BERLIN – EIN REISEBUCH FÜR KINDER

Jeder Anfang ist wichtig. Ich sage dir, der Anfang ist das wichtigste. Ich meine den ersten Satz, die erste Geschichte, das erste Abenteuer. Denn: Wer das erste Abenteuer gut findet, will auch das zweite lesen. Und das will ich ja, dass du das ganze Buch liest. Nicht nur achteinhalb Zeilen plus ein Komma und ein Fliegendreck, welcher ein Punkt ist. Man sagt ja auch: Wie man die Sache anfängt, so gerät sie! Und das stimmt. Meistens. Also manchmal.

Ein guter Anfang ist zum Beispiel: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Da will man sofort wissen: Und wie ging es weiter? Was kam dann? Also es ging dann nicht so gut weiter, welches aber eine andre Geschichte oder ein anderes Buch ist.

Allerdings ist der Anfang schwer. Und das besonders Schwere ist, dass Berlin voll von guten Anfängen, also Geschichten ist!

Soll ich auf der ersten Seite den höchsten Turm der Welt in Berlin zusammenstürzen lassen? Welchen der erste Preußenkönig unbedingt haben wollte. Zum Angeben. Booiing! Krach Wuomm, Klack, klack, klick. Das Klackern waren keine fliegenden Untertassen, sondern die fliegenden Steine, die auf den Schlossplatz klackerten.

Vielleicht lasse ich das Gespensterschiff auf der Spree schwimmen? Man bedenke, dreieinhalb Meilen oder fünfundzwanzig Kilometer legte das Ungetüm an einem Tag zurück. Dabei war nur das Rad, das den Dampfer trieb, in der Mitte eingebaut. Unsichtbar, versteckt. Trotzdem, eine unheimliche Sache ist immer gut! Für einen Anfang.

Oder soll ich erzählen, wie das neue holländische Riesenschiff, auch des ersten Königs, von hunderten Soldaten durch die Havel gezogen und geschoben wurde? Fluchend. Und abends fielen sie, die Soldaten, auf die Knie und beteten: Lieber Vater Unser, schicke Regen, damit dieser Scheißkahn endlich schwimmen kann! Wir werden auch keine Hühner mehr klauen, höchsten bei allergrößter Hungerspein!

Vielleicht wären die 10.000 Federmäuse, die in den Katakomben der Zitadelle Spandaus umherflattern, passender? Mit anschließender Knüttelschlacht auf der Havel? Oder war es die Spree?

Die Sache mit der Stechbahn wäre auch brauchbar? Wie ein großer erster Zirkus, in dem sich die Reiter vom Pferd stachen, dass die Blechrüstungen nur so schepperten? Wobei es staubte, dass halb Berlin und Cölln nieste.

Nein, eine Klauerei muss an den Anfang! Dann blättert und liest jeder weiter, weil er wissen will, wer der gemeine Spitzbube ist. Allerdings müsste es eine große Sache sein, welche gestohlen wird! Nicht ein Huhn, das auf dem Markt zwei Pfennig kostet. Einmal wurde die Quadriga geklaut, ich meine die Siegesgöttin mit den kleinen Fledermausflügeln und den Rossen mit den breiten Hintern plus Wagen. Groß genug und sauschwer. Ich meine die Göttin, die auf dem Brandenburger Tor umhersiegt. Außerdem war der Gauner einer der Schönen und Reichen. Ein alleroberster Militär und sogar Kaiser als Langfinger, macht sich immer gut.

Halt! Ich hab` s! Auf meiner ersten Seite sprudelt die Sintflut. Säuft ganz Berlin weg. Oder auch nicht? Und es gab sogar einen toten Wagenknecht. Vielleicht. Als die Flut zu Ende war. Und jeder will wissen, ob die Sintflut so eine Abart vom Tsunami war und wo sie so plötzlich her kam und was aus Berlin wurde! Ob da irgendwo eine Arche angepaddelt kam? Mit Noah und der ganzen Tierbesatzung.

Ja, das ist der Anfang! Also:

Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene,

wenn de döst, valierst de se,

wieda kriegst de keene!

Inhaltsverzeichnis

DAS ERSTE ABENTEUER ERZÄHLT VON KÄMPFENDEN KRÄHEN, FEUERRÄDERN UND EINEM COOLEN STERNENTHEATER

Auf dem Schloss zu Cölln stand eine Sternwarte. Nicht allzu groß. Mehr ein Sternwärtchen. Aber immerhin, besser als gar nichts, kein Kinderspielkram. Mit verschiedenen blanken Rohren, Gläsern und Spiegeln, um in den Himmel zu gucken und ihn abzusuchen. Dort hockte der Markgraf Joachim I., Kurfürst zu Brandenburg, manche Nacht und bestarrte die Sterne. Wollte so in seine Zukunft sehen. Und klüger sein als diese. Glaubte auch im Mond düstere Vorzeichen zu entdecken und in den Nebelvorhängen, besonders morgens, Unglück verkündende Vorgänge wunderbarer Natur zu erkennen. Er flüsterte seinem Sterndeuter aufgeregt zu, dass er in den Lüften Krähen habe kämpfen sehen, auch seien etliche tot auf die Erde niedergefallen, zu dem sei vor Sonnenaufgang ein heller Stern in den Himmel gestiegen, der nachmals heruntergefallen. Und als Feuerrad über den Schlossplatz gerollt.

Der Sterndeuter schlug die Hände über den Kopf zusammen und wurde bleich im Gesicht, bleich wie drei Tage alter Schnee. Er beschwor Joachim, dass ein grausam Wetter würde ankommen, genannt die Sintflut, in welchem beide Städte Berlin und Cölln möchten untergehen! Aus, Ende und Amen!

Es war der 15. Juli 1525.

Der Kurfürst, seine Gemahlin, der ganze Hof wurden von höllischer Angst erfasst. Die Damen stopften hastig ihren Schmuck in Reisebeutel. Die Männer suchten die stärksten Pferde aus. Ließen einspannen. Und alle stierten krampfhaft in den Himmel. Aber der war klar, heiter. Erst gegen Mittag zog eine unerträgliche Schwüle auf. War das der Anfang der Sintflut? Sie blätterten schnell noch durch ihre Zauberbücher. Aber die gaben keine brauchbaren Hinweise. Bis ihnen auffiel, dass aus dem Himmel alles Blau verschwunden war. Totenblass und gelbfahl färbte er sich. Gleichzeitig fuderten sich am Horizont dunkle Wolken. Standen dort wie blaue, gefährliche Wettertürme. Da gab es kein Halten mehr! Die schon gepackten Kisten wurden auf die Wagen geworfen. Durch die Schlosstore ratterten Planwagen und Kutschen. Verließen die Stadt. Eilig. Eiligst. Kopf über Hals und umgekehrt auch. Der Hofstaat floh.

Der Hofschreiber schrieb: