nicht gewagt. Er trat ans Fenster. Der Nebel war inzwischen allumfassend. Das gegenüberliegende Ufer war nicht zu erspähen. Die Brücken und Stege verloren sich in grauem Nichts. So viel Nebel hatte Herbert noch nie gesehen.

In der von Pfeifenrauch geschwängerten und nur mäßig gefüllten Schankstube ihres Wirtshauses fand Herbert Theodan allein an einem Tisch in der Ecke sitzend vor. Ihm war deutlich anzumerken, dass er schlechte Laune hatte. Herbert setzte sich zu ihm. An den anderen Tischen und am Wirtstresen wurde geraucht, getrunken, gewürfelt und gemurmelt.

»Wir kommen hier so bald nicht weg, fürchte ich«, brummte Theodan griesgrämig. »Bei dem Nebelaufkommen will es kein Flößer mit den Stromschnellen weiter nördlich aufnehmen. Sie haben Angst, falsche Abzweigungen zu nehmen oder in gefährliche Strudel zu geraten.«

»Ich wusste nicht, dass die Nebenströme so gefährlich sind«, sagte Herbert.

»Sind sie nicht. Erbärmliche Feiglinge, allesamt«, schimpfte Theodan und spuckte auf den Wirtshausboden. »Ich bin schon recht weit in der Stadt rumgekommen, habe bislang aber niemanden gefunden, der uns fahren will. Versuche du es, vielleicht hast du mehr Glück als ich.«

Herbert wog den Vorschlag ab, wobei in ihm der Verdacht keimte, dass Theodan ihn vielleicht nur deshalb fortschicken wollte, um allein mit der Beute fliehen zu können. Womöglich hatte er unlängst einen Flößer bezahlt, der nur auf ihn wartete. Zu weiteren Überlegungen kam Herbert nicht, denn die Wirtshaustür wurde aufgestoßen, und ein zerlumpter, bärbeißiger Mann stolperte herein. »Graf Mordikays Schergen sind in der Stadt!«, rief er aus, womit ihm prompt alle Aufmerksamkeit zuteilwurde. »Sie suchen jemanden! Und sie töten! Vorhin haben sie einem jungen Flößer den Kopf abgehauen.«

Herberts und Theodans Blicke fanden zueinander. Keiner sprach es aus, doch Herbert wusste, von welchem Flößer die Rede war. Sie mussten bei Magmog jenen Teil der Beute gefunden haben, den sie ihm für die Fahrt überlassen hatten.

»Wer hat sie in die Stadt gelassen?«, blaffte der Wirt, ein graubärtiger Hüne, der unentwegt Pfeife rauchte.

»Sie haben wohl ein großzügiges Entgelt entrichtet«, erwiderte der Zerlumpte. »Es heißt, sie suchen nach zwei Dieben. Der Flößer scheint denen geholfen zu haben.«

Der Blick des Wirts wanderte zu Herbert und Theodan. »Ihr zwei da!«, donnerte er. »Was könnt ihr dazu sagen?«

»Gar nichts können wir dazu sagen«, raunte Theodan feindselig zurück.

Herbert hingegen senkte den Kopf. Er wusste, in seinen Augen würden die Anwesenden die Wahrheit lesen können: Dass sie es waren, die so dreist und möglicherweise dumm gewesen waren, Graf Mordikays Landsitz auszurauben, und dass seine mordlustigen Häscher ihretwegen in die Stadt gekommen waren.

»Nein, Papa, ich will die Geschichte jetzt hören! Bitte! Ich kann trotzdem einschlafen! Und ich werde auch nicht davon träumen! Versprochen!«

»Also gut. Du gibst ja doch keine Ruhe. Zunächst mal: Es ist nur eine Geschichte. Die Nebelflößer gibt es nicht.«

»Aber am Fluss war heute ein alter Mann, der gesagt hat, dass es sie schon gibt!«

»Der wollte euch Bengeln nur ein wenig Angst machen.«  

Mit ihren schweren Beutesäcken auf dem Rücken stahlen sich Herbert und Theodan durch die nebelverschleierte Stadt. Zu den Brücken und Stegen hielten sie geflissentlich Abstand, wähnten sie vor allem dort die Schergen des Grafen. Wann immer sich eine Gestalt in den gräulich weißen Schwaden abzeichnete, wechselten sie die Richtung oder gingen hinter Fässern, Kisten oder einer Scheune in Deckung, gleichwohl es meistens nur Waschweiber waren, die ihren Weg kreuzten.

Ihr Ziel war das Nordende der Stadt. Wenn sich schon kein Flößer fand, der sie von hier fortbrachte, hofften sie zumindest auf eine vorübergehende Zuflucht in den verschlungenen Felsschluchten, in der die finsteren Reiter Mordikays sie mit etwas Glück nicht suchen würden. Die beiden schlichen auf leisen Sohlen, konnten jedoch nicht verhindern, dass die Schätze in ihren Säcken immerfort lärmten, so als begehrten sie in die Hände des Grafen zurück.

Der todesverheißende Laut einer Klinge, die ihre Scheide verlässt, ließ Herbert vor Schreck fast erstarren. Er fuhr herum. Doch da waren nichts außer Nebel und die vagen Konturen von spitz zulaufenden Hausdächern. Nichtsdestotrotz konnte der Geselle, der die Klinge führte, nicht weit sein. Wahrscheinlich hatte das Geschepper der Beutesäcke ihre Flucht verraten. Durch die schmale Gasse zwischen zwei Häusern hasteten die beiden weiter, als Herbert schon das bedrohliche Geklapper mächtiger Pferdehufe hinter sich vernahm. Die dunkle Silhouette eines Reiters formte sich am Ende der Gasse. Zum Glück war der Durchgang zu schmal, um ihn zu Pferde zu begehen.  

»Also, wer sind nun die Nebelflößer?«

»Du hast doch schon von der Stadt Mitrindar gehört, oder?«

»Ja. Die liegt flussabwärts.«

»Genau. Bis dahin fließt der Fluss breit und stet. Aber nach Mitrindar, da verzweigt er sich. Und das viele Male. Die meisten Ströme führen an die nördlichen Gestade, andere fließen ostwärts und tränken die großen Wälder, die es dort gibt. Manche Ströme wiederum verlieren sich ohne Ziel in den Steinschluchten und graben sich unterirdische Wege. Und einige Ströme, tja, die führen an Orte, die wir uns nicht vorstellen können.«

»Warum nicht? Das verstehe ich nicht.«

»Die Leute in Mitrindar sagen, einige Ströme führen ins Nichts. An seelenlose Orte, in denen schreckliche Dinge passieren. Flößer, die sich dorthin verirren, werden unter furchtbaren Qualen und Schmerzen ihrer Seelen beraubt. Deshalb ziehen niemals bei Nebel und schlechter Sicht Flöße von Mitrindar nordwärts. Die Flößer haben Angst, sich in einen der verhängnisvollen Nebenströme zu verirren.«

»Kann man denn nicht mehr umkehren, wenn man merkt, den falschen Strom genommen zu haben?«

»Die armen Flößer kehren allenfalls als Untote wieder. Leb- und leidenschaftslos, aber doch nicht tot. Tja, und das sind die Nebelflößer. Es heißt, bevorzugt beführen sie den Fluss bei Nebel, um dann andere in die verfluchten Orte zu entführen, aus denen sie geschickt wurden. Sie locken sie auf ihr Floß und bringen sie auf die grausigen Pfade zwischen den Strömen.«

Herbert und Theodan hetzten durch schmale Klüfte, Klausen und Kavernen, die am nördlichen Stadtende dem Flusslauf folgend einem unüberwindbaren Felsmassiv entgegenstrebten. Die Hufschläge mächtiger Pferde, die die beiden Diebe eine Weile begleitet hatten, waren verklungen, doch Herbert vernahm nun klimpernde Stiefel, die ihnen durch die unwegigen Steinlandschaften folgten. Es gab voraus keinen Ausweg aus den Schluchten, wie Herbert wusste. Sie alle endeten in Sackgassen oder mündeten am Wasser, manche früher, manche später. Abgesehen von dem Fluss gab es nur einen einzigen Pass, der aus Mitrindar hinausführte, und der nahm am entlegenen Ende der Stadt seinen Anfang. Ihre einzige noch verbliebene Hoffnung war, irgendwo ein Versteck zu finden und Graf Mordikays Schergen zu täuschen. Denen aber eilte der Ruf voraus, unerbittlich wie gnadenlos zu sein. Herbert war sich gewiss, lieber die Beute aufzugeben und sich ins Wasser zu stürzen, als sich ihnen auszuliefern. Kaum hatte er dieses Vorhaben zu Ende gedacht, kam der Fluss in Sicht. Beharrlich und träge nahm der große Strom seinen Weg nordwärts. Von dichtem Nebel verhangen, reichte die Sicht kaum ein paar Schritte weit. Doch dort draußen im grauen Nichts glomm ein fahles Licht.

»Sieh mal! Sieh mal!«, keuchte Theodan atemlos und deutete hinaus. »Das muss ein Floß sein! Offenbar sind nicht alle so feige wie diese Bande in den Wirtshäusern!«

Herbert, nicht weniger außer Atem als sein Kumpan und allmählich aller Kräfte ledig, teilte seine Einschätzung. Dort draußen in den Nebeln dümpelte offenbar ein laternenbehangener Kahn.

»Hey, du! Komm her!«, rief Theodan, stellte seinen Beutesack ab und begann wie wild zu winken. »Hörst du mich? Wir sind hier am Ufer! Bitte nimm uns auf! Wir bezahlen dich gut! Aber es muss schnell gehen! Hast du gehört?«

Eine Antwort erfolgte nicht, Herbert glaubte jedoch, das Licht bald heller leuchten zu sehen.

»Hallo?«, rief Theodan erneut. »Hast du verstanden, du da draußen? Hol uns hier ab! Es soll nicht dein Schaden sein!«

Tatsächlich kam die Nebellaterne näher. Nur Momente später erkannte Herbert die schlierenhafte Kontur eines Mannes, der einen sorgfältig gearbeiteten Kahn ans Ufer lenkte.

»Danke, Freund!«, rief Theodan. »Wir werden dir diesen Dienst reichlich vergüten!«

Der Flößer verstand es, sein Gefährt bewundernswert präzise zu führen. Kaum mehr als eine Handbreit, bevor die hölzernen Planken ans felsige Ufer schlugen, verlor es an Fahrt und blieb ruhig im Wasser liegen. Mit einem weichen, einladenden Wink komplimentierte der Mann am Heck Herbert und Theodan an Bord.

Theodan warf seinen Beutesack hinüber und sprang hinterher. Die nahenden Schritte der Stiefel von Graf Mordikays blutgierigen Söldnern in den Ohren tat es ihm Herbert augenblicklich gleich. Schon nahm der Kahn wieder Fahrt auf und entfernte sich vom Ufer. Die mit langen Klingen bewaffneten Männer, die dort kurz darauf Gestalt annahmen, konnten ihnen über das Wasser nicht folgen.

»Hab Dank, mein Freund!«, lobte Theodan ihren Retter ausgelassen. »Wir werden dich für diese Geste angemessen entlohnen! Jetzt bring uns nordwärts! Weit fort von hier!«

Unter seiner Kapuze nickte der Flößer gewogen und lenkte sein Gefährt weiter zur Flussmitte hinaus, fort von den von Mordikays finsterer Schar verheerten Ufern.

»Sind das dann wirklich Untote, wenn sie wiederkehren?«

»Aber nein, nicht doch. Es gibt keine Untoten. Und auch keine Nebelflößer. Das alles ist nur eine Geschichte.«

»Aber der alte Mann heute am Fluss hat gesagt, dass er sie schon mal gesehen hat, die Nebelflößer. Er hat gesagt, dass es sie wirklich gibt.«

»Das ist Unsinn. Der wollte euch nur Angst einjagen. Wer war denn dieser alte Mann?«

»Weiß ich nicht. Er hat recht komisch ausgesehen. Und auch komisch geredet. Ich glaube, er war erkältet.«

»War es vielleicht einer aus dem Bergdorf? Hast du ihn früher schon mal gesehen?«

»Nein. Er ist mit einem Floß gekommen. Er hat gesagt, er heißt Herbert. Und dass er von weit herkommt. Morgen will er uns zu einer Floßfahrt mitnehmen.«


 

Tanja Bern

www.tanja-bern.de

 

Tanja Bern lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet. Durch eine starke Verbundenheit zur Natur und die Liebe für mystische Geschichten entstand bei ihr schon früh das Bedürfnis zu schreiben. Im Frühling 2008 erschien ihre erste Publikation, der Auftaktroman einer Buchreihe. Seither wurden mehrere Romane und Kurzgeschichten der Autorin in verschiedenen Verlagen veröffentlicht, u.a. bei Carlsen (Impress), Knaur (Feelings) und Bastei Entertainment.

 

 


 

KUPFERHAARS DRACHE

Tanja Bern

  

Das Brüllen hallte durch das Tal. Verzweiflung überspülte die Wälder und Hügel von Drahgor. Claire blickte erschrocken auf. Für einen Augenblick war sie wie gelähmt. Der Wind trug Wortfetzen zu ihr hinüber und sie konnte kaum glauben, was die Luft ihr zuflüsterte.

Claire ließ den Korb mit den gesammelten Beeren fallen, lief den Hang hinauf. Sie verbarg sich hinter einigen Sträuchern und schaute bestürzt auf das Geschehen.

Sechs Männer umringten einen Drachen. Sein schlanker Körper überragte die Menschen bei Weitem, trotzdem hatten sie das Tier in ihren Fängen. Netze waren über ihn geworfen, Speere steckten in seinem Leib und sie prügelten auf ihn ein.

Claire schlug vor Schreck die Hand vor das Gesicht. Wie konnten sie diesem wertvollen Tier das antun? Drachen waren heilig!

Sie erkannte mit Bitterkeit, dass sie ihre Ansichten nur mit wenigen Menschen teilte.

Der Drache gab auf. Der Glanz seiner bernsteinfarbenen Schuppen erstarb und er ließ erschöpft den Kopf sinken.

Hass loderte in Claire auf, denn die Männer lachten und piesackten das Tier, das sich ihnen längst ergeben hatte. Sie jagten den Drachen vor sich her. Dieser konnte sich durch die engmaschigen Netze kaum bewegen und stolperte die Wiese entlang. Ein leiser Laut des Schmerzes drang aus seinem Maul, dann ergab er sich endgültig in sein Schicksal.

Hilflos musste Claire mit ansehen, wie die Männer den Drachen fortbrachten. Wo würden sie das Tier hinbringen?

Claire ahnte es. Nur einer konnte so grausam sein: Lord Fahlorn. Aber was wollte er mit einem Drachen?

Das Mädchen musste sichergehen und lief zum Kampfplatz hinunter. Schimmerndes Blut war in dem Gras zu sehen. Die Männer trieben den Drachen wirklich Richtung Burg Fahlorn.

Ein leiser Laut erklang aus einem Gestrüpp – wie das ängstliche Miauen einer Katze.

Claire hielt inne.

Was war das?

Wieder drang der gedämpfte Ton aus den Gebüschen. Vorsichtig näherte sich Claire und traute ihren Augen kaum. Zwei leuchtende Augen blickten sie voller Angst an. Der Körper schien wie getarnt in dem Grün der Sträucher.

»Oh nein!«, hauchte sie, fiel auf die Knie und streckte die Hand aus. »Komm her, Kleines.«

Das Tier wich zurück, doch Claire war geduldig. Fast eine halbe Stunde verharrte sie still und sprach mit ihm. Endlich kam es aus seinem Versteck.

Es war ein Drachenjunges.

Die Schuppen des Kleinen waren braunschwarz gefleckt und matt, damit es in seinen Schlupfwinkeln wie unsichtbar blieb. Claire sah, dass es noch sehr jung sein musste, auch wenn es schon die Größe eines Schäferhundes besaß.

»Oh gütige Mutter, was mache ich nur mit dir?«, flüsterte sie.

Wieder gab es diesen kläglichen Laut von sich, der Claire zu Tränen rührte. Kurzerhand nahm sie das Jungtier auf den Arm und ächzte aufgrund des Gewichtes. Der kleine Drache schmiegte sich an sie, als würde er genau spüren, dass Claire ihm helfen wollte. Seinen Korb ließ das Mädchen zurück, es würde sich später darum kümmern.

So schnell sie konnte, lief Claire zurück nach Hause. Das kleine Gehöft war bald in Sicht, weil sie sich nicht weit entfernt hatte. Sie wunderte sich, dass ein Drache so nah ans Dorf gekommen war. Denn auch wenn sie abseits wohnten, so konnte man von hier die ersten Giebeldächer von Asliaf sehen.

Claire näherte sich dem Haus und durchquerte den Garten, der überwuchert mit Kräutern und blühenden Wildblumen war. Der Geruch nach frischem Holz überlagerte den Duft des Grüns. Ihre Mutter schien Holz gehackt zu haben.

Claire stieß mit dem Fuß die Tür auf. »Mutter?«

Lucille kam aus der Küche in die Wohnstube. Ihr Haar war ein wenig aus dem Knoten gerutscht und ringelte sich wie zierliche schwarze Schlangen um ihr Gesicht. Sie trocknete sich die Hände an der Schürze ab und wollte etwas erwidern, als sie ihre Tochter genauer ansah. Für einen Augenblick wirkte sie völlig verblüfft.

»Gütige Mutter!«, entfuhr es ihr dann.

Claire schmerzte mittlerweile der Arm und sie setzte das Drachenjunge auf den Boden. Sorgfältig schloss sie die Tür. Das Kleine schmiegte sich Schutz suchend an ihr Bein.

»Man hat seine Mutter eingefangen!«

»Woher weißt du das, Claire?!«

»Weil ich’s gesehen habe!«

»Was ist passiert, Mädchen?« Lucille beugte sich herunter und streckte dem Drachen die Hand hin. Zaghaft schnupperte er daran.

Claire erzählte ausführlich von dem, was sie gesehen hatte. Sie konnte ihren Zorn darüber kaum zügeln.

Ihre Mutter hörte es sich schweigend an und schüttelte den Kopf. »Dann beginnt es wieder«, sagte sie. Kummer zeichnete sich auf ihren schönen Gesichtszügen ab.

Claire verstand nicht. »Es … beginnt wieder? Mutter, was meinst du damit?«

Lucille schüttelte den Kopf. »Es ist vielleicht besser, wenn du es nicht weißt.«

Claire presste die Lippen aufeinander. Sie kannte ihre Mutter. Das war ihr letztes Wort.

»Hol Milch von den Ziegen. Es ist schwach, aber vielleicht können wir das Kleine am Leben erhalten.«

Claire gehorchte, war froh, dass ihre Mutter bereit war, zu helfen und lief um den Hof herum, stieß das Gatter der Ziegen auf. Sie gurrte ihnen beruhigende Worte zu und die Tiere begrüßten Claire freudig. Rasch kniete sie sich hin, stellte einen Eimer unter eines der Muttertiere und molk etwas Milch ab.

Danach erhob sich Claire wieder und fuhr der Ziege durch das Fell. »Danke, Irra. Die gütige Mutter wird es dir vergelten.«

Lucille hatte bereits die alte Behelfsflasche hervorgeholt, die sie für die kleine Marri gebraucht hatten. Die Mutterziege war bei der Geburt gestorben und sie hatten das Kleine mühsam von Hand aufgezogen. Jetzt kam ihnen die Milchflasche zugute, obwohl sie ein wenig zu klein war.

Claire schüttete die Milch vorsichtig um. Das Drachenjunge quäkte kläglich.

»Ist ja gut«, sagte Lucille mit gedämpfter Stimme. »Wir helfen dir ja.«

Claire sah zu, wie ihre Mutter das Tier gekonnt dazu brachte, aus der Flasche zu trinken. Sie senkte den Kopf und dachte an das Drachenweibchen. Es war so unglaublich schön und edel, aber auch wild gewesen! Was wollte Fahlorn nur mit ihr?

»Mama?«

»Hm?«

»Ich gehe auf die Burg.«

Lucille blickte auf. »Was glaubst du, dort erreichen zu können?«

Claire schöpfte nach Atem. »Ich schleuse mich ein und vielleicht … vielleicht kann ich den Drachen befreien!«

»Das sind Mädchenträume! Halte dich fern von Fahlorn!«

Claire nickte betrübt. Sie wusste, dass sie sich ihrer Mutter widersetzen würde.

Spät in der Nacht, als Lucille fest in ihren Träumen versunken war, schlich sich Claire aus dem Haus. Der Jungdrache lag einsam und zusammengerollt in der Nähe des Feuers und gab leise Klagelaute von sich.

»Ich bringe dir deine Mutter zurück!«, wisperte Claire und huschte aus dem Haus.

Es war kalt draußen. Die Dunkelheit griff mit klammen Fingern nach ihr und schien sie verschlingen zu wollen. Claire ließ sich trotzdem nicht abhalten, ging durch den Garten und schaute auf das Sternenmeer, das sich wie ein funkelnder Teppich über ihr ausbreitete. In der Ferne sah sie vereinzelte Lichter aufleuchten. Nicht alle in Asliaf schliefen. Sie wusste, dass das Leben in den Wirts- und Hurenhäusern erst in der Nacht erwachte und ihr den Weg zeigen würde.

Claire ging auf die Schutzpalisade zu und der Wächter blickte sie verwundert an.

»Was läufst’n mitten in der Nacht hier herum?«, fragte er sie.

»Ich bin auf der Suche nach Arbeit. Darf ich passieren?«

Der Mann näherte sich und Claire sah ängstlich in seine scharfen Vogelaugen.

»Bist ein bisschen jung, oder?«

»Ich bin fast zwanzig Sommer.«

Der Wächter brummte einige Worte und winkte sie durch. Die Häuserreihen ragten wie Riesen vor ihr auf. Sie nannten es Dorf, doch für Claire war Asliaf schon fast eine kleine Stadt. Die Häuser hier waren zweistöckig und schmiegten sich eng zusammen. Eine breite Straße, die tagsüber hauptsächlich von Fuhrwerken benutzt wurde, verlief quer hindurch, direkt zur Burg. Überall zweigten enge Gassen ab, in die Claire kaum hineinsehen konnte. Sie hüllte sich in ihren Mantel, zog die Kapuze über und machte sich rasch auf zur Burg.

Es dämmerte bereits, als sie der Festung näher kam. Ihr Herz blieb fast stehen, als sie einen lang gezogenen Schrei hörte, der wie der heisere Ruf eines Geistes über der Stadt schwebte.

Der Drache!

Dies fachte ihren Mut an!

Claire trat in den Burghof und sah sich um. Die ersten Knechte waren schon beschäftigt. Pferde wurden versorgt und aus den Ställen geführt, Wasser aus den Brunnen geschöpft. Und eine Mutter zog einen Jungen leise schimpfend am Ohr hinter sich her.

Claire verzog das Gesicht. Einmal hatte ihre Mutter ihr eine ähnliche Bestrafung angedeihen lassen. Ihr hatte das Ohr noch Tage später geschmerzt.

Ihr Blick fiel auf einen jungen Mann, der auf einem Mauervorsprung saß und seinen Esel sanft an der Stirn kraulte. Das Tier schmiegte sich in die Berührung. Einige Säcke waren neben dem Esel abgelegt und warteten wohl darauf abtransportiert zu werden.

Claire ging auf den Jungen zu. »Weißt du, ob ich hier Arbeit finden kann?«

Er hob den Kopf und begutachtete sie einen Moment. »Seitdem sie gestern den Drachen gebracht haben, bestimmt«, murrte er und konzentrierte sich wieder auf seinen Esel.

Claire gab sich ahnungslos. »Einen Drachen? Was wollen sie denn mit dem machen?«

»Er soll wohl ausgestellt werden – wie die anderen.«

Die anderen? »Ähm … ausgestellt?«

Der junge Mann schien ein wenig genervt zu sein. »Bist du eine der Schaulustigen?«

Claire schüttelte den Kopf.

»Weißt du nichts von den Kuriositäten in Fahlorns Verlies?«

Claire war so verblüfft, dass sie ihn sprachlos anstarrte.

Der Eselsführer lachte. »Komm setz dich, Mädel. Ich bin Jahson.«

Claire sah sich unsicher um. Konnte sie sich einfach zu ihm setzen? Andererseits war der Burghof belebt und der Mann schien kaum älter, als sie zu sein. Schließlich gab sie nach und ließ sich neben ihm nieder.

»Erzähl mir davon«, bat sie.

Jahson seufzte. »Du warst noch nie auf der Burg, oder?«

»Nein, ich bin nur manchmal in Asliaf auf dem Markt«, antwortete sie.

»Na ja, das ist auch hauptsächlich was für die hohe Gesellschaft – die Lords. Sie bezahlen gut, um Fahlorns Kuriositäten, wie er es nennt, sehen zu können.«

»Was ist noch da unten?«, wollte Claire ein wenig atemlos wissen. Was enthüllte sich hier nur? Warum hatte ihre Mutter nie davon gesprochen?

Jahson schnaubte. »Seh‘ ich aus wie’n Lord? Da kommt man nicht einfach rein. Es sei denn, du bist einer, der die Vorräte nach unten bringt.«

»Das wäre doch mal eine interessante Aufgabe!«

Lag hier ihre Chance?

»Mädchen, du kommst sicher nicht da hinein. Nur sehr ausgewählte Diener dürfen diese Arbeit verrichten.«

»Woher weißt du das alles, Jahson?«

»Bin hier geboren, ich kenn nix Anderes.«

»Danke für deine Auskünfte. Vielleicht sieht man sich ja hier in der Burg.«

Jahson nickte und fuhr fort seinen Esel zu streicheln.

Claire suchte fast zwei Stunden den Mann, der dafür zuständig war, den Leuten Arbeit zu vermitteln – sie brauchte einen Vorwand, um hierzubleiben. Nun stand sie mit Herzklopfen vor einem dicken Kerl, der sie an eine Kröte erinnerte, die darauf wartete, dass eine Fliege ihr zu nah kam. Sein verschwitztes Gesicht war rot gefleckt und er musterte Claire wie ein Stück Fleisch.

»Kannst in der Küche arbeiten. Meld dich bei Orlinda und sach du kommst von Joph.«

»Vielen Dank, guter Herr!«

Claire wagte nicht, ihn nach dem Weg in die Küche zu fragen, sondern erkundigte sich lieber bei einem Dienstmädchen, das ihr bereitwillig den Weg wies. Wenig später stand sie vor einer unglaublich dicken Frau, die derbe Befehle durch die Burgküche schrie.

»So, Joph schickt dich. Wurde auch Zeit! Hilf Betty beim Abwasch und füll dann das Wasser in den Krügen dort auf.«

Claire fügte sich und ging zu der jungen Frau, die Berge von Geschirr spülte. Betty antwortete nicht auf ihre Begrüßung, sondern ging in Gedanken versunken ihrer Arbeit nach. Mehrmals bemühte sich Claire um ein Gespräch, doch Betty blieb in sich zurückgezogen. Claire gab es auf, einen Kontakt zu knüpfen.

Der Tag verging ohne weitere Vorkommnisse. Sie arbeitete für Orlinda und ging spät abends in ihre Kammer, die man ihr zugewiesen hatte. Mehr als ein Strohbett war nicht vorhanden, aber sie hatte nicht vor, länger als nötig zu bleiben, deshalb störte sie sich nicht daran. Einen Augenblick verharrte sie erschöpft auf der Schlafstatt, dachte daran, was ihre Mutter wohl denken mochte. Würde sie nach ihr suchen?

Das Drachenweibchen begann mit seinen traurigen Rufen. Claires Blick verschleierte sich vor Tränen. Weinen nützt hier nichts!, schalt sie sich und raffte sich auf.

Sie spähte hinaus. Langsam verebbte das Treiben in der Burg. Claire wartete trotzdem noch eine Weile, bis sie ihr Zimmer verließ. Draußen brannten bereits die Fackeln und der Innenhof war schwach erleuchtet. Sie presste sich an die Wand, als zwei Männer, in ein Gespräch vertieft, näher kamen.

»Wenn der Drache nicht aufhört, nachts dieses Spektakel zu veranstalten, dann weiß ich auch nicht. Er will nicht fressen und hat sich schon die Beine wund gescheuert, weil er sie ständig an den Gittern reibt.«

»Wie der Elb damals«, sagte der Ältere. »Mann, der hat jahrelang versucht zu entkommen.«

Der Elb? Claire krauste verwundert die Stirn. Sie hatte gedacht, dieses Volk gäbe es in Drahgor nicht mehr! Und hier in den Verliesen war einer gefangen?

Claire sah ihre Chance und folgte den beiden. Sie war schon immer gut darin gewesen, unsichtbar zu sein, trotz ihrer kupferroten Haare, die sie meist zu einem Zopf geflochten trug. Die Diener – Claire vermutete, dass es welche waren – liefen in einen abgetrennten Bereich der Burg. Sie ging ihnen lautlos hinterher. Wenig später verließ der Ältere seinen Gefährten und wandte sich ins Innere der Festung, wohingegen der Andere ein Schlüsselbund hervorzog und ein Gitter aufschloss. Claire fluchte innerlich, doch der Mann zog es nur hinter sich zu, verschloss es nicht. Sie sah sich wachsam um, niemand war sonst in der Nähe, also schlüpfte sie durch die Öffnung und ging eine steinerne Treppe hinab. Die Geräusche des Drachen wurden lauter. Claire hörte den Diener leise schimpfen. Sie verbarg sich in einer dunklen Ecke und wartete. Der Mann verließ mit leisen Verwünschungen den Ort und zog das Gitter hinter sich zu, schloss sorgfältig ab.

Claire war gefangen!

Allerdings war sie jetzt dort, wo sie sein wollte. Langsam schlich sie die Treppe bis zum Ende hinunter. Vor ihr öffnete sich ein hoher Raum. Rechts war ein dunkler Bereich, den sie kaum durchblicken konnte. Links war der Drache in sein karges Gefängnis eingepfercht. Das Tier wandte sich ihr zu und starrte sie mit leerem Blick an.

Claire hatte keine Furcht und lief zum Gitter. »Ich werde dir helfen!«

Der Drache fuhr fort, leise zu weinen.

»Hörst du, Drache? Ich versuche, dir zu helfen. Ich habe dein Junges gefunden!«

Doch das so stolze Tier schien gebrochen und reagierte kaum.

Hinter ihr erklang eine melodische Stimme. Erschrocken fuhr Claire zurück und drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Aus dem Dunkel sagte jemand etwas in einer ihr fremden Sprache. Diese klang wie der Wind, der in den Baumkronen rauschte – fühlte sich an, wie warmer Regen, der karges Land benetzt.

»Wer ist da?«, wisperte sie. Ihr Herz schien aus dem Takt geraten zu sein. War es der Elb?

Der Drache regte sich, richtete sich auf und kam nah an das Gitter. Nun waren seine Sinne wieder geweckt und er schien aufgeregt zu sein.

Claire war hin- und hergerissen. Worauf sollte sie ihre Aufmerksamkeit richten? Vorsichtshalber ging sie in die Mitte des Raumes und nahm von beiden Verliesen Abstand.

Die Stimme verstummte und ein heller Schemen trat an das rechte Gitter. Claire konnte ihn nicht richtig erkennen, nahm die Fackel, die sich in der Nähe des Drachen befand, und entzündete damit die anderen, die erloschen an den Wänden hingen.

Der Anblick des Mannes, den sie dann hinter den Gittern sehen konnte, raubte ihr den Atem. Er war in ein leuchtendes Gewand gehüllt, was an einigen Stellen durchlässig und schmutzig war. Sein weißes Haar floss wie Seide um seine Schultern, obwohl sie sah, dass es leicht verknotet war. Die Augen schimmerten wie aus Moos und sein Gesicht war makellos schön, bis auf eine Narbe, die sich quer über seine rechte Wange zog. Zwischen dem glatten Haar konnte sie deutlich die spitze Ohrenform erkennen, die dieses einstmals so mächtige Volk kennzeichnete.

»Ich habe dem Drachen übersetzt, was du gesagt hast. Er versteht die Menschensprache nicht«, erklärte er ruhig.

Claire fuhr ein Schauer über die Haut. Seine Stimme berührte sie in jeder Faser ihrer Seele.

»Wer bist du?«, hauchte sie.

»Mahyr de Leef – Prinz des Eichenvolkes.«

Claire war entsetzt. Hielt man dieses wunderschöne Geschöpf hier wirklich gefangen, um …

Mahyr seufzte. »Ich bin eine der Kuriositäten, die Fahlorn ausstellt. Der Zwerg und die Nymphe sind längst gestorben. Ich war der Letzte und brachte viel zu wenig Geld ein. Bis man vorgestern Lyssa herbrachte.«

»Lyssa? Ist das ihr Name?«

Mahyr nickte. Also konnten Elben wirklich, wie in den Legenden erzählt wurde, mit Tieren kommunizieren!

»Wie lange?« Mehr brachte Claire nicht heraus.

Mahyr blickte sich um. Sie sah, dass er Zeichen in die Wände geritzt hatte. Zählte er so die Jahre?

»Fast sieben Jahre. Vor vier Sommern habe ich aufgegeben, entkommen zu wollen.« Er sprach nüchtern, ohne Gefühl, doch sein Schmerz zeichnete sich in seinen Gesichtszügen ab.

Claire näherte sich ihm. Er war fast einen Kopf größer als sie und sah mit sanftem Blick auf sie hinab.

»Ich wusste, dass du kommst«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Ich habe von dir geträumt.«

»Von mir?«

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Der Drache war das Zeichen. Ich wusste, dass dann das kleine Mädchen mit den Kupferlocken kommt und mir vielleicht Erlösung schenkt.«

»So klein bin ich nicht«, setzte sie dagegen.

»Tatsächlich bist du sicher zehn Jahre älter, als ich erwartet hatte.« Er holte tief Luft. »Und deshalb könnte es dir wirklich gelingen.« Hoffnung glomm in seinem Blick auf.

»Wieso kannst du von mir träumen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Es ist so. Elben verfügen über diese Gabe.«

Mahyr ließ sich an dem Gitter heruntergleiten und setzte sich auf den Steinboden. Claire tat es ihm nach. Nun war sie so dicht bei ihm, dass sie weitere kleine Narben in seiner feinen Haut sehen konnte. So nah, dass sie seinen betörenden Geruch wahrnahm, der dem Kerkerdasein trotzte.

»Erzähl mir von dir«, bat er.

»Wird denn keiner kommen?«

»Nicht vor morgen früh. Aber wenn Hildar kommt, musst du versuchen, ihn zu überwältigen, um an den Schlüssel zu gelangen – für uns beide.« Mahyr deutete auf den Drachen. »Sie ist eines der letzten Muttertiere.«

»So ähnlich sieht wohl auch mein Plan aus«, sagte Claire und krauste über ihr verwegenes Vorhaben die Stirn.

 

Die halbe Nacht sprach sie mit dem Elben. Niemals zuvor hatte sie einen solchen Mann kennengelernt. Sein Blick brannte sich in ihr Herz, sein leises Lachen rührte etwas in ihrem Innern, seine Stimme war weich wie Samt und sie würde am liebsten nie wieder eine andere hören.

Der Drache hatte seine Klage aufgegeben und harrte nervös in seinem Verlies aus. Als die Sonne ihre ersten Strahlen durch ein Gitter in der Decke schickte, hörten sie einen Schlüssel klirren.

In der Nacht hatte Mahyr erzählt, dass sie ihm zutiefst misstrauten, nie nah an die Gitter kamen, sondern sein Essen mit einem Stab durch eine Vorrichtung schoben. Diese Stange musste Claire dem Mann abnehmen und ihn möglichst zu Mahyr an die Gitter drängen.

Claire presste sich an die Wand und wartete mit Herzklopfen auf Hildar, den Diener. Mahyr gab ihr ein Zeichen und sie stellte dem Mann ein Bein, sodass er samt des Essenstabletts nach vorn kippte. Rasch entwand sie ihm den Stab. Hildar war schneller, als sie angenommen hatte. Er rappelte sich auf, erholte sich blitzschnell von dem Überfall und griff nach dem Stecken. Claire schrie leise auf, trat nach ihm, doch er versetzte ihr eine Ohrfeige, sodass sie hart gegen das Drachenverlies stieß. Für einen Augenblick konnte sie nicht atmen. Sie sah, wie der Mann flüchten wollte.

»Feigling!«, schrie sie ihm hinterher.

Hildar stockte. Mit wütendem Gesicht sah er sich zu ihr um. Mit wenigen Schritten war er zurück.

»Du dummes Gör!« Er hob den Stock, um sie zu schlagen. Das Holz fuhr mit voller Wucht gegen ihren Arm und sie keuchte auf. Doch Mahyrs Blick war zu tief in ihre Gedanken gedrungen, um jetzt aufzugeben. Sie klammerte sich an den Stab, nahm alles an Kraft zusammen, was sie aufbringen konnte und stieß den Mann gegen das Verlies des Elben.

Danach ging alles rasend schnell. Der Elb umfasste durch die Gitter den Kopf des Mannes und drehte ihn mit einem Ruck herum. Es ertönte ein Knacken, als das Genick brach; Hildar stürzte mit einem schabenden Geräusch zu Boden.

Geschockt starrte Claire auf die Leiche. »Du hast …«

»Es tut mir leid, Claire, ich durfte nicht zögern. Glaub mir, dieser Mann ist boshaft von jeher. Er hat mich all die Jahre gequält.«

»Aber … er ist tot.« Übelkeit stieg in ihr auf.

»Ja, sie wussten, warum sie mir nie zu nah kamen. – Claire, die Schlüssel. Bitte! Mein Vater wird dich reich belohnen, denn du wirst mich retten! Das wirst du doch, oder?«

Claire nickte, nahm den Schlüssel an sich und befreite den Elben. Mahyr schloss kurz die Augen, dann trat er aus seinem Gefängnis. Er nahm den Schlüsselbund an sich und öffnete das große Tor des Drachenkäfigs. Er hatte Claire erzählt, dass Arbeiter fast zwei Jahre daran gebaut hatten.

»Wie sollen wir mit ihr entkommen?«, fragte Claire unsicher.

Mahyr lächelte. »Ist Lyssa in der Mitte des Verlieses, fern der Gitter, versagt der Zauber, der sie hier hält.«

»Der Zauber?«

»Kleines Kupferhaar … du weißt nicht viel von der Welt, nicht wahr?«

»Ich bin nicht klein.«

»Nein, das bist du nicht.« Seine Hand strich über ihre Wange. »Halte dich an den Auswüchsen des Halses fest, wenn sie sich zu uns beugt.« Mahyr wechselte die Sprache und redete zu dem Drachenweibchen.

Das große Tier duckte sich, kam langsam aus dem Kerker. Es krümmte sich so, dass der Elb und Claire auf seinen Rücken klettern konnten. Sie wusste kaum, wie ihr geschah. Mahyr leitete sie an. Eile war geboten, denn draußen wurden bereits Stimmen laut. Hatte man bemerkt, dass etwas nicht stimmte?

»Halte dich gut fest«, flüsterte er ihr zu und bog seinen Körper schützend über sie.

Der Drache brüllte und stieß sich vom Boden ab. Die Decke brach unter seiner Kraft und er kämpfte sich frei. Claire spürte nichts, nur Mahyr, der sie unerschütterlich festhielt. Er schien sie mit einer Kraft zu umgeben, die nichts durchdringen konnte. Dann erhob sich Lyssa in die Luft. Das Geschrei der Menschen in der Burg drang zu Claire durch. Sie sah, dass ein Teil des Wehrbaus zerstört war. Mahyr war verletzt und blutete leicht, aber er lachte. Die Flügel des Drachen zerteilten kraftvoll die Luft.

»Wo ist dein Zuhause?«, rief Mahyr gegen den Wind an.

»Östlich des Dorfes«, antwortete sie.

Mahyr sagte dem Drachen, wo sein Junges war, und das Tier flog eine Schleife. Die Landschaft raste unter Claire vorbei und das Mädchen schmiegte sich an den Elbenprinzen.

»Nimm mich mit zu deinem Volk!«, bat sie plötzlich voller Sehnsucht.

»Das war von jeher dein Schicksal, kleines Kupferhaar.« Mahyr lächelte und Claire wusste, dass er recht hatte. Sie spürte es tief in ihrem Innern.


 

Guido Krain

www.guido.krain.de

Guido Krain wurde 1970 in Köln geboren, wuchs dann aber in Hamburg auf. Nach dem Abitur studierte er Biologie, Japanologie und Medienkultur in Bochum und Hamburg und stieg dann mit einem Volontariat beim Hamburger Magazin-Verlag ins Berufsleben ein. Seither verdiente er seine Brötchen mit den Früchten seiner Tastatur. Guido Krain arbeitete als Online-Redakteur bei einem New-Media-Unternehmen, leitete eine Materndienstredaktion und veröffentlichte Computer-Fachbücher bei einem bekannten Verlag. Im Sommer 2000 gründete er die Autoreninitiative »Fantasy-Buch.de« und hat hier mehrere Bücher produziert. Mittlerweile arbeitet er als freier Autor und Journalist.