Lichter der Zukunft

Dark Falling – Band 2

Julie Heiland

 

 

 

 

 

 

 

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Es war ein Frühlingsmorgen wie auf einer Postkarte. Die Morgensonne glänzte auf dem ungewöhnlich glatten Meer, und selbst die steilen Klippen und scharfen Felsen, die aus dem Wasser ragten, wirkten in dem rosagoldenen Licht gar nicht mehr gefährlich, sondern nur noch wildromantisch. Die Burg war erfüllt vom himmlisch süßen Duft der Pancakes, die es zum Frühstück gegeben hatte.

Geal summte vor sich hin, während sie den Spiegel im Eingangsbereich putzte. Clairy, die Köchin der Burg, war gerade damit beschäftigt, mit einem Messer Kerzenwachs vom Boden zu kratzen. Geal traute ihren Ohren kaum, als die sonst so unnahbare, misstrauische junge Frau nach einer Weile in ihr Summen einstimmte. Ja, die Welt schien Geal nie friedlicher, nie schöner gewesen zu sein.

Jäh wurde der Frieden gestört.

»WAS?! Ich soll aus meinem Zimmer raus?!«

Zwei Sekunden später knallte eine Tür zu, und Beatrice stürmte die Treppe hinab. Auf der letzten Stufe hielt sie inne. Wie ein Peitschenhieb traf ihr Blick auf Geal. Mit Schrecken stellte Geal fest, dass ihre schöne Schwester noch mehr an Gewicht verloren hatte.

»Gideon will, dass ich mein Zimmer dir überlasse und an deiner Stelle in die Kammer ziehe. Steckst du dahinter?«, fuhr Beatrice sie an.

»Was? Nein! Mach dir keine Sorgen, ich ziehe nicht in dein Zimmer«, versuchte Geal ihre Schwester zu beruhigen. »Niemals! Ich bleibe in der Kammer!«

»Das will ich auch hoffen!« Ohne ein weiteres Wort rauschte Beatrice davon.

»Sieht so aus, als hättest du dir deine eigene Schwester zur Feindin gemacht«, meinte Clairy trocken und fuhr mit dem Zeigefinger die Schneide ihres Messers nach. »Beziehungsweise Ersatzschwester, wie du ja selbst mal meintest. Pass jedenfalls lieber auf.«

In diesem Moment läutete es an der Tür. Geal öffnete und konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, ehe zwei Männer einen goldumrahmten Spiegel hereinschleppten. »Die Möbellieferung. Der Rest ist noch im Wagen.«

»Was …?«

Weiter kam Geal nicht, denn vom ersten Stock aus war Gideons Stimme zu hören: »Perfekt, Sie sind pünktlich. Schaffen Sie alles in die Kammer am Ende des Flurs. Den alten Krempel dort können Sie einfach entsorgen.«

»Was für Möbel?«, fragte Geal.

Gideon rutschte auf dem Treppengeländer zu Geal hinab, landete elegant auf den Füßen und schlenderte auf sie zu. Er trug ein schlichtes weißes Shirt und dazu schwarze Jeans, die an den Knien aufgewetzt waren. Margaret, Geals Ersatzmutter, würde sagen: ›So kann man doch nicht rumlaufen! Mit Löchern in der Kleidung!‹

»Ich dachte mir schon, dass das Drama riesig sein würde, wenn Beatrice aus ihrem Zimmer ausziehen muss. Und dass du dich eh weigern würdest, es zu übernehmen. Also habe ich vorsorglich ein paar neue Möbel für die Kammer gekauft. Wenn du nicht in ein anderes Zimmer ziehen willst, dann kommt ein anderes Zimmer eben zu dir. Ich hoffe, der ganze Kram sieht gut aus. Laut Eugène gibt es nur einen einzigen kleinen Möbelladen in Dùn. Die Auswahl war also nicht gerade groß.«

»Gideon!«

»Die Möbel in der Kammer waren schon alt. Glaub also nicht, dass ich das für dich getan hätte.«

Seine Stimme streichelte sie. Es fühlte sich an, als würde er mit den Fingerspitzen die dünne Haut über ihrer Wirbelsäule hinabfahren. Geal verschränkte die Hände hinter dem Rücken, damit Gideon die Gänsehaut nicht sah, die ihre Unterarme überzog. »Trotzdem danke.«

Geal konnte kaum glauben, dass der junge Mann, der da gerade vor ihr stand und dafür sorgte, dass sie ein hübsches Zimmer hatte, derselbe war, der vor noch nicht allzu langer Zeit für sie den Inbegriff eines arroganten und vor allem kaltherzigen Schnösels dargestellt hatte. Vor dem sie sogar Angst gehabt hatte! Doch seit Gideon sich bei ihr für sein Verhalten entschuldigt und ihr das Du angeboten hatte, war es zwischen ihnen wesentlich entspannter. Vielleicht könnte Geal ihn sogar gernhaben.

»Was machst du da?«, fragte er.

»Den Spiegel putzen.«

Der Schwamm sog den Schaum auf dem Spiegelglas auf und legte einen Streifen frei, aus dem heraus Gideon Geal ansah. Oder nicht Gideon. Vielmehr ein Gesicht, das auf den ersten Blick wie seines wirkte, jedoch viel herber und schärfer geschnitten war. Nur die Augen waren die seinen. Augen, die sich mit einem Mal vor Schreck weiteten.

»Wie kann das sein?«, flüsterte Geal.

Schon hatte Gideon einen Satz zur Seite gemacht.

»Mhh?«, fragte er unschuldig.

»Ich hätte schwören können, dass … Ach, nichts.«

Doch hatte sie sich nicht schon mal eingebildet, dass Gideons Spiegelbild nicht sein eigenes Gesicht zeigte? Ja, vor nicht allzu langer Zeit in der Scheune, als er auf einmal am Waschbecken hinter ihr gestanden hatte … Aber wahrscheinlich hatte ihr nur die Angst, die sie damals noch vor ihm empfunden hatte, einen Streich gespielt. Oder sie hatte zu viele Märchen gelesen.

Geal machte sich daran, den restlichen Schaum vom Spiegel zu wischen. Als sie sich umwandte, bemerkte sie Gideons Blick, der an ihren Gummistiefeln hing. Sie kannte diesen Blick inzwischen.

»Was gefällt dir denn schon wieder nicht?«

»Nichts.«

»Nichts gefällt dir?«

Gideon rollte mit den Augen. »Du hast mich schon verstanden. Nichts gefällt mir nicht an dir.«

Das brachte sie zum Lachen. »Also gefällt dir alles an mir?«

Sein schiefes Grinsen war gefährlich. Er lehnte sich gegen das Treppengeländer und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich könnte schwören, dass du mich gerade anflirtest.«

»Was? Nein! Absolut nicht! Ich habe mich nur gewundert. Ich hätte nicht gedacht, dass du … Ich dachte, du wolltest meine Gummistiefel kritisieren.« Sie erinnerte sich daran, dass auch Clairy anwesend war. Hitze stieg von ihrem Hals in ihr Gesicht auf.

»Ähm, die sind … mit Sicherheit praktisch.«

»Sind sie auch.«

»Und sie passen zu dir. Sie sind authentisch.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war.«

»Es war ein Kompliment.«

»Gut. Dann danke.«

Nach und nach breitete sich Gideons Lächeln über sein ganzes Gesicht aus und traf Geal umso heftiger. Gideon wirkte dadurch so menschlich, so greifbar.

Ein lautes Krachen, das aus der Kammer drang, ließ sie beide zusammenfahren. »Ich sollte mal nach dem Rechten sehen«, sagte er. »Nicht, dass diese Leute noch dein ganzes Zimmer auseinandernehmen.«

Nachdem Gideon gegangen war, erhob sich Clairy vom Boden. Sie war ein ganzes Stück größer als Geal. »Ich bin fertig.«

Auch Clairy hatte sich in der Zeit, seit Geal in der Burg arbeitete, verändert. Vor ein paar Wochen hatte sie Geal oft mindestens genauso finster angeblickt wie Gideon. Inzwischen war sie aufgetaut und erzählte sogar hin und wieder etwas über sich. Geal ahnte, dass die junge Frau aus sehr schwierigen Familienverhältnissen stammte.

Clairy drückte Geal das Messer in die Hand. »Übrigens hast du tatsächlich mit ihm geflirtet.«

»Habe ich nicht!«

Clairy zuckte mit den Schultern. »Wäre doch nicht schlimm. Ich verstehe dich. Lass dich dabei nur nicht von Beatrice erwischen.«

 

Am nächsten Tag pflanzte Geal draußen die Blumenbeete neu. Sie setzte gerade ein Stiefmütterchen in die Erde, als sie eine Bewegung schräg von sich wahrnahm.

Gideon marschierte in Richtung des Pferdestalls. Er trug leuchtend gelbe Gummistiefel, an denen noch das Preisschild hing.

 

Kurz nach dem Abendessen ritt Geal nach Hause, um nach Ian zu sehen. Sie stellte sich darauf ein, einen kleinen Umweg über den Hafen nehmen zu müssen, um über den Fluss zu gelangen. Denn Buidseach fehlte nach wie vor das Geld, um die eingestürzte Brücke richten zu lassen.

Doch schon von Weitem stach ihr etwas Helles am Fluss ins Auge, das dort nicht hingehörte und sich als nigelnagelneue Holzbrücke entpuppte. Auf einer Seite der Brücke stand eine Messingplatte, auf der das Datum eingraviert war, ergänzt durch den Schriftzug: ›Wohlwollend gestiftet von Gideon Zeus.‹

Geals Herz wurde warm.

Als sie Fionna am Scheunentor festband, wehte durch das gekippte Fenster des Hauses der Duft von Rosmarin und gebratenem Knoblauch nach draußen. Augenblicklich knurrte Geals Magen, denn die Aufregung um Gideons unerwartet großzügige und liebevolle Geste, ihr neue Möbel zu kaufen, hatte sie vergessen lassen, etwas zu essen. Geal winkte der alten Mrs Flenner zu, die mit ihrer Katze auf dem Schoß auf der Bank vor ihrem Haus saß, und läutete an der Tür.

»Gealchen!«, freute sich Margaret. Hastig kippte sie eine Kehrschaufel mit Dreck in einen Eimer, um Geal dann fest an ihre Brust zu ziehen. »Was für eine schöne Überraschung! Du kommst gerade recht, ich habe heute zur Feier des Tages Cullen Skink, deinen Lieblingseintopf, gemacht.«

Ihre Ersatzmutter strahlte bis über beide Ohren und hatte sogar etwas Parfüm aufgelegt.

»Was gibt’s denn zu feiern?«, fragte Geal.

»Das weißt du nicht?« Margaret legte die Handflächen zusammen, als wollte sie beten. »Wir sind gerettet.«

Sie zog Geal am Ärmel ihrer Regenjacke in die Wohnstube und zeigte auf die Zimmerdecke, die frisch verputzt war. Keine Spur mehr von den Flecken, die der Wasserschaden verursacht hatte. »Gestern Morgen klingelte es, und zwei Männer standen vor der Tür. Sie sollten hier einen Wasserschaden reparieren, haben sie gesagt. Ich war natürlich ganz nervös. Ich wusste nicht, wie wir das bezahlen sollen.«

»Und, wie sollen wir das bezahlen?«

»Nicht wir. Der da.« Margaret deutete in Richtung der Burg und grinste dabei verschmitzt.

»Gideon Zeus?«

»Aye. Ganz recht.«

»Gideon Zeus übernimmt die Rechnung für unseren Wasserschaden?«

»Aye. Was für ein gütiger Mann. Er muss meine Beatrice ordentlich gernhaben.«

 

 


  1. 2

 

 

Am nächsten Morgen ritt Geal noch vor dem Frühstück zurück zur Burg und kam gerade an, als zartrosa Wolken sich öffneten und die Sonne die Insel küsste. Die vielen Fenster des Haupttrakts glänzten allesamt bronzefarben. Es war das erste Mal, dass Geal ihr neues Zuhause nicht als abstoßend, sondern sogar als schön empfand.

Auf ihrem Kopfkissen fand sie ein dünnes Buch. Es war ein Gedichtband. Vor geraumer Zeit, als Geal im Keller nach Lesestoff gesucht hatte und dabei lediglich auf erotische Groschenromane gestoßen war, hatte Gideon versprochen, ihr ein Buch aus der Bibliothek herauszusuchen. Offensichtlich hatte er sein Versprechen nun wahr gemacht.

Zunächst blätterte Geal nur ein wenig in dem Buch, doch dann versank sie in den Zeilen.

 

Mein Herz,

ich schenk’s dir,

wenn du’s denn willst

Eine Frage noch:

Schenkst du mir deins?

 

Ein Zettel lag zwischen den Seiten, auf dem in Gideons anmutiger Künstlerschrift geschrieben stand: ›Das hier ist besser als die Schmuddelromane im Keller.‹

Geal drückte den Gedichtband an ihre Brust. Wie war es möglich, dass sich ihr Herz so schwer und leicht zugleich anfühlte?

In der Küche machte sie sich eine Tasse heiße Milch mit Honig und zog sich dann ins Turmzimmer zurück, von wo aus man einen der schönsten Ausblicke hatte. Inmitten der Sonnenstraße, einer goldgelben Bahn, die vom Horizont bis zur Burg reichte, schaukelte auf den Wellen das Fischerboot, auf dem Ian normalerweise arbeitete. Doch nach wie vor war er auf Krücken angewiesen und musste sich daheim schonen.

Eigentlich war das Turmzimmer Gideons Atelier. Doch seit geraumer Zeit betrat er den Turm nur noch, um seine Malausrüstung zu holen oder wieder zu verräumen. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, er würde den Raum meiden.

Das Gemälde, an dem Gideon gerade arbeitete, stand auf der Staffelei zum Trocknen. Es war das erste seiner Bilder, das Geal gern ausführlicher betrachtete. Es zeigte einen unberührten Strand, auf dem ein paar Schafe nach Zuckertang suchten.

Ein langer Schatten glitt neben Geal über den Boden. Beatrice hielt sich mit beiden Händen am Türrahmen fest, sodass sich ihr Brustkorb anspannte und ihre Knochen unter der Haut abzeichneten.

»Guten Morgen, Beatrice«, sagte Geal.

Beatrice hob die Hand, um ihr zu bedeuten, still zu sein. »Hörst du das auch?«

»Was denn?«

Ihre Schwester antwortete nicht. Als würde sie etwas im Raum suchen, drehte sie sich einmal um sich selbst. Ihr Blick irrlichterte umher.

»Hast du schon gefrühstückt?«, fragte Geal vorsichtig und strich über Beatrices Rücken. Sie schien die Berührung jedoch nicht wahrzunehmen.

Jäh riss Beatrice den Kopf zur Seite. »Hast du was gesagt?«

»Ob du schon gefrühstückt hast, habe ich dich gefragt.«

»Nein … Das ist es nicht.«

»Was …«

Sie kam nicht weiter, denn Beatrice legte eine Hand auf Geals Mund. »Psst.«

Geal fiel auf, dass Beatrices Nagellack an ein paar Stellen abgeblättert war. Was deshalb ungewöhnlich war, da Beatrice ihre Nägel für gewöhnlich jeden Abend frisch lackierte.

Mehrere Herzschläge lang verharrten sie so, bis Beatrice flüsterte: »Dort drüben.«

Wie eine Katze, die sich an eine Maus anpirschte, schlich Beatrice auf den Schrank zu, in dem Gideon Pinsel und Farben aufbewahrte. Sie rüttelte an einer Schublade, die jedoch abgesperrt war.

»Komm, Beatrice, wir gehen nach unten in die Küche und essen etwas«, sagte Geal, denn so langsam wurde es ihr unheimlich.

Doch Beatrice kniete sich auf den Boden, presste das Ohr an die Schublade und lauschte. »Ja …«

Als Geal eine Hand auf die Schulter ihrer Schwester legte, wirbelte Beatrice herum. »Lass mich! Hast du sonst nichts zu tun?«

»Manchmal kannst du echt so eine Zicke sein!«, entfuhr es Geal.

Früher hätte sie sich für ihre Worte vielleicht entschuldigt, doch das sah sie nicht mehr ein. Stattdessen ließ sie Beatrice allein.

 

 

 

 

  1. 3

 

 

Drei Jahre zuvor

 

Es war Sonntagmorgen. Zwei Tage hatte Gideon mit seinen Eltern schon auf dieser schottischen Insel hinter sich gebracht, drei weitere lagen noch vor ihnen. Die Kirchturmglocke im Ort läutete. Die Luft draußen erschien Gideon ganz gelb, da über dem Meer und der Landschaft dichter Nebel hing, in dem sich die Sonnenstrahlen brachen.

Um neun Uhr morgens stieg Gideon die Klippen zum Meer hinab. Er schwamm gefährlich weit hinaus. Die Wellen hatten was von Haifischflossen, so spitz waren sie. Immer wieder schlugen sie ihm ins Gesicht oder warfen sich gar über ihn. Trotzdem gab Gideon nicht auf. Er musste sich abreagieren.

Noch schwerer war es, aus dem Wasser zurück an Land zu kommen. Mehrmals spülten ihn die Wellen gegen die Felsen. Seine Knie und Ellenbogen bluteten, als er wieder sicher auf den Beinen stand.

Auf einmal packten zwei Hände seine Unterarme.

»Gideon, bist du verrückt geworden? Du blutest ja!« Angelique trug nur ein hauchdünnes silberweißes Seidennachthemd.

Gideon musste daran denken, wie sie ihn mal zu Ostern vom Internat abgeholt hatte. Sie hatte ihre langen Beine aus dem Porsche geschwungen und ihr Kleid zurechtgezupft, das sie sich mit ihrer Figur zwar leisten konnte, das für eine Schule jedoch unangebracht kurz war. Gideon hatte gesehen, wie sich ein paar Jungs gegenseitig angetippt, auf Angelique gezeigt und anzügliche Gesten gemacht hatten. Vermutlich hatten sie geglaubt, sie wäre seine Schwester oder eine Cousine. Jedenfalls ganz sicher nicht seine Mutter.

Darauf legte es Angelique immer an. Sie wollte, dass Gideon sie als eine Freundin betrachtete und nicht als seine Mutter.

Gideon fühlte sich unwohl dabei, dass Angeliques Nachtkleid so viel von ihrem Körper preisgab und sie ihm dabei so nah war. Die Tatsache, dass er splitterfasernackt war, machte die Situation unerträglich. Er hatte ja auch nicht damit gerechnet, dass jemand an den Strand kommen würde.

»Was willst du hier?«, fuhr er sie an und machte zwei Schritte rückwärts.

»Ich wollte sehen, ob du schläfst, aber dein Bett war leer. Da habe ich dich gesucht und deine Flip-Flops hinter der Burg gefunden, also dachte ich …« Sie holte tief Luft. »Du kannst dich nicht in solche Gefahr begeben! Denkst du denn gar nicht an mich?«

»Ich kann machen, was ich will.« Gideon zog Shirt und Pyjamahose an. Ohne auf Angelique zu warten, stieg er die in den Stein gehauenen Stufen zur Burg hinauf.

Angelique holte ihn erst in der Küche ein, wo er sich einen Tee machen wollte. »Du bist unfair, Gideon.«

»Unfair?« Sein Lachen klang bitter.

»Was, wenn dir etwas passiert? Was ist dann mit mir?«

»Du hast Mason!«, schrie er wutentbrannt. »Versteh das doch endlich! Ich bin dein Sohn!«

Er sah ihr an, dass sie ihn nicht verstand. Sah, dass sie aneinander vorbeiredeten, obwohl seine Antwort doch klar verständlich gewesen war.

»Natürlich bist du das, das weiß ich doch! Auch wenn ich diese Wörter nicht mag. Sohn. Mutter. Das klingt anstrengend. Findest du nicht auch? Das klingt nach Streit und strengen Regeln und … Ach, ich weiß auch nicht.«

»Dann bin ich von mir aus dein Kind.«

»Kind?« Sie kicherte hinter vorgehaltener Hand. »Du bist kein Kind mehr, Gideon. Aber ich passe trotzdem auf dich auf. Du bist so wertvoll … Bring dich nie wieder so sehr in Gefahr, okay? Bitte. Nie wieder.«

Sie nahm ihm die Tasse aus der Hand und stellte sie auf die Kücheninsel. Dann zog sie leicht an einer seiner Locken und lächelte verträumt, als sich die Strähne wieder zusammenkringelte. »Du und ich, Gideon, wir sind gleich. Gott hat uns etwas geschenkt. Und das ist die Tatsache, dass wir einander haben. Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben lang vergeblich nach einem Glück wie diesem.«

Ihr Zeigefinger zeichnete seinen Wangenknochen nach, der direkt zu seinem Mund führte. Gideon war auf ekelerregende Weise bewusst, wie eng sein Shirt an seinem nassen Körper klebte. Als sie ihn an sich zog, wurde auch ihr Kleid nass. Und durchsichtig.

Sie sah ihn mit großen, unschuldigen Augen an. In den letzten Monaten war Gideon ihr gegenüber immer abweisender geworden. Er hatte sich dazu gezwungen, seine Gefühle wegzusperren, denn ansonsten würde er zugrunde gehen. Deshalb tat er nun etwas, das er noch nie zuvor getan hatte und schon viel früher hätte tun sollen: Mit all der Kraft, die er aufbringen konnte, stieß er Angelique von sich.

Im selben Moment überfiel ihn Angst. Angelique war so zerbrechlich, sie brauchte seine Nähe doch …

Ihr Blick erinnerte ihn mit einem Mal an Eis. Nicht an das schöne, glitzernde Eis von zugefrorenen Seen, sondern an eine einsame, messerscharfe Scholle, die ganze Schiffe untergehen lassen konnte.

»Wie kannst du es wagen?« Ihre Stimme war zu einem bedrohlichen Flüstern gesenkt. »Was wärst du denn ohne mich? Nichts! Du hast doch nur mich in deinem erbärmlichen Leben!«

Gideon wusste, dass es eigentlich nicht Angelique war, die nun vor ihm stand und ihn hasserfüllt anfunkelte. Sie war eine andere, wenn das Dunkle in ihr hervorbrach. Das Dunkle, das ihr vor langer Zeit widerfahren war, das sie ihm nie anvertraut hatte und nicht kontrollieren konnte. Angelique war ein gebrochener Engel.

Es ging so schnell. Auf einmal hatte der Messerblock neben ihr ein japanisches Schneidemesser weniger. Die Spitze traf Gideon am Schlüsselbein. Und an der Hand. Dann rutschte das Messer ab und fiel zu Boden. Blut war an seinem weißen Shirt. An ihrem Nachtkleid. Und auch auf den hellen Fliesen, nachdem sie sich auf ihn geworfen hatte und sie gemeinsam gestürzt waren. Sie versuchte, mit Gideon zu ringen. Etwas zu erkämpfen, das sie verzweifelt brauchte wie die Luft zum Atmen. Gideon packte sie an den Schultern und schüttelte sie. Vielleicht würde das Dunkle von ihr abfallen und Angelique wieder zu sich kommen. Aber nein.

Als es ihm gelang, sie von sich zu stoßen, knallte sie mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Doch der Aufprall war nicht hart genug, um sie außer Gefecht zu setzen. Sie trat nach ihm. Bekam ein Trockentuch zu fassen, das sie auf sein Gesicht drückte, auf die Augen und auch teilweise auf Nase und Mund.

Dann war es vorbei.

Sämtliche Kraft wich aus Angelique. Sie fiel in sich zusammen. Begann zu weinen. Nicht so, wie normale Menschen weinten. Wenn Angelique weinte, dann brach Gideon das Herz. Er war sich sicher, dass es nie wieder etwas Schönes auf dieser Welt geben würde, wenn dieser Engel unglücklich war.

Und sie hatte doch recht … Er hatte nur sie, dieses zerbrechliche Engelsgeschöpf.

Sie merkte, dass er sich nicht mehr wehrte. Zu diesem Zeitpunkt saß sie auf ihm. Ihre Hände lagen auf seiner Brust, inmitten des Bluts, das sein Hemd tränkte.

»Du bist böse, Gideon«, stieß sie hervor, während sie sich die Tränen von den Wangen wischte.

Dann verlagerte sie das Gewicht auf ihm und beugte sich nach vorn. Ihr langes blondes Engelshaar fiel um Gideons Gesicht. Angeliques wandernde Finger hinterließen brennende Spuren. Schmerzhaft brennende Spuren. Sie wanderten tiefer, immer tiefer …

»Angie?«, rief Mason. Vermutlich vom Flur aus. »Wo steckst du denn, verdammt noch mal!«

Ohne es zu wissen, rettete Mason Gideon in diesem Augenblick, denn sofort sprang Angelique von ihrem Sohn herunter.

»Ich komme gleich«, antwortete sie. »Ich mache mir nur gerade einen Tee.« Zu Gideon sagte sie: »Reinige die Wunde mit Alkohol und verbinde sie. Dann wisch das Blut auf dem Boden weg.« Ihr Tonfall war kalt. Als hätte Gideon eine Grenze überschritten, und sie müsste ihn auf Distanz halten.

 

Hände auf seinen Wangen. Gideon hörte seinen Namen, immer und immer wieder.

»Gideon! Monsieur Zeus! Gideon! Kommen Sie wieder zu sich!«

Es kostete Gideon einiges an Kraft, seine bleiernen Augenlider zu heben. Nach und nach nahm er seine Umgebung wahr. Harter, kalter Boden unter ihm. Gusseiserne Pfannen, aufgereiht an der Wand. Der Geruch von Zwiebeln und Gewürzen, wie er immer in der Küche hing. Ein Gesicht schwebte über Gideon, verschwommen wie die Spiegelung auf einer unruhigen Wasseroberfläche. Es war Eugènes Gesicht.

»Was …?«, murmelte Gideon.

»Mon Dieu, ich dachte schon …«

Gideon richtete sich mit Eugènes Hilfe auf. »Ich … Was mache ich hier?«

Das Letzte, woran Gideon sich erinnerte, war, dass er Durst gehabt hatte und in die Küche gegangen war, um sich ein Glas Milch zu holen. Das Ticken der Küchenuhr hallte schmerzhaft in seinem Kopf nach. Die Zeiger standen auf Mitternacht. Was zur Hölle …?

Es wurde wieder schlimmer.

Seine Seele gedieh und entfaltete sich. Und damit kamen all die Erinnerungen hervor, die Gideon brechen würden.

»Eugène, das muss unser kleines Geheimnis bleiben. Haben Sie das verstanden?«

»Aber …«

»Bitte, Eugène. Ich bekomme das unter Kontrolle. Versprochen. Irgendwie bekomme ich das unter Kontrolle …«

Ablenkung … Gideon brauchte Ablenkung. Sofort.

Doch in der Burg war alles, was er tun konnte, mit Lord Whitefeet einen Film anschauen oder mit Eugène Schach spielen …

Gideon musste hier raus …

Aber wo sollte er hin?

Seltsamerweise kamen ihm Bruchstücke dessen in den Sinn, was Geal beim Aufbauen des Frühlingsfestes über ihn gesagt hatte: ›Mr Zeus lässt sich nicht dazu herab, die Leute hier kennenzulernen. Er hat keine Freunde. Freundschaften sind wichtig. Er verpasst etwas, wenn er die Menschen hier nicht kennenlernt.‹

Regenwasser staute sich an der Mauer der Brücke. Die Spitzen von Gideons schwarzen Lederstiefeln landeten in einer Pfütze, aber das war ihm gerade egal. Gideon lief weiter. Schob die Hände tief in die Taschen seines dunkelblauen Mantels, der nicht für den Regen gemacht war. Aber auch das war egal, denn gleich würde es ohnehin keinen Mantel mehr geben. Und auch keinen Gideon. Er vergrub das Gesicht tiefer hinter dem Stehkragen.

Wie von magischer Hand aufgezogen öffnete sich das hohe Eisentor am Ende der Brücke. Kurz blieb Gideon stehen, um einen Blick über die Schulter zur Burg zu werfen. Vielleicht weil er hoffte, dass er Geal sehen würde. Doch es war Eugène, der das Tor geöffnet hatte.

Gideon folgte dem Weg eine Weile und kürzte dann, obwohl es bereits dunkel war, über das Heidekrautfeld ab. Dornen krallten sich in seinen schwarzen Jeans fest. Er schaffte es gerade mal bis zur Hälfte des Feldes, als der Fluch der Hexe einsetzte.

Zuerst löste sich sein Mantel auf. Zerfiel zu Asche, die vom Wind davongetragen wurde. In seine Jeans und sein Hemd brannten sich Löcher. Narben spannten sich über sein Gesicht, bis er nicht mehr Gideon, sondern Torin war.

Er hielt sich am Anblick seiner schwarzen Stiefel fest. Ohne aufzusehen, ging er an den kleinen, romantischen Häusern in Buidseach vorbei, deren Fenster in der Dunkelheit golden leuchteten. Am Hafen folgte er dem Geruch von Salz, Algen, Rost und Fett, den ihm der Wind gemeinsam mit dem Regen ins Gesicht schlug. Folgte der Reihe Wandleuchten, die ihn bis vor die Tür des Pubs führten.

Die Menschen in der Stube erstarrten, als Gideon die Tür aufstieß. Die Gespräche verstummten. Die Billardkugel wurde langsamer und blieb knapp vor einer der Taschen liegen.

Kalte Luft wehte in den Pub, in die Menschenwärme.

Menschenwärme, die Gideon suchte.

»Tür zu!«, rief jemand.

Gideon – oder nein, er war ja Torin – schloss die Tür.

Einer der Männer am Tresen bellte etwas auf Gälisch. Dann lachten alle. Sie lachten über die Pfütze, in der Gideon stand, weil seine Kleidung vor Regen triefte.

»Ob man helfen kann, hat er gefragt!«, rief ihm ein junger Kerl zu, der gerade mit einem Tuch den Tresen wischte. Er hatte ein Gesicht, das, würde es mit den Jahren noch männlicher werden, recht attraktiv werden konnte.

»Ich würde gern etwas trinken.« Gideon bemühte sich, laut zu sprechen, damit man ihm seine Unsicherheit nicht anhörte.

Die Anwesenden tauschten Blicke aus, als wären sie nicht sicher, ob es hier etwas zu trinken gab oder nicht.

Der harte Absatz seiner Stiefel schlug auf den Holzboden, als Gideon sich einem der runden Tische am Fenster näherte. Die Typen am Tresen glotzten ihn an wie einen Tiger im Käfig. Gideon rieb seine kalten Hände an seinen Jeans und hielt den Blick aufs Fenster gerichtet, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer der Spiegelung der Scheibe, die ihm zeigte, wie die Typen ihn noch immer unverhohlen anstarrten.

»Dich kennen wir doch«, sagte der Kerl im karierten Flanellhemd. »Du warst im Vereinsheim beim Aufbauen.«

Gideon nickte.

»Mit Geal warst du da, gell?«, meinte ein zweiter. Zumindest war es das, was Gideon heraushörte, denn der Inselakzent des Mannes war derart ausgeprägt, dass er kaum zu verstehen war. Sein spärlich behaarter Kopf war ganz rot vom Bier. Er klammerte sich an dem Krug fest, der sicher nicht sein erster war.

»Jetzt lasst ihn doch erst mal was zu trinken bestellen«, bremste der Kerl hinter dem Tresen die zwei und lächelte sanft. Für Inselverhältnisse war er erstaunlich modisch gekleidet mit seinen grauen Jeans, dem dunkelblauen Hollister-Pullover und den schwarzen Chucks.

»Habt ihr Cyder?«, fragte Gideon.

»Klar.«

»Geht auf meine Rechnung«, sagte der mit dem Flanellhemd und zog einen der langbeinigen Hocker am Tresen zurück, um auf das abgesessene Polster zu klopfen. »Setz dich doch rüber und erzähl ein bisschen. Wo kommst du denn her? Ich bin übrigens Grant. Der Kerl am Billardtisch ist Matt.«

Matt hob die Hand zum Gruß. Ihm also hatte Gideon den Hengst gestohlen. In seiner Fantasie hatte Gideon sich Matt als ungepflegten Bauern mit bösem Lächeln ausgemalt. Obwohl Matt ihn unverhohlen und mit zerfurchter Stirn musterte, mochte Gideon ihn. Vielleicht, weil man seinem verhärmten Gesicht ansah, dass er sein Leben lang nur geschuftet hatte, ohne viel dafür zu bekommen.

»Die Schnapsdrossel neben mir ist … Tja, ähm, das weiß niemand so genau.«

Da trat ein schüchternes Lächeln auf Gideons Gesicht. Er setzte sich auf den angebotenen Hocker, während Grant nun auf den Typen hinter dem Tresen deutete, der ein Glas Cyder vor Gideon stellte. »Und dieser attraktive junge Kerl ist Adam.«

Adam schmunzelte und stellte den Fernseher an. Dudelsackmusik erklang, und auf dem Bildschirm erschien eine schottische Band in einem der wildromantischen, atemberaubend schönen Täler der Highlands.

Auch noch eine Stunde später glitt Gideons Blick immer wieder träge zu den Dudelsackspielern. Es war einfach zu faszinierend, wie man einem Sack mit Holzstäben solche Töne entlocken konnte … Grant textete ihn gerade damit zu, dass er ursprünglich nicht aus St. Eilean kam, sondern von Harris, der Nachbarinsel, aber seit ein paar Jahren hier lebte. Matt, der inzwischen das Billardspielen aufgegeben hatte, musizierte gemeinsam mit ihm in der lokalen Band Fire Bones.

Im Hafenpub gab es keine stylishen Cocktails, hier gab es nur Guinness, Cyder, billigen Wein und unzählige Likör-, Gin- und Whiskeysorten, die im gedämpften Licht hinter Adam im Regal glänzten. Die Wand neben diesem Regal war tapeziert mit Erinnerungen, die die Dorfbewohner miteinander verbanden. Eines der Fotos zeigte Matt, wie er einen riesigen Lachs, den er offenbar selbst gefischt hatte, in beiden Armen hielt. Auf einem anderen erkannte er Geal und Beatrice vor einem selbst gemalten Plakat, auf dem ›Buidseacher Nachtsommergrillen‹ geschrieben stand. Beide hatten einen Maiskolben in der Hand. Geals Gesicht erstrahlte golden im Schein des Lagerfeuers. Wieder ein anderes Foto zeigte Adam und Ian, die in kurzen Badeshorts nebeneinander an den Klippen standen, lachten und sich die kalten Hände rieben.

»Das war beim jährlichen Klippenspringen im April«, erklärte Adam.

»Im April?« Gideon fröstelte, obwohl er selbst auch schon zu dieser Jahreszeit im Meer geschwommen war. »Da ist es doch noch zu kalt, um ins Wasser zu gehen.«

»Schon. Aber das ist ja auch irgendwie der Spaß daran. Außerdem ist es prinzipiell das ganze Jahr zu kalt.«

»Und ist das nicht gefährlich?«

»Du meinst wegen der Felsen? Nein. Dort, wo man ins Wasser springt, ist es tief genug. Wir kennen die Stelle ja.«

»Und wegen der Riesenhaie und Killerwale …«

»Ach, die tun schon nichts. Die kommen nur selten wirklich nah an die Insel heran.«

Im Nachhinein hatte Gideon keine Ahnung, wie es passiert war, aber da war es wieder, das gute Gefühl, das er sonst nur in Geals Nähe verspürte. Adam hatte was im Kopf und bestach durch seinen ziemlich trockenen Humor. Tja, und dann war da noch Rudolf oder Rupert oder wie auch immer, der den krassesten Inselakzent hatte, der Gideon je zu Ohren gekommen war.

»Also noch mal«, sagte Gideon zu Rudolf oder Rupert. »Wie heißt du?«

»Rourrroay«, nuschelte dieser.

»Roury?«

Roury oder Rouroay schüttelte den Kopf. »Rourrroay.«

Gideon verstand den Unterschied nicht und war kurz davor, an diesem Namen zu verzweifeln.

»Gib es auf.« Adam lachte. »Man kann seinen Namen nur richtig aussprechen, wenn man Gälisch beherrscht. Sorry.«

»Dann auf Roury!«

Ihre Gläser schlugen aneinander, Guinness spritzte auf den Tresen und floss in Gideons Speiseröhre. Er hatte das Glas gerade erst geleert, da stellte Adam schon ein neues vor ihn, an dem braunweißer Schaum seitlich hinablief.

»Wer hat das bestellt?« Gideon rieb sich die Stirn. »Und wann?«

»Ich«, sagte Grant. »Die Runde geht auf mich.« Er brauchte mehrere Anläufe, seinen Geldbeutel aus den Jeans zu ziehen.

»Kommt gar nicht infrage.« Gideon zog einen Zwanzig-Pfund-Schein aus seinem Geldbeutel und schob ihn über den Tresen zu Adam.

Matt klopfte ihm auf die Schulter. »Ich mag dich, Bürschchen.«

Und Gideon mochte diesen Abend hier. Er mochte Roury, der gedankenverloren Spuckblasen formte. Er mochte Grant, der ununterbrochen von seiner geschiedenen Frau monologisierte, die er als Miststück bezeichnete, aber trotzdem noch immer liebte. Er mochte Adam, weil er einfach cool war. Als Torin war er nicht schön wie Gideon Zeus, tatsächlich war er das glatte Gegenteil von Gideon Zeus, aber das erste Mal seit Langem war er Gideon Zeus. Er war ganz er selbst, ohne darüber nachdenken zu müssen, was er sagte oder wie er am eindrucksvollsten wirkte.

Das Glöckchen über der Tür bimmelte, und ein junger Kerl sowie ein Mädchen kamen herein. Ian und Joanne. Ian begrüßte alle per Handschlag, auch Torin. Ihr Handschlag war fester und länger als üblich. Er war ein stummer Dialog.

Ian: »Du schon wieder.«

Torin: »Weiß Geal, dass du mit Joanne hier bist?«

Ian: »Ich habe keine Ahnung, wer du bist oder wo du herkommst. Aber misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen.«

Ian und Joanne zogen sich an einen Tisch in einem schummrigen Eck zurück. Zugegeben, Joanne war recht hübsch. Sie war irgendwie pfiffig mit ihren kurzen, wilden Haaren, der kleinen Stupsnase und dem bunt gestreiften Pullover.

»Wo hast’n du Geal gelassen?«, rief Grant Ian zu.

»Die ist doch in der Burg. Bei diesem Zeus.«

Auf der Fensterbank lag eine Packung Streichhölzer, aus der Ian eines herausfischte und damit die Kerze anzündete, die auf dem Tisch stand. Dabei berührte sein Oberarm ganz leicht Joannes Schulter. Gideon hatte schon zu viele Dates in der Burg gehabt, um die Flirtsignale zu übersehen: Die flüchtigen Berührungen, die Ian und Joanne austauschten. Die langen Blicke. Die Art, wie Joanne sich zu Ian beugte, um ihm zu lauschen. Gideon war so wütend auf Ian, dass er ihn am liebsten an seinem frisch gebügelten Hemd gepackt und geschüttelt hätte.

»Und wie ist er so, dieser Zeus?«, wollte Grant von Ian wissen.

»Ich könnte schwören, dass der meinen Hengst gestohlen hat …«, murmelte Matt in sein Glas.

»Keine Ahnung«, entgegnete Ian. »Geal mag ihn nicht sonderlich.«

»Wer sagt das?« Gideon richtete sich auf seinem Hocker auf.

»Geal sagt das.«

»Ach ja? Die zwei verstehen sich sogar ziemlich gut.«

»Und woher willst du das wissen?« Wenigstens rückte Ian nun ein Stück von Joanne ab, um sich Gideon zuzuwenden.

»Weil ich ebenfalls auf der Burg arbeite«, erwiderte Gideon.

Es war Ian anzusehen, dass er abwog, sich auf die Diskussion ein- oder es gut sein zu lassen. Schließlich zuckte er nur mit den Schultern und wandte sich wieder Joanne zu.

Als die Uhr auf halb zwei vorrückte, schob sich Gideon vom Barhocker. »Männer, ich muss nach Hause.«

»Kannst auch bei mir schlafen, wenn’s dir bis zur Burg zu weit ist«, bot Adam ihm an.

»Is’ nich so weit«, erwiderte Gideon. »Danke.«

Als die Sonne aufging, stand Gideon gemeinsam mit Mister O’Connery auf dem Wehrturm. Er lachte leise, denn immer wieder spulten sich Szenen aus dem Pub vor seinem inneren Auge ab. Er konnte es einfach nicht fassen.

 

Die folgenden Tage waren wie immer und doch anders.

Die Sonne ging unter, und Gideon saß allein im Billardzimmer und nippte an seinem Whiskey.

Die Sonne ging auf, und Gideon schwamm seine üblichen Bahnen im Pool, hin und her, hin und her, bis er sich wie in einem Hamsterrad fühlte und sein Sportprogramm eine halbe Stunde früher beendete.

Die Sonne ging unter, und Gideon kämmte Lord Whitefeet Kletten aus dem Fell.

Die Sonne ging auf, und Gideon saß gemeinsam mit Eugène im Salon bei einer Partie Schach. Eugène krallte sich Gideons schwarzen König, lächelte zufrieden und sagte dann: »Schachmatt.«

Gideon ließ sich in den Sessel zurückfallen, rutschte nach unten und trommelte mit den Fingern auf der Lehne.

»Sie waren vorvorgestern aus, oder täusche ich mich?«, fragte Eugène ihn.

Geal, die gerade dabei war, den Kamin einzuschüren, wandte ihnen ihr Profil zu. Sie lauschte also. Was wiederum bedeutete, dass Gideon vorsichtig mit dem sein musste, was er sagte. Denn was, wenn Geal sich am Ende im Pub erkundigte, ob Gideon dort gewesen sei? Dann würde man ihr wohl erklären, dass nicht Gideon im Pub gewesen war, sondern sein Angestellter namens Torin.

»Nein, ich war tatsächlich aus«, antwortete Gideon und konnte sich dann doch nicht verkneifen hinzuzufügen: »Ich dachte mir, ich sollte die Bewohner Buidseachs mal langsam kennenlernen.«

»Eine schöne Idee! Sie sollten ohnehin öfters ausgehen. Sie sind doch viel zu jung, um sich in der Burg zu verstecken.«

»Ja«, murmelte Gideon gedankenversunken. »Vermutlich haben Sie recht …«

Geal erhob sich vom Boden. Sie lächelte Gideon an. Gideon lächelte zurück und wagte tatsächlich zu hoffen, dass Geal ihn vielleicht doch irgendwann in ihr Herz schließen könnte.

Als Gideon alias Torin am selben Abend die Tür zum Hafenpub aufstieß, drehten sich wie bei seinem ersten Besuch alle Anwesenden synchron auf ihren Hockern am Tresen um.

»Feasgar math! Guten Abend, alle miteinander!«, sagte Gideon.

»Feasgar math!«, antwortete Adam mit einem Lächeln. »Wir haben dich schon vermisst!«

Grant, Roury und Matt scharten sich um Gideon, klopften ihm auf die Schultern und führten ihn zum Tresen.

Gideon konnte es kaum glauben: Das erste Mal in seinem Leben hatte er wahrhaftige Freunde.

 

 


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»Gideon!«, rief Geal.

Darauf hatte er gewartet. Ein Schmunzeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

»Gideon! Wo steckst du?!«

»In der Bibliothek. Was ist denn?«, entgegnete er möglichst unschuldig. Dabei wusste er genau, weshalb Geal ihn suchte.

Gideon stellte sich vor, wie sie, nachdem sie gemeinsam mit Eugène und Clairy zu Abend gegessen hatte, in ihr Zimmer gegangen war. Dort hatte sie auf ihrem Bett einen großen Karton vorgefunden, um den eine rote Schleife gebunden war. So wie er Geal kannte, würde sie daran zweifeln, dass das Geschenk für sie war, deshalb hatte er eine Karte beigelegt, auf der groß geschrieben stand: ›Für Geal.‹