Edition HoLinWan

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7. Auflage 2017

© 2017 Eugen Pletsch

Alle Rechte beim Autor

Kontakt: www.eugenpletsch.de

Umschlagillustration von Klaus Holitzka, www.holitzka.de

Mit fünf Schwarzweißzeichnungen des Autors, bearbeitet von Ludwig Pletsch.

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt.

ISBN 978-3-7448-6323-0

Wir praktizieren den Weg, und das heißt, wir üben, die Begierde loszulassen. Erst dann kann Sport auch mehr werden als einfach nur Sport, nämlich Weg-Übung, Weg-Praxis.

Fumon S. Nakagawa

(aus: »ZEN, weil wir Menschen sind«. Theseus, 1997)

Inhalt

Zum Geleit I

Als Lektorin, die mit Eugen Pletsch bereits mehrere Bücher erkämpft hat, war es mir eine Freude, die aktualisierte Bearbeitung des »Weg der weißen Kugel« begleiten zu dürfen.

Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, in der ich den »Weg« das erste Mal gelesen habe. Ich war Anfänger, und um meine Golfsucht zu befriedigen, surfte ich durchs Internet, immer auf der Suche nach Golf. Wie ein Schwamm nahm ich jeden Sinn und Unsinn in mich auf, solange er nur Golf betraf. Irgendwann entdeckte ich Eugen Pletsch und den »Weg der weißen Kugel«.

Schon nach wenigen Seiten wusste ich, dass ich genau dieses Buch gesucht hatte. Für Techniktipps hatte ich meinen Trainer, aber mir fehlte jemand, der mir etwas über das echte Golfleben erzählen konnte. Der wusste, was mich antrieb, bei Minusgraden auf der Driving Range zu stehen, und wie es war, schweißgebadet aufzuwachen, weil der Schläger im Traum beim Schlagen ständig in der Mitte abknickt. Im »Weg« las ich von Begriffen, die ich noch nie gehört hatte und von seltsamen Gestalten und Erlebnissen und von all den Ängsten, Hoffnungen, Fragen und verrückten Gedanken, die man sich in Gegenwart anderer Golfer nie auszusprechen traut.

»Der Weg der weißen Kugel« ist ein ehrliches Buch und es wurde von jemandem geschrieben, der zwar gutes Golf spielt, aber keins vom anderen Stern. Nicht alles, was man liest, ist auch genau so passiert, aber es könnte irgendwo passiert sein – und sei es im Fiebertraum eines Golfers, der zu viel Sonne abbekommen hat. Für mich ist der »Weg« außerdem ein liebevolles Buch, auch wenn der Autor das, so wie ich ihn kenne, weit von sich weisen wird.

Selbst wenn Eugen Pletsch seine Begegnungen auf dem Golfplatz mit bissigem Humor kommentiert, ist dabei immer ein Augenzwinkern zu spüren und seine Bereitschaft, jeden zu begleiten, der seinen eigenen Weg der weißen Kugel zu entdecken sucht. Viel Spaß!

Susanne Landskron

Zum Geleit II

Ich könnte Ihnen mal kurz erzählen, wie das bei mir war. Golf ist ja schon etwas gewesen, was weitab von meinen durchaus nicht wenigen privaten und beruflichen Interessen angesiedelt zu sein schien. Zufällig kannte ich aber Eugen Pletsch, der mich und meine Frau eines regnerischen Freitagmorgens auf eine grüne Wiese lockte. Abenteuerliche Versprechungen müssen es gewesen sein, uns zur Arbeitszeit auf eine Driving Range zu bringen.

Interessant war, dass Eugen Pletsch uns nicht überreden wollte, »das Richtige« zu tun, sondern durchschien, dass er uns an etwas teilhaben lassen wollte, was ihm sehr viel bedeutete. Nun wissen manche von Ihnen, was eine Driving Range ist – im Buch ist es ganz gut beschrieben – ein langweiliger Acker zum Bälle dreschen. Aber: Luft, Weite, Ruhe und kein Mensch zu sehen (freitags, Regen). Eine erste Ahnung von vielen schönen gemeinsamen Abenteuern. Endlich ein Grund, spazieren zu gehen. So hat es uns kalt erwischt. Ärger und Hochgefühl, Verzweiflung und erhebende Situationen von Selbstdisziplin, bezaubernde Sonnenuntergänge nebst einigen Abenteuern auf schottischen Sumpfwiesen und »heiligen Äckern« folgten.

Auch Sie könnte dieses Buch kalt erwischen, denn der Autor lässt Sie teilhaben an allem, was er zum Thema erworben hat: Sach- und Platzkenntnis, Erfahrungen mit vielen Menschen auf vielen Runden, Branchengeplauder.

Und er lässt Sie auch teilhaben an dem, was er sozusagen »von vorher« bewahrte: seine didaktischen Fähigkeiten, Witz, Abstand, Humor und Sarkasmus. Bei einem so ernsten Thema ist das ein kleines Wunder. Er vollbringt es mit der Leichtigkeit des Weitgereisten und interdisziplinär Vielinteressierten. Sind Sie auch vielseitig interessiert? Denn man los.

Michel Meyer, Maler und Illustrator aus Weinheim.

Vom Wesen des Golfspiels

Golf ist ein Zielspiel. Der Golfball wird mit einem Schläger zu einem Ziel geschlagen. Dabei fliegt der Ball nicht immer so, wie er sollte. Dennoch locken ätherische Glücksgefühle, da selbst dem Anfänger bisweilen Zauberschläge gelingen. Golfspieler darf sich jedoch erst der nennen, der die Wiederholbarkeit eines Schlages in die gewünschte Richtung mehrfach unter Beweis gestellt hat.

Anfangs versuchen die Adepten des Golfweges den komplexen motorischen Ablauf des Golfschwungs zu verinnerlichen. In dieser Zeit fliegt der Ball selten und in der Regel nicht zur gewünschten Stelle hin. Aber bereits ein Zufallstreffer genügt, und die Seele jubelt in stolzer Herrlichkeit. Leider ist der Ritt auf dem schäumenden Wellenkamm des Glücks meist nur von kurzer Dauer. Bereits der nächste Schlag katapultiert den Spieler unerbittlich in einen Abgrund der Verzweiflung. Deshalb meinen nicht nur Philosophen, Golf erziehe zur Demut.

Mit der Zeit synchronisieren sich die jeweiligen Schwungfehler zu einer Art Golfschwung. Gelingt es schließlich, den Ball häufiger zu treffen, melden sich prompt die wirren Stimmen des Geistes, und das Spiel wird zu einer Frage der Nervenkraft. Spätestens dann reift die Erkenntnis, dass Golf »zwischen den Ohren« gespielt wird.

Wer auch diese Hürden nimmt, begreift schließlich, dass Golf ein Strategiespiel ist. Es gilt, den Finten der Golfplatzarchitekten mit Mut, Glück und Geschick auszuweichen, um die 18 Bahnen auf dem großen, grünen Freilandschachbrett mit möglichst wenigen Zügen zu meistern. Vielfältige Unwägbarkeiten der Natur sorgen für zusätzliche Spannung. Die Chance des Scheiterns ist entsprechend groß, sich zu ärgern noch größer. Wer dennoch bereit ist, »den Ball zu spielen, wie er liegt«, bekommt eine Ahnung dessen, was die alten Schotten den »Spirit of the Game« nannten.

Golf erfordert Konzentration, jedoch keine verkrampften Egomanen. Eine von Respekt geprägte Wahrnehmung der Mitspieler, der Etikette sowie das Schnuppern der »Blumen am Wegesrand« sind essenzielle Bestandteile des Spiels. Wem die Golfgötter einen perfekten Treffer gewähren, der erfährt höchste Wonnen. Doch nur selten ist uns mehr als ein solcher Schlag pro Runde vergönnt. Auch tausendfach geübte Schläge werden immer wieder misslingen. Dann ist das Ergebnis zu akzeptieren. Mit dem Scheitern zu wachsen, daran geht kein Weg vorbei, wenn er weiter gehen soll.

Golf braucht klare Gedanken und Entscheidungen. Die innere Unruhe des Spielers besänftigt sich im Ritual des »Ballansprechens«, das für Fortgeschrittene zum stillen Präzisionshandwerk wird: Rechts der Wald, links das Wasser, vor uns die Bahn. Wie liegt der Ball? Von welcher Stelle lässt sich das Grün optimal anspielen? Mit welchem Schlag, mit welchem Eisen und wohin genau?

Der Spieler nimmt den Stand ein, greift den Schläger und richtet sich auf das Ziel aus. Alle äußeren Einflüsse sind jetzt ausgeschaltet, Wenn und Aber vergessen. Aus der Ruhe fließt der Schwung, fliegt der Ball. In einer flüssigen Bewegung »geschieht« der Schlag und manchmal ist es der richtige.

Golf »passiert«, wenn unser Wünschen und Wollen verebbt. Wer sich zurücknimmt und seinem Schwung vertraut, kann zulassen. Daraus erwächst echtes Selbstvertrauen und indem wir lernen, unserem Selbst zu vertrauen, entstehen in uns die richtigen Fragen des wahren Lebens: Wer bin ich, warum stehe ich hier und was ist mein Ziel?

Wird ein Schlag ganz im JETZT gespielt, wird das Golfspiel ein Torweg zur Erfahrung des Seins. Sind wir da angekommen, erfahren wir sein wahres Wesen. Dann ist das Fairway unser Weg, das Grün unser Ziel und Golf kein Mythos mehr, sondern ein Zielspiel an der frischen Luft, welches der Bewegung dient und die Entspannung fördert.

Über dieses Buch

Es war Ende der 1980er Jahre, als mir der Maler Michel Meyer riet, einen humorvollen Ratgeber über meine Erfahrungen beim Golfspiel zu schreiben. Dazu sollte es aber erst mal nicht kommen, bis ich 1995 an Borreliose erkrankte und in einer Klinik mit dem Schreiben begann.

Ein selbst verlegtes Traktat von fragwürdiger Qualität entstand, in dem ich den Golfsport in Deutschland durch meine dicke Brille und aus der Perspektive eines (damals) clubfreien Golfers beschrieb.

Die ersten Auflagen verbreiteten sich durch Flüsterpropaganda und Internet und mit der Zeit fanden sich einige Tausend kichernde Leser, denen solche Golfgeschichten noch nicht untergekommen waren.

»Der Weg der weißen Kugel« ist seitdem einem ähnlich dynamischen Prozess unterworfen, wie meine eigene Entwicklung als Golfer. Immer wieder veränderte und erweiterte ich den Text. 2005 entschloss sich der KOSMOS-Verlag, den »Weg« für mehr als 10 Jahre in sein Golf-Programm aufzunehmen.

Mittlerweile sind wir beide, das Buch und ich, in die Jahre gekommen. Manches hat sich im deutschen Golfsport drastisch verändert, zum Guten wie zum Schlechten. Deshalb habe ich den »Weg« da aktualisiert, wo es mir nötig erschien, und da erweitert, wo ich hoffe, klüger geworden zu sein.

Mein Buch richtet sich an Golfanfänger, aber auch fortgeschrittene Spieler, die einen anderen Zugang zu diesem Spiel suchen. Einige meiner Episoden mögen etwas wunderlich, skurril oder überzogen klingen, aber wer den »Weg« bereits weiter vorangeschritten ist, weiß, dass meine surrealen Skizzen von der deutschen Golf-Realität häufig noch übertroffen werden.

Im Laufe der Jahre habe ich Zuschriften von Lesern erhalten, die behaupten, der »Weg« habe ihnen eine »andere Perspektive« zum Golfspiel eröffnet. Meine satirischen Geschichten hätten ihnen geholfen, ihr eigenes Spiel aus humorvoller Distanz zu betrachten. Genau das ist meine Botschaft: Humor und die Fähigkeit, sich selbst zu betrachten (und nicht zu ernst zu nehmen), sind von elementarer Bedeutung, um am Golfspiel dauerhafte Freude zu haben.

Wer den »Golf-Weg« geht, wird früher oder später erkennen, dass sich das Spiel nicht beherrschen lässt. In diesem Sinn bleibt der Golfer ewig ein Anfänger. Manche Leute sagen, Golf wäre gar kein »Sport«, sondern eine Methode der Bewusstseins- und Charakterbildung. Das ist insofern richtig, als das Golfspiel auf einem Kodex basiert, nach dem ein Spieler sich bisweilen selbst Strafschläge notiert, wenn er meint, gegen eine der Golfregeln verstoßen zu haben. Diese Ehrenhaftigkeit als Grundprinzip des Spiels wird »Spirit of the Game« genannt. Leider ist dieser »Geist des Golfspiels« flüchtig geworden, gerät immer mehr in Vergessenheit oder hat sich mancherorts in einen Poltergeist verwandelt, was mit der Entwicklung des Golfsports zusammenhängt. Gerade weil der Golfsport in stetigem Wandel begriffen ist, sollten wir uns immer wieder auf die geistigen Grundlagen dieses Spiels besinnen. Auch dazu möchte ich mit diesem Buch beitragen.

Golf ist mein »Weg« geworden, meine Übung, mein Tao, und ich hoffe, dass dieses Buch auch Ihren Golf-Weg bereichern wird.

Eugen Pletsch

Für wen dieses Buch geeignet ist

Anfänger

Sie sind an Golf interessiert, wollen die Sache mal ausprobieren, ein paar Bälle schlagen und sehen, ob es Spaß macht? Ihre Frage: Was muss ich tun, was brauche ich und was kostet es? Ihre Motivation: Bewegung an der frischen Luft, Harmonie mit der Natur, etwas gegen den Infarkt und für den Körper tun. Na dann: Herzlich willkommen im Tal des Todes!

Fortgeschrittene

Die Inkubationszeit ist rum, der Virus ist ausgebrochen. Ein gewisses Ballgefühl und Ihre autodidaktischen Fähigkeiten werden Sie, in Verbindung mit diesem preiswerten Buch, in Kürze zum strahlenden Netto-Sieger des Monatsbechers in Ihrem Heimatclub machen. Mentale Einstellung ist alles!

Golftechniker

Wer nach etlichen Golfstunden, Golf-Videos, Golf-Büchern, Trainings-Camps, Schwunggedanken und Golftipps paralysiert von der Selbstanalyse mit seinem Latein am Ende ist, darf hoffen, in diesem Buch Trost zu finden. Von ein paar Grundlagen mal abgesehen werde ich Sie nicht mit Golftechnik verwirren.

Damen

Endlich ein Golfbuch für Sie! Nirgends wird näher auf die speziell femininen Aspekte des Golfsports eingegangen, zum Beispiel der Griff mit langen Fingernägeln. Auch in diesem Buch nicht. Dafür ist der Autor ein braun gebrannter, kerniger, gut aussehender Macho, von dem es sich zu träumen lohnt und er wird Ihnen ein paar Tricks verraten, die Ihre Wangen erröten lassen.

Kenner

verschenken dieses nette Büchlein (»hab’s noch nicht gelesen, soll aber ganz lustig sein…«) gerne an gewisse störrische Clubfunktionäre, um mit »dieser üblen Ansammlung von vollkommen unqualifizierten Ratschlägen, bösen Vorurteilen, Halbwahrheiten und abstrusen Ideen« einen längst überfälligen Generationenwechsel im Vorstand via Herzkasper zu beschleunigen.

Golfgegner,

die bisher mangels Fachkenntnis zurückstecken mussten, finden hier die passende Munition. Dieses Buch bringt alle Informationen, die man braucht, um Golfer ausgiebig zu ärgern. Sie werden dabei viel Spaß haben, zumindest, bis Sie selbst mit dem Golfen anfangen.

Auch an die Jugend ist gedacht

Zwar werdet ihr mit diesem Buch nichts anfangen können, denn es ist ein Buch. Aber als Geschenk an die Scheintoten zu Hause auf der Terrasse könntet ihr Eindruck schinden, euch beliebt machen und vielleicht könnt ihr den Alten, wenn sie beim Schmökern gute Laune bekommen, sogar ein paar Kröten aus der Tasche ziehen.

Suchende

Wenn Sie auf dem Weg zu sich selbst sind, werden auf Ihrem »Golf-Weg« jede Menge Ego-Vasen zu Bruch gehen, denn der Golf-Weg ist unerbittlich, unbestechlich, kalt, einsam und finster wie die Höhle eines Eremiten im Himalaya. Golf ist ein Retreat, ein Rückzug aus dem realen Leben, wobei das Entstehen von gutem Karma nicht garantiert werden kann. Garantiert wird aber, dass Golf Ihre inneren Dissonanzen schonungslos offenbart und Ihnen häufiger die Tränen kommen werden als in irgendeiner Selbsterfahrungsgruppe.

Golffunktionäre

Durch die Lektüre dieses Werkes dürfte selbst Ihnen klar werden, warum der gemeine Volks-Golfer murrt. Aber die werden sich irgendwann auch wieder beruhigen. Also Augen zu und durch!

Was Sie ziemlich früh erfahren sollten

Der Golfsport mit seiner jahrhundertealten Tradition der Verzweiflung und Verbitterung wird Sie auf unbekannte Bewusstseinsebenen und in neue Dimensionen der Selbsterfahrung katapultieren. Bald begegnen Ihnen die klassischen Fragen der Golfphilosophie: Wer bin ich, warum bin ich, warum bin ich hier und warum tue ich mir das an?

Um es klar zu sagen: Golf macht süchtig, dann eine Weile blöd, dann depressiv. Sie könnten schnell pleite sein. Ihr Weib wird Sie verlassen, oder, schlimmer noch, auch mit dem Golfen anfangen. In fünf Jahren werden Sie Ihre Schläger einem Idioten andrehen, der – mit ähnlich glasigen Augen wie Sie damals – am Putting-Grün herumlungert. Sie werden aufwachen und feststellen, dass Sie ein Wrack sind. Die Leber geschwollen, die Hände zitternd. Dieses Buch ist also auch ein Dokument der Warnung!

Gleich dem Tantra-Yoga, das auch nicht ohne einen eingeweihten Lehrer praktiziert werden sollte, ist der Golfsport gut geeignet, bei Ihnen schnell alle Sicherungen durchbrennen zu lassen. Unter dem Aspekt der Suchtgefahr ist Heroin, im Vergleich mit Golf, geradezu als niedlich zu bezeichnen. Herpes ist weniger ansteckend. Herpes werden Sie – im Gegensatz zum Golfvirus – auch schneller wieder los.

Die lang anhaltende Rezession, die Konzeptionslosigkeit der Bundesregierung, die Massenpleiten und die Führungsschwäche in den großen Konzernen haben nur eine Ursache: Golf!

Nicht die Steigerung des Bruttosozialproduktes beschäftigt die Gedanken unserer Wirtschaftskapitäne, sondern allein die Steigerung ihrer Nettopunkte beim Monatsbecher. In Großunternehmen liegen ganze Abteilungen brach.

Komplette Managementetagen sind verschwunden. Wegrationalisiert? Nein! Sanierer haben Probleme, ihre Schäfchen überhaupt zu finden, um sie entlassen zu können. Mittlerweile sehen Sie Kündigungsschreiben an den Spind-Türen der Umkleidekabinen hängen, dem einzigen Ort, an dem unsere Kandidaten zuverlässig auftauchen. Wenn ein Match ansteht, wird gelogen, betrogen und geschoben, damit man aus dem Büro weg kann. Arbeit bleibt liegen, Projekte werden vertagt. Die angeblichen Milliardengeschäfte, die auf den Golfplätzen abgewickelt werden, stellen sich bei näherer Betrachtung als Milliardenpleiten heraus. Headhunter jagen nicht mehr ihren Klienten hinterher, sondern nur noch dem eigenen Handicap. Steuerberater beraten sie nur noch in der Frage, wie sie aus dem Rough rauskommen. Lenker und Denker dieses Landes schlurfen mit irrem Blick durch heimatliche Senken auf der Suche nach Kurtchen, ihrem Lieblingsball.

Warum das alles? Ein Psychologe, der sich bei seinen Recherchen zu diesem Thema dem Reiz des Spiels auch nicht entziehen konnte und längst aufgehört hat zu publizieren, schrieb in einer Golfzeitschrift: »Der Trieb des Menschen, mit der Keule vor die Höhle zu gehen, um Beute zu machen, wird in der modernen Technologiegesellschaft nur im Golfsport befriedigt.«

Ich selbst sehe mehr den Aspekt der inneren Suche als treibende Kraft, sich in diesem Spiel zu verlieren. Birgt der Golfschwung das Geheimnis der Vollkommenheit und der Einheit mit dem Universum? Zeigen die vollendeten Kreise in den Tuschezeichnungen der Zen-Meister den Golfschwung? Die Lust an der Schwertkunst der Samurai treibt viele Japaner – einem atavistischen Reflex ihrer Gene folgend – an die Abschläge. Tatsächlich bestätigen aufmerksame Beobachter, dass der japanische Schwung eher dem Versuch gleicht, seinen Gegner zu enthaupten.

Der esoterische Aspekt dieser Kunst, einen Ball von A nach B zu schlagen, wird an manchen Stellen dieses Buches zwischen den Zeilen durchschimmern, obgleich ich nachhaltig davor gewarnt wurde, Junggolfer mit irgendeinem mystischen Schwachsinn zu verwirren. Erst wenn die Cracks verzweifelt mit den Zähnen knirschen, weil ihr Rundumschlag nach dem Ball irgendwo zwischen Jenseits und out of bounds endet, werden auch sie die Golfgöttin anrufen und jeden Hinweis, wie der Dämon zu bannen sei, gierig aufsaugen. Ich werde mich bemühen, Ihnen die Wahrheit über das zu sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie sich dem Weg der weißen Kugel (»Tao Yin«) widmen möchten, wie das Spiel unter Golfmystikern bezeichnet wird. Da ich zu den Füßen der Meister saß (und dabei oft getreten wurde), erlaube ich mir, Ihnen einige persönliche Erfahrungen weiterzugeben. Meine eigenen intensiv erlebten Höhen und Tiefen sowie mein allgemein bekannter Zustand geistiger Zerrüttung geben mir die Legitimation, mich zum Thema Golf unter besonderer Berücksichtigung der Aspekte Sinn und Unsinn zu äußern.

Mein golferisches Nervenkostüm ist derart hoch entwickelt und fein gesponnen, dass ich, wie es P. G. Wodehouse nennen würde, zu den Rennpferden gehöre, die sich mitten im Rennen auf die Bahn setzen, um nachzudenken. Mein Nachdenken endet dann meist in einem herzzerreißenden Schluchzen.

Jeder, der mit mir bei einem Herrenmittwoch am ersten Tee stand, weiß, dass ich geradezu berufen bin, mich über Nervenschwäche, Erbrechen und Durchfall vor einem Turnier, Reizblase am Abschlag und Kreislaufschwäche mit Psycho-Black-out auszulassen.

Das Bemühen eines »ambitionierten Hobbygolfers«, wie ich mich bezeichnen würde, ein Golflehrbuch zu schreiben, käme dem wohlgemeinten Versuch eines »ambitionierten Hobbyhomöopathen« gleich, eine Herztransplantation durchzuführen! Aber gibt es etwas Schöneres im Golfsport, als einen unbedarften Anfänger zu verwirren? Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie in der Golfszene rumhängen und mitreden können, ohne sich zu blamieren.

Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, können Sie zwar immer noch kein Golf spielen, aber Sie haben eine solche Ahnung vom Thema, dass jeder den Eindruck bekommt, dass Sie mal auf Handicap 4 runter waren, bevor es Ihrer Firma wirklich schlecht ging oder Ihre Frau Ihnen die ultimative Frage gestellt hat.

Ich werde Sie mit einer gesunden Dosis Schwachsinn so auf dieses Spiel vorbereiten, dass Sie jedem Widerling Paroli bieten können.

PS: Viele Leser fragten mich nach der Lektüre, woher ich die Hintergründe in ihrem Club so gut kenne. Die Antwort ist einfach: Die Figuren, die ich in diesem Buch zu karikieren versuche, sind allgegenwärtige Realsatire und in jedem Club zu finden.

Die Schlammschlacht

An einem kalten Herbstnachmittag ziehen zwei dreckverschmierte Spukgestalten ihre Golfkarren über die nassen Fairways. Müde und verfroren erreichen sie das 18. Grün.

»Mein Ball liegt im Schlamm!« Dr. Hubertus Canditus Bercelmeyer hat eine rote Nase und einen mürrischen Gesichtsausdruck. Sein Gesicht spiegelt die Hoffnungslosigkeit allen Tuns im irdischen Jammertal seines Golfclubs Bauernburg wider.

Das kleine Handtuch an seiner Golfkarre, seine Hose und seinen teuren Designerpulli hat er sich eingesaut. Er nimmt den Ball auf und reibt ihn mit seinem Taschentuch ab. Dann wischt er sich noch einen Schlammspritzer vom Brillenglas. Mit etwas Glück könnte er seinen Chip tot an die Fahne legen. Er liegt all square mit seinem Kumpel, der gerade am Waldrand im Laub scharrt.

»Das gibt’s doch gar nicht«, murmelt sein Mitspieler, Herr Direktor Fahrenbach, immer wieder, »so was habe ich noch nicht erlebt.« Er kratzt mit seinem Wedge durch das nasse Herbstlaub und findet dabei zwei Bälle, die er mit einem dankbaren Blick zum Himmel einsteckt. Damit wäre er für heute in seiner persönlichen Verluststatistik nur noch drei down. Unspielbar im Unterholz schimmert sein Ball hervor.

»Grabendes Viechzeug …«, grummelt er seinem Partner zu und legt besser.

Bercelmeyer hat seine eigenen Sorgen. Seinen Chip an die Fahne hat er über das Grün in den Bunker getoppt. In diesem Bunker, designt von einem Golfplatzarchitekten, der das Trauma seiner Kindheit, nie im Dreck spielen zu dürfen, in klingende Münze umgesetzt hat, steht es sich ungemütlich.

Bercelmeyer lugt über die Kante. Der Sand ist nass. An manchen Stellen liegt Herbstlaub. Sein Ball hat sich im Fußabdruck eines Elefanten vergraben, in dem auch noch Regenwasser steht. »Zeitweiliges Wasser«, grunzt er Richtung Fahrenbach und schubst den Ball mit dem Wedge auf eine leicht erhöhte Fläche. Von hier will er ihn leicht Richtung Fahne nippen.

»Langsam durchschwingen«, ist sein letzter Gedanke, bevor er den Ball mit der Kante des Eisens in die Bunkerwand donnert.

»Mussekoppunnelasse!«, ruft ihm Fahrenbach zu. Nach einem weiteren verzweifelten Schlag kratzt Bercelmeyer mit dem Wedge nach dem Ball und wirft ihn dann in leichtem Bogen aus dem Bunker heraus Richtung Fahne. Unsicher schaut er zum Waldrand.

Fahrenbach hat nach zwei Hackern in den Waldboden auf dem Fairway gedroppt. Resigniert und von seinem Spiel verbittert zählt er sich im Geiste einen Strafschlag hinzu. Diese 18. Bahn, ein Par 4, liegt ihm nicht. Allein der Gedanke, dass man von der Clubhausterrasse so gut zu sehen ist, ist ihm unangenehm. Unwirsch schwingt er sein Wedge nach dem Ball. Er wird den Caddymeister bitten müssen, sein Golfbesteck zu reinigen. Dafür wird er keine Zeit mehr haben. Es dämmert bald. Der Ball steigt. Er landet auf einem kleinen Hügel am Grün nahe der Fahne.

»Scheißkälte, nie wieder! Nächstes Jahr bin ich um die Zeit in Florida!«

Der Ball rollt Richtung Fahne. Er rollt näher zur Fahne. Er rollt ins Loch!

»Waaaahnsinn!«, schreit er. »Hasdudasgeseeehn?!«

Bercelmeyer hat den Schlag sehr wohl gesehen.

»Schöner Schwung!«

Innerlich kocht er.

»Ich bin auch noch ganz gut rausgekommen. Schwere Lage. Fußabdruck mit Wasser.«

»Da kannst du doch besser legen, zeitweiliges Wasser!«

»Ich nicht, ich brauche die Herausforderung.«

Er puttet seinen Ball ins Loch. Fahrenbach kriegt sich kaum ein: »So eine blöde Lage und jetzt noch Par gespielt. Du bist eins down. Morgen bekommst du Revanche. Komm, ich gebe einen aus!«

Glücklich und besoffen von seinem Götterschlag schüttelt er seinem Kumpel die Hand: »Darf mich bedanken.«

»War ein schönes Spiel, vielen Dank.«

Eben noch heulende, hustende Kinder, die in Laub und Dreck kratzen, sich selbst belügen und ihren Freund betrügen, werden die Herren wieder zu Gentlemen, die mit knirschenden Spikes am Clubhaus ankommen.

In ihren eleganten Limousinen blinken rote Lämpchen, die wichtige Gespräche signalisieren. Sollen sie doch blinken. So ein Jahrhundertschlag muss begossen werden.

Sie standen hinter dem Grün und haben das alles beobachtet. Die ganze Sequenz dauerte nur Minuten und vom Dialog haben Sie kein Wort verstanden. Die fremde Sprache, die seltsamen Gerätschaften und merkwürdigen Rituale weisen auf eine geheimnisvolle Sekte hin. Irgendwo in der Ferne klingt eine warnende Stimme in Ihrem Verstand, doch im Grunde Ihres Herzens wissen Sie bereits, was Sie wollen: Golf spielen, mit kratzenden Spikes am Tresen sitzen und erzählen, wie Sie bei Wind und Wetter nach einer Schlammschlacht auf dem 18. Grün mit einem 20-Meter-Chip zum Par eingelocht haben.

Also gut. Sie haben sich wirklich entschlossen, alles zu tun, um dabei zu sein? Dann lesen Sie, wie Versicherungsvertreter Heiner Markowsky die Sache angegangen ist:

Zuerst begann er, ein paar blöde Schulden umzuschichten, um an die liquiden Mittel zu kommen, die er als Golfer fraglos brauchen würde. Im Internet verhökerte er alles, was er nicht essen konnte. Dann begann er, seine Geschäfte neu zu organisieren und führte ein perfektes Zeitplan-System ein. Bald galt er als Fachmann für Rationalisierung. Dick und dumm in seinem verqualmten Büro, stand er im Ruf, nichts delegieren zu können. Das änderte sich schnell. Zur Freude aller Innendienst-Damen begab sich der bisweilen stark transpirierende Markowsky immer häufiger in den Außendienst. Bald war er der König der Drückerkolonne.

Niemand wusste, wo Markowsky steckte, aber er war fleißig. Schon am Vormittag trieb er das scheue Reh, den Kunden, auf die Wiese, um ihm während einer vergnüglichen Golfpartie das Fell bis über die Ohren zu versichern. Den Nachmittag verbrachte er mit dem Training jener Schläge, die am Vormittag nicht so gut geklappt hatten. Dank seiner digitalen Helferlein konnte Markowsky emsigen Fleiß bis spät in die Abendstunden simulieren, was seinen Verkaufsleiter sehr beeindruckte. Auf diese Weise fand Heiner Markowsky die Zeit, die er zum Üben brauchte.

»Golf muss man üben!«, sagte er immer wieder. Er konsultierte mehrere Golflehrer, denn er hatte hohe Ansprüche: »Soll nicht so viel quatschen, der Junge«, sagte Heiner, »sondern auch mal ’ne satte Kugel schlagen, damit man sieht, wohin die Reise geht.« Da konnte er lange suchen, aber schließlich fand er einen wortkargen Schotten, mit dem er sich verstand. Bei dem blieb er. Die optimale Ausrüstung war sein nächstes Klassenziel und er kaufte sich die besten Schläger, die er für wenig Geld ergattern konnte. Abends im Hotel war keine Sauferei mehr angesagt, sondern er versuchte, den merkwürdigen Sprachschatz der Golfer zu büffeln. Schließlich wurde Heiner Markowsky ein ehrenwerter Golfer, der mittlerweile ein beachtliches Handicap von 25,7 spielt. Über den Wermutstropfen Scheidung konnte er sich dank seiner dreimaligen Auszeichnung zum Verkäufer des Monats hinwegtrösten. Tja, der Heiner weiß, wohin die Kugel rollt!

Worum es beim Golfspiel geht

Beim Golfspielen sind Sie höflich und gehen achtsam mit der Umwelt sowie der Gesundheit, Laune und Zeit Ihrer Mitspieler um. Wer sich mit anderen vergleichen will, kann dabei seine Schläge zählen.

Golf ist ein Zielspiel über neun oder 18 Spielbahnen verschiedener Länge. Sie und Ihre Mitspieler (Mitbewerber genannt und mit Ihnen maximal vier Personen) versuchen dabei, einen kleinen Ball von einer Abschlagsfläche (Tee genannt) über einen Rasen (Fairway genannt) zu einer kurz gemähten Fläche (Grün genannt) zu treiben, um den Ball dort in ein ca. zehn Zentimeter breites Loch einzulochen, das durch eine Fahne gekennzeichnet ist. Alles klar?

Sie dürfen bei diesem Spiel maximal 14 Schläger benutzen, die aus Metall, Holz oder Kunststoff sind. Die Schlagflächen haben verschiedene Winkel (Loft), sodass Sie – abgesehen von speziellen Schlägen – theoretisch mit dem gleichen, um Ihre Körperachse verlaufenden Schwung, den Ball auf verschieden hohe Flugbahnen schicken, um damit unterschiedliche Entfernungen zu erzielen. Der Spieler, der vom Abschlagen auf der ersten Bahn bis zum letzten Einlochen auf der 18. Bahn die wenigsten Schläge braucht, hat gewonnen.

Es handelt sich also um ein Geschicklichkeitsspiel mit Schläger und Ball, ähnlich wie Tischtennis, wo der Ball auch meist angeschnitten gespielt wird. Nur dass der Golfball, der viel schwerer ist als ein Tischtennisball, möglichst auf der Spielbahn zu einem Ziel hingeschlagen werden soll. Dabei landet er oft neben der gemähten Fläche im dichten, hohen Gras (Rough) und dann geht es, ähnlich wie beim Tischtennis, fröhlich hin und her. Die Abenteuer, die Sie auf Ihrem Weg durch die Wildnis bis zum 18. Loch erleben, dürfen Sie dann am 19. Loch – der Bar Ihres Clubhauses – jedem erzählen, der sich nicht schnell genug aus dem Staub macht.

Das klingt alles recht einfach, ist es aber nicht. Der Haken ist, dass man bei diesem Spiel selbst sein größter Gegner ist, und dann kommt erstens alles anders und zweitens als man denkt – und das wird immer so bleiben. Der unlösbare Konflikt zwischen Wollen und Können wird auch dem besten Spieler auf jeder Runde offenbar.

Wie kein anderes Spiel ist Golf mit einer unglaublichen Menge Regeln und endlosen Kommentaren zu den Regeln (Decisions) versehen, hat eine uralte Tradition, eine eigene Sprache und ein ganzer Industriezweig ernährt sich davon. Unter den Freizeitsportarten hat der Golfsport hierzulande den größten Zuwachs und eine Menge dubiose Randerscheinungen lauern darauf, hier die schnelle Mark zu machen. Deshalb schreibe ich Golfbücher und keine Tischtennisbücher, obwohl ich Tischtennis viel besser spielen kann.

Gute Golfer

Die Faszination dieses Spiels besteht unter anderem darin, dass gute Golfer den Ball nicht nur fast punktgenau in exakten Distanzen schlagen können, sondern auch angeschnitten mit Rechts- oder Linksdrall um eine hundert Meter entfernte Baumgruppe lenken können. Dabei trifft das Schlägerblatt mit über hundert Stundenkilometern Schlägerkopfgeschwindigkeit auf eine runde Balloberfläche von ein paar Quadratmillimetern. Gute Golfer spielen den Ball mit wenigen Schlägen so nah an die Fahne, dass der Ball möglichst mit einem Schlag (Putt) eingelocht werden kann.

Auf diesem spielerischen Niveau ist Golf ein Strategiespiel, das dem Schach ähnlich ist. Die Kunst des Spielers misst sich mit den Bosheiten fieser Golfplatzarchitekten (Sandbunker, Wasser, Aus-Grenzen), abgesehen von all den Unwägbarkeiten, die die Natur ins Spiel bringt. Gute Golfer spielen zielorientiert! Sie überlegen, welche Landezone den Ball in eine gute Lage für den übernächsten Schlag bringt und dann, mit welcher Schlagtechnik sie die Flugbahn erzielen, um diese Landezone zu erreichen.

Weniger gute Golfer

Wer auf dem Platz nicht über seine Landezone, sondern über seinen Schwung, seine Beziehung, einen Finanzamtsbescheid oder das neue Auto nachsinnt, und das tun die meisten Golfer, wird den Ball, egal ob mit Rechts- oder Linksdrall, mitten in die Baumgruppe hineinschlagen und sich wünschen, den Ball einmal gerade spielen zu können. Weniger gute Golfer erreichen, egal mit welchem Schläger, nur zwei verschiedene Ballfluglängen: zu lang oder zu kurz. Der Ball bleibt selten in der Nähe der Fahne liegen, und wenn doch, dann rollt er immer noch nicht mit einem Putt ins Loch. Je mehr sich ein weniger guter Golfer bemüht, umso weniger klappt es. Also kann es nur am Material liegen und ein guter Golfer verkauft dem weniger guten Golfer aus Mitleid seine alten Schläger. Der weniger gute Golfer spielt jetzt noch weniger gut, weil die Schläger einfach nicht zu ihm passen, und der gute Golfer spielt noch besser, weil seine neuen Schläger von einem Clubfitter angepasst wurden. Also ist der weniger gute Golfer stinkesauer und erzählt an der Bar, er wäre beim Schlägerkauf gelinkt worden. Die anderen Golfer nehmen Partei und dann wird der Vorstand, der von nichts weiß, abgewählt. So entsteht Clubleben.

Auf diesem spielerischen Niveau ist Golf ein Glücksspiel, das dem russischen Roulette ähnelt. Mit seinem spielerischen Unvermögen verzweifelt der Spieler an der Fehlplanung eines überbezahlten Platzarchitekten, abgesehen von all den Unwägbarkeiten, die ein unterbezahlter Greenkeeper ins Spiel bringt.

Der Spieler überlegt nicht, welche Anspielposition günstig für den nächsten Schlag wäre, sondern haut drauf. Er ist froh, wenn das Ding überhaupt fliegt und er den Ball wiederfindet. Dieses Niveau wird im Tibetanischen Totenbuch als das »Dritte Bardo« bezeichnet, in dem die menschliche Seele höllenähnliche Bewusstseinszustände erlebt.

Hacker

Wenden wir uns jetzt jenen Zeitgenossen zu, die nach Ansicht ihrer Kinder längst scheintot sind, sich aber immer noch zieren, mit dem Golfen anzufangen, weil Golf doch angeblich ein Sport für ältere Menschen ist. Weil sie im Tennisclub keinen Gesprächspartner mehr finden, überlegen sie nun, auch mit dem Golfen anzufangen. Nachdem sie die Platzreife erlangt haben, nehmen sie noch zwei Golfstunden und glauben dann ernsthaft, das Spiel zu beherrschen. Das rächt sich. Zuerst zahlen sie für die Protzsucht der Golfplatzplaner ein hübsches Sümmchen Aufnahmegebühr (es musste ja ein Edel-Club sein). Dann werden sie die nächsten Jahre im Rough verzweifeln, um letztendlich im Clubhaus mit jenen Leuten zu verblöden, die sie schon im Tennisverein nicht ausstehen konnten. Auf diesem Niveau erscheint Golf als interessantes Hobby mit Frischluftcharakter und gesellschaftlicher Komponente.

»Elitesport« Golf

Wie es zu meiner Zeit zuging, wenn man Golf spielen wollte, erzählt die Geschichte von Susanne und Klaus. Sie wurden weder in einen Golfclub hineingeboren, noch sind sie besonders reich oder elitär. Eines Tages fuhren sie in den Urlaub …

Im Hotel wurde ein Schnupperkurs für Golfeinsteiger angeboten. Susanne und Klaus, die hin und wieder Tennis spielten, buchten einfach aus Jux ein paar Golfstunden. Die weite Landschaft, die klare Luft, die herrliche Golfanlage – es waren wunderschöne Tage und die Zeit verflog. Beide hatten an dem Spiel ihren Spaß gefunden, denn bei diesem Sport kommt es, wie Susanne schnell merkte, viel mehr aufs Gefühl und weniger auf Kraft an.

Die Nachmittage verbrachten sie auf dem Putting-Grün, vergaßen dabei die Zeit und erlebten unvergessliche Sonnenuntergänge, während sie versuchten, den Ball an die Fahne zu chippen. Morgens standen sie früh auf, um gleich nach dem Frühstück auf die Driving Range zu verschwinden. Es war eine tolle Woche.

Zurück in Deutschland wollten sie weitermachen, aber der renommierte Club in ihrer Nähe ließ Clubfreie Golfer nicht auf die Anlage. Die arrogant wirkende Sekretärin wurde schnell ungeduldig. Nein, der Golflehrer darf nur Mitgliedern Stunden erteilen. Die Benutzung der Driving Range ist nur Gästen mit Clubausweis gestattet. Gäste dürfen den Platz nur spielen, wenn sie einen Clubausweis mit Handicap vorweisen können. Ein Handicap können sie nur in vorgabewirksamen Turnieren erspielen. Diese Turniere sind nur für Mitglieder eines Golfclubs offen, der dem Deutschen Golf Verband angeschlossen ist.

»Anscheinend wollen die uns nicht«, dachten Susanne und Klaus. Sie übten Putten auf dem Wohnzimmerteppich, chippten im Garten herum. Am Wochenende stellten sie sich auf eine abgelegene Wiese und schlugen sich mit ihren zwei Flohmarkt-Golfschlägern einen Ball zu. Das klappte bald überraschend gut. Abends lasen sie Golfzeitungen und büffelten Regeln und Etikette.

Im nächsten Sommer fuhren sie nach England, wo sie auf einem öffentlichen Golfplatz ihre erste Runde zusammen mit einem netten Engländer spielten, der ihnen noch ein paar Dinge über das Verhalten auf dem Platz erklärte, wofür sie ihn nach der Runde zu einem Bier einluden.

Sie schauten sich auch Schlösser und Gärten an, aber fast täglich besuchten sie einen öffentlichen Golfplatz (Public Course) und erfuhren die Gastfreundschaft der englischen Golfer. Da ging es nicht so affig zu wie zu Hause. Es wurde nicht so ein Getue gemacht, niemand fragte nach einem Clubausweis mit eingetragenem Handicap. Es war einfach ein Sport, dem viele nachgingen, und das Gesellschaftliche schien erst an zweiter Stelle kommen; »Etikette« und spielerisches Können waren viel wichtiger.

Zugegeben: Sie sahen wunderschöne alte Golfplätze, die ihre Herzen schon bei fernem Anblick höher schlagen ließen. Die meisten dieser Clubs hatten eine Kleiderordnung im Clubhaus und andere strenge Reglements. Auf diesen schweren Plätzen wurde zudem eine Vorgabe von 18 erwartet, ohne die es kaum Sinn hatte, überhaupt zu starten. Es war den beiden klar, dass es eine Menge Schweiß brauchen würde, um eines Tages auch auf solchen Plätzen antreten zu können. Aber es gab genug andere Plätze, auf denen sie üben konnten.

Wieder zu Hause stand ihr Entschluss fest: Sie wollten einem Golfclub beitreten. Ein Zeitungsartikel, der über eine Golfplatzeröffnung nur eine »halbe Autostunde entfernt« berichtete, klang verführerisch und sie vereinbarten einen Termin mit dem Manager des Golfclubs. Die halbe Stunde entpuppte sich bei normalem Verkehr als eine ganze Stunde. An der Clubeinfahrt standen Fahnen, es schien eine imposante Anlage zu sein. Teure Limousinen parkten vor dem Clubhaus, das in dieser ländlichen Umgebung üppig, fast protzig wirkte. Noch waren die Fahrwege verschlammt; Baufahrzeuge standen herum und vieles schien noch nicht fertig zu sein. Auf der Driving Range standen ein paar Unverbesserliche im Nieselregen. Susanne und Klaus trödelten bis zum Termin auf der Anlage herum. Das Chipping-Grün sah aufregend aus.

Pünktlich traten sie ehrfürchtig in die luxuriöse Welt des neuen Clubhauses ein und ließen sich im Sekretariat die Aufnahmebedingungen für neue Mitglieder geben. Der Manager, ein gut aussehender junger Mann, erklärte ihnen bei einer Tasse Kaffee, wie günstig es wäre, jetzt einzusteigen, da Mitgliedschaften mit der Zeit unbezahlbar würden:

»Leider haben wir nicht die Fläche in Deutschland, die wir für die nötigen Golfplätze brauchen.«

Der Clubmanager führte weiter aus: »Natürlich müssen wir aus den vielen Interessenten auswählen. Das Klima in einem Club muss stimmen, verstehen Sie?«

Das junge Paar verstand nicht.

»Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?«, wollte Klaus wissen.

»Da gibt es gesellschaftliche Gesichtspunkte. Aber vorrangig ist für uns die Begeisterung für den Golfsport.«

Erleichtert atmeten die beiden auf. Sie erzählten von ihrer Schnupperwoche und ihrer bisherigen Entwicklung als Golfer. Der Clubmanager stand unter Druck. Nach zwei Jahren hatte der Club erst knapp hundert Mitglieder. Fünfhundert Mitglieder brauchte der Club bis zur Rentabilitätsschwelle. Die Eigner hatten ihm kürzlich Dampf gemacht. Eine Liste der Interessenten zum Auswählen. Schön wär’s.

Mittlerweile nahm er jeden, der die Kohle aufbrachte. Golfplatzplanung und Bau hatten sich über Jahre hingezogen. Das ursprüngliche Konzept stammte aus einer Zeit, als die Schwarzgelder noch locker saßen, neureiche Ex-Tennisspieler aus den Metropolen ungeduldig ihrem neuesten Zeitvertreib entgegenfieberten und bereit waren, dafür fast jeden Preis zu zahlen. Jetzt hatte sich die Lage geändert. Die Raubritter der Globalisierung überlegten sich dreimal, wo sie investierten. Die wohlhabenden Familien, die schon lange Golf spielen, waren in den Traditionsclubs untergebracht. Die Statusfreaks hockten lieber für Jahre auf der Warteliste einer Renommieradresse, als aufs Land zu den Nobodys eines »Möchtegern-Eliteclubs« zu fahren. Und der Mittelstand? Immer schärfere Bedingungen im Wettbewerb und Zeitmangel zerfraßen die Abendrunde. Wer hatte noch den Nerv, sich im Berufsverkehr ins Auto zu setzen, um dann irgendwann in der Pampa anzukommen?

Die aufwendige Anlage, das protzige Clubhaus, die fetten Provisionen, Geschenke und Spesen sowie die unglaublichen Honorare hatten 70 Hektar Kuhweide zu einem Goldacker gemacht, dessen laufende Kosten im Jahr Unsummen verschlangen. Der neue Manager mit seinen Beziehungen zum Business galt als Garant für den finanziellen Erfolg des Clubs, dann folgte eine Wirtschaftskrise der nächsten und die Betreibergesellschaft bekam das große Flattern.