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Nr. 3106

 

Das Trojanische Imperium

 

Ein einzigartiges Sternenreich – es entwickelt sich im Verborgenen

 

Uwe Anton

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. BJO BREISKOLL

2. Die Trojanischen Annalen

3. BJO BREISKOLL

4. Die Trojanischen Annalen

5. BJO BREISKOLL

6. Die Trojanischen Annalen

7. BJO BREISKOLL

8. Die Trojanischen Annalen

9. BJO BREISKOLL

10. Die Trojanischen Annalen

11. BJO BREISKOLL

12. Die Trojanischen Annalen

13. BJO BREISKOLL

14. Die Trojanischen Annalen

15. BJO BREISKOLL

Journal

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das 6. Jahrtausend nach Christus, genauer das Jahr 5658. Das entspricht dem Jahr 2071 NGZ nach der galaxisweit gültigen Zeitrechnung. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan die Menschheit zu den Sternen führte und sie seither durch ihre wechselvolle Geschichte begleitet. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschwunden ist.

Als die Liga Freier Galaktiker erfährt, dass in unmittelbarer galaktischer Nähe ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie mit der RAS TSCHUBAI das größte Fernraumschiff der Liga, um den Sachverhalt zu klären. Denn es heißt, von FENERIK gehe eine ungeheure Gefahr für die Milchstraße aus.

Perry Rhodan leitet als Allianz-Kommissar die Mission, die ihn bis in die Andromeda vorgelagerte Kleingalaxis Cassiopeia führt. Schon früh stößt er auf Hinweise, die das Gerücht bestätigen: FENERIK ist in Cassiopeia und dort auf unterschiedliche Weise höchst aktiv. Unterstützung ist dem Terraner daher hochwillkommen. Deshalb besucht er DAS TROJANISCHE IMPERIUM ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Terraner muss immer wieder kurz hinaus.

Harper LeCount – Der Trojaner bittet zum Gespräch.

Volascou Rosman – Der Historiomime erzählt aus trojanischer Vergangenheit.

Major Fracer Whooley – Ein terranischer Soldat bricht mit Traditionen und gründet den trojanischen Staat.

1.

BJO BREISKOLL

5. Juli 2071 NGZ

 

»Ortung!«, sagte Perry Rhodan angespannt.

Sofort bedauerte er seinen unfreundlichen Tonfall. Er war, wie man so sagte, mit dem falschen Fuß aufgestanden. Und der Tag war nicht gerade dadurch besser geworden, dass die Kabinenpositronik die Härte der Wellen in der Ultraschalldusche aus ungeklärten Gründen viel zu hoch eingestellt hatte. Von den außen verbrannten und innen noch aus halbrohem Teig bestehenden American Pancakes, deren bessere Variante er schon in seiner Jugend gerne gegessen hatte, ganz zu schweigen ...

Perihan Leko, die Ortungschefin der BJO BREISKOLL, wusste damit umzugehen. Sie runzelte die Stirn und sah ihn weniger pikiert als spöttisch an.

»Aktive Tastung oder passive Ortung oder die Sensoren insgesamt?«, fragte sie. »Ich bitte um präzise Anweisungen, der Herr.«

Rhodan riss sich zusammen. »Beides«, antwortete er schon freundlicher. »Ich meinte beides. Sensoren also.«

Wo bleibt die KUPFER & GRANIT?, fragte er sich. Was, wenn ich mit meiner Vermutung falschliege, und sie kommt gar nicht?

Leko sah von ihren Instrumenten auf und schüttelte den Kopf. »Keine Sorge, ich habe nichts in der Ortung. Wir sind hier so sicher wie in Abrahams Schoß. In der Tastung sehe ich auch nichts.«

Rhodan runzelte die Stirn. Hatte sein Instinkt ihn wirklich dermaßen getäuscht?

Die Terranerin bemerkte seinen zweifelnden Blick. »Du kannst mir ruhig glauben«, sagte sie leicht pikiert. »Niemand interessiert sich für uns, niemand treibt sich in verdächtiger Nähe herum. Auch von der KUPFER & GRANIT ist nichts zu sehen.«

Perihan kann manchmal ziemlich kratzbürstig sein. Rhodan räusperte sich. »Ich habe nichts gesagt.« Immerhin hatte er sie angeraunzt. Er trug Schuld an der kleinen Verstimmung, nicht sie.

Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, schloss ihn aber wieder, ohne dass ein Ton über ihre Lippen gekommen wäre.

Perry Rhodan war ganz froh darüber.

»Die KUPFER & GRANIT wird kommen«, sagte Harper LeCount, der neben ihm stand. »Khosen wird nicht länger auf Fajem bleiben, als unbedingt nötig ist.«

Der Major des Trojanischen Imperiums wirkte ebenfalls angespannt. Er hatte allen Grund dazu: An Bord der KUPFER & GRANIT befanden sich – unter anderem – stattliche 19 Besatzungsmitglieder seiner ROMEO CHO.

Mit Khosen – so der Name des gharsischen Kommandanten der KUPFER & GRANIT – hatte er so oder so noch ein Hühnchen zu rupfen. Auch LeCounts Sohn Canton war von Khosens Mannschaft entführt worden. Nur dank der jungen Mutantin Shema Ghessow hatte er aus dem Ornamentraumer befreit werden können. Trotzdem hatte Harper LeCount eine Rechnung mit dem »herrlichen Diktator« Khosen offen.

Welchem Vater wäre das anders gegangen? Rhodan konnte Harpers Beweggründe sehr gut nachvollziehen.

Shema hatte auch ihren Freund und Mutantenkollegen Damar Feyerlant gerettet sowie die Tefroderin Lyu-Lemolat, die vorgab, Handelsbeauftragte zu sein Perry Rhodan glaubte ihr das keineswegs; vielmehr stufte er sie als tefrodische Agentin ein, die ihrem geheimen Auftrag nachkam. In einem kurzen Gespräch unter vier Augen hatte Shema ihn darauf hingewiesen, wie manipulativ Lyu-Lemolat sein konnte, wie sehr sie sich darauf verstand, andere in ihrem Sinn zu lenken.

Rhodan wollte mit der BJO BREISKOLL die KUPFER & GRANIT abfangen. Der OXTORNE-Kreuzer hatte – den Worten der Ortungschefin zufolge bestens getarnt – einige Lichtstunden außerhalb des Jaellisystems Position bezogen. Die drei Sonnen des Systems waren Rote Zwerge, die um einen gemeinsamen Mittelpunkt rotierten. Solch eine Anordnung war höchst ungewöhnlich.

Ein einziger Planet kreiste in diesem System, ein Gasriese, der etwas mehr als doppelt so groß war wie Jupiter, und umrundete alle drei Sonnen zugleich auf einer weiten Umlaufbahn. Zu ihm gehörten 75 mehr oder weniger große Monde, von denen Fajem, die Hauptwelt des Systems, mit 7200 Kilometern Durchmesser der größte war. Vermutlich war Fajem ein eingefangener Irrläufer und hätte für sich allein genommen bereits als Planet gezählt.

Dort, wo die BJO BREISKOLL wartete, gab es nichts, keine Asteroiden, die ihren Weg durch die Leere zogen, keine Planetoiden, nicht einmal Staub in ungewöhnlich hoher Konzentration.

Nur Leere.

Für Rhodans Geschmack ausnahmsweise einmal zu viel Leere.

Ende Juni hatte die BJO BREISKOLL das System angeflogen, die Energiesignatur der beiden Tevver-Konverter verändert, sodass das Schiff technisch älter wirkte, und sich als die STATOR-MUTOM ausgegeben. Auf dem Raumhafen Fajems war Rhodan auf ein kugelförmiges Schiff von stolzen 1600 Metern Durchmesser aufmerksam geworden, dessen Hülle zahlreiche Ornamente aufwies – die KUPFER & GRANIT.

Es war ein Raumer der Gharsen, die die BJO BREISKOLL nicht in ihrem Normalzustand gesehen hatten. Diese vage humanoiden, bis zu drei Meter großen Wesen mit zwei Meter langen Beinen hatten sich als knallharte Eroberer erwiesen und kurz nach ihrer Landung erklärt: Sämtliche Territorien, die von ihnen betreten wurden, galten für die Dauer ihrer Anwesenheit als Herrschaftsgebiet und Eigentum. Der Anspruch schloss lebende Objekte ebenso ein wie unbelebte, bewegliche wie unbewegliche Besitztümer.

Khosen hatte sich zum Diktator dieses mobilen Reiches erhoben.

Rhodan hatte sich an seine Anweisungen nicht unbedingt gebunden gefühlt. Nach einigen turbulenten Verwicklungen hatte er mit der BJO BREISKOLL einen fulminanten Notstart hingelegt. Die Gharsen hatten seinem Schiff bis zu dem unautorisierten Start wenig bis keine Aufmerksamkeit geschenkt, nachdem sie an der ROMEO CHO bereits ein Exempel statuiert hatten.

Mittlerweile hatten drei Ornamentraumer den Planeten angeflogen, waren dort gelandet und hatten Diktator Khosens Aufgabe übernommen. Khosen hatte die Erlaubnis erhalten, sich einem lohnenderen Ziel zuzuwenden. Major LeCount vermutete, dass damit seine eigene Heimat gemeint war: das Trojanische Imperium.

Das bedeutete, dass die KUPFER & GRANIT bald starten würde. Genau darauf wartete Rhodan.

Er sah Harper LeCount etwas zweifelnd an.

Der Major nickte nachdrücklich. »Khosen wird sich nicht mit lästigen Verwaltungsarbeiten aufhalten. Die KUPFER & GRANIT wird bald starten. Es gelüstet den herrlichen Diktator nach größeren Erfolgen, größerem Ruhm.«

Rhodan glaubte zumindest, dass LeCount von dem überzeugt war, was er sagte. Er spielte spätestens seit der Befreiung seines Sohnes mit offenen Karten. Oder behauptete es zumindest.

Aber das behaupteten viele.

Nun ja, korrigierte sich der Terraner, bestimmt nicht mit ganz offenen. Er hatte den Eindruck, dass der Major so manches verschwieg. Vielleicht aus gutem Grund, vielleicht nur aus Macht der Gewohnheit.

Irgendwie erinnerte LeCount ihn trotz seiner fast 50 Jahre an eine jüngere, nicht ganz so erfahrene Ausgabe seiner selbst. Nicht, was das Äußere betraf, das ganz und gar nicht. Mit der gedrungenen Gestalt, dem etwas feisten Gesicht und dem Schnäuzer erinnerte er eher an Reginald Bull in einer seiner Phasen, als der unbedingt die körperlichen Unterschiede zwischen seinem besten und ältesten Freund und sich selbst hervorheben wollte.

Aber von der Einstellung her. Wenn Rhodan sich nicht völlig täuschte, waren sie in dieser Hinsicht aus dem gleichen Holz geschnitzt.

»Die KUPFER & GRANIT ist soeben gestartet!«, rief Perihan Leko.

Harper LeCount grinste breit, und sein Sohn, der neben ihm stand, nickte energisch. Es war klar, dass ihm sehr viel daran lag, die Besatzungsmitglieder der ROMEO CHO aus der Gewalt der Gharsen zu befreien. Die verbliebene zwanzigköpfige Besatzung befand sich bereits an Bord der BJO BREISKOLL.

»Wann greifen wir an?«, fragte Canton LeCount.

Rhodan schüttelte bedächtig den Kopf. »Vorerst gar nicht. Deine Besatzungsmitglieder werden sich gedulden müssen.«

Der junge LeCount setzte zu einer Antwort an, doch sein Vater legte ihm eine Hand auf den Unterarm. »Du willst die KUPFER & GRANIT lediglich verfolgen?«

»Unbemerkt. Unsere überlegene Technologie bietet uns die Möglichkeit dazu.«

»Aber wir müssen ...«, brauste LeCount junior nun doch auf. Der Junge war ein Heißsporn, kein Zweifel.

»Das könnte durchaus gewisse Vorteile mit sich bringen«, unterbrach LeCount senior ihn in ruhigem Tonfall.

Der jüngere LeCount schwieg verblüfft.

Erkennt der Ältere ganz einfach an, wer hier das Sagen hat?, fragte sich Rhodan. Oder sieht er tatsächlich die Vorteile, von denen er spricht?

»Der Ornamentraumer legt eine Unbekümmertheit an den Tag, die ganz der Überheblichkeit der Gharsen entspricht«, meldete die Ortungschefin lapidar. »Er scheint keine große Eile zu haben und macht nicht die geringsten Anstalten, sich zu tarnen oder seinen Kurs zu verschleiern.«

Das gab den Ausschlag. Gut für die Terraner, dachte Rhodan. Und für die entführten Trojaner.

»Wir folgen ihm. Tarnung aufrechterhalten. Er darf uns nicht entdecken.«

»Verstanden«, bestätigte Kommandantin Oona Zocalo. »Also dann!«

Harper LeCount räusperte sich. »Der Flug wird geraume Zeit in Anspruch nehmen.«

Rhodan kniff die Augen zusammen. »Worauf willst du hinaus? Du hast mir schon einige Informationen über unser Zielsystem gegeben.«

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Illustration: Swen Papenbrock

»Wir könnten die Zeit auf andere Weise nutzen. Möchtest du die Geschichte des Trojanischen Imperiums erfahren?«

»Unbedingt! Hast du positronische Dateien über die trojanische Geschichte dabei?«

LeCount schüttelte den Kopf.

»Willst du sie mir etwa erzählen?«

»Nicht ich. Wir können auf etwas viel Besseres zurückgreifen. Es gibt jemanden, der dafür weitaus geeigneter ist.«

»Was meinst du?«

»Wir Trojaner sind von Natur aus vorsichtig. Es ist gut möglich, dass solche Dateien und Dossiers in den Archiven gelöscht oder manipuliert werden.«

Rhodan nickte bedächtig. In der Milchstraße war vor gar nicht allzu langer Zeit so etwas in großem Maßstab geschehen. Er hatte die Auswirkungen dieses Posizids selbst kennengelernt.

»Aus diesem Grund haben wir die Historiomimen eingeführt, die ihre Erzählungen zur höchsten Kunst entwickelt haben und überall im Trojanischen Imperium geachtet werden.«

»Und so ein Historiomime befindet sich unter den nicht entführten Besatzungsmitgliedern der ROMEO CHO?«, schloss Rhodan messerscharf.

»Es gibt im Trojanischen Imperium einige Tausend von ihnen. Das sind Menschen, die die Geschichte des Trojanischen Imperiums auswendig kennen. Sie sind dafür besonders ausgebildet. Einer von ihnen ist tatsächlich an Bord. Er heißt Volascou Rosman.«

Rhodan erinnerte sich an ein Buch, das er gelesen hatte, kurz bevor er auf die Kadettenschule der U.S. Air Force gewechselt und Pilot geworden war. Es handelte von einer – damals – zukünftigen Welt, in der Bücher verboten waren und von sogenannten Feuerwehrmännern verbrannt wurden. Der Autor war ein gewisser Ray Bradbury gewesen, und an den Titel konnte er sich noch ziemlich genau erinnern, weil er auf jene Temperatur anspielte, bei der Papier angeblich Feuer fing: Fahrenheit 451.

In diesem Roman hatte es eine Gruppe von Menschen gegeben, die Bücher auswendig gelernt hatten und vollständig rezitieren konnten. Hatten die Trojaner die Idee der Historiomimen diesem Buch entnommen?

Nein, das glaubte er nicht. Homers Ilias und Odyssee waren im alten Griechenland mündlich überliefert worden, das Gleiche galt für große Teile der Bibel. Und es hatte auf Terra auch die afrikanischen Geschichtenerzähler gegeben, die Griots. Im Afrika südlich der Sahara gab es vor der Kolonialzeit keine Schrift. Die Afrikaner hatten deshalb Gedächtniskünstler. Jede Gemeinschaft, jedes Dorf hatte seinen professionellen Erzähler, der nichts anderes zu tun hatte, als Geschichten zu bewahren und zu erzählen.

Er ließ diese Assoziationen wieder fallen. Das spielte nun wirklich keine Rolle. »Darf ich einige Besatzungsmitglieder hinzuziehen?«

»Natürlich.«

»Dann freuen wir uns auf euren Historiomimen, sagen wir: in einer halben Stunde im kleinen Konferenzraum direkt neben der Zentrale?«, sagte Rhodan.

»Wir werden da sein.«

 

*

 

Als Rhodan die Tür zum Konferenzraum öffnen wollte, sah er, dass Lyu-Lemolat um die Ecke des Ganges bog und ebenfalls auf den kleinen Raum zuhielt. Die vielleicht 35 Jahre alte, durchtrainierte Tefroderin mit dem dunklen Haar und ebenso dunklen Brauen und Augen schritt energisch und zielstrebig aus und sah ihn wütend an, als er ihr in den Weg trat.

»Es tut mit leid«, sagte er, »aber du bist bei diesen Berichten nicht erwünscht.«

Ungläubig starrte sie ihn an. Es passierte ihr wohl nicht oft, dass jemand sie zurückwies.

»Und warum nicht?«, fragte die Mitarbeiterin einer tefrodischen Handelsdelegation.

Rhodan betrachtete sie freimütig. »Weil ich dir nicht vertraue.«

Entrüstet reckte sie das Kinn nach vorne. »Ich habe bemerkt, dass ich nicht zu allen Bereichen der BJO BREISKOLL Zutritt habe. Du bist angeblich immer so konziliant. Warum misstraust du ausgerechnet mir?«

»Du verbirgst etwas, und das gefällt mir nicht«, sagte er geradeheraus. »Ich schließe eine spätere Zusammenarbeit nicht aus, nachdem du dich zur vorbehaltlosen Offenheit entschieden hast.«

Entgeistert starrte sie ihn an, öffnete schließlich den Mund, schloss ihn wieder. »Vorbehaltlos?«, sagte sie, drehte sich um und ging davon.

Rhodan lächelte schwach, öffnete die Tür und trat ein.

Der Historiomime Volascou Rosman war bereits anwesend, saß seitlich versetzt am Kopfende des Raumes entspannt auf einem Sessel, ein Glas Wein auf einem Tischchen neben sich. So hatte er Platz um sich herum, Luft zum Atmen. Nichts an ihm erinnerte an einen Märchenonkel: Er war vielleicht 100 Jahre alt, schlank, sportlich, fast asketisch. Sein Gesicht war scharf geschnitten, das braune Haar zu einer kurzen Bürstenfrisur geschoren.

Er bemerkte, dass Rhodan den Raum betrat, und nickte ihm kurz zu.

Natürlich kennt er mich, dachte der Terraner, oder hat zumindest von mir gehört.

Er setzte sich. Die Kommandantin hielt die Stellung in der Zentrale, doch in der ersten Reihe saßen zahlreiche Führungsoffiziere, darunter Blaise Carrera, der Kommandant des Raumlandebataillons, die ferronische Chefmedikerin Vahma Spoúr und die Xenotechnik-Analystin Karin Kafka, die ihm einen Platz freigehalten hatte.

Rosman begann mit seiner Erzählung. »Als am 2. Juli 2402 der präparierte Asteroid Troja im Rahmen des Unternehmens Brückenkopf Andro-Beta durch den Schrotschuss-Transmitter ins Andro-Beta-Dreieck geschleust wurde ...«

Rhodan hatte sich vorgenommen, der Erzählung so distanziert wie möglich zu lauschen, einen kritischen Abstand zu wahren, doch Rosman sprach sonor und lebhaft, eindringlich und mitreißend, verlieh den historischen Personen Stimme, Ausdruck und Gesicht. Schon bald war der Terraner gebannt und fasziniert.

Die Geschichte des Geheimsatelliten Troja hatte Rhodan selbst erlebt, aber es lag lange zurück.

Je länger er lauschte, desto mehr Einzelheiten fielen ihm wieder ein. Zumindest aus der Anfangszeit Trojas, bevor der Satellit aus seinem Blickfeld verschwunden war und seine eigene Geschichte geschrieben hatte ...

2.

Die Trojanischen Annalen

2402 – 2407 n. Chr.

 

Und es begab sich, dass Major Fracer Whooley durch das große Sichtfenster hinaus in den intergalaktischen Leerraum schaute. Er sah Dunkelheit, aber er wusste, da war mehr.

Das System der Verlorenen!

Und da waren ...

... zehn Superschlachtschiffe, fliegende Festungen von jeweils 1500 Metern Durchmesser, die Troja zur Transmitterzone der Schrotschuss-Sonnen schleppten. Einen würfelförmigen, ausgehöhlten Asteroiden von 38 Kilometern Kantenlänge!

... 300 Schwere und Leichte Kreuzer, die zur Tarnung weitere kosmische Trümmerstücke beförderten, die gleichzeitig mit Troja im Andro-Beta-Transmitter materialisieren würden. Das würde auf der anderen Seite des Sonnentransmitters nicht weiter auffallen. Immer wieder wurden Bruchstücke des 1000 Jahre zuvor zerstörten Planeten Kulloch von dem Transmitter abgestrahlt.

Major Whooley konnte es kaum erwarten, dass endlich die gewaltigen Triebwerke gezündet wurden, die die Techniker ins Heck des Planetoiden eingebaut hatten, dass sie donnernd ihren Betrieb aufnahmen und dem Geheimsatelliten Troja ermöglichten, sich aus eigener Kraft zu bewegen. Unwillkürlich empfand er Bewunderung für die Ingenieure, die diese Leistung vollbracht hatten.

Aber auch für die zwanzigköpfige Besatzung, die es schaffen würde, das riesige Ungetüm zu manövrieren. Zwar nur quälend langsam, denn es galt, eine unglaubliche Masse zu bewegen, aber immerhin! Davon war er überzeugt.

Scheitern war ein Fremdwort für seine Leute.

Der Major richtete den Blick auf die Monitoren. Auf ihnen wurde der Schrotschuss-Transmitter langsam größer. Troja näherte sich ihm mit mäßiger, aber gleichbleibender Geschwindigkeit. Die beiden Roten Riesen des Sonnentransmitters waren von hoch überlegenen Wesen künstlich so angeordnet worden, dass sie nun nur noch zwei Millionen Kilometer voneinander entfernt standen.

Die Gegenstation in Andro-Beta bestand aus drei Sonnen, die die Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks bildeten. Die Verbindung durch diese beiden Transmitter stellte den kürzesten Weg dar, um nach Andromeda vorzustoßen, und diesen Weg würde Troja nehmen. An diesem 2. Juli 2402 n. Chr. wurde Geschichte geschrieben!

Der Geheimsatellit würde in der Nachbargalaxis aus eigener Kraft auf Sicht manövrieren können, mithilfe der Peilbrücke am Bug, die 300 Meter weit über den Rand des Planetoiden hinausragte und in einer Ruinenstadt errichtet worden war, der Überrest einer sechsspurigen, freitragenden Brücke, die bei der Zerstörung des Planeten aus ihren Fundamenten gerissen worden war.

Nur noch wenige Sekunden!, dachte der Major.

Das Lodern der Sonnen nahm mittlerweile sein gesamtes Blickfeld ein. Der Sprung durch den Schrotschuss-Transmitter nach Andro-Beta stand unmittelbar bevor. Nichts würde ihn verhindern.

Aber nicht nur der Satellit selbst würde die Nachbargalaxis erreichen, auch die sechs Raumschiffe, die sich in seinem Inneren verbargen: Perry Rhodans Flaggschiff, die CREST II unter dem Kommando von Oberst Cart Rudo, die THORA I, die ALARICH, die NAPOLEON, die ANDROTEST III und Atlans Flaggschiff, die IMPERATOR unter Oberst Heske Alurin. Es waren nur sechs Schiffe, doch mit ihnen würden sich die Machtverhältnisse in der Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis Andro-Beta vielleicht ein wenig verändern lassen.

Es war so weit. Troja flog in die Transmitterzone ein.

Und über Major Whooley brach der Weltuntergang herein.

Zumindest hatte er diesen Eindruck.

Sein menschlicher Geist war letzten Endes überfordert, bekam gar nicht mit, was genau geschah. Ein Sprung von einer Galaxis in eine andere, aus dem Vorfeld der Milchstraße nach Andromeda! Dauerte die Reise eine Ewigkeit, oder ging sie in Nullzeit vonstatten? Erlebte er den Sprung bewusst auch nur ansatzweise, oder blendete sein Verstand ihn aus?

Er spürte einen unglaublichen Entzerrungsschmerz und dann ... nichts mehr?

Der Schmerz ließ nach, während Troja nach der Rematerialisation mit zehn Millionen Kilometern pro Stunde durch Andro-Beta raste.

 

*

 

Und es begab sich, dass Major Fracer Whooley viel, viel später dachte: Wie trügerisch Erinnerungen doch sind! Manche Dinge vergisst man, kaum dass sie sich ereignet haben, und manche bleiben einem im Gedächtnis haften.

Die außergewöhnlichen, die fremdartigen, die unbekannten.

Andro-Beta war zweifellos eine Zwerggalaxis der außergewöhnlichen, der fremdartigen, der unbekannten Erscheinungen.

Manche Einzelheiten würde Major Whooley nicht vergessen, solange er lebte.

Etwa die vorbeifliegenden Schiffe der Twonoser, der vorherrschenden intelligenten Spezies in Andro-Beta, die auf Troja landeten und den Satelliten inspizierten. Wenn Whooley sich konzentrierte, glaubte er, die gestreckten Eier von 600 Metern Länge mit den beiden Stabilisierungsflossen am Heck deutlich vor sich zu sehen. Genau wie die fremdartigen Besatzungsmitglieder, die das Schiff schließlich verließen.

Da er nicht wusste, ob die rüsselbewehrten Humanoiden mit den dünnen Ärmchen einen konkreten Verdacht geschöpft oder lediglich routinemäßig auf dem Asteroiden aufgesetzt hatten, um einfach mal nach dem Rechten zu sehen, hielt er eine Ablenkung für angebracht und ließ sieben Roboter der Maahks am Fuß der Peilbrücke sinnlose Tätigkeiten ausführen. Die Twonoser ließen sich täuschen, verloren das Interesse an dem Geheimsatelliten und zogen nach einer Weile unverrichteter Dinge wieder ab.

Nie vergessen würde er auch den Moby, ein 14.000 Kilometer durchmessendes und um die 5000 Kilometer dickes Wesen, eine von vielen dieser planetengroßen kristallinen Lebensformen, die langsam durch Andro-Beta trieben. Schon wenige Stunden nach der Materialisation im Sonnentransmitter näherte er sich Troja. Whooley befahl Ausweichmanöver, die aber scheiterten, und schließlich den Einsatz der schweren Abwehrforts, die das Feuer auf das Wesen eröffneten. Dennoch nahm der Moby den Satelliten durch seine dunkelrot leuchtende Rachenöffnung, die den gesamten Vorderkörper umspannte, in sich auf und beschleunigte dann.

Doch der Moby, in dem Troja nun gefangen war, war infolge des Wirkens eines sogenannten Bioparasiten fast völlig abgestorben. Rhodan verbündete sich mit dem intelligenten, aus Milliarden von Zellkolonien bestehenden Parasiten. So gelang es seinen Leuten, die Instinktgehirne des Mobys zu vernichten. Danach befreiten sie Troja, indem sie eine Öffnung in die Decke der Magenhalle des Mobys sprengten.

Er erinnerte sich genau an die interne Krise, zu der es wenig später kam. Perry Rhodan ging an Bord seines Flaggschiffs, der CREST II, und verließ gemeinsam mit der ANDROTEST III den Geheimsatelliten. Die anderen Schiffe blieben auf seinen Befehl zurück, sicher in den unterirdischen Anlagen verborgen.