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Ronny Blaschke

GESELLSCHAFTS SPIELCHEN

Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei

VERLAG DIE WERKSTATT

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Ronny Blaschke, geboren 1981 in Rostock, studierte Sportund Politikwissenschaften an der Universität Rostock. Als Journalist und Autor beschäftigt er sich mit politischen Hintergründen des Sports. Blaschke lebt in Berlin und arbeitet für das Deutschlandradio, die „Süddeutsche Zeitung“ und die Deutsche Welle. Mit dem Buch „Versteckspieler – Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“ hat er 2008 eine intensive Debatte über Homophobie angestoßen. Die Recherchen für „Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“ (2011) ließ er in politische Bildung einfließen, etwa in rund 250 Vorträge bundesweit. Zudem konzipiert und moderiert er Infoveranstaltungen unterschiedlicher Art. Blaschke ist für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Julius-Hirsch-Ehrenpreis 2013.

mail@ronnyblaschke.de

www.ronnyblaschke.de

www.facebook.com/ronny.blaschke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2016 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

Umschlagentwurf: Hennes Elbert

ISBN 978-3-7307-0273-4

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Inhalt

Einleitung

Relevanz statt Wachstum

Mehr Ehre als Amt

Der Amateurfußball ist auf Helfer wie Gerd Liesegang aus Berlin angewiesen

Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück

Die widersprüchliche Gesellschaftspolitik des DFB

Ideenlabor mit Spielbetrieb

In der Bundesliga fördert Werder Bremen die Stadtentwicklung so sehr wie kein anderer Klub

Kurven-Aktivismus

Immer mehr politische Ultras bereichern das schwindende Jugendangebot der Kommunen

„Wir Spieler sollten den Menschen mit Interesse begegnen“

Per Mertesacker über die Vorbildfunktion von Profis

Die Liga der guten Absichten

Stiftungen nutzen den Fußball als Vermittlungsmedium

„Am deutlichsten habe ich Neid im Fußball gespürt“

Dietmar Hopp über den sozialen Einfluss von Mäzenen

Flutlicht im Klassenzimmer

In vielen Stadien wird das Hobby Fußball mit Bildung verknüpft

Meinungsbildner auf Reisen

Der ehemalige Profi Thomas Hitzlsperger stellt sich vielfältig gegen Diskriminierung

„Ich kann Kontakte zwischen Verein und Behörden herstellen“

Ligapräsident Reinhard Rauball über die politische Wirkung von Funktionären

Schutzraum mit Kreidelinien

Wie „Champions ohne Grenzen“ in der Flüchtlingsarbeit Maßstäbe setzen

„Insgesamt müsste die FIFA wesentlich mehr leisten“

Der Aktivist und Unternehmer Jürgen Griesbeck über die Idee für einen kollektiven Sozialfonds

Die Freispielerinnen

„Discover Football“ stärkt die Selbstbestimmung von Frauen aus autoritär regierten Ländern

Klimaverteidiger ohne Gefolgschaft

Der FSV Mainz 05 schont die Umwelt mit einem nachhaltigen Betrieb

„Ich habe dem DFB als Frau auch ein bisschen genützt“

Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth über die Rolle der Politik im Fußball

Die Zwänge der Fassadenmaler

Die Mehrheit der Medien inszeniert den Fußball als unpolitische Spielwiese

„Es ist besser, die positiven Aspekte von Regeltreue zu betonen“

Sylvia Schenk von Transparency International über ein ausbaufähiges Compliance-System

Die Insel der Stiftenden

Im sozialen Engagement ist die Premier League der Bundesliga um Jahre voraus

Literatur

EINLEITUNG

Relevanz statt Wachstum

Über ein Jahrzehnt hat die Erzählung gut funktioniert. Seit der WM 2006 galt Fußball in Deutschland als Symbol für eine gelungene Integration und einen freundlichen Patriotismus. Das Nationalteam spielte erfolgreich, und die Bundesliga vermeldete Jahr für Jahr einen Rekordumsatz. Im Fernsehen und im Feuilleton, in der Wissenschaft und in den Wohltätigkeitsnetzwerken: Überall war der Fußball ein Auslöser für Projekte und Projektionen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die gewonnene Weltmeisterschaft 2014. Aus Jubel wurde Hysterie, der Fußball beherrschte die öffentliche Wahrnehmung so sehr wie noch nie.

Bis dahin hatten viele Fans die Skandale des Fußballs als Folklore betrachtet, doch das änderte sich nun. Immer mehr Menschen hinterfragen die Macht der Verbände und die Zweckmäßigkeit globaler Sportereignisse. Bevölkerungen demokratischer Staaten entschieden sich in Referenden gegen die Austragung von Olympischen Spielen. Die FIFA implodierte, der DFB erlebte die schwerste Krise seiner Geschichte. Noch immer ist Fußball der beliebteste Sport, und er wird es auch bleiben. Doch die europäischen Ligen können wirtschaftlich nicht ständig weiter wachsen. Die EM 2016 lieferte Vorzeichen: In Deutschland hatten die Fanmeilen weniger Besucher. Und im Gastgeberland Frankreich blickte man reserviert auf das Turnier. Das Land, gezeichnet von Terror und Wirtschaftskrise, hatte andere Sorgen. Die umstrittenen Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 Katar werden dieses Unbehagen verstärken.

Der Fußball als ewiger Glückspender und Wirtschaftsmotor: Diese naive Zuschreibung wird nicht mehr lange funktionieren. Es reicht nicht, die Wettbewerbe mit weiteren Teilnehmern zu vergrößern oder die Reichweite mit neuen Fernsehzeiten zu erweitern. Es ist ungenügend, dass die Deutsche Fußball-Liga die Vereine mit Zuschüssen ermuntert, ferne Märkte zu erschließen. Der Tunnelblick, der sich auf sportliche Helden und Versager richtet, hat sich abgenutzt. Die Überzeichnungsrhetorik von Funktionären wirkt nicht mehr wie smarte Geschäftsmäßigkeit – sie klingt nur noch weltfremd. Und das in Zeiten, in denen sich die Gesellschaften im Umbruch befinden, durch Migration und Wirtschaftskrisen, durch Terrorgefahr und Rechtspopulismus.

Der Fußball braucht eine neue Erzählung – und das Potenzial ist seit Jahren vorhanden. Seit der WM 2006 hat sich in Deutschland ein zivilgesellschaftliches Netz um den Fußball gespannt, das im weltweiten Sport einmalig ist, aber noch immer unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle liegt. Etwa 90 Stiftungen nutzen den Fußball als Vermittlungsmedium für soziale Themen. Der DFB und die DFL investieren Millionen in ihre Projekte. Die Bundesligaklubs gründen Sozialabteilungen. In den Fankurven sind Dutzende Ultra-Gruppen aktiv, in den Amateurverbänden schauen Ehrenamtliche über den Rasen hinaus. Und auch das Netzwerk an Nichtregierungsorganisationen ist breiter geworden. Der Fußball bildet in der Gesellschaftspolitik einen soliden Zweig. Aber reicht das aus?

Überschwänglich binden Verbände und Vereine die Projekte in ihr Marketing ein, mit Hochglanzbroschüren und gönnerhaften Scheck-Überreichungen. So soll sich der Stadionkunde beim Trikotkauf etwas wohler fühlen. Dieses Buch aber möchte hinter die Fassade blicken und Orientierung geben. Zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei. Dafür hat der Autor in einem Zeitraum von drei Jahren mehr als 80 Interviews geführt. Im Zentrum der Recherchen standen Menschen, die sich auf beeindruckende Art engagieren: Spieler wie Per Mertesacker, Ehrenamtliche wie Gerd Liesegang oder NGOs wie Discover Football. Einige von ihnen stoßen in ihrem Umfeld auf Widerstände und fühlen sich allein gelassen. Dadurch wird das zentrale Problem offensichtlich: Dem System Fußball fehlt eine ganzheitliche Strategie.

In den vergangenen Jahren erschienen etliche Medienberichte und wissenschaftliche Arbeiten über Engagement im Fußball, meist über Maßnahmen gegen Diskriminierung. In der Regel wurde ein Kontrast hergestellt. Auf der einen Seite die ignorante Milliardenindustrie Fußball, auf der anderen Seite die Kritiker in der Fankurve. Doch die Fußballlandschaft ist komplexer. Das thematische Spektrum hat sich aufgefächert. Daher soll dieses Buch einen Schritt weiter gehen. Der Kern eines jedes Kapitels ist ein Thema, das die Gesellschaft in jüngerer Vergangenheit intensiv beschäftigt hat: die Flüchtlingsdebatte, der Klimaschutz oder die Gleichstellung der Frau. Zu jedem Gebiet hat der Fußball Projekte hervorgebracht. Wirkungsvolle Ansätze sollen hier vorgestellt und bloße Verschleierungsmaßnahmen entlarvt werden. Wichtig: die kritische Einordnung und der Blick über den Sport hinaus. Im bürgerschaftlichen Engagement kann der Fußball nicht isoliert betrachtet werden von Politik, Wirtschaft und Kultur.

Es kann nicht darum gehen, wie das Fußballgeschäft zur Beschwichtigung der Öffentlichkeit etwas Geld an Projekte überträgt. Eine zeitgemäße Gesellschaftspolitik prägt alle Strukturen und lagert das soziale Gewissen nicht an Stiftungen aus. In der Bundesliga kommt diesem Ansatz nur der SV Werder nahe. Die Bremer haben nachgewiesen, dass die Identifikation durch ein seriöses Engagement steigt, bei Fans, Sponsoren, Kommune und vor allem: bei den eigenen Mitarbeitern. Es wird noch einige Jahre dauern, bis diese Qualität in der Bundesliga zu einem Mindeststandard wird. Die englische Premier League ist da professioneller aufgestellt. Dieses Buch soll eine Debatte anstoßen und Experten für einen Austausch zusammenbringen. Nicht der zynische Blick auf den enthemmten Profifußball soll im Vordergrund stehen. Wichtig sind die konstruktiven Projekte, die den Kern des Sports verändern könnten. Die Nachahmung: ausdrücklich erwünscht. Damit der Begriff „Nachhaltigkeit“ bald nicht mehr wie eine Floskel klingt.

Die europäischen Fußballligen setzen jährlich mehr als 20 Milliarden Euro um. In der Bundesliga liegt der Gesamtumsatz bei mehr als zweieinhalb Milliarden, möglich durch ein Geflecht aus Konzernsponsoring und Medienverwertung. Die deutschen Klubs überweisen allein eine Milliarde an Spieler und Trainer. Diese Summen stehen in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedeutung. Der Fußball ist ein Unterhaltungsbetrieb, der für die Grundbedürfnisse unseres Lebens entbehrlich ist. Doch gerade weil er so ernst genommen wird wie kein anderes entbehrliches Gut, muss er mehr in die Gesellschaft zurückspielen. Nicht das Konto ist dafür entscheidend, sondern die Kompetenz. Dadurch würde der Fußball nicht weiter wachsen, aber er könnte einen anderen Wert für sich beanspruchen: Relevanz.

Mehr Ehre als Amt

30 Millionen Deutsche engagieren sich freiwillig, die meisten im Sport. Im Fußball kommen so jährlich 120 Millionen Arbeitsstunden zusammen – und eine Wertschöpfung von fast zwei Milliarden Euro. Eine Symbolfigur ist Gerd Liesegang. Als Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes entwickelt er Konzepte gegen Gewalt. Doch immer weniger Mitglieder wollen wie er dauerhaft einen Posten übernehmen. Wie kann das Ehrenamt im demografischen Wandel gestützt werden?

Gerd Liesegang hat Schlüsselrecht. Im Eingangsbereich der Jugendstrafanstalt Berlin wirft er den Beamten hinter den vergitterten Scheiben einen freundlichen Blick zu. Sie kennen sich, sie schätzen sich. Zweimal im Monat ist Gerd Liesegang in der JVA zu Gast. Er muss sich nicht anmelden, er gehört zu den Vertrauenspersonen für Häftlinge und Personal. Liesegang kennt die Fußballplätze der Hauptstadt so gut wie nur wenige, doch an diesen kann er sich schwer gewöhnen. Der Rasen ist umgeben von grauen Betonmauern. 120 junge Frauen und Männer spielen an diesem Nachmittag um den Sepp-Herberger-Pokal. Die zehn Teams kommen aus sieben Bundesländern, die meisten Spieler wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Gerd Liesegang, ein Mann von kräftiger Statur, steht am Rand neben der Eckfahne und diskutiert mit Sozialarbeitern. „Was gibt’s Neues?“, fragt der Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes, des BFV. „Seid ihr immer noch unterbesetzt?“ Mehr als 4.000 Gefangene befinden sich in Deutschland im Jugendstrafvollzug. Die 27 Gefängnisse sind oft überlastet, viele Insassen leiden an Bewegungsarmut. Wissenschaftler beschreiben Sport als wichtiges Element der Resozialisierung. Auf diesem Feld ist die Sepp-Herberger-Stiftung aktiv. Sie ist vor Ort auf Partner angewiesen, die mit Politik und Fußball vernetzt sind, auf Partner wie Gerd Liesegang.

Das Turnier ist für die Teilnehmer der Jahreshöhepunkt, doch auch sonst motiviert Liesegang immer wieder Vereine und Mannschaften, in die JVA zu kommen. Sie bestreiten Freundschaftsspiele, Trainingseinheiten, tauschen ihre Erfahrungen aus. „Die Spieler, die von außen kommen, werden hier sehr nachdenklich“, sagt er. „Viele von ihnen wollen Profifußballer werden und leben in einer Scheinwelt. Hier merken sie: das richtige Leben sieht anders aus. Man muss sich durchbeißen, man muss mit Niederlagen leben, man muss manchmal von vorn anfangen.“

Vor den Finalspielen des Herberger-Pokals nehmen die Teams im Veranstaltungssaal der Strafanstalt Platz. Zwei Mitglieder der Musikgruppe „Söhne Mannheims“ sprechen über Motivation. Anschließend stellen Mitarbeiter ihre Projekte vor. Die Gefangenen können eine Schiedsrichter- oder Trainerausbildung absolvieren, auch Bewerber und Anti-Gewalt-Training. Im Zentrum steht die spätere Eingliederung ins Arbeitsleben. Gerd Liesegang sitzt im Beirat der JVA. Dort spricht er mit Pädagogen, Anwälten, Arbeitsvermittlern. Er hat Vereine gewonnen, die Gefangene nach der Haft als Mitglieder aufnehmen. Auf Vertrauensbasis, ohne Getratsche. Er hat sich nach Ausbildungsplätzen umgehört, auch nach Praktika. Er wurde mitunter enttäuscht von den Jugendlichen. Einige sind nicht am Arbeitsplatz erschienen, haben im Verein für Ärger gesorgt oder sind schnell wieder in der JVA gelandet. „Davon will ich mich nicht entmutigen lassen“, sagt Liesegang. „Vielen können wir langfristig helfen.“

Was wäre die Gesellschaft ohne Ehrenamt? In Gemeinden, Kirchen, Feuerwehren. In Volkshochschulen, Bildungsstätten, Feriencamps. In Erste-Hilfe-Kursen, Altersheimen, Fahrgemeinschaften. 31 Millionen Menschen im Alter ab 14 Jahren engagieren sich in Deutschland, ohne einen finanziellen Nutzen davon zu haben – ein Bevölkerungsanteil von 44 Prozent. Das ergab der vierte Freiwilligensurvey, die größte Untersuchung zur Zivilgesellschaft in Deutschland, die seit 1999 alle fünf Jahre durch das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wird.

Diese Zivilgesellschaft wird von 620.000 Organisationen getragen, von Vereinen, Stiftungen oder Genossenschaften. Es gibt 580.000 Vereine, siebenmal so viele wie vor 50 Jahren. In den mehr als 90.000 Sportvereinen sind 8,6 Millionen Menschen aktiv, Trainer, Betreuer oder Platzwarte. In keinem Bereich der Gesellschaft betätigen sich so viele Ehrenamtliche wie im Sport. Bei einem fiktiven Stundenlohn von 15 Euro beträgt ihr Beitrag zur jährlichen Wertschöpfung mehr als sechs Milliarden Euro. Das legt der Sportentwicklungsbericht nahe, der alle zwei Jahre erscheint, herausgegeben durch den Deutschen Olympischen Sportbund, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft und die Sporthochschule Köln. Eine Symbolfigur dieser Fleißarbeit ist Gerd Liesegang. Als Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes entwirft er Konzepte gegen Gewalt und für Vielfalt im Sport. Seit mehr als 40 Jahren ist er dem Fußball verbunden – er stützt das Gemeinwohl seiner Heimatstadt.

Im östlichen Teil von Kreuzberg, nicht weit von der Spree entfernt, erinnert heute nicht viel an den tristen Kiez aus den 1960er Jahren, in dem Gerd Liesegang aufgewachsen ist, 500 Meter von der Mauer entfernt. In einem Neubau hatte er sich mit seinen Geschwistern ein Zimmer geteilt. Sein Vater war Busfahrer, seine Mutter Reinigungskraft. Gerd Liesegang, 1956 geboren, folgte seinem älteren Bruder und trat mit zwölf Jahren dem Berliner Ballspielclub Südost bei, dem BBC, einem von damals fünf Vereinen in Kreuzberg. Er war Verteidiger, doch sein Talent lag außerhalb des Platzes. Mit 13 trainierte er die dritte D-Jugend-Mannschaft, sein erstes Spiel ging verloren, 1:7 gegen Tasmania. Die Klubräume lagen in einer ehemaligen Kaserne, die schrittweise abgerissen wurde. Der Verein musste von einem düsteren Raum in den nächsten ziehen. Liesegang verstand früh, dass er wichtige Partner braucht, er wollte seine Leidenschaft nicht in Ruinen ausleben.

Betreuer, Trainer, Bezugsperson

Im Herbst 1973 lud Liesegang den Regierenden Bürgermeister von Berlin zur Weihnachtsfeier seiner Mannschaft ein. Sein Herz pochte, als er am Telefon die Zusage erhielt. Liesegang, damals noch nicht volljährig, führte Klaus Schütz und dessen Eskorte über das heruntergekommene Gelände. Im Jugendraum warteten die Spieler an der geschmückten Tafel, sie waren zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Schütz blieb zwei Stunden, stellte Fragen, hörte zu. Der Sozialdemokrat erhielt ein Geschenk, war aber verlegen, weil er selbst nichts dabei hatte. Zwei Tage später rief sein Büro bei den Berliner Verkehrsbetrieben an, bei der BVG, wo Liesegang eine Ausbildung zum Betriebsschlosser absolvierte. Schütz ließ ausrichten, einen Trikotsatz zu sponsern. Ein prägendes Erlebnis, denn Liesegang merkte: Eigeninitiative zahlt sich aus.

Gerd Liesegang war beim BBC Südost Betreuer, Trainer, Bezugsperson. Er hat an Sitzungen teilgenommen, Mitgliedsanträge geprüft, Trikots besorgt. Er hat Ferienprogramme gestaltet, Eltern eingeladen, sich mit Beamten um Hallen gestritten. Er hat Halbzeitgetränke gekauft, Bälle aufgepumpt, Kreidelinien gezogen. Liesegang erwarb sich einen guten Ruf, als einer der jüngsten Jugendleiter in der Bundesrepublik. Mit Anfang zwanzig wechselte er innerhalb Kreuzbergs zum SC Berliner Amateure. Er wurde von den älteren Funktionären gemustert, denn sie waren besorgt, ihre Stellung an einen Neuling zu verlieren. Liesegang machte weiter wie zuvor. Er wurde Trainer, Jugendleiter, Vorsitzender. Ehrenamt war für ihn mehr Ehre als Amt. Seine Mutter riet ihm, Sozialarbeiter zu werden. Er ist dann in die SPD eingetreten. Wegen des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt? „Nein, wegen Bezirkstadtrat Günter König. Der hatte in Kreuzberg für uns immer ein offenes Ohr.“

Der Fußball sollte für den kleinen Kreuzberger Verein nicht an der Grenze Westberlins enden. Liesegang und seine Mitstreiter wollten ihren Spielern zeigen, wie schnell durch Sport Beziehungen entstehen und wachsen können. Sie nahmen an Turnieren innerhalb der BRD teil, fuhren nach Italien und Frankreich, irgendwann auch in die USA. Der SC Berliner Amateure bewarb sich für ein Spiel gegen eine DDRMannschaft, so fuhren sie im Mai 1988 zum Landesligaverein Lokomotive Cottbus. Drei Tage durften die Kreuzberger Spieler bleiben. Gerd Liesegang schmuggelte im Mannschaftskoffer einen neuen Videorekorder in die Lausitz. „Wir haben viel gelernt auf unseren Reisen. Ohne Fußball hätten viele nicht die Chance dazu gehabt. Und doch verging mir bald die Lust.“

Im Mai 1989, zwei Jahre nach seiner Wahl zum Vereinsvorsitzenden, fuhr Liesegang mit dem Männerteam nach Österreich. Einige Spieler feierten ihren Erfolg beim Turnier und kehrten erst am frühen Morgen aus der Disco zurück. Auf der Landstraße vor dem Hotel erfasste ein Auto zwei Spieler frontal. Liesegang versuchte, einen der Männer wiederzubeleben. Doch beide starben am Unfallort. Er kannte einen Spieler seit der Kindheit und war mit dessen Eltern befreundet. Am nächsten Tag übermittelte er ihnen die Nachricht. Liesegang bemühte sich beim Berliner Fußball-Verband, das letzte Saisonspiel abzusetzen, doch die Offiziellen lehnten ab, das trauernde Team musste aufs Feld. Liesegang dachte, der Verband habe den Kontakt zur Basis verloren. Die Eltern kamen nie über den Tod ihres Sohnes hinweg, ihr Kontakt zu Liesegang riss ab. „Der Fußball war für mich nicht mehr das Wichtigste. Gerade im Ehrenamt steht man dann ziemlich alleine da. Aber es musste weitergehen.“ Er nahm sich vor, noch näher an den Leuten dran zu sein, die an der Basis für ihren Sport eintreten. Ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Höhere Engagementquoten auf dem Land

Wie steht es um das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland? Die meisten Vereine, relativ zur Einwohnerzahl, gibt es im Saarland, die wenigsten in Hamburg. Zwei von drei Vereinen beschäftigen sich mit Sport, Kultur oder Freizeit. Das geht aus einer Studie hervor, die vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft erhoben wurde. Nach den Erhebungen haben Vereine für Bildung, Gesundheitswesen oder soziale Dienste im neuen Jahrtausend eine Gründungswelle erlebt. Im Sport ist die Lage anders: 30 Prozent der Vereine entstanden vor 1945, seit den 1970er Jahren verläuft die Zahl der Gründungen auf niedrigem Niveau. Im Fußball gibt es laut DFB etwa 25.500 Vereine, fast sieben Millionen Mitglieder und 1,7 Millionen ehrenamtlich Engagierte. Sie investieren jährlich 120 Millionen Arbeitsstunden.

„In ländlichen Regionen mit einer traditionelleren Vereinskultur bestehen höhere Engagementquoten als in Ballungsräumen, die mehr durch Mobilität geprägt sind“, sagt Sebastian Braun, Sportsoziologe des Instituts für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Braun trägt Informationen auch im Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement zusammen. „Dabei ist der hochgradig Engagierte eher männlich. Er hat ein höheres Bildungsniveau und verfügt über breite soziale Kontakte und Netzwerke.“

Pro Monat bringt jeder Ehrenamtliche durchschnittlich mehr als 15 Stunden für seinen Verein auf, bei Gerd Liesegang sind es mehr als 30 Stunden pro Woche. Im Durchschnitt fährt er nach der Arbeit jeden zweiten Tag in die Geschäftsstelle des Berliner Fußball-Verbandes nach Halensee, ziemlich weit draußen im Westen an der Stadtautobahn gelegen. Wer das schmucklose Gebäude betritt, wird sofort auf die Agenda aufmerksam. Plakate an den Wänden und Dutzende Broschüren auf dem Foyertisch informieren über Kampagnen und Prävention: gegen Rechtsextremismus, sexuelle Gewalt, Drogen und Wettmanipulation. „Wir haben viele Projekte angeschoben, die nun in ganz Deutschland genutzt werden“, sagt Liesegang. Seit 1998 sitzt er im Präsidium des BFV, 2004 wurde er zu einem der Vizepräsidenten gewählt. „Allerdings haben wir uns davor oft eine blutige Nase geholt. Der Verband war schlecht vorbereitet, das darf uns nicht wieder passieren.“

Anfang der 1990er Jahre hatte die Gewalt auf den Berliner Fußballplätzen stark zugenommen, in Kreuzberg endete ein Freundschaftsspiel zwischen A-Jugendlichen in einer Straßenprügelei. Gerd Liesegang fuhr mit seinen Teams nun auch in den Osten Berlins. Nach einem Spiel in Lichtenberg rief ihm ein befreundeter Trainer entgegen: „Ich dachte, ihr seid ein vernünftiger Kanakenverein.“ Es kam zu Provokationen und Prügeleien. Liesegang wandte sich an den Berliner Fußball-Verband, doch dessen Führungskräfte hielten ihn für einen Störenfried. Gewalt im Fußball? Gibt es nicht. Darf es nicht geben. In einer Verbandsumfrage sollte er fünf Nationen nennen, aus denen seine Mitglieder stammen. Er zählte 19 auf, wieder fühlten sich die Oberen des BFV provoziert.

Liesegang suchte sich Verbündete in der Kommunalpolitik und schickte Briefe an Gewaltforscher. Er ermöglichte Begegnungen zwischen rivalisierenden Kickern jenseits des Spielfeldes. Pizza-Abende, Kinobesuche, Elternnachmittage. Er ließ ein erstes Aufklärungsvideo produzieren. Und er dachte an die Zwischentöne: Er verzichtete darauf, den türkischen Botschafter zur Weihnachtsfeier einzuladen, weil seine kurdischen Mitglieder ihm das übelgenommen hätten. Während des Jugoslawien-Krieges ging er auf Spieler mit serbischen oder kroatischen Wurzeln zu, weil er fürchtete, dass sich Spannungen auch auf Berliner Plätzen entladen könnten. Bücher, Studien, Internetportale gab es noch nicht. Liesegang quatschte drauflos, ohne Floskeln und Pathos. Er wurde für seine Arbeit ausgezeichnet und von überregionalen Zeitungen zitiert. Beim Berliner Fußball-Verband wurden sie neugierig auf ihn. Einige wollten ihn ins Präsidium holen, andere blickten herab auf den „kleinen Schlosser aus Kreuzberg“. Liesegang warb weiter für Toleranz, und irgendwann kam der Verband an seinem Wissen nicht mehr vorbei.

Der Widerstand ging zurück, und so konnte er viele Ideen umsetzen. Schiedsrichter besuchen seitdem Schulungen gegen Gewalt, Konfliktmanager beobachten Risikospiele. Der Verband veranstaltet interkulturelle Feste und organisiert Deeskalationstraining. Liesegang dachte, er sei gut vorbereitet, doch die Konzepte helfen wenig, wenn ihn aktuelle Schlagzeilen überholen wie 2006: Rechtsextreme Zuschauer bedrohten und beschimpften im Ostberliner Stadtteil Altglienicke jüdische Spieler des TuS Makkabi in der Kreisliga. Aus Protest gegen die antisemitischen Tiraden verließen die Gäste das Feld. Die Verbandsführung gab in der Aufarbeitung eine zögerliche Haltung ab. International berichteten Medien über diese Verharmlosung, die bestehenden Konzepte wurden darin kaum erwähnt. Liesegang und seine Kollegen ließen sich in der Öffentlichkeitsarbeit schulen. Und entwarfen neue Maßnahmen: Der Verband richtete ein Postfach für anonyme Hilferufe gegen Diskriminierung ein. Er druckt Info-Broschüren in verschiedenen Sprachen, verteilt Plakate, produziert Ratgeber-DVDs. Er lädt Jura-Studierende als Jugendschöffen ins Sportgericht ein. In zwölf Jahren wurden 400 gewaltauffällige Spieler zu Einzelsitzungen geladen, nur zwei wurden rückfällig.

Viele Partner außerhalb des Fußballs

Wie groß das Netzwerk des Berliner Fußball-Verbandes geworden ist, lässt sich an einem sommerlichen Nachmittag in Tempelhof beobachten. An der nördlichen Seite des ehemaligen Flughafengeländes feiert der Verband ein Festival, das Motto: „Fairplay und Toleranz“. Zwischen Zelten und kleinen Fußballfeldern haben seine Partner Infostände aufgebaut: die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus, Polizei, Feuerwehr, Krankenkassen oder die Stadtreinigung. Gerd Liesegang ist an diesem Sonntag seit sieben Uhr unterwegs, mit mehr als 100 Helfern hat er das Fußballareal aufgebaut. Nun möchte er, dass alle mit Essen und Getränken versorgt werden, auch die Reinigungskraft vor dem Toilettenhäuschen. Liesegang strahlt, wirkt aufgedreht. Der Berliner Fußball hat seine Wurzeln in Tempelhof: 1888 wurde hier der Vereine Germania gegründet, auf dem Feld wurde schon vor mehr als 130 Jahren gekickt.

Neben Getränkewagen und Grill hat sich eine lange Schlange gebildet. Mädchen und Jungen, Frauen und Männer tragen sich in Listen ein und erhalten eine Nummer. Sie wollen einen Weltrekord von chinesischen Fußballern brechen, mindestens 1.378 Kicker sollen für zehn Sekunden ihre Bälle jonglieren. Gerd Liesegang sitzt auf einer Holzbank und schaut prüfend über das Feld. Er weiß, dass er Tradition für junge Mitglieder zeitgemäß verpacken muss. An diesem Sonntag schauen 7.000 Menschen bei dem Festival vorbei. Auch sie möchte er für die neue Fußballroute begeistern, die in Berlin zentrale Ereignisse der Berliner Fußballhistorie auf Tafeln nachzeichnet. Für Liesegang ist der Verband nicht nur ein Verwaltungsapparat, der Fußballspiele organisiert, sondern ein Anstoßgeber, der auf die Zivilgesellschaft zugehen muss, weil er nicht auf jedem Gebiet Fachwissen entwickeln kann. Liesegang pflegt Partnerschaften mit der Jüdischen Gemeinde, mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach der Schule noch einmal so viel lernen würde.“

Der Berliner Fußball-Verband hat mehr als 140.000 Mitglieder, aber nur 40 hauptamtliche Mitarbeiter. Mehr als 6.000 Menschen engagieren sich in rund 400 Vereinen mit 3.300 Teams. Liesegang macht sich keine Illusionen: In vielen Klubheimen verstauben die Broschüren gegen Diskriminierung im Abstellraum. In vielen E-Mail-Postfächern von Trainern und Schiedsrichtern landet der Newsletter mit Fortbildungsterminen ungelesen im Papierkorb. In vielen Kneipen regen sich die Vereinsvertreter über „Gutmenschen vom Verband“ auf, die fast so schlimm seien wie die Krawattenträger aus dem fernen DFB-Raumschiff in Frankfurt. Auf vielen Bolzplätzen wollen Jugendliche bis tief in die Nacht kicken, aber nichts mit Schwulen-Aktivisten und Roma-Vertretern zu tun haben.

Liesegang lässt sich nicht beirren. In der Saison 2014/15 mussten in Berlin 79 Spiele wegen Gewalt oder Diskriminierung abgebrochen werden: 45 bei den Männern, 34 bei den Junioren, das entspricht 0,2 Prozent der insgesamt 34.000 Spiele. Bundesweit wurden in der Spielzeit 2014/15 von 1,2 Millionen Spielen 567 Partien abgebrochen: 0,046 Prozent. „Die Quote stagniert seit Jahren auf niedrigem Niveau“, sagt Liesegang. „Aber das sollte uns nicht beruhigen.“ Im April 2015 kam es nach dem Spiel des Berliner SC gegen Sparta Lichtenberg zu einer Massenschlägerei mit fünf Beteiligten, jemand zückte ein Messer. 2011 ging ein Schiedsrichter nach einem Faustschlag zu Boden, fast wäre er an seiner Zunge erstickt. Seit Jahren häufen sich Beschwerden von jungen Referees, die von übermotivierten Eltern angepöbelt werden. Jeden Montag geht Gerd Liesegang früh morgens zum Kiosk und kauft sich die „Fußball-Woche“, das Zentralorgan des Berliner Amateurfußballs. Bevor er sich in die Berichte vertieft, blättert er schnell durch: Wo ist es eskaliert? Wenn es Ärger gibt, dann hört das Telefon nicht mehr auf zu klingeln, dann melden sich Reporter. „Die Sprache ist rauer geworden zwischen den Jugendlichen. Der Respekt geht zurück, nicht nur im Fußball.“

Grundlegendes Misstrauen in Institutionen?

Aber wie lässt sich das Thema vermitteln, ohne die immer gleichen Schlagworte zu bemühen? Ein eiskalter Winterabend in der historischen Mitte Berlins, zwischen Staatsoper und Museumsinsel. 30 Zuschauer sitzen im kleinen „Theater im Palais“, das geschätzt wird für seine Jugendarbeit und Kulturpädagogik. Sechs Mitglieder des hauseigenen Laienensembles führen auf der Bühne „Final Countdown“ auf. Das Stück thematisiert körperliche und psychische Gewalt im Fußball. Liesegang sitzt in der vierten Reihe, er kann die Dialoge der Schauspieler fast mitsprechen. Er hat die Recherchen des Regisseurs Georg Carstens von Beginn an unterstützt. Alles, was auf der Bühne gesagt, gesungen, gebrüllt wird, hat sich auf Berliner Sportplätzen tatsächlich zugetragen. So stürmte eine erwachsene Zuschauerin auf den Rasen und zog einer elfjährigen Spielerin die Hose runter. Sie wollte nachschauen, ob da nicht doch ein Junge zum Elfmeter antritt. Bei dieser Szene geht ein bestürztes Raunen durch die Zuschauerreihen. Liesegang fühlt sich bestätigt, er möchte aufrütteln. Das Bühnenbild ist einer Umkleidekabine aus Holz nachempfunden. Man kann es leicht transportierten, und so soll das Stück auf Reisen gehen, in so manches Vereinsheim und in die Jugendstrafanstalt.

Schiedsrichter werden zum Feindbild, wenn sie die Rote Karte zücken. Lehrer werden beschimpft, wenn sie Hausaufgaben ankündigen. Politessen müssen sich Sprüche anhören, wenn sie ein Knöllchen verteilen. Es ist bequemer, Wut und Frustration online öffentlich zu machen. Und es wird aufreibender, Argumente konstruktiv einzusetzen. „Die Kommunalpolitik steckt in der Krise“, heißt es etwa in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. „Mitgliederschwund, Nachwuchsprobleme, sinkende Wahlbeteiligung.“ Hunderte Gemeinden tun sich schwer, einen ehrenamtlichen Bürgermeister zu finden. Eine Erhebung des Otto-Stammer-Zentrums für Empirische Politische Soziologie macht deutlich, dass die Gesamtzahl der Parteimitglieder kontinuierlich sinkt: Seit 1990 hat die CDU 40,8 Prozent ihrer Mitglieder verloren, die SPD 49,8 Prozent. Die Gewerkschaften hatten 1991 auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung insgesamt 11,8 Millionen Mitglieder, 2013 waren es 6,1 Millionen. In den Kirchen sind noch 60 Prozent der deutschen Bevölkerung eingeschrieben, in den 1960er Jahren waren es 90 Prozent. Mögen die Ursachen für den Schwund unterschiedlich sein, mag die Zahl der Aktiven unter den Mitgliedern weniger stark sinken, einige Fragen bleiben: Führt Politikverdruss zu einem grundlegenden Misstrauen in Institutionen? Oder können sich Bürger noch effektiver beteiligen, wenn sie sich von starren Strukturen und Hierarchien lösen?

Als Ehrenamtsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbandes denkt Gerd Liesegang fast täglich über Formen nach, um junge Menschen für Vereine zu motivieren. Doch er ist sich auch bewusst, dass sich sein Lebensweg kaum wiederholen lässt. Das wird deutlich auf einem Rundgang durch seine Arbeitswelt bei den Berliner Verkehrsbetrieben, an einem ihrer Standorte im Wedding. In riesigen Hallen werden dort die mehr als 1.200 U-Bahn-Waggons der Hauptstadt regelmäßig gewartet. Mit 16 Jahren hatte Liesegang bei der BVG seine Ausbildung begonnen, bis 1995 hat er als Handwerker gearbeitet. Die meisten der 260 Mitarbeiter auf dem Gelände kennt er seit vielen Jahren. Er ist seit mehr als 40 Jahren bei der BVG beschäftigt, länger ist er nur dem Fußball treu geblieben.

Neben der Reparaturhalle teilt sich Gerd Liesegang ein Büro mit einem Kollegen. Neben dem Computerbildschirm liegt ein kleiner Fußball aus Gummi, ansonsten deutet wenig auf seinen Sport hin. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Papiere und Fachliteratur. Liesegang schult bei der BVG Mitarbeiter für Flurförderfahrzeuge, vor allem Gabelstapler. Pro Jahr stehen ihm 30 Urlaubstage zu, 20 nutzt er für den Fußball. Unter der Woche steht er um vier Uhr auf, damit er halb sechs im Büro ist – und nach Dienstende ab 14 Uhr Fußballtermine wahrnehmen kann. Überschneidungen zwischen Beruf und Fußball lassen sich nicht vermeiden. „Ich bin dankbar, dass meine Kollegen mich unterstützen. Und für diejenigen, die hier mit Fußball weniger anfangen können, darf ich keine Angriffsfläche bieten. Die Arbeit darf durch das Ehrenamt nicht leiden.“ Durchschnittlich muss er pro Woche zweimal seinen Arbeitsplatz vorübergehend verlassen, für einen Fußballtermin im Senat oder für Sicherheitsabsprachen mit dem Staatsschutz.

Jüngere Menschen nehmen seltener Verantwortung wahr

Die Freiheiten, die sich der Junggeselle Liesegang im Job erarbeitet hat, bleiben für jüngere Kollegen oft unerfüllbar. Ihre Ausbildung, ihr Studium, ihr Familienleben sind eng getaktet. Der Trend geht zu einem kurzfristigen, sprunghaften Engagement, erläutert Sebastian Braun, seit 2009 Professor an der Humboldt-Universität in Berlin: „Viele Vereine und Verbände setzten noch sehr stark auf die Ochsentour, auf traditionelle Bindungen. Doch die Mobilität vieler Menschen nimmt zu: Für sie ist es keine Option, ein Leben lang einer Organisation treu zu bleiben.“ Statt einer vererbten Verpflichtung wächst die projektbezogene Verantwortung, nicht nur im Fußball: die Mitarbeit bei der Weihnachtsfeier, die Programmierung der Vereinshomepage, der Fahrdienst für die Nachwuchskicker. Hat der Begriff Ehrenamt ausgedient? Sollte man eher von einem Aufgabenfeld sprechen? Oder von einem Volunteer, einem freiwilligen Helfer?

Die Vereine haben es schwerer, ihre zentralen Posten zu besetzen. Das geht aus dem Sportentwicklungsbericht hervor: Neun Prozent der Vereine nehmen dieses Problem als bedrohlich war. Nur langsam wächst die Zahl von Menschen mit Zuwanderergeschichte, die sich über Training und Wettkampf hinaus engagieren (siehe Seite 167). 2010 waren 13 Prozent der Migranten aktiv, sechs Prozent mehr als 2007. Der stärkste Zuwachs ist dagegen bei Menschen zu erkennen, die älter als 65 Jahre sind. Jüngere, etwa zwischen 27 und 40, nehmen seltener Verantwortung wahr. Doch wenn sie ein Amt übernehmen, ist die Chance groß, dass sie bis ins hohe Alter weitermachen. Immer mehr Vereine gehen Partnerschaften mit Schulen oder Universitäten ein, in Berlin auch mit dem Fußball-Bundesligisten Hertha BSC und dem Basketballklub Alba. In Übungseinheiten tauschen Lehrer und Trainer ihre Erfahrungen aus. Und wecken das Interesse von Schülern fürs Ehrenamt.

Langsam heben Sportverbände das Thema auf ihre Agenda, um ihr „Freiwilligenmanagement“ zu entwickeln. Auch mit Blick auf den demografischen Wandel: 2008 zählte der DFB 180.000 Mannschaften in seinem Spielbetrieb, inzwischen sind es 15.000 weniger. Der Verband beschreibt die zentralen Aufgaben seiner Vereine als „Viererkette des Ehrenamts“. Gewinnen, Qualifizieren, Binden und Verabschieden. Nicht Anzeigen oder TV-Sports seien bei der Werbung von neuen Mitarbeitern entscheidend, sondern persönliche Einladungen. Zudem eine fortwährende Qualifizierung und eine Kultur der Wertschätzung. 2014 sind von DFB und DFL rund 30 Millionen Euro an die Amateure geflossen. Der DFB lädt Ehrenamtliche zu Länderspielen ein, Führungskräfte der Regionalverbände können Jugendteams im Dezember nach Israel begleiten. Der Verband hat den WMPokal von 2014 auf eine Tour durch 60 Vereine und Kreise geschickt. Auf der Internetseite fussball.de stellt er ein breites Service-Angebot zur Verfügung. In einer Kampagne seines Masterplans hat er seine Basis gewürdigt: „Unsere Amateure. Echte Profis“. Im hauseigenen „DFB-Journal“ berichtete die Medienabteilung, dass die Kampagne mit Marketingpreisen ausgezeichnet worden ist.

Handelt es sich um ernsthaftes Interesse oder Marketing? Um Empathie oder Anbiederei? Gerd Liesegang hat unterschiedliche Seiten des DFB kennengelernt. Die freundliche zum Beispiel an einem grauen Novembermorgen in Schöneberg, wo sich die Delegierten des Berliner Fußball-Verbandes zu ihrem Verbandstag treffen. An den Tischreihen sitzen Männer im Alter zwischen 50 und 70, die meisten von ihnen sind die Ochsentour gegangen, Jahrzehnte loyal ihrem Verein gegenüber. Rainer Koch, der 1. Vizepräsident des DFB, ist aus Bayern angereist. Auf der Bühne hält er eine Hymne auf Liesegang, der bis dahin schon ein Dutzend Auszeichnungen erhalten hat, das Bundesverdienstkreuz am Bande bereits mit 36. Koch würdigt ihn mit einer hohen Ehrung des Europäischen Verbandes UEFA. Die 150 Gäste erheben sich und applaudieren. Liesegang steht nicht gern im Mittelpunkt, nach einigen Sekunden drückt er seine Hände dämpfend nach unten, die Kollegen mögen doch bitte aufhören. Es gibt Funktionäre, die geben seine Ideen als ihre aus und feiern sich als Führende des Fortschritts. Liesegang ist verärgert darüber, doch diese kurzen Momente im Rampenlicht entschädigen ihn dafür, das gibt er nach zweimaligem Nachfragen zu: „Anerkennung braucht jeder Mensch.“

Wenn diese Anerkennung ausbleibt, dann kann der gelassene Herr Liesegang auch lauter werden. Oder er fühlt sich besonders motiviert. In einer internen Sitzung in Frankfurt fragte ihn ein DFB-Direktor mit herablassendem Unterton: „Machen die Berliner überhaupt irgendwas?“ Liesegang musste schlucken, flog frustriert nach Hause, packte noch in der Nacht Broschüren, Flyer, Zeitungsartikel und DVD zusammen. Er schickte das Paket an den unwissenden Direktor, eine differenzierte Antwort erhielt er nicht. In den vergangenen Jahren hat Liesegang seine Reisen in die DFB-Zentrale eingeschränkt. Oft war er nach zwei, drei Stunden in seinem Berliner Büro nach Frankfurt zu Versammlungen geflogen, die mitunter früher beendet waren als geplant. Denn die Teilnehmer hatten sich nichts mehr zu sagen. Die Zeit war verloren.

Starke Einzelpersonen überdecken Schwächen des Apparates

Liesegang kann nicht viel anfangen mit bedingungslosen Loyalitätsbekundungen in Verbandshierarchien. Wenn ihm etwas aufstößt, dann spricht er es aus. 2009 sagte er in mehreren Interviews, dass der DFB in der Prävention gegen sexuelle Gewalt nichts zu bieten habe. In der Zentrale war man erbost. Liesegang scherte das nicht, er ist weniger auf den DFB angewiesen, sondern mehr auf sein Netzwerk in Berlin. BFV-Präsident Bernd Schultz unterstützt ihn nach Kräften. Liesegang intensivierte die Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt. Zwölf Missbrauchsfälle sind allein in einer Saison in Vereinen auffällig geworden: Ein Trainer gab zwölf Jahre alten Spielern Alkohol und verleitete sie zum Strip-Poker. Ein anderer wurde bei der Behandlung von Verletzungen übergriffig. Ein dritter hatte 2.400 kinderpornografische Bilder auf seinem Computer gespeichert.

Gerd Liesegang glaubt, dass die Dunkelziffer höher ist. Lange waren Betreuer und Trainer nicht automatisch bei den Landesverbänden gelistet. Ohne Strafanzeige konnten sie in ein anderes Bundesland ziehen und ihre Taten wiederholen. Der BFV änderte seine Meldebestimmungen: Jugendtrainer mussten ihre Namen, Geburtsdaten und ein erweitertes Führungszeugnis hinterlegen. Diese Entscheidungen sind wegen des Datenschutzes nicht unumstritten. Mit Plakaten und Flyern ermutigte der Verband die 45.000 Kinder und Jugendlichen in den Vereinen, Übergriffe zu melden. Inzwischen schimpft beim DFB niemand mehr über Liesegangs Vorstoß, einige der 21 Landesverbände haben die Ideen aufgegriffen.

Seit Monaten schreibt Gerd Liesegang seine Lebenserinnerungen auf, vielleicht wird daraus mal ein Buch, einige Anekdoten sind bereits in dieses Kapitel geflossen. Liesegang schildert in seinen Erinnerungen, dass er mit 16 selbst von einem Trainer belästigt wurde, als dieser angetrunken war. Er beschreibt diesen Vorfall beiläufig, und auch auf Nachfrage möchte er nicht eingehend darüber sprechen. Vielleicht fürchtet er, dass eine Debatte daraus entsteht, die ihn zu sehr in den Mittelpunkt rückt. Er wünscht sich aber, dass der Übergriff hier nicht unerwähnt bleibt. Warum? Neulich hat Liesegang einen jungen Spieler getroffen, der missbraucht wurde. Bei vielen Opfern ist die Scham groß, Anzeige zu erstatten. Liesegang hat ihm von seiner Erfahrung berichtet. Er plädiert für Offenheit. Offenheit in vertrauter Umgebung.

Es war einer der Momente, in denen Liesegang Machtlosigkeit spürte. Was bringen all die Broschüren und Infofilme des Verbandes, wenn Leidtragende im Verborgenen bleiben, die mit pauschalen Ratschlägen wenig anfangen können? Liesegang hat einen Experten engagiert, der seit Jahren in Schulklassen geht und dort Kinder gegen fremde Annäherungsversuche sensibilisiert. Jahr für Jahr sollen so Spieler aus Berliner Vereinen geschult werden. „Wir möchten mehr über die Sorgen der jungen Generation erfahren. Viele Jugendliche wissen gar nicht, was ein Verband überhaupt ist.“

An einem freien Nachmittag lädt Gerd Liesegang zu einem Gespräch ins Yorckschlösschen, einer Institution für Blues, Jazz und lange Nächte. Es ist ein Ort, der zu Liesegang passt: verwurzelt im Kiez, frei von Schnickschnack, ein bisschen rustikal. Liesegang verkörpert das soziale Bewusstsein wie kaum ein anderer Ehrenamtlicher im deutschen Fußball, und doch wirkt er manchmal wie aus der Zeit gefallen. Er sagt, er könne mit den sozialen Medien nichts anfangen und er vermisse die Zeit, in der Spieler und Funktionäre nach dem Training im Vereinslokal gemütlich zusammensaßen. „Früher hat man sich mehr für den Menschen dahinter interessiert. Heute ist alles anonymer geworden. Viele verlangen etwas, ohne etwas zurückzugeben.“ Der BFV hat allen Vereinen kostenfrei einen Laptop zur Verfügung gestellt, damit sie Ergebnisse und Spielberichte umgehend online einfügen können. „Einige haben sich über die Farbe des Laptops beschwert.“

Liesegang weiß, was der Verband an ihm hat. Es hat Phasen gegeben, da schenkten die Präsidiumskollegen seinen Ideen kaum Aufmerksamkeit, da ging ihm die Ignoranz ziemlich nahe. Liesegang übte Druck aus, drohte mit seinem Rückzug, mehrfach. Doch auch die Kollegen wissen, was Liesegang am Verband hat. Wenn man ihn über mehrere Monate immer mal wieder zu Gesprächen trifft, an unterschiedlichen Orten, unter verschiedenen Umständen, dann drängen sich Fragen auf: Nimmt er den Fußball zu wichtig? Ordnet er seine Freizeit zu sehr den Projekten unter? Ist sein Selbstwertgefühl zu eng mit den Launen des Sports verbunden? „Ach was“, antwortet er und hebt fragend die Schultern. „Alles ist gut, wie es ist.“

Und wenn Liesegang irgendwann nicht mehr aktiv ist? „Wir haben unsere Themen in der Satzung festgeschrieben, das lässt sich so leicht nicht rückgängig machen.“ Außenstehende sehen das anders. Es sind schon viele Satzungen geändert, Konzepte geschrieben, Arbeitsgruppen gegründet worden – geholfen hat es wenig. „Wenn Gerd aufhört, haben wir ein riesiges Problem“, sagt ein BFV-Kollege, der nicht genannt werden möchte. „Ihm fällt es nicht leicht, wichtige Aufgaben an andere zu übergeben.“ Liesegang versinnbildlicht ein Dilemma im Fußball: Engagierte Einzelpersonen können viel bewirken. Sie können aber auch die Schwerfälligkeit des Fußballapparates überdecken. Wie sehr sich der BFV auch intern gewandelt hat, wird sich erst nach Liesegangs Rückzug zeigen. Vielleicht früher, vielleicht später.

Er selbst würde nie seine Leistungen in den Vordergrund stellen, auch nicht seine Sorgen. Stattdessen erwähnt er die Persönlichkeiten, die er ohne den Fußball nicht kennengelernt hätte. Und er beschreibt die Orte, die er ohne Fußball nie besucht hätte. Er diskutierte mit Regierenden Bürgermeistern wie Richard von Weizsäcker, Walter Momper oder Klaus Wowereit. Er war zu Gast bei der Feier zur Deutschen Einheit 1990 in der Philharmonie. Er sah das Finale der Champions League 2015 im Berliner Olympiastadion von einem Platz, der sonst 3.000 Euro gekostet hätte. Liesegang meidet ansonsten VIP-Tribünen, und dabei wird es bleiben. Er sah, wie einige Berühmtheiten die Biergläser mit Endspiellogo in die eigenen Taschen steckten.

Und was war der Höhepunkt? 2002 wollte Bundespräsident Johannes Rau eine Integrationskampagne auf dem Sportplatz des SC Berliner Amateure starten. Wochenlang standen Liesegang und der kleine Kreuzberger Klub mit dem Bundespräsidialamt in Kontakt: Wie sehen die Sicherheitsvorkehrungen aus? Wer begrüßt den Präsidenten? Wer darf im kleinen Vereinsheim mit ihm sprechen? Am Tag selbst war die Aufregung groß. Die Pokale auf den alten Holzregalen waren poliert, belegte Brötchen und Säfte standen bereit. Und dann stand der Ehrengast plötzlich auf dem Platz, zehn Minuten früher als angekündigt. Johannes Rau setzte sich zwischen die Kinder in den Jugendraum. Liesegang streckte die Hand aus, wollte sich vorstellen. „Sie sind der berühmte Gerd Liesegang!“, sagte Rau. Liesegang schluckte, Liesegang staunte, Liesegang schilderte die Sorgen der Mitglieder. Und der Bundespräsident? Lehnte sich zurück und hörte zu.

Weitere Informationen

Soziale Angebote des Berliner Fußball-Verbandes

Image www.berliner-fussball.de/soziales

Service und Aktionen des DFB

Image www.fussball.de

Dossier des Deutschen Olympischen Sportbundes

Image www.ehrenamt-im-sport.de

Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement

Image www.for-be.de

Infos über Engagement des Bundesfamilienministeriums

Image www.bmfsfj.de/BMFSFJ/freiwilliges-engagement