Menschen zum Trost in Ängsten und Nöten gewidmet.

© 2020: Johannes Doerr, Elke Eberts, Klaus Haarlammert.

Fotografien: Manuel Eberts, Mannheim.

Alle Rechte insbesondere an Bildern sind vorbehalten. Zur Nutzung für den privaten Eigenbedarf ist nichts einzuwenden. Darüber hinaus gehende Weiterverwendung und Reproduktion sind nicht gestattet.

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt.

ISBN 978-3-7519-0986-0

Inhalt

Vorworte

Von Klaus Haarlammert

Kunst bezeichnet Werke, die auf Können, Wahrnehmung und einem kreativen Schaffensprozess gründen. Seit dem Impressionismus wird wahrer Kunst zugeschrieben, sich aus dem Inneren des Künstlers aus einem kontinuierlichen, intuitiven Erkenntnisprozess heraus zu entwickeln. Das ist es, was auch den Kreuzweg Jesu von Josef Doerr ausmacht. Dass sich der Künstler selbst und unverstellt hineingegeben hat. Es gibt so viel in dem Kunstwerk zu entdecken, dass es mehr noch als dieses eine Buch füllen könnte.

In der aktuellen Zeit ist christliche Kunst wie ein Relikt aus alten Tagen. Kirche und Staat haben heute ihre dominante Rolle als Auftraggeber und Finanzier von Kunst eingebüßt. Kunst ist in die Abhängigkeit des Kapitalismus der westlichen Welt gelangt. So hat sich in den letzten Jahrzehnten ein internationaler Kunstmarkt herausgebildet, in dem Kunst Luxusgut gehandelt wird. Dabei werden – nach den Spielregeln monopolistischer Marktmächte – horrende Kaufpreise gehandelt. Die Frage nach Gott und christlicher Religion ist dort naturgemäß weniger ein Thema. In diese finanzielle Abhängigkeit hat sich Josef Doerr – in der ihm eigenen unabhängigen Art und dem ihm eigenen Freiheitswillen – nie begeben (können), so dass der Ehrlichkeit und Unabhängigkeit seiner Kunst keiner Zensur unterlegen ist. Und er legte den Finger dabei mitten in die Wunde. Ist das nicht ureigene Aufgabe des Künstlers? Das alleine macht den Kreuzweg von Josef Doerr als Zeitzeugnis christlicher Kunst im 20. Jahrhundert authentisch und für heutige Betrachter so interessant.

Der Kreuzweg Jesu von Josef Doerr ist künstlerisch besonders. Josef Doerr hatte die Idee für das Werk lange bevor er sich an das Werk machte schon mit sich herumgetragen – mit Respekt vor seinem Umfang. Es ist in erster Linie gemalte Musik, gemalte Theologie und gemalter Lebenstrost. So hat es dann auch seine Betrachter bei Ausstellungen in Rottenburg, Stuttgart, Mannheim und Speyer geradezu in seinen Bann gezogen. Seine Bekanntheit ist jedoch bis heute, nunmehr zwanzig Jahre nach dem Tod des Künstlers, nur einem engen Kennerkreis vor allem in seinem Speyrer Umkreis vorbehalten. Ja, der Kreuzweg ist nichts, was man sich „mal so“ ins Wohnzimmer hängt oder im Vorbeigehen erschließt. Die Bilder Doerrs sind nicht zuerst unter dem Aspekt zu betrachten, gefallen sie mir oder nicht. Die Frage ist vielmehr: Wie wirken sie? Wie wirken sie „innen“? Worauf machen sie aufmerksam? Kurz: Das Werk will mit dem Herzen erschlossen sein, um seine Tiefe auszubreiten. Verkopftes Wissen schließt andere Wahrnehmungskanäle. Daher ist es nötig, sich für das Werk viel Zeit zu lassen. Zeit, um es sich Schritt-für-Schritt, Bild-für-Bild anzueignen. Sich als Betrachter unvoreingenommen auf jedes einzelne Bild in seiner emotionalen Wirkung einzulassen. Zu fühlen, vielleicht mitzuleiden und zu hoffen. Die Bilder sind Auseinandersetzungen mit Gefühlen und Gedanken, die nur ein Mensch empfinden kann, der im Hier und Jetzt mit sich verbunden ist. Der sein Menschsein erlebt. In den dunklen und den hellen Seiten. Im empathischen Menschen werden die – vom Künstler selbst existenziell durchlittenen – Gefühle in den Bildern diesen Wiederhall erzeugen. Kunst, die derart Emotionen ausdrückt, bewirkt eine Geschichte mit dem Betrachter im Hier und Jetzt. Das ist keine leichte Kost bei Josef Doerr. Nichts Gefälliges. Es sind die unbequemen existenziellen Fragen des Menschseins, die ins Schwingen kommen und Trost suchen.

Die Bildanalyse hilft dann, die eigenen Sinneswahrnehmungen durch Hintergrundwissen zu vertiefen und noch mehr vom künstlerischen Ausdruck zu entdecken. Auch wenn dem Werk intuitiv am besten nachgespürt werden kann, ist es zugleich ein anspruchsvolles und hochintellektuelles Werk. Um das Werk in seiner Gänze und Eigenart zu erfassen, sind Einordnungen wie z. B. in die klassische Kreuzwegtradition und Hinweise auf Passionsvertonungen nötig, um die Besonderheiten, die Musik, im Kreuzweg Jesu von Josef Doerr zu erkennen. Im Kreuzweg kondensiert sich dann eine Wahrnehmung der Welt mit ihren Schattenseiten einerseits und optimistisches Zutrauen in die innere Wandlung des Menschen im Licht der Liebe und im Glauben an den Gottessohn andererseits. Die Frustration, die der schreckliche Tod Jesu zunächst auf seine Jüngerinnen und Jünger ausgeübt hat, und die Begeisterung einige Tage später nach der Begegnung mit dem Auferweckten, mit der sie sich selbstbewusst zum Gekreuzigten bekennen und dafür auch den Tod nicht mehr scheuen – beides sind Grenzerfahrungen. Diese überwältigende Gotteserfahrung der ersten Christen scheint überall im Kreuzweg durchzuscheinen: In Christus offenbart sich, wie Gott ist, aber auch, was wahres Menschsein bedeutet. Jesus ist der Christus, der Erlöser und Retter. Nur er zeigt den Menschen den wahren Weg zum Heil.

Der Kreuzweg Jesu von Josef Doerr ist sein größtes Spät- und Hauptwerk. Sein handwerkliches Können im Kontext der zeitgenössischen Kunst ist beachtlich. Dabei ist er sich und seinem evolutionären künstlichen Entwicklungsprozess immer treu geblieben. Doch im Kreuzweg schließt er sich selbst wie wohl in keinem anderen seiner Werke auf. Die Fülle seiner früheren Werke wirkt angesichts der Größe dieses Werkes wie eine konsequente emsige Vorarbeit auf diese künstlerische Explosion hin. Viele Menschen haben gesagt, keinen Zugang zu den Werken Doerrs zu finden. Der Kreuzweg und das darin bezeugte tiefe christliche Bekenntnis in einer von „dunklen“ Kräften beherrschten Welt mag im Rückblick ein Schlüssel zu dem bisher fehlenden Verständnispuzzle sein. Das Spätwerk Doerrs trägt die Botschaft in sich, den Weg der Liebe durch die eigene Not hindurch zu finden. Dies will durch Erfahrungen erschlossen werden. Nicht selten braucht das ein ganzes Menschenleben. Bei Doerr mündete dies über die Musik und Malerei in einen – durch personal erfahrene Selbst- und Gotterkenntnis – gereiften tiefen christlichen Glauben.

Klaus Haarlammert

Von Elke Eberts

Ich kannte Josef Doerr nicht. Und doch durfte ich ihm begegnen. Und in sein Gesicht schauen. Zuerst waren es nur diese so warmen und zugleich so finsteren Bilder des Kreuzweges, die mir Klaus Haarlammert zeigte. Mit Haarlammerts Schatz an theologischem und kunsthistorischem Wissen bekam ich einen ersten Zugang zum Werk. Mitten im Kreuzweg, auf dem Tuch der Veronika, nimmt der Künstler mit dem Betrachter in einem Selbstbildnis Blickkontakt auf. Fast so wie sich seit der Renaissance die großen Meister mit einem Selbstbildnis in ihren Werken ein Denkmal setzten und damit zeigten, dass sie nicht nur bloße Handwerker sind. So also blickte ich direkt in sein lebendiges Angesicht. Und es machte mich neugierig. Wer war dieser Künstler? Die Bilder und der Mensch Josef Doerr sprachen etwas in meiner Seele an und ließen mich nicht mehr los. Klaus Haarlammert vermittelte mir den Kontakt zum Sohn von Josef Doerr, Johannes Doerr, und wir machten uns alsbald gemeinsam auf die weitere Spurensuche in der Vergangenheit.

Die herzliche Familie Doerr und ihre liebevolle Rede über den Vater, lassen auf Josef Doerr zurückschließen. Ich bin sehr berührt davon, dass ich von Johannes Doerr soviel Vertrauen geschenkt und die persönlichen Tagebücher von Josef Doerr zum Lesen bekommen habe. Und mir wird bei dem Tagebuch der letzten zehn Jahre schnell klar: er hat das kunstvoll eingebundene dicke Buch, das er von seinem Sohn geschenkt bekam, Blatt für Blatt für seinen Sohn Johannes gefüllt. Er hat gewusst, dass es das Tagebuch sein wird, das mit leeren Seiten enden wird, weil die Zeit kommt, in die Ewigkeit einzugehen. Dankbar war er, wie ihn seine Frau und seine Kinder – mehr als alle anderen – immer in seinem Künstlersein unterstützt hatten. Auf vielen hundert Seiten schreibt Josef Doerr weise Texte und gibt tiefen Einblick in sich. Er blickt immer wieder zurück, nimmt einerseits klare Position ein bzw. sieht in vielem klar und hadert auch mit sich und anderen andererseits. So sind seine Worte Lebensweisheit – auf jeder Seite fesselnd wie das Leben selbst. Aber eines ist kurios: Bei aller Reflexion in seinen Tagebüchern - nicht eines seiner Bilder fasst er selbst in Worte und nicht ein Stück Musik. Sobald ihm die Dinge unter die Haut gehen, wechselt er die Zugangs- und Ausdrucksebene. Seine emotionale transzendente Erfahrung drückte er umso mehr in seiner Kunst aus.

Der Kreuzweg von Josef Doerr ist eine Bach´sche Johannes-Passion in Farben und Materialien. Das allein enthält eine Fülle an Verweisen zur Meditation des Werkes.

Doch darum herum gibt es in dem Kunstwerk noch so viel Spannendes zu entdecken. Und deshalb haben wir gemeinsam beschlossen – Klaus Haarlammert, Johannes Doerr und ich – Karfreitag nach dem 20. Todestages des Künstlers diesem Menschen und seinem einzigartigen Lebenswerk zu Ehren ein ganzes Buch zu widmen. Was z.B. haben Vincent van Gogh, russische Ikonen, Johann Sebastian Bach mit diesem Kreuzweg zu tun? Wie passt das Ganze in die zeitgenössische Malerei? Was haben der Kreuzweg und der zweite Weltkrieg gemein? Warum ist in keiner Publikation über Josef Doerr bislang die Rede davon, dass er ein zutiefst christlicher Mensch und Maler und ein aktiver Kirchenmusiker war? Im Kreuzweg spiegelt sich die ganze Persönlichkeit des Malers und ein Stück Zeitgeschichte, das es lohnt, in einem Buch zur Erinnerung zu bewahren.

Auch wenn ich ihm also nie persönlich begegnet bin, so habe ich Josef Doerr doch kennenlernen und tiefe Verbundenheit zu ihm entwickelt. Ich danke Johannes Doerr und Klaus Haarlammert für all die Impulse und für die Inspiration auf dieser inneren Entdeckungsreise durch das Leid zur Liebe. Sie prägen dieses Buches und finden gerade in unserer gegenwärtigen Corona-Krise eine hochaktuelle Entsprechung.

Elke Eberts

Der Kreuzweg von Josef Doerr.

Übersicht.

Ein erster Blick auf dieses Werk des Künstlers Josef Doerr macht eher ratlos. Was ist das? Irgendwie halten die Bilder fest, drängen zu langem Schauen. Jedes einzelne will erkundet werden. Die schlichte Antwort „Das ist der Kreuzweg von Josef Doerr" klärt nicht wirklich. Man muss weiter fragen – nach dem Kreuzweg, nach Josef Doerr, nach dem eigenen Kern. Und da beginnt ein Abenteuer. Ein geistliches. Ein künstlerisches. Und ein zutiefst persönliches.

Auf den ersten Blick haben die Bilder eine beeindruckende Farbigkeit. Doch wirken sie dabei bedrückend in ihrer schwarzen Rahmung. Josef Doerr wollte nie gefällige Bilder malen. Das konnte er auch, zweifellos. Tat es aber immer weniger und am Ende fast gar nicht mehr. Seine Bilder sollten nicht „schönmalen“, sondern rütteln. Sie sind im doppelten Sinne des Wortes Zumutungen, sich mit den hässlichen Seiten in der Welt und des eigenen Menschseins auseinanderzusetzen. Mit der Schuld. Mit der menschlichen Not, wenn sie am existenziellsten ist. Die Bilder rufen ins Nachdenken, fordern Aneignung, die durchaus schmerzlich sein kann. Allen voran der umfassende Kreuzweg, an dem er von 1987 bis 1989 arbeitete. So wie die Kreuzwegstationen durch Josef Doerr selbst hindurch gegangen sind in dem Lebens- und Schaffensprozess, dem er sich unermüdlich aussetzte, fordern und involvieren sie auch den Betrachter. Ruhelos wälzte Josef Doerr existenzielle Fragen. Was ist der Sinn? Was ist Wahrheit? Wozu das alles und wohin dann? Dahinter stand immer wieder sein Trauma des Zweiten Weltkrieges. Unsägliches qualvolles Leid ringsum, brutale Gewalt, grauenvoller Schmerz, unerträgliches Sterben. Zerstörung – nicht nur äußerlich, sondern vor allem des Menschen an Leib und Seele. Nicht endende Schweißstunden, Todesängste, die Menschen unverarbeitet noch über Generationen im Unterbewusstsein verfolgen. Doerr suchte dafür einen Ausdruck, für das er keine Sprache hatte.

Keine leichte Kost – diese Installationen aus verschiedenen Materialien, Werkstücke mit herausragenden Nägeln. Jedes Werk ist für sich. Mal einfach gerahmt, mal ausufernd. Gerahmt auch durch Reflexion, Impulse und Meditation. Sie verschweigen nicht die Not in diesem Lebensweg. Sie stellen sich den offenen Wunden an Leib und Seele. Was Jesus im letzten Weg der Passion erlitten hat, ist unendlich grauenhaft. Die Passion Christi zeigt den Menschen etwas über deren menschliche Abgründe.

Menschliche Abgründe, wo die Herzen der Menschen verstockt sind. Die Bilder verstecken all das Leid nicht, schminken die Wunden nicht weg. Vertuschen nicht die Qual. Nein, Nägel über Nägel führen letztendlich in jedem der Bilder zur Kreuzigung, Jesus stirbt für die Abgründe des Menschen.

Doch ist dieser Kreuzweg Jesu zugleich auch von der göttlichen Sphäre durchziert: Die Nägel bleiben Nägel, aber ihre Köpfe reflektieren das Licht und glitzern wie Gold, Silber, Edelsteine. Sie tragen im tödlichen Annageln ans Kreuz schon den Sieg der Liebe und des Lebens. Wer mit dem Herzen wahrnimmt, wird in den Bildern dieses Andere erfühlen können: Eine große Harmonie trotz aller emotionaler Aufgeriebenheit, eine innere farbige Freudigkeit und Wärme, ein Getragensein in der Not. Mitten im Sterben scheint das Leben auf, mitten im Hass die Liebe, in Schuld, Leid und Schmerz die Hoffnung. Das ist Gotteserfahrung, die trägt, aus der tiefer Glaube erwächst. Zukunft, die entsteht über das Hier- und Menschsein hinaus. Das strahlen die Bilder des Kreuzwegs von Josef Doerr aus. Das macht ihre Düsterkeit ertragbar: Die Leuchtkraft, die Farbigkeit, eine farbige Hoffnungs-Freude. Die Rundungen der Formen, deren Kantenlosigkeit überall zur Vollendung hinführt, in der alles Unheil in Gänze heilen wird.

Ein reifes Spätwerk von Josef Doerr. Mehr als vierzig Jahre nach Kriegsende scheint er im Seelenfrieden die Not besehen zu haben, Trost annehmen zu können und Liebe in voller Farb- und Leuchtkraft weitergeben zu können. Alles in den 17 Bildern ist durchlebte Menschenerfahrung und Gotteserfahrung. Dies kommt intuitiv an und fordert ein Verhalten, eine emotionale Stellungnahme des Betrachters. Der Schlüssel zum Unbewussten dazu sind die Empfindungen.

Station 1: Der Judaskuss.

Judas, mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?

Lk 22,48

Zwei Figuren stehen sich ohne Distanz gegenüber, ihre Körper in wallenden Formen. In dunkleren, vorwiegend grün-blauen Farben die eine – wie es scheint mit hochrotem Kopf. Die andere wärmer und heller, in vor allem gelb-orange-roten Tönen. Farben und Formen drücken starke Emotionen aus, einer inneren Aufwallung der Gefühle gleich, die in dieser engen Begegnung liegen. Der Judaskuss.

Judas Iskariot, der Jünger, einer der zwölf Apostel, aus dem engsten Kreis der Vertrauten Jesu, liefert Jesus durch diesen Kuss aus. Alle vier Evangelisten berichten von der Rolle Judas‘ am Anfang der Leidensgeschichte Jesu und nennen ihn „Verräter“. Der Judaskuss findet sich bei den Synoptikern. Jesus fragt: „Judas, mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?" (Lukas 22,48). Dies prägte das Bild von Judas, der so für alle Zeiten den Ruch des Untreuen, Abtrünnigen, Bösen trägt. Judas wurde der Inbegriff des Verräters. Noch schlimmer: Judas und Jude werden schon früh gleichgesetzt und mit einem fatalen Urteil über die Juden als „Gottesmörder“ mit verheerenden Folgen verknüpft. Das initiale Motiv Judas bleibt spekulativ. Dass Geld tatsächlich oft genug Motiv von Untreue und Verrat, Streit und Hass wird, ist nicht zu verneinen. Übersehen wird bei der Beurteilung des Judas, dass auch andere Jünger, von denen man es besser erwartete, auf dem letzten Weg Jesu keine gute Figur abgaben. Alle waren auf ihre Weise in existenzieller Not und handelten aus dieser heraus. Im Garten Getsemane am Ölberg hat sich Jesus in der Nacht vor seinem Tod mit seinen Jüngern zurückgezogen, in Todesangst gebetet und dabei seine Jünger dreimal ermahnt: Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! (Matthäus 26,41). Dreimal sind sie eingeschlafen. Petrus, der Fels, verleugnet Jesus schließlich drei Mal. Ein Verweis: Der Mensch hat nicht die Kraft, alle Erprobungen des Lebens alleine zu bewältigen. Er ist auf Gottes Hilfe angewiesen.

Jesus nimmt die menschlichen Unzulänglichkeiten in Liebe an. Auch die Schuld Judas. Anliegen Jesu ist die Liebe. In der Einsamkeit der Wüste wurde Jesus selbst in Versuchungen geführt und hat diesen, erfüllt vom Heiligen Geist, widerstanden (Lukas 4,1-2). Er kennt Versuchung aus eigenem Erleben und kann mit den Menschen mitfühlen. Obwohl er weiß, was Judas tun wird, schließt er ihn nicht aus von den Zwölf und vom Letzten Abendmahl: Jesus bleibt in der Liebe. Er leidet schmerzhaft die Verwirrungen Judas mit, hat Verständnis auch für die Bedürfnisse, die sein Jünger in diesem Moment erfüllen möchte. Er wäscht auch Judas die Füße. In dieser Liebe ist bereits alles vergeben und so hätte Judas – als er seine Schuld erkennt und das Geschehen nicht mehr aufhalten kann – noch immer umkehren können. Doch Judas verschwindet nach dem Kuss in die Dunkelheit der Nacht hinein, findet nicht ins Licht des wahrhaftigen Glaubens, des Gottvertrauens.

Den Ereignissen zugestimmt hat Jesus schon vorher im Garten Getsemane. Er hat mit sich und Gott gerungen und sich frei entschieden, sich Gottes Willen zu unterstellen (Markus 14,32-41). So kehrte er zu seinen Jüngern zurück und sagt, dass die Stunde gekommen sei und er ausgeliefert werde. Er hat in die Auslieferung längst eingewilligt, sich dem Willen Gottes unbedingt ergeben. Es lohnt sich, auf die originäre Wortwahl zu schauen: Griechisch paradidomi bzw. lateinisch tradere ist besser mit übergeben/ überliefern übersetzt als mit „verraten“. Judas Auslieferung ist Teil in Gottes Heilsgeschichte. Jesus dreimalige Antwort „Ich bin es“ zu den Juden ist theologisches „Programm“ (Johannes 18,4-8).

Jesus und Judas werden innerlich angespannt und bewegt sein, als Judas zu Jesus hintritt. Beide treffen eine Entscheidung. Was wird sich Judas erhofft haben? Judas küsst Jesus, Jesus nimmt den Kuss an. Was muss in diesem Augenblick der Berührung in beiden vorgegangen sein? Der Kuss, dieser höchst intime Ausdruck der Nähe, der Verehrung und Liebe, des Vertrautseins, wird das Signal zur Auslieferung, und damit das große Initial des Leidens und Sterbens Jesu. So steht der Judaskuss am Anfang des Kreuzweges von Doerr, nicht das Gericht (Station 4). Der Judaskuss ist das Initial. Nach dem Farbkanon der russischen Ikonographie steht das blau-grüne Gewand für Judas und das rote Gewand für Jesus, der weißen Segmenten bereits vom Göttlichen gehalten wird. Die starke inneren Aufwühlung, die im Bild mit den wirbelnden Farben und Formen ausgedrückt ist, wird durch die weitere Gestaltung gesteigert: Zunächst weist die Oberflächenstruktur des Farbauftrages um die Figuren starke Bewegungslinien auf. Diese „tröpfeln“ erst außen im Rahmen aus. Weiterhin sind auf dem Rahmen um das Bild herum hunderte von Nägeln so angebracht, dass ihre Spitzen sichtbar sind und bedrohlich auf Judas und Jesus zeigen, wie es nur noch einmal beim Blutgesicht vorkommt (Station 9). Und auch die vielen angenagelten Dreiecks-Spitzen aus behauenem Blech auf dem Rahmen wie Zähne, weisen auf den inneren Schmerz des Kusses hin. Der Rahmen läuft unförmig aus und weist doch wie ein Pfeil himmelwärts. Die Form dieses Werkstücks gleicht einem Schild, das im Ansatz ein Kreuz darstellt, dessen beide Balken sich im Verborgenen in Judas und Jesus kreuzen. Etwa dort, wo ihrer beiden Herzen schlagen.

Station 2: Der Hahnenschrei.

Und Petrus erinnerte sich an das Wort, wie Jesus zu ihm gesagt hatte:
Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
Und als er daran dachte, weinte er.

Mk 14,66-72.

Sogleich springt einem dieser rote Kopf des Hahns mit dem starren Blick, seinem weit aufgerissenen Schnabel und der langen Zunge ins Auge. Er ist die Mitte des Bildes, nicht geometrisch, aber in der Wahrnehmung. Dieser Hahn kräht nicht nur, weil vor seinen Augen die Sonne, noch bläulich, gerade im Aufgehen begriffen ist. Vielmehr ist sein Gesicht wie vor Zorn puterrot angelaufen, wie wenn sich der Hahn die Seele aus dem Leib schreit. Der Hahnenschrei.

Der Hahn hat allen Grund dazu: Gerade hat Petrus, der oberste und erste der Apostel, den Jesus zum Felsen gemacht hatte, auf den er die Kirche bauen will, seinen Herrn drei Mal verleugnet. Dies wird in der Szene im rechten Viertel unten erzählt, die durch die Wolke des Morgengrauens um etwas 3 Uhr morgens vom schreienden Hahn getrennt ist: Um ein Feuer sitzen die Leute zusammen, Petrus steht dabei, und einer hinter ihm, ein schwarzer Schatten einer Magd, erkennt ihn als Jünger Jesu. Petrus aber verneint drei Mal, Jesus zu kennen. Das war ein so einschneidendes Ereignis für die ersten Christen und die frühe Kirche, dass alle vier Evangelien davon berichten. Der Fels war erheblich ins Wanken geraten. Als Jesus auf dem Weg zum Ölberg ankündigte, dass an ihm Anstoß genommen wird, hält Petrus dagegen: „Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!" Darauf sagte Jesus dessen Verleugnung voraus, und Petrus erwiderte: „Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen!" (Matthäus 26,30-35).