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Cover

Karte der Milchstraße

Karte der Andromeda-Galaxis

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog

1. Regen

2. Die Kluft

3. Stimmen hören

4. Funkstörungen

5. Impakt

6. Fast ein Wrack

7. Sirenenmeer

8. Die drei Kunden

9. Puzzle

10. Flucht

Epilog: Entscheidungen, Abschiede, Aufbruch

Willkommen in einer neuen Zeit!

Die Milchstraße im Jahr 2071 NGZ – Sternenvölker und Sternenreiche

Die RAS TSCHUBAI – ein ganz besonderes Raumschiff

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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Nr. 3100

 

Sternenruf

 

Die Kluft im Leerraum bringt das Chaos

 

Christian Montillon

Wim Vandemaan

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung, in der Mitte des sechsten Jahrtausends unserer Zeit: Nach einer langen Phase der Unruhe und des Wandels herrscht nun seit beinahe einem Vierteljahrhundert in der Milchstraße eine Zeit des Friedens und der Stabilität. Die Zivilisationen wachsen zusammen, treiben Handel und pflegen einen intensiven Austausch. Es scheint, als könnte Perry Rhodans alter Traum von Partnerschaft und Frieden zwischen den Völkern der Galaxis Wirklichkeit werden.

Die ermutigende Entwicklung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Milchstraße ihren Mentor verloren hat: die Superintelligenz ES. Seitdem ist es an den Menschen, Arkoniden, Blues und all den anderen Völkern, ihre Freiheit aus eigener Kraft zu wahren und zu verteidigen. Wachsamkeit bleibt also das Gebot der Stunde.

Daher bleibt nicht unbemerkt, wenn sich Unerklärliches ereignet. Und genau das geschieht auf der Erde, in der Nachbargalaxis Andromeda und im bislang eher wenig bekannten Tannhäusersystem. Offenbar agiert eine noch unbekannte Macht in der ehemaligen Mächtigkeitsballung von ES. Und sie sendet den STERNENRUF ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Reginald Bull – Der Resident hört den Sternenruf.

Perry Rhodan – Der Terraner erhält ein neues Amt und einen Auftrag.

Gucky – Der Mausbiber verzeichnet einen Beinahe-Erfolg.

Anzu Gotjian – Eine junge Frau verfeinert ihre Gaben.

Dass die Milchstraße im Jahr 2047 NGZ, als das Ende der Cairanischen Epoche eintrat, nicht ins Chaos stürzte, war nicht zuletzt den umsichtigen Entscheidungen der politisch Verantwortlichen fast aller Sternenreiche zu verdanken. Nach dem falschen Frieden der vorangegangenen Jahrhunderte sehnten sich die Bewohner der großen wie kleinen Völker nach echter Verständigung, nach freiem Austausch und Zusammenarbeit.

Die Lemurische Allianz – bestehend aus der Liga Freier Galaktiker, der Akonischen Räterepublik und dem Tamanium der Tefroder – erwies sich als zuverlässige Grundlage für diesen Prozess. Bereits im Jahr 2069 NGZ wurde die Kristallrepublik der Arkoniden ein assoziiertes Mitglied dieser Allianz. Dazu kam das erweiterte Konkordat, mit dem sich die Union positronisch-biologischer Kulturen der Allianz auf Gegenseitigkeit verpflichtete.

Es schadete auch nicht, dass sich die Haluter, diese zahlenmäßig kleine Kultur, zu verlässlichen Freunden der Liga Freier Galaktiker und der Lemurischen Allianz erklärten. Auch die Cheborparner und Topsider behielten nicht nur, sondern intensivierten ihre guten Beziehungen zur Liga.

In der Eastside der Galaxis verfolgte die Allianz die erfreuliche Konsolidierung der Jülziish-Staaten zur sogenannten Herrlichkeit von Gatas.

Die Handelsföderationen der Barniter, der Mehandor, der Neuen Freifahrer und der vor allem in der Eastside operierenden Jül-Partikuliere konkurrierten zunächst weiterhin untereinander, fanden aber im Jahr 2064 NGZ im Gemeinsamen Nenner von Olymp zu einer für alle Beteiligten gedeihlichen Übereinkunft.

Kurz gesagt: Immer mehr verständigten und verbündeten sich die Sternenreiche der Milchstraße. Es folgten Jahre eines erstaunlich schnellen, umfangreichen und kooperativen Aufbaus, eine Blütezeit, die in der galaktischen Geschichte ihresgleichen sucht.

Spätere Generationen sollten fragen: Hatte es damals keine Vorzeichen gegeben? Hätten die Galaktiker, zufrieden mit dem Frieden, solche Vorzeichen überhaupt sehen und als solche erkennen können?

War man von den schnellen Erfolgen vielfältiger Aufbauarbeiten und Vorhaben geblendet oder wenigstens abgelenkt? Hatte man womöglich deswegen Ereignisse für Randerscheinungen gehalten, die tatsächlich über die Zukunft der Milchstraße entscheiden konnten?

Hätte man den Blick von den Projekten, die allesamt den Frieden, die Freiheit und den Wohlstand aller Bewohner der Milchstraße sichern sollten, abwenden sollen? Hätte man stattdessen den Blick auf jene kleine, nicht allzu ferne und dennoch in der Milchstraße fast unbekannte Satellitengalaxis vor Andromeda richten sollen?

Vielleicht waren die Vorzeichen, die unsere Milchstraße in die kosmischen Ereignisse jener Epoche reißen sollten, wirklich nicht erkennbar. Wie wollte man gegen das Unvoraussagbare Vorkehrungen treffen? Wie könnte man mit dem Unberechenbaren rechnen?

Wir Späteren sollten jener Akteure mit Nachsicht gedenken.

Immerhin dürfen wir sagen: Was sie taten, hat am Ende eine Zukunft gerettet, die unsere Gegenwart werden sollte.

Dass wir Heutige leben und dass wir so, auf diese, unsere Weise leben können, verdanken wir auch ihnen.

(aus: Hoschpians unautorisierte Chronik

des dritten Jahrtausends NGZ)

 

 

Prolog

 

»Sie sind fast da!« Apehei sah sich um, die Falthäute hatte sie um den Körper gelegt. Ihre Stimme zitterte. »Wir hätten es nicht tun dürfen! Wie konnten wir nur auf die Idee kommen?«

»Wir werden überleben«, unterbrach Hori. »Chaogator! Hast du ...«

»Ich habe«, sagte Hookadar. Er stand vor den beiden Frauen, die vier Arme erhoben. »Alles ist bereit.«

»Ich höre sie.« Apehei zog die Falthäute zurück. Ihre einzige Chance bestand in den Vorbereitungen. Versagten diese, waren sie tot. Mit einem Mal fühlte sie Entschlossenheit. Die Entscheidung war längst gefallen – sie konnten nichts mehr ändern. Das Zittern verschwand aus ihrer Stimme, als sie sagte: »Es wird gelingen.«

»Es wird gelingen«, wiederholte Hori. »Vergesst nicht, wer ich war und wozu ich an Bord fähig bin. Ich habe alle Weichen gestellt.«

Dann stürmten die Laichkangen die Ebene. Sie trugen Waffen, aber das Schlimmste war die Dunkelheit, die sie mit sich brachten.

Noch 100 Meter.

50.

»Jetzt!«, sagte der Chaogator.

Um die drei Flüchtenden schlossen sich Schutzanzüge, eine flirrende Energiekuppel baute sich auf. Die Ebene explodierte in einem Feuerball. Flammen und Rauch füllten die Welt. Ein Gesteinsbrocken schmetterte in den Schirm und zerschmolz.

Zwei Laichkangen rasten heran, mitten aus dem Zentrum des Infernos. Sie trugen geschlossene Kampfmonturen, um die ihre Schutzschirme flirrten. Ihnen folgten mit großer Wahrscheinlichkeit weitere, zweifellos waren darüber hinaus Roboter im Anmarsch. Es blieb nicht viel Zeit. Die Detonation hatte die Reihen der Angreifer ausgedünnt. Für einige Sekunden, im Idealfall Minuten, würden Verwirrung und Desorientierung herrschen ... aber es war keineswegs überstanden.

»Wir verlassen FENERIK«, sagte Hori.

Die Energiekuppel verpuffte, und die drei Flüchtigen rasten in ihren Raumanzügen senkrecht nach oben.

Sie ließen eine Bombe zurück, die nach fünf Sekunden detonierte. Der Raum bebte unter hyperdimensionalen Stoßwellen. Von den beiden Laichkangen blieb nichts.

Apehei und ihre Begleiter flogen weiter. Dieser Bereich FENERIKS war weitgehend zerstört. Die Reparaturen starteten automatisch, vom Horizont wälzten sich bereits Maschinen heran.

Mittlerweile hielt Hori das Aggregat in den Händen, ohne das ihre Flucht zum Scheitern verurteilt wäre. Sie entfaltete ein kleines Stück aus der Röhre des Treibers. Die geometrischen Muster der hauchdünnen Folie waberten.

Die Zerstörung und jeder etwaige Verfolger schwanden aus ihrer Sicht. Ein Erfolg, zweifellos – aber dies war nur der Anfang gewesen.

Niemand verriet FENERIK straflos. Seine Herren vergaben nie.

Seine Aufgabe war zu wichtig, und nun, nach der Katastrophe, noch viel mehr. FENERIK würde nicht zögern, seine Meute in Marsch zu setzen. Erst recht nicht in diesem beispiellosen Fall.

Apehei sah hinab, ein letztes Mal. Die Dunkelheit war nicht verschwunden. Das Flammenlicht der Explosion hatte sie nicht vertrieben, sondern sie im Gegenteil intensiviert, tiefer und düsterer werden lassen. Die Schwärze bewegte sich. Sie tastete sich voran. Sie witterte.

Aber auch sie blieb unter den Flüchtlingen zurück.

Der Treiber entfaltete seine Wirkung, und die drei Deserteure verließen FENERIKS Gefilde.

 

*

 

Erst als die drei auf ihrem labyrinthischen Irrweg des Entkommens einen planetaren Trabanten erreichten – einen leblosen, tristen Felsklotz im All –, hielten sie inne, um einerseits Rückschau zu halten und andererseits über das zu sprechen, was vor ihnen lag.

Sie hofften, dass keine Spur blieb, der ihre Jäger folgen konnten. Aber sie wussten, dass ihre Flucht längst nicht abgeschlossen war. Vielleicht würde sie nie enden; womöglich war das der Preis, den sie zahlen mussten.

Hinter ihnen, scheinbar zum Greifen nah, ging der Planet auf, den der Trabant umkreiste – ein gigantischer Ball aus rotgelben Schlieren, von der fernen Sonne angeleuchtet. Hookadar zeichnete sich als Scherenschnitt davor ab.

»Werden sie uns die Schuld geben?«, fragte Apehei. Sie drehte sich um, leuchtete Hori an.

Hinter der Sichtscheibe ihres geschlossenen Raumhelms glänzte die metallisch-goldene Gesichtshaut im künstlichen Licht. »Woran?«

»An der Katastrophe.«

»Lächerlich!«, wandte Hookadar ein. Die Stimme des Chaogators dröhnte über den Funk. »Wie hätten wir drei so etwas ...«

»Wir sind geflohen«, fiel Apehei ihm ins Wort. »Könnte man das nicht als Beweis sehen?«

»Nicht, wenn man nachdenkt! Wir hätten FENERIK niemals ...«

»Noch einmal: Wir sind geflohen! Und das ist beispiellos.«

Sie schwiegen eine Weile und sahen in die Ferne. Der Planet stieg erstaunlich schnell höher; sein Mond umkreiste ihn rasch. Lohnte es sich, ihnen Namen zu geben? – Wohl kaum. Sie waren für die drei ephemere Stationen eines dunklen Weges.

»Bist du dir sicher?«, fragte Hori schließlich. »Ist wirklich vor uns keiner jemals diesen Weg gegangen? In all den Äonen?«

Niemand antwortete darauf. Wie auch? Keiner der drei kannte die Geschichte des Chaoporters lückenlos. Und selbst wenn – wer wusste schon, welche Teile davon in der Historie gefälscht worden waren? Was den Lauf von Universen beeinflusste, blieb nicht unbehelligt.

Wieder ergriff Apehei zuerst das Wort. »Was glaubt ihr, wird geschehen? Mit FENERIK?«

»Die Katastrophe wird eine ganze Galaxis verändern«, sagte der Chaogator. »Mindestens.«

»Und wir?«, fragte Hori bange.

»Wir suchen unsere Zukunft.«

 

*

Was ungesagt bleibt

 

Er steht unter einem blauen Himmel und trägt seltsam aufwendige Kleidung wie ein Potentat aus fernem Land. Strahlend blau ist der Himmel, wie an einem flirrend heißen Sommertag, und gleichzeitig sieht er Sterne dahinter. Ihm wird, als zöge jemand einen Schleier vor die Wirklichkeit.

Aber was ist wirklich?

Ist es die Stimme?

Sie ... ruft. Nach ihm?

Er weiß es nicht, aber er antwortet. Nein. Nicht er. Oder nicht ganz.

Sein Herzschlag wummert, vollkommen ohne Rhythmus, aber laut, laut, schmerzhaft laut ...

Er blickt sich um: Die Silhouetten einer Stadt, die er kennt, die er aber nicht erkennt.

Wo ist er?

Wieder der Blick zum Himmel, denn von dort kommt die Stimme.

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Illustration: Dirk Schulz

Wenn er sie nur verstünde!

Dann sieht er sie: Feine schwarze Adern kriechen über den erbarmungslos blauen Himmel, sie nähern sich von dort, wo er aufhört zu sehen, und gleiten, immer größer werdend, ins Zentrum seines Blickfeldes.

Wie gigantische, dürre, dicke, schwarze Finger.

Kann etwas zugleich dick und dürr sein?

Und die Sterne ... erlöschen.

Reginald Bull erwacht. Seine rechte Hand gleitet dorthin, wo sein Zellaktivator sitzt.

Ist es jetzt so weit?

1.

Regen

28. Mai 2071 NGZ

 

Es regnete den dritten Tag in Folge. Die Wetterkontrolle für Terrania City sah allem Anschein nach keinen Grund, korrigierend einzugreifen. Was Perry Rhodan recht war. Er mochte Regen.

Die Wolken, grau und eigenartig geformt wie gewaltige Zinnklumpen, die man geschmolzen und dann in Eiswasser gegossen hatte, hingen schwer über Terrania City.

Die höheren Stockwerke der Wohntürme verschwanden im Gewölk; Wolkenreiter glitten wie buntes Konfetti über die Wolken, Wellenreitern ähnlich. Die sensiblen Unterseiten der Antigravbretter konnten so eingestellt werden, dass sie auf die feinsten Dichteunterschiede im Wasserdampf reagierten und die Konturen der Wolken abfuhren wie Surfer die Wellenwände.

Gelegentlich tauchte ein Raumschiff aus den höheren Wolkenschichten herab. Die Schiffe flogen lautlos. Ihre Rechner konfigurierten die Schutzschirme so, dass sie die kugelförmigen Leiber mit idealen aerodynamischen Hüllen umgaben, die jede Turbulenz minimierten. Nur ein sehr aufmerksamer Hörer hätte eine Art fernes Wehen vernommen – und selbst das wurde vom Rauschen des Regens derzeit verschluckt.

Immerhin: Einmal im Jahr, am Sternentag – ein Begriff, der sich irgendwann eingebürgert hatte und inzwischen auch offiziell verwendet wurde –, starteten die Raumschiffe für einige Stunden ohne solche Vorsicht; die energetischen Lärmschutzwälle wurden heruntergefahren, die Schiffe desaktvierten die Antigravfelder und stiegen nicht wie schwerelose Erscheinungen auf, sondern getrieben von den tosenden Impulstriebwerken, urweltliche Riesentiere aus Metall, die nach den Sternen schrien.

Wie in alten Zeiten, dachte Perry Rhodan.

Nach zwei Kreuzern der PLOPHOS- und der OXTORNE-Klasse sank nun ein PATOMAN-Kugelraumer Richtung Raumhafen, vom Regenvorhang verschleiert, wie ein verirrter Planet.

Auch das Flaggschiff der Liga Freier Galaktiker, die THORA, war ein solcher Gigant, ein Trägerschiff von 2200 Metern Durchmesser, das eine ganze Flottille von schlagkräftigen Beibooten mit sich führte und alles verkörperte, was die terranische Raumfahrttechnik an Antriebs- und Waffentechnologie zu bieten hatte.

Zumindest fast alles. Noch immer war die RAS TSCHUBAI das einzige Raumschiff der Menschheit, das mit sonst unerreichten Geschwindigkeiten im intergalaktischen Leerraum operieren konnte.

Rhodan dachte an das Schiff und dessen Erste Pilotin. Farye Sepheroas herausragende Begabung hatte in den vergangenen 20 Jahren einen weiteren Schub erfahren, dessen Ursache den Wissenschaftlern noch immer weitgehend unerklärlich war. Es war, als wären Rhodans Enkelin Farye und die Semitronik ANANSI zu einer einzigartigen Einheit zusammengewachsen.

Perry Rhodan hatte die Hände zusammengefaltet und das Kinn auf die Fingerspitzen gestützt. Er trug eine dunkelblaue Kombination, schmucklos und von einem Schneider gefertigt, wie man sie in der Straße der Herrenschneider von Terrania City fand.

Er sah aus dem Panoramafenster seines Büros in der Solaren Residenz hoch über der Stadt. Hin und wieder sorgten die Aufwinde dafür, dass die Regentropfen an dem Glassit nach oben rannen. Das Fenster war auf akustische Durchlässigkeit geschaltet; das Geräusch von Regen hatte Rhodan von klein auf gemocht, dieses immer gleiche, immer andere Hörspiel der Natur.

Der Regen wurde dichter, die Stadt schemenhafter. Der Anblick hatte etwas Märchenhaftes. Von den Wolkenreitern war fast nichts mehr zu sehen, nur vereinzelt blitzten die Positionslichter ihrer Antigravbretter auf.

»Liga-Kommissar? Ist es gestattet?«

Die Stimme seines Adjutanten klang tief und angenehm wie immer. Rhodan stand auf und gab der Tür einen Wink; sie öffnete sich.

Antonu May trat ein. Der Umweltangepasste von der Hochschwerkraftwelt Goppner setzte seine Schritte bedächtig, als würden sie anderenfalls die gesamte Residenz erschüttern. Eineinhalb Meter groß und ebenso breit, war May eine beeindruckende Erscheinung. Seine Augen lagen tief, aber schimmerten in einem eigentümlich hellen Grün, die flammend roten Barthaare, ja sogar einzelne Büschel seiner mächtigen Brauen waren zu kunstvollen Zöpfen geflochten. Eine Haube aus durchsichtigem, künstlichem Rubin bedeckte seinen kahlen Schädel; silbrige Schriftzeichen wiesen seine Clanzugehörigkeit aus und listeten die Sonnen auf, unter denen er geschlafen hatte und aufgewacht war.

»Die RAS TSCHUBAI hat sich zurückgemeldet«, sagte May. »Die meisten Irritationen im Betrieb des Geisterschiffs sind behoben.«

Perry Rhodan musste grinsen. Geisterschiff war nicht die exakte Typenbezeichnung für die RIBALD CORELLO, aber viele Leute nannten das geheime Raumschiff so.

»Es gab nur ein Emissionsleck im Mikrosekundenbereich«, ergänzte May. »Wären die Sonden nicht auf gewisse Frequenzbereiche programmiert gewesen, wäre die Emission mit großer Wahrscheinlichkeit unentdeckt geblieben.«

»Was meint Asta Goldman?«

»Die Chefingenieurin spricht von einer absoluten Katastrophe. Wahlweise von einem furiosen Desaster. Du kennst sie ja. Sie ist zerknirscht.«

»Das klingt ermutigend.« Rhodan kannte die Ingenieurin gut, er empfand sie als leidenschaftliche Schwarzseherin. Ein Tag ohne Weltuntergang war für sie ein verlorener Tag. Andererseits schätzte Rhodan ihre Akribie.

Die RIBALD CORELLO war in vielen Aspekten ihr Kind, ihre Kopfgeburt. Es handelte sich um ein Schiff, wie es die Liga-Flotte noch nie gesehen hatte. Oder würde es sein, sobald es offiziell im Dienst war.

May hüstelte. Es klang wie fernes Donnergrollen. Vielleicht war es sogar fernes Donnergrollen, überlegte Rhodan. Schließlich regnete es immer noch, und über dem Altai hatte es zu blitzen begonnen. Der höchste Gipfel, der Ich Bogd Uul, ragte beinahe 4000 Meter auf.

»Einen gewissen Hang zum Pessimismus kann man ihr nicht absprechen«, räumte auch der Assistent ein. »Hoffentlich ist es nichts Ansteckendes.«

»Meinst du Goldmans Pessimismus –oder das Emissionsleck?«

May wechselte das Thema. »Der Resident hat gebeten, ihm einen Termin zu geben.«

»Der Resident?« Rhodan war ehrlich überrascht. Reginald Bull war vor zwei Wochen nach M 13 aufgebrochen. Wichtige Regierungsgeschäfte – man erwartete bei den Arkoniden die Ankunft des zukünftigen Arkon III.

Soweit Rhodan wusste, wollte Bull noch eine Weile bleiben. Jesper Pan, sein neuer Stellvertreter, hatte auch nichts anderes gesagt. Wieso war Bull bereits wieder im Lande?

»Wann möchte Reginald mit mir sprechen?«, fragte Rhodan. Und verkniff sich zu fragen: Warum geht er über dich – statt sich direkt bei mir zu melden?

May schien die unterdrückte Frage gehört zu haben. »Es sei nicht allzu dringend. Vermutlich. Grüße von Atlan. Er weiß, dass du viel zu tun hast.«

»Ich habe immer Zeit für ihn.«

May sah aus, als ob er seine Worte überlegen müsste. »Bull sah besorgt aus.«

»Besorgt? Worüber?«

May hob ratlos die Hände. »Er hat mich vor drei Stunden angerufen, vor dem Regen. Ich solle dich nicht drängen.«

»Ist er in der Residenz?«

May schüttelte den Kopf. »Er wartet in seinem Haus.«

»Er möchte nicht in die Stahlorchidee kommen?«

»Soll ich ihn fragen und es ihm vorschlagen?«

Rhodan wehrte ab. »Ich gehe zu ihm.«

»Du gehst?« May sah in den Regen hinaus, der nun so dicht fiel, dass einem dort, hinter dem Glassit, war, als säße man in einer Flasche aus grünem Glas.

 

*

Warten

 

Seine Eltern haben ihn Atlan genannt. Er ist erst 19 Jahre alt und trägt die Hypothek dieses Namens.

Atlan ist eine Lichtgestalt seines Volkes, jedenfalls für nicht allzu wenige. Und er? Was wird aus ihm werden?

Er kennt nichts außer dem Frieden, dabei erzählen seine Lehrer immer wieder von vergangenen Kriegen. Sein Vorstellungsvermögen reicht nicht, sich all die schrecklichen Dinge vorzustellen, die sich die Alten erzählen, als hätten sie alle selbst durchlebt.

Frieden, Wohlstand, Glück. Das wurde seiner Generation beschert, und er sieht keinen Grund, dass sich das jemals ändern sollte.

In diesem Moment schaut er abwechselnd zum Himmel und zu der riesigen Holoprojektion. Er und Tausende andere. Sie alle warten gemeinsam, sind gespannt auf das, was kommen wird. Die meisten sind jung, so wie er und wie sein Freund Nasdraal.

Sie kennen das Sonnensystem, das ihrer beider Völker Wiege ist, nicht anders, aber sie haben gehört, dass es einst ein kosmisches Wunder war und wieder werden wird.

Sie warten auf die lange fehlende Welt im Reigen der Drei Planeten. Bald ist Tiga Ranton wieder vollständig. Damit wird die Heilung all der alten Wunden abgeschlossen sein.

Die Zukunft steht ihnen offen.

2.

Die Kluft

 

In der Stunde, ehe der Weltraum aufriss, fühlte sich Anzu Gotjian wohl.

Es gab schließlich keinerlei Grund, sich zu beschweren. Ihr neues Leben im Tannhäusersystem war spannend. Sie lernte immer besser, mit ihrer eigenartigen Paragabe umzugehen, und sie genoss die gelegentlichen Hyperfunkgespräche mit Gucky, der ihr nicht nur ein guter Lehrer war, sondern den sie schlicht und einfach mochte. Und mal ehrlich – den Mausbiber musste man lieben!

Weil sie an ihn dachte, rief sie die Aufzeichnung ihres letzten Gesprächs auf, das schon wieder zwei Wochen zurücklag. Sie ließ die Kabinenpositronik das kleine Holo unter die Decke projizieren, sodass sie bequem in der Wanne mit warmem Wasser liegen bleiben konnte, den Kopf in den Nacken gelegt. Dieser Extrawunsch für die Ausstattung ihres Quartiers war jeden bürokratischen Ärger vor der Genehmigung wert gewesen. Ein heißes Bad war immer noch das Beste für verspannte Muskulatur.

Aus der Aufnahme grinste Gucky sie an, was bei ihm bedeutete, dass er seinen Nagezahn umso deutlicher präsentierte. »Anzu«, sagte er und dehnte dabei das u auf eine Art und Weise, wie es sonst niemand tat, »es ist wirklich unfair! Du lässt es dir gut gehen, ziehst um, erlebst spannende Sachen, und ich ...«

»Ach, du Armer!«, hörte Anzu ihre eigene Stimme – da es sich um die optische Aufzeichnung ihres Hyperfunkgeprächs handelte, zeigte das Bild nur ihren Gesprächspartner, den Mausbiber. »Du musst dir die Sonne auf den Pelz brennen lassen.«

»Och.« Gucky strich sich über das Fell der rechten Schulter. Es schimmerte rotbraun in der strahlenden Helligkeit. Im Hintergrund toste das Rauschen von Wellen. Leider stand die Aufnahmeoptik so, dass hinter Guckys Kopf und Oberkörper nur das Blau des Himmels zu sehen war. »Ich bin gerade auf einer der Inseln von Neu-Atlantis und muss zugeben, es ist nett. Aber nicht immer. Vorhin hat es geregnet, und das ...«

»Und ich«, sagte Damals-Anzu, »gäbe etwas dafür, durch einen schönen Regenguss auf einer idyllischen terranischen Insel zu spazieren! Stattdessen hocke ich am Raumhafen, weil sich der Start verzögert. Es gibt irgendeinen Defekt an der TANNHÄUSER, und bis die Ingenieure fündig werden, kann es noch Tage dauern!«

»Soll ich dich abholen?«

»Was?«

Gucky tippte sich an die Fellohren. »Ob ich dich abholen soll«, wiederholte er überdeutlich und gedehnt, aber in einem so freundlichen Tonfall, dass sie ihm am liebsten durchs Fell kraulen würde. »Können wir machen«, meinte er. »Teleportation, zack, ich kann in einer Minute bei dir sein.«

»Schön wär's. Leider irrst du dich. Kannst du nicht.«

»Typisch Anzu. Glaubst, mir sagen zu müssen, was ich kann und was nicht.«