Cover

A. E. WASP

PROS & CONS: WESLEY

PROS & CONS 2

Aus dem Amerikanischen von Anne Sommerfeld

Über das Buch

Nichts funktioniert besser als Erpressung, wenn man eine Gruppe Gauner zusammenbringen will. Die Abmachung ist einfach: Wir erledigen unsere Aufträge, und Charlies Anwältin löscht dafür das belastende Material, mit dem er uns selbst nach seinem Tod noch in der Hand hat.

Auftrag Nummer zwei geht an mich. Mein Name ist Bond. Wesley Bond. (Sorry, ich konnte nicht widerstehen.) Ich bin so was wie ein Hacker und verteile Vermögen um, das heißt, ich nehme es von reichen Schleimern und gebe es Leuten, die es nötiger haben, natürlich mit einer kleinen Provision für mich.

Mein Auftrag: die Zerschlagung eines Menschenhändlerrings.

Dort, wo ich hinmuss, gibt es kein Internet und keinen Handyempfang. Ich kann nur auf meine Notausrüstung bauen. Und auf meinen »Scheinfreund« Danny Munroe, einen attraktiven Ex-Escort-Boy mit einer Vorliebe für wenig Kleidung und der Lizenz, mich in den Wahnsinn zu treiben. Doch Fehler und Ablenkungen kann ich mir nicht leisten, denn das Leben der einzigen Person, an der mir etwas liegt, hängt vom Erfolg dieses Auftrags ab …

Über die Autorin

Amy Wasp ist eine geborene Träumerin und Idealistin. Nachdem sie ihre Kinder großgezogen, verschiedene College-Abschlüsse erworben und die Welt im Dienst des US-amerikanischen Außenministeriums bereist hat, widmet sie sich jetzt wieder ihrer ersten großen Liebe, dem Schreiben.

Am liebsten schreibt sie über Menschen, die in einer einsam erscheinenden Welt Liebe und Zuversicht finden. Dabei zeigt sie ihre Figuren gern von ihrer verletzlichsten Seite, mit all den Hoffnungen und Ängsten, die auch ihre Leserinnen und Leser kennen.

Amy hat in Großstädten und kleinen Dörfern auf vier Kontinenten gelebt und dabei festgestellt, dass Zeit und Entfernung keine Hindernisse für die Liebe sein müssen.

 

Die englische Ausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Pros & Cons of Deception«.

 

 

Deutsche Erstausgabe Januar 2021

 

© der Originalausgabe 2019: A. E. Wasp

© für die deutschsprachige Ausgabe 2021:

Second Chances Verlag

Inh. Jeannette Bauroth, Steinbach-Hallenberg

 

Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen oder auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

Umschlaggestaltung: AngstyG

Umschlagmotiv: Depositphotos, iStock

 

Lektorat: Annika Bührmann

Korrektorat: Julia Funcke

Satz & Layout: Second Chances Verlag

 

ISBN: 978-3-948457-16-7

 

www.second-chances-verlag.de

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über die Autorin

Impressum

Widmung

Vorwort

Die Akteure

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

Mehr von A.E. Wasp

Für alle, die schon immer mal Teil der Gang bei einem Raubüberfalls sein wollten. So wie ich.

Charles Rangel, ehemaliger Vorsitzender des House

Ways und Means Committee, nannte das Gastarbeiterprogramm

2007 bei einem Interview mit CNN »das Sklaverei-ähnlichste, was ich je gesehen habe«.

DIE AKTEURE

DIE STRIPPENZIEHER

Charlie Bingham (45) – verstorben. Hochstapler, Dieb, Erpresser, Informationsbroker und wahrscheinlich noch so einiges mehr.

Miranda Bosley (42) – Rechtsanwältin. Charlies Nachlassverwalterin. Wahrscheinlich Charlies beste Freundin.

Josie DuPont (Alter unbekannt, da sie es nicht preisgibt) – Charlies Mitarbeiterin. Mysteriöse Dame von Welt. Versteht sich als Ersatzmutter der Jungs (sogar von Leo).

Der interessierte Freund (?) – eine körperlose Stimme am Telefon. Scheint über alle Geschehnisse auf dem Laufenden zu sein. Spricht nur mit Leo. Möchte Al genannt werden.

 

 

DIE JUNGS

Leo Shook (45) – Special Agent beim FBI. Beurlaubt aus nicht näher bekannten Gründen. Spezialist für Charlie Bingham.

Castille (Steele) Alvarez (30) – Close Protection Specialist (Bodyguard). Ex-Army-Ranger. Bezeichnet sich selbst als Sumpfratte aus Georgia.

Carson Grieves (Alter unbekannt) – Meister der Täuschung und des Betrugs. Hochstapler. Geburtsort und Geburtsdatum unbekannt.

Ridge Pfeiffer (21) – Dieb. Nicht sehr gesprächig. Experte für das Knacken traditioneller Safes und Schlösser. Fassadenkletterer und Einbrecher.

Wesley Bond (27) – Hacker und Social Engineer, Internet-Trickbetrüger. Kämpfer für soziale Gerechtigkeit.

 

 

DIE ARMEN KERLE, DIE IN DEN SCHLAMASSEL MIT REINGEZOGEN WURDEN

Breck Pfeiffer (21) – Ridges Zwillingsbruder. Ex-Collegestudent, Ex-Escort-Boy. Verrückt nach Steele.

Danny Munroe (19, fast 20) – Ex-Escort-Boy, ein Freund von Breck. Wird in die Geschehnisse hineingezogen und dann von Josie, Miranda und eigentlich auch allen anderen adoptiert.

 

PROLOG

EIN INTERESSIERTER FREUND

Der übertrieben eingeölte Schnösel, den ich aufmerksam beobachtet hatte, stolzierte zu meinem Eiswagen und sah mich über den Rand seiner verspiegelten Sonnenbrille hinweg an. Der Duft von Salzwasser und Kokosnuss-Sonnencreme, der eigentlich das Beste am Strandverkäuferdasein war, ging im Gestank seines Drogeriedeos unter.

Aber ein Kunde war ein Kunde, also zog ich die Mundwinkel nach oben und begrüßte ihn. »Willkommen bei Happy Cream! Was darf’s sein?«

»Yo, Alter. Ich brauch ’n Karamell-Schoko-Freeze.«

»Okay. Und was noch?« Vielsagend sah ich zu der süßen Brünetten im Bikini, die seine Hand hielt und das Eis mit einem Verlangen betrachtete, das ich mir normalerweise für Charlie-Hunnam-Fan-Fiction vorbehielt. »Möchten Sie auch etwas?«

Die Frau zuckte erschrocken zusammen, und ihr Blick huschte zwischen dem Schnösel und mir hin und her. »Ähm, oh, ja! Ich nehme …«

»Babe. Komm schon. Kohlenhydrate«, warnte er sie und schlug ihr, meiner Meinung nach vollkommen herablassend, auf den Hintern. »Ich date keine Fettärsche«, sagte er zu mir. Zu mir! Als wäre ich derjenige, der eine Erklärung dafür brauchte, dass er seiner Freundin eine leckere Süßigkeit verweigerte.

Ich blätterte gedanklich in meinem Katalog möglicher Arten, einen Mann zu töten, und suchte nach der unauffälligsten.

»Oh. Richtig.« Ihre Wangen wurden feuerrot, ihr Lächeln verblasste, und sie zog ihren nichtexistenten Bauch ein. »Tut mir leid, Kent.«

Natürlich hieß er Kent.

»Oh. Tut mir auch leid, Kent«, sagte ich fröhlich. »Heute gibt’s kein Eis für dich.«

»Was?« Er verengte die Augen und blickte den Strand entlang, in die Richtung, in die mein letzter Kunde verschwunden war. »Aber du hast dem Typen gerade …«

»Mmm.« Mitfühlend schnalzte ich mit der Zunge und schüttelte den Kopf. »Ja, ich weiß. Aber jetzt ist mir das Eis gerade ausgegangen.«

»Aber du hast nicht mal nachgesehen, ob du noch was hast.« Der Typ runzelte die Stirn, als würde er versuchen, die Geheimnisse des Universums zu lüften.

Ich nickte. »M-hm. Stimmt auch.«

»Was zum Teufel soll das, Mann?« Er schob sich die Sonnenbrille auf seinen teilrasierten Schädel und starrte mich finster an, als wollte er mir zeigen, dass er jetzt so richtig wütend wurde.

Ich hob eine Braue und lehnte mich gelangweilt an den Tresen. Ich hab schon FBI-Agenten mit Haftbefehlen und Gangstern mit halb automatischen Waffen gegenübergestanden, Kent. Dein empörtes Gesicht ist ein Scheiß dagegen.

»Die Sache ist die, Kent … Ich darf dich doch Kent nennen? Die Sache ist die: Ich habe hier bei Happy Cream einen strengen Grundsatz.« Ich schenkte ihm denselben verkniffenen Gesichtsausdruck, mit dem er eben seine Freundin angeschaut hatte. »Ich verkaufe Leuten, die das Wort ›Fettarsch‹ benutzen, kein Eis.«

»Ach ja?« Trotz seiner Bräune lief er dunkelrot an, und die Sehnen in seinem Nacken traten hervor, als wolle er gleich zuschlagen. »Wie wäre es, wenn ich dir helfe, deinen Arsch von innen zu betrachten, und dann sehen wir ja, ob du deine Meinung änderst.«

Gott schütze mich vor aufgepumpten, arroganten Mistkerlen.

»Ich bin ziemlich gelenkig, Kent. Schön, dass es dir auffällt. Aber ich habe es mir zur Regel gemacht, Idioten nicht einmal in die Nähe meines Hinterns kommen zu lassen, alsooo …« Ich zuckte mit den Schultern. »Wie wäre es, wenn du gehst?«

»Wie wäre es«, setzte er an, beugte sich über meinen Wagen und packte mich an meinem brandneuen Shirt, »wenn du mir mein gottverdammtes Eis gibst? Kostenlos.«

Ich sah von Kents Hand zu seinem Gesicht und wieder zurück.

Zu Kents Pech hing ich sehr an diesem T-Shirt. Es war pink, mit einem Einhorn, das regenbogenbuntes Softeis kackte, woraus sich die Worte »Happy Cream« ergaben. Ich hatte es selbst entworfen.

Mit der linken Hand packte ich Kents Daumen, drehte ihn herum, bis er gezwungen war, mein Shirt loszulassen, und dann noch ein kleines Stückchen weiter, bis ich ihm den Finger beinahe ausrenkte. Er schwankte und knickte vor Schmerz ein. Ich starrte ihn an, ließ meinen fröhlichen Gesichtsausdruck verschwinden und zeigte ihm genau das, was ich war: Jemand, mit dem er sich besser nicht anlegte.

»Ich sagte: Geh. Jetzt. Kent.«

Kent machte ein grimmiges Gesicht, schrie aber etwas, das wie »Na schön!« klang, also ließ ich los.

»Scheiß drauf. Dieses Eis ist Mist«, polterte er laut und ging rückwärts, damit er mich im Auge behalten konnte, während er seine rechte Hand mit der linken festhielt.

Ich atmete tief und reinigend durch, klatschte einmal in die Hände und wandte mich an seine Freundin. »Also dann! Ein Eis?«

Sie schüttelte hastig den Kopf und huschte Kent hinterher, wobei sie mich über die Schulter ansah, als wäre ich der Bösewicht in diesem Stück.

Seufzend schaute ich ihr nach. Ein Ex-Verbrecher zu sein, war anscheinend gar nicht so einfach. Es reichte jedenfalls nicht, lediglich das Gesetz nicht mehr zu brechen.

»Weißt du, als du sagtest, dass du dich am Strand mit mir treffen willst, um weniger Aufsehen zu erregen, hab ich mir irgendwie etwas anderes vorgestellt.«

Ich drehte mich um und stellte fest, dass mich Miranda Bosley, eine gute Freundin und hin und wieder auch Geschäftspartnerin, mit einer hochgezogenen Augenbraue musterte. Ihre dunklen Haare glänzten im Sonnenlicht, und ihr maßgeschneidertes blaues Kleid war trotz der hohen Temperaturen makellos und frisch.

»Ich dachte, du hättest dich als Strandgammler verkleidet«, fuhr sie fort und warf ihre Aktentasche auf den Wagen. »Vielleicht auch als Tourist. Oder Rettungsschwimmer. Ich hatte nicht erwartet, dass du Möchtegern-Reality-TV-Sternchen bedrohen würdest, und ganz sicher hätte ich nicht … das erwartet.« Sie deutete mit dem Kopf auf mein Einhorn-T-Shirt, das von Blödmann Kents Faust noch immer ausgeleiert war.

»Du hast also angenommen, ich hätte mich als Strandgammler verkleidet«, wiederholte ich. »Also dachtest du: Lass mich mein schickstes Kleid und …« Ich beugte mich über den Tresen, um nachzusehen. »Und meine Jimmy-Choo-Pumps anziehen und mit Aktentasche zu diesem zwanglosen Treffen gehen. Randa-Panda, jemand muss dir mal erklären, wie man sich unauffällig an seine Umgebung anpasst.«

»Für den Fall, dass du einen Sonnenstich hast«, sagte sie und setzte sich eine riesige dunkle Sonnenbrille auf, »möchte ich dich gern daran erinnern, dass ich Anwältin bin. Ich passe mich nicht an meine Umgebung an. Das überlasse ich euch Kriminellen. Mein Job ist es, im Vordergrund zu stehen.«

Und sie tat es so gut. Seit Charlie Bingham, Informationsmakler für Leute mit dunkler Weste, weißer Weste und all den regenbogenfarbenen Westen dazwischen, vor ein paar Monaten diese Welt verlassen hatte, war Miranda dafür verantwortlich, seinen Nachlass zu verwalten und seine letzten Wünsche auszuführen. So, wie Charlie seine Millionen verdient hatte, hätte es niemanden überraschen sollen, dass es bei seinen letzten Wünschen weder um wohltätige Vermächtnisse noch um einen Treuhandfonds für seinen Pudel-Mops-Mischling ging, sondern darum, außerhalb des Rechtssystems für Gerechtigkeit zu sorgen.

Ich jedenfalls war ganz sicher nicht überrascht. Aber auf die fünf kriminellen Superhirne, die Miranda praktisch erpresst hatte, damit sie Charlies Drecksarbeit machten, traf das wahrscheinlich nicht zu.

»Willst du ein Eis?«, fragte ich, nahm ein Karamell-Schoko-Freeze aus dem Behälter und stellte dann ein Schild mit der Aufschrift »Umsonst, greifen Sie zu« auf.

Miranda verdrehte hinter ihrer Sonnenbrille die Augen, doch ihre Lippen zuckten. »Oh, na gut«, sagte sie. »Aber erzähl es nicht Josie.«

»Meine Lippen sind versiegelt«, versicherte ich ihr, nahm ein weiteres Eis und reichte es ihr mit einem ganzen Stapel Servietten. Miranda würde für den Rest des Tages sauer sein, wenn sie sich bekleckerte. »Da wir gerade von Josie sprechen, wie geht’s meiner liebsten multitalentierten Haushälterin? Ich hab sie seit Wochen kaum gesehen.«

»Ihr geht’s gut. Aber bei ihr scheint ein bislang verborgener Mutterinstinkt zutage getreten zu sein. Sie verwöhnt Charlies kriminelle Bande nach Strich und Faden«, sagte sie ironisch. »Ich bin immer noch nicht sicher, ob die Männer einander mögen, aber für Josie würden sie alle sterben.«

Ich schälte die Verpackung von meinem Eis und ging Miranda voraus den Gehweg hinunter zu einer grellpinken Bank. Obwohl das Meer von hier aus nicht zu sehen war, konnte ich die Rufe der Seevögel hören, die am Himmel kreisten, und die Brise spüren, die vom Golf von Mexiko herüberwehte. Die Leute sprachen begeistert vom Herbst in Neuengland, aber ich zog Palm Beach im Oktober vor – mögliche Hurrikans und alles inklusive.

»Du vergisst, dass ich die Videoaufzeichnungen vom letzten Monat angeschaut habe.« Ich setzte mich auf die Bank, streckte die Beine aus und überkreuzte sie an den Knöcheln. »Sie haben verdammt gut zusammengearbeitet, um John Harlan zu Fall zu bringen. Das wäre nicht passiert, wenn sie einander nicht vertraut hätten. Und dir.« Ich leckte an meinem Eis, das genauso schokoladig und karamellig war, wie es die Verpackung versprach. Vielleicht sollte ich in die Firma investieren.

Miranda gab einen unverbindlichen Laut von sich und musterte die Bank eine Sekunde, ehe sie mit den Schultern zuckte und sich vorsichtig setzte. Ich hustete, um mein Grinsen zu verbergen. Ah, die pingelige Ms Bosley.

»Ich liebe dich, weißt du?«, sagte ich.

Sie wandte mir ihr Gesicht zu und hob eine Braue. »Ich weiß«, entgegnete sie widerwillig. »Deswegen tue ich das. Für dich. Für Charlie.«

»Und vielleicht ein kleines bisschen für dich selbst?«

»Ein bisschen«, gab sie zu. »Es ist schön, zur Abwechslung das Gefühl zu haben, etwas zu bewirken.« Vorsichtig löste sie die Verpackung von der Waffel und biss direkt in das Eis wie eine Banausin. »Da wir gerade davon sprechen, ich hab Danny Munroe eingestellt.«

Ich runzelte die Stirn. »Den Stricher, der eins von John Harlans Opfern war?«

Sie legte den Kopf schräg und drückte damit Du-bist-ein-voreingenommener-Idiot aus, ohne ein Wort zu sagen. »Der entzückende junge Mann, der mit Sex Geld verdienen musste, weil ihn seine Eltern rausgeschmissen haben, nachdem sie erfahren hatten, dass er schwul ist, und der dann zu einem der vielen Opfer des korrupten Senators wurde, den wir für Charlie ausschalten sollten.« Noch einmal biss sie herzhaft von ihrem Eis ab. »Der Danny.«

Ich nickte, gleichzeitig zufrieden und amüsiert. Anscheinend war Josie nicht die Einzige, die diese Jungs adoptiert hatte. Ms Miranda Bosley, Rechtsanwältin, gab eine überzeugende beschützende große Schwester ab.

»In Ordnung«, erwiderte ich. »Deine Entscheidung. Deshalb hat Charlie schließlich dir die Verantwortung überlassen. Vergiss aber nicht, dass du nicht alle retten kannst, ja?«

»Vielleicht nicht alle. Aber ich kann ganz sicher diesen einen retten, also werde ich es tun.«

Ich nickte. »Und eventuell wird er sich als nützlich erweisen. Haben sie schon den zweiten Umschlag geöffnet?«

Miranda schüttelte den Kopf und seufzte. »Wir haben uns eine kleine Auszeit genommen. Es schien sinnvoll zu sein, Steele und Breck etwas Zeit dafür zu geben, sich von den Nachwehen der traumatischen Situation zu erholen.«

Steele, der Sicherheitsspezialist in Charlies Gruppe, hatte sich während der Arbeit an dem Fall Hals über Kopf in Breck Pfeiffer verliebt, der ebenfalls ein Opfer von Harlan gewesen war. Und es ergab Sinn, dass das Team Zeit brauchte, um sich an die neue Dynamik zu gewöhnen. Aber ich war nicht sicher, ob ich Liebe als Trauma ansehen sollte.

»Erholen nennt man das jetzt also?«, fragte ich und wackelte mit den Brauen. »Steeles magischer Schwanz heilt alle Beschwerden? Oh, Steele, Baby! Gib mir die Medizin, die ich brauche!«

»Pfui. Du bist so ungehobelt.«

Ich lachte laut auf. »Ich weiß. Aber wir können nicht alle einflussreiche Anwälte sein oder in schicken Villen am Meer wohnen. Denk dran, ich bin nach Charlies Tod obdachlos geworden.« Ich klimperte mit den Wimpern und schmollte wie das Waisenkind, das ich war.

Sie schnaubte. »Richtig. Obdachlos, nicht mittellos. Und in Charlies Testament stand nicht, dass du gehen musst, mein Schatz, du hast dich dafür entschieden! ›Was, wenn die anderen nicht nett zu mir sind? Was, wenn der große, böse FBI-Agent misstrauisch wird?‹«

»Hey!«, sagte ich getroffen, denn sie war der Wahrheit etwas zu nah gekommen. »Das ist nicht nett, Randa.«

Vor allem der Teil mit Special Agent Leo Shook. Ich war irgendwie seit Jahren in ihn verknallt … wenn man es so nennen wollte, dass ich wegen des Typen, der davon besessen gewesen war, Charlie Bingham festzunehmen, einen Ständer bekam. Es war eher wie ein verdammtes Tauziehen. Leo hatte Charlie schnappen wollen, Charlie hatte nicht geschnappt werden wollen. Mein Überleben hing von Charlie ab, obwohl mich Shook mit seinen freundlichen Augen und der schrecklichen Angewohnheit, gut, moralisch und vertrauenswürdig zu sein, wie ein Magnet anzog. Und um es noch erbärmlicher zu machen, hatte Leo nicht einmal gewusst, dass ich existierte, bis ich ihn letzten Monat in einem Moment der Schwäche angerufen hatte. Er wusste immer noch nicht, wie ich aussah oder wie ich hieß oder irgendetwas über mich, er kannte bloß den Klang meiner Stimme.

Tiefer. Theatralischer. Seufzer.

Miranda, die hinter der Fassade ihres eleganten Seidenkleides sehr sentimental war, bemerkte meinen düsteren Blick und runzelte die Stirn. »Du weißt, dass ich nur Spaß mache, oder? Ich verstehe, warum du diese Entscheidung getroffen hast. Ich respektiere sie.«

»Ich weiß.«

Sie legte eine Hand auf mein Knie. »Und ich bin dir gegenüber genauso loyal wie gegenüber Charlie.«

»Das weiß ich auch.« Ich drückte ihre Hand. Ich hasste es abgrundtief, traurig zu sein, und manchmal, wenn ich zu lange an Leo Shook dachte … na ja, war ich, ganz seinem Namen gemäß, wie geschockt. Ha. »Also, Umschlag Nummer zwei?«

»Ja. Wesley Bonds Umschlag.« Sie nickte. »Als sich die Jungs zum ersten Mal trafen, hat Shook angedeutet, Bond sei der Einzige in der Truppe, über den er keine Informationen hat. Ich frage mich, was zum Teufel Charlie ausgegraben hat, das Shook und das FBI nicht finden konnten.«

Ich lächelte sie schief an. »Charlie war der Beste. Aber denk dran, er war auch irgendwie der Schlimmste. Bond ist nicht der Typ, der anderen gegenüber nett ist, wenn er keinen richtigen Anreiz dafür hat, also …«

»Du willst mir also sagen, dass das, was Charlie gegen ihn in der Hand hatte, etwas Großes ist?«

»Eher etwas sehr Persönliches.«

»Großartig.« Miranda erhob sich und warf die Verpackung in den Müll, ehe sie sich gründlich mit den Servietten die Hände abwischte. »Welche tiefgründigeren Emotionen Bond auch immer hat, er hält sie fest verschlossen. Momentan scheint er nur zu Verärgerung, Gereiztheit und Belustigung fähig zu sein.« Sie hielt inne. »Und normalerweise richten sich all diese Gefühle gegen Danny Munroe.«

Sie rieb sich über die Stirn, als würde sie schon Kopfschmerzen bekommen, wenn sie sich nur vorstellte, wie die Dinge im Haus heute Nachmittag ablaufen würden.

Ich stand auf und legte einen Arm um ihre Taille. »Hab ein wenig Vertrauen, Randa. Hat dich Charlie jemals in die falsche Richtung gelenkt?«

»Noch nicht«, sagte sie. »Aber es gibt immer ein erstes Mal.«

KAPITEL 1

WESLEY

»Hey, kann mir irgendjemand erklären, warum meine T-Shirt-Schublade leer ist?«, fragte Ridge Pfeiffer, als er auf die Terrasse kam, auf der sich unsere kleine Truppe versammelt hatte. Unser höchsteigener Rückholungsexperte (sprich: Dieb) war von der Hüfte aufwärts nackt, warf uns aus seinen blauen Augen einen finsteren Blick zu und sah mit seinen blonden Locken wie der größte und angefressenste Botticelli-Engel der Welt aus.

Ich nahm meine Sonnenbrille ab, um ihn zu betrachten, und setzte sie dann wieder auf, damit ich mich auf mein Handy konzentrieren konnte. Gerade war ich an einer Spear-Phishing-Sache gegen Campbell Enterprises dran, die nach langer Zeit kurz vor dem Abschluss stand. Mit gefälschten Nachrichten kam ich am besten an die gewünschten Informationen. Das war wesentlich interessanter als alles, was Ridge zu sagen hatte.

Janie, schrieb ich, ich sitze mit Dal Anderson im Flugzeug, und er will eine kurze Zusammenfassung der Presseerklärung vom Donnerstag, damit wir Kernfragen für die Investoren vorbereiten können!! Kann von hier aus nicht auf den sicheren Server zugreifen und drehe DURCH!! Schickst du mir was? – Becks.

So. Das sollte reichen.

Becks, alias Rebecca Frankel, laut ihrem LinkedIn-Profil Chefassistentin des Vizepräsidenten der Personalabteilung bei Campbell, war entzückend naiv und hilfsbereit. Als letztens zum Beispiel ein freundlicher ITler angerufen und nach ihren Daten gefragt hatte, um einen »verdächtigen Log-in« auf ihrer Seite zu bestätigen, hatte sie ihm alle nötigen Informationen gegeben. Wenn ich sie nach ihrem Sternzeichen und ihrer Sozialversicherungsnummer gefragt hätte, hätte sie mir die wahrscheinlich auch verraten.

Sobald ich Zugang zu ihren E-Mails hatte, hatte ich den Schlüssel zum Schloss. Es war einfach gewesen, ihren Schreibstil zu imitieren – superfreundlich und mit viel zu vielen Ausrufezeichen für eine über Dreizehnjährige –, um herauszufinden, dass sie diese Woche mit ihrem Boss auf Geschäftsreise war und sich in den Zigarettenpausen mit Jane DeVoor angefreundet hatte, der Assistentin des Finanzchefs. Sobald Jane eine Zusammenfassung der Presseerklärung zurückgeschickt hatte, würde ich ein paar Investitionen tätigen, als hätte ich irgendwie gelernt, die Zukunft vorherzusagen.

Tipp: Lasst eure Hellseher sausen, und versucht es stattdessen mit Phishing.

»Ähm, aber ist die Schublade wirklich leer?«, fragte Breck, Ridges eineiiger Zwilling, der praktisch ausgestreckt auf seinem Freund Steele Alvarez in der Sonne lag.

»So gut wie. Das Einzige, was noch drin ist, sind ein pinkes Tanktop, auf dem ›I Would Bottom You So Hard‹ steht, und dieses Shirt von den Pittsburgh Steelers.« Ridge hielt es hoch. »Keins davon gehört mir, und ehrlich gesagt würde ich mich in keinem von beiden wohlfühlen.«

»Hey!«, rief Carson aus dem Schatten am Rand der Terrasse. »Das Pittsburgh-Shirt gehört mir. Ich hab mich schon gefragt, wo es hingeraten ist!«

»Tja, das kannst du gern wiederhaben, Kumpel«, sagte Ridge und hielt es von sich weg. »Ich hab keine Ahnung, wie es in meiner Schublade gelandet ist.«

»Bring es mir«, befahl Carson mit diesem der Welt leicht überdrüssigen britischen Tonfall, dem nur wenige Männer widerstehen konnten. »Ich will nicht in die Sonne.«

»Bist du ein echter Vampir? Oder ist das nur deine Rolle für diese Woche?«, fragte Leo. Der beurlaubte FBI-Agent, der sich als unser Anführer betrachtete, sah kaum von seinem E-Reader auf, auf dem sich, wie ich wusste, nur langweilige Biografien von Politikern und ein paar Sachbücher über religiösen Extremismus befanden. Ööde.

»Ja, Leonard. Das ist es. Ich befürchte, dass du meinem blendenden Glitzern und meinem jahrhundertealten Penis nicht widerstehen könntest, wenn ich näher käme.« Carson bedankte sich mit einem Nicken bei Ridge, als der ihm das Shirt reichte. »Weißt du, einige von uns machen sich Sorgen um Hautkrebs.«

Ja, klar. Ich hätte meinen selbst zusammengestellten original Alienware-Tower und all die klassischen Spiele, die ich daraufgeladen hatte – derzeitiger Wert: unbezahlbar – darauf verwettet, dass Leo recht hatte. Carson war ein Hochstapler mit einem Dutzend Identitäten, von denen wir wussten, und wahrscheinlich einem Dutzend mehr, von denen wir keine Ahnung hatten. Zweifellos arbeitete er an etwas, wofür er blass wie ein Geist sein musste, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was es war. Nicht zum ersten Mal war die Versuchung groß, einen Blick auf seinen Computer zu werfen. Ein Kinderspiel für jeden respektablen Hacker, und ich war mehr als respektabel.

Aber ich würde Carson nicht hacken, nicht mal, um meine Neugier zu befriedigen, wegen »Vertrauen« und »Grenzen« und »Teamfähigkeit« und dem ganzen anderen Schwachsinn, den mir Auntie Ade eingetrichtert hatte. Bla, bla, bla.

»Können wir noch mal zu der Stelle zurückspulen, an der sich Engelchen nicht wohl dabei fühlt, das ›Bottom‹-Shirt anzuziehen?«, warf Steele ein. Der Muskelmann unserer Gang hielt inne, als ihm klar wurde, was er gesagt hatte, ehe er leise lachte. »Heh. Zurückspulen.«

Breck kicherte, wie es von ihm erwartet wurde, und ich verdrehte die Augen, weil Steeles Witz überhaupt keinen Sinn ergab, geschweige denn, dass er mich zum Lachen brachte. Es musste schön sein, jemanden zu haben, der die eigenen dummen Witze zu schätzen wusste und einem die ganze Zeit zustimmte.

»Jap. Es gibt nichts Witzigeres, als aufgrund des Aussehens Vermutungen über die sexuellen Vorlieben einer Person anzustellen«, meckerte Danny. Wie immer lag er nur mit einer winzigen Badehose bekleidet in seinem Liegestuhl, als würde Kleidung gegen seine Religion verstoßen. »Ihr zwei seid so süß. Da wird einem schlecht.«

»So spricht nur jemand, der viel zu lange nicht flachgelegt wurde.« Ridge grinste Danny zwar anzüglich, aber überhaupt nicht überzeugend an. »Ich könnte etwas dagegen tun.«

Danny öffnete nicht mal die Augen. »Alles unter Kontrolle, danke. Darf ich euch Links vorstellen, meinen neuen Freund?« Er hob seine linke Hand. »Er weiß genau, wie ich es mag, bekommt es gut auf die Reihe und ist immer da, wenn ich ihn brauche.« Was er nicht sagte, weil wir es alle wussten, war, dass Links ihn nicht angreifen und sein Vertrauen missbrauchen würde, wie es der nun in Ungnade gefallene Senator John Harlan getan hatte, als Danny und Breck als Escorts in D. C. gearbeitet hatten.

»Och. Ich finde das irgendwie traurig«, sagte Breck.

»Und ich finde, du kannst mich mal«, erwiderte Danny locker.

Ich senkte den Kopf, um mein Lächeln zu verbergen. Was faszinierte mich so sehr an Danny Munroe? Ich meine, abgesehen von der Tatsache, dass ich total auf spitzfindige Klugscheißer stand und mich seine glatte, gebräunte Haut und die schlanken Muskeln, die er zur Schau stellte, dazu verleiteten …

»Ihr könnt mich beide mal. Können wir noch mal darauf zurückkommen, dass ich beklaut wurde?«, verlangte Ridge. »Ich meine, da denkt man, man wäre in einer relativ geschützten Umgebung und die eigenen Sachen wären da sicher, wo man sie zurückgelassen hat, und plötzlich findet man heraus, dass Dinge fehlen, die einem wichtig sind. Ich fühle mich … beraubt.«

Auf der Terrasse herrschte absolute Stille, als sich jeder von uns zu Ridge umwandte. Leo legte seinen E-Reader ab. Danny setzte sich auf und öffnete die Augen. Breck und Steele hörten auf, sich mit Blicken zu verschlingen. Carson beugte sich vor.

Ridge blinzelte und legte dann den Kopf schräg, als würde er über seine Worte nachdenken. Er schüttelte den Kopf. »Nein. Nein. Das ist keine Ironie, ihr Arschlöcher. Ich habe noch nie einem Mann seine Shirts gestohlen.«

»Nur weil du keinen anständigen Preis dafür bekommen könntest«, sagte Carson seufzend und lehnte sich zurück.

»Shook, du bist Ermittler. Finde heraus, was mit meinen Shirts passiert ist!«

»Sicher«, sagte Leo und wischte mit dem Finger über das Reader-Display, als könnte er nicht uninteressierter sein. »Machen wir eine Liste der Verdächtigen. Wer könnte deine T-Shirts tragen?«

»Na ja, ich«, erklärte Ridge. »Und Danny, aber Gott weiß, dass er sowieso keine Shirts trägt.« Danny schnaubte. »Wes vielleicht.« Er sah mich an. »Aber der hat nicht meinen Geschmack. Oder überhaupt Geschmack. Und dann ist da noch, hm …« Er sah Breck an und verengte die Augen.

»Anstatt es ›stehlen‹ zu nennen«, sagte Breck und leckte sich die Lippen, »was wirklich ein harsches Wort ist, würde es dir vielleicht helfen, wenn du es als ›Befreiung‹ betrachtest?«

»Du hast meine T-Shirts gestohlen!«, brüllte Ridge. »Gütiger Gott. Mein eigener Bruder

»Na ja, ich hatte meine eigenen ja eine Zeit lang nicht, weil meine Sachen in D. C. waren, und dann … äh … kam ich wohl zu dem Schluss, dass mir deine besser gefallen?« Breck grinste einnehmend.

»Du konntest dir keine Shirts von deinem Freund borgen?«

»Nein. Ich meine … hast du meinen Freund gesehen?« Breck strich über Steeles breite Brust, während der selbstgefällige Mistkerl grinste.

»Du bist ein Scheißkerl, Breck Mason Pfeiffer«, verkündete Ridge. »Ich erwarte, dass sich meine Shirts innerhalb einer Stunde wieder in meinem Besitz befinden, sonst wird eine Schreckensherrschaft beginnen, wie du sie noch nie erlebt hast.«

Breck streckte ihm die Zunge raus.

»Seht ihr, das alles wäre kein Problem, wenn ihr Jungs euch einfach der Nacktheit verschreiben würdet«, sagte Danny schläfrig. »Befreit die Brustmuskeln.«

Ich schnaubte unterdrückt, aber natürlich hatte Danny mich gehört und hob den Kopf, um mich böse anzusehen.

Himmel. Da sage ich ein Mal etwas Dummes, weil sich ein Typ prostituiert hat, und schon fährt er mich jedes Mal an, wenn ich auch nur ausatme, und reißt mir Tag und Nacht den Arsch auf.

Aber nicht auf die gute Art und Weise.

Es gab Momente, in denen ich wirklich nicht verstand, was zum Teufel ich hier machte. Ich meine, ja, sicher, Charlie hatte etwas gegen mich in der Hand, das ich wirklich nicht öffentlich machen wollte. Aber im Gegensatz zum Rest der Jungs glaubte ich, dass ich auch etwas gegen Charlie in der Hand hatte. Er war Informationshändler gewesen, aber ich hatte mich darauf spezialisiert, Informationen zu beschaffen. Ich könnte schmutzige Details über Charlies Firmen finden – oder erfinden, wenn es sein musste –, die alles zunichtemachen würden, was er über mich hatte. Ich konnte genug Beweise platzieren, um Miranda als hoch gehandelte Zuhälterin festnehmen zu lassen, bevor sie mich den Behörden übergeben konnte. Und um ehrlich zu sein, war die Vorstellung unglaublich lustig. Himmel, ich könnte jeden dieser Typen hier hinter Gitter bringen, ohne auch nur ins Schwitzen zu geraten.

Und obwohl ich sie jetzt besser leiden konnte als noch zu Beginn, war es manchmal schwer, mich daran zu erinnern, warum ich mein gemütliches kleines Heim aufgegeben hatte, um auf die Insel der absonderlichen Kriminellen zu kommen.

Ich war schon immer ein Einzelgänger gewesen.

»Postausgabe!«, rief Josie, als sie auf die Terrasse kam.

Wie immer drehten sich beim Klang von Josies Stimme alle um, weil sie uns hauptsächlich leckeres Essen oder alkoholische Getränke zu bringen schien. Nach ein paar Wochen hatte sie uns schon gut konditioniert.

Heute trug Josie einen kurzen weißen Rock, weiße Plateaustiefel und einen Schal mit Blumenmuster. Wurde in der Nähe ein Austin-Powers-Sequel gedreht? Ich hätte ihr zugetraut, bei so etwas mitzuspielen.

»Post?«, fragte ich. »Jemand hat tatsächlich Post hierher bekommen? Die Leute verschicken Dinge tatsächlich noch mit der Post?«

»Nur Ridge«, antwortete sie grinsend. »Aber ich wollte schon immer mal ›Postausgabe‹ sagen.«

Ich erwiderte ihr Lächeln. Es war unmöglich, Josie nicht zu mögen.

Sie reichte Ridge eine Zeitschrift, die er schnell zusammenrollte und hinten in seinen Hosenbund steckte. Wurde er rot?

»Und für den zweiten Teil der Postausgabe darf ich euch die einzig wahre Miraaaanda Bosley präsentieren!« Josie breitete die Arme aus wie der Moderator einer Gameshow und wackelte mit den Fingern.

Miranda trat in einem blauen, ärmellosen Kleid auf die Veranda. In einer Hand hielt sie eine Aktentasche, in der anderen eine Flasche Wasser. »Sehr dezent, Josie. Danke.«

»Gern geschehen!«, flötete Josie. »Also, im Kühlschrank sind allerlei Snacks, und auch Steaks, wenn ihr sie grillen wollt, aber ich habe in einer halben Stunde einen Kurs für Unterwassersprengung und bin spät dran. Ihr seid auf euch allein gestellt, Jungs … und Miranda.«

Ridge runzelte die Stirn. »Du nimmst an einem Kurs für Unterwassersprengung teil?«

»Was? Nein!« Josie lachte. »Gott! Das wäre ja was. Wenn ich in meinem Alter noch etwas über Unterwassersprengung lernen würde.« Sie schüttelte den Kopf, als wäre Ridge zum Schreien komisch.

»Aber du hast gesagt …«

»Ich unterrichte, Ridge, Liebling. Ich leite den Kurs.«

Ridge starrte Josie an, als wäre sie ein Einhorn. Hauptsächlich, weil sie das auch war.

Mein Handy vibrierte in meiner Hand.

Eine neue Mail von Jane mit einem süßen kleinen Anhang und einem lächelnden Smiley.

Wenn es einen größeren Rausch als diesen gab, hatte ich ihn noch nicht gefunden, und ich war mir sicher, dass er mit legalen Mitteln nicht zu erreichen war. Ich liebte es, den Ton anzugeben, ich liebte es, die Kontrolle zu haben. Ich liebte es, zu wissen, dass ich nie wieder machtlos sein würde. Und ich liebte, dass dieses High mit dem zusätzlichen Bonus kam, anderen Menschen tatsächlich zu helfen.

Natürlich war das heutige Projekt nicht wirklich eine Schlagzeile wert. Informationen aus einer lästigen kleinen Presseerklärung zu bekommen – Informationen, die in ein paar Tagen sowieso öffentlich gemacht werden würden –, war nicht dasselbe, wie meine Bot-Armee zu benutzen, um Schwachstellen in einem Server anzugreifen, aber ich tat es nicht, um jemanden zu beeindrucken. Und außerdem zog ich die Kunst der sozialen Manipulation einem Hau-drauf-Diebstahl jederzeit vor. Besorg dir ein paar Insider-Informationen, investiere klug, profitiere davon, und sorg dafür, dass auch andere davon profitieren.

Ich betrachtete es eher als Umverteilung von Reichtum und nicht als Diebstahl. Oder, wie Breck sagte, ich befreite das Geld von den Megareichen, damit ich es bei einer Wohltätigkeitsorganisation aussetzen konnte, die unterprivilegierten Kindern in Chicago half … oder vielleicht Hurrikanopfern unten in Puerto Rico.

»Bond?«

Ich hob den Blick und war überrascht, dass Miranda direkt vor mir stand. Ich war von der Vorstellung abgelenkt gewesen, wie viel Gutes ich tun könnte, und hatte nicht gehört, wie sie auf mich zugekommen war. Warum schauten mich alle an, als … Oh, verdammt. Mein Blick richtete sich auf den braunen Briefumschlag in Mirandas Hand. Ich kannte diesen Umschlag. Er sah genauso aus wie der, den Steele vor ein paar Wochen geöffnet und der uns dazu gebracht hatte, gegen John Harlan zu ermitteln.

Anscheinend war ich jetzt an der Reihe.

»Die andere Hälfte der Postausgabe, hm?«, fragte ich und nahm den Umschlag.

»Eigenhändig zugestellt. Für Sie nur das Beste«, sagte Miranda gedehnt. Sie nahm ihre Aktentasche. »Tja. Viel Glück, Jungs.«

»Moment, was? Bleiben Sie nicht, während ich ihn öffne?«

Sie schüttelte den Kopf. »Genau wie beim letzten Mal. Glaubhafte Bestreitbarkeit. Sie haben Ihre unbegrenzten Kreditkarten, Charlies Ressourcen und Josie. Aber wenn Sie in der Klemme stecken, können Sie mich anrufen.«

»Und der ›interessierte Freund‹?«, wollte Leo wissen. »Der andere Typ, der über diese Missionen Bescheid weiß?«

Miranda musterte Leo einen Moment lang schweigend. »Sie rufen ihn nicht an. Aber er wird auch in der Nähe sein.«

Leo sah ihr argwöhnisch nach.

Ich starrte den Umschlag einen Augenblick lang an und grinste, weil es alles andere als Hightech war. Nur mein Name, der fein säuberlich in Großbuchstaben auf dem schmucklosen braunen Umschlag stand. Aber er fühlte sich schwer an. Unheilvoll. Charlie hatte sich bei dieser Sache definitiv für Dramatik entschieden.

Ich öffnete den Umschlag, und mein Grinsen verblasste, als ich die Fotos und die kopierten Dokumente herausnahm.

»Was zum Teufel?«, murmelte ich.

Es waren Fotos von Pässen, vielleicht zwei Dutzend, in verschiedenen Blau-, Grün- und Rottönen. Alle lagen in einer Kiste. »República de Honduras« stand deutlich auf einem, während auf ein paar anderen »Guatemala« oder »Kolumbien« zu lesen war.

Ich reichte Leo, der zu mir gekommen war, das Foto, ehe ich mir das nächste anschaute.

Mehr Pässe, aber dieses Mal waren ein paar davon geöffnet, sodass Namen und Fotos sichtbar waren. Einige der Gesichter lächelten, andere waren ernst; es waren Frauen und Männer; alle waren relativ jung und kamen fast ausschließlich aus Mittel- oder Südamerika.

»Ich versteh es nicht«, murmelte ich.

Aber als ich das Foto an Leo weitergab und mir das nächste Blatt ansah, glaubte ich, es vielleicht doch zu verstehen, und das machte mich krank.

Berichte von vermissten Personen aus verschiedenen Städten, denen Fotos beilagen. Mein Spanisch war etwas eingerostet, aber ich verstand das Wesentliche. Dinorah hatte ihr Zuhause in Escuintla wegen eines befristeten Jobs verlassen und war nie zurückgekommen. Genau wie Fernando aus Copán, Tomás aus Guatemala, Isobel aus Bucaramanga, Tala aus Manila, Mercedes aus etwas Unleserlichem und so weiter. Der einzige Unterschied waren die Daten und Städte. Die Umstände waren alle erschreckend ähnlich.

Ohne aufzuschauen, gab ich diese Blätter weiter und stürzte mich auf den nächsten Stapel. Wieder Bilder, aber dieses Mal … Ein tropisches Resort, vielleicht wie einer dieser oberschicken All-inclusive-Orte? Frauen und Männer faulenzten auf Liegen, die denen, auf denen wir uns ausstreckten, nicht unähnlich waren. Kristallklare Pools und Tiki-Bars mit Grasdächern, private Bungalows und Kellnerinnen in …

Oh. Oh, Moment mal, eine Sekunde. Ich betrachtete eines der Fotos.

»Leo!« Ohne aufzusehen, schnippte ich mit den Fingern. »Gib mir den Bericht über Tala Wie-heißt-sie-noch.«

Leo oder jemand anders gab mir das Blatt, und ich griff blindlings danach, ehe ich zwischen dem Bild der vermissten Frau und dem Foto der Kellnerin hin- und herschaute. Auf dem Foto aus dem Resort schien sie dünner zu sein, so dünn, dass man ihre Rippen zählen konnte, und ihre Haare waren länger, aber das Gesicht war unverwechselbar. Der winzige Leberfleck unter ihrem linken Auge war auf beiden Bildern zu erkennen.

»Das ist dieselbe Person«, sagte ich und blickte hoch. »Die vermisste Frau aus dem Bericht ist die Kellnerin auf diesem Foto. Und ich wette, wenn wir genau hinsehen, stellen wir fest, dass jede der vermissten Personen ebenfalls in diesem Resort arbeitet.«

Breck schielte über Steeles Schulter, während der stirnrunzelnd die Bilder von den Pässen betrachtete. Ridge, Carson und Leo gingen die Fotos der vermissten Personen durch. Aber Danny starrte mich direkt an. Eine winzige Falte bildete sich zwischen seinen Brauen.

»Aber wie?«

»Weiß nicht«, sagte ich. »Sieht für mich wie Menschenhandel aus.«

»Also, was werden wir tun?«, fragte er ernst und besorgt.

Es war seltsam, dass sich Danny in diesem Haufen von Kommando-Typen – Vier-Meter-Steele, Leitender-Mistkerl-vom-Dienst Leo, Mann-der-tausend-Gesichter Carson – an mich wandte, den Technikfreak, der ihm täglich auf die Nerven ging. Seltsam, aber irgendwie auch süß.

Meine Lippen zuckten kaum merklich. »Wir werden sie finden und nach Hause bringen.«

Danny nickte knapp, eine Mischung aus Zustimmung und Überzeugung, dass wir es schaffen würden. Total süß und aufrichtig. Wirklich, ein Typ, der so viel durchgemacht hatte wie Danny, sollte nicht in der Lage sein, so unschuldig und niedlich rüberzukommen, aber es war so. Irgendwie fühlte ich mich dadurch besser.

Ich blätterte die Dokumente durch, die ich noch in der Hand hielt. Es waren weitere Bilder aus dem Resort, einschließlich einer Nahaufnahme des Namens und des Logos, die ich nutzen würde, um sämtliche möglichen und unmöglichen Daten über diesen Ort zu sammeln. Aber dann entdeckte ich ein Bild von Tala, auf dem sie schwanger war und lächelnd den Arm um einen Mann schlang. Der Mann hatte ein Kleinkind auf dem Arm, das so glücklich aussah wie seine Eltern.

Tala hatte eine Familie. Und ihr Sohn hatte das Lächeln seiner Mutter.

Und in dem Moment erinnerte ich mich ganz genau daran, warum ich hier war, warum ich mich von einem toten Mann dazu hatte »erpressen« lassen, John Harlan zu Fall zu bringen, und warum ich seitdem in diesem Haus geblieben war. Ein misanthroper Hacker, der Vermögen umverteilte, konnte nicht viel ausrichten, aber jetzt war ich mehr als das. Ich war Teil eines Teams.

Manchmal mussten selbst die guten Jungs mit schmutzigen Mitteln kämpfen. Manchmal musste man ein wenig betrügen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Na, dann mal los.

KAPITEL 2

DANNY

Wesley umklammerte das Foto der vermissten Frau und ihrer Familie so fest, dass seine Fingerspitzen weiß wurden. Ich wusste, wie er sich fühlte. Wir hatten im Kurs für Humangeografie über Menschenhandel gesprochen, aber theoretisch etwas darüber zu lernen, war etwas ganz anderes, als es aus nächster Nähe zu erfahren.

Wie beim Anschaffengehen. Manche Dinge waren in der Theorie besser als in der Praxis.

Viele kleine Kinder werden gefragt, was sie später mal werden wollen. Meine Eltern hatten mich nie gefragt. Mein Weg war seit meiner Geburt durchgeplant gewesen. Wahrscheinlich schon vor meiner Geburt.

Nicht, dass ich eine Antwort gehabt hätte. Ich interessierte mich nicht wirklich leidenschaftlich für eine bestimmte Sache. Wenn ich groß war, wollte ich glücklich sein. Ich wollte das Leben anderer Menschen irgendwie besser machen. Einen Brunnen bauen, eine Schule eröffnen, ein Kätzchen retten, ich weiß nicht. Eins war sicher, ich würde nicht in die Politik gehen. Niemals. Wenn ich nie wieder einen Fuß nach D. C. setzte, würde ich ein glücklicher Mann sein.

In einem Monat würde ich zwanzig Jahre alt werden. Laut dem Plan meiner Eltern hätte ich im zweiten Studienjahr am christlichen Wheaton College in Illinois sein müssen. Mit einundzwanzig hätte ich einen Abschluss in BWL gehabt, in der Firma angefangen, in der mein Vater arbeitete, wäre die Karriereleiter nach oben geklettert, hätte die Tochter irgendeines Vizepräsidenten geheiratet, zwei wunderschöne Kinder mit ihr bekommen und in einem Haus gelebt, das keine zehn Kilometer von dem meiner Eltern entfernt lag.

Leider hatte ich mit siebzehn gelernt, dass mein Schwulsein den Vertrag, den ich noch vor der Geburt unterschrieben hatte, null und nichtig machte. Dazu gehörten auch Kost und Logis, die ich für bedingungslos gehalten hatte. Die Klausel musste ich wohl überlesen haben.

Wer braucht schon die Business School? Ich hatte schon gelernt, wie Verträge funktionieren.

Anstatt also an dem College zu studieren, auf das wir uns geeinigt hatten, weil es christlich genug war, um meine Eltern glücklich zu machen, und weit genug von ihnen weg, um mich glücklich zu machen, war ich hier.

Und mit »hier« meine ich: am Pool einer Villa an der Küste Floridas, umgeben von einer Art »Suicide Squad« aus ehemaligen bösen Jungs, während mir eine großartige, verrückte Frau unaufhörlich Cocktails und mehr Essen brachte, als ich in einem Monat zu mir nehmen konnte. Es war nicht schlecht.

Vor ein paar Monaten war ich obdachlos gewesen, verprügelt worden und hatte meinen Hintern an verheiratete Männer verkauft, die älter waren als mein Vater. Ich muss sagen, das hier war viel besser. Genug im Selbstmitleid gewälzt. Scheiß auf meine Eltern. Sie waren die Vergangenheit, und ich konzentrierte mich viel lieber auf das Hier und Jetzt und den erschreckend brillanten Mann vor mir.

Wesley Bond. Ein rothaariges Computergenie. Manchmal sah er mich an, als wäre ich eine besonders interessante Insektenart, aber gelegentlich auch, als wollte er mich auf die nächste flache Oberfläche werfen. Aber immerhin redete er mit mir, als wäre ich ein echter Mensch. Alle anderen schienen mich wie einen nicht ganz so gescheiten kleinen Bruder oder ein Maskottchen zu behandeln; selbst Breck, der wusste, was ich auf der Straße durchgemacht hatte.

Ich war nicht dumm, das wusste ich, nur behütet. Da ich in einer weißen Obere-Mittelklasse-Gegend in der Mitte des Landes aufgewachsen war, war ich nicht gerade einer Vielfalt an Menschen oder Erfahrungen ausgesetzt gewesen.

Obwohl mich alle abtaten, glaubte Miranda Bosley, dass ich eine Aufgabe in diesem Team hatte. Ich wusste nicht genau, welche Fähigkeiten ich ihrer Meinung nach einbringen konnte, aber mir war es wichtiger, dass sie stolz auf mich war, als dass die anderen über mich lachten. Ich nahm all meinen Mut zusammen und stand auf. Es war Zeit, mir die Kreditkarte zu verdienen, die sie mir letztens zugesteckt hatte.

Ich ging zu Wesley und war mir sehr bewusst, dass sich alle Blicke auf die winzige Badehose richteten, die kaum meinen Hintern bedeckte. Vielleicht legte ich besonderen Schwung in meine Hüften, und vielleicht hatte ich während meiner Selbstfindung einen kleinen Hang zum Exhibitionismus in mir entdeckt. Es störte mich nicht, dass mich Männer anstarrten, als würden sie mich verschlingen wollen.

»Darf ich die Fotos sehen?«, fragte ich und streckte Wesley die Hand entgegen.

»Du tropfst drauf«, beschwerte er sich und riss die Fotos weg.

Ich verdrehte lautstark die Augen, eine Fähigkeit, die ich vor ein paar Jahren von meiner kleinen Schwester gelernt hatte. Niemand verdreht so beeindruckend die Augen wie ein Mädchen im Teenageralter. »Bitte. Ich bin nicht mal nass. Willst du mal anfassen?«

Seine Nasenflügel blähten sich. Oh ja, er wollte mich anfassen. Innerlich führte ich einen Freudentanz auf, während ich äußerlich so cool tat, dass es mehr als überzeugend wirkte. Aalglatt und ungerührt.

»Warum bist du überhaupt noch hier?«, fragte Wesley und rollte nervös den Rand des Umschlags ein. »Solltest du nicht nach Hause gehen? Niemand erpresst dich. Wir haben sowieso schon alles gesehen.«

Arschloch. Zum Glück wusste ich, wie ich ihn auf die Palme bringen konnte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn so herablassend wie möglich. »Miranda hat es dir nicht gesagt? Ich bin das neueste Mitglied bei euch fröhlichen Gesellen. Der Will Scarlet zu deinem Robin Hood.«

»Wohl eher Maid Marian!«, rief Breck von Steeles Schoß aus. Ich glaube, langsam verschmolzen sie wirklich zu einer Person. »Du bist definitiv Little John«, sagte er zu Steele.

»Wenn jemand Robin Hood ist, dann Shook«, fügte Steele hinzu. »Der gute Kerl, dem irgendwie Unrecht widerfahren ist und der nun ein kriminelles Leben führt, um die Verfehlungen der herrschenden Klasse wiedergutzumachen.«

»Was hast du getan, dass du mit uns nachsitzen musst, Shook?«, fragte Wesley.

»Bin bei Rot über die Straße gegangen«, sagte Leo, ohne von seinem E-Reader aufzusehen.

Es war ein weiterer heißer, sonniger Tag, und trotzdem trug Leo eine Khakihose und ein Poloshirt. Einmal ein FBI-Mann, immer ein FBI-Mann. Damals in D. C. hatten Breck und ich das »Rate, wo sie arbeiten«-Spiel gespielt. Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden waren immer ein Kinderspiel gewesen. Es war egal, ob sie für den Secret Service, das FBI, die DEA, die NSA oder sonst irgendwen arbeiteten. Man konnte Männer und Frauen gleichermaßen schon auf einen Kilometer Entfernung erkennen.

Die CIA war schwieriger. Diese Mistkerle waren alle wirklich raffiniert, außer im Bett. Als würden sie versuchen, mich mit ihren streng geheimen Informationen zu beeindrucken. Ich hätte Spion werden sollen. Nichts wirkt so gut wie ein Orgasmus und ein paar Komplimente, wenn du einen Typen dazu bringen willst, dir eine Menge Geschichten zu erzählen, die er wahrscheinlich besser für sich behalten sollte.

»Du bleibst also wirklich?«, fragte Ridge.

»Sieht so aus.«

Er nickte leicht. Bei ihm war das so gut wie ein Freundschaftsarmband. Er und Breck waren zwar identisch, was das Aussehen betraf, aber Ridge war zurückhaltender als sein überschwänglicher Bruder.

Typisches Beispiel: Brecks enthusiastische Reaktion. Er sprang von seinem Freund runter, rannte zu mir und warf sich auf mich, sodass ich beinahe zu Boden ging. Ich erwiderte seine Umarmung, so fest ich konnte.

»Mann, ich hab mir solche Sorgen gemacht«, flüsterte er mir ins Ohr und rieb über meinen Rücken.

»Ich mir auch«, sagte ich mit belegter Stimme. »Hatte irgendwie Angst.« Er war der Einzige, dem ich das jemals verraten würde. Er hatte mich mehr als einmal im Arm gehalten, wenn ich geweint hatte. Breck war weitaus besser als ich damit klargekommen, ein Escort zu sein. Ihn hatte das Anschaffen nicht gestört; er hatte mir gestanden, dass ein Teil von ihm es genoss.

Für ihn war es eine vorübergehende Sache gewesen, ein Mittel, um Ridge das Geld zurückzuzahlen, das der ihm fürs College gegeben hatte. Breck hatte es stattdessen seiner drogensüchtigen Mutter gegeben. (Nicht der klügste Schachzug.) Für mich war es zu einer Art Lebensstil geworden, so fühlte es sich jedenfalls an. Nicht, dass ich viele Möglichkeiten gehabt hatte. Ich hatte nicht mal einen Highschoolabschluss.